GOETHES ERBEN - Schattendenken


Erstveröffentlichung: CD

oder “Wer weiß noch, wie Jasmintee schmeckt?“

Die Anhänger der deutschen Kultformation Goethes Erben und ihres charismatischen Querkopfsängers Oswald Henke werden zur Zeit auf eine wirklich harte Probe gestellt:

Hatten Fans noch den fulminanten Auftritt von „Artwork“ zum Wave – Gotik Treffen im letzten Jahr in Erinnerung und freuten sich insgeheim auf Neues aus der Produktionswerkstatt Henke und Co., so wurden sie nun schmerzlich mit der Auflösung der Band konfrontiert.

„Artwork war einfach eine furchtbar große Band, was dann doch zu logistischen Problemen führte. Die eine Hälfte der Band wäre zu einem Auftritt da gewesen, während die Andere zeitliche Probleme hat und das ist für eine Band tödlich. Auf der anderen Seite schien das Interesse daran auch nicht mehr so groß zu sein innerhalb der Hörerschaft, dass wir Artwork dann zu Grabe getragen haben“, erklärt Oswald Henke diesen Entschluss. Doch man wähnte sich ja noch sicher, denn schließlich würde „Erblast“ ja noch immer bestehen bleiben. Doch auch hier kam wenig später der Schock: Trennung und Auflösung der Band. „Bei Erblast war der Grund für die Auflösung von unserer Seite die Unrentabilität des Projektes. Wir haben mehr Geld rein investiert, als wirklich Interessenten da waren und so war es dann nur konsequent das Ganze aufzulösen.“

Doch schon nähern sich neue Schatten über dem Exzentriker Oswald Henke: nach 15 sehr erfolgreichen Jahren läuten Goethes Erben ihre letzte Tournee im herkömmlichen Stil ein.

Mit 7 Live - Musikern inszeniert Oswald Henke „Schattendenken“, ein musikalisch untermaltes Sprechtheater mit Performancecharakter. Der einsame Protagonist des Stückes erwacht in einem weißen Raum (fast fühlt man sich an das Zimmer 34 erinnert) vorerst noch ohne Namen und ohne jegliche erkennbare Bedeutung. Er beginnt Jasmintee zu trinken und widmet sich daraufhin vollkommen der Kunst und seiner Kreativität, die aus ihm heraus zu sprudeln beginnt. Der Tee hilft ihm, sich in einer Gedankenwelt zu verlieren, die sich kreativ in den Gedanken und Bildern äußert. Der Betrachter im Publikum nimmt eine tiefere Bedeutung an dieser Stelle noch nicht wahr, er bekommt nur den Schaffensprozess zu sehen. Doch dabei entsteht keinesfalls ein harmonischer Spaziergang durch einen bunten Seelengarten, sondern vielmehr werden harte Electronicbeats, klagende Geigen und metallische Störsequenzen jede Erinnerung, und sei sie auch noch so sehr ein Seelenabgrund, des Protagonisten begleiten.### Dessen Arbeit äußert sich anfangs im poetischen Märchen vom Engel dessen Flügel gebrochen ist, und deshalb nicht zurück in den Himmel fliegen kann. So trifft er auf einen schwarzen Schwan, der ihm einen seiner Flügel gibt, damit er zurück fliegen könne. Zwar weiß der Schwan, dass er damit sterben wird, aber der Engel wird weiterleben. Es bleibt für den Betrachter unklar, ob er hier nur eine lapidare, wenngleich auch mit Hilfe von Projektion optisch wunderschöne, Geschichte präsentiert bekommt, oder ob sich in dieser ungleichen Freundschaft nicht eine Parabel auf das Verhältniss des Künstlers zu seiner Kreativität liegt. Wenn auch der Künstler stirbt, so wird seine Phantasie für ihn weiterleben, sich Freiräume schaffen, wo sie bisher verwehrt gewesen sind. „Das Märchen handelt von zwei Wesen, die am Ende der Zeit geboren werden. Obwohl sie getrennt aufwachsen, finden sie im späteren Verlauf zueinander und der Schwan rettet dem kleinen Engel das Leben“, meint Oswald Henke.

Weiter geht es mit dem Jasmintee – und der schmerzlichen Offenbarung, dass all das Tun des Künstlers, nur der voyeuristischen Befriedigung seiner Zuschauer dient. „Schattendenken, spiegelt genau das wider, wohin die Musikindustrie zurzeit steuert beziehungsweise was die Konsumenten von ihr zu erwarten scheinen. Eine ziemliche Leere nämlich! Deshalb steht dieses poppig vertonte Märchen zu Beginn des Stückes im Kontrast zum Rest.“

Der Rest, wie es Oswald so vorsichtig ausdrückt, dass ist die Realität des Künstlers. Eine wachsende Zahl von Wärtern überwacht den einsamen Künstler, drängen ihm immer wieder Tee auf und berauben ihn seines Talentes. Er beschließt für sich, dass er seine Träume zerstören, wach bleiben und seinen Kopf unter Kontrolle bekommen muss um nicht wahnsinnig zu werden. Er verspürt immer stärker den Drang zum Schreiben, und doch verweigert er das Papier und den Tee. „Unsere Figur kapituliert nicht, denn letztlich ist der Antrieb eines kreativen Menschens sich mitzuteilen“, meint Oswald. Und dennoch wird er sich immer stärker umringt von Wächtern sehen, wird das Zimmer zu seinem Gefängnis.

Der Wunsch etwas Kreatives zu schaffen, wird so stark, dass er am Schluss aus ihm herausschreit. Auch wenn seine Arbeit zum Scheitern verurteilt gewesen ist, kann er sich nicht sich selbst verweigern. „Auch bei mir erwacht in solchen Situationen der innere Rebell, der trotz aller Hindernisse das Bestmögliche realisieren will.“ Das wird ihm auch zweifelsfrei gelingen, denn selbst wenn der Hauptdarsteller am Ende der Aufführung in der Schwärze der Schatten verschwindet, so wird sein kreatives Vermächtnis weitergegeben mit der Frage:

„Wisst ihr noch, wie Jasmintee schmeckt?“ Nach der Tour wird es von „Schattendenken“ eine DVD mit CD und Booklet geben, denn laut Oswald Henke sei für diese Inszenierung und ihre ansprechende Aufmachung eine reine CD unrentabel, da sie unmöglich die optischen Eindrücke der Show wiedergeben kann. (Maximilian Nitschke)



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