GOETHES ERBEN - Nichts bleibt wie es war nur das Sterben bleibt ästhetisch bunt


Erstveröffentlichung: CD 2001 / Zeitbombe

Goethes Erben präsentieren neuntes Studioalbum „Nichts bleibt wie es war“

Im Oktober 2001 veröffentlichten Goethes Erben mit „Nichts bleibt wie es war“ ihr neuntes Studioalbum. 1988 wurden „Goethes Erben“ in Bayreuth gegründet von Oswald Henke und Peter Seipt (heute durch Mindy Kumbalek ersetzt) mit der gemeinsamen Vorstellung deutschsprachig Musiktheater umzusetzen. Anfangs probten sie in einem kleinen Zimmer der Caritas in Bayreuth, bei der Oswald Zivildienst leistete, bis der Chef eines Tages fragte, ob man dort schwarze Messen abhalte. Die erste CD „Sterben ist ästhetisch bunt“ erschien 1992 in Form eines Konzeptalbums und setzte sich lyrisch und auf sehr intensive Weise mit dem dem Augenblick zwischen Leben und Tod auseinander.

Durch ihre Eindringlichkeit und Intensität, mit der sie die Hörer einsaugen in ihre Poetik, erlangten die Erben sehr schnell Kultstatus und spielen fortan in der oberen Liga der schwarzen Szene. Und nun mit „Nichts bleibt wie es war“ konfrontiert man uns mit Utopien und Zukunftsvisionen, wie sie angsteinflößender wohl kaum sein können, und schon rettet man sich ins Argument, dass alles nur Hirngespinst zweier Irrer sei, um festzustellen: Nein, wir sind der Realität näher als wir glauben, und was die beiden uns da erzählen könnte wahr werden...

Mit 15 Stücken fesseln Goethes Erben die Zuhörer. Gerührt oder innerlich seufzend, von einer mal stillen, mal energiegeladenen Märchenstunde berührt, mit bitterbösen Utopien konfrontiert (etwa Fleischlust) oder in ungewohnt treibende und tanzbare Klangwelten verschlagen. Trotz zugänglicher und eingängiger Momente bleiben Goethes Erben weiterhin sehr experimentierfreudig, sowohl in der Wahl der Klänge, als auch in der Dokumentation der Stimme. So entstehen Spannungsbögen; ein Hin und Her zwischen Schicksalsmelodien, verbalen Blutbädern und zarten Träumen.

Das Gefühl allein zu sein, kennt jeder, es ist wie der Lauf durch eine zugefrorene Welt, die niemanden mehr wahrnimmt. „Der Eissturm“, so der erste Track, hetzt die Jugend zur Verführung, und läßt die von Gefühlen Satten in Gleichgültigkeit zurück. „allein zu zweit allein verlassen...“ Unfähig sind sie, die Empfindungen anderer Menschen wahrzunehmen. Die Hitze und das Feuer, dass die Jugend besitzt, wird jäh im Song abgekühlt. Ein Kind kehrt nicht mehr zu seinen Eltern zurück. Gefunden wird nur seine rote Puppe, die verloren und vergessen in einem Bachlauf liegt und auf ihren Besitzer vergeblich wartet.

Wenn man mit der Vergangenheit nicht abschließen konnte, so heißt es, kann die Seele keine Ruhe finden. So kehrt die Kinderseele zurück und sucht eine Puppe. Der Erwachsene findet seine Kindheit, erinnert sich und bemerkt das eigene Vergessen. Man muß erst mit Dingen abschließen, um weiterleben zu können meint er, aber trotzdem bleibt die Vergangenheit immer auf dem Pfad der in die Zukunft führt.

Ein „Vermißter Traum“, der zweite Track, erzählt von einem Gegenstand der einen begleitet hat, einer Puppe eben, oder ein Teddybär und die Tränen und Träume der Kindheit erlebt und gespürt hat. Es ist „Ganz still“, man fühlt sich allein, leer. Es ist schwer die Nähe zu ertragen, doch kaum dass sie fehlt wird das Leben unerträglich. Es ist eine „paradoxe Stille“ die eintritt.

Man möchte sprechen, doch es fehlt der Mensch, der zuhört und wenn dieser Mensch anwesend ist, fehlt es an Worten. „paradoxe Stille – die Zeit erstickt im Farbenrausch; paradoxe stille – die Zeit verliert ihren Halt im Raum...“

Das Märchen vom „Glasgarten“ schließt den nachdenklicheren Teil des Albums ab.

Schönheit ist vergänglich und Vertrauen sehr zerbrechlich. Wer sich darauf einläßt, kann mit diesem Stück ein paar Minuten träumen. Doch: Jedes Märchen endet irgendwann und begegnet der zornigen Utopie.

Mit „Nichts bleibt wie es war“ wird einem schlagartig das Gefühl klar, ´welches man empfindet, wenn eine Atombombe alles Leben auslöschen würde. Ein Feuerball kennt nicht gut oder böse, er bringt nur die Zerstörung und dann die Stille.

Der Zorn trägt seine eigene Farbe: „Himmelgrau“ und spricht deutsch, denn der Zorn ist hart und kantig, so wie unsere Sprache und vielleicht auch unsere Wesensart. Wer Glauben möchte, sollte nicht blind vertrauen und vorgekauten Dogmen folgen, sondern das Denken dabei nicht vergessen. Seelenfluktation ist das Problem und ein Deal zwischen Gut und Böse scheint die Lösung zu sein, „der Tod ist nur eine wahre Lüge“ eine Notlüge.

„Ganz sanft“ landet so der Hochmut im Himmel oder vielleicht doch eher einige Etagen tiefer?

Die Folge: „Rotleuchtende einst weiße Engel“ stürzen sich auf die Erde und feiern das Fleisch. Die Engel fühlen sich benachteiligt gegenüber dem Menschen, denn Lust ist im Paradies ein Unwort.

Während die göttliche Instanz die Regeln entschärft, haben die Menschen nichts besseres zu tun, als ihre eigenen Gesetze zu verschärfen. Die „Fleischschuld“ ist eine bitterböse Bestrafung und wird als äußerst unmenschlich empfunden. Ein Kind steht für Unschuld und eben diese schuldigen Unschuldigen müssen mit ihrem zarten Fleisch sühnen.

„Es ist schon ein bizarrer Anblick, wenn Kinder ihre kleinen Ärmchen vom Körper abtrennen um für ein gestohlenes Stück Brot oder eine Konserve Obst zu sühnen.“

Das zukünftige Haus der Menschheit ist ein Hotel und besitzt ein „Zimmer34“. Dieses Zimmer scheint einer Todeszelle gleich, denn detailiert wird dem Zuhörer die Inszenierung eines Selbstmordes beschrieben. Warum soll die Gesellschaft nicht davon profitieren – minus eins? Der inszenierte Tod in klinischer Umgebung, wie weit in der Zukunft liegt wohl diese Zukunft? Es gibt unzählige dieser Zimmer 34 mit alten, kranken und vergessenen Menschen. Die Devise der Gesellschaft: leicht zu reinigen...

„Nur ein Narr“ betrügt die Zeit. Nur wer lebt, kann erkennen und etwas ändern oder Utopien vermeiden. Nach den bitteren Worten etwas Versöhnliches, doch viele Fragen bleiben offen und warten auf Antworten, die wir uns wohl selbst geben müssen.

Nur wer schweigt wird überhört und so proklamieren Goethes Erben die „Schreiheit“ und das „Mensch sein“. Beide Songs könnten als Fazit der persönlichen Suche der beiden Sänger verstanden werden. „Ob wir sie gefunden haben, wissen wir nicht, aber es hat Spaß gemacht, sie zu suchen, trotz vieler Steine und Zweifel,“meint Oswald Henke.

Und hier endet vorerst die Geschichte von Goethes Erben, denn „Nichts bleibt wie es war“ kann man als Frage an die Zukunft oder als abschließende Feststellung betrachten. Einzig auf den Blickwinkel kommt es an. (Maximilian Nitschke)



[ ZURUECK ]