KIRLIAN CAMERA - Invisible Front.2005


Erstveröffentlichung: CD 2004 / Sad Eyes-Trisol

KIRLIAN CAMERA sind musikalisch eigentlich unangreifbar (auf andere irrationale Vorwürfe werde ich hier nicht weiter eingehen). Seit fast 25 Jahren setzt Angelo Bergamini seine musikalischen Ideen mit wechselnden Mitmusikern und Sängerinnen konsequent um, wobei er sich stilistisch nie wirklich festgelegt hat und in den 80er Jahren sogar das Genre des Italo Disco-Sounds gestreift hat. Seit Anfang der 90er Jahre dominieren die düsteren Electroklänge mit einer ganz eigenen Atmosphäre, die KIRLIAN CAMERA unvergleichlich macht. Das setzt sich auch mit dem insgesamt siebten regulären Album fort. Die unzähligen Singles, EPs, Live- und Remix-Alben und Re-Releases lasse ich hier mal außen vor, ebenso die ungezählten Nebenprojekte.

„Invisible Fron.2005“ geht mit „Mission Diary 1“ los, einer Art Transmission, die den Weg der nächsten guten Stunde einleitet. „K-Pax“ weist zurück in die 80er Jahre mit dem damals zweiten Album „Eclipse – Das Schwarze Denkmal“. Der Song ist eingängig, aber gleichzeitig sehr melancholisch, wie wohl nur KIRLIAN CAMERA es hinbekommen können. „Nefertiti One“ erinnert hingegen an das dritte Album „Todesengel – The Fall Of Life“, das wohl zu den tieftraurigsten musikalischen Werken überhaupt gehört. „Dead Zone In The Sky (Vintage Solution Mix)“ dürfte auf den Tanzflächen der Dark Wave-Clubs für Fülle sorgen. Engelsgleicher Gesang mit einem sehr tanzbaren Rhythmus verbunden, so hat man die Band schon lange nicht mehr gehört. Als hätte Valerie Dore in den 80ern bei der Band gesungen. „The Immaterial Children“ ist ein tranciges Stück mit den typischen flächigen Synthie-Sounds der Gruppe, die aber durch kleine Electrospielereien und Rhythmen unterbrochen werden und so doch eher etwas beängstigendes als beruhigendes haben. Danach „The Path Of Flowers“, sicher auch in der einen oder anderen Disco ganz früh oder ganz spät am Abend ein Standard, allerdings weniger tanzbar. Sehr abgespacet ist auch „K-Space-Y 1“, das nun aber wirklich zum Chill Out geeignet ist. Düstere Klänge mit hintergründigem Werkshallen-Rhythmus bringt dann „Kobna Dob (The Sinister Season)“. Hiervon ein Club-Mix und die Tanzflächen der Industrial-Discos brennen, so ist es aber eher soundtrackartig und zum zuhören abgemischt. Auch „A Woman´s Dreams“ arbeitet mit verzerrten, monotonen Rhythmen, dazu fast schon jazziger Gesang, ein sehr ungewöhnliches Stück, das auch gut aus der Demonix-Phase von Gitane DeMone stammen könnte. Wenn man es mehrmals gehört hat, wird es immer faszinierender. Entstanden ist es zusammen mit Jarboe (Swans, Skin und solo), die hier auch den Gesang übernommen hat. Eine Rückkehr zu den avantgardistischen Electro-Experimental-Klängen findet mit „K-Space-Y 2“ statt. Das erinnert ein wenig an die frühen Recoil-Aufnahmen von Alan Wilder. Mit „Recorded Memory“ klingt „Invisible Front.2005“ dann noch sehr ruhig und entspannt aus.

Wie es aussieht, hat Angelo Bergamini sich wieder etwas von den experimentellen Sounds entfernt und sich auf die eingängigere Seite der Gruppe, die man aus den 80er Jahren kennt, zurück besonnen.

Sehr schön ist, dass sich die Band Zeit für die einzelnen Songs genommen hat. Die meisten überschreiten locker die 6 und sogar die 7-Minuten Marke. So kann sich die Schönheit der Kompositionen voll entfalten. Damit haben KIRLIAN CAMERA einmal mehr bewiesen, dass sie absolut zeitlos sind und ihren ganz eigenen Platz in einer Zeit gefunden haben, in der ansonsten Bands sich gegenseitig kopieren und häufig mehr auf den kommerziellen, als den künstlerischen Aspekt der Musik geachtet wird. Das beste KIRLIAN CAMERA Album seit Jahren und auch die letzten waren alles andere als schlecht. (A.P.)



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