DIE KLOPFERBANDE - Interview




KONZEPTE GEHEN IMMER AUF KOSTEN DER KREATIVITÄT...

Ein Interview mit der KLOPFERBANDE

Irgendwann, Mitte der 90er Jahre rief mich der heute viel gescholtene JK von der Band Forthcoming Fire an, um mich nach Tipps für den zweiten „Godfathers Of German Gothic“-Sampler zu fragen. Dabei hörte ich auch erstmals den Namen KLOPFERBANDE und durch Zufall fand ich bald darauf bei „Ingo´s Plattenkiste“ in Hamburg die LP „...und doch so bezaubernd“ der Band, die ich spontan mit nahm und vom ersten Anhören an absolut liebte.Zu Hören gab es minimalistische, teilweise düstere Wave-Punk-NDW-Musik im Stile der Geisterfahrer und anderer Helden der frühen 80er Jahre. Später erfuhr ich, dass die band um Peter Ortmann jede menge weitere Tapes und LPs veröffentlicht hat, die aber absolut nicht aufzutreiben waren. Im Jahre 2003 überschlugen sich dann die Ereignisse...ich veröffentlichte auf den Back Again-Seite ein Besprechung zu der LP, woraufhin sich verschiedene Leute meldetet, die in irgendeiner Form was mit der Band zu tun hatten, unter anderem Peter Ortmann selbst. Die Gelegenheit habe ich natürlich gleich für ein Interview genutzt werden...

BACK AGAIN (BA): Erzähl´ doch zum Anfang mal kurz, in welchem sozialen Umfeld Du als Jugendlicher aufgewachsen bist und wie es dazu gekommen ist, dass Du angefangen hast, Musik zu machen…

PETER ORTMANN/KLOPFERBANDE (KB): ...das Umfeld ist im weitesten Sinn als ""normal"" zu beschreiben. Man hatte als Jugendlicher in den 70ern Berührungspunkte zu allen politischen Lagern, die man als mehr oder weniger abstoßend empfand. Musik war ein Medium, was es gestattete, seine Individulität zu unterstreichen. Die Punk bzw. New-Wave-Szene war wie ein kulturelles Zuhause fernab von alltäglichem Trott und verlogener politischer Scheiße. Wir hörten diese neue Musik und wurden geradezu aufgerufen, selbst die Gitarren in die Hand zu nehmen und loszulegen, was wir dann auch taten.

BA: Gab es vor der KLOPFERBANDE schon irgendwelche Bands? Veröffentlichungen?

KB: ...es gab ""G"", ein wüstes Punk-Gekloppe, wovon es irgendeinen Live-Mitschnitt gibt.

BA: Wie ist die KLOPFERBANDE entstanden und war alles von Anfang an also Soloprojekt geplant?

KB: ...Die KLOPFERBANDE war ursprünglich eine Solo-Initiative parallel zu ""G"". Hierbei stand eher das Mittel der elektronischen Klangerzeugung im Vordergrund. Als ""G"" auseinander ging, wurde dann aus dem Soloprojekt eine Band. Ab diesem Zeitpunkt habe ich beides gleichzeitig betrieben.

BA: Hatte das Musikmachen zur damaligen Zeit auch irgendwelche politischen Hintergründe?

KB: ...wie eingangs bereits erwähnt, war man zu dieser Zeit verschiedenen politischen Einflüssen und Wahrnehmungen ausgesetzt. Ich glaube, zu keiner Zeit kollidierte Konservatismus mit Linksliberalität so deutlich wie Ende der 70er, Anfang der 80er, was zur Folge hatte, dass man sich angewidert abwandte und sein persönliches Heil im Punk-Rock als ultimative Religion der Andersartigen suchte. Der Beginn der apolitischen Haltung von Jugendlichen, die sich bis zum heutigen Tag fortgesetzt hat, stammt aus dieser Periode.

BA: Gab es damals konkrete musikalische Vorbilder und welche Ziele hast Du verfolgt?

KB: ...eigentlich ging es ja darum, eben KEINE Vorbilder zu haben, wenn man seinen persönlichen individuellen Ausdruck suchte. Aber dennoch konnte man sich nicht dem Einfluss verschiedener Künstler dieser Zeit entziehen. Ob Johnny Rotten, John Cale, die Residents, Wire oder The Fall, um nur einige zu nennen; das war schon der Nährboden, auf dem neue Musik entstand.

BA: Die LP „…und doch so bezaubernd“ ist komplett in Eigenregie entstanden, wie kam es dazu? Wollte Dir niemand helfen oder war es ein Konzept, alles selber zu machen?

KB: ...es hat nie ein Konzept gegeben. Konzepte gehen immer auf Kosten von Kreativität und Spontaneität. Ich habe es vor allem deshalb selbst gemacht, dass mir niemand dazwischen quatscht. Irgendwelche Diskussionen, warum man den Refrain mit ""E"" statt mit ""A"" anfängt oder sich mit Schlagzeugern herumzuärgern; das alles gab´s nicht.

BA: Die Texte auf der LP sind teilweise sehr depressiv…was hat Dich zu dieser Sichtweise getrieben?

KB: ...Texte stehen immer isoliert im Raum und der jeweilige Zuhörer kann hieraus etwas für sich entdecken oder eben nicht. Ob sie depressiv wirken oder wie auch immer, mag jeder für sich entscheiden. Ich selbst habe sie einfach nur geschrieben, ohne Vorsatz, beispielsweise einen depressiven Text zu schreiben. Ernsthafte Texte haben immer zu tun mit ""Suchen"" oder ""Fragen"", manches mal auch mit Ausweglosigkeit.

BA: Welche Erwartungen hattest Du an die Veröffentlichung und wurden diese erfüllt? In welcher Auflage ist die Platte entstanden und ließ sie sich damals gut verkaufen?

KB: ...1000 Stück gab´s, davon sind noch ein paar auf dem Speicher. Es gab damals ein paar Indie-Versände wie Rip-Off in Hamburg, die auch mal 100 genommen haben. Ein Jahr später (1982) war die Szene schon tot dank der unsäglichen ""Neuen Deutschen Welle"" und den ganzen Schwachsinns-Bands wie Hubert K., Ideal, Extrabreit und dem ganzen Mist.

BA: Kannst Du Deine Musik aus heutiger Sicht stilistisch einordnen? Und was hältst Du davon, wenn Dich jemand auf Grund der Entstehungszeit und der deutschen Texte in die NDW-Schublade steckt?

KB: ...wenn man Mark E. Smith von The Fall fragen würde, wo er sich stilistisch einordnet, wird er wahrscheinlich antworten: ""Wir kommen aus Manchester und spielen unsere Songs mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang"". Punkt. Andererseits habe ich mich nie sonderlich über diese ""Schubladen-Kiste"" aufgeregt. Wenn die Leute unbedingt ein Attribut vergeben wollen praktisch wie einen TÜV-Stempel, sollen sie es doch tun. Sie disqualifizieren sich ja selbst dabei, wenn sie nicht in der Lage sind, sich ein differenziertes Urteil zu bilden.

BA: Wie ging es nach der LP weiter? Statt Vinyl gab es dann erstmal nur MC-Veröffentlichungen und aus dem Soloprojekt wurde eine Band?

KB: ...es gab nach der ""... und doch so bezaubernd"" eine zweite LP 1982 mit Band ""Bessere Zeiten"" und eine weitere wieder Solo 1989 ""Paranoid Kinder"". Ansonsten hatten wir keine Kohle mehr für Vinyl, deshalb MCs. Die Band bat auch die Möglichkeit, die Songs auf die Bühne zu bringen.

BA: Seid Ihr als KLOPFERBANDE auch live aufgetreten und wenn ja, wie waren die Resonanzen? Was durfte man von Euch auf der Bühne erwarten?

KB: ...Die Konzerte waren immer ganz gut, weil wir das Publikum grundsätzlich in zwei Lager spalteten. Die einen fanden es klasse, die anderen überhaupt nicht. In erster Linie haben wir die Songs regelrecht rausgeprügelt.

BA: Die KLOPFERBANDE hat die ganzen 80er Jahre hindurch Musik aufgenommen und auf Tape und Vinyl veröffentlicht, ohne, dass sie damit einem breiteren Publikum bekannt wurde…war das nicht frustrierend und welche Motivation treibt einen an, trotzdem weiter zu machen?

KB: ...natürlich war es nicht sonderlich motivationsfördernd, dass man keinen Erfolg hatte, was immer das im nachhinein betrachtet auch heißen mag. Was ist Erfolg? Ein Plattenvertrag begrenzt auf zwei Jahre, wobei man die Studio-Kosten selbst tragen muss? Ein Video-Clip auf den Bahamas? Irgendein Manager-Fritze, der einem täglich suggerieren möchte, dass man nach David Bowie der Größte ist?

Es sind soviel Bands gekommen und gegangen, man möge doch diese mal nach ihrem Erfolg fragen. Was uns, die KLOPFERBANDE, damals anbetraf, kann ich wirklich sagen, dass wir einen Riesenspaß hatten im Proberaum, bei den Konzerten, auf Festivals. Wo andere Bands noch verbissen beim Soundcheck an den letzten Feinheiten ihrer Songs feilten, Sängerinnen daran zerbrachen, dass die Lightshow beim 2. Refrain nicht funktionierte, da haben wir uns nur kaputt gelacht und fühlten uns wie die Marx-Brothers im Kaufhaus.

BA: Wie kam es schließlich zu einem Ende und was hast Du anschließend gemacht?

KB: ...wie immer und überall, sind es irgendwann berufliche oder familiäre Gründe, die den persönlichen Terminplan dominieren. Aber immerhin haben wir bis 1995 durchgehalten. Danach zwischen 1999 und 2001 noch mal geprobt.

BA: Bist Du musikalisch heute auch noch aktiv und bist Du überrascht, dass die KLOPFERBANDE heute zumindest im kleinen Kreise einen gewissen Kultcharakter hat?

KB: ...wieder aktiv mit dem Ziel auch wieder live zu spielen (in 2004). Wenn man uns einen Kultcharakter zuschreibt, freut mich das sehr und ich würde lügen, würde ich sagen, ich wäre nicht überrascht.

BA: Gibt es irgendwelche witzigen oder sonstigen Anekdoten aus Deiner Musikkarriere, die unsere Leser unbedingt wissen sollten?

KB: ...wir haben einmal in einem Yuppie-Schuppen gespielt (keine Ahnung, wie wir dahin kamen). Der Besitzer beeilte sich, uns mitzuteilen, dass wir mit unserer P.A. keinesfalls seinen Parkettboden zerkratzen sollten und dass wir unbedingt sehr leise zu spielen hätten. Zu allem Überfluss mischte sich in das Publikum, das im wesentlichen aus Chef-Sekretärinnen und Bankkaufleuten im zweiten Gesellenjahr bestand, eine 20-köpfige Horde von Furcht erregenden Skinheads, die wohl zufällig in der Nähe waren. Zufälligerweise stand noch ein Flügel auf der Bühne, also setzte sich eine Bekannte, die zwar nicht zur Band gehörte, aber Klavier spielen konnte, hinter dasselbige, ich spielte dazu lediglich über Marshall meine Gitarre und sang dazu. Was dabei zufällig herauskam war so abgedreht, dass wir die Herzen des gesamten Publikums erreichten. Da saßen also Skinheads neben Key-Account-Managern und spendeten frenetischen Applaus. Ich habe nur gedacht, ich fass es nicht.

BA: Gibt es Gedanken, die KLOPFERBANDE wieder auferstehen zu lassen oder wenigstens das alte, längst vergriffene Material wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen?

KB: ...wir haben die alten Aufnahmen mittlerweile digitalisiert und können sie somit auch veröffentlichen. Live-Auftritte sind wie bereits gesagt im nächsten Jahr vorgesehen. Hierzu meine E-Mail: ortmann-peter@t-online.de

BA: Spontane Gedanken zu den folgenden Begriffen:

KB:

Punk: rules OK
Geisterfahrer: irgend ´ne Band aus den 80ern
BILD-Zeitung: die Lieblingszeitung von Oskar Lafontaine
Sommer 2003: gut zum Motorrad-Fahren
USA-Irak-Krieg: ob die Amerikaner sich damit einen Gefallen getan haben, mag man bezweifeln
Lieblingsband: China Drum
80er Jahre: besser als die 70er
Internet: eigentlich ziehe ich gerne über dieses Medium her, bin andererseits dann wieder froh, dieses Interview hier zu geben

BA: Habe ich vergessen, irgendwas Wichtiges zu fragen oder möchtest Du unseren Lesern noch etwas mitteilen?

KB: Was bliebe noch zu sagen: ich hätte mir ein wenig mehr gewünscht, an Auftrittsmöglichkeiten, an Publikum, an Szene, die sich so schnell korrumpierte.

Etwas mehr englische Verhältnisse in unserer Musik-Szene.

Soweit also Peter Ortmann persönlich. Damit dürfte so ziemlich das einzige KLOPFERBANDE-Interview überhaupt online sein. Mit der ziemlich genialen Mischung aus Wave, Punk und NDW hat die KLOPFERBANDE zwar nie kommerziellen Erfolg gehabt, konnte sich aber eine kleine Fanbasis aufbauen, die die wenigen Vinyl- und die vielen Tape-Veröffentlichungen verehrt und heute verzweifelt sucht. „Kultband“ nennt man so etwas wohl heutzutage. Erfreulicherweise besteht die gute Chance, dass einige alte Veröffentlichungen nun wieder das Licht der Welt erblicken. Den Anfang macht das „Barbarei“-Tape als CD-R bei Dauerblumen und als LP bei Was Soll Das? Schallplatten. Mehr wird hoffentlich folgen und auch die Chance auf Liveauftritte besteht ja offensichtlich. Vielleicht erhält die KLOPFERBANDE so mit einiger Verspätung noch die Würdigung, die sie verdient... (A.P.)



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