LICHTBLICK - Interview




„Zum sterben keine Zeit“...

Ein LICHTBLICK-Interview im August/September 2002-10-10

Ich muss zugeben, obwohl ich ein Riesen-NDW-Fan bin, kannte ich die Band LICHTBLICK bis vor einigen Jahren nicht, bzw. nur dem Namen nach, bis mir ausgerechnet ein Freund aus Belgien deren LP auf CD-R gebrannt hat und ich davon ziemlich angetan war und fürs BACK AGAIN eine Kritik verfasste.

Überraschenderweise kontaktierten mich mehrere Leute aufgrund dieser Besprechung, so dass klar wurde, dass die Band doch nicht völlig in Vergessenheit geraten ist. Unter anderem meldete sich auch Frosch, seines Zeichens ehemaliges Bandmitglied bei LICHTBLICK und so bot es sich natürlich an, ein Interview über diese leider völlig unterbewertete Band zu machen, in der Hoffnung, dass der eine oder andere Leser so auf die Gruppe stößt, die mit „Intensivstation“ einen der ultimativen NDW-Songs aufgenommen hat, der schlicht und einfach alles hat, was diese kurze Phase der deutschsprachigen Musik ausmachte...

Das folgende Interview wurde im August/September 2002 per Email geführt.

? Da LICHTBLICK ja weder Anfang der 80er, noch heute zu den ganz bekannten Namen der NDW zählen, wäre es nett, wenn Du erstmal ein bisschen erzählst, wer, wann, was, wo und vor allem warum?

! Eigentlich war LICHTBLICK mehr ein Zufallsprodukt als eine geplante Sache. Ende 1981, Anfang 1982 ergab es sich, dass ich mit den beiden besten Freunden, die ich je hatte, Rolf (Mütz) Müller und Ingold Schneider, öfter in einem Studio zu Gast war, in dem die beiden gerade mit einer Plattenproduktion für andere Musiker beschäftigt waren. Eines Tages bekamen Rolf und Ingold irgendwie den Auftrag, für jemanden eine Single im NDW-Stil zu Werbezwecken aufzunehmen. Da ihnen dazu die richtige Idee und der passende Text fehlte und ich zu der Zeit schon einige Texte fertig in der Schublade liegen hatte, machten wir mit hohem Spaßfaktor zwei Stücke zusammen, „Zeig’s mir „ und „Intensivstation“, die wir quasi „Live“ eingespielt haben, da in dem Studio irgendwas mit der Bandmaschine nicht stimmte. Die beiden Stücke wurden jedoch so gut, dass der damalige Toningenieur des Studios meinte, es wäre viel zu schade, so gute Stücke zu Werbezwecken zu verbraten, er hätte Kontakte zur Plattenfirma „Bellaphon“, wir sollten doch Material für eine ganze LP aufnehmen und er würde das Ganze dann dort anbieten, es lasse sich bestimmt gut verkaufen. Also schrieb ich in einer Nacht noch 4 weitere Texte, von denen vorher nur die Grundidee existierte, bearbeitete noch einige andere, und so gingen wir mit unserer Sängerin aus alten „Weiß der Geier“-Zeiten, Angela Rubert, in ein Mini-Studio in Bochum, das eigentlich nur für Sprachaufnahmen geeignet war, daher auch der manchmal etwas seltsame Sound. In drei oder vier Tagen war die LP fertig. Als wir die Sachen bei der „Bellaphon“ vorspielten, bekamen wir sofort einen Vertrag, ich sogar noch einen separaten, als Texter. Bei einigen der Stücke spielt der Blues-Organist Ingo Klich aus Velbert das Keyboard, bei anderen Nico „Tin“ Hesselbach aus Bochum, der auf Tourneen auch später den Keyboarder Detlef „Def“ ichweißnichtmehrwie ersetzte, letzterer hatte mit „Geiersturzflug“ den Hit „Bruttosozialprodukt“. Dazu kam dann noch der Bassist Dieter Rubach aus Solingen.

? Habt Ihr auch schon vor LICHTBLICK Musik gemacht?

! Ja, in der Velberter „Kultband“ „Weiß der Geier“, 1972-1975. Melodischer, ausgefeilter Rock, sollte in Richtung Gentle Giant, Yes, Genesis gehen. Englische „Texte“, nicht von mir. Gründungsmitglieder: Mein zwei Jahre älterer Bruder Egbert „Micky“ Strehlau (Gitarre, Gesang), Reiner Hoffmann (Keyboards), Pit Krüger (Schlagzeug) und ich, Holger „Frosch“ Strehlau (Bass, Backgroundgesang und Namensgeber der Band). Später hinzu kamen noch mein Schulfreund Rolf „Mütz“ Müller (Gitarre, der aus unerfindlichen Gründen auf der Lichtblick-LP „Mausi“ genannt wird), Angela Rubert (Gesang) und das 1999 viel zu früh an Lungenkrebs verstorbene Multitalent Ingold Schneider (Schlagzeug, Gitarre, Bass, Klavier, Flöte, Dudelsack, Gesang). Ingold hatte Anfang der 80er unter seinem 2. Namen (er hatte einen schottischen Vater) Robert „Bobby“ Butts, mit „Mütz“ als Gitarristen, eine Solo-LP namens „Superscott“ herausgebracht, Rockmusik mit Dudelsack, sehr interessant. Zuletzt spielte er in der auch überregional einigermaßen bekannten Band „Claymore“, an der sein ganzes Herz hing. Überhaupt spielten wir (Mütz, Ingold und ich) nach „Weiß der Geier“ oft in verschiedenen Formationen mit wechselnder Besetzung zusammen, jedoch ohne jeden Erfolg. Angela kam eigentlich mehr aus der Schlagerecke, Single „In einer kleinen Konditorei“, im Duo „Susi und Alf“.

? Aufgrund der deutschen Texte, der darin angesprochenen Themen und Eurem Musikstil wurdet Ihr natürlich in die NDW Schublade gesteckt...wie hast Du das damals empfunden und wie stehst Du heute zu diesem Etikett?

! Ja, ja, die lieben Deutschen und ihre Schubladen. Wie Du schon sagst: Aufgrund der deutschen Texte. Wenn zu der damaligen Zeit einer was in Deutsch machte, war es gleich NDW. Die meisten Texte oder zumindest ihre Grundidee sind schon lange bevor es NDW gab, entstanden. Ich glaube, die Themen sind allgemeingültig und beziehen sich nicht auf etwas Zeitspezifisches, ausgenommen „Meuterei auf dem Immenhof“, das ja praktisch nur aus Werbesprüchen besteht. Das meiste davon könnte man, in neuer oder anderer Verpackung, auch heute noch bringen, würde überhaupt keiner merken, es gibt keine „alten“ Texte, nur gute oder schlechte. Der Musikstil ist ja eigentlich Rock, nur das bei den meisten Stücken mangels Soundteppich ein Sequenzer dudelt, manchmal etwas zuviel. Aber in der Kürze der Zeit war es nicht besser zu machen. Damals wie heute hat mir dieses Etikett nicht gefallen, aber man kann damit leben, wenn man es nicht allzu ernst nimmt, und hätten wir richtigen Erfolg gehabt, wäre es mir wahrscheinlich im Endeffekt auch egal gewesen, nur wäre es dann auch viel schwerer geworden, dieses Etikett wieder loszuwerden. Ich persönlich würde mich jedenfalls nicht als NDW-Texter bezeichnen. Was nicht heißt, das ich die NDW schlecht finde, es gibt viele gute Bands und Songs, aber eben auch viel Mist, wie bei allen Wellen.

? Von was wurdet Ihr musikalisch und textlich beeinflusst? Aufgrund Eurer Sängerin fallen dem Hörer natürlich gleich Bands wie Ideal, Neonbabies und Nichts ein...

! Musikalisch beeinflusst sind wir auf jeden Fall von den Riesen-Bands der 60er und 70er Jahre, wobei dieses ja ein sehr breites Spektrum enthält, und jedes Bandmitglied sicher seine eigene spezielle Richtung bevorzugt, so das man hier keine allgemeingültige Aussage treffen kann. Ich persönlich halte jedoch noch immer die Beatles und die frühen Stones für die Größten ihrer Zunft, wobei man allerdings die vielen anderen nicht vergessen darf, die ja alle ihren eigenen Stil hatten und die Musik von heute auch maßgeblich mit beeinflusst haben. Eigentlich gefällt mir viel Unterschiedliches gut, wenn’s gut ist, grins. Textlich halte ich mich eigentlich nicht für sehr von irgendjemandem beeinflusst, außer das ich meine ersten Texte über Udo Lindenberg-Stücke gemacht habe. (An-’ner-Maschine-malocht-und-in-ihrem-Takt-mit-Udo- im-Kopp-eigene-Texte-drübergemacht, yeah, that’s the way it is, baby, you got it.) Unsere Sängerin hat sich gesangsmäßig Anfangs wohl ein bisschen an „Ideal“ orientiert, bewusst haben wir uns jedoch keiner vergleichbaren Band dieser Zeit angehängt. Eigentlich haben wir immer unser eigenes Ding gemacht.

? Ihr seid eigentlich mit der richtigen Musik die richtige Band zum richtigen Zeitpunkt gewesen...was meinst Du, warum Ihr Euch damals kommerziell nicht durchgesetzt habt? Gab es einfach zuviel deutschsprachige Musik zu der Zeit? Fehlte die Unterstützung der Plattenfirma oder seid Ihr einfach nicht kommerziell genug gewesen?

! Hast Du alles schon ganz richtig in der Frage beantwortet. Hauptproblem waren meines Erachtens die Plattenfirmen und die fehlende Unterstützung, aber auch, dass die Band, die ja vorher nicht so sehr auf der kommerziellen Linie gefahren ist, plötzlich umschwenkte und mit den Produktionen von „Kino“ und „Stern im Märchen“ nur das Geldverdienen im Kopf hatte, was der Qualität der Stücke nicht gerade dienlich war. Jedenfalls war es so, dass mir der Refrain von „Kino“ von der Band vorgeschrieben wurde: „Heyo, wir geh’n ins Kino, heyo, da sind wir alle froh“! Bei so einem Schmarrn wäre ich mir als Fan und Käufer der Platte verarscht vorgekommen. Im Strophentext sollte das ganze dann wieder aufgefangen werden, da „durfte“ ich dann wieder „kritisch“ schreiben. Und wenn man sich den Text von „Stern im Märchen“, der in der Urfassung „Zum Sterben keine Zeit“ heißt, ansieht und anhört, kann man sich vorstellen, wie ich zu einem solchen Gesülze stehe, bei dem, was ich vorher geschrieben habe. Das musste schief gehen, auch wenn wir bei der letzten Produktion bei der EMI unter Vertrag waren. Außerdem war die Besetzung der Band etwas unglücklich, da die Texte ja aus meiner sehr eigenen Sicht heraus geschrieben wurden und eigentlich nicht für eine Sängerin geeignet oder gedacht waren. Vieles musste umgeschrieben und verniedlicht werden, was mir überhaupt nicht passte. Auch hätte ich selbst die Texte mit mehr Inspiration und Herzblut gesungen, was schon die Hälfte des Erfolgs gewesen wäre. Nur hat es mir damals wohl niemand richtig zugetraut, genau wie das Bass spielen, das mir auch keine Schwierigkeiten bereitet hätte. Ich glaube, die meisten in der Band waren auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, was man daran sehen konnte, dass die meisten „Du riechst so gut“ lange Zeit für ein Liebeslied gehalten haben, was es überhaupt nicht ist, wenn man sich den Text mal genau ansieht, müsste man eigentlich merken, dass er sehr ironisch gemeint ist. Das ist aber nur dem guten Nico „Tin“ aufgefallen, der mich noch gar nicht so lange kannte. Sei’s drum, vorbei.

? Hast Du jemals erfahren, in welchen Stückzahlen sich Eure Platten verkauft haben?

! Nein, es wurde etwas von 5000 gemunkelt, schriftlich habe ich darüber nichts, und viel mehr ist es inzwischen wohl auch nicht geworden, lach. Aber wird es jetzt ja ganz bestimmt, man kann die LP wohl noch kaufen, seht mal unter Amazon.de -zShops Lichtblick, Lichtblick 82 nach.

? Was durfte man live von Euch erwarten?

! Ziemlich fetzigen NDW-Pop-Rock? Kann man schlecht sagen. Beim WDR müsste es eine Aufzeichnung des „Deutschen Rockpalast“ in Elspe geben, wo wir zusammen mit der „Dschungelband“, „Spliff“ und „Wolf Maahn“ aufgetreten sind. Ich könnte das Video für den Privatgebrauch kopieren, wenn ich einen 2. Recorder hätte, Angela hat es auf Band.

? Hattet Ihr Kontakt zu anderen Bands dieser Zeit und gab es da einen Austausch?

! Nein, leider nicht.

? Wann und warum habt Ihr die Band schließlich aufgelöst?

! Kann ich gar nicht genau sagen. Nach der letzten erfolglosen Single ist es einfach so im Sande verlaufen.

? Was hast Du nach dem Ende der Band gemacht? Warst Du weiter musikalisch aktiv oder bist Du ins ""bürgerliche"" Leben zurückgekehrt? Weißt Du, was aus den übrigen Bandmitgliedern geworden ist?

! Musikalisch aktiv war ich danach eigentlich nur zu Hause, sprich, ich habe weiter Texte geschrieben und eigene Stücke dazu komponiert. Bis vor kurzem habe ich ganz bürgerlich (würg) im Büro gearbeitet, habe meinen Job jetzt aber geschmissen und versuche meine Ideen zu verkaufen. Was mir fehlt ist ein vernünftiger Produzent, Manager oder Sponsor, mit dem ich alles verwirklichen könnte. Mütz ist Immobilienmakler, verheiratet, 2 Töchter, Angela ist Witwe, hat eine Tochter und geht auch arbeiten, ich weiß nicht wo. Ingold ist wie gesagt gestorben, ein herber und für mich immer noch nicht zu fassender Verlust. Mit Ingo Klich machen Mütz, Angela und ich bald eine Blues/Rocksession, ganz locker. Von den Anderen habe ich nichts mehr gehört.

? War Dir eigentlich bewusst, dass Eure Platten heute unter Sammlern viel gesuchte Liebhaberstücke geworden sind? Und frustriert es nicht ein wenig, dass damals der große Erfolg ausblieb?

! Das war mir überhaupt nicht bewusst und wenn es mir jemand gesagt hätte, ich hätte es nicht geglaubt. Als ich auf der Suche nach einer Lichtblick-CD zu Demozwecken im Netz war und auf Dich und einige andere Fans gestoßen bin, war das wie Weihnachten für mich und es hat mich sehr berührt. Mit Stolz habe ich die guten Kritiken gelesen und möchte mich an dieser Stelle bei allen Fans herzlich bedanken. Nach all der Zeit, Wahnsinn. Das der Erfolg ausblieb ist natürlich very,very frustrierend, aber vielleicht kommt ja noch mal was, wer weiß, Ihr habt mir auf jeden Fall ganz schön Mut gemacht. Nochmals Danke!

? Wie ist es für Dich, nach so vielen Jahren plötzlich ein Interview zu LICHTBLICK zu geben? Kommen da auch nostalgische Gefühle hoch, oder siehst Du die Vergangenheit eher abgeklärt?

! Wie gesagt, absoluter Wahnsinn! Da ich sowieso jemand bin, der sehr mit der Vergangenheit verbunden ist und oft zurücksieht, kannst Du Dir ja vorstellen, was für Gefühle da wieder hochkommen, einfach geil.

? Irgendwelche witzigen, tragischen oder einfach interessante Anekdoten, die die Welt unbedingt erfahren sollte?

! Nein, fällt mir im Augenblick nichts ein. Danke für Das Interesse. Euer Frosch.

Ob es jemals eine CD-Neuauflage der wirklich guten LICHTBLICK LP geben wird steht in den Sternen, schön wäre es allemal, denn es gibt noch mehr Fans von guter NDW-Musik, als wahrscheinlich so manche Plattenfirma glaubt. Dort werden immer nur Sampler mit den großen Hits zusammengestellt, doch wer braucht zum 50. Mal „99 Luftballons“ oder „Ich Will Spaß“?

Wer will, kann sich ja mal mit Frosch in Verbindung setzen, er freut sich bestimmt: elfrogo@web.de .

Aber fragt NICHT, ob er noch Exemplare der LP oder der Singles hat, da kann er Euch leider auch nicht weiter helfen...ich hab´s selber versucht...

Auf jeden Fall geht mein Dank für dieses Interview an Frosch! (A.P.)



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