SIOUXSIE AND THE BANSHEES - The Scream (Deluxe Edition)


Erstveröffentlichung: Doppel-CD 2005 / Polydor / Universal / 983 238-8

Polydor macht weiter mit seinen meist gelungenen „Deluxe Editions“ legendärer Alben und Gruppen. Nach den ersten vier Wiederveröffentlichungen der frühen Cure-Alben (die Reihe wird im Frühjahr 2006 fortgesetzt), wird nun eine weitere mehr als legendäre Band der Post Punk-/New Wave-Zeit geehrt, nämlich SIOUXSIE AND THE BANSHEES mit ihrem Debut-Album „The Scream“. Kaum eine New Wave-Band mit Sänegerin der 80er Jahre war nicht von Siouxsie Sioux und ihren Mannen beeinflusst und so ist es mehr als erfreulich, dass Polydor nun auch hier Geschichtsbewusstsein entwickelt und dieses wohl auch mit den nachfolgenden Alben (hoffentlich wenigstens bis „Peepshow“) fortsetzt, wenn die Verkaufszahlen stimmen.
„The Scream“ war nach langer Labelsuche 1978 das Debut der Band, die sich anlässlich des legendären Punkfestivals in Londoner 100 Club 1976 gegründet hatte und mit Auftritten und Peel Sessions, sowie der ersten Single „Hong Kong Garden“ zur damals wohl bekanntesten ungesignten Bands der Punk-Ära wurde.
Mit „The Scream“ hatte die Band die puren Punk-Wurzeln bereits hinter sich gelassen und war zeitgleich mit Gruppen wie Joy Division und Bauhaus eine der Stil prägenden Post Punk-Gruppen aus England, die irgendwie gemeinsam den Gothic Rock erfunden oder zumindest populär gemacht haben.
„The Scream“ ist zwar noch klar vom Punk Rock beeinflusst und dürfte damals, als es die klaren Abgrenzungen zwischen Fans der unterschiedlichen Musikrichtungen noch nicht gegeben hat, auch vor allem Punks angesprochen haben. Trotzdem war die Musik schon einen Schritt weiter, teilweise bereits etwas dunkler und vor allem vielschichtiger. Neben den klassischen Punkgruppen wie Sex Pistols waren sicher auch 60er Jahre Legenden wie The Doors und vor allem The Velvet Underground Einflüsse der Gruppe. Und dann hatte die Gruppe ja noch einen ganz besonderen Trumpf: die Sängerin Siouxsie Sioux, die mit ihrer Art des Gesangs ganze Legionen von Sängerinnen nachhaltig prägte Ihre Stimme gab den an sich noch gar nicht so ungewöhnlichen Liedern das Besondere.
Mit „Overground“, „Switch“ und „Metal Postcard (Mittageisen)“ sind gleich drei echte Bandklassiker auf dem Album dabei, aber auch die Beatles Coverversion „Helter Skelter“ erregte schon damals viel Aufmerksamkeit, während „Jigsaw Feeling“, „Carcass“, „Mirage“ und „Suburban Relapse“ vor allem live echte Granaten waren. „Pure“ ist eher eine Art Intro in ein sehr intensives Album und „Nicotine Stain“ habe ich komischerweise bis jetzt nie richtig beachtet, obwohl der Song ebenfalls nicht zu verachten ist.
„The Scream“ ist ein absolut rundes Album, das damals schon Zeichen setzte, aber eigentlich nur andeutete, was aus SIOUXSIE AND THE BANSHEES mit den nächsten vier Alben noch werden sollte. „Join Hands“ setzte Maßstäbe für den Gothic Rock der 80er Jahre und die New Wave-Trilogie „Kaleidoscope“, „Juju“ und „A Kiss In The Dreamhouse“ machte die Band zu absoluten Wegweisern der Musik der 80er Jahre. Und auch die Nachfolgeplatten „Hyaena“, „Tinderbox“ und „Peepshow“ bis hin zu „Superstition“ und „The Rapture“ haben durchaus überzeugt (Best of-, Coverversionen- und Live-Alben lasse ich hier mal außen vor, da sie für die Entwicklung einer Band weniger von Belang sind).
Die zweite CD dieser „Deluxe Edition“ enthält dann jede Menge Musik aus verschiedenen Sessions („Riverside“, John Peel“), Demos und die ersten beiden Singles (leider nur die A-Seiten) „Hong Kong Garden“ und „The Staircase (Mystery)“. Dabei sind einige Tracks, die die Fans und Sammler bisher nur in Form von Bootlegs bekommen konnten und die somit hier erstmals offiziell veröffentlicht werden. Als Fan ist man natürlich begeistert, diese Songs nun endlich in sehr guter Soundqualität offiziell in die Sammlung einreihen zu dürfen. Alleine das macht „The Scream (Deluxe Edition)“ zu einem Pflichtkauf für SIOUXSIE-Fans und Leute, die sich für die Anfänge der Post Punk-/New Wave-Zeit interessieren. Für die folgenden Alben gibt es sicher noch eine Menge interessantes Material in Form von Live- und Demomaterial, vielleicht ja sogar noch ein paar unveröffentlichte Songs, wie bei The Cure. Beten wir also dafür, dass Polydor die Reihe fortsetzt!
Die Doppel-CD kommt wie gewohnt in einem mehrfach ausklappbaren DigiPak in einem transparenten Schuber und mit fettem Booklet inclusive der Songtexte und Liner Notes. Viel mehr kann man da kaum verlangen! Eine New Wave-Geschichtsstunde, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Gerade muss ich überlegen, was die Musiker wohl 1978 gesagt hätten, wenn ihnen jemand erzählt hätte, dass fast 30 Jahre später mal eine „Deluxe Edition“ ihrer Platte erscheinen würde. Sie hätten sicher herzlich gelacht. (A.P.)



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