CELL DIVISION - Interview 2002




Die lachende „Gruftiband“

Ein Interview im Juli 2002

Eigentlich gehöre ich zu den Menschen, die technischen Neuerungen skeptisch gegenüber stehen. So mag ich das Medium CD bis heute nicht wirklich und ich benutze auch kein Mobiltelefon, was mich in meinem Bekanntenkreis zum „Außenseiter“ macht. Auch dem Internet konnte ich anfangs nichts abgewinnen. Als ich dann irgendwann doch online war, habe ich zwar schnell gemerkt, dass man dort zum größten Teil nur Datenmüll findet, aber durchaus auch interessante Informationen. So bin ich beim surfen auf die Schweizer Divus Modus Seite gestoßen, einem Verein, der sich der Förderung des dunklen Schweizer Undergrounds verschrieben hat (www.divusmodus.ch ). Dominique von Divus Modus war so freundlich und hat meine Adresse an einige Bands weiter geleitet, unter anderem auch an CELL DIVISION, die mir darauf hin ihre Debut-CD „Dissolve“ schickten, zu der auf unseren Seiten natürlich auch eine Kritik zu finden ist. Da mir der bodenständige Gothic-Rock der Gruppe ausgesprochen gut gefällt, weil er ohne die heute sonst so typischen Metal-Einflüsse auskommt, beschloss ich, mehr über die Band zu erfahren und schickte ein paar Fragen, die mir Gitarristin Mirjam freundlicherweise beantwortet hat. Da es seit der Veröffentlichung der CD eine wesentliche Umbesetzung innerhalb der Gruppe gab, die Sängerin wurde ausgetauscht, war es vor allem auch interessant, zu erfahren, inwieweit das Veränderungen im Stil der Gruppe gebracht hat...

Wie hat es mit CELL DIVISION angefangen und warum gerade Gothic-Rock (oder Dark-Rock, wie Ihr es selber nennt)?

Cell Division nennen wir uns seit Dani unser Schlagzeuger dabei ist. Angefangen hat es mit Yvette und mir und Heinz der sehr bald mal dazu gestoßen ist. Warum fängt man an Musik zu machen? Irgendwie war es einfach das was man tun musste, so'n Grundbedürfnis. Dark Rock war dann das Resultat das dabei herausgekommen ist. Keine Absicht eigentlich, wir haben uns nie vorgenommen eine bestimmte Stilrichtung zu verfolgen.

Die Altersstruktur in Eurer Band ist ziemlich breit gefächert, wie habt Ihr Euch gefunden und inwieweit prägen Euch die unterschiedlichen Einflüsse?

Heinz hatten wir durch unseren früheren Schlagzeuger kennen gelernt. Dani durch ein Inserat in einer Zeitung und Gelgia durch einen Aushang an einer Musikschule. Die unterschiedlichen Einflüsse prägen uns soweit, dass wohl jeder als er sein Instrument gelernt hat seinen Lieblingsmusikern nachgeeifert hat. Heinz wurde hauptsächlich vom Jazz beeinflusst, Dani vom Punk, Gelgia vom Metal und ich vom Gothic. So sind wir vom Alter und vom Stil kunterbunt zusammengewürfelt!

Die Schweiz ist nicht gerade bekannt dafür, ständig Gothic-Rock Bands hervorzubringen...wie schwer ist es für eine Band, sich mit diesem Musikstil durchzusetzen und gibt es überhaupt Strukturen (Bands, Labels, Clubs, Radioshows, Läden etc)?

Es ist alles en masse vorhanden, außer vielleicht Labels und Plattenfirmen die sich getrauen mal was Neues zu versuchen. Dass es nicht allzu viele bekannte Schweizer ""Dark"" Bands gibt liegt vielleicht auch daran, dass die Schweiz halt ein ziemlich kleines Land ist. Vielleicht hat man schon gehört von: Young Gods, Carpe Diem , nuuk, Metallspürhunde?

Orientiert Ihr Euch von vorne herein aufs Ausland oder ist Euer erstes Ziel, sich im eigenen Land durchzusetzen?

Eigentlich schielen wir schon eher aufs Ausland, weil´s in Deutschland oder Amerika einfach mehr Möglichkeiten gibt (Labels, Clubs, etc.).

Wie kam es zum „Austausch“ Eurer Sängerin und inwieweit hat das Eure Musik verändert?

Es hatte sich schon längere Zeit angebahnt, dass Yvette keine Lust mehr hatte bei uns zu singen. Ihre Interessen hatten sich einfach verlagert. Sie wollte eine Familie gründen und hat das dann auch getan. Ich denke sie wird bestimmt wieder einmal anfangen Musik zu machen. Es wäre schade wenn nicht, denn sie hat eine einzigartige Stimme. Nach Gelgia hatten wir ziemlich lange gefahndet. Es dauerte 1 Jahr bis wir mit ihr Jemanden gefunden hatten der zu uns passt (musikalisch wie auch menschlich). Klar klingen wir mit einer neuen Stimme jetzt anders, aber vom Grundgefühl her ist es immer noch dasselbe.

Ist es eigentlich ärgerlich, dass man als Gitarren-Band mit Sängerin immer mit Siouxsie And The Banshees verglichen wird und wie seht Ihr selber diesen Vergleich?

Es ist überhaupt nicht ärgerlich mit einer guten Band verglichen zu werden. Yvettes Stimme klang sehr ähnlich wie die von Siouxsie, aber vom Sound her sehe ich nicht allzu viel Ähnlichkeit.

Wieso war Eure erste CD eine Eigenproduktion? Wollte Euch kein Label oder war es eine bewusste Entscheidung, alles selber zu machen?

Uns wollte keiner (schnüff). Naja vielleicht haben wir auch zu früh aufgegeben ein Label zu finden. In der Schweiz z.B. hatten wir es gar nicht erst versucht. Da wir über ein eigenes Studio verfügen, lag es eh nahe alles selber zu machen. Das Problem ist der Vertrieb und die Promo die du nicht hast wenn deine CD nicht auf einem renommierten Label erschienen ist.

Wie ist der Kontakt zu anderen Bands? Hilft man sich da gegenseitig mit Auftritten etc. und welche Rolle spielt das Internet dabei?

Der Kontakt zu anderen Schweizer Bands ist sehr gut, kein Konkurrenzgehabe oder so. Man organisiert z.B. gemeinsame Konzerte und tauscht Tipps und Erfahrungen aus. Das Internet ist eine grandiose Sache vor allem für Newcomer Bands. Das ist ein Medium wo du die Promotion für deine Band selber anpacken kannst. Man kriegt Kontakt zu Bands, Clubs etc. in der ganzen Welt. So hatten wir z.B. eine CD Rezi in einem Russischen Magazin (Dark City). Vor allem können Musikfans ohne die Gehirnwäsche der Musikindustrie neue Bands entdecken. MP3s werden weiterempfohlen etc. Es stört mich auch nicht die Bohne dass wir bei Napster zu finden sind, denn der Nutzen ist größer als etwaige nicht verkaufte CD's.

Wie darf man sich Eure Liveauftritte vorstellen? Gibt es eine „große“ Show oder eher „Musik pur“?

In erster Linie geht es schon um die Musik. Aber wir versuchen auch optisch etwas zu bieten. Bei unserem Konzert in Konstanz z.B. hatten wir so eine Konstruktion gebaut wo wir beim letzten Song Blütenblätter von der Decke herunterrieseln lassen konnten. Teil Zuschauer hatten dann die Blüten retour auf die Bühne geschmissen und das hat recht Stimmung gemacht. Teil Leute sagen dass wir für eine ""Gruftiband"" zuviel lachen würden auf der Bühne :-)

Inwieweit würdet Ihr für kommerziellen Erfolg Kompromisse eingehen? Stellt Euch vor ein Majorlabel wedelt mit einem dicken Scheck, dafür müsst Ihr aber andere Kleidung tragen, in Talkshows auftreten und ein paar „angesagte“ 70er Jahre-Klänge in Eure Musik einbauen...

Tja, ich glaube dann bleiben wir lieber arm und ohne Majorplattendeal. Ich verkaufe mich schon wenn ich von 8-5.00 Uhr ins Büro gehe um zu arbeiten. Wenn ich Musik mache, will ich genau das tun, was echt und aufrichtig ist. Abgeneigt wären wir nicht, wenn ein Producer unsere Musik versteht und uns wertvolle Tipps beim Arrangement und Sound geben würde. Weil vor lauter Bäumen sieht man manchmal den Wald nicht mehr. Deine eigenen Songs kannst du selber sehr schlecht beurteilen, darum sind wir für ehrliche Kritik sehr dankbar.

Was ist für die nähere und fernere Zukunft geplant? In welche Richtung werdet Ihr gehen und was dürfen die Fans erwarten?

Wir werden so bald wie möglich einen neuen Tonträger herausbringen. Das wird vermutlich vorab ne Maxi-CD mit 3 neuen Songs sein. Genügend Material für eine ganze CD hätten wir zwar, aber vorerst brauchen wir etwas Repräsentatives mit unserer neuen Sängerin Gelgia. Die Richtung bestimmt das Leben und die Fans können sicher sein, dass, was sie von uns zu hören bekommen, (dark) rockt.

Habe ich was Wichtiges zu fragen vergessen? Irgendwas, was Ihr unseren Lesern noch sagen wollt?

Äähh, nöhh, wir sind sprachlos. Oh klar ja doch, unsere CD ""Dissolve"" kann man natürlich auch kaufen. Sie kostet 25 Schweizer Franken oder 15 Euro plus Porto, anfordern kann man sie auf info@celldivision.ch . Schaut doch mal auf unserer Homepage http://www.celldivision.ch vorbei. Anregungen und Kritik (natürlich auch Lob) sind immer willkommen!

Soweit CELL DIVISION in eigenen Worten. Auf jeden Fall sollte jeder, der jetzt vielleicht neugierig geworden ist, mal die Website der Schweizer besuchen, die sich vom Layout anderer typischer Bandseiten wohltuend abhebt.

Da mich extrem interessiert hat, wie die Band mit neuer Sängerin klingt, habe ich mich sehr gefreut, als ich eine Vorab-CD mit neuem Demomaterial bekam. Die 5 Songs sind noch rau und unproduziert und wie mir Mirjam dazu schrieb „...überhaupt noch nicht fertig.“

Dennoch können sie einen guten Eindruck davon vermitteln, auf was sich die Hörer in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft freuen dürfen. Stilistisch bleiben sich CELL DIVISION treu und spielen weiterhin straighten Gothic-Rock, der sich mehr oder weniger an den 80er Jahren orientiert. Die Siouxsie-Anklänge sind tatsächlich geringer geworden, wenn auch nicht ganz verschwunden, wie man gleich am ersten Titel „Fingerprints“ erkennen kann. Die neue Sängerin Gelgia passt mit ihrer recht vielseitigen Stimme perfekt in den Sound der Band und klingt etwas „punkiger“, als Vorgängerin Yvette. Keine Frage, mit der nächsten Veröffentlichung und hoffentlich vielen Live-Gigs auch in Deutschland, dürften CELL DIVISION einen gehörigen Schritt nach vorne machen. Was Professionalität angeht, haben CELL DIVISION den ganz tiefen Underground längst verlassen. Irgendwann werden auch die drei „großen“ Magazine in Deutschland nicht mehr umhin kommen, die Band ausführlich vorzustellen, bislang hielten sie es nur für nötig, kleine (allerdings positive) Besprechungen zu bringen. Hoffen wir, dass das in der Szene gelegentlich beschworene Gothic-Rock Revival kurz bevor steht, dann könnten CELL DIVISION bei den Bands in der ersten Reihe dabei sein. (A.P.)

Webadresse der Band: www.celldivision.ch

STAHLNETZ - Wir Sind Glücklich


Erstveröffentlichung: LP 1982 / Ariola / 205003320

Eine der gesuchtesten NDW-LPs überhaupt ist die einzige LP von STAHLNETZ. Entweder man findet sie für horrende Preise bei Ebay oder aber für wenig Geld in irgendeiner Flohmarktgrabbelkiste zwischen 70er Jahre Schlager-Platten. Eigentlich dürfte die Platte gar nicht so selten sein, ist sie doch immerhin beim Major Ariola erschienen, aber ähnlich wie bei der „Bullerbü“-LP von Foyer Des Arts gibt die Platte keiner mehr raus, der sie besitzt, weil sie einfach sooooo gut ist, vielleicht sogar eine DER Neue Deutsche Welle-Platten überhaupt, denn hier stimmt einfach alles. Absolut eingängige Melodien, gute Texte, vielleicht für den großen Durchbruch 1982 zu gut, und schön wavige Stimmung. Etwas früher wäre diese Platte sicher der absolute Knaller gewesen, aber als sie erschien wurden die deutschen Charts schon von unzähligen Schlager-NDW-Liedchen überflutet und für eine richtige Band mit einem zumindest minimalen Anspruch war kein Platz mehr. Neben der LP erschien noch eine 7“/12“ von „Vor All Den Jahren“ und eine Promo-Single von „Der Seemann Und Die Stewardess“, sowie einige wenige Samplerbeiträge von Albumtracks. Ausnahmslos jeder der Titel auf der LP ist ein totaler Ohrwurm, Minimal-Electro-Pop vom feinsten, irgendwie wie eine eingängigere Variante von Grauzone, die ja nun auch zu den ganz wichtigen deutschsprachigen Bands der frühen 80er Jahre gehörten.. Hits wie „Der Seemann Und Die Stewardess“ und das unsterbliche „Vor All Den Jahren“ stehen neben weniger bekannten, aber ebenso guten Songs wie „Fahr Doch Mit Dem Automobil“, „Romantisch“ oder „Der Falsche Kuß“. Leider ist das geniale „Wir Sind Glücklich“ trotz des LP-Titels nicht auf der Platte, das findet sich nur auf der 7“/12“ „Vor All Den Jahren“. Klingt ziemlich extrem nach besten Human League (nur ohne die Frauenstimmen) und ist für mich einer der besten NDW-Songs überhaupt. Neben „Von Bullerbü Nach Babylon“ von Foyer Des Arts, der ersten Palais Schaumburg-LP und „Hab´ Mut Zu Deinen Lüsten“ von Recht Herzlich ist „Wir Sind Glücklich“ von STAHLNETZ vielleicht eine der ultimativen NDW-LPs, für die man als Sammler auch gerne mal ein paar Euro mehr ausgeben sollte, um sie in die Sammlung einzureihen. Coverscan mit freundlicher Genehmigung von www.punk-disco.com (A.P.)

ARCTIC MONKEYS - When The Sun Goes Down

Wiederveröffentlichung: 7 Inch 2006 / Domino Recording Co. / RUG216
Erstveröffentlichung: Maxi-CD 2006 / Domino Recording Co. / RUG216Cd

Die zweite Single der ARCTIC MONKEYS war natürlich von vorneherein ein sicherer Hit für die Band, nachdem vorher „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ wie eine Bombe eingeschlagen war. Und als Vorbote für eines der sensationellsten englischen Albumdebuts der letzten Jahre, wenn nicht sogar aller Zeiten, war „When The Sun Goes Down“ perfekt. Der Song ist bandtypisch und rockt, wie fast alle Songs, ordentlich nach vorne los. Fans und Sammler dürfen sich, wenn sie MCD und 7“ kaufen, dann gleich an drei weiteren Non-Album-Tracks erfreuen. „Stickin To The Floor“ ist kurz und punkig, während „7“ eher melodisch ist. Beide Songs sorgen live sicher für ordentlich Bewegung vor der Bühne, wie es früher die Buzzcocks von kaum besser hinbekommen hätten. Der Vergleich hinkt, aber irgendwie erinnert mich die rohe Energie verbunden mit tollen kleinen Melodien an diese legendäre Band. Die ARCTIC MONKEYS werden sich für den Vergleich nicht schämen.
Die 7“ enthält neben „When The Sun Goes Down“ den Song „Settle For A Draw“, ein weiteres bandtypisches Werk.
Die letzten zwei Jahre waren musikalisch mit Bands wie Coldplay, Killers, Bloc Party, Interpol, Franz Ferdinand, Editors, Kaiser Chiefs, Maximo Park, den ARCTIC MONKEYS und anderen Bands echt stark. Clap Your Hands Say Yeah stehen mit ihrem wunderbaren Debutalbum in den Startlöchern zum großen Erfolg. Hoffen wir, dass es so grandios weiter geht und nicht wieder irgendwelche Casting“stars“ die Musikwelt übernehmen. Wie üblich hängt Deutschland musikalisch hier mal wieder hinterher. (A.P.)

ANGELTHEORY - Re-Possession


Erstveröffentlichung: CD 2006 / Endless / Alive

Ein neues Album von ANGELTHEORY, für mich allerdings das erste, wie ich zugeben muss. Beim ersten Hören des Albums dachte ich, dass das Ganze doch recht einfach klänge, ein wenig wie Fortification 55, doch je öfter ich das Album höre, desto mehr wächst es. Als nächstes kamen mir Skinny Puppy in den Sinn und das trifft es schon besser. ANGELTHEORY ist ein Projekt eines Australischen Mannes namens CHARLIE FENECH und er macht eindeutig und ohne jeglichen Zweifel EBM und Electrogrößen wie Klinik, Dive und die eben erwähnten Skinny Puppy sind ihm garantiert nicht fremd. Das Album ist meist recht getragen, durchweg düster aber auch recht melodisch, ja gar manchmal schon poppig, allerdings nicht im chartigen Sinne. Und sehr atmosphärisch, mitunter erinnert es etwas an einen Soundtrack. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich anfangs Fortification 55 in den Sinn bekam, das hat die Band nun wirklich nicht verdient. „Re-Possession“ ist ein Album, das immer weiter wächst. Nun, beim mittlerweile vierten Hören bin ich regelrecht gefangen. Hätte ich anfangs nicht gedacht… (H.H.)

ALU - Ungesunde Traumbilder

Wiederveröffentlichung: LP 2005 / WSDP / WSDP 107
Erstveröffentlichung: MC 1983 / Der Letzte Schrei

ALU waren Anfang der 80er Jahre in der Berliner „Geniale Dilletanten“- und in der frühen deutschen Tape-Szene aktiv und konnten sich mit diversen Veröffentlichungen auf Cassetten, Vinyl und Samplern einen guten Namen machen. Dabei waren die veröffentlichten Klänge sehr unterschiedlich, von fast schon punkigen Sachen über minimal-elektronische Sounds bis hin zu sehr Experimentellem. Da ist jede Veröffentlichung einzeln zu sehen und kaum jemand mag das Gesamtprogramm von ALU, oder anders gesagt: Geschmackssache..
WSDP hat nun Tapeaufnahmen von 1983 als LP wieder veröffentlicht und so manchen Fan damit glücklich gemacht. Die 6 Tracks stammen aus der Phase, in der Sängerin Nadja Moldt bei der Band war und muten fast ein bisschen konzeptionell an, denn von Anfang bis Ende ist eine klare Entwicklung und Steigerung hörbar. Los geht es mit „Solidarnosc“, fast einer Art Arbeiterkampflied, das minimalistisch und bassig ist und durch den Gesang beinahe Chanson-Charakter bekommt. Mit „Ich Mag Mich“ folgt ein Stück, das an die frühen Einstürzenden Neubauten erinnert und „Mein Verlorenes Glück“ ist minimalster Electrosound, der in „Schäumende Wellen“ eine voller klingende Fortsetzung erfährt und wie der Soundtrack zu einem Experimentalfilm erscheint. „Schafe Ohne Kopf“ ist dann nicht nur vom Songtitel her ein Spätwerk der „Geniale Dillettanten“-Bewegung („Nein, eine Bewegung war es ja gar nicht!“ höre ich so manchen jetzt schreien...egal), bevor „Fies Sein“, welch schöner Songtitel, die LP mit einer Art Früh-Techno schon wieder beschließt. Genial, auf jeden Fall der Hit der insgesamt aber auch sehr guten Platte. Manche Leute haben mir gesagt, dass sie mit dieser Platte nichts anfangen können, weil sie nicht den typischen Minimal-Electro-Sound bietet, den man von WSDP mit Veröffentlichungen von Gorilla Aktiv, Schatten Unter Eis oder V2 Schneider gewohnt ist. Da sag´ ich nur „Arschlecken“ und die Platte dann halt jemandem geben, der sich darüber freut. (A.P.)

Webadresse der Band: www.sandgenerator.de

CLAP YOUR HANDS SAY YEAH - Clap Your Hands Say Yeah

Wiederveröffentlichung: LP 2005 / Wichita Recordings / WEBB099LP
Erstveröffentlichung: CD 2005 / Wichita Recordings / WEBB099CDL

Neben den Arctic Monkeys wohl im Moment DIE Hype-Band überhaupt: CLAP YOUR HANDS SAY YEAH. Die Amis legen auf Wichita Recordings, wo auch die wundervollen Bloc Party ihre Platten veröffentlichen, ihr Debutalbum vor, sowohl als LP, wie auch als CD. Außerdem gibt es noch einen Weblink auf CD zu vier kostenlos downloadbaren Livetracks.
Ist der Hype nun berechtigt? Keine Ahnung, wahrscheinlich ist CLAP YOUR HANDS SAY YEAH den meisten normalen CD-Käufern zu schräg und hier wurde wieder einmal eine Band entdeckt, die sich vor allem im Internet einen guten Namen machen konnte. Ich denke aber, dass der ganz große kommerzielle Durchbruch, wie bei den Arctic Monkeys, hier nicht so einfach wird. Dabei sind CLAP YOUR HANDS SAY YEAH wirklich grandios, was sich bei mir allerdings erst beim dritten oder vierten Mal hören eingestellt hat. Man muss sich schon Zeit nehmen, um dieses Album kennen zu lernen und all die Kleinigkeiten, die verspielten Melodien und so zu entdecken. Auch die Stimme des Sängers ist gewöhnungsbedürftig. Lässt man sich aber darauf ein, entdeckt man ein Album voller wunderbarer Popsongs, die deutlich vom New Wave der frühen 80er Jahre beeinflusst sind. Songs wie „Let The Cool Goddess Rust Away“, „Over And Over Again (Lost And Found)“, „Details Of The War“, „In This Home On Ice“ und „Upon This Tidal Wave Of Young Blood“ bleiben schnell im Ohr und begeistern vorbehaltlos. Oft sind die Songs schlicht, aber die Band scheint mit großer Unbekümmertheit heran zu gehen, was sich auf den Hörer überträgt.
Direkt vergleichen kann man CLAP YOUR HANDS SAY YEAH kaum, aber viele alte Helden haben sicher ihre Spuren hinterlassen. Pere Ubu, Pixies, Velvet Underground, Cardiacs vor allem, hier und da aber auch mal The Cure, die Killers oder Interpol.
Das klingt doch nach ausnahmslos guter Gesellschaft und trotzdem haben CLAP YOUR HANDS SAY YEAH ihren eigenen Stil gefunden und begeistern mich damit vollkommen.
CLAP YOUR HANDS SAY YEAH werden mit den Arctic Monkeys gerne in einem Atemzug genannt, obwohl sie musikalisch ganz anders sind, aber wahrscheinlich liegt das daran, dass beide als völlig unbekannte Bands ihren ersten Bekanntheitsgrad durch das Internet bekommen haben und weil die Debutalben beider Bands wirklich großartig sind. CLAP YOUR HANDS SAY YEAH sind vielleicht sogar noch ein klitzekleines Bisschen besser. (A.P.)

COMPILATION - Covergirl EP


Erstveröffentlichung: 10 Inch 2005 / Enfant Terrible / enfant03

Nach der sehr guten „Trumpett Sounds“-Compilation arbeitet das holländische Enfant Terrible-Label ein weiteres Mal mit den THE ACTOR-Leuten zusammen. Diesmal wurde der kleine Synthie-Pop-Knaller „Covergirl“ von 1982 für eine Veröffentlichung ausgewählt. Und weil eine einfache Single dem Song nicht angemessen wäre, hat man gleich eine Compilation-10“ daraus gemacht, eigentlich eher eine Split-10“, denn neben THE ACTOR sind nur die beiden Invasion Planete-Acts PORN.DARSTELLER und IT & MY COMPUTER dabei, die beide „Covergirl“ covern.
Die A-Seite ist THE ACTOR vorbehalten und somit zwei Versionen des Titelstücks von 1982 und 2005. Die beiden Versionen unterscheiden sich gar nicht so gravierend, obwohl über 20 Jahre zwischen ihnen liegen. Die neue Version klingt etwas moderner, einfach nach sehr tanzbarem Synthie-Pop mit leichten Marc Almond-Anklängen. Die Originalversion ist ein bisschen minimalistischer und schön treibend.
Auf der B-Seite dann die beiden Coverversionen.
PORN.DARSTELLER hat das Lied dunkler umgesetzt, sehr 80s-mäßig und kühl. IT & MY COMPUTER sind da schon weitaus eingängiger und klingen irgendwie etwas wie eine elektronische Version von Velvet Underground, auch, wenn das unglaublich erscheint, aber das war meine Assoziation.
Eine sehr gelungene Platte mit schönem Cover im liebenswerten 10“-Format, limitiert auf gut 500 Exemplare, dazu liegt noch eine THE ACTOR-Postkarte bei. Da sollte man wirklich nicht meckern! (A.P.)

Webadresse der Band: www.enfant-terrible.nl

200 SACHEN - Reich und Schön


Erstveröffentlichung: CD 2006 / Oh My Sweet / Sony-BMG/Columbia / 82876715832

Bei der zweiten Auflage von Stefan Raabs „Bundesvision Song Contest“ im Februar 2006 war fast ausschließlich Schrott dabei, Löbliche Ausnahme: 200 SACHEN, eine bisher fast völlig unbekannte Band mit ihrem enthusiastischen „Sekt Zum Frühstück“. Wie im Vorjahr Klee (mit „Gold“), haben die Zuschauer die Power und den sichtbaren Spaß, den die Band hatte, nicht honoriert und wieder mal bekannte Namen an die Spitze gewählt. Für mich waren jedoch definitiv 200 SACHEN die „Gewinner der Herzen“ und so musste ich gleich das erste Album (nach einer EP und 2 Singles) „Reich Und Schön“ kaufen um zu testen, ob noch mehr so unbeschwerte Songs wie „Sekt Zum Frühstück“ drauf sind. Es sind.
14 Songs feiner Gitarren-Pop/Rock, hier und da mit einigen punkigen Anleihen und einer ganzer Menge 60s Sound.
Vergleiche zu Wir Sind Helden, Juli und Silbermond muss die Band wahrscheinlich ständig über sich ergehen lassen. Passt aber nicht, 200 SACHEN klingen viel weniger poppig, dafür aber angenehm frisch und rotzig, wozu Sängerin Katta Strophes Stimme das meiste beiträgt. Überhaupt haben die Bandmitglieder wunderbare Künstlernamen. Neben Katta Strophe sind da noch Fabi Feuer, Uzi Mayer, Tob Le Rone (ganz groß!) und Lefty Luv.
Die Musik rockt ordentlich und ist Bands wie Mia und Klee oder auch Spillsbury näher, als den vorher genannten, dazu eine ganz ordentliche Portion The Jam.
Neben „Sekt Zum Frühstück“ gibt es noch einige weitere echte Hits, so die Singleauskopplung „Ganz Neu“ oder auch „Freier Fall und „Lauter Bis Es Explodiert“ (toller Songtitel!) und einige mehr.
Für den ganz großen Durchbruch dürften 200 SACHEN nicht angepasst und poppig genug sein, aber ihr Sound kommt sowieso in kleinen Clubs am besten und gute Laune ist bei diesem Album auf jeden Fall garantiert. Sogar ich muss da dauernd mit dem Fuß mitwippen, was bei mir schon einem ekstatischen Tanz gleich kommt. Ist bestimmt ein lustiges Bild, wenn bei den Konzerten das wahrscheinlich ziemlich junge Publikum wild vor der Bühne rumhüpft, während an der Bar ein paar alte Säcke wie ich beim Bier debil vor sich hin grinsen. Sängerin Katta Strophe hat genau das richtige Maß an leicht naivem, rotzigem, sexy Charme, den „normale“ Leute wahrscheinlich unangenehm frech finden. Gut so. Hoffentlich können 200 SACHEN sich diese Unbeschwertheit und den Spaß bewahren, ich bin da aber voller Zuversicht.
Die CD enthält neben den 14 Songs auch noch einen Videopart. Da gibt es die Clips zu „Sekt Zum Frühstück“ und „Ganz Neu“, sowie die EPKs (Electronic Press Kit) zu beiden Videos. Gut 20 Minuten bewegtes Bildmaterial (inklusive teilweise erschreckender Frisuren der männlichen Bandmitglieder), das ist doch mal ein echter Mehrwert. Seit Klee und Sonnenbrandt die interessanteste neue deutsche Band. (A.P.)

Webadresse der Band: www.200sachen.de

WERMUT - Anna


Erstveröffentlichung: CD 2005 / Punch Records / PP012

WERMUT aus Hamburg ist musikalisch ein extrem vielseitiges Projekt. Zwischen Neofolk, Minimal-Electro, Industrial und Ambient finden sich auf ihren Platten, bisher immer Vinyl in verschiedenen Formaten und auf wechselnden Labels, sehr unterschiedliche Klänge.
Nun also erstmals auf CD und das ist dann gleich eine Art Vereinigung der verschiedenen Stile und somit wahrscheinlich das bisher typischste Werk der Gruppe, wenn es so etwas bei WERMUT überhaupt jemals geben wird. Die Musiker arbeiten auch noch an verschiedenen anderen Projekten, die aber stilistisch meist klar einer Richtung zuzuordnen sind, schön also, dass bei WERMUT offenbar größere Offenheit besteht.
„Anna“ ist ein Konzeptalbum, einmal mehr in wunderschönem Artwork, und beschreibt die Reise zweier Aussteiger auf ihrem Schiff „Anna“ um die Welt. Auf Deutsch, Englisch und Französisch und auch einige Male instrumental wird die Reise vertont.
Wie gesagt, finden sich hier all die unterschiedlichen Einflüsse der Band wieder, häufig einzelne in bestimmten Songs, aber durchaus auch Kombinationen verschiedener Sachen. Für die eher ambienten Momente haben sich WERMUT auch der Hilfe von His Divine Grace bedient. Meist sind die Klänge recht melancholisch, selten düster. Leute, die von der „Hoffnung“-10“ und der Splitsingle auf Kernkrach begeistert waren, könnten hier ein wenig enttäuscht sein, denn minimal-elektronisch wird es eher selten, zum Beispiel im Titeltrack „Anna“ oder fast schon wave-poppig in „Thetis’ Wrath“, das ein wenig an Edward Ka-Spel erinnert. Ansonsten gibt es hier aber eher Musik zum zuhören in ruhigen Stunden, zum sich treiben lassen auf einer imaginären Weltreise.
„Anna“ ist eine im positiven Sinne unaufgeregte, eher unspektakuläre CD, die mir sehr gut gefällt und neugierig auf die kommenden WERMUT-Veröffentlichungen macht. Mal hören, was die Band noch so alles hervorzaubert. (A.P.)

Webadresse der Band: www.punchrecords.it

JANOSCH MOLDAU - Bleed On


Erstveröffentlichung: Maxi-CD 2005 / Janosch Moldau Records / SX Distribution - Finetunes

Von JANOSCH MOLDAU habe ich noch nie gehört oder gelesen, was wohl zum einen daran liegt, dass ich kaum noch aktuelle Musikzeitschriften lese und insgesamt mit den meisten aktuellen Dark Wave- und Artverwandtes-Sachen wenig anfangen kann. Auf jeden Fall wurde das Album“Redeemer“ schon international in vielen Rezensionen hoch gelobt. Nun also meine erste Berührung mit JANOSCH MOLDAU in Form dieser Maxi-CD, die neben zwei remixten Albumtracks einen dort nicht veröffentlichten Song enthält, sowie das Video zum Titelsong.
„Bleed On“ im „The Masterlamb Single Mix“ klingt ziemlich modern und gleichzeitig melancholisch. Die Beats laden zum Tanzen ein und haben so gar nichts mit der sonst aktiven Synthie-Pop/Dark Wave-Szene zu tun. Möglicherweise kommt der Track in einigen „schwarzen“ Discos aber gut an, denn irgendwie fühlt man sich auch an Wolfsheim oder Deine Lakaien erinnert, wenn auch nur ein kleines bisschen. „Passionately“ klingt dann ein wenig wie eine Depeche Mode-Single-B-Seite der vergangenen 10 Jahre, wenig spektakulär, aber ganz gut gemacht. Schließlich „Reloved (Deconstruct Mix)“, sehr atmosphärisch aber leider auch etwas vermixt und zumindest in dieser Version nicht gerade ein Ohrwurm.
Der Videoclip zu „Bleed On“ erinnert stark an so manches Werk, das Anton Corbijn für Depeche Mode produziert hat, kann aber einige schöne Bilder bieten.
Mir ist nicht ganz klar, welche Hörerschaft JANOSCH MOLDAU mit dieser Maxi-CD erreichen will, für die „schwarze Szene“ ist es zu technoid, für den „gemeinen“ Pophörer wohl zu wenig eingängig und zu verschroben. (A.P.)

Webadresse der Band: www.janoschmoldau.com

MIDGE URE - Breathe


Erstveröffentlichung: Maxi-CD 1996 / BMG Music

MIDGE URE ist wohl vor allem als ehemaliger Sänger der Band ULTRAVOX bekannt, oder in seiner Solokarriere durch eben diesen Song hier. „Breathe“ mit seinem hohen Gesang im Refrain war der Werbesong für die Uhren-Fabrikationsfirma Swatch im Jahre 1996 und gerade durch diesen Umstand hat der Song so eine Popularität erreicht. Es ist ja auch ein netter Popsong, beinahe unsterblich. Neben dem Radio Edit gibt es auf dieser Maxi-CD noch eine Live-Version und das war es dann auch schon. Na ja, da habe ich schon üppigere Maxi-CDs erlebt. (H.H.)



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