SCAPA FLOW - The Guide


Erstveröffentlichung: LP 1989 / Front Music Production / Basically Publishing

Erschienen im Jahre 1989, eine schwedische Band, Schweden also, ein Land, das noch andere gute Bands hervorgebracht hat, wie z.B. Abba und/oder Ace Of Base. Kann aber sein, daß SCAPA FLOW nichts mit denen zu tun haben und ihren eigenen Stil gefertigt haben, sie klingen sehr nach Front 242 oder aber auch No Comment. Nichts besonderes an sich, daß machen viele Bands, aber wenn man schon das kitschige Bild auf der Rückseite betrachtet, kriegt man das Würgen. Was solls, auf die Musik kommt es an, wenn Ihr also alte Front 242-Platten habt, nehmt Euch einen Edding und schreibt SCAPA FLOW rauf, dann habt Ihr beide Bands auf einer Platte! Falls Ihr noch nichts von Front 242 habt, würde ich Euch den Einstieg aber nicht mit dieser Platte empfehlen. (H.H.)

CHRISTIAN DEATH - The Wind Kissed Pictures

Wiederveröffentlichung: LP 1988 / Chameleon Records
Erstveröffentlichung: Mini-LP 1985 / Supporti Fonografici

plus Mini-CD (1990 Normal Records) und CD (1999 Contempo)

„The Wind Kissed Pictures“ was CHRISTIAN DEATH´s first release after Rozz Williams left the band in 1985. Valor, Gitane Demone and David Glass went on, working under the band´s name with the support of Barry Galvin and Johann Schumann and the record became one of the greatest CHRISTIAN DEATH releases ever.

It is no wonder, that this brilliant piece of Gothic Rock was re-released again and again by various labels and in various formats, so that collectors like me become mad. I know minimum 8 different releases, The original vinyls have been released as 4 track vinyl 12“EPs on the US Chameleon Records and the Italian Supporti Fonografici labels under the title „The Wind Kissed Pictures“. Both included a lyric sheet (Italy) or a booklet (US). Then there was a limited edition of the Italian EP, containing a 7“ with the track „Lacrima Christi“, which is today one of the rarest CHRISTIAN DEATH records at all. Supporti Fonografici also put out a CD with the title „The Wind Kissed Pictures (Past And Present)“ in 1988, which contained 3 bonustracks and which was my first ever CD! 2 years later in 1990 Contempo Records in Italy re-released the EP under the name „Past Present And Forever“ as LP (with booklet) and „The Wind Kissed Pictures (Past And Present)“ as CD in cooperation with Germany´s Normal Records. Both have a different cover artwork and combine all the tracks from the former releases, including the CD bonustracks and the „Lacrima Christi“ 7“. The vinyl also came out as Picture Disc. Finally Candlelight Records from England, CHRISTIAN DEATH´s actual home, re-released the stuff again in 1999 without the two versions of „Lacrima Christi“, but including a Live version of „The Wind Kissed Pictures“ and some CD-Rom material and again a different cover artwork.

Musically, „The Wind Kissed Pictures“ is a masterpiece and definetly one of Valor´s best works ever. It opens with the longer version of „Believers Of The Unpure“, my personal favourite track of this band and the first, I´ver ever heard from them. This is a real Gothic-anthem, followed by „Overture“, which is some kind of baroque instrumental, again with the voice of Valor´s and Gitane´s son Sevan Känd (like on the „Ashes“ release). „The Wind Kissed Pictures“ is another great Gothic-Rock hymn, which still fills the floors in good clubs. This is possibly the first chance to listen to Barry Galvin´s wonderful guitars, which he brought to perfectionism with his own band Mephisto Walz. „The Lake Of Fire“ is a doomy, archaic Gothic-Rock track, which reminds me a bit on the „Zero Sex“ single some years later.

Then come the bonus tracks, first of all „Blast Of The Bough“, a rhytmic and very monotonous track, which is really hypnotic. „Amaterasu“ is much more ambient and spiritual, not very typical CHRISTIAN DEATH-like sounding. Well, all the three bonus tracks are Valor solo-performances, sounding a lot like the B-side of „The Scriptures“. The third bonus track is the more than 9 minutes lasting „The Absolute“, which is very experimental and, what is really funny, sounds a bit like Rozz´ Premature Ejaculations stuff. Next come an Italian and an English version of „Lacrima Christi“, again a CHRISTIAN DEATH classic, which fills in perfectly the gap between „Catastrophe Ballet“ and „Ashes“ on one side and „Atrocities“ on the other. If there´s anybody out there, who wants to sell his copy of the 7“, please contact me, I´ll pay very very good for it!. Final track on the Candlelight version is the live track „The Wind Kissed Pictures“, which doesn´t bring new ideas to the listener, but is likeable at all. Well, I think that´s it. „The Wind Kissed Pictures“ is a wonderful Gothic-Rock record, which shouldn´t be missed in any collection of this style. (A.P.)

WARREN SUICIDE - A Song For Warren´s Lover


Erstveröffentlichung: CD-EP 2005 / Leiterfabrik / SPV / LFSP 003

In meiner letzten WARREN SUICIDE-Besprechung zur Single „Butcher Boy“ habe ich die Gruppe als eine der coolsten deutschen Bands der letzten Jahre bezeichnet, und das aus voller Überzeugung. Dass die Band weiterhin großartig ist, ist keine Frage, aber cool ist es sicher nicht, noch eine Single aus dem Debutalbum auszukoppeln, ohne wenigstens ein unbekanntes Lied mit draufzupacken. Der Song an sich war schon auf der Picture-12“ und auf dem Album, wozu also noch vier Versionen, beziehungsweise drei, denn die Albumversion ist natürlich auch auf der Maxi mit drauf? Etwas einfallsreicher darf es dann in Zukunft schon sein.
Das ändert natürlich alles nichts daran, dass der Song immer noch gut ist. Der „International Radio Mix“ ist dann auch ziemlich poppig, aber natürlich nicht auf eine Art, die ihn ins Tageprogramm von nervigen Formatradios hieven würde. Etwas kraftvoller und weniger geglättet ist danach der „Original Radio Mix“, der sich auch für die Tanzflächen der Nation eignet Was man von der „Album Version“ erwarten darf dürfte klar sein, die Ur-Version halt, so gesehen wichtig, weil sie zeigt, was man aus einem Lied durch Remixkunst so alles machen kann. Schließlich gibt es den „Kitbuilders Mix“, der am interessantesten ist, weil er dem Lied eine ziemlich andere Seite abgewinnt. Technoid mit „Pong“-Geräuschen (wer erinnert sich an dieses erste Telespiel, bei dem man mit zwei Strichen einen Punkt hin und her bewegen musste?). Dazu nette (gesamplete) Gitarren und Gesangsfragmente. Das wird in bestimmten Clubs sicher für volle Tanzflächen sorgen, Underground-Techno vom feinsten und eigentlich der Hauptgrund, dich die Single zuzulegen.
Übrigens ist dies die erste WARREN SUICIDE Scheibe, bei der mir nicht der Begriff Synth- oder Electro-Punk in den Sinn kommt, handelt es sich doch um einen der bisher poppigsten und tanzbarsten Tracks der Band.
Nun aber bei der nächsten Veröffentlichung her mit neuem Material, die wachsende Fangemeinde wartet sehnsüchtig darauf! (A.P.)

Webadresse der Band: www.warresuicide.com

DENNIS MOST AND THE INSTIGATORS - Vampire City


Erstveröffentlichung: CD 2004 / Trash 2001 Records / nSonic / CD020-T2001

DENNIS MOST AND THE INSTIGATORS kennt man ja schon vom „Play It Loud“-Sampler von Trash 2001 Records und eine 7“ ist auch schon von mir besprochen worden. Seit einiger Zeit liegt nun das Album „Vampire City“ vor. DENNIS MOST rockt seit über 30 Jahren wild vor sich hin und hat schon Garangen-Punk-Rock gemacht, bevor dieser Begriff überhaupt erfunden war. Zeitgleich gab es die Ramones und etwas später die Cramps und damit hat man auch schon einige Hinweise, was einen auf „Vampire City“ erwartet. Alle drei Bands sind deutlich vom klassischen Rock´n´Roll inspiriert und haben da ihr ganz eigenes Ding draus gemacht.
Das Album enthält ältere, bisher aber unveröffentlichte Aufnahmen und drei Neuaufnahmen, wobei sich die Songs aber perfekt ergänzen, das heißt man hört nicht heraus, welches die alten und welches die neuen sind. Großes Lob deshalb an den Menschen, der das ganze Album abgemischt hat. Es zeigt aber auch, dass DENNIS MOST AND THE INSTIGATORS sich über die lange Zeit musikalisch treu geblieben sind. Songs wie „Fallout Shelter“ (neu), „Sex Is An Art Form“ (alt) und das Songmonster „Vampire City“ (auch neu) rocken dem Hörer alles um die Ohren und dürften live auf der Bühne eine Granate sein.
Wer auf garagigen Punk-ROCK mit ungeheuerlich viel (dunkler) Power steht, sollte nicht lange zögern und sich DENNIS MOST AND THE INSTIGATORS reinziehen. Eine Offenbarung und ähnlich Trash-Movie tauglich wie Japans Guitar Wolf! (A.P.)

Webadresse der Band: www.dennismostinstigator.com

CHEFDENKER / DIE SUPERFREUNDE - Mens Sana In Corpore Sano


Erstveröffentlichung: 7 Inch EP 2004 / Trash 2001 Records / EP022-T2001

Kleines Vinyl mit neun Tracks von zwei Bands, das klingt doch schon mal nach Punk, oder? Dafür bürgt auch das Label Trash 2001 Records, das somit wieder einmal dafür verantwortlich ist, dass ich neue Bands kennen lerne.
CHEFDENKER musizieren viermal in gemäßigtem Tempo, irgendwo zwischen Punk-Balladen und Indie-Gitarren-Pop und ziemlich erfrischend mit ganz intelligenten Texten. Kein Deutsch-Punk, sondern deutscher Punk, ein kleiner, aber feiner Unterschied.
Dem Genre Deutsch-Punk gehören dann eher DIE SUPERFREUNDE an. Da wird´s auch mal etwas trashiger bei der Musik und weniger musikalisch beim Gesang und die Texte werden sicher nie einen Literatur-Nobelpreis kriegen. Ich würde aber nicht so weit gehen wie ein Plastic Bomb-Schreiber, der die Band mit Die Kassierer und Eisenpimmel verglich. Sicher ist, dass diese Band wohl vor allem live auf der Bühne richtig Spaß macht. Hit ist auf jeden Fall „Superfreunde-Tier“ mit einer wunderbar schrägen Gitarre.
Beide Bands covern, wie es sich gehört, jeweils einen Song der anderen Gruppe.
Sicher ist diese Single kein zukünftiger Punk-Klassiker aber doch ein schönes Stück Vinyl für die Sammlung. (A.P.)

Webadresse der Band: www.trash2001.de

GENEVIèVE PASQUIER / BASTARDS OF LOVE - Split


Erstveröffentlichung: 10 Inch 2005 / Petting Zoo / Flexx Distribution / Petting Zoo 001

5 Veröffentlichungen auf nunmehr 3 Labels (We Rock Like Crazy: I Satellite und Psyche, Privatvergnügen: 2 x Bastards Of Love und nun Petting Zoo: Bastards Of Love/Genevieve Pasquier 10“). Warum diese ganzen Scheiben nicht unter einem Labelnamen erscheinen, ist mir nicht klar, aber wahrscheinlich wollen die Macher für jede Musikrichtung eine eigene Labelidentität schaffen. Ist ja letztendlich auch egal, so lange die Musik zu begeistern weiß und das tat sie bisher durchgehend.
Neues Label, Petting Zoo, neues Konzept, Split 10“, und zwei nicht ganz unbekannte Namen, BASTARDS OF LOVE und GENEVIÉVE PASQUIER, was soll da schon schief gehen? Zudem ist das 10“ Format einfach liebenswert.
BASTARDS OF LOVE gibt es nach ihren beiden eigenen Maxis diesmal mit zwei Tracks zu hören. „Wheel Of Passion“ ist ein schöner 80s Synthie-Pop-Song mit Tanzflächentauglichkeit. Erinnert ein wenig an die frühen Psyche-Sachen. „Classification“ ist experimenteller und dürfte die Minimal-Electro-Freaks ansprechen. Wieder einmal gute Musik aus dem Femme Fatale/Der Künstliche Dilettant-Umfeld.
Dunkles Basswummern eröffnet die Plattenseite von GENEVIÈVE PASQUIER, wobei ich nicht sicher bin, ob das Stück für 33 oder 45 UPM ausgelegt ist, irgendwie funktioniert beides, richtig ist aber natürlich, wie auch bei BASTARDS OF LOVE, 45 UPM. Zu gefühllosem Sprechgesang gibt es verzerrte Sounds zu hören. Wie gewohnt sind beide Stücke „Fairy Tale“ und „Female Senses“ ziemlich düster und gewollt monoton und eher dem Industrial, als dem Minimal-Electro zuzuordnen. Wie schon bei der Single auf Disorder Records muss man sich erst ein wenig in die Stücke reinhören, doch dann erscheinen sie wie surreale Ohrwürmer, die auch so manchen Fan von (gemäßigteren) Power-Electronics erfreuen dürften.
Diese Platte in einer Auflage von 500 Exemplaren wird sich problemlos in der Szene festsetzen und vielleicht sogar mal zu einem kleinen Klassiker werden. (A.P.)

Webadresse der Band: www.werocklikecrazy.com

DAS SYNTHETISCHE MISCHGEWEBE - Inventaire & Contradictions (A Retrospective 1982-1988)


Erstveröffentlichung: LP 2004 / Vinyl-On-Demand / Vinyl-On-Demand / VOD10

DAS SYNTHETISCHE MISCHGEWEBE ist eines dieser Projekte, die es bereits seit Jahrzehnten gibt, hier seit Anfang der 80er Jahre, und die unzählige Veröffentlichungen auf allen möglichen zur Verfügung stehenden Medien vorweisen können, ohne jemals einer breiteren Hörerschaft bekannt geworden zu sein. In die gleiche „Schublade“ gehören zum Beispiel auch Hollands De Fabriek und Kapotte Muziek oder Frankreichs M. Nomized und X-Ray Pop. Gemein ist allen diesen Klangkünstlern, dass sie sich immer wieder neu erfinden und sich selbst keine Grenzen setzen. Da gibt es dann alles von reinen Klangcollagen bis hin zu fast schon poppigen Songs.
DAS SYNTHETISCHE MISCHGEWEBE hat durch die vielen Veröffentlichungen auf Tape, CD, LP und was es noch alles geben mag, eine kleine Hörerschaft um sich gesammelt und immer wieder mit interessanten Veröffentlichungen erfreut (und sicher auch hin und wieder verärgert).
Auf der LP „Inventaire & Contradictions“ gibt es, wie der Untertitel schon sagt, eine kleine, sehr kleine, Retrospektive mit Aufnahmen aus den 80er Jahren. Man kommt nicht umhin, den Begriff Avantgarde zu benutzen und man muss praktisch gezwungenermaßen die Zeitgenossen P16.D4 und Die Tödliche Doris erwähnen, nicht, weil DAS SYNTHETISCHE MISCHGEWEBE genauso klingen würde, sondern, um überhaupt einen groben Hinweis zu geben für Leute, die von dem Projekt noch nie gehört haben.
Vor allem die Aufnahmen von Ende der 80er Jahre auf der A-Seite, die locker mal 17 und 12 Minuten gehen, muss man als „Klanglandschaften“ bezeichnen, also Plattenspieler anschalten, Licht abdunkeln und gemütlich in einen Sessel setzen und die Sounds wirken lassen. Da kann dann auch schon mal vor dem inneren Auge ein Film ablaufen. „Harvest Of Magnetism III (Fallow Land, Digested)“ erinnert beinahe von der Atmosphäre her ein bisschen an Coil´s „How To Destroy Angels“ und auch „Merle“ von den Einstürzenden Neubauten hat eine ähnliche, sehr finstere Stimmung. Sogar einige frühere, ambiente Sachen von Psychic TV kommen mir beim Hören in den Sinn. 12 Minuten geniale, atmosphärische Klänge!
Aber auch bei den (etwas) kürzeren und älteren Stücken von 1982 bis 1985 trifft es der Ausdruck Atmosphäre am besten. Frühe Ambient-Ideen, bevor dieser Begriff in den 90ern im Industrial-Bereich in eigenes Subgenre bezeichnete, stehen neben etwas rhythmischeren Aufnahmen, wobei die ganz frühen Tracks natürlich nicht in ganz perfekter Soundqualität vorliegen, und Sachen, die an typischen Japan-Noise erinnern.
Minimal-Electro-Fans werden einmal mehr meckern, dass die Vinyl-On-Demand Releases so selten ihrem Geschmack entsprechen, Avantgarde-Freaks und Freunde von experimentellen Aufnahmen sollten aber mal ein Ohr riskieren, alleine schon wegen dem Meisterwerk „Harvest Of Magnetism III (Fallow Land, Digested)“. (A.P.)

Webadresse der Band: www.vinyl-on-demand.com

COMPILATION - Kontinuität Der Befindlichkeiten


Erstveröffentlichung: LP 2004 / Vinyl-On-Demand / Vinyl-On-Demand / VOD3

Wenn man an alte Tapeszenezeiten denkt, wird einem mit ziemlicher Sicherheit der Name Graf Haufen und sein nach ihm benanntes Tapelabel einfallen. Der (damals) junge Mann gehörte sicher zu den deutschen Pionieren, was eigenständige, auf Tape veröffentlichte Musik in Deutschland angeht, hat er doch Anfang der 80er Jahre eine Menge wirklich innovativer Sachen auf dem Medium veröffentlicht, in Zeiten, als es noch Leute gab, die Tapes als eigenständige Kunstform ansahen und auch kauften oder tauschten. Diesen Zauber können heute selbst hergestellte CD-Rs nie erreichen. Grund genug für Vinyl-On-Demand eine Platte mit verschiedenen Projekten des langjährigen „Splatting Image“-Schreibers zu veröffentlichen.
Graf Haufen war in unterschiedlichsten Projekten aktiv, die so schöne Namen wie GELÄNDETERROR, PORNO-GRAF, T.O.L.L., DIE RATTEN, VORPROGRAMMIERTE ZWANGSNEUROSE und POTENZSTÖRUNG ´81 hatten. Genau diese Projekte finden sich auf der LP mit dem wunderschönen Cover wieder. Wie der Untertitel „Minimal Electronics 1981 – 1983“ schon deutlich macht, gibt es durchweg analoge Electro-Sounds zu hören, die sich nahtlos in die damals unglaublich spannende Früh-NDW-Zeit einfügen. Da gibt es von sehr schrägen bis fast schon atonalen Stücken bis hin zu richtig eingängigen und tanzbaren Tracks alles Mögliche zu hören und auch dunkle New Wave Tracks sind vertreten. Zu der Zeit ging einfach alles. Auf der A-Seite überzeugen dabei vor allem die Stücke „Westwärts“ und „Too Short To Be King“ von T.O.L.L.
Die B-Seite begeistert besonders mit den schrägen Klängen von GELÄNDETERROR, ein Projekt, das sicher auch mal eine eigene LP verdienen würde, wenn es noch mehr so gutes Material gibt. Hier wurde mit einfachsten Mittel spannende Musik gemacht, wie sie wahrscheinlich nur in der damaligen Zeit authentisch entstehen konnte. Berlin-Mauerstadt, Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, RAF, Kalter Krieg, graue Betonvorstädte, Nihilismus, No Future...Klischees? Vielleicht, aber mit dieser Phase deutscher Musik waren die Hippies, die noch stark die 70er Jahre geprägt hatten, endgültig Geschichte. Mit Punk hatte das nur noch gemein, dass man nicht mehr Musik studieren musste, um Musik zu machen, mit Pop im ursprünglichen Sinne gab es gar keine Gemeinsamkeiten mehr. Die Zeit, bis die großen Plattenfirmen sich von dem Schock erholt hatten, dass man auch ohne sie innovative Klänge produzieren konnte, ja, dass es sogar viel besser ohne sie ging, war kurz. Danach vereinnahmten die Majors das, was Alfred Hilsberg in „Sounds“ Neue Deutsche Welle betitelt hatte und schlachteten es kommerziell mit schlagerartigem Pop aus. Nur an die Tapeszene kamen sie niemals heran und bis in die frühen 90er Jahre blühte der Cassettenuntergrund und brachte immer mal wieder erfolgreiche Bands hervor.
„Kontinuität Der Befindlichkeiten“ steht fast schon exemplarisch dafür, was 1980-83 möglich war und zeigt doch nur einen winzigen Ausschnitt daraus.
Auf jeden Fall ist diese LP eine meiner Top-3 von Vinyl-On-Demand und eine der Platten des Labels, die auch jeder Minimal-Electro-Fan haben sollte, auch, wenn ihm das Label sonst zu avantgardistisch/experimentell daher kommt. Eine ganz wichtige Platte! (A.P.)

Webadresse der Band: www.vinyl-on-demand.com

S.Y.P.H. - Rare & Lost Into The Future


Erstveröffentlichung: LP 2004 / Vinyl-On-Demand / Vinyl-On-Demand / VOD12

S.Y.P.H. sind schon eine unglaubliche Band. Sie besteht seit über einem Vierteljahrhundert und darf wohl ohne Wenn und Aber zu den ersten deutschen Punkbands gezählt werden. Schnell zeigte sich aber, dass der Gruppe die Punk-Schublade zu eng wurde und so hörte man bald alle möglichen Klänge von NDW über Kraut-Rock bis hin zu purer Avantgarde und einem seltsam eigensinnigen Alternative-Rock. Ich muss gestehen, das ich bei weitem nicht alles von S.Y.P.H. gut finde, obwohl ich eigentlich so verschrobene Musik mag, aber ich bringe die Band halt immer mit „Zurück Zum Beton“ und „Industriemädchen“ in Verbindung und tue mich deshalb oft schwer mit anderen Aufnahmen, weil die Düsseldorfer nie wieder so eine direkte, frische Musik hinbekommen haben.
Diese LP enthält Aufnahmen aus den Jahren 1977 bis 1986, zeigt also die gesamte musikalische Bandbreite der Gruppe. Da sind ganz frühe, soundtechnisch schwache, Lärmorgien, rockiges, jazziges, krachiges, selten punkiges und so weiter. Und eben auch ziemlich viel beliebiges und belangloses. Dadurch, dass die Aufnahmen in rund zehn Jahren entstanden sind, klingt das natürlich nicht alles wie aus einem Guss und wird wohl eher die ganz extremen Sammler ansprechen, die alles von S.Y.P.H. oder aus der frühen deutschen Punk/NDW-Szene besitzen wollen. Für jemanden, der die Band erst noch kennen lernen möchte, eignet sich diese Platte sicher nicht, da echte Hits fehlen. Auch, wenn die Stücke selten und/oder unveröffentlicht sind, so erweckt das Album doch eher den Eindruck, dass hier einfach Resteverwertung betrieben wurde. Auch, wenn die Band echter Kult ist, muss doch nicht jeder Furz, der im Proberaum aufgenommen wurde auch veröffentlicht werden. Allerdings ist auf der B-Seite mit „Lebensgunst“ dann doch noch ein richtig gutes, dunkles Wavestück dabei, was den Gesamteindruck etwas hebt. Die erste Vinyl-On-Demand-Veröffentlichung, die mich nicht wirklich anspricht, aber zum einen ist das immer Geschmackssache und zum anderen darf sich auch so ein engagiertes Label mal einen Ausrutscher erlauben. (A.P.)

Webadresse der Band: www.vinyl-on-demand.com

DREIZACK - Grossstadtnacht


Erstveröffentlichung: 7 Inch 1982 / Welt-Rekord / Emi-Electrola / 006-46 623

Eine sehr mysteriöse Single. Der Bandname DREIZACK klingt irgendwie wie von einer Kraut-Rock-Band aus den 70er Jahren, das Cover hingegen sieht aus, wie eines der frühen von Gary Numan und in Eisenblätters/Straches „NDW-NDT Discographie“ wird die Single als eine der besten NDW-Platten bezeichnet. Da die Single bei Emi-Electrola erschienen ist, durfte man das mit gutem Grund bezweifeln und im Erscheinungsjahr 1982 hatte der Sell-Out der NDW auch schon begonnen. Andererseits sind auf dem Label Welt-Rekord einige gute Platten erschienen und Songtitel wie „Grossstadtnacht“ und „Koma“ klingen nicht gerade nach Schlager. Da bleibt einem bei so unterschiedlichen Eindrücken nur eines übrig: Platte besorgen und selbst eine Meinung bilden! Gesagt, getan und erstmal alle Vorurteile beiseite gefegt.
„Grossstadtnacht“ ist tatsächlich ein ganz großartiger NDW-Song, der schon eingängig und poppig ist, aber auch einige Rock-Einflüsse hat und noch genug frühes New Wave- und NDW-Flair aufweist, dass man die Platte gerne immer wieder auflegt. Ein richtiger kleiner Hit und Ohrwurm. Die B-Seite „Koma“ bleibt nicht sofort im Ohr und ist insgesamt etwas dunkler, man muss den Titel mehrfach anhören, damit er richtig hängen bleibt. Dann weiß er aber auch zu gefallen.
Die Single ist selten zu finden, aber viel mehr als 10 € sollte sie nicht kosten, da es sich um ein Major-Release handelt. Ein Pflichtstück für jede ernsthafte NDW-Sammlung.
Sollte jemand von der damaligen Band dies lesen oder sollte einer unserer Leser jemanden kennen, der damit zu tun hatte, meldet Euch doch mal bitte bei uns! (A.P.)

ECHO AND THE BUNNYMEN - Crocodiles (25th Anniversary Edition)


Erstveröffentlichung: CD 2003 / Warner

ECHO AND THE BUNNYMEN hätte eine der größten Bands der Welt werden können! Seit Ihrer Gründung 1978 hat die Band vor allem in den 1980er Jahren unzählige wunderbare Songs geschrieben und veröffentlicht und ist auch mit den neueren Veröffentlichungen immer noch relevant, so wurden sie in England als „einflussreichste Band“ geehrt und Gruppen wie Coldplay oder die Editors sind mehr als deutlich von den Musikern um den charismatischen Ian McCulloch beeinflusst worden.
2003 brachte Warner die Alben der 80er Jahre zum 25jährigen Bandbestehen als Special Editions im Pappschuber neu heraus, wobei der Sound digital remastered wurde, ausführliche Booklets mit Liner Notes und seltenen Fotos spendiert wurden und jede Menge Bonustracks dabei sind.
„Crocodiles“ war 1980 das erste Album der Band nach zwei in England gut eingeschlagenen Singles. Bei diesem und den folgenden drei Alben begeistern besonders auch die Cover, die den Spagat zwischen Kitsch und Wave-Atmosphäre perfekt treffen. Wie es oft beim ersten Album einer Band ist, versammeln sich dort die bisher live erprobten Lieder, so dass eher eine Songsammlung entsteht, als ein konzeptionell geschlossenes Album. So auch hier. Die Lieder sind noch rauer und ungeschliffener als später und können hier und da tatsächlich fast mit den frühen Joy Division verglichen werden. Die Songs sind durchweg großartig und leben durch die trockenen Drums, die perfekten Gitarren und natürlich McCullochs Gesang. Die Singles „Pictures On My Wall“ und „Rescue“ sind zeitlose Hits, die man auch fast 30 Jahre später noch gerne hört, viele weitere Songs hätten auch Single-Potenzial gehabt, aber über allen steht ganz eindeutig „Villiers Terrace“, vielleicht einer der besten Songs, die je geschrieben wurden und ganz sicher einer der besten von ECHO AND THE BUNNYMEN.
So wird „Crocodiles“ zu einem wegweisenden Post-Punk-Album und einem der Urwerke des Gitarren-Wave, dem Bands wie die unsterblichen Chameleons oder auch The Sound und und und viel zu verdanken haben.
Ihren endgültigen, unverwechselbaren Stil fanden die BUNNYMEN mit dem zweiten Album „Heaven Up Here“, einem der schönsten New Wave-Alben aller Zeiten, aber „Crocodiles“ zeigte schon deutlich den Weg dahin.
Die Special Edition enthält zu den 10 Album-Songs satte 10 Bonustracks, unter anderem die komplette „Shine So Hard“ 12“Live-EP von 1982, diverse Single-B-Seiten und drei bisher unveröffentlichte alternative Versionen, darunter eine wunderbar rohe von „Simple Stuff“. Damit dürfte jeder Fan der Band glücklich sein und die Anschaffung der Special Edition wird zu einem Muss, auch, wenn man das reguläre Album schon hat. (A.P.)

ECHO WEST - Kreuze


Erstveröffentlichung: 10 Inch 2007 / Treue Um Treue

Das Projekt ECHO WEST hat seit Anfang des Jahrtausends inzwischen 4 Alben, eine Single und zahlreiche Samplerbeiträge auf verschiedenen Labels veröffentlicht und sich damit einen guten Namen vor allem in der Minimal-Electro-Szene gemacht. Allerdings ist das Projekt (und das Nebenprojekt Silent Signals) eben nicht auf diesen begrenzten Musikstil festgelegt, sondern bewegte sich in den letzten Jahren zunehmen auch in düstere Gefilde zwischen Electro Wave und Industrial. Damit ist ECHO WEST natürlich absolut prädestiniert, um eine Platte (oder in diesem Falle gleich zwei) auf dem Hamburger Label Treue Um Treue zu veröffentlichen, das uns mit der Hausband Wermut und anderen ja schon einige schöne Veröffentlichungen präsentiert hat.
Natürlich bietet es sich da an, ein wunderschönes, schlichtes, düsteres Artwork zu gestalten und so kommt das Aufklappcover durchweg finster daher und stimmt schon mal auf die dunklen Klänge der beiden Scheiben ein.
Zu hören gibt es eine Zusammenstellung bisher unveröffentlichter Stücke aus den Jahren 2002 bis 2006, was die Entwicklung von ECHO WEST recht gut zeigt. Tanzbare Electro-Songs mit 80er Jahre-Atmosphäre im Stil des kleinen Bandhits „Engelstür“ wechseln sich mit düster grollenden Fabrikhallen-Tracks ab. Mir haben schon immer beide Seiten von ECHO WEST gefallen und so finde ich auch diese Platten sehr gelungen, auch, weil Musik und Artwork gemeinsam einen sehr edlen Eindruck hinterlassen und bei einer Auflage von nur etwas über 300 Exemplaren, wird „Kreuze“ garantiert später mal ein gesuchtes Sammlerstück. (A.P.)

Webadresse der Band: http://eys.online.fr

SALTATIO MORTIS - Aus der Asche


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Napalm Records

Und plötzlich waren es acht! Ja es hat sich viel getan seit dem vergangenen Jahr bei den Spielleuten von Saltatio Mortis. Im Herbst letzten Jahres erlebten die sympathischen Mittelalterrocker durch das Ausscheiden gleich dreier langjähriger Mitstreiter die erste Umbesetzung in ihrer siebenjährigen Bandgeschichte. Doch Krisenstimmung, oder gar Auflösungserscheinungen sind absolut kein Thema! Ganz im Gegenteil: Verstärkt durch talentierte und motivierte neue Mitstreiter sind Saltatio Mortis 2007 wieder am Start, und dass vielleicht fulminanter als je zuvor. Das brandneue Album „Aus der Asche“ beweißt: Mittelalter rockt ab wie eh und je!
Ab dem 31. August wird das heiße Werk im Handel sein und im Oktober begeben sich Saltatio Mortis mit dem neuen Material endlich wieder auf Club – Tour. Die stetig wachsende Fangemeinde wartet schon ganz gespannt auf die Rückkehr der geliebten Spielleute, die auf den Mittelaltermärkten, dem Wave Gotik Treffen, dem Mera Luna und beim Burgfolk Festival immer wieder zu Headlinern zählen.

Mit der neuen Besetzung und mit neuen Titeln im Gepäck bleiben Saltatio Mortis ihren Ansprüchen und ihrem Sound treu, legen aber nach ersten Einschätzungen der Pressekollegen das mit großem Abstand beste Album ihrer Geschichte vor. Es ist in der Tat ein druckvoller, unverfälschter Sound mit historischen wie modernen Instrumenten auf diesem Album . Rock Melodik ist im Einklang mit archaischem Sackpfeifen Sound, dabei vermeiden es Saltatio Mortis vorhersagbar zu sein, was die Gruppe mit jeder neuen Platte auch spannend macht neu zu entdecken.

Produzent von „Aus der Asche“ ist erneut Thomas Heimann Troisen, der bereits für Schandmaul und In Extremo Produzent war, und für Saltatio das chartplazierte Vorgängeralbum „Des Königs Henker“ realisierte. Zusammen mit ihm, lieferten die Jungs 13 brandneue Songs ab, deren musikalische Bandbreite von traditionellem Material im charakteristischen Stil, hin zu mitreißenden Rocksongs und gefühlvollen Balladen reicht. Das Themenspektrums auf dieser Platte reicht von mythologischen und märchenhaften, aber auch gesellschafskritischen und autobiographischen Inhalt. Für die Lyrics zeichnet sich erneut Lasterbalk, der Lästerliche verantwortlich – auf der Bühne wortgewaltiger Conferencier und Schlagzeuger überzeugt er hier mit feinfühliger und pointierter Textarbeit.
Sänger Alea der Bescheidene interpretiert die neuen Stücke mit Charisma und stimmlicher Bravour. Sei es nun das man als Spielleute den „Spielmannsschwur“ leistet, oder bekundet, dass Ihnen die Welt gehört im Track „Uns gehört die Welt“. Die Texte sind eingängig und gehen sofort ins Blut, das wird live mit Sicherheit der Hammer! Ich freu mich schon darauf!! (Maximilian Nitzschke)

CORVUS CORAX - Kaltenberg Anno MMVII


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Soulfood

Das Kaltenberger Ritterturnier ist ein zauberhaftes mittelalterliches Spectaculum. Die perfekte Inszenierung jener deftig – derben, schaurig schönen Epoche zwischen Karl dem Großen und der Erfindung des Buchdrucks. In Kaltenberg, beim größten Ritterturnier weltweit, wird das Mittelalter seit 1980 neu inszeniert. Die Idee dazu hatte seine Königliche Hoheit Luitpold Prinz von Bayern. Im weitläufigen Areal rund um sein Kaltenberger Schloss sollte ein Fest entstehen, das Groß und Klein in seinen Bann ziehen sollte. Jedes Jahr sorgen mehr als 1000 Mitwirkende in überzeugend authentischer Kostümierung dafür, dass rund ums Turniergelände ein Markt abgehalten wird, der so ziemlich alles bietet, was das Herz begehrt.
Ein wichtigen musikalischen Glanzpunkt bilden hierbei schon seit vielen Jahren die „Könige der Spielleute“ Corvus Corax.

Insbesondere für die Fans und Freunde der Musik von Corvus Corax ist diese neue CD „Kaltenberg anno MMVII“ zusammengestellt worden. Die 13 beliebtesten Lieder und Tänze von der Rabenbühne auf Schloß Kaltenberg sind ausgewählt und – leider nur- im Studio von Thommy Hein aufwendig remastert worden. Die dafür benutzten Studioaufnahmen stammen aus dem umfangreichen Repertoire der mehr als 15 CDs umfassenden Diskografie der Band.
Jedoch wirkliche Fans der Band, haben im Grunde alle Songs der Band längst, und wirklich etwas neues hat „Kaltenberg anno MMVII“ ja nicht zu bieten!
Der Hörer hört die Kulthits der Bands, etwa „Skudrinka“, „Cheiron“ und „In Taberna“ und findet auf der CD allein 4 Songs des aktuellen Studioalbums „Venus Vina Musica“. Währe die CD wenigstens live in Kaltenberg aufgenommen worden, hätte es für mich mehr Sinn gemacht, diese Scheibe zu veröffentlichen. So jedoch ist sie weder ein Best – Of Album noch ein neues Album, sondern irgendwie ein netter weiterer Merchandise Artikel vom Kaltenberger Ritterturnier. Zugegeben von einer wirklich guten Band, aber nur der Name allein reicht für mich nicht, um diese CD zum Kauf zu empfehlen!
Denn wenn das Produkt den Anschein erweckt, nur Werbeträger für Kaltenberg zu sein, dann muss ich sagen, DASS das Corvus Corax nach all den Jahren ja nun wirklich nicht nötig haben! Mir erscheint es ein wenig so, als ob der gute Name Corvus Corax’s als werbewirksames Mittel benutzt wurde für des Prinzen Turnier. Dafür würde auch das nicht besonders originell gestaltete Cover sprechen, dass exakt das Programmbild „Das Urteil“ des diesjährigen Turniers wiederspiegelt, und keinesfalls die Detailliebe sonstiger Platten der Band aufweist.

Zusätzlich zu den ohnehin schon bekannten Songs des Albums wurde der Kaufanreitz dadurch gesteigert, dass man ein paar Bonustracks mitliefert. Da hätten wir zuallererst, wie könnte es auch bei einer Kaltenberg CD anders sein, die offizielle Hymne des Ritterturniers „Hymnus Cantica“. Keinesfalls neu, aber stimmungsvoll, da man sogleich an den Einzug der Ritter in die Arena denkt. Desweiteren befindet sich noch der Titel „Is Nomine Vacans“ auf der CD – der einzige wirklich neue Track der CD – der exklusiv aus dem Soundtrack des weltweit erfolgreichsten Fantasy Rollenspiels GOTHIC3 entnommen ist.
Als weiterer Bonus ist ein 15minütiger Videoausschnitt mit drei Titeln des Konzertes in Mexico City am 29.03.2007 im Theatro de Cuidad beim Festival de Mexico zu bewundern.

Ob die CD es allerdings schaffen wird, den Fans zu genügen, wage ich fast zu bezweifeln, eher werden vielleicht neue hinzugewonnen, die vorher von Corvus Corax noch nichts gehört haben. Aber mal Hand aufs Herz, gibt es den dieses Käuferklientel seit ihrem ersten Auftritt in Kaltenberg im Jahre 1993 überhaupt noch? (Maximilian Nitzschke)

EMILIE AUTUMN - Enchant


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Trisol

Diese Kritik ist vorübergehend nicht verfügbar. (Maximilian Nitzschke)

COMPILATION - Fabriksampler 1


Erstveröffentlichung: CD 2006 / Pharmafabrik

Ich sage gleich zum Anfang, dass mir bisher keine der insgesamt 14 Bands/Projekte/Künstler auf dieser CD-Zusammenstellung bekannt waren, nicht einmal vom Namen her. Wahrscheinlich ist auch deshalb diese Veröffentlichung so lange ungehört liegen geblieben.
Dabei ist hier durchaus gute und spannende Musik zu hören, wenn man denn ein Liebhaber experimenteller oder avantgardistische Klänge ist, die meist eine sehr moderne Note haben.
PSYCHEDELIC DESERT aus Japan beispielsweise gleich zum Start klingen genau so, wie ihr Name es verspricht, zunächst ruhig, schwebend, dann kommen Rhythmen und Sounds hinzu, die der Musik ein bisschen etwas Bedrohliches geben. Mit modernen Rhythmen arbeitet auch BIAXIAL CREEP, kombiniert allerdings mit analogen Electro-Sound und natürlichen Instrumenten, was eine interessante Chill-Out-Atmosphäre ergibt. Ganz in ambiente Tiefsee-Aquariums-Welten lässt und O-TOWER versinken, bevor es bei CHRIS WOOD auch einige Weltmusik-Anklänge zu aus Samples zusammengesetzter Musik zu hören gibt. CARTHATECH liefert bedrohliche Fabrikhallen-Klänge ab, die direkt aus einem Horrorfilm stammen könnten, sehr finster. SEED hingegen wurde deutlich von so einigen Noise-Industrial-Projekten vor allem aus den 80er Jahren inspiriert, hier gibt es strukturierten, rhythmischen Krach zu hören, der aber sehr atmosphärisch rüber kommt. So geht es denn auch weiter. Sehr interessante Tracks wechseln sich mit solchen ab, die nur uninspiriert vor sich hindudeln (RICHARD DUNLAP). Am aufregendsten ist wohl die japanische Mädchenband TERESA 11, von der ich gerne mehr hören würde. Ihre musikalische Mischung ist außergewöhnlich fesselnd.
Die verschiedenen Projekte auf der CD kommen aus der ganzen Welt, von Japan und Taiwan über Deutschland und Italien bis Südafrika und USA. Und doch passt alles zusammen, obwohl die musikalischen Ansätze sehr unterschiedlich sind. Das zeugt vom Talent der Labelmacher, eine homogene Zusammenstellung zu basteln. Auch, wenn’s nicht unbedingt immer meine Musik ist, so haben mich einige Tracks doch richtig überzeugt. Minimal-Electronics (nicht zu verwechseln mit dem tanzbaren Minimal-Electro), Ambient, Avantgarde, Drone-Industrial, Soundcollagen...all das sind Sachen, die man auf „Fabriksampler 1“ findet, wenn man also auf solche Sachen steht, kann man hier viel entdecken. (A.P.)

Webadresse der Band: www.pharmafabrik.com

THE MOON AND THE NIGHTSPIRIT - Regö Rejtem


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Equilibrium Music / EQM018

Im Jahre 2005 veröffentlichte die ungarische Band um die bildende Künstlerin Agnes Toth ihr Debütalbum auf dem portugiesischen Label Equilibrium Music, das sich ja einen guten Namen im Bereich Ambient/Neo Folk/Neo Klassik gemacht hat.
Nun legt das gleiche Label das Nachfolgealbum vor und das kommt in einem DVD-großen DigiPak mit wunderschönem Artwork, das eben von Sängerin Agnes Toth gestaltet wurde. Optisch gibt es also schon mal viele Pluspunkte. Auch musikalisch wird Qualität geboten. Im Info werden Begriffe wie Ethereal Folk und World Music genannt, man kann es aber auch als Schnittpunkt aus Ungarischer Volksmusik, Neo Klassik, Pagan Folk und Mittelalter bezeichnen, sehr melodiös, meist eingängig und wirklich schön, was auch am elfenhaften Gesang liegt. Man stelle sich etwas irgendwo zwischen Dead Can Dance’s „The Serpent’s Egg“ und The Soil Bleeds Black’s „Mirror Of The Middle Ages“, das Ganze etwas „leichter“ produziert und man landet bei „Regö Rejtem“. Klingt gut? Ist es auch. Einfach wunderschöne Musik, die gerade im bevorstehenden Herbst für manch entspannte Stunde sorgen könnte. (A.P.)

Webadresse der Band: www.equilibriummusic.com

WERMUT / FIENDISH FIBQ - The Nervous Split


Erstveröffentlichung: 10 Inch 2007 / Treue Um Treue / T.u.T.007

WERMUT ist ein unglaublich vielseitiges Projekt, von neofolkigen Klängen über dark-waviges und Minimal-Electro bis hin zu avantgardistischen Klängen ist auf den inzwischen zahlreichen Veröffentlichungen alles Mögliche zu hören. Die neueste Veröffentlichung ist eine Split-10“ mit dem befreundete französischen Projekt FIENDISH FIB.
Wer bei WERMUT eher die „Hoffnung“ 10“ und die Split-EP mit Rod Droid mochte, liegt hier wieder mal genau richtig, denn es gibt die bekannte, gelungene Mischung aus Minimal-Electro und leicht elegischem Dark Wave zu hören, wobei vor allem die ersten beiden Tracks „Complainte Du Galgo Noir“ und „Stains“ sich als kleine Hits erweisen, während „Petals“ fast etwas an Kirlian Camera erinnert und „Deutschland Jahr 0“ ziemlich ndw-ig daherkommt und Freunde dieses Stils auf den Tanzflächen in Bewegung bringen dürfte. Schließlich noch „Nervous Girl“, eine Tuxedomoon Coverversion (im Original „Nervous Guy“) und das zentrale Stück dieser 10“, denn auch FIENDISH FIB interpretieren es.
FIENDISH FIB eröffnen ihre Plattenseite dann gleich mit ihrer Version von „Nervous Guy“ als treibendem Electro Wave-Track. Insgesamt sind die Einflüsse bei FIENDISH FIB sehr weit gefasst und die Stücke, teilweise eher musikalisch Miniaturen, lassen sich nicht klar einem bestimmten Genre zuordnen. Zwischen Dark Wave, Electro, Industrial und weiteren Stilen finden sich Stücke wie zum Beispiel „The Traveller“, das ein bisschen an Cabaret Voltaire erinnert, was so schlecht ja nicht ist. Manches kurze Instrumentalstück könnte noch weiter entwickelt und ausgebaut werden, obwohl auch jetzt schon hier und da ein gewisses Soundtrackgefühl aufkommt. Leider ist der Sound etwas dumpfer, als bei den WERMUT-Stücken.
Wie bei Treue Um Treue gewohnt, ist die 10“ sehr hübsch gestaltet, das heißt, es gibt ein informatives Beiblatt und natürlich ist die Auflage wieder einmal auf gut 300 Exemplare limitiert. (A.P.)

Webadresse der Band: eys.online.fr/tutrur

WERMUT / FIENDISH FIB - The Nervous Split


Erstveröffentlichung: 10 Inch 2007 / Treue Um Treue / T.u.T.007

WERMUT ist ein unglaublich vielseitiges Projekt, von neofolkigen Klängen über dark-waviges und Minimal-Electro bis hin zu avantgardistischen Klängen ist auf den inzwischen zahlreichen Veröffentlichungen alles Mögliche zu hören. Die neueste Veröffentlichung ist eine Split-10“ mit dem befreundete französischen Projekt FIENDISH FIB.
Wer bei WERMUT eher die „Hoffnung“ 10“ und die Split-EP mit Rod Droid mochte, liegt hier wieder mal genau richtig, denn es gibt die bekannte, gelungene Mischung aus Minimal-Electro und leicht elegischem Dark Wave zu hören, wobei vor allem die ersten beiden Tracks „Complainte Du Galgo Noir“ und „Stains“ sich als kleine Hits erweisen, während „Petals“ fast etwas an Kirlian Camera erinnert und „Deutschland Jahr 0“ ziemlich ndw-ig daherkommt und Freunde dieses Stils auf den Tanzflächen in Bewegung bringen dürfte. Schließlich noch „Nervous Girl“, eine Tuxedomoon Coverversion (im Original „Nervous Guy“) und das zentrale Stück dieser 10“, denn auch FIENDISH FIB interpretieren es.
FIENDISH FIB eröffnen ihre Plattenseite dann gleich mit ihrer Version von „Nervous Guy“ als treibendem Electro Wave-Track. Insgesamt sind die Einflüsse bei FIENDISH FIB sehr weit gefasst und die Stücke, teilweise eher musikalisch Miniaturen, lassen sich nicht klar einem bestimmten Genre zuordnen. Zwischen Dark Wave, Electro, Industrial und weiteren Stilen finden sich Stücke wie zum Beispiel „The Traveller“, das ein bisschen an Cabaret Voltaire erinnert, was so schlecht ja nicht ist. Manches kurze Instrumentalstück könnte noch weiter entwickelt und ausgebaut werden, obwohl auch jetzt schon hier und da ein gewisses Soundtrackgefühl aufkommt. Leider ist der Sound etwas dumpfer, als bei den WERMUT-Stücken.
Wie bei Treue Um Treue gewohnt, ist die 10“ sehr hübsch gestaltet, das heißt, es gibt ein informatives Beiblatt und natürlich ist die Auflage wieder einmal auf gut 300 Exemplare limitiert. (A.P.)

Webadresse der Band: eys.online.fr/tutrur

OH87 - OH87


Erstveröffentlichung: Doppel-LP / Phonomenal / PHON 003

OH87 stammten aus Verden, hießen zuerst Offensive Herbst 78 und dann Offensive Herbst 87. Ihr Beitrag auf dem ersten „Soundracks Zum Untergang“-Sampler machte sie bekannt. Darüber hinaus gab es weitere Stücke auf einem Sampler, eine Single und eine Split-Single, alles so um 1981 herum. All das reichte nicht, um die Band richtig bekannt zu machen und so verschwand sie aus dem Gedächtnis vieler alter Punkhörer...
...bis Phonomenal sich schließlich entschloss, diesen Umstand zu beseitigen und eine Doppel-LP mit (fast) allem, was die Band so gemacht hat, zu veröffentlichen. Sehr löblich, denn die Band wurde leider ein bisschen unterschätzt. Nun kann man sich also das Gesamtwerk der Band (ein paar Tapeaufnahmen gibt es wohl noch) auf schönem schwarzem Vinyl zu Gemüte führen, wobei die erste LP die Veröffentlichungen der Gruppe zusammenfasst. Die Single der Band gibt es hier allerdings „nur“ in Demoversionen zu hören, da muss man sich also nach dem Original doch noch auf die Suche machen. LP 2 enthält jede menge Liveaufnahmen von 1982, also der Zeit, in der die Band schließlich zerbrach, schön rauer, authentischer Sound.
OH87 waren damals eine Band, die zwischen dem klassischen Pogo-Punk-Sound und schon leichten Wave-Anklängen ihre eigene Nische gefunden hatte, aber sich vielleicht gerade wegen dieser Offenheit nicht richtig durchsetzen konnte. Aber gerade deshalb ist diese Veröffentlichung so gelungen, weil es eben noch etwas zu entdecken gibt. Schickes Aufklappcover und Beiblatt und insgesamt 48 Lieder...ein Rundum-Wohlfühl-Paket halt und ein kleines Stück deutsche Punkgeschichte. (A.P.)

Webadresse der Band: www.phonomenal.de/site.htm

ECHO & THE BUNNYMEN - Echo & The Bunnymen (25th Anniversary Edition)


Erstveröffentlichung: CD 2003 / Warner / 2564-61164-2

Das insgesamt fünfte reguläre Album von ECHO AND THE BUNNYMEN ist das letzte, das zum 25jährigen Bandjubiläum als Special Edition wieder veröffentlicht wurde und es in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt der Bandgeschichte.
Nach vier Alben von 1980 bis 1984, zahllosen Singles und unermüdlichem Touren hatten ECHO AND THE BUNNYMEN 1984 eine Status erreicht, dessen nächster Schritt wahrscheinlich der Aufstieg zu einer Stadionband im Stile von U2 und Simple Minds gewesen wäre. Statt diesen Schritt zu gehen, ruhte sich die Band nach dem Album „Ocean Rain“ aber erstmal aus. Die Musiker waren ausgepumpt, hatten sich im Laufe der Zeit auch persönlich verändert und die Bandchemie stimmte wohl nicht mehr richtig. Zeit also, mit „Songs To Learn And Sing“ ein erstes Best Of-Album zu veröffentlichen, das den Abschluss der frühen Bandphase dokumentierte und ein letztes Mal das bisher typische Artwork zeigte. Danach herrschte einige Zeit Funkstille, bis McCulloch und Sergeant beschlossen, ein weiteres Album aufzunehmen. 1987 erschien schließlich „Echo And The Bunnymen“. Schon der fehlende Albumtitel deutete an, dass die Band sich verändert hatte und auch das Coverartwork entfernte sich von der New Wave-Ästhetik der früheren Jahre. Die Fotos, die der große Künstler Anton Corbjin machte, gehören wohl zu den bekanntesten Aufnahmen der Band überhaupt und das Album wurde tatsächlich auch das bisher kommerziell erfolgreichste, stieß einigen alten Fans aber gehörig vor den Kopf. Es wurde schnell klar, dass die Gruppe nun den ganz großen Durchbruch wollte.
Natürlich hat sich der Stil der Band nicht grundsätzlich verändert und vor allem McCullochs Gesang sorgt sofort für den Wiedererkennungswert, aber die einzelnen Songs klangen schon anders, als zuvor. Vor allem die sehr glatte Produktion schielte offensichtlich auf den Mainstreammarkt. Zudem wurden die schon immer vorhandenen Doors-Einflüsse immer deutlicher hörbar, was in der „People Are Strange“-Single gipfelte, die Teil des Soundtracks zu „The Lost Boys“ war.
„Echo And The Bunnymen“ enthält eine ganze Reihe wirklich guter Songs, so die Singles „Lips Like Sugar“ und „The Game“ und natürlich „Bedbugs And Ballyhoo“. Aber auch Songs wie „Over You“ und „Bombers Bay“ oder das wunderschöne „All My Life“ sind sehr gut, nur eben zu glatt. Im Gegensatz zu den drei Alben davor findet man hier wieder einmal „nur“ eine Zusammenstellung einzelner Songs, ohne eine verbindende Atmosphäre. Der kommerzielle Erfolg gab der Band Recht, in die Stadien hat sie es aber trotzdem nie geschafft, die Weggefährten U2 und Simple Minds hatten „gesiegt“. Die Band zerbrach zunächst und McCulloch begann eine Solokarriere, die vor allem mit dem Album „Candleland“ etwas Wunderbares hervor brachte. Erst 1990 versuchten Will Sergeant und Les Pattinson unter dem alten Namen aber eben ohne McCulloch die Band mit dem Album „Reverbaration“ weiterleben zu lassen, aber an alte Erfolge konnten sie nicht anknüpfen. Bis 1997 hielt man den Namen dann mit Wiederveröffentlichungen und Best Of-Zusammenstellungen am Leben, bis Sergeant, Pattinson und McCulloch wieder vereint „Evergreen“ herausbrachten. De Freitas war leider bereits 1988 bei einem Motorradunfall gestorben. Mit weiteren Alben, Wiederveröffentlichungen und vielen Livekonzerten hält sich die Band bis heute, inzwischen ohne Les Pattinson, wacker, konnte aber trotz wirklich schöner Veröffentlichungen den Zauber der frühen Jahre nie wieder erreichen.
Die Special Edition von „Echo And The Bunnymen“ von 2003 erscheint wie gewohnt im schönen Pappschuber, digital überarbeitet und mit Linernotes und seltenen Fotos im Booklet. Die Bonustracks sind diesmal besonders interessant, da zwei bisher völlig unveröffentlichte Songs, einige unveröffentlichte Versionen bekannter Tracks (eine sehr gute frühe Version von „Bring On The Dancing Horses“ unter dem Titel „Jimmy Brown“), sowie die komplette 1985er Maxi „Bring On The Dancing Horses“ zu hören sind. (A.P.)

COMPILATION - Electro Arc Compilation Vol.1


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Electro Arc / Icare Media Distribution

Ein neues Label für Electromusik? Und eine Compilation zum Start? Das hat es ja noch nie gegeben, oder? Ich weiß, das klingt sarkastisch, aber wie viele Electro-Sampler ich in den letzten gut 20 Jahren auf den Tisch bekommen und gehört habe, kann ich kaum noch zählen. Vor allen in den 90er Jahren wurde man damit förmlich zugeballert und das Konzept war stets das gleiche: ein bis drei bekannte Szenebands und jede menge Newcomer , die sich erhoffen, durch die bekannten Namen auf der CD selber auch ein bisschen bekannter zu werden. Nicht viel anders ist es bei der ersten „Electro Arc“-Compilation, wobei Teil 2 und 3 auf der Website gleich mit angekündigt sind. Die bekannten Gruppen werden hier durch Twilight Ritual (mit dem besten Song der CD) und The Weathermen vertreten, dazu noch zumindest szenebekannte „Größen“ wie Human Decay und Stratis und 13 weitere Acts, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Musikalisch gibt es Electro in allen möglichen Spielarten, von EBM über Synthie Pop und Dark Electro bis hin zu Industrial. Das Material ist teilweise gut, manchmal aber auch einfach uninteressant, etwas Aufsehen erregend Neues ist aber definitiv nicht dabei. Für die Clubs der Szene ist auf jeden Fall genug Futter dabei, was sich letztendlich durchsetzen wird, kann niemand voraus sagen.
Interessant ist die Tatsache, das zahlreiche Bands/Projekte aus Ungarn vertreten sind, eigentlich ja nicht gerade ein Land, das bisher viel von sich Reden gemacht hat was dunkle Undergroundmusik angeht. Leider stechen aber diese Gruppen nicht mit einem eigenen Stil hervor.
Es mag arrogant klingen, aber ich hätte nicht unbedingt einen weiteren unter unzähligen anderen Electro-Sampler gebraucht, wobei noch nicht mal ein zusammenhängendes Konzept erkennbar ist, sieht man mal von der durchgehenden Tanzbarkeit der Stücke ab.
Electro-Alles-Sammler können mal ein Ohr riskieren und machen vielleicht die eine oder andere Entdeckung, aber ich persönlich glaube kaum, dass man von den meisten dieser Gruppen je wieder etwas hören oder lesen wird. Ausnahme könnte das Projekt HERTZINFARKT sein, das mit einem sehr schönen Electro-Pop-Song erfreut. Da möchte ich dann doch mal mehr hören. (A.P.)

Webadresse der Band: www.electro-arc.de

SKORBUT - Firewall


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Sonic-X / Icare Media Distribution / SONXCD 011 / IMD-2000

Das deutsche Duo SKORBUT legt mit „Firewall“ sein drittes Werk vor und dürfte den schon vorhandenen Bekanntheitsgrad damit sicherlich deutlich erweitern. Wie es aussieht hat einer der Musiker auch einiges an Erfahrung mit Filmmusik, was der Atmosphäre auf dem Album sehr zugute kommt.
Der Sound ist eine Mischung aus Dark-Electro, EBM und Breakbeat-Rhythmen, ein wenig Industrial und Gesang zwischen Nitzer Ebb und Skinny Puppy. Auch Fans der alten Front Line Assembly sollten mal reinhören. Tanzbar ist das allemal. Die Produktion ist sehr gut gelungen und der eine oder andere Song wird sicherlich die Club-Tanzflächen beschallen und für Bewegung sorgen. Doch innovativ ist es nicht unbedingt. In ähnlicher Mischung ist das alles schon mal da gewesen und man kann, wenn man will, lobend erwähnen, dass SKORBUT ihre Vorbilder gut kennen, technisch was auf dem Kasten und ein durchaus solides Electro-Album geschaffen haben. Dazu gibt es ein gut gelungenes Artwork, das allerdings Geschmackssache ist, kann doch nicht jeder die Ästhetik von Splatterfotografien nachvollziehen. In der wieder auferstandenen EBM-Szene wird „Firewall“ mit Sicherheit für einiges Aufhorchen sorgen, da macht es doch gar nichts, wenn mich das Album nicht ganz so mitreißt, wie so mancher Klassiker aus den 80er Jahren. Immerhin wird hier weitgehend auf diverse Techno-/Future-Pop-Anklänge verzichtet und alleine das macht ein Electro-Album heute schon hörenswert, oder?
Als Bonus gibt es noch einen professionell produzierten Videoclip und eine Bildergalerie als CD-Rom-Part. Value for Money ist also auf jeden Fall gegeben. (A.P.)

MARK LANE - Who's Really Listening? +


Erstveröffentlichung: CD 2001 / MetaWave Classix / mwc001

Die MiniLP „Who’s Really Listening“ von 1984 gehört zu Recht zu den Klassikern im Bereich Minimal-Wave. MARK LANE hat damals fast im Alleingang eine Platte geschaffen, die mit den Stücken „Tsar“, „Sojourn“ und „Das Nicht (Factory)“ gleich drei bis heute beliebte Stücke enthält und auch darüber hinaus so manchen von Gary Numan’s Nach-„Pleasure Principle“-Ausrutschern enttäuschten Fan den glauben an Electro-Wave wieder gab. Gut also, dass das kleine deutsche Label MetaWaveClassix die inzwischen nur noch selten auffindbare Platte 2001 auf CD wieder veröffentlicht hat, natürlich garniert mit einer ganzen Reihe interessanter und rarer Bonustracks. So gibt es weitere Studio-Outtakes aus der Zeit der Originalplatte, Stücke von Flexi-Discs, die wohl kaum jemand heute noch besitzt und einige Livestücke von 1985, unter anderem eines, bei dem The Klinik mitgewirkt haben. Das ist natürlich unheimlich spannend und macht die CD auch für die Leute unverzichtbar, die die Vinylversion besitzen. Die Livestücke sind übrigens nicht dieselben, die man auf der 1987er „Live“-7“, die der „Male Nymph“-LP beilag, hören konnte.
Ein schlichtes, aber schönes Booklet und eine Handnummerierung der Erstauflage runden „Who’s Really Listening +“ ab und sorgen für eine absolute Kaufempfehlung, wenn man auf 80er Jahre Minimal-Electro-Wave steht. (A.P.)

THE ARCH - Seconds And Centuries


Erstveröffentlichung: CD 1995 / Discordia / DISC 055

In der zweiten Hälfte der 80er Jahre blühte die belgische EBM-Szene, wie nie zuvor. Front 242, A Split Second, Neon Judgement, á;grumh und natürlich The Klinik prägten das Bild der Musik aus Belgien, doch es gab auch andere Bands, die die elektronischen Klänge mit Gitarren verbanden und damit einen ganz eigenen Sound schufen. Siglo XX wären da zu nennen und, allerdings aus England und Deutschland, The Cassandra Complex und The Fair Sex. Und natürlich THE ARCH, die mit ihren 12“s „As Quiet As“ und „Ribdancer“ zwei bis heute schwer gesuchte Klassiker vorlegten. Vor allem die Songs „Babsi Ist Tot“, „Ribdancer“ und „Revenge Revival“ wurden zu Clubhits und echten Klassikern.
Nach dem zweiten Album und einer weiteren Single wurde es Anfang der 90er Jahre still um die Gruppe, bis das damals noch aktive und umtriebige Discordia-Label 1995 diese CD vorlegte, auf der die ersten drei Maxis (neben den bereits genannten noch „Stay Lay“) und das erste Album „A Strange Point Of You“ komplett zusammengefasst wurden, womit man alle wichtigen Stücke der Band perfekt zusammen gefasst hat. Vom zweiten Album „The Messier Album“ und der Single „The Only Thing“ gibt es ebenfalls CD-Veröffentlichungen, so dass der gesamte Backkatalog der Band digital vorliegt.
Die drei erwähnten Clubhits gehören definitiv zum besten, was die europäische Wave-Szene musikalisch in den späten 80ern hervorgebracht hat und wer die übrigen, als Vergleich herangezogenen Bands mag, muss auch THE ARCH lieben, auch, weil es viele weitere Hits zu hören gibt wie „No Noise“, „Stay Lay“, „Perfect T’ch“ oder auch „Die Rote Kapelle“.
Herrliche Melodien, tanzbare Sounds und extrem nach vorne treibende Energie, sowie auch ein Schuss Selbstironie machen THE ARCH und dieses Album zu einem echten „Must have“.
Mit dem Album „In Sofa“ versuchte die Gruppe 1997 an alte Erfolge anzuknüpfen, scheiterte aber grandios, auch, weil das Album niemals so fesseln konnte, wie die alten Sachen.
Wer die „Seconds And Centuries“ heutzutage vergeblich sucht, sollte mal die Augen nach der 1999 erschienenen „Sex“-Doppel-CD offen halten, die noch einmal das gesamte Frühwerk von THE ARCH aufbereitet hat. Sicher nicht zum letzten Mal, denn die Musik dieser Gruppe sollte nicht in Vergessenheit geraten, klingt sie doch auch nach rund 20 Jahren so frisch, wie damals und kann es problemlos mit so mancher heutigen Veröffentlichung aufnehmen. Wieder einmal ein gutes Beispiel, das es CDs soundtechnisch bei Gitarrenmusik häufig nicht mit Vinyl aufnehmen können: „Babsi ist Tot“ fehlt auf der CD viel von der Power, die es auf der 12“ hat. (A.P.)

FIELDS OF THE NEPHILIM - Dawnrazor


Erstveröffentlichung: CD 1987 / Situation 2 - Rebel Rec. / SPV

Zweifellos sind die FIELDS OF THE NEPHILIM neben den Sisters Of Mercy DIE Stil prägende Band des Gothic-Rock-Genres der 80er und frühen 90er Jahre gewesen Mit ihren Alben „The Nephilim“ und „Elizium“ haben sie zwei der ultimativen Meisterwerke dieser Musikrichtung veröffentlicht. Doch auch das Debut „Dawnrazor“ steht dem kaum nach. Ähnlich wie die Sisters Of Mercy haben die FIELDS zunächst einige EPs veröffentlicht, bevor sie sich an das erste Album heran getraut haben. Lange Zeit mussten sie sich mit der Band von Andrew Eldritch vergleichen lassen, die Mitte der 80er Jahre als das Nonplusultra des Gothic-Rock galt und zugegeben, hier und da erinnert die dunkle Stimme von Sänger Carl McCoy auch an Eldritch, doch musikalisch geht es doch recht anders zu, nämlich rockiger, was auch und vor allem am echten Schlagzeug liegt, während die Sisters ja mit ihrem Dr. Avalanche-Drumcomputer ihren ganz eigenen unterkühlten Sound kreierten.
Als Intro wurde passend zur Kostümierung der Musiker als Cowboys im Stile der guten alten Italo-Western das Mundharmonika-Intro aus „Spiel Mir Das Lied Vom Tod“ gewählt. Sicher keine innovative Idee, auch 1987 nicht, aber hier durchaus passend. Es folgen ausschließlich unsterbliche Gothic-Rock-Hymnen, angefangen bei „Slow Kill“, dem wunderbaren „Vet For The Insane“ oder dem monumentalen „Dawnrazor“. Für die CD-Version wurden neben den regulären acht Albumtracks noch einige zusätzliche Stücke von den heute mehr als raren EPs verwendet, unter anderem die komplette geniale „Power“ 12“, sowie „Preacher Man“ und „Laura II“ von der „Preacher Man“ 12“. Gerade die beiden letztgenannten Tracks haben den Ruhm der Band nachhaltig geprägt und unzählige nachfolgende Bands entscheidend beeinflusst. Purer Gothic-Rock der finsteren Art, der Maßstäbe gesetzt hat. Und doch haben FIELDS OF THE NEPHILIM ihren ganz eigenen Stil erst mit dem Nachfolger „The Nephilim“ gefunden und mit „Elizium“ perfektioniert, um sich dann auf dem Höhepunkt des Ruhms aufzulösen, was wahrscheinlich die beste Sache war, die die Band machen konnte, um unsterblich zu werden. Zahlreiche Nach- und Nach-Nachfolgeprojekte der Musiker konnten niemals an die Intensität der alten Band anschließen und selbst immer wieder versuchte, halbherzige Reunions scheiterten im großen Stile, obwohl durchaus gute Musik dabei heraus kam. Aber was soll man als Musiker machen, wenn das eigene Frühwerk derart große Schatten wirft, dass man immer wieder daran gemessen wird? Schwierige Situation.
Wer unverbrauchten Gothic-Rock einer damals noch jungen Band hören will, kommt an „Dawnrazor“ und den frühen EPs der FIELDS nicht vorbei. Alles was nach „Dawnrazor“ kam lässt sich nur noch als legendär bezeichnen. Auf jeden Fall gehört dieses Album aber in jede Gothic-Rock-Sammlung, daran führt absolut kein Weg vorbei. (A.P.)

CHARLETT SCHWARZ - Behind A Face


Erstveröffentlichung: CD 2006 / MoBu.Rec.-Sonorium / Icare Media Distribution

Dark Wave aus Deutschland...das ist ja mal was ganz Neues! Ne, ich will nicht sarkastisch sein, aber seit Anfang der 90er Jahre hat Deutschland einen nicht unerheblichen Beitrag dazu geleistet, dass der Dark Wave-Markt mit unzähligen, oft grottenschlechten Veröffentlichungen überrollt wurde, was wohl daran liegt, dass es nie so einfach war, im heimischen Jugendzimmer selbst CD-taugliche Qualität zu produzieren.
Vielleicht tue ich CHARLETT SCHWARZ mit diesem Anfang unrecht, aber es ist keine Frage, dass die Musik auf dieser CD ganz klar als Dark Wave durchgeht. Ein großer Teil der Lieder ist dann auch nichts wirklich besonderes, Stoff für die schwarzen Clubs, mal rein elektronisch, mal eher gitarrenbetont.
Richtig interessant wird es, wenn Sängerin Veyna im Mittelteil der CD vermehrt deutsche Texte singt und dabei eine angenehm rotzige Art an den Tag legt.
„Männer Haben Angst Vor Mir“ ist mit Abstand der Hit des Albums, der tatsächlich angenehm an die leider weitgehend vergessene CD von Elesde aus den 90er Jahren erinnert. Ein bisschen auch an Pzycho Bitch, um mal einen aktuelleren Vergleich zu bringen. Auch „Perfekt“ habt sich musikalisch ein wenig ab und kann überzeugen. Ansonsten erinnert die Musik in den besseren Momenten ein kleines bisschen an Sleeping Dogs Wake, hier und da gibt es auch Einflüsse vom 90er-Heavenly Voices-Sound, ansonsten aber halt überwiegend elektronischen Dark Wave pur, der sicher einige Freunde finden wird. Wenn ein paar DJs den einen oder anderen Song etwas pushen, könnte da auch mehr draus werden. Ich mag am liebsten die Stimme der Sängerin bei den deutschsprachigen Stücken und würde gerne mal wieder was hören, wenn es in dieser Richtung mit der Gruppe weiter geht. (A.P.)

NILS - Freispiel


Erstveröffentlichung: 7 Inch 1981 / Tritt Records

Na, das ist doch mal was Besonderes. Legt doch der Sänger Nils Setzer, der sonst bei den Straßenjungs beschäftigt war, die sich sonst durch angepunkten Sauf-Rock einen Namen gemacht haben, eine lupenreine NDW-Single vor. Dass der legendäre Mini-Synthi Casio VL-Tone das Backcover ziert, ist keine Überraschung, wenn man das Stück „Freispiel“ auf der A-Seite hört. Feine Kling-Klang-NDW-Musik, die eigentlich ein kleiner Hit hätte werden können, sich aber eben doch nicht durchsetzte. Vielleicht weil der Song trotz der Klänge irgendwie noch wie ein klassischer Rocksong arrangiert ist, was damals übrigens viele Bands gemacht haben, während Bands wie Der Plan gerade diese Rock-Schemata verbannten. Trotzdem ist „Freispiel“ ein hübscher Song, der Spaß macht. Weniger interessant ist die B-Seite „Elvis“, die wie der Titel schon verheißt eher dem 60er Jahre-Schlager frönt und mit NDW nichts zu tun hat, außer, dass der Text deutschsprachig ist. Schade, gute A-Seite, langweilige B-Seite, aber wenn man die Single preiswert findet, sollte man sie nicht liegen lassen. Zumal dass Cover als Brettspiel dient und mit Glück auch noch die Original-Spielanleitung der Single beiliegt. (A.P.)

KNUSPERKEKS - Knusperkeks


Erstveröffentlichung: Mini-LP 1983 / Zick Zack / Eigelstein / ZZ185

Es gibt Platten, die sind so unglaublich, dass man nicht an ihre Existenz glaubte, wenn man sie nicht selber kenne würde. Wenn mir jemand früher von dieser Platte erzählt hätte, mit allen ihren schrägen Ideen und der Ernsthaftigkeit, die darauf rüber gebracht wird, hätte ich sicher nur den Kopf geschüttelt. Aber um 1982/83 herum war in der deutschen Musikszene alles möglich, so auch diese MiniLP von KNUSPERKEKS. Wenn die Legende stimmt, handelte es sich bei Christel Schönheit um eine Postbotin aus dem Taunus, die mit geliehenem Equipment Vierspuraufnahmen gemacht hat und diese bei Alfred Hilbergs Zick Zack Label unterbringen konnte.
Erstmals gehört habe ich ein Lied von KNUSPERKEKS auf dem Zick Zack-Sampler „Wunder Gibt Es Immer Wieder“, auf dessen Beiblatt auch ein Foto der Künstlerin zu sehen war. Pudeldauerwelle und unglaubliche Brille...biederer geht es kaum noch.
Fräulein Schönheit war definitiv keine Musikerin im eigentlichen Sinne, dafür legte sie mit Akkordeon, Akustikgitarre und elektronischem Equipment einfach los und produzierte die sieben Titel dieser MiniLP unter Mithilfe von Tom Dokoupil, der damals ja überall umtriebig war und mit The Wirtschaftswunder auch musikalische Erfolge hatte. Herausgekommen sind einige skurrile Songperlen, die zwischen New Wave, Dilettantentum und Volksmusik zu finden sind und, wenn man sich darauf einlässt, wirklich Spaß machen. „Praktisch“, „Zeichen Der Zeit“ oder „Rechtslinksgeradeaus“ sind Songs, die unter NDW-Fans heute eigentlich gesuchte Hits sein müssten, „Am Ufer“ (auch auf dem Zick Zack Sampler) besticht durch die glockenhelle Stimme, die fast schon wehtut und „Am Sedanstag Gab’s Kartoffelpuffer“ besticht alleine schon wegen des absurden Titels. Was Christel Schönheit wohl heute so macht und über ihre damalige Musik denkt?
Angeblich soll es auch damals zwei selbst produzierte Tapes gegeben haben. Würde ich gerne mal hören. Bis dahin bleibt mir nur diese wirklich ungewöhnliche Platte, die mehr als einen Bonuspunkt für spaßige Skurrilität bekommt! (A.P.)

THIS DARK NOISE - Fight


Erstveröffentlichung: CD 1994 / TUG Records / TiS

THIS DARK NOISE aus der Gegend von Nürnberg gehören zu den vielen deutschen Dark Wave-Bands, die Anfang/Mitte der 90er Jahre ihre Platten veröffentlicht haben, ein paar kleinere Erfolge verzeichnen konnten und dann leider fast spurlos wieder in der Versenkung verschwunden sind. Bei den meisten Bands war das kein großer Verlust, THIS DARK NOISE gehören aber zu denen, dich ich mir heute auch noch ganz gerne mal anhöre. Drei Alben, so weit ich weiß, und sogar ein Beitrag auf einem Zillo-Sampler haben eigentlich das Potential für Größeres gezeigt, aber vielleicht war Mitte der 90er schöne Wavemusik einfach nicht mehr angesagt und die Szene orientierte sich zu härteren elektronischen Klängen, die bald im so genannten Future-Pop aufgingen.
Schade, denn das Album „Fight“ ist wirklich gut gelungen, auch, wenn es musikalisch nicht ganz so kämpferisch rüber kommt, wie der Titel verspricht. Die Mischung aus elektronischen Stücken und wavigen Gitarren ist sehr schön.Auf der einen Seite dürften Bands wie The Cassandra Complex, The Fair Sex und Dance Or Die ihre Spuren hinterlassen haben, auf der anderen Seite aber auch Gruppen wie The Escape, Clan Of Xymox und Escape With Romeo. Eine durchweg gute Mischung also, die eigentlich viel mehr Erfolg verdient gehabt hätte. Vor allem die ruhigeren Stücke sind sehr schön atmosphärisch, während der eine oder andere schnellere Song auch Clubhit-Potenzial hat.
Tja, nach so langer Zeit mal wieder so eine, zwar nicht spektakuläre, aber sehr schöne CD einzulegen macht doch Spaß und lässt einige Erinnerungen aufkommen. Was die Bandmitglieder wohl heute so machen? (A.P.)

CLAN OF XYMOX - Hidden Faces


Erstveröffentlichung: CD 1997 / Tess Records / Efa

Man kommt wohl nicht umhin, CLAN OF XYMOX als absolute New Wave-Legende zu bezeichnen. Nach der selbst produzierten und nur in 500er Auflage erschienenen Mini-LP „Subsequent Pleasures“ 1984, längst ein unbezahlbares Sammlerstück, gab es einen Stilwechsel, der die holländische Gruppe zum unvergleichlichen 4 AD-Label führte. Dort wurde mit den beiden grandiosen Alben (und einigen Singles) „Clan Of Xymox“ und „Medusa“ New Wave-Geschichte geschrieben. Die beiden Alben haben auch nach über 20 Jahren nichts von ihrem Zauber verloren. Danach folgte die Namensverkürzung auf XYMOX, der Wechsel zu einem Major und einige vor allem in den USA erfolgreiche Alben, von denen aber nur „Twist Of Shadows“ an die musikalische Qualität der Frühwerke anschließen konnte. Der Stil wurde poppiger und erinnerte zeitweise stark an New Order, was ja auch nicht so schlecht ist. Schließlich formte das letzte verbliebene Urmitglied Ronny Moorings eine neue Band, reanimierte den alten Namen und brachte nach einer längeren Pause 1997 das Album „Hidden Faces“ heraus, das die Band wieder in die Spitze der Wave-Szene katapultierte. Mit den beiden Singles „Out Of The Rain“ und „This World“ und natürlich dem Album konnten sowohl alte Fans zurück gewonnen, als auch jede Menge neue einer nachgewachsenen Dark Wave Szene erreicht werden.
Stilistisch gibt es eine Mischung aus dem alten Sound der Band und modernem Electro-Sound zu hören, wobei sogar der von der Debut-Mini-LP stammenden Song „Going Round“ in einer zeitgemäßen Version neu aufgenommen wurde, die allerdings nie an das Original heran reicht. Mit John Rivers und Dave Allen hatte Moorings sich Produzenten gesucht, die zweifellos über jede Kritik erhaben sind und so ist ein Album entstanden, das 1997 ziemlich gut eingeschlagen ist und den Erfolg von CLAN OF XYMOX bis heute gesichert hat.
Fast logisch, dass der Zauber von 1985/86 kaum noch erreicht wird, aber zwischen den Veröffentlichungen lag immerhin mehr als ein Jahrzehnt und eine komplette Bandumbesetzung, so ist es durchaus legitim, dass sich auch der Sound ändert. Wave ist es immer noch, nur eben moderner und die einzelnen Songs sind wirklich gut. Und man kann ganz klar sagen, dass die zweite Hälfte des Albums weitaus stärker ist, als die erste.
Bald feiert CLAN OF XYMOX das 25jährige (Veröffentlichungs-) Jubiläum und mich würde es nicht stören, zu dem Anlass die Band noch einmal in Originalbesetzung mit dem alten Material zu erleben. Ich bin eben nur ein alter Sack. „Hidden Faces“ ist ein sehr gutes Album, „Clan Of Xymox“ und „Medusa“ aber haben mein Leben geprägt. (A.P.)

SALINE GRACE - Border Town Shades


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Deeper Waters Records / Motion FX-Radar Music / DWR CD 3

Der Bandname Nobility Of Salt geistert ja schon eine ganze Weile durch die deutsche Underground-Szene, wobei ich zugeben muss, dass mir bisher nur einige wenige Stücke bekannt sind. Nun haben die beiden Bandmitglieder Ricardo Hoffmann und Ines Pollok das Nebenprojekt SALINE GRACE gegründet und frönen ihrer Vorliebe für den düster-melancholischen Großstadtblues. Dass dabei schnell der Name Nick Cave fallen muss, ist fast klar und wird von den Musikern auch gar nicht bestritten. Dazu werden noch Namen wie And Also The Trees, Leonard Cohen und Woven Hand (wobei ich persönlich 16 Horsepower bevorzuge) genannt. Alles tolle und anerkannte Künstler und natürlich nur schwer zu erreichen. SALINE GRACE versuchen deswegen auch gar nicht, exakt wie diese Bands zu klingen, sondern holen sich einzelne Elemente von jeder heraus und versuchen, etwas Eigenes daraus zu machen, was auch ganz gut gelingt. Häufig klingt dann aber doch die große, nachvollziehbare Verehrung für Nick Cave durch, wobei der Gesang oft eher nach Deine Lakaien kommt. Hier und da kommen sogar ganz leichte Death In June Einflüsse durch. Textlich hat Ricardo Hoffmann sich laut Info von Autoren wie Kafka, Bukowski und Dostojewski beeinflussen lassen und erzählt meist kleine Geschichten in den Liedern.
Die Atmosphäre der einzelnen Songs ist angenehm melancholisch und passend zum Erscheinen des Albums im beginnenden Herbst. Das Album schafft es durchgehend, immer ganz knapp am Kitsch vorbei zu schrammen, wie Nick Cave es beispielsweise auch mit „Where The Wild Roses Grow“ geschafft hat. Es ist schon eine große Kunst, diesen Weg zu beschreiten, ohne die Schmerzgrenze zu überschreiten. Einziger kleiner Kritikpunkt ist, dass das Album mit rund 74 Minuten etwas zu lang ist und vor allem der Gesang dafür zu wenig Abwechslung bietet. Musiker sollten eigentlich längst begriffen haben, dass die CD-Spielzeit nicht unbedingt voll ausgenutzt werden MUSS. Dafür entschädigen aber das sehr schön gestaltete DigiPak und das Booklet. Erinnert von der Ästhetik her ein bisschen an die Cover der leider weitgehend vergessenen Band Impressions Of Winter aus den 90er Jahren.
Schönes Album mit viel Pathos und angenehmer Atmosphäre. (A.P.)

Webadresse der Band: www.salinegrace.de

COMPILATION - Projekt 200


Erstveröffentlichung: CD-Boxset 2007 / Projekt Records / PRO 200

Gibt es Sam Rosenthals Projekt Records-Label wirklich schon fast ein viertel Jahrhundert (seit 1983)? Und liegt hier wirklich schon die 200. Veröffentlichung vor? Welches echte Independentlabel kann heute schon auf solch eine lange Geschichte zurückblicken, ohne, dass es je größere Ausfälle bei den Veröffentlichungen gab? Vergleichbar, auch, was die hohe Qualität des musikalischen Outputs und das wunderbare Artwork angeht ist Projekt Records höchstens mit 4 AD und aus meiner persönlichen Sicht kann man kein größeres Lob aussprechen.
3 CDs in einem wirklich edel gestaltetem DVD-sized DigiPak mit schickem Booklet, darauf 32 Tracks von fast ebenso vielen Gruppen und Projekten, wobei es einige bisher unveröffentlichte Tracks zu hören gibt.
Je eine Disc ist den „Early Years“, „The Current Era“ und dem Thema „Ambient Loop“ gewidmet, was durchaus Sinn macht und wohl alle Fans zufrieden stellen dürfte. In der Eigenbeschreibung nennt sich Projekt Records als spezialisiert für„passionate intense music in the darkwave, shoegazer, dream-pop, ethereal and ambient genres“. Wie könnte man das Label besser beschreiben.
Mit Sam Rosenthal und seinen wenigen Mitstreitern wird das ganze noch auf sehr persönliche Art und Weise mit extrem viel Herzblut und Enthusiasmus betrieben. Das sollte man natürlich immer unterstützen, doppelt und dreifach sogar, wenn die Qualität, die man bekommt so hoch ist. Ich weiß, dies ist ein hemmungsloser unkritischer Jubelartikel, aber bei Projekt Records stehe ich wirklich dahinter.
Auf den drei DVDs findet man fast alles, was im Laufe der Jahre von dem Label an bekannten und weniger bekannten Bands veröffentlicht wurde. Natürlich ist Sam Rosenthals ganz eigene wunderbare Band BLACK TAPE FOR A BLUE GIRL auf allen drei CDs vertreten, was mehr als legitim ist. Die unvergleichlichen LYCIA gibt es natürlich zu hören, genauso wie die auch schon seit über 25 Jahren aktiven ATTRITION, hier mit ihrem Clubhit „A Girl Called Harmony“, THANATOS oder die leider weniger bekannten AREA. Muss ich HUMAN DRAMA erwähnen, die leider auch nie so bekannt geworden sind, wie sie es verdient gehabt hätten? Der schier unglaubliche Musiker VOLTAIRE ist dabei, die Slowdive-Erben TEARWAVE, die Waver von LOWSUNDAY, ebenso wie FAITH & DISEASE und UNTO ASHES. Dazu die beiden genialen Bands AUDRA, mit dem Überknaller „In Hollywood Tonight“ und die Requiem In White-Nachfolger MORS SYPHILITICA und viele mehr.
Die Ambient-CD wird angeführt von VIDNA OBMANA und deren Nebenprojekt FEAR FALLS BURNING, sowie ALIO DIE und Rosenthals aktuellem Projekt AS LONELY AS DAVE BOWMAN. Da bleiben keine Wünsche übrig, oder? Klar, aus meiner Sicht sind die für das Label sicher extrem wichtigen LYCIA etwas unterrepräsentiert, aber dann hätte das auch locker eine 4- oder 5-CD-Box werden können. Also bin ich mit dem hier gebotenen absolut zufrieden und genieße herrliche musikalische Meisterwerke wie LOVELIESCRUSHINGs „Your Eyes Immaculate“, das irgendwo zwischen den frühen This Mortal Coil und Sigur Ros seinen Zauber entfaltet. Wer auf träumerisch-schöne Musik steht oder dieses Genre kennen lernen will, kommt an dieser Veröffentlichung nicht vorbei, zumal sie in dieser Aufmachung auf 1000 Exemplare limitiert ist. Tipp der Woche, Tipp des Monats und vielleicht sogar Tipp 2007! (A.P.)

Webadresse der Band: www.projekt.com

HARUKI MURAKAMI - Kafka am Strand


Erstveröffentlichung: Buch 2006 / Btb / ISBN 3442733235

Der 15-jährige Kafka Tamura reißt von zu Hause aus und reißt nach Shikoku, wo er in einer Bibliothek den Bibliothekar Oshima trifft. Er darf in der Bibliothek auch wohnen und lernt dort die Besitzerin Saeki kennen. Bald verliebt er sich in die deutlich ältere Frau. Parallel läuft die Geschichte von Nakata. Einem alten Mann, der mit Katzen sprechen kann und der nach einem mysteriösen Vorfall in jungen Jahren dumm wurde. Er glaubt, jemanden umgebracht zu haben und eine innere Stimme treibt ihn zusammen mit dem Fernfahrer Hoshino ebenfalls nach Shikoku…

Das ist eine absolut oberflächliche und vollkommen unvollständige Inhaltsangabe. Haruki Murakami, Kultautor in seinem Lande, der auch hier bei uns immer mehr Freunde findet, hat einen Roman geschrieben, der wirklich zwischen Realität und Traum wandelt. Dabei wird das nicht streng getrennt, träumerische Dinge passieren die ganze Zeit, so regnet es Blutegel und Fische, da wird mit Katzen gesprochen, es erschienen Geister und vieles mehr. Und trotzdem geht die Geschichte straight weiter, steuert auf ein Zusammentreffen der beiden parallel erzählten Geschichten zu, der dann aber eher ruhig anstatt infernalisch daherkommt. Vielleicht ist das Buch an manchen Stellen etwas zu lang, aber das kann man verschmerzen, denn langweilig wird es wahrlich nie. Als Meisterwerk würde ich das nicht bezeichnen, ich bin auch nicht allzu wild darauf, weitere Bücher des Autoren zu lesen. Sicherlich werde ich das doch irgendwann mal tun, aber es ist nicht so, dass ich mir sofort weitere Lektüre besorgen müsste. (H.H.)

HIER IM SHOP ERHAELTLICH

JOACHIM WITT - Auf ewig - Meisterwerke


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Primadonna / Edel

Die Bayreuth-Reihe ist abgeschlossen, nun kommt dann auch mal ein Best-Of-Album auf den Markt, aber Gott sei Dank nicht einfach Single für Single aneinander gereiht, nein, Herr Witt hat die Songs allesamt neu eingespielt. ""Goldener Reiter"" ist nett, kräftiger, voller, aber im Grunde nur im Sound und in der Instrumentierung auf einen modernen Stand gebracht. Das Gleiche gilt für den alten ""Herbergsvater"". Die Kinderchorstimmen sind ganz originell, ansonsten gilt das Gleiche. In beiden Fällen würde ich die Originalversionen weiterhin vorziehen, alleine schon weil sie viel kälter klingen. Bei manchen Songs fragt man sich, wieso die Songs ""im neuen Gewand"" kommen, wenn man überhaupt nicht hört, dass sie neu aufgenommen wurden, man denke da insbesondere an ""Eisenherz"", ""Jetzt und ehedem"" und im Grunde noch viele weitere. Ein paar wenige Stücke sind dann aber doch sehr anders arrangiert, man denke da zum Beispiel an ""Die Flut"", das gesanglich total anders kommt, was vor allem daran liegt, dass Witt den Song nun nicht mehr im Duett singt. Im Ganzen ist es eine Sammlung, die sich auf die dritte Schaffensperiode konzentriert, also Stücke ab ""Die Flut"" (mit den bereits erwähnten Ausnahmen). Dazu kommen noch zwei Songs, nämlich das poppige ""Unsere Welt"", das zur netten Melodie einen schön sarkastischen Text liefert. Weiterhin ""Weh-Oh-Weh"", das mir mit seinem vorwärts-marschierenden Rhythmus sehr gut gefällt. Dazu gibt es dann ja bei der Limited Edition auch noch eine DVD, die die Videos von WITT zeigt, auch ab dem Zeitpunkt von ""Die Flut"". Wunderbare kleine Kunstwerke.
Wenn man sich Kritiken zu dem Album durchliest, wird überall der G8-Mix von ""Leben im Staub"" lobend erwähnt, doch wie kommt es, dass der sich überhaupt nicht auf der CD befindet? Was haben die Leute da besprochen? Es scheint so, als ob die Leute die CD gar nicht gehört bzw. sich gar nicht näher damit beschäftigt haben, sondern irgendwo abschreiben.
Na ja, kann man die CD also empfehlen? Ich denke schon, obwohl ich in nicht einem Fall sagen kann, dass die neue Version die bekannte schlägt. Wer also schon alles besitzt, sollte vielleicht erst einmal reinhören. Allerdings, wer alles besitzt, wird auch das hier haben wollen. Und wer noch wenig von WITT hat, der kann hiermit ganz gut anfangen. Hmm, somit ist die CD wohl doch ein Kauftipp für alle. (H.H.)

SäUREKELLER - Nur Der Gute Darf Leiden


Erstveröffentlichung: LP 2007 / WSDP / WSDP 113

SÄUREKELLER war Anfang der 80er Jahre ein recht offenes Projekt in Hamburg mit wechselnden Mitgliedern. Neben einigen Cassetten und Beiträgen auf Cassetten-Samplern erschien auch die Single „Hiroshima“, die heute unter Sammlern von minimal-elektronischer Musik ein verzweifelt und teuer gehandeltes Kleinod ist.
Schön also, dass WSDP sich an die Forschungsarbeit gemacht hat und SÄUREKELLER-Material für eine ganze LP suchte. Herausgekommen ist die vorliegende Scheibe, die eine sehr gewöhnungsbedürftige Musik-Mischung bietet, von der so mancher Hörer zunächst etwas verwirrt sein dürfte. Wer nur Stücke im Stile der Single erwartet, wird möglicherweise etwas enttäuscht sein. Aufgrund der wechselnden Projektmitglieder sind sehr unterschiedliche Stücke entstanden. Schräge, eingängige, rappige, vor sich hin dudelnde, punkige und eben auch minimalistische. Man sollte sich erst mal reinhören und nicht zu schnell ein Urteil abgeben. Letztendlich hat jeder Song doch etwas Interessantes und oft lebt das Ganze auch vom echt kruden Humor der Musiker, was man auch wunderbar auf dem beiliegenden Infoblatt nachlesen kann. Bin ja mal gespannt, in wie vielen Suchlisten bald die genannten Veröffentlichungen auftauchen werden.
Die Aufnahmen hier stammen von den beiden frühen Tapes, dabei ist auch eine ziemlich anders klingende Version von „Hiroshima“, was den Minimal-Puristen dann doch ein Kaufargument liefert. Alle anderen, die sich einfach für Musik aus dem deutschen Underground Anfang der 80er Jahre interessieren, sollten sowieso zugreifen. Eine herrlich schräge Platte in schwerem Vinyl, die natürlich wieder streng limitiert ist. Also: schnell zugreifen. (A.P.)

HIER IM SHOP ERHAELTLICH

Webadresse der Band: www.wsdp.de

HERO WOUTERS - Muziek Voor Leven En Dood


Erstveröffentlichung: LP 2007 / Enfant Terrible / Enfant08

Die neueste Veröffentlichung von unseren niederländischen Freunden Enfant Terrible ist etwas ganz besonderes. Man hat sich des seit 1950 aktiven Musikers Hero Wouters angenommen, der unter anderem auch schon mit den Legendary Pink Dots gearbeitet hat, und einige Aufnahmen aus der Zeit 1982 bis 1986 hervor gezaubert, die bisher nie auf Vinyl veröffentlicht wurden. Dass es sich hierbei teilweise um Soundtrackarbeiten handelt, ist leicht heraus zu hören. Da gibt es eine sehr eigene Mischung aus Klängen im Stile des „Blade Runner“-Soundtracks kombiniert mit ambienten Sounds zu hören, die wirklich Bilder im Kopf entstehen lassen. Auf der anderen Seite sind einige Tracks aber auch klar vom New Wave der frühen 80er Jahre beeinflusst und dürften für Fans von minimalistischen Klängen interessant sein. Die Musik ist sehr atmosphärisch und ein sehr großer Kontrast zur vorherigen Enfant Terrible-Veröffentlichung Solitairen Effekten. Das zeigt nur zu gut, wie vielseitig die Interessen des Labels sind und wie sehr man darum bemüht ist, immer wieder ganz besondere Musik aus dem weiten Feld des Minimal-Electro-Wave zu bringen.
Sehr spannend und schön aufgemacht in transparentem Vinyl mit mehreren Beilagen und auf 500 Exemplare limitiert.
Und weil es schon erwähnt wurde, dürfen auch gerne Fans von Edward Ka-Spel/Legendary Pink Dots mal reinhören. (A.P.)

Webadresse der Band: www.enfant-terrible.nl

SUICIDE BOOTH - Aura


Erstveröffentlichung: 12 Inch EP 2007 / Das Drehmoment / Neuton-Al!ve / dd 009

Unsere Freunde vom Berliner Label Das Drehmoment werden immer mutiger. Von fast schon sicher erfolgreichen Veröffentlichungen im Minimal-Electro-Genre entfernen sie sich immer weiter und haben ja mit der Makina Girgir-12“ schon bewiesen, dass auch anderer 80s-Electro-Sound 2007 aufregend klingen kann. Nun der nächste Schritt mit der schönen SUICIDE BOOTH 12“EP, die zunächst einmal mit einem herrlichen Cover begeistert, das sich ganz klar an die guten alten Invasions-Science Fiction-Filme der 50er Jahre anlehnt. Dass man mit dieser Einschätzung nicht falsch liegt zeigt sich, wenn man weiß, dass die Musik auf dieser Schallplatte sich als „Robotic Soundtrack“ zum mehrfach verfilmten („The Last Man On Earth“, „Der Omega-Mann“ und in 2008 die Neuverfilmung mit Will Smith) Science Fiction-Klassiker „I Am Legend“ von Richard Matheson versteht.
Diesen Eindruck vermitteln die ersten beiden Tracks „Aura“ und „I Am Legend“ hervorragend. Irgendwo zwischen dem 80er Disco-Projekt Hipnosis (mit Angelo Bergamini von Kirlian Camera), Laserdance und dem „Blade Runner“-Soundtrack wird ein sehr authentisches 80er Jahre-Gefühl erzeugt, wobei die Tracks schön eingängig sind. Mit „Rendezvous“ nähert man sich beinahe plagiatsmäßig dem guten alten Italo-Disco-Sound der 80er an, tanzbar, melodiös, poppig, ganz im Stile von Acts wie Den Harrow, Eddy Huntington, Raggio De Luna und zahlreichen anderen. Ein Ohrwurm, der dazu auch einige Synthie-Pop-Einflüsse nicht verbergen kann oder will. „Raumpilot“ macht dann mit Sicherheit doch noch die Minimal-Electro-Puristen glücklich. Sehr einfach gehalten und schlicht ein kleiner Hit, der einmal mehr stark an Projekte wie Machiste oder auch Television Set erinnert.
Als letztes dann noch ein Remix von „Rendezvous“, der von Divider produziert wurde, jenem fast schon legendärem ersten Act auf Das Drehmoment. Hier wird’s natürlich etwas experimenteller.
Keine Frage, wer den echten Sound der 80er Jahre vermisst und mit den modernen Future Pop-Rhythmen von heute nichts anfangen kann, muss ein Ohr bei SUICIDE BOOTH riskieren, zumal die ersten 100 Exemplare der Scheibe noch in durchsichtig-rotem Vinyl kommen.
Durchweg eine wirklich tolle Veröffentlichung! (A.P.)

Webadresse der Band: www.das-drehmoment.net

JINGO DE LUNCH - The Independent Years 1987-1989


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Rookie Records / Cargo Records

Wenn es in der zweiten Hälfte der 80er Jahre eine deutsche Band gab, die im Punk-/Hardcore-Bereich Maßstäbe gesetzt hat, dann war das sicherlich JINGO DE LUNCH (natürlich neben den Spermbirds). Irgendwann Mitte der 90er Jahre gab es die Gruppe um die ausdrucksstarke Sängerin Yvonne Ducksworth nicht mehr, vergessen wurde sie aber nie. Nun, zum 20jährigen Bandjubiläum hat Rookie Records 21 Songs aus dem frühen Repertoire von 1987 bis 1989 zusammen gesucht, diese remastern lassen und auf CD gepresst. Dazu gibt es eine Reunion-Tour im September 2007.
Es war eigentlich keine Frage, aber man muss ganz klar sagen, dass JINGO DE LUNCH auch heute, so viele Jahre später, immer noch wahnsinnig fett klingen und wichtig sind. Die Songs haben nichts von ihrer Energie eingebüßt, powern schnell-treibend nach vorne und die Rotzigkeit von Sängerin Yvonne macht noch immer Spaß. Kein Wunder, waren doch alle Bandmitglieder auch vor JINGE DE LUNCH schon in verschiedenen Bands aktiv und haben ihre Spuren in der Punk-/Hardcore-Szene hinterlassen. Die meisten heutigen Bands sollten sich eine Scheibe von diesen Aufnahmen abschneiden. Zu hören gibt es unter anderem die komplette „Cursed Earth“ EP, die noch nie auf CD erhältlich war und einige Covers von Bad Brains, Thin Lizzy und D.O.A., dazu einen Querschnitt durch die frühen Alben der Band.
Der Punk-Rock von JINGO DE LUNCH, immer auch mit Einflüssen aus dem Ami-Hardcore der 80er und einer Spur Biker-Rock, haut heute noch alles weg und man fühlt sich fast wie auf einer Zeitreise. Als Einstieg eignet sich diese Zusammenstellung mehr als hervorragend, danach sollte der JINGO-Neuling sich aber auf die Entdeckungsreise durch die gesamte Band-Discographie machen. Eine der sympathischsten deutschen Bands der damaligen Zeit, die nie unglaubwürdig geworden ist und auch heute noch Zeichen setzen kann. (A.P.)

SILKE BISCHOFF - Silke Bischoff

Wiederveröffentlichung: LP 1991 / I.N.R.I. Records
Erstveröffentlichung: CD 1992 / I.N.R.I. Records / Discordia

1991 bekam ich von einer lieben Freundin (Hallo Uli!) die LP einer Stuttgarter Band namens SILKE BISCHOFF in die Hand gedrückt, die selbst produziert war und noch nicht besonders weit verbreitet. Die Veröffentlichung bestach vor allem durch eine sehr ästhetische, fast klischeehafte Aufmachung und natürlich durch sehr eigene, fesselnde Musik. Das Duo Felix Flaucher und Axel Kretschmann sollte in den folgenden Jahren eine der bekanntesten deutschen Dark Wave-Bands werden und auch immer wieder Probleme, Anfeindungen und Ablehnung wegen des Bandnamens bekommen.
Als diese erste LP erschien passierte zunächst nichts, denn die Gruppe war noch viel zu unbekannt. Ich bestellte ein paar Platten, die mir von Freunden nahezu aus der Hand gerissen wurden und langsam sprach sich die Qualität von SILKE BISCHOFF herum und 1992 erschien das Album auch auf CD bei Discordia. Zusammen mit Das Ich, Project Pitchfork, Deine Lakaien und Love Like Blood gehörten SILKE BISCHOFF plötzlich zur Speerspitze der deutschen Grufti-Szene und die Veröffentlichung des melancholischen Synthie-Poppers „On The Other Side (I’ll See You Again)“ auf mehreren Compilations brachte die Gruppe auch auf die Tanzflächen der Nation. Nicht zuletzt wahrscheinlich, weil Depeche Mode schon eine Weile nicht mehr solch schöne Songs geschrieben hatten.
Ob das Album wirklich „This Is The New Religion!“ heißt, oder ob das nur ein Slogan ist und die Scheibe unbetitelt blieb hat sich mir nie endgültig erschlossen, ist aber auch egal.
Ein wenig erscheinen SILKE BISCHOFF auf ihrem Debut wie eine Kombination aus den bereits genannten Bands, das heißt, sie verbanden Elemente aus Dark Wave, Industrial, Pop, Wave und Gothic, was auf der einen Seite zu so schönen Ohrwürmern wie eben „On The Other Side (I’ll See You Again)“ führte, auf der anderen Seite aber auch zu dunklen Wave-Hymnen wie „I Don’t Love You Anymore (You’ll Die)“ oder „The Church-Bells And The Razor-Blades“ oder eben clubtauglichen Düster-Electro-Krachern wie „Small And Tired“ oder „Follow Me Into The Night“. Und dann ist da natürlich noch die kitschig-schöne Herzschmerz-Wave-Ballade „Hold Me“, die vielen Hörern zu süßlich erscheinen mag, mich aber auch heute, mehr als 15 Jahre später noch immer fesselt. Die eine Keyboard-Linie erinnert ein bisschen an „Who Wants To Live Forever“ von Queen...großes Kino also. Spielt fast in der gleichen Liga wie Soft Cells „Say Hello Wave Goodbye“. Für mich ganz persönlich ein unsterbliches Lied, das aber nicht unbedingt typisch für SILKE BISCHOFF war.
Es folgten die 90er Jahre hindurch eine ganze Reihe weitere Platten, allesamt wirklich gut, aber eben ohne den Zauber dieser frühen Überraschungsproduktion zu erreichen. Die erste Liebe vergisst man halt nie. Irgendwann verschwanden SILKE BISCHOFF aus meinem Fokus und schließlich hörte man ab Beginn des 3. Jahrtausends kaum noch etwas von den Stuttgartern. Eine zeitlang jedoch konnten sie der deutschen und auch der internationalen Dark Wave-Szene ihren Stempel aufdrücken. Dieses Album ist ein kleiner Klassiker der deutschen dunkel-undergroundigen Musik und sollte eigentlich in jeder Sammlung stehen.
Die CD-Version enthält neben den LP-Tracks noch drei Akustik-Bonus-Tracks. (A.P.)

OPUS FINIS - A Black Spring (Procession)


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2007 / Eigenveröffentlichung

Noch eine Platte aus dem Hause Ramiro Jeancarlo aus Florida/USA. Opus Finis ist ein seiner vielen Projekte (Staccato Du Mal, Flesh Graey Display, Xeno And Staccato) und wieder gibt es eher düsteren Minimal-Sound, der hier zusammen mit Sänger Carlos E. eingespielt wurde. Stimmungsmäßig geht es hier eher in Gothic-Gefilde und die Texte stammen teilweise aus dem „Liber Al Vel Legis“ von Alistair Crowley. „Inextinguishable Pyre“ könnte dann auch glatt auf Gothic-Partys für gefüllte Tanzflächen sorgen, ein sehr schöner, düsterer und doch eingängiger Song. Bei „Penance“ geht es dann etwas schneller und noch tanzbarer zu. Erinnert alles ein wenig an ganz frühe Eternal Afflict oder die weithin vergessenen Vision Factory. Auch diese Single kommt mit einem sehr schönen Cover und edel gestaltetem Beiblatt und dürfte wie üblich auf 500 Exemplare limitiert sein. Zugreifen lohnt sich auf jeden Fall! (A.P.)

Webadresse der Band: www.myspace.com/opusfinis

CHRIS LUNCH + FRIEDER BUTZMANN - Oi! Oi! Oi! (Nazi Skins Are Not Electric)


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2006 / Mauerstadtmusik / Mauerstadtmusik 04

Was für eine geile Single! FRIEDER BUTZMANN („Waschsalon Berlin“) und CHRIS LUNCH (bekannt vom Konkurrenz-Label) zusammen mit zwei echten Minimal-NDW-wat-weiß-ich-Hits auf kleinem schwarzen Vinyl.
„Oi! Oi! Oi! (Nazi Skins Are Not Electric)“ ist ein Knaller, kurz und schmerzlos und einfach mitreißend, wobei der Text einfacher nicht sein könnte. Der „Nazi Skins“-Zusatz ist wohl erst für die aktuelle Veröffentlichung hinzugenommen worden, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, wie man aus dem kleinen Beiblatt schließen kann. Die B-Seite „Butzmania“ ist nicht weniger aufregend, dafür aber ein bisschen experimenteller. Minimal-Sound vom Feinsten, der einfach in jede Sammlung gehört, was schwer werden dürfte, da dieses Kleinod auf 300 Exemplare limitiert ist. Ein zeitgeschichtliches Musikwerk von 1980, wobei man den Stücken den Spaß der Musiker absolut anhört. Vergleichbar vielleicht höchstens mit Der Plan oder den Residents, aber auch nicht so richtig. Cooles Teil! (A.P.)

FRIEDER BUTZMANN + CHRIS LUNCH - Oi! Oi! Oi! (Nazi Skins Are Not Electric)


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2007 / Mauerstadtmusik / Mauerstadtmusik 04

Was für eine geile Single! FRIEDER BUTZMANN („Waschsalon Berlin“) und CHRIS LUNCH (bekannt vom Konkurrenz-Label) zusammen mit zwei echten Minimal-NDW-wat-weiß-ich-Hits auf kleinem schwarzen Vinyl.
„Oi! Oi! Oi! (Nazi Skins Are Not Electric)“ ist ein Knaller, kurz und schmerzlos und einfach mitreißend, wobei der Text einfacher nicht sein könnte. Der „Nazi Skins“-Zusatz ist wohl erst für die aktuelle Veröffentlichung hinzugenommen worden, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, wie man aus dem kleinen Beiblatt schließen kann. Die B-Seite „Butzmania“ ist nicht weniger aufregend, dafür aber ein bisschen experimenteller. Minimal-Sound vom Feinsten, der einfach in jede Sammlung gehört, was schwer werden dürfte, da dieses Kleinod auf 300 Exemplare limitiert ist. Ein zeitgeschichtliches Musikwerk von 1980, wobei man den Stücken den Spaß der Musiker absolut anhört. Vergleichbar vielleicht höchstens mit Der Plan oder den Residents, aber auch nicht so richtig. Cooles Teil! (A.P.)

CLOUDBERRY - Graceful & Light


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Fastball Music / Neo-Sony-BMG

Endlich neuer Stoff von CLOUDBERRY, die schon mit ihrer letzten CD „Destroyer“ ganz gut überzeugen konnten. Nun sind sie inzwischen in einem Major-Vertrieb gelandet, was der Bekanntheit sicher nicht schadet und verdient hat es die Gruppe auf jeden Fall, neue und vor allem mehr Hörer zu erreichen. Da frage ich mich glatt, warum die Band eigentlich nicht beim liebenswerten Alison Records-Label gelandet ist, das uns schon wunderbare Bands wie One Hundred Times Beloved und Scut geschenkt hat. Am grundsätzlichen Sound von CLOUDBERRY hat sich natürlich und zum Glück nicht viel geändert. Vielleicht ist „Graceful & Light“ etwas besser produziert, aber die Einflüsse aus dem Indie-Pop der späten 80er, dem Brit-Pop der 90er und einigen Beatles-Anklängen sind geblieben. Dazu wunderbare Melodien und sehr schöner, natürlicher Gesang. Hier und da kommen noch ein paar Alternative Rock-Anlehnungen dazu und auch immer wieder eine Prise Wave. In Zeiten, wo Bands wie Coldplay, Kaiser Chiefs, Editors, Interpol oder die Ghosts riesige Erfolge feiern, sollte doch auch ein bisschen Platz für CLOUDBERRY sein. Besonders spannend wird es immer dann, wenn es auch mal etwas schräger und rauer wird, so im fabelhaften „Not My Idea“, das in England durchaus ein kleiner Hit werden könnte. In Deutschland mit seiner Peudo-R’n’B-Hip Hop-Schlager-Sülze eher nicht. Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage, dass Fans von The House Of Love (vielleicht die größte Singles-Band überhaupt) hier auch mal ein Ohr riskieren sollten. Was „Graceful & Light“ von den beiden Vorgängeralben wohl am meisten unterscheidet ist, dass aus dem ehemaligen Soloprojekt von Marco Pleil (mit Gästen) nun eine komplette Band geworden ist. Das hört man den Songs einfach an und endlich kann die Musik auch live adäquat umgesetzt werden. 14 Songs in gut 30 Minuten, das ergibt eine Song-Durchschnittslänge von etwas mehr als zwei Minuten, so dass nie Langeweile aufkommen kann. Sehr gutes Album mit dem absoluten Anspieltipp „Not My Idea“. (A.P.)

RASSEMENSCHEN HELFEN ARMEN MENSCHEN - Rassemenschen Helfen Armen Menschen


Erstveröffentlichung: 7 Inch EP 2007 / Kunstflackschallplatten

Das österreichische Projekt RASSENMENSCHEN HELFEN ARMEN MENSCHEN hat 1981/1982 zwei Singles veröffentlicht, die unter Minimal-Electro-/NDW-Sammlern heute recht gesucht sind. Nun hat das neue Label KUNSTFLACKSCHALLPLATTEN diese beiden Singles plus einen unveröffentlichten Bonustrack von 1982 auf kleinem schwarzen Vinyl wieder veröffentlicht, was eine gute Idee war, so kommt man wenigstens in den Genuss der Musik, denn die Originalsingles tauchen kaum irgendwo auf. Die Bandmitglieder waren wohl eher Künstler, als Musiker im ursprünglichen Sinne und so erscheinen die Klänge leicht abgehoben, was vor allem am Gesang liegt, der eher an Avantgarde-Theater erinnert, als an eine Band im eigentlichen Sinne. Aber gerade dieser Gesang im Kontrast zu den minimal-elektronischen Experimentalklängen macht die Scheibe zu einer spannenden Sache. Irgendwo zwischen Weltschmertz, Saal 2, Thorax Wach und Geile Tiere dürfte die Platte schnell ihre Liebhaber finden, zumal die Auflage nur 100 oder 150 Exemplare beträgt (weiß ich jetzt gerade nicht genau). Beim Label längst ausverkauft, sollte man sich mal in den einschlägigen Mailordern umgucken und auch nicht davor zurückschrecken, eventuell einen für eine Single etwas hohen Preis zu zahlen. So schnell wird man den Klängen von RASSEMENSCHEN HELFEN ARMEN MENSCHEN nicht wieder begegnen. Bin mal gespannt, ob auf dem Label weitere Platten erscheinen werden, oder ob diese Single eine einmalige Sache bleibt. Wenn weiterhin solch interessante Sachen ausgegraben werden, könnte das recht aufregend werden. (A.P.)

THE MURDEROUS MISTAKE - Undefined


Erstveröffentlichung: CD 2007 / RockWerk Records

In einem schick aufgemachten (aber unnötigen) Promo-Folder ist hier vor kurzem die neue CD der süddeutschen Band THE MURDEROUS MISTAKE eingetrudelt, inzwischen das dritte Werk der langlebigen Gruppe, die sich so ziemlich irgendwelchen Genregrenzen entzieht, weil sie einfach alles kombiniert.
Treibende Drums, rockende Gitarren, flächige Monumental-80s-Synthies, so startet das Album mit „Vampire’s Cry“. Kein Gothic-Rock, eher zwischen Linientreu und Paralysed Age anzusiedeln, aber auf jeden Fall voller Energie, ein Spitzenstart. Ähnlich geht es dann direkt weiter mit „Fly Into The Light“, das trotz der Rock-Gitarren eigentlich eher ein Synthie-Pop-Song ist, mal abgesehen vom Gitarrensolo zum Ende hin, das doch sehr schweinerockig rüberkommt. Damit ist der Weg des Albums klar definiert, nämlich eine mal stärker hierhin, mal mehr dahin tendierende Mischung aus Electro- und Gitarrenklängen. Die Leute der siebenköpfigen Band dürften aus ziemlich unterschiedlichen Lagern kommen, so dass der Sound der Gruppe recht vielseitig ist, von Dark Wave über Electro Pop und Gothic bis hin zu teilweise starken Metal-Einflüssen. Das hat den Vorteil, dass man nicht immer sofort weiß, was einen erwartet, allerdings hat sich daraus noch kein ganz eigener Sound entwickelt, aber das wird schon noch. Etwas kritisieren muss ich noch die englische Aussprache des Sängers, die hier und da etwas hakelig erscheint. Über allem schwebt immer ein leichter 80s-Klang, was wohl vor allem an den Synthies liegt, während viele Rhythmen sich eher am aktuellen Future Pop orientieren, also sehr auf Tanzbarkeit hin ausgerichtet sind.
Wer eine Mischung aus späteren De/Vision und den längst vergessenen The Ancient Gallery mag, kommt hier voll auf seine Kosten. Bei mir hat die Mischung zwar nicht sofort gezündet, aber einige Songs sind richtig gut. Jetzt noch etwas mehr Eigenständigkeit und weniger Gitarrensoli und das nächste Album könnte ein Kracher werden.
Sehr schönes Booklet übrigens. (A.P.)

Webadresse der Band: www.the-murderous-mistake.de

RONIN - Kuru


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2007 / Hertz-Schrittmacher / Institut Zur Freundlichen Nutzung Von Kernkrach

Mit dem amerikanischen Projekt RONIN entfernt sich Kernkrach ein wenig von seinen Wurzeln. Der Sound ist voller und synthpoppiger, als gewohnt, was aber natürlich nicht schlimm ist, im Gegenteil, denn die drei Songs wissen auch so zu begeistern. Geht halt eher ein bisschen in die Richtung von Television Set oder Machiste. Da das Ganze aber auch noch schön wavig rüberkommt, hätte ich die Platte vielleicht eher auf Anna Logue Records oder Das Drehmoment erwartet, aber warum sollen uns die Kernkrach-Macher nicht auch mal überraschen? Zumal trotzdem alle Minimal-Fans auf ihre Kosten kommen werden, mindestens bei „Plaza De America“, wenn man das Genre nicht zu eng fasst.
Den Projektnamen RONIN werden die meisten wohl hauptsächlich von dem gleichnamigen Film her kennen. Er bezeichnet aber eigentlich einen herrenlosen Samurai im alten Japan, eine Art Söldner, der für den kämpfte, der am besten bezahlte. Passend dazu ist auch die Hülle dieser Single gestaltet. Erscheint das Kleiderschnittmuster als Cover noch etwas beliebig, ist dieses aber mit einem roten Stirnband umwickelt, auf dem das Bandlogo aufgedruckt ist. Dazu gibt es noch ein Beiblatt.
Wie üblich ist die Platte limitiert und wahrscheinlich kaum noch irgendwo zu bekommen. Schönes Teil, für Kernkrach-Verhältnisse aber „nur“ im oberen Mittelfeld. (A.P.)

Webadresse der Band: www.kernkrach.de

COMPILATION - New Dark Age Vol. 4


Erstveröffentlichung: Doppel-CD 2007 / Strobelight Records / Al!ve

Muss man zu dieser inzwischen vierteiligen Samplerserie eigentlich noch viel schreiben? Immer schon einmal jährlich legen uns die Strobelight Records-Macher eine Doppel-CD vor, die ziemlich perfekt den aktuellen Gothic-Rock-Underground beleuchtet und dabei bekannte und beliebte Bands mit Newcomern zusammen bringt. Der Fokus liegt dabei immer auf klassischem Gothic-/Death-Rock, es werden aber auch mal Ausflüge in verwandte Gefilde gewagt. Im inzwischen gewohnten, aber für meinen Geschmack immer noch nicht besonders schönen, Artwork gibt es zwei CDs voller Musik und ein Booklet, das zumindest die notwendigsten Informationen über die Künstler enthält.
Als Größen, die den Wave der 80er mit geprägt haben und die Fahne heute noch hoch halten, gibt es PINK TURNS BLUE und CLAN OF XYMOX zu hören, die noch lange nicht aufs Altenteil gehören. Dann sind da jede Menge Bands, die sich schon einen guten Namen in der Szene machen konnten, wie VOICES OF MASADA, SCARLET’S REMAINS, HUMAN DISEASE, MURDER AT THE REGISTRY, ALL GONE DEAD, THE LAST DAYS OF JESUS, ZADERA und MALAISE. Aus dem amerikanischen Underground hat man die beiden großartigen Gruppen THE WEEGS und THE SIXTEENS eingeladen. Weiterhin dabei internationale und deutsche Bands wie CURIOUS, ZOMBINA AND THE SLEKETONS, SHADOW REICHENSETIN, THE OTHER, HYSTERIC HELEN, REPTYLE, MIGUEL AND THE LIVING DEAD, TRAGIC BLACK, REDEMPTION und die GOLDEN APES, sowie neuere und bisher weitgehend unbekannte Gruppen wie A SPECTRE IS HAUNTING EUROPE, PINS AND NEEDLES, THE GUILTY PARTY (Entdeckung!), FRUSTRATION, MONOZID oder OURNAMA und einige weitere.
Etwas aus dem Rahmen fallen unsere Freunde von WERMUT und TRANS-ACTIVE NIGHTZONE, die eher elektronischen Klängen frönen, aber hier trotzdem nicht als Störfaktor auftauchen. Schön, auch wieder etwas von den leider fast vergessenen Alt-Wavern von SCREAMING FOR EMILY zu hören. Es gäbe noch ein paar weitere Namen aufzuzählen, von denen keiner schlechtes Material abgeliefert hat.
Musikalisch gibt es alles zu hören von klassischem Brit-Goth, New Wave, Death-Rock und Horror-Punk über Wave-Punk und Dark Wave bis hin zu Batcave, Minimal-Wave und Synth-Punk. Die Mischung stimmt und es wird wohl kaum jemanden geben, der hier nichts Neues entdeckt und nach dem Anhören vielleicht die eine oder andere CDs von den gehörten Bands kauft. So sollte eben ein guter Sampler sein, Bekanntes und Beliebtes mit Neuem zu verbinden, ohne, das es auffällige Tiefpunkte gibt. Der Soundtrack für eine zünftige Halloween-Party. (A.P.)

BLAUSäUREEINSATZ - Frühe Wolgawerke


Erstveröffentlichung: 7 Inch EP 200? / Phonomenal

Was darf man musikalisch von einer Band namens BLAUSÄUREEINSATZ erwarten, die Mitte der 80er Jahre in Hildesheim aktiv war? Na klar, schön untergrundigen Deutsch-Punk, der sich keinen Konventionen großer Plattenfirmen anpasst und pogomäßig nach vorne ballert. Das Label Phonomenal hat dieses Schätzchen niedersächsischer Punkgeschichte auf Vinyl veröffentlicht, eigene Veröffentlichungen auf Vinyl gab es wohl während der eigentlichen Bandgeschichte nicht, dafür aber Auftritte mit diversen Punk-Größen, wie den Subhumans, Abstürzende Brieftauben, Maniacs und anderen. Durch einen zwischenzeitlichen Sängerwechsel (?) gibt es hier eine „Nörvi“-Seite und eine „Gerard“-Seite, die sich musikalisch nicht so sehr unterscheiden. Wie es sich aber für eine deutschsprachige Punkband der damaligen Zeit gehört, gibt es einen Song mit dem Titel „Deutschland“, Einen Text gegen Tierversuche, Songtitel wie „Blausäure `84“ oder „Überall Verarschung“ und den obligatorischen Saufsong mit dem Titel „Abendgebet Eines Säufers“. Die Texte sind mit abgedruckt, was sehr hilfreich ist, vor allem auf der „Gerard“-Seite. Alles also eigentlich nichts Besonderes, aber doch authentisch, auch vom Übungsraumsound her, und sympathisch. Schick aufgemacht ist die Platte dazu auch noch, nämlich im durchsichtigen Vinyl und mit schönem Postercover. Dazu noch limitiert auf 500 Exemplare. Ich stelle mir die damaligen Auftritte von BLAUSÄUREEINSATZ als sehr unterhaltsame Veranstaltungen vor. Stickige, kleine Jugendzentren, biergeschwängerte Luft und Pogoparty pur. Bin halt auch nur ein Punkromantiker. Schöne Platte, für Fans von schnellem Deutsch-Punk allemal einen Kauf wert. (A.P.)

Webadresse der Band: www.phonomenal.de/site.htm

HEADBANGERS - Rentner


Erstveröffentlichung: 7 Inch EP 200? / Phonomenal

Aufarbeitung der Bremer Punk-Geschichte Teil...? Natürlich unsere Freunde von Phonomenal haben ein paar Aufnahmen der HEADBANGERS ausgegraben, wohl eine der ersten Bremer Punkbands. Schön scheppriger Sound, dazu aber ein echt fetter Bass und ein Saxophon, so dass schon Anklänge an den späteren New Wave-Sound durchkommen. Ansonsten guter Punkrock zwischen Früh-Punk und frühen Siouxsie-Demos, aber natürlich mit Herren-Gesang. Pogo-Sound, den man eigentlich nicht kritisieren kann, denn da die Aufnahmen von 1978 stammen, darf man sie auf jeden Fall zu den frühen deutschen Punk-Werken zählen. „Freitag“ nimmt schon einiges vorweg, was später Mittagspause und deren Nachfolger Fehlfarben fabriziert haben, eine leider vergessene Perle. „Elektroschock“ leidet leider etwas unter schlechtem Sound, kann es aber ansonsten fast mit den Hamburger Buttocks aufnehmen, allerdings unter Hinzunahme von einigen schrägen Elementen. Aus den HEADBANGERS gingen unter anderem A5 und die Krauts hervor.
Viermal früher deutscher Punk, der Spaß macht und es verdient hat, endlich auf Vinyl verewigt zu werden. Schönes Cover, limitierte Auflage und ein herrliches Beiblatt, dazu ein günstiger Preis, also: Kaufverpflichtung! (A.P.)

Webadresse der Band: www.phonomenal.de/site.htm

LIMBO - Vox Insana


Erstveröffentlichung: CD 1991 / Contempo Records

Das Projekt LIMBO um Mastermind Gianluca Becuzzi existiert nun auch schon über 20 Jahre. Becuzzi hat zudem mit anderen bekannten Größen wie Pankow und Kirlian Camera zusammen gearbeitet und eben mit LIMBO eine ganze Reihe interessanter Platten und CDs veröffentlicht. Eine der bekanntesten Platten dürfte wohl das Album „Vox Insana“ von 1991 auf dem legendären Contempo Label sein.
1991 war eine gute Zeit für die vielfältige Musik von LIMBO, die Spätausläufer des EBM-Booms waren noch aktuell, die Dark Wave-Szene in Europa war zu neuem Leben erwacht und so war die potentielle Hörerschaft groß. Die Musik von LIMBO basiert hier ganz klar auf Electro und hier klingt es wie eine Mischung aus Pankow und Clock DVA mit diversen EBM-Anklängen, häufig tanzbar, aber auch düster. Doch auch am angesagten Dark Wave und sogar Neo Folk kommt LIMBO hier nicht vorbei, schafft daraus aber eine ganz eigene Mischung, die sehr spannend ist und eigentlich fast nur Hits auf dem Album hervor bringt. Songs wie „Dein Gott Ist Tot“ oder „Libido Mater Nostra“ sind echte Knaller für die Tanzflächen guter Clubs und Partys, während „93 Lashtal 93“ schon vom Titel her ganz klar eine Reminiszenz an Current 93 ist oder „Magick“ an Death In June erinnert. Schließlich wird auch noch ein Stück von Psychic TV gecovert, nein, eher bearbeitet und in LIMBO-Klänge eingebunden, wobei man es kaum wieder erkennt. Sehr interessant.
Sehr schönes Album, das weit über viele Electro-Alben der damaligen Zeit hinaus reicht und deswegen eigentlich in jede ordentliche Sammlung gehört. (A.P.)

SHENANIGANZ - Four Finger Fist Fight


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Eigenproduktion

Da dachte ich beim Hören, dass die Herren dieser Band mit Sicherheit schon älter seien, denn solche Musik machen „junge Leute“ doch gar nicht mehr. Als ich dann aber las, dass sie die „Beste Schülerband Deutschlands 2006“ sind, musste ich mich etwas wundern. Entweder sind die Musiker über Jahrzehnte sitzen geblieben oder es stimmt eben doch, dass Menschen jüngeren Alters lupenreinen Rock´n Roll spielen, genau genommen Bad Ass Rock´n Roll, wie sie es selbst sagen. Es verwundert dabei insbesondere, dass die Herren über Andy Warhol singen, ich dachte, der Gute sei bei der jüngeren Generation eher vergessen. Ähnlich verhält es sich mit Jesus, doch bitte nicht denken, dies sei ein Hohelied auf den Gesalbten, nein, natürlich wird hier festgestellt, dass er ein Rock´n Roller war. Der Sound ist fett, die rockigen Instrumente sind auf Party und Gegenwind gebürstet, der Gesang mitunter mehrstimmig und die Texte, na ja, auch eher rockig, große Aussagen möchte man nicht tätigen. Ich muss gestehen, mein persönlicher Geschmack ist das nicht, aber das tut nichts zur Sache. Auf jeden Fall ist das reife Musik, die einen umpustet. (H.H.)

BLUTENGEL - Interview 2007




Interview mit Chris Pohl, Constanze Rudert und Ulrike Goldmann „Blutengel“ am 15.10.2007 in Augsburg

1. 1996 fiehl der Startschuss für Seelenkrank, bis du es 1998 aufgelöst hast und Blutengel gegründet hast. Könnte man also davon sprechen, dass Seelenkrank der Vorreiter zu Blutengel war?

Chris: Ja klar, dass hat schon miteinander zu tun. Ich war mit Seelenkrank an einem Punkt angekommen, wo es nicht weitergehen konnte aus teilweise vertraglichen Gründen. Ich wäre damals aus den Verträgen nicht herausgekommmen und so beschloß ich für mich, das Ding ad acta zu legen. Das war die einzige Möglichkeit aus den vertraglichen Bindungen heraus zu kommen, ohne kreativ völlig leer gesaugt zu werden. Das neue Kind hieß fortan also Blutengel, dass insgesamt technisch viel reifer klang und sich durch Wexhselgesänge und weibliche Gesangspassagen auszeichnete. Diese hatte es vorher bei Seelenkrank einfach nicht gegeben. Man kann schon davon sprechen, dass es ohne Seelenkrank und insbesodere der Auflösung, Blutengel nicht gegeben hätte.

2. Eine wichtige Konstante bei Blutengel, du sprachst es gerade auch an, ist der Wechselgesang mit weiblichen Bühnenpartnerinnen. Dennoch hat sich das Besetzungskarusell ja doch einige male sehr gedreht. Hand aufs Herz, würde Blutengel denn auch ohne die zwei Mädels funktionieren?

Chris: Mhmm, nun das Drumherum von Blutengel in Form von Sängerinnenist immens wichtig. Ich denke, dass gesamte Konzept der Band steht und fällt mit den weiblichen Stimmen zusätzlich zu meiner eigenen. Wenn ich jetzt nur allein auf der Bühne stehen würde, würde sowohl mir als auch den Fans glaube ich etwas ganz wesentliches fehlen. Möglicherweise würde Blutengel auch ohne die beiden Mädels gehen, aber ich mein für mich war es ja gerade auch der Reiz mit kreativen Frauen um mich zu arbeiten. Eine reine Jungenband habe ich ja mit Terminal Choice schon. Was jetzt den Wechsel der Sängerinnen angeht, nun ich fürchte ich bin ein Perfektionist, und wenn für mich das Bandgefüge oder das eingebrachte Engagment nicht ausreicht, muss man sich nachdsem man darüber geredet hat und sich dannach nichts verändert hat, getrennte Wege gehen. Die Sängerinnen machen für mich einfach 50% der Band aus, wenn da etwas nicht stimmt, wirkt sich das schnell auf alles aus.

3. Na ja, wenn ich da einhaken darf, es hält sich ja hartnäckig das Gerücht, dass du der Boss bist, und sich die Mädels da unterzuordnen haben. Was ist denn nach deiner Aussage dran an diesem Gerücht?

Chris (lacht): Na ja das Gerücht stimmt schon irgendwie! Ich bin der Mainman mit dem Blutengel steht und fällt, schließlich ist es auch mein Baby. Das heißt jetzt aber nicht, dass Constanze und Ulli keine Kritik an den Kompositionen oder den Texten äußern können, Kritik ist immer angebracht, oftmals auch notwendig bei mir, etwa wenn ich kreativ übers Ziel geschossen bin. Musikalisch bin ich schon völlig der Mastermind und entscheide im Studio die Komposition. Textlich gesehen kommen immer auch Texte und Impulse von Constanze und Ulli, die mitunter auch mit Wünschen zu mir kommen, was sie gern mal singen würden. Ich versuche dann diese Ideen auch irgendwie umzusetzen und ihren Wünschen gerecht zu werden.


4. Wenn du komponierst, ist dann von Anfang an klar, dass dieser Song so nur für Blutengel funktionieren wird?

Chris: Ja das ist dann schon klar! Wenn ich mich mit Blutengel im Kopf befasse und mich an Texte für ein neues Album mache, dann kann sowohl der Text wie später die Komposition nur für Blutengel passen. Bei Terminal Choice etwa ist der Prozeß schon ein ganz anderer, denn hier ist bei den Kompositionen immer ein Schlagzeuger dabei, wir jammen mehr und spielen uns Passagen vor. Diese werden dann, wenn sie allen gefallen, in den Song integriert. Das gibt es so bei Blutengel schon mal gar nicht, da sitze ich dann doch eher allein für mich im Studio und schraube an den Songs herum. Auch thematisch sind beide Bands ganz unterschiedlich, bei Terminal Choice zum Beispiel lege ich meine Gefühlswelten nicht so offen dar, wie ich das bei Blutengel tue. Persönliche Empfindungen finden sich bei Blutengel ganz klar stärker wieder, die emotionale Distanz fehlt einfach dazwischen.

5. Immer wieder ist die Faszination des Vampirs in euren Texten, die Möglichkeiten der Untersterblichkeit, aber auch die damit gepaarte Erotik. Könnte man dies als einen roten Faden bezeichnen, der sich konsequenterweise, durch die Alben ziehen muss?

Chris: Mhmm nun diese Thematik kann ein roter Faden sein ja, muss es aber auch absolut nicht. Klar, so haben die Texte von Blutengel angefangen und es sind auch Dinge, die mich nach wie vor interessieren. Gerade jetzt auf der neuen Platte aber, tritt diese Thematik etwas in den Hintergrund zugunsten von sehr persönlichen Stimmungen. Der Vampir ist ja doch ein surreales Wesen, an dem ich weniger mich selbst mit meinen eigenen Gefühlen festmachen konnte. Oftmals ist es eine Inspiration, die durch etwa einen Film ausgelöst wurde, die ich dann durch den Text verarbeite.

6. Bis zu „Labyrinth“ war es ein sehr langer Weg scheint es, denn das letzte reguläre Studioalbum liegt nun schon 5 Jahre zurück…

Chris: Das ist richtig, dass letzte Album ‚Demon Kiss’ liegt 5 Jahre zurück, dazwischen kamen eine EP und zwei Singles. Eine so lange Pause war keinesfalls geplant, doch Terminal Choice hatte mich zum einen sehr beansprucht und dann waren wir auch mit Blutengel 2003 bzw. 2004 sehr viel unterwegs gewesen. Contanze hatte dann auch begonnen ihre eigenen Projekte voran zu bringen und so brauchte es einfach. Irgendwann habe ich dann aber die Ideen gesichtet, die noch von der letztten Platte übrig waren. Dann begann ich mit der Zeit immer mehr neue zu schreiben, so dass ich Bescheid gab, dass ich bereits am schreiben für ein neues Album bin. Es war im Übrigen sehr schön, dass ich dieses Mal so gar keinen Druck hatte, es war keine Plattenfirma im Nacken, die mich versucht hat auf einen Termin festzunageln. Endlich konnte ich mir genau die Zeit nehmen die ich wollte.

7. Wofür steht den ‚Labyrinth’, die Versuchungen des Lebens, die Seele des Menschen?

Chris: Ja du hast es im Kern schon gut erfasst. Letztlich geht es um die Versuchungen von Gut und Böse und die eigenen Entscheidungen die man für sich selbst dabei trifft. Was für einen selbst gut ist, kann für andere schlecht sein. Man muss im Leben so oft abwägen. Das ist so der thematische Überbau über das Album, aber Labyrinth bedeutet auch Irrwege im Leben und Sackgassen, man muss sich durchkämpfen um aus dem Labyrinth zu kommen. Natürlich steht das Labyrinth damit auch für die Seele des Menschen, die ja auch nicht so leicht zu ergründen ist. Im Laufe der Arbeit am Album stellte ich witzigerweise fest, dass ich gar nicht so der Fan von Konzepten bin, man legt sich da oftmals etwas auf, wozu sich eine Einstellung zu leicht ändern kann.Mein Leben ist oftmals viel zu schnellebig dafür!

8. Auf dem Album habt ihr, Constanze, und du Ulrike, euch auch stärker eingebracht textlich. Ulrike, war das Schreiben der Texte für dich denn eine große Umstellung von Say Y zu Blutengel?

Ulrike: Na ja so krass war die Umstellung eigentlich nicht für mich. Mit Say Y war ich ja im Grunde schon im Label von Chris, so dass wir uns bereits kannten. Auch privat hab ich mich selber immer schon für die Vampirthematiken interessiert und konnte gut Texte dazu schreiben, so dass es mir gar nicht so schwer fiehl.

Constanze: Nun was meine Stücke angeht, ich bin ja nun schon eine ganze Weile Teil von Blutengel, da fällt mir das nicht mehr schwer. Mein erstes Stück etwa, der Song ‚Singing Dead Men’ handelt davon, dass man Menschen sogartig hineinzieht ins Innere des Labyrinths. ‚Sunrise’ hingegen ist dann doch eher ein sehr persönliches Stück , das denk ich merkt man auch. Auf der limited Edeition habe ich dann mit ‚Snowblind’ wieder die Vampirthematik aufgegriffen, während ‚Stormy River’als Apell an den Menschen gedacht ist, die Augen auf zu machen in der Welt. Die selbstgebaute Welt ist zu klein, da ist oftmals noch mehr!

Chris: Ich sage den Mädels ja auch nicht, bitte verfasst eure Texte jetzt so oder so. Blutengel ist textlich ein Produkt aus drei Individuen, die charakterlich unterschiedlich sind und auch Dinge anders verarbeiten. Die Texte fügen sich zumeist schon sehr gut zusammen, ergeben verschiedene Sichtweisen. Somit können sich die Mädels hervorragend einbringen!

9. Wie waren denn bisher die Reaktionen auf die neue Platte?

Chris: Erfreulicherweise waren die durchweg nur positiv, zumindest was ich selber so gelesen habe. In den Foren schreiben die Leute bisher nur gutes. Es war interessant zu lesen, dass einige Fans das neue Material mit älteren Stücken vergleichen und finden, es klinge ähnlich. Auf der Tour jetzt ist das ganz unterschiedlich, in Magdeburg etwa, war ‚Lucifer’ der Renner, man wird sehen was hier besonders gut ankommt.

10. "Die Bühnenshow legt ihr immer in Sonjas Hände oder?

Chris: Jepp das stimmt, die ganz konkreten Ausarbeitungen macht Sonja. Sie macht sich die Gedanken zur Choreographie der Show. Wir sprechen uns zu den Songs ab, und sie liefert uns Ideen, wie der Song optisch funktionieren könnte. Eine Generalprobe in dem Sinn ist zeitlich meist fast nicht möglich. Vor der letztten Tour haben wir das tatsächlich gemacht, aber in der Regel bekommt einfach das erste Konzert der Tour einen ausführlicheren Soundcheck. Wir verlassen uns da auf Sonja, sie kennt die Abläufe perfekt, weiß wo wir stehen und tanzt ja auch selber auf der Bühne.

Habt herzlichen dank ihr Drei und auf einen schönen Abend! (Maximilian Nitzschke)

DR. C. STEIN - Liege In The Spring


Erstveröffentlichung: 10 Inch 2007 / Treue Um Treue / T.u.T./R.u.R.

Teil 2 der Aufarbeitung der Musik des holländischen Künstlers DR. C. STEIN, der unter anderem zu Ende Shneafliet gehört und auch an anderen Projekten des Trumpett-Labels beteiligt war. Enfant Terrible haben sich bei der Erbeverwaltung des Labels auch schon sehr hervor getan, wofür man mehr als dankbar sein muss.
Im Gegensatz zur überwiegend instrumentalen ersten LP „Echo Trip“ von DR. C. STEIN, die recht leicht konsumierbar war, was aber keinesfalls oberflächlich bedeutet, wird es hier auf dieser schicken schwarzen 10“ auch mal etwas experimenteller, wobei die Klänge, wiederum aus den Jahren 1983 – 1988, durchaus auch eingängig sind, teilweise sogar tanzbar und meist wavig, dafür weniger synth-poppig. Mir gefällt die Platte sogar noch besser, als „Echo Trip“. Vor allem die drei Stücke der ersten Seite begeistern mich dabei. Auf der B-Seite klingt es hier und da ein wenig nach den ganz frühen Stücken von Anti Trust, was wohl daran liegt, dass die Musik etwa zur gleichen Zeit mit einem ähnlichen Instrumentarium entstanden ist.
Dazu gibt es wieder mal ein sehr schönes, schlichtes Cover, das irgendwo zwischen der Ästhetik von 4 AD und Factory liegt, ein ebenso schönes Innencover und eine auf 514 Exemplare limitierte Auflage. Ein 80s-Electro-Kleinod, zunächst etwas unscheinbar, beim mehrmaligem Hören jedoch wunderschön. (A.P.)

Webadresse der Band: eys.online.fr/tutrur

ANNIE BARKER - Mountains And Tumult


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Beautiful Revolution Records

Ich gebe es zu, diese Debüt-CD von ANNIE BARKER aus Kalifornien habe ich mir zunächst einmal hauptsächlich deshalb zur Rezension angefordert, weil sie von Robin Guthrie produziert und mit eingespielt wurde. Als riesiger Cocteau Twins-Fans seit rund 20 Jahren, bin ich natürlich immer gespannt, was der gute Mann heute so treibt, immerhin war er für Jahrhundertalben wie „Garlands“ verantwortlich und seine Gitarrenklänge haben neben Elizabeth Frasers Stimme den Sound einer ganzen Musikrichtung nachhaltig geprägt.
Als ich dann aber bei My Space vorab schon mal in die Musik von ANNIE BARKER hineingehört habe und die sehr schön gestaltete Website der Musikerin besucht habe, stieg die Vorfreude und Spannung auf „Mountains And Tumult“ stark an.
Wahrscheinlich ist diese CD das beste Cocteau Twins-Album, das die Band nie gemacht hat! Die Einflüsse von Robin Guthrie sind übermächtig und der Gesang von ANNIE klingt wohl nicht zufällig ähnlich wie der von Liz Fraser. Allerdings gibt es durchweg englischsprachige Texte zu hören, während Fraser ja vor allem in den 80er Jahren meist ihre eigene Fantasiesprache zum Singen genutzt hat.
Ich glaube auch nicht, dass ANNIE BARKER den vergleich mit den Twins übel nimmt, deutet doch die Auswahl Guthries als Produzent und Mitmusiker darauf hin, dass sie selber ein großer Fan dieser Klänge ist. Und eine der zauberhaftesten Bands aller Zeiten als Vorbild zu haben, kann kaum falsch sein, wenn dabei ein so schönes Album herauskommt. Musikalisch erinnert „Mountains And Tumult“ häufig ein bisschen an Alben wie „Blue Bell Knoll“ und „Heaven Or Las Vegas“, also an die mittlere Phase der Twins, als die wavige Düsternis der frühen Werke schon gewichen war, die Musik aber noch nicht so glatt gebügelt war, wie in den Major-Phase der 90er. Damit trifft ANNIE BARKER so ziemlich genau meinen Geschmack, denn in dieser Phase wurde auch der gute Dreampop/Shoegaze-Sound groß und brachte so wundervolle Bands wie Slowdive hervor. Hier und da geht es dann auch auf der CD in diese Richtung, was alles ein bisschen auflockert, dazu gibt es dann auch mal Ausflüge in musikalisch maintreamigere Gefilde wie in „Sausage Fingers“ mit einem sehr schönen Klarinetten-Part oder in fast ambient-chillige Soundwelten ergänzt durch Orgelklänge. Hier und da kommen auch leichte Erinnerungen an die Heavenly Bodies oder Felt auf, eine wunderbare Mischung also, wobei ANNIE BARKER eigentlich am besten klingt, wenn sie sich gesanglich von Fraser entfernt wie in „I Want“, das irgendwie fast „lärmig“ klingt.
Ein wunderbares album, das zudem mit einem sehr schön gestalteten Artwork erscheint. Nicht nur für Cocteau Twins-Fans ein Muss, und vielleicht das „most beautiful album of the year“... (A.P.)

Webadresse der Band: www.anniebarker.com

MARK LANE - Elephant


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2007 / Editions Mark Lane

Neben der „Inner Most Folds“ MCD hat Altmeister MARK LANE zum 25jährigen Musiker-Jubiläum gleich noch diese 2-Track 7“ veröffentlicht, sicher auch, um die vielen Freunde des schwarzen Vinyls glücklich zu machen. Das gelingt ihm problemlos, zunächst mit dem schon der der MCD bekannten Instrumental „Elephant“, das auch in diesem „Minimal Mix“ immer noch locker-flockig klingt. Auf der B-Seite dann das ebenfalls instrumentale „Atomium (Instrumental Edit Mix)“, das etwas spaciger und moderner daher kommt. Sehr angenehm zu hören, aber relativ weit von den früheren Synthie-Wave entfernt, aber deshalb keineswegs schlechter. Die Scheibe ist auf 300 durchnummerierte Exemplare limitiert und alleine schon deswegen für MARK LANE-Fans Pflicht. (A.P.)

Webadresse der Band: www.editionsmarklane.com

XENO & STACCATO - Cara's Kiss


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2007 / Eigenveröffentlichung

Neues aus den USA, na ja, eigentlich schon einige Monate alt, aber erst jetzt bei mir eingetroffen. XENO AND STACCATO ist eines der zahlreichen Projekte (Opus Finis, Flesh Graey Display, Staccato Du Mal) von Ramiro Jeancarlo aus Florida. Neben der umfangreichen Beteiligung an der „Wierd Compilation“ und einigen CD-Rs hat Ramon inzwischen auch einige Vinyl-Singles veröffentlicht, von denen die hier vorliegende eine ist. Zusammen mit Sängerin Liz Wendelboo hat er im Dezember 2006 zwei Stücke live im Studio aufgenommen, die irgendwo zwischen Minimal-Electro und New Wave anzusiedeln sind, recht monoton und nur mittelschnell mit fast schon kindlich wirkendem Gesang, nicht unbedingt tanzbar und auch nur bedingt eingängig, aber irgendwie doch fesselnd und schön. Natürlich ist die komplett analoge Minimal-Musik deutlich aus den 80er Jahren beeinflusst. Mir persönlich gefällt die B-Seite „Jardins D’ete“ etwas besser als „Cara’s Kiss“ auf der A-Seite, was wohl an der etwas weniger düsteren Stimmung liegt.
Die Single, in ein schlichtes, aber edel wirkendes Cover mit Beiblatt verpackt (erinnert etwas an das Artwork von Factory Records), ist auf 500 Exemplare limitiert. Sicher kein ganz großer Hit, aber doch eine Perle und schöne Bereicherung für Minimal-Electro-Wave-Fans. (A.P.)

Webadresse der Band: www.myspace.com/staccatodumal

MONTY PYTHON - Autobiographie


Erstveröffentlichung: Buch 2004 / Hannibal / ISBN 3854452446

Das ist echt mal ein fetter Wälzer. Mehre Kilo schwer, 359 großformatige Hochglanzseiten mit insgesamt 1000 Fotos, natürlich alles in gebundener Form. Heftig und wertig, alleine schon von dieser Warte aus gesehen einen Kauf wert. Es beginnt mit einer Einführung des Autoren, doch ab dann kommen alle Pythons im Wechsel zu Wort. Graham Chapman freilich eher nicht, da dieser sich bereits aus dem Leben gemacht hat. Chapman hingegen ist allerdings in Form von Tagebucheinträgen mit dabei und auch sein Lebenspartner und enge Verwandte geben ein paar Infos. So surfen wir von der Geburt bis fast zum heutigen Tag. Am Anfang ist es etwas langatmig, denn da wird von so vielen Leuten geredet und von so vielen in Deutschland unbekannten Sendungen, dass es doch etwas anstrengend ist und man etwas den Mut verliert und glaubt, dass man ein halbes Jahr daran lesen wird, denn so eine Seite liest sich nicht in einer Minute wie bei anderen Büchern, man ist schon einige Minuten dabei. Doch mit der Zeit liest es sich immer mehr rein und spätestens wenn es mit dem „FLYING CIRCUS“ losgeht. Hauptaussage des Buches ist, dass jeder der Pythons ein eigenes Individuum war und dass trotzdem alles ohne allzu große Streitereien von sich ging, dass niemand dem anderen irgendetwas missgönnte. Nun mag man meinen, dass das alles Lobhudeleien seien, doch dem ist weit gefehlt, es geht schon sehr kritisch zu und es ist eher verwunderlich, dass alles so gesittet und produktiv ablief, denn jeder hatte seine Macken und war in irgendeiner Weise schwierig. Ein bisschen wehmütig wird man dann beim Lesen auch, weil klar wird, dass die Pythons wohl nie wieder etwas zusammen machen werden und selbst wenn, dann würde der Geist von früher wahrscheinlich nicht mehr in dieser Intensität herüber kommen. Also, abschließend gesagt, das ist das ultimative, und damit meine ich nicht einfach nur das beste, sondern wirklich das endgültige unschlagbare Lesewerk zu diesem Thema. (H.H.)

HIER IM SHOP ERHAELTLICH

THUNDERCATS - New Wave


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Nordic Not / Broken Silence

Gutes Cover, guter Name, guter Titel. Ja, auch die CD ist gut. Die Band gründete sich im zweiten Quartal 2006 in Reykjavik und die Bandmitglieder sind Isländer. Der Titel der CD vermittelt dann auch gleich einen Eindruck von dem, was einen dann aus den Lautsprechern erreicht. Es ist New Wave mit Pop und ganz klaren Bezügen zu den 1980ern. Aber das Ganze in irgendwie experimenteller Form, und trotzdem tanzbar, teilweise jedenfalls. Und zudem noch irgendwie anspruchsvoll, wie ich finde. Jedenfalls bekommt man gute Laune bei der Musik. Gefällt mir ausgesprochen gut. (H.H.)

HIER IM SHOP ERHAELTLICH

MINIPLI - Love Is For The Fishis


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Comet Records / Radar

Na, da ist ja mal was ganz anderes aus dem Promotion-Hause Finest Noise hier gelandet. Statt Alternative Rock, Punk oder Emo Core oder sonstigen Gitarrenklängen, liefert die Luxemburger Band MINIPLI ein Electro-Minimal-Pop-Album mit Gitarren ab, das wirklich überrascht.
Mit Pop ist hier definitiv kein seichtes Charts-Geseier gemeint, sondern eine kauzige, mit hübschen Melodien versehene Mischung aus unterschiedlichsten Musikstilen. Die zwei Herren und eine Dame klauben sich aus gut 30 Jahren Musikgeschichte, unter anderem viel New Wave, das zusammen, was sie für relevant halten und liefern damit ein echtes Kleinod ab, das ein bisschen in Richtung der „Musik Für Wohnzimmer“-Compilation geht. Irgendwo zwischen Stereo Total, Der Plan, The White Stripes und Mediengruppe Telekommander gibt es hier eine Reihe echt schicker Pop-Perlen zu hören, die Appetit auf mehr machen. Wenn im Waschzettel Begriffe wie „LoFi“ und „Dada“ auftauchen, dann hat das schon seinen guten Grund. „Angenehm verschroben“ möchte ich noch hinzufügen und „einfach sympathisch“. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Band auch live extrem unterhaltsam ist und für den einen oder anderen Lacher sorgt.
Das liebevoll gestaltete DigiPak tut das übrige dazu, bei dieser Scheibe den Daumen hoch zu strecken. Mehr davon! (A.P.)

Webadresse der Band: www.myspace.com/minipli

MARK LANE - The Anti-Tech Testament 1981-1985


Erstveröffentlichung: Doppel-CD 2006 / Editions Mark Lane / ECD-0306

Seit über einem Vierteljahrhundert veröffentlicht der Amerikaner MARK LANE nun schon auf zahlreichen Platten, CDs und Compilations seine Vision von elektronischer Musik und obwohl der kommerzielle Durchbruch nie erfolgte, kann er unter Electro-, Synthie-Pop- und Minimal-Fans eine treue Fanschar sein Eigen nennen. Nun also die längst fällige Best Of-Zusammenstellung, die gleich als schicke Doppel-CD kommt und einen fast perfekten Überblick über das Schaffen von LANE in den frühen 80er Jahren ermöglicht. Neben den diversen Szenehits gibt es auch eine ganze Mnge weniger bekannter, aber keinesfalls schlechter Tracks zu hören, die überwiegend von Tonträgern stammen, die regulär seit Jahrzehnten ausverkauft und nur zu Sammlerpreisen zu finden sind. Als Einstieg für MARK LANE-Neulinge also die perfekte Packung.
In den frühen Jahren war der Musiker ganz offenhörlich noch von Künstlern wie Fad Gadget oder The Normal beeinflusst, später entwickelte er eine sehr spannende Mischung aus Gary Numan und The Klinik, schaffte es aber dabei immer, seinen eigenen Stil zu behalten. Es ist keine Frage, dass LANE nachhaltig vom New Wave beeinflusst wurde, diesen Stil aber in den 80er Jahren gleichzeitig mit geprägt hat und im Bereich Synth-Pop sogar für manchen späteren Musiker Vorbildcharakter hatte.
Mit „Mystery Hero“ von der ersten 1981 erschienenen Single „Love Is So Aggravating“ über die komplette, legendäre 1984er Mini LP „Who’s Really Listening“ bis hin zu raren 7“- und Compilation-Tracks ist hier so ziemlich alles vertreten, was man als MARK LANE-Fan braucht. Hits wie „Sojourn“, „Tsar“, „Das Nicht“, „Age Of Fashion“ oder „They Call It Game“ wechseln sich mit experimentelleren Tracks ab und machen „The Anti-Tech Testament 1981-1985“ zu einer wunderbaren Geschichtsstunde, die aber niemals altmodisch klingt. (A.P.)

Webadresse der Band: www.editionsmarklane.com

THROBBING GRISTLE - Greatest Hist - Entertainment Through Pain

Wiederveröffentlichung: CD 1990 / The Grey Area / Mute Records / TGCD7
Erstveröffentlichung: LP 1981 / Rough Trade

Eine CD-Zusammenstellung von THROBBING GRISTLE „Greatest Hits“ zu nennen entbehrt nicht einer gewissen Selbstironie, die allerdings durch den passenderen Untertitel „Entertainment Through Pain“ ein wenig relativiert wird. Dass THROBBING GRISTLE zwar nie kommerzielle Hits gehabt haben, ist klar. Dass sie aber durchaus in der Lage waren, eingängige Ohrwürmer zu schaffen, die natürlich nichts mit dem Disco-Pop der späten 70er Jahre zu tun hatten, dürfte ebenso bekannt sein, auch, dass die Gruppe heutzutage als Erfinder des Industrial von zahllosen Freaks fast gottgleich verehrt wird, ist kein Geheimnis.
Insofern ist eine Zusammenstellung einiger der „hörbaren“ Titel nachvollziehbar und als Einstieg in die Welt von THROBBING GRISTLE, fraglos eine der einflussreichsten Bands der letzten 30 Jahre, absolut geeignet. So wird der „Neuling“ erstmal mit Stücken wie „Hot On The Heels Of Love“ oder „United“ an die leichtere Seite der Band herangeführt, darf aber auch Krach-Schrei-Orgien wie „Subhuman“ lauschen. Eine interessante, spannende Mischung, die vieles vorweg nimmt, was in den 80er Jahren weiter entwickelt wurde, von Avantgarde-/Geräusch-Musik über Minimal-Electro bis hin zu frühen Ideen, die im Techno wieder aufgegriffen wurden. Auch auf den Synthie-Pop der 80er Jahre hatten die Engländer einigen Einfluss. Gut, dass sie sich frühzeitig getrennt haben, um anschließend in grandiosen Formationen wie Chris & Cosey, Coil und Psychic TV bis heute spannende und oft innovative Musik zu machen, so blieb ihre Vorreiterrolle erhalten und hat sich nicht im Laufe der Zeit selbst relativiert. Natürlich gibt es hier auch ein Meisterwerk wie „Adrenaline“ zu hören, die „Hamburger Lady“ wird besungen, „20 Jazz Funk Greats“ erhalten ihren Auftritt und einige andere Stücke ebenso, so dass „Greatest Hits“ eine recht gute Übersicht über die Vielseitigkeit von THROBBING GRISTLE bietet. Als Herantasten an die Musik einer der wichtigsten Musikformationen überhaupt darf man sich diese CD holen, danach sollte man sich aber ruhig intensiver mit THROBBING GRISTLE beschäftigen, man wird völlig neue, 30 Jahre alte und dennoch nicht altmodische, Musikwelten kennen lernen. (A.P.)

TURBOSTAAT - Vormann Leiss


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Same Same But Different / Warner / 5051442-3244-2-6

Drittes Album von TURBOSTAAT, die sich mit den grandiosen Alben „Flamingo“ und „Schwan“ schon einen guten Namen machen konnten. Hervorgegangen ist die Band unter anderem aus der schleswig-holsteinischen Gruppe Exil, die Mitte der 90er auf dem Husumer Label Fuckin’ People Records eine feine Deutsch-Punk-Single veröffentlicht hat (ich glaube, davon habe ich sogar noch ein paar liegen) und dort auch eine schon viel ausgereiftere LP nachlegten.
Es ist keine Frage, dass TURBOSTAAT inzwischen zu den „Konsens“-Bands im positiven Sinne im Punk-Bereich zählen, weil sie ihren eigenen Stil gefunden haben und nicht einfach nur Parolen runterleiern. Zudem gibt es eine ganze Menge Einflüsse aus dem Bereich Indie-Rock/-Pop, so dass auch durchaus eine Nicht-Punk-Hörerschaft an den intelligenten Texten teilhaben darf. Das ist ein ähnlicher Weg, wie ihn Muff Potter auf noch poppigere Weise gegangen sind und damit großen Erfolg haben. Ansonsten fallen einem natürlich noch Namen wie ...But Alive, Razzia oder sogar Kettcar ein, alles hoch respektierte, tolle Bands. Aber am größten ist die musikalische, gesangliche und textliche Verwandtschaft zu Bands wie Angeschissen, Dackelblut und Oma Hans, allesamt mit dem Ausnahmesänger Jens Rachut am Mikrofon. Da kommen TURBOSTAAT zwar nicht ganz heran, aber sie spielen um die wenigen Plätze in der gleichen Liga mit und liefern das vielleicht beste Punk-Rock-Album des Jahres ab.
Der etwas überdrehte Gesang transportiert hervorragend eine Menge Wut, die in den Texten steckt, seien es nun die kritischeren oder die eher persönlichen. Da darf sich TURBOSTAAT dann auch tatsächlich mit den Größten des Genres messen, eben den diversen Rachut-Bands und auch Frank Z.s Abwärts. Anderen Ikonen des „anspruchsvolleren“ Punk-Rock wie EA80 (nebst zahlreichen Nebenprojekten) oder Fliehende Stürme entflieht man, indem statt der Düsternis Rotzigkeit und Druck ausgelebt werden und den Boxhamsters geht man durch weniger Poppigkeit aus dem Weg. So haben TURBOSTAAT ihre eigene Nische im Punk gefunden und wenn dann in Stücken wie „Insel“ auch mal Alternative-/Noise-Rock-Einflüsse zum tragen kommen, so erweitert das zusätzlich den Horizont der Norddeutschen, ohne das natürliche Primärpublikum (schöner Begriff, oder?) zu verschrecken.
Ja, viele Namen, aber alles großartige Bands, zu denen ein Vergleich niemandem peinlich sein muss. Und: TURBOSTAAT haben hier ihren eigenen Stil gefunden und ein wirklich großes Album aufgenommen, das man nicht einfach nach zwei-, dreimal anhören ins Regal zwischen all die Mittelmäßigkeiten einsortiert. Nein, „Vormann Leiss“ ist ein Album, das man in verschiedenen Stimmungslagen wieder rausholt und das auch noch in einigen Jahren nichts von seiner Energie verloren haben wird. (A.P.)

Webadresse der Band: www.turbostaat.de

COMPILATION - Hoera! Een Hex Voor Thuis


Erstveröffentlichung: LP 2007 / Hex Grammofoonplaten / Enfant Terrible / Hex#1

Neben dem bereits gegründeten 7“-Sublabel hat Enfant Terrible nun ein weiteres Kind mit dem schönen Namen Hex Grammofoonplaten bekommen, auf dem als erstes eine LP-Compilation mit Bands erscheint, die auf den regelmäßigen Hex-Partys in Amsterdam gespielt haben. Da geht es von New Wave über Minimal-Electro und Post-Punk bis hin zu Avantgarde. In bewusst schlichtem Artwork werden uns zwölf Bands vorgestellt (zehn Tracks sind exklusiv), die die eine oder andere Entdeckung und Überraschung bieten.
THE VANISHING haben ursprünglich mal irgendwo im weiten American-Gothic-Feld angefangen, sich dann aber doch in avantgardistischere Richtungen entwickelt, so dass sie hier fast wie die guten alten Malaria! klingen, was gar nicht so weit hergeholt ist, macht Bandleaderin Jessie Evans doch inzwischen Musik mit Bettina Köster unter dem Namen Autonervous. Toller Song mit viel Power und echtem Früh-80er-Feeling. Eher Post-Synth-Punk mit Cold-Wave-Anklängen bieten die Franzosen FRUSTRATION, ebenfalls ein sehr überzeugendes Stück. Die großartigen SIXTEENS liefern schön wavig-batcavige Klänge ab, ein kleiner Hit, der in guten Clubs eigentlich für Bewegung sorgen müsste. SWANN DANGER stehen auf dieser Platte für die Gothic-Fraktion. Hier gibt es einen Remix von Sköt B. zu hören, seines Zeichens Mitglied bei The Phantom Limbs und Black Ice. Etwas weniger aufregend finde ich SARALUNDEN, die eine Art Mischung aus Neo-Cabaret-Sound und gewollt dröhnigem Hintergrund-Klang machen und ein wenig an Diamanda Galas erinnern. Mit so einem einzelnen Stück lässt sich die Band nur schwer einschätzen. Interessant, aber noch nicht voll überzeugend. Auch CHEVEU überzeugen mit ihrem schrägem wave-artigen Stil nicht richtig. Irgendwo zwischen The Fall, Biker-Rock und Hippie-Attitüde. Da müsste man ebenfalls mal mehr hören, um sich ein richtiges Urteil bilden zu können. Der Vielseitigkeit des Samplers ist so etwas aber natürlich zuträglich.
Die B-Seite wird von LAURENCE WASSER eröffnet, der eine Art schepprigen Lo-Fi-Gitarren-Sound ohne richtige Höhepunkte abliefert. Nach diesem kleinen Zwischentief liefern die Hamburger WERMUT wieder einmal feinen Minimal-Electro mit Ohrwurm-Qualitäten ab, auf die kann man sich immer verlassen. Sehr abgefahren-minimalistisch mit Schlafzimmer-Studio-Charakter ist das Stück von KANIA TIEFFER. Erinnert schön an die guten Tape-Zeiten Anfang der 80er Jahre, als die Leute noch völlig hemmungslos einfach drauflos musiziert haben. Möchte ich mehr von hören. AGENT SIDE GRINDER haben mit ihrer Single auf Enfant Terrible bereits als kleine Minimal-Wave-Hoffnung überzeugt. Hier klingen sie düsterer und vor allem experimenteller. Eine spannende andere Seite der Band, die gespannt auf ein Album macht. HVAL MUS bedienen schließlich auch die Dark Wave-Fans mit ihrem Sound, der irgendwo zwischen ruhigen Einstürzende Neubauten und Deine Lakaien aus den Boxen tropft. Und zu guter Letzt gibt es noch einmal Minimal-Electro-Pop von PUNK SOUL LOVING BILL mit leichtem Der Plan-Einschlag.
Vielseitig ist diese Zusammenstellung allemal, was aber zur Folge hat, dass wohl kaum jemand alles durchgehend gut findet. Andererseits findet man eine ganze Reihe bisher nicht so bekannter Bands, von denen man mal mehr hören möchte und das sollte ja eigentlich auch ein Ziel jeder Compilation sein.
Auf jeden Fall zeigt „Hoera! Een Hex Voor Thuis“, dass man auf den Hex-Partys immer Spannendes, Ungewöhnliches und Aufregendes erwarten darf. Also: weiter so! (A.P.)

Webadresse der Band: www.enfant-terrible.nl

VEAGAZ - New Suburban White Trash Soul Music


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Schallplattenmanufaktur Hameln / Radar

Bereits 2003 haben VEAGAZ aus Hameln ihr Album „Gold“ veröffentlicht, das allerdings vollkommen an mir vorbei gegangen ist. Nun also „New Suburban White Trash Soul Music“ und im Waschzettel wird ordentlich Namedropping betrieben: Nick Cave, 16 Horsepower, Madrugada, Johnny Cash, Klaus Kinski und Charles Bukowski werden namentlich genannt, wobei das alles weniger hörbare, als atmosphärische Einflüsse sind. VEAGAZ klingen wie keine einzige von diesen Bands oder Personen, und doch suggerieren die Namen eine gewisse Schwere, was dann wieder auf VEAGAZ zutrifft. Fette Gitarren, schleppende Rhythmen, düstere Stimmung, irgendwo zwischen Großstadt-Blues und Wüsten-Rock. Hier und da gibt es auch noch eine Spur Biker-Rock und Gesang zwischen HIM und Limp Bizkit. Am Ende passt der Begriff Alternative Rock wohl doch am besten, allerdings eine recht eigene Variante, die mir gut gefällt. Ich schätze mal, dass die Musiker auch ein paar Platten von Sonic Youth, Crime And The City Solution, Gun Club und Melvins im Schrank stehen haben, ohne, dass man dieses Album nun mit diesen Gitarrenmusik-Ikonen vergleichen könnte.
Ich stelle mir VEAGAZ in einem kleinen stickigen Liveclub als letzte Band der Nacht kurz vor Sonnenaufgang vor, wenn nur noch eine Handvoll Leute da ist und das letzte Bier am Tresen trinkt. Bleierne Schwere liegt über der Szenerie und VEAGAZ entlassen das Publikum ins Morgengrauen. Ich gebe zu, dass mir diese Vorstellung gut gefällt, genau, wie diese CD, die passenderweise im grauen November erscheint. (A.P.)

NAGORNY KARABACH - Kleine Exkursion


Erstveröffentlichung: CD 1991 / What's So Funny About / Efa / WSRA SF 106

Erstmals aufmerksam konnte man auf NAGORNY KARABACH auf dem Sampler „Geräusche Für Die 90er“ werden, wo die deutsche Gruppe spektakulär DAFs „Ich Und Die Wirklichkeit“ coverte. Ebenfalls bei Alfred Hilsberg erschien dann das Debutalbum „Kleine Exkursion“, das eine wirklich brodelnde Mischung aus allen möglichen Musikstilen von Neue Deutsche Welle, Punk und Gothic bis hin zu Liedermacher-Pop bot, was einen völlig eigenständigen und kaum vergleichbaren NAGORNY KARABACH-Sound entstehen ließ. Im Waschzettel zu diesem Album werden als Einflüsse Bands wie Kraftwerk, Joy Division und DAF genannt, doch auch Bezüge zu 39 Clocks und Suicide werden erwähnt. Das sind alles aber nur Eckpunkte, die die Musik von NAGORNY KARABACH kaum treffend beschreiben. Echter Underground-Sound halt, der vielleicht zu sperrig war, um größeren Erfolg zu haben, mich aber bis heute begeistert. Hier und da denke ich, Fans von Kolossale Jugend oder Der Schwarze Kanal und vor allem des ersten Cpt.Kirk &.-Albums „Stand Rotes Madrid“ könnten hieran auch Freude haben. Auch andere Hamburger Bands dieser Zeit wie Brosch oder Buxom Coxcomb fallen mir als entfernte Verwandte ein. Und um mal was bekannteres zu nennen würde ich Liebhabern der „Luscious“-Mini LP von Cancer Barrack empfehlen, mal ein Ohr zu riskieren. Zu nennen wären vielleicht auch noch die Einstürzenden Neubauten. Gecovert werden Kraftwerk („Radioaktivität“) und ein weiteres Mal DAF („Als Wär’s Das Letzte Mal“). Eine echte Grufthymne ist „Ecce Homo“, wunderschöne Musik und ein guter Text. Ansonsten gibt es vor allem eckige, sperrige Klänge zu hören, die nicht sofort im Ohr bleiben, aber doch von Beginn an fesseln. „Avantcorebeat“ nannte die Band ihren Stil selber und damit dürften NAGORNY KARABACH wohl weitgehend ihre ganz eigene Schublade gehabt haben. Ein spannendes, unruhiges Album, das man nicht so einfach nebenbei hören sollte, leider viel zu unbekannt, aber daher immer noch als Geheimtipp nutzbar. (A.P.)

KAI HAVAII - Hart wie Marmelade


Erstveröffentlichung: Buch 2007 / Kiepenheuer / ISBN 337800679X

Zurzeit kommen ja viele „Tatsachenberichte“ in Buchform aus den 80er Jahren auf den Markt. Dieses Mal erfahren wir alles über Kai Havaii, am besten bekannt als Sänger von Extrabreit, die als Neue-Deutsche-Welle-Band begann und bis heute noch in unregelmäßiger Folge CDs auf den Markt bringt. Die Story fängt allerdings früher an, nämlich in einer Art Hippiekommune, danach folgte der Einstieg in die Band Extrabreit und ein Höhenflug ohne gleichen, der auch für die Bandmitglieder ein Rausch sondergleichen war – im wahrsten Sinne des Wortes. Dann der Absturz der Neuen Deutschen Welle, die auch Extrabreit mit hinunter riss, man versucht englische Songs, doch das klappt nicht. Dann folgt der Absturz, Drogen, doch wieder ein Comeback, danach ein noch schlimmerer Absturz. Ein Leben gelebt, möchte man sagen. Das Buch selbst ist natürlich leichte Kost, stilistisch und auch inhaltlich, auch wenn es im Grunde schon um menschlich-dramatische Dinge geht. Es geht natürlich auch um andere Leute, die seinen Lebensweg kreuzten, doch er hat für niemanden ein böses Wort, es gibt hier keine Abrechnungen. Alles ist in kleinen und kurzen Kapiteln geschrieben, leider teilweise für meinen Geschmack zu kurz. Was mich zudem etwas stört, ist die Tatsache, dass es keine Dialoge gibt, alles ist immer nur Beschreibung, so bleibt die Distanz vom Leser zur Geschichte leider relativ groß. Aber unterhaltend ist es natürlich trotzdem, enorm kurzweilig und teilweise witzig, auch was die Wortwahl betrifft. Also, durchaus ein netter und empfehlenswerter Roman (obwohl es ja eigentlich eher eine Autobiografie ist). (H.H.)

HIER IM SHOP ERHAELTLICH

HEXPEROS - The Garden Of The Hesperides


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Equilibrium Music / EQM019

Eine neue Band aus Italien, die allerdings nicht aus unerfahrenen Leuten besteht, sich bereits 2004 gefunden hat, aber erst jetzt ihr Debütalbum abliefert. Sängerin Alessandra Santovito war unter anderem in der Cold Meat Industry-Band Gothica Mitglied und kann sowohl im klassischen Bereich, als auch im Jazz Erfahrungen vorweisen. Nun singt sie mit ihrer ausgebildeten Sopranstimme bei HEXPEROS, was schon einmal vermuten lässt, dass es hier in die neo-klassische Richtung geht. Darauf lässt auch das portugiesische Label Equilibrium Music schließen, das sich in den letzten Jahren einen guten Namen für Klänge dieser Art gemacht hat.
Neben dem klassischen Gesang, Flöte, Violinen und Harfe werden auch Keyboards, Double-Bass und Gitarre benutzt, was die Musik sicher auch für so manchen Dark Waver hörbar macht (Anspieltipp: „Lotto Nero“). Dabei bleiben die Klänge aber immer sehr ruhig und zerbrechlich, hier und da auch etwas dunkel, aber nie klischeehaft düster. Dabei gibt es ab und an sogar ein paar keltische Einflüsse und sogar Momente, die fast schon rituell wirken.
Wer Vergleiche braucht, wird im Infotext mit Namen wie Dead Can Dance, Ophelia’s Dream, Sopor Aeternus und Arcana verwöhnt, wobei ich die erst- und drittgenannten nicht gerade dafür heranziehen würde und die anderen beiden kaum kenne. Ich würde es eher eine Mischung aus The Soil Bleeds Black, Hexentanz und einigen Sachen von Ordo Equitum Solis nennen, ohne, den Punkt damit genau zu treffen. Soll sich doch jeder lieber selbst ein Bild machen, wenn er auf neoklassischen Sound mit glockenklarem Frauengesang steht. Natürlich ist das Artwork mal wieder ganz besonders schön gestaltet, wie man es von Equilibrium Music gewohnt ist. Wer das Label bisher mochte, kann ungehört zugreifen, alle anderen sollten zumindest mal reinhören. (A.P.)

Webadresse der Band: www.equilibriummusic.com

THE VISION BLEAK - The Wolves Go Hunt Their Prey


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Prophecy Productions / Soulfood / PRO 091

THE VISION BLEAK haben sich mit ihrem Album „Carpathia“ einen guten Namen gemacht und legen mit „The Wolves Go Hunt Their Prey“ einen Nachfolger nach, der die Fans sicher nicht enttäuschen wird. Was auffällt, ist die sehr gute Produktion, die kaum merken lässt, dass es sich hier „nur“ um ein Duo handelt. Symphonic-Rock, akustische Momente, ein bisschen Progressive, ein bisschen Gothic und ein bisschen Death, alles gut verrührt, mit einer Prise Rammstein angereichert und fertig ist das VISION BLEAK-Gebräu. Wenn man dem Info glauben darf, treten auf diesem Album die metalligen Wurzeln der Band mehr in den Vordergrund, als zuvor. Klingt alles so gar nicht nach einer deutschen Band und dürfte somit auch Chancen auf dem internationalen Markt haben. Einziger Haken aus meiner Sicht: das ist so gar nicht meine Lieblingsmusik. Wer aber auf vielseitigen Metal mit Hymnencharakter steht, muss mal reinhören. (A.P.)

Webadresse der Band: www.the-vision-bleak.de

PUPPIESONACID - How Soon Is Never?


Erstveröffentlichung: CD-EP 2007 / Broken Smile Productions

Die Norddeutschen PUPPIESONACID haben sich 2003 zusammen gefunden, um Musik zu machen. Nach zahlreichen Liveauftritten, teilweise mit rechten bekannten Bands, legt das kleine Hamburger Label Broken Smile nun die erste CD-EP der Band vor. Die Produktion ist gut, die Songs sind technisch hervorragend gespielt und ausgereift und das Artwork erscheint professionell. Leider ist das aber so gar nicht die Musik, die ich hören mag. Im weitesten Sinne ist das hier Rockmusik, wobei die Einflüsse vielfältig von Metal über Progressive und Alternative bis hin zu Symphonic-Rock reichen. Vieles erscheint mir viel zu 70er Jahre-mäßig und damit kann ich nun mal gar nichts anfangen. Schade, aber ich will die Veröffentlichung nicht in zu negativem Licht erscheinen lassen, nur, weil’s nicht „my cup of tea“ ist. Wer auf wirklich gut produzierten Rock steht, könnte hier eine neue Lieblingsband finden. (A.P.)

Webadresse der Band: www.puppiesonacid.de

PORNO PONY - Anker Herz Und Taube


Erstveröffentlichung: CD 2005 / Burrofeliz / SPV / SPV CD 82222

Leider lag diese CD viel zu lange fast ungehört bei mir rum. Das heißt, als ich sie bekommen habe (nein, keine zwei Jahre, aber doch ein paar Monate), habe ich sie einmal durchgehört und fand sie richtig gut und dachte mir, darüber muss ich bald was schreiben...und die CD ging im großen Stapel unerledigter Sachen immer weiter unter. Schande über mich...
Dabei macht die Musik des Flensburger Pop-Punk Duos richtig viel Spaß und gute Laune. Irgendwo zwischen Ärzte, Etwas, Mia, Spillsbury, Ideal und 200 Sachen geht es locker-flockig zur Sache mit Ohrwurmmelodien und liebenswert-rotzigem Gesang von Sängerin Janneke. Dazu ebenso rotzige Texte auf Deutsch, von denen zumindest die Refrains sofort hängen bleiben und man eigentlich spontan wild durch die Wohnung hüpfen möchte.
Dabei ist die Stilvielfalt breit gefächert, von gut losrockenden Stücken wie „An Die Familie“, ndw-igem wie „1, 2, 3 Hier Bin Ich Komm Nimm Mich“ und „Es Bleibt Immer Wie Es War“, sowie Ska-Einflüssen in „Schüttel Dein Arsch“ bis hin zu durchaus auch kommerziell-poppigen Sachen wie „Liebe Kaufen“. Auch nachdenklich wird es beispielsweise in „Hände In Den Himmel“ zwischendurch mal. Könnte glatt im Tagesprogramm von MTViva laufen und wäre die bessere Alternative zu all den Julis, Silbermonds und Konsorten. Natürlich ist die Grundlage der Songs immer schöner Pop-Punk, der von elektronischen Elementen unterstützt wird. Die stilistisch passende Coverversion gibt es dann auch noch mit „Radio“ von den guten alten Nichts. Und dann ist da noch das herrlich schräge „DaDa Elefanta“, das man einfach gehört haben muss und das einem danach eine ganze Weile nicht mehr aus dem Ohr geht. Dazu gibt es ein schön gestaltetes Booklet, das sehr bunt ist und in dem PORNO PONY-Hälfte Sven „Bosso“ in der Gruß/Dankes-Liste ausdrücklich Morrissey als einen seiner Helden bezeichnet, was ihn schon mal von vorneherein sehr sympathisch macht. Überhaupt wünscht man sich irgendwie beim Hören dieser absolut höchst sympathischen Veröffentlichung mit den beiden von PORNO PONY befreundet zu sein, weil man ahnt, dass man mit ihnen viel Spaß haben kann.
Ich hoffe wirklich sehr, dass man von PORNO PONY noch viel hören wird und sie nicht so sang- und klanglos wieder verschwinden wie einst die ähnlichen Etwas. (A.P.)

Webadresse der Band: www.myspace.com/pornoponyrockt

COMPILATION - Gotham Vol. 1


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Syborgmusic / Nova Media / sbm 006-3

Das ist doch mal wirklich schön: ein Gothic-(Rock-) Sampler, wie man ihn aus den 90er Jahren kennt, als die Szene nicht nur in Deutschland ziemlich groß und lebendig war, noch nicht von Metal unterwandert wurde und man dauernd interessante neue Bands kennen lernen konnte. Diese Art von Samplern, die eine Reihe bekannterer Bands (meist mit Stücken von ihren Veröffentlichungen, hin und wieder mit Exklusivmaterial) mit Newcomern (meist unveröffentlichte Sachen) zusammenbrachte, spross überall aus dem Boden und man hatte eine große Auswahl. Heute ist der klassische Gothic-Rock fast nur noch auf dem Strobelight Records-Label am leben. Nun, reinen Gothic-Rock gibt es auch auf „Gotham Vol.1“ wenig zu hören, dafür aber Szenebands, die von New Wave über Dark Wave bis hin zu leicht avantgardistischen Klängen alles mögliche bieten. Da sind dann gute alte Bekannte aus den 80ern (COLLECTION D’ARNELL ANDREA), den 90ern (DRONNING MAUD LAND, TORS OF DARTMOOR, LOVE IS COLDER THAN DEATH, PRINTED AT BISMARCK’ DEATH, ANOTHER TALE, INKUBUS SUKKUBUS) und von heute (KOMU VNYZ, VIOLET STIGMATA, SILLAN) dabei, außerdem zeitlose Acts wie IN MY ROSARY und weniger Bekanntes wie WOLF und ICEBERG MODEL dabei. Und natürlich die wunderbare MONICA RICHARDS (Faith And The Muse, Strange Boutique), die hier mal wieder mehr als zauberhaft und damit Siegerin nach Punkten ist. IN MY ROSARY bieten typisches aus dem Folk-Wave-Bereich, sehr eingängig und hier und da auch für Ikon-Fans empfehlenswert, wenn man deren akustische Sachen mag. DRONNING MAUD LAND und INKUBUS SUKKUBUS liefern den guten alten Gothic-Rock englischer Prägung ab, COLLECTION D’ARNELL ANDREA bewegen sich seit rund 20 Jahren sowieso jenseits aller negativer Kritik, hier einmal ungewohnt clubtauglich, LOVE IS COLDER THAN DEATH sind eine feste Größe, auf die man zählen kann und PRINTED AT BISMARCK’S DEATH waren schon immer herrlich eigen. Schön wavig kommen ANOTHER TALE daher, während TORS OF DARTMOOR fast bowieqsque erscheinen. Wenig Überraschendes zwar, aber eine gut anzuhörende Ansammlung alter Helden, die zum großen Teil auch heute noch hörenswerte Musik abliefern. Was bieten also die unbekannteren Gruppen? VIOLET STIGMATA frönen dem alten Gothic-Rock, scheuen aber nicht davor zurück, auch einige elektronische Elemente einzubauen. KOMU VNYZ aus der Ukraine liefern eine gelungene Mischung aus klassischem Gothic-Rock und gemäßigten Rammstein ab, während WOLF eher die Dark Wave-Liebhaber bedienen. Ebenfalls dem etwas schrägen Dark Wave, mit leicht metalligen Gitarren sind SILLAN aus Finnland zugeneigt, bevor ICEBERG MODEL, weithin unbekannt geblieben, einen herrlichen Wavesong von ihrer 1990er EP vorstellen, der eigentlich damals ein Hit hätte werden müssen. Eine echte kleine Perle, die eigentlich zu Unrecht hier ganz am Ende versteckt wurde. Da würde ich gerne mal mehr hören!
Alles in allem also ein schöner Sampler, der ganz im Stile der mittleren 90er Jahre daher kommt und zwar wenig unbekanntes Material bietet, aber der heute doch recht jungen Szene einen hübschen Überblick dafür gibt, was sich abseits der großen Szenestars und gehypten Acts so tut. Vielleicht stößt der eine oder andere Hörer ja so auf neue Lieblingsbands.
Ich mochte damals diese Art von Zusammenstellungen (wobei natürlich nicht alle richtig gut waren), und ich freue mich einfach, mal wieder so eine CD zu hören. Kein Meilenstein, aber auf jeden Fall eine CD zum immer hören. Und meilenweit vor all den Zillo-Orkus-Sonic Seducer-etc.-CD-Beilagen, die eher nach Zahlungskraft der Bands/Labels zusammengestellt werden. (A.P.)

Webadresse der Band: www.syborgmusic.de

SICKDOLL - Sickdoll


Erstveröffentlichung: LP 2007 / Hertz-Schrittmacher / Institut Zur Freundlichen Nutzung Von Kernkrach / Hertz021

SICKDOLL konnte sich mit einem Beitrag zum „2 Hemden Und 2 Hosen Vol. 5“-Sampler, einem Auftritt beim zweiten Kernkrach-Festival und einer Single auf Hertz-Schrittmacher schnell einen guten Namen machen. Nun liegt die erste LP, ebenfalls auf Hertz-Schrittmacher, vor und man darf sich wieder einmal mehr auf eingängigen Electro-Wave freuen.
Natürlich liegen die Wurzeln von SICKDOLL weiterhin in den frühen 80er Jahren, als mit einfachen Mitteln viel minimaler New Wave-Sound entstand, zudem gibt es diesmal ein paar zusätzliche NDW-Einflüsse zu hören, was die Musik über LP-Länge etwas abwechslungsreicher macht. Die Vorbilder dürften auf der einen Seite bei Größen wie Gary Numan und Mark Lane liegen, auf der anderen Seite aber auch bei Minimal-Wave-Helden wie Dark Day, Van Kaye & Ignit, Jeff & Jane Hudson oder, um mal was aktuelleres zu nennen, Oppenheimer Analysis. Die eine oder andere Platte von Trisomie 21 oder Twice A Man dürfte SICKDOLL auch im Schrank stehen haben. Das klingt nach einer guten Mischung und kann auch wirklich durchgehend überzeugen. Lediglich der Gesang ist nicht immer perfekt abgemischt. Schafften es zum Beispiel die Griechischen Human Puppets nach einer großartigen Single nicht, ein komplett gutes Album vorzulegen, so gelingt dies SICKDOLL problemlos. Ich kann die Platte wirklich am Stück durchhören, ohne irgendeinen Ausfall zu verzeichnen. Auch, wenn die Musik noch nicht endgültig eigenständig klingt, so stört das hier nicht besonders, weil genau der Sound geboten wird, den man bei Früh 80er-inspiriertem Minimal-Electro-Wave, sei es die atmosphärische oder die tanzbare Variante, erwartet.
Die übliche Limitierung (350 Exemplare), eine schicke Verpackung und ein Beiblatt und bei einem Teil der Auflage noch eine Comicbeilage machen auch diese Veröffentlichung aus dem Hause Kernkrach zu einem Hit, der mir noch besser gefällt, als die Single. (A.P.)

Webadresse der Band: www.kernkrach.de

GASLICKER - Gaslicker


Erstveröffentlichung: Maxi-CD 2007 / Finest Noise Releases / Radar

GASLICKER gibt es erst seit 2006, doch kann die Truppe schon auf einiges an Liveerfahrung zurückblicken. Nun also die erste CD-EP mit 4 Songs, die den guten alten Rock’n’Roll am Leben erhalten wollen und das auch recht gut schaffen. Die Rotzigkeit lässt hier und da auch an Biker-Rock denken und eine Spur Pop-Punk ist auch dabei zumindest im ersten und besten Stück „What Will Be“. Eine gute Mischung also, die aber wohl erst live endgültig zündet. (A.P.)

COMPILATION - This Is An Insane Insane World


Erstveröffentlichung: LP 2007 / WSDP / WSDP114

Schon länger angekündigt...hier ist er nun, der erste Sampler auf WSDP! Gegraben hat Franck dafür im Archiv vom belgischen Insane Music-Label und dabei sieben unveröffentlichte und 4 rare Stücke gefunden, die sich im weitesten Sinne im Minimal-Electro-Avantgarde-Bereich bewegen. Manch Minimal-Freak meckert über die Schrägheit, aber solche Banausen beachten wir doch gar nicht, oder? Los geht’s also...
SUBJECTs „Italian Summer“ ist ein hübscher kleiner Wave-Song, wie er wohl nur um 1980 herum entstehen konnte und so stammt das Stück auch von der „Topless Game“-Compilation-LP aus eben diesem Jahr. Ebenfalls bereits auf einer Cassetten-Compilation veröffentlicht wurde „La Nuit, Tous Les Chats Son Gris (Short Version)“ von BENE GESSERIT, eine Soundminiatur, die man nicht unbedingt als Song bezeichnen kann, genau wie das avantgardistische „Ze King Of Ze Djungle (Aventure En Afrique)“ von derselben Gruppe. Die Leute, die von BENE GESSERIT sonst eher die eingängigeren Minimal-Electro-Stücke mögen, werden vielleicht etwas enttäuscht sein. Aber man sollte inzwischen wissen, dass bei WSDP auch mal schrägere Sachen kommen, so die Säurekeller-LP oder auch vor langer Zeit Early W oder Der Kohlenklau. Ich finde es gut, dass der liebe Franck sich da keine Grenzen setzt, sondern konsequent das veröffentlicht, was er selber als dafür geeignet hält. Ähnlich, wenn auch etwas waviger mit ganz leichten Laibach- und Test-Dept.-Anklängen geht es bei den folgenden beiden HUMAN FLESH-Stücken weiter. Das erinnert schon ein bisschen an Theatermusik. „Grijs“ ist jedenfalls ein sehr spannendes Stück. Dass alle Songs auf dieser LP recht homogen zusammenpassen liegt natürlich daran, dass überall Alain Neffe beteiligt war und alles aus dem Umfeld des kleinen Insane Music Labels stammt. THE OTHER SIDE OF HUMAN FLESH nimmt viel vom (deutschen) Dark Wave der 90er Jahre vorweg, bis hier der eingängigste Song, auch, wenn das auf dieser Platte noch nicht viel bedeutet. Zum Schluss der A-Seite noch eine Elvis-Coverversion-Klangminiatur von BENE GESSERIT, die auch die B-Seite eröffnen, nun allerdings mit eher minimal-wavigen Klängen, die so manchen Hörer wieder zufriedener Stimmen werden. Ähnlich minimal, aber schön schräg geht es danach noch mal mit der Gruppe weiter, bevor PSEUDO CODE fast 10 Minuten lang minimal-hypnotische Klänge abliefern, die hier und da ein wenig an Psychic TV erinnern. Zum Schluss ein letztes Mal BENE GESSERIT mit einer weiteren Variation ihres Elvis-Covers.
Ich finde es schade, dass manche Minimal-Electro-Puristen diese Platte schlecht machen, nur weil sie eben nicht den gewohnten und vielleicht nach den WSDP-Veröffentlichungen von BENE GESSERIT und PSEUDO CODE erwarteten Sound bieten. Ein bisschen mehr musikalische Offenheit sollte schon drin sein und mir gefällt „This Is An Insane Insane World“...der Titel kommt ja auch nicht von ungefähr. (A.P.)

Webadresse der Band: www.wsdp.de

MANIA D - Track 4


Erstveröffentlichung: 7 Inch 1980 / Monogam Records / Monogam 002

Als direkte Vorgängerband von Malaria! dürfen MANIA D gelten, ein Projekt von Bettina Köster, Beate Bartel und Gudrun Gut, die ansonsten auch aus dem Umfeld der Einstürzenden Neubauten, Laisons Dangereuses, CHBB und Din A Testbild aktiv waren. Obwohl es nur diese eine Single der Band gibt (in zwei farblich unterschiedlichen Covervarianten) und obwohl Malaria! später weitaus erfolgreicher, vor allem auch international, waren, hat sich der Name MANIA D bis heute in der Minimal-Geniale Dilletanten-NDW-Szene gehalten. Das mag daran liegen, dass die Single bereits 1980 erschien, als in Deutschland die unabhängige Musikszene erst so richtig durchstartete. Und es liegt sicher auch daran, dass es sich hier um eine reine Frauenband handelte, zu der damaligen Zeit auch noch eher ungewöhnlich.
Die Musik ist herrlich schräg, liefert schon das NDW-typische Quäk-Saxofon mit und erinnert natürlich schon stark an das, was Malaria! später ablieferten. Das alles und sicher auch die Tatsache, dass die Platte auf dem Monogam-Label erschienen ist, machen sie zu einem gesuchten Sammlerstück, aber eben auch zu einem Zeitdokument, das die deutsche Musik in neue Richtungen aufbrechen ließ. Gehört eigentlich in jede NDW-Sammlung. (A.P.)

JUD-GUT - Abseits/Ad Akta


Erstveröffentlichung: MC 1986 / 235 Audio / MC 235/016

Nein, dieser Projektname hat in erster Linie nichts mit dem namensähnlichen Nazipropagandafilm „Jud Süß“ zu tun, obwohl Ähnlichkeiten sicherlich nicht zufällig sind. Zuallererst besteht der Name aus den beiden Nachnamen der beteiligten Performancekünstlerin Anne Jud und der Musikerin Gudrun Gut (Malaria!, Mania D...). Und wäre diese Veröffentlichung nicht „nur“ auf Cassette erschienen, hätte es sicherlich eine größere Diskussion um den Namen, als über die Musik gegeben.
Gudrun Gut hat 1986 zwei Performances von Anne Jud musikalisch untermalt, wobei zwei lange Musikstücke entstanden sind, die am ehesten dem Bereich Avantgarde zuzuordnen sind. „Abseits“ ist der Soundtrack zur Performance „Die Schneekönigin“ nach der Erzählung von Hans-Christian Andersen. Hier gibt es atmosphärische, schwebende Klänge zu hören, die viel davon vorwegnehmen, was heute als Ambient bezeichnet wird. „Ad Akta“ hingegen ist am ehesten eine Klangcollage mit Rhythmen, Stimmsamples und weitaus düstererer Stimmung, die die Spannung über die gesamten rund 20 Minuten hält.
Eine hochinteressante Veröffentlichung für Avantgarde-Liebhaber, weniger allerdings für Fans von Malaria! oder anderen Gudrun Gut-Projekten. Dass diese Cassette trotzdem auch in der NDW-Rubrik zu finden ist, obwohl sie musikalisch damit wenig zu tun hat und 1986 die Welle nun wirklich vorbei war, ist hauptsächlich dam Namen Gudrun Gut geschuldet, damit interessierte Fans auch auf diese eher unbekannte Komposition stoßen können. Allerdings könnte man zumindest „Ad Akta“ auch ein bisschen mit Guts frühem Projekt Din A Testbild in einem Topf schmeißen. (A.P.)

PERSEPHONE - Letters To A Stranger


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Curzweyhl / Rough Trade

Es ist nicht gerade die leichteste Aufgabe die Musik von Persephone in nur einem Wort zusammenzufassen. Viel zu verschieden sind die Songs, zu vielschichtig die Stimmungen und besungenen Gefühlszustände. Über dem gesamten Album „Letters to a Stranger“ erhebt sich die pure Stimmgewalt von Sängerin Sonja Kraushofer, die den Zuhörer in ihre ganz eigene Welt entführt. Seit sie mit ihrem Debütalbum „Home“ im Jahre 2002 sich einen Namen machten, hat sich die Band permanent weiterentwickelt. Während noch alle Songs des Debüts von Ruhe und Erlösung sprechen, folgen die Alben „Atma Gyan“ (2004) und „Mera Sangeet kho Gaya“ (2004) einem Konzept. Man beschrieb die ruhelosen Gefühlszustände der mythologischen Figur Persephone in der Welt der Lebenden. „Atma Gyan“ erschien im Frühling, während „Mera Sangeet Kho Gaya“ im Winter erschien – just zu den Zeitpunkten, da die mythologische Figur Persephone alljährlich aus der Unterwelt hinaus in die Welt der Lebenden tritt bis hin zu dem Moment, da sie erneut in den Hades zurückkehren muss.

Nach nunmehr 3 Jahren meldet sich Persephone endlich bei ihren Fans zurück, und diesmal mit einem völlig andersartigen Album. „Letters to a Stranger“ überrascht den Hörer durch seine musikalische Vielseitigkeit und seine eindringlichen Texte. Fielen die Vorgängeralben schon durch ausgefeilte Streicherarrangements auf, ging Cellist und Songwriter Martin Höfert noch einen Schritt weiter diesmal. Er verfasste Arrangements und Stücke für Orchester, realisiert mit dem Philharmonischen Kammerorchester Wernigerode. Was dabei entstanden ist, ist hochromantisch und tiefgründig, denn es sind wunderschöne Melodien- zarte Melancholie- die dieses Album tragen. Holger Wilhelmi am Cello, Johannes Kramer am Kontrabaß und John Abdelsayed als Percussionist schaffen filigrane Rhytmen, während Sonja Kraushofers Stimme das schier Unfassbare schafft: ein ganzes Publikum zu aufmerksamen Zuhörern zu bewegen. Man ist als Hörer gefangen in der Welt von Persephone, die so ganz anders ist als etwa die von L’amme Immortelle,

Präsentiert wird das Album in einer aufwändigen Box, für die sich Joachim Luetke verantwortlich zeichnet, der bereits Artworks für Dimmu Borgir und Marylin Manson entwarf. Die Texte der Songs sind wie Briefe an den Hörer verfasst, der sich als Fremder dieser Musik nährt und sicher als Freund oder besser noch als gewonnenen Fan das Album wieder aus dem CD Player nehmen wird! (Maximilian Nitzschke)

ADAM - Adam


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Fearsection / SPV

Als mich kürzlich der Track ""Ugly Smile"" des italienischen Newcomers ADAM erreichte, war ich mir - wie wohl einige Kollegen auch - nicht so ganz sicher ob es sich bei der Church of Adam um den wohl größten Schwindel seit den Sex Pistols handelt, oder ob sich hier wirklich etwas ganz Großes anbahnt. Bislang ist diese Frage noch nicht erschöpfend beantwortet in mir. Nichtsdestrotrotz wartet Adam mit harschem Elektro auf, der ein wenig an Agonoize oder sogar Hocico erinnern läßt. Das Debütalbum ""Adam"" erschien bei Fearsection, dem Label von Chris Pohl. Dieser sprach bereits im Interview schon von einer Band ""die den Rock´n´Roll lebt"" und beschrieb die CD grinsend ""als perfektes Electro - Album!""

Frontmann von Adam ist Jesus C. Shock - kurz Jeez, der angeblich schon immer mit Spiritualität zu tun hatte. Sein Vater war Mitte der 80er Jahre einer der erfolgreichsten Goldschmiede in Italien. Als er jedoch 33 Jahre alt war, ließ er sein kleines Imperium zurück, um seinem spirituellen Glauben zu folgen. Damit nicht genug, auch in seiner Kindheit war Jeez umgeben von Philosophien aus verschiedenen Kulturen, und als er mit 18 seine eigene Band hat, wird ihm schnell der Spitzname Jesus zuteil. ""Ich bin der Messias des digitalen Zeitalters, auch ich bin eine sehr alt Seele, vielleicht mit einem größeren Ego als Jesus Christus."" Das sind entweder die Worte eines besessenen genialen Musikers, oder aber Träumereien eines Wahnsinnigen, aber eines passiert auf jeden Fall, man hat an der Church of Adamn zu rätseln! Auch die ganze Band selber ist als eine Vereinigung von Freidenkern gegründet. Monatlich gibt es Zusammenkünfte in deren Rahmen sie über jegliche Formen von Religionen sprechen. Sie meditieren oder gehen in die Wälder, um eine bessere Verbindung zur Natur zu haben und ihre Körper auf Astralreisen zu schicken.

Um so erstaunlicher ist es dann, dass dieses Album nicht ruhig und in sich gekehrt wirkt, sondern stattdessen mit harschem Elektrosound daherkommt. Mit Wucht werden dem Hörer die Tracks ins Gesicht gepeitscht. Eine gnadenlose Melodik wird gepaart mit einer guten Mischung aus Verzweiflung und Wut. Dem nicht genug, überzeugt man mit einer Pianoballade am Ende auch den letzten Hörer davon, dass egal ob Adam nun Spinner oder neuer Messias ist, er sein Handwerk versteht.
Sei es nun mit dieser ""Kirche"" wie es sei, an ihren musikalischen Predigten kommt man definitiv nicht vorbei! (Maximilian Nitzschke)

ASP - Requiembryo


Erstveröffentlichung: Doppel-CD Requiembryo / Trisol Music

Die Erfolgsgeschichte von ASP gleicht schon einem kleinen Wunder denk ich. Aus dem Kokon schählte sich mit der Frage ""Hast du mich vermisst?"" im Laufe der letzten Jahre ""Aus der Tiefe"" ein schwarzer Schmetterling, der nicht nur den Protagonisten des Zyklus zu verführen versucht, sondern auch die Fans der Ausnahmeband aus Frankfurt. Die Bandgründung im Jahr 1999 und nur ein Jahr später der Plattenvertrag mit Trisol. Am 6.12.2001 folgt dann das erste Fanfestival ""Die Zusammenkunft"" in der Frankfurter Batschkapp. Selten gibt es Bands in unserer Szene, die sich ihren kontinuierlichen Erfolg so ehrlich erarbeitet haben wie es ASP getan haben. Sie alle sind authentisch, behalten die Nähe zu ihren Fans, wie das diesjährige WGT deutlich gezeigt hat, und besitzen eine sprühende Kreativität - Konstanten ihrer Arbeit, die gleichzeitig zu ihrem Markenzeichen wurden. ASP gehen ganz gerade ihren Weg, und nur zwei Jahre nach der Veröffentlichung ihrer CD ""Aus der Tiefe - Der schwarze Schmetterling Teil IV"" hatten die Jungs beschlossen, die Saga um den Schwarzen Schmetterling mit einem fulminanten Album zum Abschluss zu bringen. Am 23.03.2007 erschien das Doppelalbum ""Requiemembryo - Der Schwarze Schmetterling, Teil V"". Neben der schlichten Jewelcase Variante in den absolut raren und begehrten Varianten ""Total Edition"" (aufwendiger DinA5 Schuber mit 40 seitigem Booklet) und obendrauf noch eine ""Schwarzes Gold Edition"" (auf 999 Stück limitierte Doppel LP). Das Cover ist extravagant und kunstvoll gestaltet, erinnert an Filmplakatte, und setzt sich auch in beeindruckenden und doch verstörenden Bildern im Booklet so fort. Alleine wegen dieser großartigen Fotokunst lohnt es sich schon diese CD zu erwerben - von den musikalischem Hochgenuß ganz zu schweigen!

Hört man nun aber, dass es sich bei diesem Album um einen Abschluss handelt, könnte man ja denken, dass sich nun ASP auflösen werden. ASP selbst wehren ganz vehement ab, weder löse man sich nun plötzlich auf, noch hätte man einen wirklichen Schlussstrich gezogen. Jede gute Erzählung muss aber eben auch einmal zu einem Ende kommen und ""Der Schwarze Schmetterling"" war an eben jenem Punkt angekommen. Gerade in den Zeiten von rückläufigen Verkaufszahlen grenzt es schon an ein Wunder, dass ASP ein solch aufwändiges Album produziert haben,und auch Mathias Ambré bestätigt nur, dass es ziemlicher Irrsinn war, gleich ein Doppelalbum zu veröffentlichen, sich die Mühe aber mehr als gelohnt hat. Besonders spannend für ihn war diesmal die intensive Gitarrenarbeit auf dem Album, ebenso wie die Aufnahmen mit keltischer Harfe und Tin Whistle, da es einerseits ganz neu war und anderseits viel Spaß machte. Gesanglich brilliert ASP auf diesem Album und scheut auch nicht vor Passagen zurück, die an ein Hörbuch erinnern. Der Kampf um die Seele beginnt, und es bleibt lange ungewiß, wer nun die Oberhand behalten wird. Wird am Ende doch der Schwarze Schmetterling siegen? Antwort könnte man auf CD 2 finden, im Requiem nämlich. Das gesamte Thema des Requiems (CD 2 Track 1 I- VII) wird von ASP in lateinischer Sprache verarbeitet, klingt sehr sakral und mit dazugehörigem Pathos vorgetragen, schließlich ist das ja nun auch das letzte Kapitel des Falters. ASP erklärt die Wahl von Latein damit, dass man, wenn man schon sein eigenes Requiem schreibt, man vor etwas sakralen Pathos keine Angst haben sollte, um Athmosphäre zu schaffen.

Den Einstieg ins Album liefert der Track ""Offährte"", eine Mischung aus Offerte, Fährte und natürlich der Ouvertüre. ""Komm zu mir ein allerletztes Mal!.."" lautet die Aufforderung, die Einleitung zum letzten Kapitel. Die Stimmung des Liedes ist sehr intim, nur von Gitarre und dem Gesang von ASP getragen, fängt der Track den Hörer und läßt ihn emotional ins Album abtauchen. Mit dem zweiten Track ""Coming Home"" schließt sich nun die ""Tiles"" Trilogie. Wieder begeben wir uns als Hörer zusammen mit dem Protagonisten durch die Gänge des Dunklen Turmes um etwas zu finden. Musikalisch schlägt der Song eine gute Brücke zurück zu ""Duett"" und ist ein schönes Stück Electro - Goth Rock.
Weiter geht es mit ""De Profundis"", dachte man nun vielleicht es bliebe rockig, wird der Hörer stattdessen mit hypnotosierendem Trommelrhytmus überrascht. Aus der Tiefe dringen Geräusche herauf und erzählen eine Geschichte, die ein wenig an ""Me"" oder auch ""Hunger"" erinnert, aber musikalisch einfach anders aufgebaut ist.
Der nächste Track heißt ""Pavor Diurnus"" und ist ein gesprochener Text von einem Traum. Die Frage ist, wer träumt hier von wem? Fremde Träume dringen in den eigenen ein und die Bilder verschwimmen, eine Tür in einem langen Gang ist von einer scheinbar organischen Substanz überwuchert, nur ein Schritt hinein, und das Gefühl nicht allein zu sein macht sich breit… Track 5 heißt ""Duett (Minnelied der Incubi)"" und beschreibt den kurzen Moment der Gleichwertigkeit der beiden Persönlichkeiten, die drohen ineinander überzugehen. ""Nur im Traum allein kann ich bei dir sein, und verflieg im Morgenrot"". Es scheint eine gefähliche Mischung, die aber dennoch sehr sinnlich präsentiert wird.
Die Nummer 6, der ""Schmetterflug"" ist ein instrumentales Stück, das sich ins bombastische steigert und die bedrohliche Stimmung verstärkt. Deutlich ist die Verschärfung der Situation zu spüren, die Gleichwertigkeit ist aufgehoben, der Kampf um die eigene Persönlichkeit des Protagonisten hat nun eindeutig begonnen.
Das Stück ""Frostbrand"" (Nummer 7) ist nichts für schwache Nerven finde ich, die Angst des Protagonisten wird immer stärker, er befindet sich nun im Dunklen Turm in eben jenem Gang aus seinem Traum, alles ist eng und außerdem schrecklich kalt, erinnert an eine Gruft. ""Der Korridor erstreckt sich, der Schrei ist ungehört verhallt, hier drinnen ist es schrecklich kalt!""
Wird er doch die Augen schließen und den Kampf einfach aufgeben? Für einen kurzen Moment scheint es fast so.
Track 8 ist inzwischen zum Kultsong geworden ""Ich bin ein wahrer Satan"", hier auf dem Album erstmals in der vollständigen, langen Textfassung. Einfach eine super Nummer!
Nummer 9 heißt ""Erinnerung eines Fremden"" und ist erneut ein Instrumentalstück, dass die Einleitung bietet zum ersten größeren Zwischenthema des Albums. Das Geschöpf des Schmetterlings wird instrumental beschrieben, das Thema Lykanthropie kommt hinzu.
Mit dem Lied 10 machen sich im Protagonisten erste Zweifel breit, was wird sein, wenn die Vereinigung mit dem schwarzen Schmetterling nicht funktioniert? ""Raserei"" und Wahnsinn bricht los, du weißt nicht mehr was du tust, fühlst dich wie ein eingesperrtes Tier. ""Ich kann mich nicht von dir befreien, solang du bist, kann ich nicht sein!""
Mit dem Stück Nummer 11 ""Erwachen"" ist es vorbei mit der Stille der Nacht, denn der Tanz im Schnee ist zu lange her. Du erwachst und hast in der Nacht das zerstörst, was dir lieb und teuer war. Im Grunde handelt es sich hier um eine klassische Mörder Ballade die erneut das Motiv der Lykanthropie aufnimmt und weiterspinnt.
Nach diesem Stück, fast als würde eine Spieluhr nur für sich hinspielen, ertönen noch einmal die ""Erinnerungen eines Fremden - Reprise"" mit Stück Nummer 12. In die sanfte Spieluhrmelodie dringen bedrohliche Geräusche und machen die Idylle zunichte.
Gleich rockig geht es weiter mit Song 13 ""Finger weg! Finger!"" einer kraftvollen Nummer, die wieder im Hier und Jetzt verankert ist. In mancher Situation möchte man sich einfach Luft machen und rufen ""Finger weg! Finger, ich gehör alleine mir!""

Die zweite CD beginnt nun mit dem fast 30minütigen Requiem. Den Beginn macht ein sakraler Gesang mit dem Titel ""Introitus Interruptus"". Alles hat sich verändert, außer das das Tier immer noch in ihm wohnt und versucht Herrscher über die Seele des Wirts zu werden. Die Beziehung zwischen Schmetterling und Wirt wird eindringlich geschildert, einst in ihn eingedrungen, versucht es nun völlig von seinem Wirt Besitz zu ergreifen, der sich verzweifelt versucht dagegen zu wehren. Das Requiem geht rockiger weiter mit ""Kyrie (Eleison 2: Mercy)"", ein unterkühltes Electro Stück und natürlich eine kleinere Hommage an die alten Zeiten, denn textlich höre ich wenig Unterschied zum Ursprungssong ""Mercy"".
Die Kyrie wird fortgesetzt mit ""Kyrie: Litany Agnus Die"" und ""Die arles (Sequenz)"" -erneut sakral eingesungen. Kein flehen und kein Beten hilft dem Protagonisten mehr, in ihm wohnt kein Quell des Lebens mehr. Mit dem Motiv des gefallenen Engels spielend, muss damit andere leben können ein Menschenopfer dargebracht werden. Der Protagonist würde sich dafür opfern, damit würde sich der Ritus von Leben und Tod vollenden. Jedoch läßt sich der Schmetterling nicht auf diesen Handel ein und erhält ihn am Leben, der Protagonist darf nun nicht mehr ruhen, sondern muss nur noch leiden. Er kann kein Wesen mehr sein alleine, stattdessen drängt er der Schmetterling ihn sich zu doch nun endlich mit ihm zu vereinen. Der nächste Teil ""Nimm mich (Suffertorium)"" ist ein Wortspiel. Ein sehr romantisches Stück an sich, dass aber textlich tragisch ist. Es beschreibt, wie sehr man jemanden lieben kann, dass man alles für ihn tun würde - notfalls auch an seiner statt sterben. ""Sanctus Benedictus"" ist wieder die Orientierung hin zum Rock, ein echter Goth - Rocker. Textlich verdeutlicht es noch einmal die Beziehung des Protagonisten und des Schmetterlings. ""Du bist die Antwort, du warst schon immer hier, du lebtest in mir, nun sterbe ich in dir!"" Mit ""Lux Aterna"" kommt ein wenig Hoffnung auf, wenngleich das Zwischenspiel doch recht kurz ausfällt leider. Nummer 9 dieses Requiems bildet ""Hymnus: Heaven"", ein sehr zerbrechlicher Song, getragen nur von ASP Stimme, berichtet er von dem Moment des ins Licht gehen.
Krasser könnte dann der Ãœbergang kaum werden, denn mit Gitarrenwänden kommt das Ende des Requiems daher ""Exsequien: Hell"". Unter rockigen Gitarrenwänden klingt das beschwörende ""Eleyson"" wie eine ganz üble Drohung.
Den regulären zweiten Song der CD II bildet ""Schwarzer Schmetterling: Nekrolog"", nur eingeleitet von sanften Pianoklängen, die abgelöst werden, von der bekannten Melodie des ""Schwarzen Schmetterlings"". Dieser Song hier bildet gewissermassen den zweiten Teil des Songs und schließt damit den ersten Kreis des Albums ab. Das Album endet damit natürlich nicht, aber er beendet zumindest diese Geschichte. Vielleicht ist allerdings die Platzierung auf dem Album nicht so klug gewählt gewesen, denn der Hörer ist vom Requiem doch noch sehr erschlagen um auch diesen Song genügend zu würdigen.
Der dritte Song ""Pavor Noctunis"" ist erneut nur eingesprochen von ASP und beschreibt das Gefühl sich im eigenen Körper nur noch als Gast zu fühlen.
Den vierten Song bildet ""Biotopia"", der für mich etwas herausfällt und vielleicht thematisch am ehesten noch zu ""Ich bin ein wahrer Satan"" zu zählen ist. Denn es beschreibt die Kälte der Gesellschaft, nicht umsonst singt ASP, das er sich wie ein Paria fühlt, ein Unberührbarer.
Der fünfte Song wirft die Frage auf, wie weit würden Fans, aber auch die Band selber denn gehen, und vor allem für was? ""How far would you go? (The 6th of September)"" war auch Teil des Soundtracks für ""Saw2"" und bildete damit einen Vorgeschmack auf dieses Album.
Den sechsten Track bildet ""Nie mehr"", der fast so etwas wie eine neue ASP Hymne zu werden scheint, inhaltlich wie eine tragische Liebesgeschichte konzipiert, die zum scheitern verurteilt ist. Wie geht man mit dem Verlust von gegenseitiger Liebe um, was wird bleiben?
Schließlich folgt der unweigerliche Abschluss dieses Albums, und wie schon zu Beginn wird dieser erneut nur von Gitarre, Harfe und Gesang getragen. Wir schauen noch einmal zurück auf die Ruinen des Dunklen Turms, ein letztes Flimmern leuchtet darüber auf, aber sonst steht nur ein Meer von Trümmern. Alles verwittert und wird überwuchert, und auch aus der Tiefe dringt kein Flehen mehr, nur noch Dunkelheit, es ist endgültig vorbei! (Maximilian Nitzschke)

ASP -


Erstveröffentlichung: CD Requiembryo / Trisol Music

Die Erfolgsgeschichte von ASP gleicht schon einem kleinen Wunder denk ich. Aus dem Kokon schählte sich mit der Frage ""Hast du mich vermisst?"" im Laufe der letzten Jahre ""Aus der Tiefe"" ein schwarzer Schmetterling, der nicht nur den Protagonisten des Zyklus zu verführen versucht, sondern auch die Fans der Ausnahmeband aus Frankfurt. Die Bandgründung im Jahr 1999 und nur ein Jahr später der Plattenvertrag mit Trisol. Am 6.12.2001 folgt dann das erste Fanfestival ""Die Zusammenkunft"" in der Frankfurter Batschkapp. Selten gibt es Bands in unserer Szene, die sich ihren kontinuierlichen Erfolg so ehrlich erarbeitet haben wie es ASP getan haben. Sie alle sind authentisch, behalten die Nähe zu ihren Fans, wie das diesjährige WGT deutlich gezeigt hat, und besitzen eine sprühende Kreativität - Konstanten ihrer Arbeit, die gleichzeitig zu ihrem Markenzeichen wurden. ASP gehen ganz gerade ihren Weg, und nur zwei Jahre nach der Veröffentlichung ihrer CD ""Aus der Tiefe - Der schwarze Schmetterling Teil IV"" hatten die Jungs beschlossen, die Saga um den Schwarzen Schmetterling mit einem fulminanten Album zum Abschluss zu bringen. Am 23.03.2007 erschien das Doppelalbum ""Requiemembryo - Der Schwarze Schmetterling, Teil V"". Neben der schlichten Jewelcase Variante in den absolut raren und begehrten Varianten ""Total Edition"" (aufwendiger DinA5 Schuber mit 40 seitigem Booklet) und obendrauf noch eine ""Schwarzes Gold Edition"" (auf 999 Stück limitierte Doppel LP). Das Cover ist extravagant und kunstvoll gestaltet, erinnert an Filmplakatte, und setzt sich auch in beeindruckenden und doch verstörenden Bildern im Booklet so fort. Alleine wegen dieser großartigen Fotokunst lohnt es sich schon diese CD zu erwerben - von den musikalischem Hochgenuß ganz zu schweigen!

Hört man nun aber, dass es sich bei diesem Album um einen Abschluss handelt, könnte man ja denken, dass sich nun ASP auflösen werden. ASP selbst wehren ganz vehement ab, weder löse man sich nun plötzlich auf, noch hätte man einen wirklichen Schlussstrich gezogen. Jede gute Erzählung muss aber eben auch einmal zu einem Ende kommen und ""Der Schwarze Schmetterling"" war an eben jenem Punkt angekommen. Gerade in den Zeiten von rückläufigen Verkaufszahlen grenzt es schon an ein Wunder, dass ASP ein solch aufwändiges Album produziert haben,und auch Mathias Ambré bestätigt nur, dass es ziemlicher Irrsinn war, gleich ein Doppelalbum zu veröffentlichen, sich die Mühe aber mehr als gelohnt hat. Besonders spannend für ihn war diesmal die intensive Gitarrenarbeit auf dem Album, ebenso wie die Aufnahmen mit keltischer Harfe und Tin Whistle, da es einerseits ganz neu war und anderseits viel Spaß machte. Gesanglich brilliert ASP auf diesem Album und scheut auch nicht vor Passagen zurück, die an ein Hörbuch erinnern. Der Kampf um die Seele beginnt, und es bleibt lange ungewiß, wer nun die Oberhand behalten wird. Wird am Ende doch der Schwarze Schmetterling siegen? Antwort könnte man auf CD 2 finden, im Requiem nämlich. Das gesamte Thema des Requiems (CD 2 Track 1 I- VII) wird von ASP in lateinischer Sprache verarbeitet, klingt sehr sakral und mit dazugehörigem Pathos vorgetragen, schließlich ist das ja nun auch das letzte Kapitel des Falters. ASP erklärt die Wahl von Latein damit, dass man, wenn man schon sein eigenes Requiem schreibt, man vor etwas sakralen Pathos keine Angst haben sollte, um Athmosphäre zu schaffen.

Den Einstieg ins Album liefert der Track ""Offährte"", eine Mischung aus Offerte, Fährte und natürlich der Ouvertüre. ""Komm zu mir ein allerletztes Mal!.."" lautet die Aufforderung, die Einleitung zum letzten Kapitel. Die Stimmung des Liedes ist sehr intim, nur von Gitarre und dem Gesang von ASP getragen, fängt der Track den Hörer und läßt ihn emotional ins Album abtauchen. Mit dem zweiten Track ""Coming Home"" schließt sich nun die ""Tiles"" Trilogie. Wieder begeben wir uns als Hörer zusammen mit dem Protagonisten durch die Gänge des Dunklen Turmes um etwas zu finden. Musikalisch schlägt der Song eine gute Brücke zurück zu ""Duett"" und ist ein schönes Stück Electro - Goth Rock.
Weiter geht es mit ""De Profundis"", dachte man nun vielleicht es bliebe rockig, wird der Hörer stattdessen mit hypnotosierendem Trommelrhytmus überrascht. Aus der Tiefe dringen Geräusche herauf und erzählen eine Geschichte, die ein wenig an ""Me"" oder auch ""Hunger"" erinnert, aber musikalisch einfach anders aufgebaut ist.
Der nächste Track heißt ""Pavor Diurnus"" und ist ein gesprochener Text von einem Traum. Die Frage ist, wer träumt hier von wem? Fremde Träume dringen in den eigenen ein und die Bilder verschwimmen, eine Tür in einem langen Gang ist von einer scheinbar organischen Substanz überwuchert, nur ein Schritt hinein, und das Gefühl nicht allein zu sein macht sich breit… Track 5 heißt ""Duett (Minnelied der Incubi)"" und beschreibt den kurzen Moment der Gleichwertigkeit der beiden Persönlichkeiten, die drohen ineinander überzugehen. ""Nur im Traum allein kann ich bei dir sein, und verflieg im Morgenrot"". Es scheint eine gefähliche Mischung, die aber dennoch sehr sinnlich präsentiert wird.
Die Nummer 6, der ""Schmetterflug"" ist ein instrumentales Stück, das sich ins bombastische steigert und die bedrohliche Stimmung verstärkt. Deutlich ist die Verschärfung der Situation zu spüren, die Gleichwertigkeit ist aufgehoben, der Kampf um die eigene Persönlichkeit des Protagonisten hat nun eindeutig begonnen.
Das Stück ""Frostbrand"" (Nummer 7) ist nichts für schwache Nerven finde ich, die Angst des Protagonisten wird immer stärker, er befindet sich nun im Dunklen Turm in eben jenem Gang aus seinem Traum, alles ist eng und außerdem schrecklich kalt, erinnert an eine Gruft. ""Der Korridor erstreckt sich, der Schrei ist ungehört verhallt, hier drinnen ist es schrecklich kalt!""
Wird er doch die Augen schließen und den Kampf einfach aufgeben? Für einen kurzen Moment scheint es fast so.
Track 8 ist inzwischen zum Kultsong geworden ""Ich bin ein wahrer Satan"", hier auf dem Album erstmals in der vollständigen, langen Textfassung. Einfach eine super Nummer!
Nummer 9 heißt ""Erinnerung eines Fremden"" und ist erneut ein Instrumentalstück, dass die Einleitung bietet zum ersten größeren Zwischenthema des Albums. Das Geschöpf des Schmetterlings wird instrumental beschrieben, das Thema Lykanthropie kommt hinzu.
Mit dem Lied 10 machen sich im Protagonisten erste Zweifel breit, was wird sein, wenn die Vereinigung mit dem schwarzen Schmetterling nicht funktioniert? ""Raserei"" und Wahnsinn bricht los, du weißt nicht mehr was du tust, fühlst dich wie ein eingesperrtes Tier. ""Ich kann mich nicht von dir befreien, solang du bist, kann ich nicht sein!""
Mit dem Stück Nummer 11 ""Erwachen"" ist es vorbei mit der Stille der Nacht, denn der Tanz im Schnee ist zu lange her. Du erwachst und hast in der Nacht das zerstörst, was dir lieb und teuer war. Im Grunde handelt es sich hier um eine klassische Mörder Ballade die erneut das Motiv der Lykanthropie aufnimmt und weiterspinnt.
Nach diesem Stück, fast als würde eine Spieluhr nur für sich hinspielen, ertönen noch einmal die ""Erinnerungen eines Fremden - Reprise"" mit Stück Nummer 12. In die sanfte Spieluhrmelodie dringen bedrohliche Geräusche und machen die Idylle zunichte.
Gleich rockig geht es weiter mit Song 13 ""Finger weg! Finger!"" einer kraftvollen Nummer, die wieder im Hier und Jetzt verankert ist. In mancher Situation möchte man sich einfach Luft machen und rufen ""Finger weg! Finger, ich gehör alleine mir!""

Die zweite CD beginnt nun mit dem fast 30minütigen Requiem. Den Beginn macht ein sakraler Gesang mit dem Titel ""Introitus Interruptus"". Alles hat sich verändert, außer das das Tier immer noch in ihm wohnt und versucht Herrscher über die Seele des Wirts zu werden. Die Beziehung zwischen Schmetterling und Wirt wird eindringlich geschildert, einst in ihn eingedrungen, versucht es nun völlig von seinem Wirt Besitz zu ergreifen, der sich verzweifelt versucht dagegen zu wehren. Das Requiem geht rockiger weiter mit ""Kyrie (Eleison 2: Mercy)"", ein unterkühltes Electro Stück und natürlich eine kleinere Hommage an die alten Zeiten, denn textlich höre ich wenig Unterschied zum Ursprungssong ""Mercy"".
Die Kyrie wird fortgesetzt mit ""Kyrie: Litany Agnus Die"" und ""Die arles (Sequenz)"" -erneut sakral eingesungen. Kein flehen und kein Beten hilft dem Protagonisten mehr, in ihm wohnt kein Quell des Lebens mehr. Mit dem Motiv des gefallenen Engels spielend, muss damit andere leben können ein Menschenopfer dargebracht werden. Der Protagonist würde sich dafür opfern, damit würde sich der Ritus von Leben und Tod vollenden. Jedoch läßt sich der Schmetterling nicht auf diesen Handel ein und erhält ihn am Leben, der Protagonist darf nun nicht mehr ruhen, sondern muss nur noch leiden. Er kann kein Wesen mehr sein alleine, stattdessen drängt er der Schmetterling ihn sich zu doch nun endlich mit ihm zu vereinen. Der nächste Teil ""Nimm mich (Suffertorium)"" ist ein Wortspiel. Ein sehr romantisches Stück an sich, dass aber textlich tragisch ist. Es beschreibt, wie sehr man jemanden lieben kann, dass man alles für ihn tun würde - notfalls auch an seiner statt sterben. ""Sanctus Benedictus"" ist wieder die Orientierung hin zum Rock, ein echter Goth - Rocker. Textlich verdeutlicht es noch einmal die Beziehung des Protagonisten und des Schmetterlings. ""Du bist die Antwort, du warst schon immer hier, du lebtest in mir, nun sterbe ich in dir!"" Mit ""Lux Aterna"" kommt ein wenig Hoffnung auf, wenngleich das Zwischenspiel doch recht kurz ausfällt leider. Nummer 9 dieses Requiems bildet ""Hymnus: Heaven"", ein sehr zerbrechlicher Song, getragen nur von ASP Stimme, berichtet er von dem Moment des ins Licht gehen.
Krasser könnte dann der Ãœbergang kaum werden, denn mit Gitarrenwänden kommt das Ende des Requiems daher ""Exsequien: Hell"". Unter rockigen Gitarrenwänden klingt das beschwörende ""Eleyson"" wie eine ganz üble Drohung.
Den regulären zweiten Song der CD II bildet ""Schwarzer Schmetterling: Nekrolog"", nur eingeleitet von sanften Pianoklängen, die abgelöst werden, von der bekannten Melodie des ""Schwarzen Schmetterlings"". Dieser Song hier bildet gewissermassen den zweiten Teil des Songs und schließt damit den ersten Kreis des Albums ab. Das Album endet damit natürlich nicht, aber er beendet zumindest diese Geschichte. Vielleicht ist allerdings die Platzierung auf dem Album nicht so klug gewählt gewesen, denn der Hörer ist vom Requiem doch noch sehr erschlagen um auch diesen Song genügend zu würdigen.
Der dritte Song ""Pavor Noctunis"" ist erneut nur eingesprochen von ASP und beschreibt das Gefühl sich im eigenen Körper nur noch als Gast zu fühlen.
Den vierten Song bildet ""Biotopia"", der für mich etwas herausfällt und vielleicht thematisch am ehesten noch zu ""Ich bin ein wahrer Satan"" zu zählen ist. Denn es beschreibt die Kälte der Gesellschaft, nicht umsonst singt ASP, das er sich wie ein Paria fühlt, ein Unberührbarer.
Der fünfte Song wirft die Frage auf, wie weit würden Fans, aber auch die Band selber denn gehen, und vor allem für was? ""How far would you go? (The 6th of September)"" war auch Teil des Soundtracks für ""Saw2"" und bildete damit einen Vorgeschmack auf dieses Album.
Den sechsten Track bildet ""Nie mehr"", der fast so etwas wie eine neue ASP Hymne zu werden scheint, inhaltlich wie eine tragische Liebesgeschichte konzipiert, die zum scheitern verurteilt ist. Wie geht man mit dem Verlust von gegenseitiger Liebe um, was wird bleiben?
Schließlich folgt der unweigerliche Abschluss dieses Albums, und wie schon zu Beginn wird dieser erneut nur von Gitarre, Harfe und Gesang getragen. Wir schauen noch einmal zurück auf die Ruinen des Dunklen Turms, ein letztes Flimmern leuchtet darüber auf, aber sonst steht nur ein Meer von Trümmern. Alles verwittert und wird überwuchert, und auch aus der Tiefe dringt kein Flehen mehr, nur noch Dunkelheit, es ist endgültig vorbei! (Maximilian Nitzschke)

NO MORE - „Ich kann bis heute nicht begreifen, dass man dazu tanzen kann...“




S U I C I D E C O M M A N D O: Mehr als dieser eine Song – Ein Interview mit NO MORE im Jahre 2007

Musikfreaks und Plattensammler neigen gerne dazu, bestimmte Bands auf einen oder wenige bestimmte Songs zu reduzieren und kaufen trotzdem alle Platten dieser Bands, ohne sie dann aber richtig zu erforschen. Ein seltsames Phänomen.
Club- und Partygänger hingegen interessieren sich häufig von vorneherein nur für den oder die Songs, die sie von den Tanzflächen kennen und verpassen dadurch oft die wirklich guten Songs. Noch seltsamer.
Eine Band, auf die das all dies zutrifft war wohl NO MORE, ursprünglich um 1980 in Kiel gegründet und Mitte der 80er Jahre ins Ruhrgebiet übergesiedelt. Anfangs noch schräg-minimalistisch, später orientalisch-wavig und heute „Kult“ aufgrund ihres unsterblichen Klassikers „Suicide Commando“, der immer wieder gerne remixt, gecovert, wiederveröffentlicht wurde und dadurch leider das Gehör von den anderen Sachen der Band abgelenkt hat. Zeit, dass auch mal darüber geredet wird. Mit der „Dreams“-LP und der „Remake / Remodel“-Doppel-CD dürfte neues Interesse an dieser Ausnahmeformation erwacht sein und so entstand folgendes Interview...

Back Again (BA): Aus was für einem sozialen Umfeld stammt Ihr ursprünglich, wie seid Ihr in den 70er Jahren groß geworden und wie sahen Eure ersten Kontakte zur Musik aus?

Andy Attalah Schwarz (AAS): Ich stamme aus einem Milieu zwischen Arbeiterbackground und Kleinbürgertum. Die ersten bewussten Kontakte zur Musik waren Glamrock. Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich später sowohl die visuelle Seite des Punk als auch die Singlesorientiertheit des Punk attraktiv fand. Nach dem Glam und einem kurzen Zwischenspiel mit ""richtigem"" Rock kam das, was man heute als Progrock bezeichnen würde. Das Bindeglied zwischen Glam und Prog waren Roxy Music, Brian Eno und Bowie.

Tina Sanudakura (TS): Ich komme aus einer Familie, in der man traditionell (Dorfschul-) Lehrer wird, also war es ein kurzer Weg in die andere Richtung.


BA: Gab es vor No More schon Bands, in denen Ihr gespielt habt und wie kam es zur Gründung von No More?

TS: 3/4 der Gründungsmitglieder von No More haben zuvor in einer Schülerband gespielt (Stil: querbeet).

AAS: Wir konnten dem damaligen Sänger unsere Punk-Affinität nicht schmackhaft machen und so haben wir No More gegründet, einem befreundeten Nichtmusiker einen Bass in die Hand gedrückt und angefangen.


BA: Gab es am Anfang von No More ein „Konzept"" oder habt Ihr wie so viele andere Bands damals einfach drauflos gespielt und abgewartet, was dabei raus kommt?

AAS: Es gab kein ausgearbeitetes Konzept - eher Sachen, die wir nicht wollten. Wir haben alles aufgesaugt, was aus dem Punk/Post-Punk Umfeld kam. Und vor allem in der Anfangszeit, als wir in die Kieler Szene kamen, eröffnete sich ein wahrer Kosmos an Musik.
Bei weitem nicht nur das Standardprogramm, sondern auch viel Sixties, Avantgarde, etc.

TS: Ich denke, dass wir bis Mitte 1980 noch keinen eigenen Stil entwickelt hatten.


BA: Inwieweit waren No More Ende der 70er/Anfang der 80er Teil der Punk-/Wave-Szene in Kiel? Wie war der Zusammenhalt innerhalb der Szene und gab es damals schon „Gräben"" zwischen Punks, New Wavern etc.?

AAS: Es gab Gräben und Auseinandersetzungen zwischen denjenigen, die Musik machten und der Hardcore-Fraktion. Die Musikszene war bis mindestens Ende 81 zwar heterogen, aber wir haben viel zusammen gemacht. Auftritte, Festivals organisiert, den KEIN KIEL Sampler produziert und vertrieben.
Später gab es mit ""Lustobjekte"" einen Verbund von Bands, um diese Sache etwas ""professioneller"" zu gestalten. Das ist aber nur zu einem Teil gelungen.

TS: Diese frühe Musikszene ist auch das Thema der Ausstellung KEIN KIEL.


BA: Wie und wann kam es zu der Entscheidung, die Single „Too Late"" selber zu produzieren und zu vertreiben? Wie kompliziert war es damals, das alles selber in die Hand zu nehmen?

TS: Als wir mitbekamen, dass man einfach zu einem Presswerk gehen und Platten pressen lassen konnte, haben wir uns gesagt, das machen wir.
Weil die Druckkosten für das Cover zu hoch für uns waren, haben wir die Cover bei einer billigen Druckerei machen lassen und dann selbst zusammengeklebt.

AAS: Über den Vertrieb haben wir uns zu dieser Zeit nicht wirklich Gedanken gemacht.
Die Aufnahmen haben wir mit H.D. Wünsch (später UKW/Energo Wünschkiy) in unserem Keller-Proberaum gemacht - der ""Regieraum"" war die Waschküche nebenan.


BA: Wie darf man sich die frühen Liveauftritte von No More vorstellen?
Als richtige Punkband seid Ihr ja nicht durchgegangen, habt aber oft mit Punkbands zusammengespielt...

AAS: Wir haben nicht oft mit ""richtigen"" Punkbands gespielt. Die ersten Jahre haben wir sowieso meist in Kiel gespielt - und da gab es zwar alles was die Post-Punk und No/New Wave Palette so zu bieten hatte, aber nur wenige HC-Punk-Bands.
Die ersten Auftritte waren eher ""eklektisch"", von krachigen experimentellen über no wavige Midtempo-Songs bis hin zu einigen Pogostücken.
Als wir dann nur noch ein Trio waren, wurde das Programm immer minimalistischer, sehr kühl und wir entwickelten so eine passiv-aggressive Haltung gegenüber dem Publikum.


BA: Wie entsteht ein Song wie „Suicide Commando"" und habt Ihr jemals geahnt, dass das einmal ein New Wave-Klassiker werden könnte?
Wie ist der Song bei der Erstveröffentlichung als 7"" angekommen?

AAS: Wenn ich mich recht erinnere entstand zuerst der Text, was eigentlich eher die Ausnahme war. Live sind viele Leute auf den Song abgefahren, aber da hatte er noch eine ganz andere rhythmische Form.
Wir haben dann ein Demo für jemanden produziert, der meinte, dass der Song ein Hit werden könnte. Das Demo hat ihn aber nicht überzeugt und wir haben die Sache selbst in die Hand genommen.

TS: Als die Single herauskam, gab es zwar ein paar Reviews, aber so richtig interessiert hat es niemanden. Ende 1983 fing der Song auf einmal in den Clubs, vor allem im Ruhrgebiet und wenig später auch Belgien, an zu laufen. Niemand weiß warum. Darauf gab es 1984 dann die erste 12'' Single.


BA: Mit der 10"" „A Rose Is A Rose"" zeichnete sich ein stilistischer Wechsel ab, wie kam es dazu und war das bewusst so geplant? Wie haben sich die ersten orientalischen Einflüsse eingeschlichen?

AAS: Für uns war es kein Wechsel, sondern eine stilistische Entwicklung, die sich auch aus der Reduktion zum Trio erklären lässt.
Zu diesem Zeitpunkt konnten wir uns nicht vorstellen, so elektronisch wie bei ""Suicide Commando"" weiterzuarbeiten.
Der erste ""orientalische"" Song war ""Drums Of Algir"" und bezog sich auf einen alten französischen Film. Es gab aber vorher schon eine Affinität zu arabischer und spanischer Melodik, die haben wir nur nicht umgesetzt.
Später haben wir das ausgebaut und auch visuelle Akzente in dieser Richtung gesetzt. Als No More wieder zum Quartett wurden, ist auch der minimalistische Ansatz verschwunden.


BA: Einerseits habt Ihr den Song „Suicide Commando"" irgendwann aus dem Programm gestrichen, weil er nicht mehr in das Bandkonzept passte, andererseits ist das Stück mehrfach wieder veröffentlicht worden.
Heute habt Ihr eine eigene Website nur für den Song kreiert... kann man sagen, dass der Song im Laufe der Zeit eine Art Eigenleben entwickelt hat und wie empfindet Ihr es, meist auf dieses Stück reduziert zu werden?

AAS: Nach dem Ende von No More 1986 haben wir irgendwann eingesehen, dass einfach unheimlich viele Leute diesen Songs toll fanden und er auch immer wieder Inspiration für andere Musiker war.
Ich kann zwar bis heute nicht begreifen, dass man dazu tanzen kann, aber ich kann ja auch nur Twist :))
Wir mussten uns keine Gedanken mehr darüber machen, ob oder wie wir das Ding spielen würden. Wir haben unsere Frieden damit gemacht.
Wenn man eine Platte, ein Bild, ein Kunstwerk fertig gestellt hat, schickt man es hinaus in die Welt und dann entwickelt es automatisch ein Eigenleben.
Es gehört einem nicht mehr und man muss akzeptieren, was das Publikum auf diese Projektionsfläche projiziert. Das ist nicht immer einfach, aber das geht jedem Künstler so. Das muss man lernen.
Früher haben wir uns verweigert und gesagt: nicht mit uns. Aber das ist auch ok. Das ist etwas, was das Publikum akzeptieren muss. Und jeder muss die entsprechenden, daraus resultierenden Konsequenzen tragen.
Wir wissen ja, dass No More bei weitem nicht nur aus ""Suicide Commando"" bestand.


BA: Die orientalischen Einflüsse wurden mit der Zeit immer größer bis zur LP „Hysteria"", hat sich dadurch Eure Hörerschaft auch geändert oder sind die Fans den Weg mitgegangen?
Habt Ihr Euch Mitte der 80er Jahre als Teil einer eigenständigen deutschen Wave-Szene empfunden und wie war der Kontakt zu anderen deutschen Bands?

TS: Wir waren bis Ende 82 / Anfang 83 Teil der Kieler Szene und danach eigentlich immer auf uns allein gestellt. Es gab sehr wenige Kontakte zu anderen Bands und ich glaube, dass es zu der Zeit den meisten anderen Bands dieses ""Genres"" ähnlich ging.
Das Publikum hat sich natürlich geändert, weil sich die Zeiten geändert haben. Die Post-Punk Szene teilte sich auf - in Genres und Sub-Genres.

AAS: Viele junge schwarzgekleidete Menschen bevölkerten auf einmal die Clubs. Das war schon ein ganz anderes Publikum als zu Anfang.


BA: Wie kam es zur Auflösung von No More Mitte der 80er Jahre?

AAS: Es gab einige Spannungen während der Aufnahmen zur ""Hysteria"" LP. Tina und ich wollten aus Kiel weg. Es war Sand im Getriebe, und wir kamen nicht richtig voran.
Das war es dann. Wir haben noch den Gig in Oberhausen gespielt. Tina und ich haben ""Hysteria"" im Studio in Aachen abgeschlossen und noch den Song ""7 Years"" als Abschluss des Kapitels geschrieben.


BA: War No More objektiv betrachtet eine erfolgreiche Band, wobei man zwischen
kommerziellem Erfolg und Erfolg im künstlerischen Sinne unterscheiden könnte?

TS: Kommerziell gesehen bislang sicherlich nicht. Alles andere sind private und subjektive Betrachtungen, die sich immer wieder ändern.


BA: Es soll ein kurzzeitiges Projekt namens Blood And Roses gegeben haben, was gibt es darüber zu erzählen?

AAS: Bei der Recherche zu der KEIN KIEL Ausstellung haben wir herausgefunden, dass das Projekt nicht, wie wir auch fälschlicherweise auf unserer Homepage behauptet haben
""Blood And Roses"", sondern ""Blood And Flowers"" hieß. Daran sieht man, dass wir dem anscheinend nicht so viel Bedeutung beigemessen haben.
Im Prinzip haben wir zu dritt mit Sequenzer, Synthesizer, Drum-Synthesizer und Echogerät kurze abstrakte Musikstücke gemacht. Die sind dann auf dem Lustobjekte Sampler-Tape erschienen.


BA: Danach habt Ihr The Nijinsky Style gegründet und ziemlich andere Musik gemacht...war das auch eine Art Befreiung aus dem Konzept von No More?

TS: Vor allem war es die Befreiung vom Bandgedanken. Das war der entscheidende Unterschied. Von außen mag die Musik anders wirken, dieses Cabaret-artige, Walzer, Tango etc. Aber darin steckten auch No More-Elemente.

AAS: Wir hätten uns vielleicht auch mit No More zu einer Art Dresden Dolls ohne Make-Up entwickeln können :). Allerdings wären wir dann ein Jahrzehnt zu früh gewesen.

BA: Wurdet Ihr als The Nijinsky Style damals in Verbindung mit No More gebracht und verglichen oder konnte sich die Band als eigenständiges Projekt entwickeln?

AAS: Die Verbindung bestand schon, aber Nijinsky Style hat sich trotzdem als eigenständiges Projekt entwickelt und wurde auch so wahrgenommen.

BA: Wurde das Projekt/die Band The Nijinsky Style „offiziell"" aufgelöst, oder kann man da auch noch einmal etwas Neues erwarten?

AAS: Nein, wir haben einfach aufgehört, als wir das Album ""Lost In Paradise"" fertig hatten, es aber niemand veröffentlichen wollte.
Danach haben wir auch einige Jahre erst einmal keine Musik mehr gemacht.
Das Album ist dann 2006 zusammen mit dem Live-Album ""Burlesque Show"" bei Fuego als Download-Album erschienen.

TS: Als Nijinsky Style werden wir wahrscheinlich nichts mehr machen. Aber es kann durchaus sein, dass Nijinsky Style Songs in einem anderen Zusammenhang wieder auftauchen.


BA: Welche musikalischen Aktivitäten gab es zwischen The Nijinsky Style und den „neuen"" No More? Gab es Veröffentlichungen?

AAS: Es gibt das ""Projekt"" oder besser das Kunstduo ""VENUS 45"". Dabei geht es nicht nur um Musik, sondern auch um bildende Kunst und Fotografie.
Zuerst haben wir eine Klanginstallation für ein Museum gemacht. Danach den ""Soundtrack"" zu dem Hörbuch ""Stille Tage In Clichy"" von Henry Miller. Das Hörbuch wurde von Dominik Graf gelesen und ist bei Roof Music erschienen.
Für die KEIN KIEL Ausstellung haben wir neben den Wandzeitungen auch zwei Klanginstallationen gemacht.
Wir haben zwischendurch auch eine merkwürdige Version von „Suicide Commando“ produziert, die dann später auf der Remake/Remodel von No More gelandet ist.


BA: Habt Ihr jemals mit Eurer Vergangenheit als No More nichts mehr zu tun haben wollen?

TS: Das war ganz sicher zwischendurch mal der Fall, aber ich kann mich nicht erinnern, zu welcher Zeit oder in welcher Situation das war. Kann also nicht so gravierend gewesen sein.


BA: Wann lebte die Idee, dass es mit No More nicht endgültig vorbei ist, wieder auf?
Gab es dafür auslösende Momente und inwieweit spielte der inzwischen erreichte Kultstatus von „Suicide Commando"" dabei eine Rolle?

AAS: Das war vollkommen ungeplant. Wir haben die Remake/Remodel zusammengestellt, die anfänglich nur aus Suicide Commando Versionen bestehen sollte.
Dann kamen wir auf die Idee Mash-Ups mit ein paar alten Songs zu machen und plötzlich waren wir mitten im Songschreiben.
Selbst zu diesem Zeitpunkt haben wir noch nicht an eine Neuauflage von No More gedacht.
Es eröffneten sich dadurch aber für uns auf einmal Möglichkeiten, No More musikalisch weiterzuführen. Weil wir No More nicht vom Ende aus weiterdachten, sondern vom Anfang. In dem Moment machte es plötzlich Sinn, an ein Weitermachen oder besser: einen Neuanfang zu denken. Was daraus wird und wie sich das gestaltet, werden wir sehen.


BA: Wie kam es zum Kontakt mit Frank von Vinyl-on-Demand und die Veröffentlichung der „Dreams""-LP? Musste Frank viele Überredungskünste anwenden oder hattet Ihr sofort Interesse, altes, auch unveröffentlichtes Material noch einmal unter die Leute zu bringen?

TS: Wenn ich mich recht erinnere, hat uns einfach angerufen. Er war so enthusiastisch und aufgeregt, dass fanden wir sympathisch.
Wir waren anfangs noch ein wenig skeptisch, weil es sich um Aufnahmen aus der Anfangszeit handeln sollte, die wir nicht mehr auf der Rechnung hatten. Aber wir haben einfach das in Frage kommende Material durchgehört und dann war schnell alles klar. Alles in allem war es eine der unkompliziertesten Produktionen überhaupt.


BA: War die Idee zur „Remake/Remodel"" Doppel-CD schon vor der „Dreams""-LP entstanden, oder resultierte sie daraus oder entwickelte sich beides gleichzeitig?

AAS: Die Grundidee von „Remake/Remodel“, anlässlich von 25 Jahren ""Suicide Commando"" eine Compilation zu machen, war unabhängig von der ""Dreams""-LP.
Aber die Beschäftigung mit den frühen Songs im Zuge von ""Dreams"", führte zu der Idee, diese rohen unbehauenen Aufnahmen um genau das zu ergänzen, was wir damals im Sinn hatten, aber aus verschiedenen Gründen nicht verwirklichen konnten.
Daraus entsteht eine ganz eigenartige Mischung, die Songs zeigen neue Aspekte, ohne dass die originale Atmosphäre, die vor allem durch den Klang geprägt ist, verschwindet.


BA: Welche Idee steckt dahinter, alte Songs zu überarbeiten oder gar mit neueren zu kombinieren?
Angst, dass die alten Songs alleine nicht mehr funktionieren? Unzufriedenheit mit den alten Versionen? Oder etwas ganz anderes?

AAS/TS: Siehe letzte Frage.


BA: Was darf man von den hoffentlich kommenden Aufnahmen erwarten? Inwieweit werden die noch mit New Wave etc. zu tun haben und glaubt Ihr, damit auch die alten Fans erreichen zu können?

AAS: Die (neuen) Songs von „Remake/Remodel“ sind unser Ausgangspunkt. Alles andere wird sich ergeben. Man kann weder die eigene Biografie über Bord werfen, noch die eigene Situation im Hier und Jetzt außer Acht lassen.
Ob wir die alten Fans damit erreichen können? Das ist nicht Gegenstand unserer Überlegungen. Und New Wave, diesen Begriff kann man heute nicht mehr sinnvoll verwenden.

BA: Was ist aus den übrigen No More-Bandmitgliedern geworden? Gibt es noch Kontakte und wie stehen sie dazu, dass Ihr die Band weiterleben lasst?

TS: Wir haben zu fast allen ""Ehemaligen"" mehr oder weniger Kontakt. Sie haben mittlerweile alle das aktive Musikmachen aufgegeben.

AAS: Ich habe keine Ahnung wie sie dazu stehen.


BA: Ihr habt mit großem Enthusiasmus an der Ausstellung „Kein Kiel"" über die Kieler Punk/Wave-Szene der späten 70er/frühen 80er gearbeitet.
Wie kam es zu diesem Projekt und lässt sich schon sagen, ob die Ausstellung in der Kieler Kunsthalle ein Erfolg war?

AAS: Ein Freund von uns, Christian Witte, wollte eine Compilation mit Kieler Bands aus dieser Zeit machen. Damit das Projekt nicht nur für die Schublade ist, haben wir angeregt, etwas drum herum zu veranstalten. Da kam die Idee mit der Ausstellung.
Das hat sich verselbständigt und so ist es eine Ausstellung mit Katalog und beigelegter Compilation geworden.
Wir wollten die Kieler Szene exemplarisch für die Post-Punk Bewegung in der deutschen Provinz zeigen. Eine Szene, die nicht nur aus Konsumenten, sondern vor allem auch aus Machern bestand - Prosument sagt man heute wohl dazu.
Ohne diese ganzen Provinzen hätte Punk bzw. Post-Punk nicht so einen großen, bis heute spürbaren, Einfluss auf Musik, Mode und visuelle Kommunikation gehabt.
Die Ausstellung war ein ziemlicher Erfolg, vor allem die Kunsthalle war überrascht von den hohen Besucherzahlen.
Es gab zwar auch einige Kritik, allerdings meist von Leuten, die ihre Jugend in der Nachschau gewaltiger in Erinnerung hatten.


BA: Da Ihr ja wahrscheinlich weder damals, noch heute ausschließlich von der No More-Musik gelebt habt, wie lebt und finanziert Ihr Euer Leben heute?

TS: Wir haben eine Agentur für Mediendesign - Zodiac Art & Media.


BA: Wenn Ihr heute auf die Zeit vor gut 25 Jahren zurückblickt, geschieht das eher nüchtern oder mit einer gewissen Nostalgie/Melancholie?

AAS: Weder noch. Man kann die eigene Jugend, die ja nun definitiv vorbei ist, nicht nüchtern betrachten. Es besteht aber auch kein Grund melancholisch auf die guten, alten Zeiten zurückzublicken.

TS: Zur Standortbestimmung ist so ein Blick zurück allerdings nicht verkehrt.


BA: Was darf man kurz- und langfristig von Euch erwarten?
TS: Wir machen keine Versprechungen.


BA: Habe ich vergessen, etwas zu fragen oder wollt Ihr noch etwas mitteilen???
AAS: No Secrets! It's all in the box!


Vielen Dank an Tina und Andy für die Beantwortung der vielen Fragen. Der eine oder andere Leser, der bisher tatsächlich nur “Suicide Commando” von No More kannte wird hoffentlich jetzt auch ein wenig Interesse an den anderen, mindestens genauso guten Sachen der Gruppe bekommen haben. Leider sind die Original-Platten nur schwer und für viel Geld aufzutreiben, aber mit der “Remake / Remodel”-Doppel-CD kann man sich zumindest einen ersten Überblick verschaffen und sich dann auf die Suche nach mehr Material machen. Rückblickend waren No More sicherlich eine der wichtigsten deutschen New Wave-Gruppen der 80er Jahre, die aber auch immer über den eng begrenzten musikalischen Horizont dieses Stils hinausgeblickt hat.
Für mich persönlich war No More sogar die beste deutsche Band dieses Genres und auch heute lege ich die Platten immer wieder gerne auf, sowohl, die schräg-minimalistischen Sachen der frühen Phase, als auch den Oriental-Wave am Ende.
Das Interview wurde im späten Frühjahr 2007 per Email geführt und es hat leider ewig gedauert, bis es nun endlich online ist. Sorry dafür an Tina und Andy! (A.P.)

CULTURAL AMNESIA - Press My Hungry Button


Erstveröffentlichung: Doppel-LP 2007 / Vinyl-On-Demand / VOD45

Es ist manchmal schon seltsam, Da gibt es eine Band wie CULTURAL AMNESIA, die Anfang der 80er Jahre einige Tapes veröffentlicht hat, als Tapes noch ein anerkanntes und eigenständiges Musikmedium waren, danach verschwindet die Band über 20 Jahre praktisch im Nichts und kaum ein heutiger Musikfreak erinnert sich noch an sie und plötzlich bringen gleich mehrere Labels die Musik der Gruppe zu verdienten Vinylehren. Auch ich habe CULTURAL AMNESIA erst durch die „Enormous Savages“-LP auf Anna Logue Records kennen gelernt und war von der sehr eigenen Post-Punk-Musik ziemlich begeistert. Die Mischung aus New Wave, Electro und Minimal-Sound strahlte immer noch den Zeitgeist ihrer Entstehungszeit um 1981 aus und wirkte trotzdem nicht altmodisch.
Nun also eine weitere Veröffentlichung mit altem Material von CULTURAL AMNESIA, diesmal auf Vinyl-On-Demand, was heißt, dass man ein ganz besonderes Package bekommt, nämlich eine Doppel-LP in fettem Vinyl, mit edlem Klappcover, Beiblatt und einer Bonussingle mit 4 Tracks. Da kann man absolut nicht meckern, denn auch musikalisch ist es spannend. Wie bereits erwähnt, Post-Punk, New Wave, Minimal-Electro, hier eine Prise Sheffield Sound (siehe auch die Coverversion von Human Leagues „Being Boiled“), da ein Schuss Factory-The Durutti Column-Anklänge (vor allem bei einigen instrumentalen Tracks), etwas früher Mute-Sound (The Normal und Verwandte), auch mal ein wenig Synth-Punk (Nervous Gender, Screamers und Konsorten) und auch ein paar Erinnerungen an Psychic TV beim Gesang. Dazu eine Menge Experimentelles, ohne zu avantgardistisch zu werden. Vielseitigkeit zählt hier also, aber CULTURAL AMNESIA schaffen es, nicht bei jedem Lied zu klingen, wie irgendeine andere Band, sondern haben ihren eigenen Stil erschaffen, der durchaus Wiedererkennungswert besitzt und zusammengefasst vielleicht ein bisschen an Dave Balls (Soft Cell) legendäres (aber nach den CULTURAL AMNESIA-Sachen erschienenes) Soloalbum „In Strict Tempo“ erinnert.
Natürlich ist bei einer derartigen Menge an Musik (34 Tracks) auch der eine oder andere kleinere Ausfall dabei, aber das ist nur logisch. Ingesamt kann man aber von einer sehr ausgewogenen Mischung sprechen und richtig schlechte Songs sind gar nicht dabei, dafür aber einige echte Underground-Hits wie „Hot In The House“, „For All Your Needs“ (klingt fast wie die Silicon Teens!) oder „Repetition For This World (Original Version)“ und einige mehr. Damit wird man die Old School-Wave- und Minimal-Electro-Partys garantiert auffrischen.
Wer nun aber glaubt, das Archiv von CULTURAL AMNESIA wäre mit 3 LPs, einer Single und einer 3“-CD (Bonus zur „Enormous Savages“) erschöpft, liegt falsch, denn ein weiteres Album mit altem Material auf Vinyl-On-Demand ist bereits für einen späteren Zeitpunkt angekündigt und auch eine CD mit neuem Material soll erscheinen. Ich glaube und hoffe, da gibt es noch einiges zu entdecken! (A.P.)

Webadresse der Band: www.culturalamnesia.com

DIE DORAUS & DIE MARINAS - ...Geben Offenherzige Antworten Auf Brennende Fragen

Wiederveröffentlichung: CD 2001 / Captain Trip Records / CTCD-303
Erstveröffentlichung: LP 1983 / Atatak

Nach „Fred Vom Jupiter“, einem kaum zu erwartenden Erfolg in Deutschland und England, legte Herr DORAU mit seinen MARINAS das schöne Album „Blumen Und Narzissen“ vor, das mit NDW-Perlen wie „Junger Mann“ oder „Lokomotivführer“ recht erfolgreich war (und später ziemlich verramscht wurde). Knapp zwei Jahre später kam dann das zweite Album, das letzte unter dem Namen DIE DORAUS UND DIE MARINAS. Natürlich und zum Glück hat sich nicht allzu viel verändert. Es gibt hübsche kleine Popsongs zu hören, die diesmal vielleicht etwas aufwändiger aufgenommen und produziert wurden, dazu die oft leicht naiven, aber nicht dummen Texte von ANDREAS DORAU und eben der typische Gesang der MARINAS. Die Melodien zünden so gut, weil sie eben ganz einfach sind, wie beispielsweise bei „Großer Bär, Kleiner Bär“. Ein respektabler Hit ist „Die Welt Ist Schlecht“, wobei hier simple Weisheiten auf den Punkt gebracht werden, ohne belehrend zu sein. Ansonsten plätschert das Album einfach nett vor sich hin, ohne, dass das jetzt allzu negativ verstanden werden soll. Klar, der Überraschungseffekt von „Fred Vom Jupiter“ und „Blumen Und Narzissen“ ist etwas verflogen, aber Spaß macht die Musik auf hier noch. Mit dem nächsten Album „Demokratie“ entwickelte sich DORAU dann auch deutlich weiter, sonst wäre er heute wahrscheinlich längst vergessen und nicht immer noch erfolgreich. Die Optik des Albums kommt in bewährter Atatak-Wirtschaftswunder-Ästhetik daher, was gut zu der deutlich vom Heile-Welt-Schlager beeinflussten Musik passt. Rundum ein schönes Album also, auch, wenn neben „Die Welt Ist Schlecht“ ein weiterer echter Knaller fehlt. Mysteriös ist allerdings, dass die Platte bisher auf CD nur in Japan erschienen ist. Eigentlich ganz passend, dass alle Texte im Booklet auf Deutsch und Japanisch abgedruckt sind, haben doch Anfang der 80er Jahre viele Bands ihre Texte in Deutsch und Englisch abgedruckt (Deutsch Amerikanische Freundschaft, Krupps...) Wie schon Der Plan so richtig behauptete: es ist eine fremde und seltsame Welt. Zusätzlich zu den LP-Tracks gibt es auch noch als Bonustrack eine Dubversion von „Die Welt Ist Schlecht“ zu hören. (A.P.)

M 3 - Vibrationen


Erstveröffentlichung: LP 1983 / Jupiter Records / Teldec / 6.25523

Man kann Schlagerproduzent Ralph Siegel ja eine Menge vorwerfen, vor allem, dass seine musikalische Sülze durchweg nicht erträglich ist, aber sicher kann man nicht sagen, dass der Mann nicht geschäftstüchtig ist. Als die Neue Deutsche Welle von der Plattenindustrie ausgeschlachtet wurde, hat er sich mit seinem Jupiter Records-Label gnadenlos daran beteiligt und mittelprächtigen deutschsprachigen Rock/Pop auf dieser Schiene vermarktet.
Dazu gehört auch diese LP von M3, die weitgehend unbekannt geblieben sind, was auch besser so ist.
1983 war es schon so weit, dass alles als NDW galt, was deutsche Texte hatte und da passten M3 gut ins Gesamtbild. Hatte die Band auf ihrer ersten LP „Single Boys“ noch englische Texte verwurstet, so versuchte man sich nun, um des Erfolges Willen, an deutschen Sangeskünsten. Mit NDW hatte das alles wenig zu tun, viel mehr hört man, dass die Musiker allesamt noch von der Rockmusik der 70er Jahre beeinflusst waren, inklusive mieser Gitarrensoli. Von der ursprünglichen NDW von Geisterfahrer, Der Plan oder selbst Ideal sind M3 meilenweit entfernt und selbst einzelne ganz nette Songs wie „Tarzan“ oder „Wir Sind Zuviele“ lässt man nur mit viel Wohlwollen durchgehen. Stattdessen klang die Platte wohl schon 1983 altbacken und staubig, irgendwo zwischen Puhdys und Heinz-Rudolf Kunze,
Tja, und warum auf dem Innencover Bilder der Produzenten abgebildet sind, denen man sofort ansieht, dass sie sonst wohl eher im Schlager- beziehungsweise (Schweine-) Rock-Bereich arbeiteten, ist auch nicht ganz nachvollziehbar. Das kann wohl nur Narzissmus sein, oder aber ein Hinweis darauf, dass die Musiker mit den Songs gar nicht so richtig viel zu tun hatten. Zumindest mit dem schlichtem Cover inklusive Reliefschrift kann diese Veröffentlichung überzeugen, aber ob das ausreicht, die banale Musik zu ersetzen...ich weiß nicht...
Übrigens enthalten die Texte auf dem Innencover weit über 60 Apostrophe, womit sich die Band als wahrer Freund dieses sympathischen, kleinen Auslassungszeichens hervor tut, wobei einige weder nach alter, noch nach neuer Rechtschreibung korrekt sind und so als künstlerische Freiheit angesehen werden müssen. (A.P.)

CHARLES LINDBERGH N.E.V. - Jetzt... / Erste Startversuche


Erstveröffentlichung: CD-R 198? / NLW

Wer außer Haiko und mir kennt heute noch CHRALES LINDBERGH.N.E.V. ? Diese Band gründete sich zu NDW Zeiten in Hamburg als Antwort auf die Band Gebrüder Wright. N.E.V. bedeutet soviel wie „nicht eingetragener Verein“, um von vorneherein irgendwelchen rechtlichen Konsequenzen aus dem Weg zu gehen. Die beiden Bandmitglieder Haiko Herden und Carol S. haben mit diversen Gastmusikern einige Songs aufgenommen, die minimalistischer nicht sein könnten, manche Leute würden sagen, dass das alles einfach nur billig klingt. Nun, letztendlich waren die Produktionsmöglichkeiten auch mehr als mäßig und es ist doch überraschend, was für Werke dabei herausgekommen sind. Neben eigenen Stücken wurden auch zwei NDW-Klassiker gecovert, zum einen „Ich Bau Dir Ein Schloss“ von der Gruppe Neue Heimat, zum anderen das unsterbliche „Weihnachtsmann“ der österreichischen Band Blümchen Blau. Dazu noch „You“ von Boytronic. Das alles wurde mit einfachsten Mitteln aufgenommen, unter anderem mit der kultigen Dr. Böhm Orgel. Titel wie „Auf In Den Kampf“ und „Body Building“ passten damals perfekt in die boomende Neue Deutsche Welle, wurden aber nie im größeren Umfang veröffentlicht. Mancher Fan von minimal-elektronischen Klängen, der auch eine gewisse Schrägheit nicht ablehnt, dürfte sich über Titel wie „Jetzt...“, „Computerdance“ und „Ritter Sport“ freuen. Wer hier allerdings soundtechnisch perfekte Produktionen erwartet, ist möglicherweise enttäuscht. Falls jemand Interesse an diesen Aufnahmen hat, sollte er/sie einfach mal an oben genannte Adresse mailen. (A.P.)

Webadresse der Band: www.nlw.backagain.de

CHARLES LINDBERGH N.E.V. - Jetzt...


Erstveröffentlichung: 7 Inch EP 2003 / Kernkrach

Das „Institut zur freundlichen Nutzung von Kernkrach“ wurde ja auf den Back Again-Seiten schon mehrfach enthusiastisch gelobt, weil es sich zur Aufgabe gemacht hat, verschollene Wave-, NDW- und Minimal-Electro-Aufnahmen in liebevoll gestalteter Kleinstauflage der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auf dem Sublabel „Hertz-Schrittmacher“ werden in gleicher 7“-Vinyl-Form auch neuere Aufnahmen veröffentlicht.

Von den Hamburgern CHARLES LINDBERGH N.E.V. dürften nur die wenigsten Leute bisher gehört haben, hat die Gruppe in den Jahren 1983 und 84 doch nur zwei Tapes ausschließlich im Freundeskreis verteilt. Nun gibt es vier der alten Titel im schönsten NDW-Stil auch in 200er Auflage, die inzwischen fast vergriffen sein dürfte, auf Vinyl, diesmal verpackt in ein Stück Kunstrasen, sozusagen das erste Schallplattencover mit Drainagenoppen...

Am Anfang steht der treibende Instrumentaltitel „Jetzt...“, der den Minimal-Electro-Freaks besonders gut gefallen dürfte, gefolgt von dem Hit „Auf in den Kampf“. Die B-Seite fängt experimentell an und geht dann in das sarkastische Stück „Body Building“ über, bevor der Instrumentaltrack „Peinlich Peinlich“ die Platte schon wieder abschließt.

Doch jeder, der nun süchtig geworden ist (oder kein Exemplar der Single mehr ergattern konnte) darf sich freuen, denn unter der Adresse www.nlw.backagain.de gibt es eine eigene CHARLES LINDBERGH N.E.V.-Website, auf der man auch eine CD mit den besten Stücken der Band bestellen kann.

Wer schönen NDW- oder Minimal-Electro-Sound der 80er Jahre mag, kann hier mal wieder ein klitzekleines Stück Musikgeschichte entdecken. (A.P.)

Webadresse der Band: www.nlw.backagain.de

CHRISTIANA - Final Church


Erstveröffentlichung: 12 Inch 1982 / Rip Off

Bei CHRISTIANA handelt es sich um niemand anderen, als Christiane Felscherinow, besser bekannt als Christiane F. Das Buch und/oder den Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wird wohl fast jeder kennen, der in den 80er Jahren aufgewachsen ist. Dass Christiane auch musikalisch aktiv war, ist hingegen weniger bekannt, was allerdings kein Wunder ist, denn sie hat alles andere als eingängige Popmusik gemacht, sondern eher avantgardistische Klänge produziert. Das wiederum liegt nahe, wenn man sich ansieht, mit welchen Musikern sie hier zusammen gearbeitet hat. Dabei sind Namen wie FM Einheit und Alexander von Borsig (Einstürzende Neubauten), der auch nicht unbekannte Produzent Jon Caffery und die meist unterbewertete früh-NDW-Ikone Mona Mur, dazu noch einige weitere, deren Namen mir allerdings spontan nichts sagen. Nun ja, viele werden sagen, dass es logisch war, dass so ein Junkie wie Christiane musikalisch in die Punk/Wave/NDW Ecke „abgleiten“ musste, aber ich denke, das hatte auch einfach mit dem damaligen Zeitgeist zu tun, der auch eine gewisse Antihaltung gegen die gängigen Erwartungen beinhaltete.

Der Titeltrack „Süchtig“ ist einerseits durchaus eingängig und tanzbar, hat aber viele Effekte und schräge Momente, so dass ein kommerzieller Erfolg von Anfang an unwahrscheinlich war. Trotzdem ist der Titel ein Ohrwurm. Ähnliches gilt für den „Hhealth Dub“-Mix, nur dass dieser noch schräger ist. Die Basslinie erinnert gelegentlich ein wenig an „I´m A Cult Hero“ von den Cult Heros (Cure Nebenprojekt Ende der 70er Jahre). Nicht nur deswegen kann man sich schon wieder streiten, ob diese Platte nun New Wave oder NDW ist, genau wie bei den Neubauten.

Der zweite Titel heißt „Spinnen“, bei dem die Neubauten-Einflüsse übermächtig sind, das hätte auch Blixa Bargeld schreien können.

Auf dem Cover ist noch ein kurzer Text abgedruckt, in dem Christiane Felscherinow nochmals kurz auf Buch und Film eingeht, wobei sie offensichtlich mit dem Film nicht besonders zufrieden war. Zudem wurde diese Platte erstmalig in den USA veröffentlicht, allerdings nachträglich extrem bearbeitet und mit einem scheußlichen Cover versehen, so dass sie die Platte stoppen ließ und sie in Deutschland in der nun vorliegenden Form neu aufgenommen hat. Gut so, denn auch, wenn Christiane keine große musikalische Karriere vergönnt war, hat sie hiermit doch eine lohnenswerte Platte produziert, die sich in New Wave- und NDW-Sammlungen gut macht und für Neubauten-Fans und –Sammler sowieso unverzichtbar ist. Übrigens hat sie auch an dem Film „Decoder“ mitgearbeitet, ebenso am dazugehörigen Soundtrack. Leider habe ich keine Ahnung, was aus Christiane Felscherinow geworden ist. Kultig ist nebenbei bemerkt der Aufdruck „Super MAX Single“ (tatsächlich ohne „i“ bei „Max“) auf dem Cover. (A.P.)

SIDEWAYTOWN - Years In The Wall


Erstveröffentlichung: CD 2997 / Eigenveröffentlichung

SIDEWAYTOWN ist die neue Band von Markus Baltes, der zuvor bei Autumnblaze dabei war und sich mit der Gruppe wohl hauptsächlich in der Metalszene einen guten Namen gemacht hat, aber auch immer atmosphärische Einflüsse zuließ.
Als mir Markus Baltes seine neue Gruppe mit Vergleichen zu Slowdive, Sigur Ros, My Bloody Valentine und anderen Giganten ankündigte, fragte ich lieber erstmal nach, ob das für Fans dieser Gruppen (also mich) wirklich interessant wäre und er versprach es. Und tatsächlich: „Years In The Wall“ ist ein großartiges Album voller Spannung, Atmosphäre, Melancholie und Sehnsucht, dem man die Metal-Ursprünge des Musikers kaum noch anmerkt, auch dann nicht, wenn es zwischendurch mal lauter wird. Hier hat ein Musiker mal wirklich Vielseitigkeit bewiesen und sich von seiner Vergangenheit gelöst. Es mag auch daran liegen, dass die CD im Eigenverlag erscheint, entweder, um wirklich die komplette Kontrolle zu behalten oder aber engstirnige Metal-Labels glauben nicht daran, dass ihre Käuferschaft sich dafür begeistern kann. Stattdessen hätte das Album aber gut bei Projekt Records kommen können oder eventuell auch beim feinen deutschen Alison Records-Label.
Die zehn Stücke auf „Years In The Wall“ klingen wie aus einem Guss, wobei mir vor allem die Stimme von Markus Baltes gefällt, der ohne Klischees oder viele Effekte auskommt. Die ruhigeren Lieder sind die Höhepunkte, die lauteren Songs hingegen klingen alle ein wenig zu ähnlich, sind aber natürlich auch nicht schlecht. Einige Anspieltipps sind „Sorry For The Bad View“ und „Put Your Sun In The Corner“, aber eigentlich sollte man die ganze CD schön am Stück hören. „A Skygazing Post Rock Symphony“ heißt es in der Selbstbeschreibung und das kann man mal so stehen lassen. Ein echtes Überraschungs-Highlight, wo ich es gar nicht erwartet hätte. (A.P.)

Webadresse der Band: www.sidewaytown.com

NEUES DEUTSCHLAND - BRD DDR


Erstveröffentlichung: LP 1981 / Iron Curtain Records / Eigelstein

Schon wieder so eine Platte, die sich schwer einer bestimmten Musikrichtung zuordnen lässt. Ralf Kirstan nannte es in seinem Buch „Pogographie 4“ „Frühpunk“ und erwähnte auch den Begriff „Punkwave“ und zumindest mit letzterem liegt er ganz richtig. Die Musik und auch die Texte haben noch viel punkiges und auch politische Inhalte, was bei NDW Bands ja eher selten war. Trotzdem kann man das Ganze keinesfalls mehr als reinen Punk bezeichnen, dafür ist es zu wavig, für eine Zick Zack-Veröffentlichung (um mal nur eines der damaligen Labels zu nennen) ist es aber wiederum nicht kopflastig und abgedreht genug. Halt so ein Zwitterwesen, wie es damals ständig auf dem Plattenmarkt auftauchte. Ich habe die Platte, nachdem ich sie vor Jahren gekauft und einmal gehört habe bis heute nicht wieder rausgeholt. Erst jetzt, Jahre später höre ich sie wieder und frage mich, warum ich sie damals einfach weggestellt habe, denn die Platte ist wirklich klasse, sowohl textlich, als auch musikalisch. Offensichtlich war es der Band damals wichtig, auf dem Cover zu vermerken, dass keine Synthesizer verwendet wurden, wohl, um sich von all den NDW Bands abzusetzen, die bei Zick Zack und Konkurrenz etc. erschienen. Schwer zu beschreiben, was den unwissenden Hörer bei dieser Platte erwartet, ist halt sarkastischer Wavepunk, letztendlich NDW. Auf keinen Fall stehen lassen, wenn Ihr die Platte in einer Grabbelkiste auf dem Flohmarkt entdeckt! Sammler von Früh-NDW, aber auch offenere Deutsch-Punk-Sammler dürften sich die Finger hiernach lecken. (A.P.)

NYLON EUTER - Nylon Euter


Erstveröffentlichung: LP 1982 / GeeBeeDee / Boots Vertrieb

NYLON EUTER gehören zu den vielen zwar guten, aber doch unbekannten Bands der guten alten NDW-Zeit. Aufhorchen werde viele Leute, wenn sie erfahren, dass ein gewisser „Markus Mörl“ hier Gitarre gespielt und hin und wieder auch mitgesungen hat. Dieser hatte kurze Zeit später einen der wohl größten NDW-Hits überhaupt mit „Ich Will Spaß“. Bei NYLON EUTER war er zunächst mal nur ein Bandmitglied unter Sechsen. Die LP ist zudem nicht so poppig wie das, was Markus später solo durchgezogen hat, zwar eingängig, aber nicht wirklich kommerziell. Die Musik ist typischer NDW-Sound für diese Zeit, mal eher poppig, mal eher rockig und dazu jede Menge New Wave-Einflüsse, ein bisschen früher Synthie-Pop und auch leichte Skaanklänge. Auch die Texte sind nicht unbedingt hitparadenkompatibel. Auf der A-Seite stechen besonders „Außen Zahm. Innen Irre“ und „Schöne Welt“ hervor. Die B-Seite besticht vor allem durch „Kleines Girl“ (erinnert schon stark an den späteren Solo-Sound von Markus) und „Baby Baby“. Produziert wurde die LP von Tom Dokoupil, der damals ja an allen Fronten aktiv war (Wirtschaftswunder, Radierer usw.). (A.P.)

NICHTS - Aus dem Jenseits


Erstveröffentlichung: LP 1983 / Schallmauer / Wea

Nach dem Weggang von Michael Clauss, der NICHTS musikalisch auf den ersten beiden Platten sehr stark geprägt hatte, versuchte die Band in neuer Besetzung weiterhin ihr Glück. Da Sängerin Andrea Mothes mit ihrer Stimme den Sound von NICHTS bestimmt, ist mit „Aus dem Jenseits“ durchaus noch eine gute Platte entstanden, die allerdings musikalisch kommerzieller und glatter geworden ist, als „Made In Eile“ und „Tango 2000“. Mit „Horrorskop“ beginnt die Platte traditionsgemäß mit einem echten Ohrwurm. Textlich hob sich die Band weiterhin vom Schlager-NDW dieser Tage ab, was den ganz großen Durchbruch sicherlich behinderte. Die Musik ist immer noch New Wave, ganz selten klingen auch noch die frühen Punk-Wurzeln durch. Auf jeden fall dürften NICHTS einen extremen Einfluss auf die später erfolgreichen Fee ausgeübt haben, denn beiden Bands klingen manchmal sehr ähnlich. „Aus dem Jenseits“ enthält neben „Horrorskop“ weitere Hits wie „Normal“ oder „Verlorene Illusionen“, allerdings keine Überknaller wie „Radio“, „Ein Deutsches Lied“ oder den Hammer „Tango2000“. Die B-Seite der LP fällt dann auch ein bißchen gegenüber dem Beginn ab, allerdings ohne wirklich schlecht zu sein. Am Ende jedoch wird es bei dem Instrumentalstück „Aus Dem Jenseits“ noch mal interessant. Hat ein bißchen was soundtrackmäßiges und irgendwie könnte ich mir den Titel in einem dieser billigen italienischen Früh-80er Horrorfilme vorstellen. Nach diesem Album verschwanden NICHTS von der Bildfläche und sind heute beinahe vergessen. Sie hatten nie den großen Erfolg wie ihre zeitlichen Weggefährten Ideal, aber mit einigen Liedern ist die Gruppe unsterblich geworden, zumindest bei NDW/New Wave Fans, die nicht nur die blankpolierten Hits hören wollten, die die Industrie ab 1982 auf die Deutschen losließ. Ich muss zugeben, lange Zeit identifizierte ich NICHTS auch nur mit den genannten Klassikern, aber als ich irgendwann mal wieder die LPs ganz hörte, liebte ich sie komplett, alle 3! (A.P.)

NICHTS - Tango 2000


Erstveröffentlichung: LP 1982 / Schallmauer / Wea

NICHTS war die Band von Meikel Clauss zwischen KFC und Belfegore und wohl seine kommerziell erfolgreichste überhaupt. „Tango 2000“ ist auf den Punkt gebrachter NDW-Sound, der genau zum richtigen Zeitpunkt erschien, als die NDW den großen Durchbruch hatte. Die Musik ist eingängig, aber noch eindeutig untergrundig, die Texte sind teilweise nihilistisch, aber nicht so sehr, dass der normale Radiohörer davon erschreckt wurde. Wenn jetzt jemand glaubt, nach dieser Beschreibung sei die Platte nur mittelmäßig und opportunistisch, dann täuscht er sich gewaltig, denn „Tango 2000“ ist ein echter NDW Klassiker, der mir noch besser gefällt als die stilistisch ähnlichen Ideal oder Neonbabies oder später Fee. Mit „Tango 2000“ und „Ein Deutsches Lied“ sind gleich am Anfang zwei absolute Hits vertreten, die auch heute auf den einschlägigen Partys mühelos die Tanzflächen füllen. „Tango 2000“ ist dabei einer der ultimativen NDW-Songs und der Bass in „Ein Deutsches Lied“ wummert alles andere einfach so weg und hämmert sich gnadenlos ins Gehirn. Doch auch der Rest der Platte hebt sich wohltuend aus dem damals überall auftauchenden Schlager-NDW-Sound hervor. Das ist so richtiger New Wave, der sich mit den damals die Musikszene beherrschenden englischen Bands locker messen kann. „Tango 2000“ sollte in jeder NDW Sammlung stehen, alleine schon wegen des kultigen „Nichts Live“-Witzes. Was „Charlie Wittmann“ wohl heute macht und ob er die Platte überhaupt kennt? Was mag er 20 Jahre später darüber denken? (A.P.)

NICHTS - Made in Eile


Erstveröffentlichung: LP 1981 / Schallmauer / Boots Vertrieb

Nach dem Ende von der frühen deutschen Punkband KFC (Kriminalitätsförderungsclub) gründeten zwei ehemalige Bandmitglieder die Band NICHTS, die mit 3 LPs zu Hochzeiten der NDW für Aufsehen sorgen konnte. Der richtige Durchbruch kam zwar erst mit dem zweiten Album „Tango 2000“ und dem gleichnamigen Song, aber auch das Debut „Made In Eile“ ist großartig! Hier klingen die Punkwurzeln noch weitaus stärker durch, als auf dem zweiten Album und doch geht es schon stark in die Wave-Richtung, vor allem bei Songs wie „Hallo Kartoffelsalat“ oder „Eingeschlossen“. Beginnen tut die Platte aber mit dem kleinen Singlehit „Radio“, der ein echter Ohrwurm ist („Lieber Gott ich wünsch mir so, meine Stimme im Radio, in den Charts Nummer vier, jeder ist so nett zu mir“). „Eingeschlossen“ ist ein dunkler Song, dessen Titel absolut treffend zur Musik passt. Bei einem Songtitel wie „Hallo Kartoffelsalat“ denkt man sicher zuerst an die ganz ganz frühen Ärzte oder ähnliches, ist aber alles andere als ein lustiger Song, hat dafür aber großartige Gitarren. Auch ein Song wie „10 Bier Zuviel“ klingt erst mal mehr nach Funpunk, als nach Wave oder NDW, gehört hier aber zu den wirklichen Hits. Hier finden sich besonders viele Punkeinflüsse wieder und auf so mancher feuchtfröhlichen Party dürfte der Song großen Anklang finden, auch wenn er textlich weitaus ernster und kritischer ist, als es zunächst scheint.

Die zweite Seite der Platte beginnt mit „Allein Zu Haus“, einem typischen NDW-Song für diese Zeit. Es folgt „Scheisse“, wo man sich wieder dem Punkgedanken verpflichtet fühlt, weniger musikalisch, als textlich. Damals konnte man mit so was noch provozieren, seit Tic Tac Tot nicht mehr. Schade, aber auf jeden Fall einer der Hits der Platte. New Wave mit dem NICHTS-typischen Flair gibt´s dann bei „Wer Du Bist“, beinahe der beste Song des Albums. Entgegen dem, was der Songtitel andeutet, ist „Made In Eile“ am Ende der Platte absolut nicht hektisch. Keine Ahnung, ob die Band das Gedudel ernst gemeint hat, auf jeden Fall das langweiligste Stück. Ganz am Ende gibt es noch einen NICHTS-typischen Joke mit dem „Titel“ „Nichts“, der genau das bietet, was er verspricht.

Die erste NICHTS-LP ist zwar nicht die beste der Band, das ist natürlich „Tango 2000“, gehört aber auf jeden Fall trotzdem zu den großen und wichtigen frühen NDW-Platten vor dem kommerziellen Durchbruch. Nett auch, dass die Bandmitglieder hier noch ihre Pseudonyme Micky Matschkopf, Fritz Fotze, Prunella Pustekuchen und Paul Popperkind hatten. Ob das später beim Majorlabel nicht mehr angesagt war, oder ob die Leute sich einfach zu alt dafür fühlten, lasse ich mal offen. Auf jeden Fall mochte ich die Namen, vor allem Fritz Fotze war so richtig schön plump! (A.P.)

NON TOXIQUE LOST - Ogre-Sse


Erstveröffentlichung: LP 2005 / Vinyl-On-Demand

NON TOXIQUE LOST existiert als musikalisches Projekt bereits seit 1982 und kann unter anderem auf einen Auftritt bei einem der legendären „Berlin Atonal“-Festivals der damaligen Zeit zurück blicken. Auch mit dem bekannten Staalplaat-Label wurde zusammen gearbeitet und nun hat Vinyl-On-Demand (wer auch sonst?) eine LP der Gruppe zusammen gestellt, die sich in die Reihe vieler Tapes und einiger Vinyls und CDs einreiht. Auf der Homepage der Gruppe findet sich gleich am Anfang der Hinweis „in memoriam: John Peel, Chrislo Haas, John Balance“, was den Besucher zum einen schmerzlich daran erinnert, dass drei wichtige Figuren der Underground-Szene in kurzer Zeit von uns gegangen sind (man hätte vielleicht auch noch Fad Gadget erwähnen können...) und zum anderen einen Hinweis darauf gibt, dass man es hier mit ambitionierten Independent-Künstlern zu tun hat.

Wieder einmal ist die Platte in eine schön gestaltete Hülle verpackt und zusätzlich gibt es ein 20seitiges DinA5-Booklet mit Bildcollagen.

Musikalisch bewegt sich NON TOXIQUE LOST im damals gern begrasten Feld der Harmonie-Zerstörung, das heißt, übliche Songstrukturen werden gnadenlos aufgelöst und durch pure Klänge ersetzt, ähnlich, wie die Einstürzenden Neubauten, Die Tödliche Doris, P16.D4 oder Sprung Aus Den Wolken und unzählige weitere, unbekannt gebliebene, Bands es in unterschiedlicher Art und Weise praktiziert haben. Auch die ganz frühen Controlled Bleeding oder, in etwas strukturierterer Form Foetus sind nicht so ganz weit weg. Die frühen Liveaufnahmen von Psychic TV kann man ebenfalls vorsichtig als Vergleich heranziehen. Wer sich vorher nie mit solchen Klängen auseinandergesetzt hat, wird die Aufnahmen auf dieser Platte wahrscheinlich nur für puren Krach halten. Wenn man aber die damalige Zeit bewusst miterlebt und sich mit ihr beschäftigt hat, wird einem klar, dass wohl nur damals solche Aufnahmen entstehen konnten und ihren Sinn hatten. Heute muss man das natürlich eher als Zeitdokument sehen, aber damals war bei vielen Jugendlichen das Lebensgefühl düster und destruktiv und das wurde in Klänge umgesetzt.

„Ogre-Sse“ ist keine leicht zu verdauende Platte, zum nebenbei Hören ist sie sowieso nicht geeignet, aber dafür eine ausgesprochen spannende. Und wenn ich dann sogar noch bei den Danksagungen auf dem Cover entdecke, dass offenbar mein alter Freund Peter Klum (siehe die Band Jean Gilbert auf dem „Schau Hör Main Herz Ist Rhein“-Sampler) an einem Track mitgewirkt hat, dann reihe ich die platte doppelt gerne in meine Sammlung ein. (A.P.)

O.U.T. - Ohne Untertitel


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2004 / Vinyl-On-Demand

O.U.T. war ein Vorgängerprojekt der Band Sprung Aus Den Wolken von 1980, bei dem auch ein Mitglied von Die Gesunden mitwirkte. Aus dem Umfeld des damaligen Cassettenkombinat-Labels stammen die drei Stücke auf dieser feinen Single. Ich möchte es mal als sehr experimentellen Minimal-Electro-Sound bezeichnen, wie er damals in der Tapeszene häufig zu hören war. Die Musiker, oder auch Nicht-Musiker, hatten damals unzählige Ideen und haben ohne Rücksicht auf Verluste alles aufgenommen und auf Tape oder Vinyl veröffentlicht. Dass dabei viel Schrott und Belangloses herausgekommen ist, ist keine Frage, aber es kam eben auch sehr viel innovative, schräge Musik dabei heraus, die die Hörgewohnheiten der damaligen Zeit positiv strapazierte. In diese Kategorie gehören O.U.T., denn obwohl der Sound eher mittelmäßig ist und die Charts soweit entfernt sind, wie eine Qualle vom Mount Everest, haben die Stücke einen teils hypnotischen, teils völlig absurden Ohrwurmcharakter. Hätten die Einstürzenden Neubauten 1980 versucht, Popmusik mit einem anderen Sänger zu machen, hätte es möglicherweise in etwa so geklungen, wie auf dieser Single. Für die, die es einfacher beschrieben brauchen: eine der talentierteren Gruppen aus dem so genannten „Geniale Dilettanten“-Umfeld. Schöne Single. (A.P.)

P16.D4 - Wer Nicht Arbeiten Will Soll Auch Nicht Essen

Wiederveröffentlichung: LP 2004 / Was Soll Das? Schallplatten / Wahrnehmungen
Erstveröffentlichung: LP 1981

Früher als ursprünglich angekündigt ist beim guten Franck die LP „Wer Nicht Arbeiten Will Soll Auch Nicht Essen“ erschienen. Es handelt sich hierbei um die Vinyl-Veröffentlichung eines 1981er Tapes der legendären deutschen Avantgardisten P16.D4. Mit dieser Platte dürfte vielen Sammlern eine große Freude gemacht werden, denn die Originaltapes dürften kaum noch irgendwo aufzutreiben sein. Es wäre schade, wenn diese frühen Werke einer wegweisenden Band vergessen würden und so gebührt Was Soll Das? Schallplatten großer Dank für diese LP, auch, wenn sie nur in einer Auflage von 300 Stück vertrieben wird.

P16.D4 muss man immer ein bisschen in einem Atemzug mit Gruppen wie Einstürzende Neubauten und Die Tödliche Doris sehen, auch, wenn die Klänge aller Bands unterschiedlich waren. Der Ansatz, aus der Improvisation und Zerstörung gängiger Musikstrukturen neue Klänge zu schaffen war ähnlich und alle anderen Bands/Projekte, die das seit Anfang der 80er versucht haben, waren halt nur noch „Nachmacher“ von diesen drei bekannten Namen. Das der Sound von P16.D4 aber alles andere als strukturloser Lärm war, zeigt sich an einigen Stücken deutlich, beispielsweise an „Hoss C.“, das, als nette Hommage an „Bonanza“, durchaus Hitcharakter hat. „Die Zwanghafte Einweisung Des Anselm Weinberg In Die Freibank“ ist hingegen ein düsteres, unendlich langes Improvisationsstück, das wie eine Persiflage auf die leidigen 70er Jahre Rockopern erscheint. „Tanzmusik“ ist genau das nicht, was der Name zu versprechen scheint. Andererseits war Strawinsky´s „Le Sacre Du Printemps“ ja auch als Ballett geschrieben worden und ist zum modernen Klassiker geworden. Über Strawinsky wurde geschrieben: „Betrachtung des Notenbildes (Danse sacrale, Partitur S. 129): große Besetzung, komplizierte Rhythmik (Taktwechsel), keine Melodie, zerrissener Charakter, großer Tonumfang.“ Die Parallelen zu P16.D4 sind verblüffend, auch, wenn das sicher nicht so gedacht war, als die Cassette entstand.

Sehr interessant ist auch, dass der Titel „Nippon“ extrem stark an „Ulankalakulot“ von den Virgin Prunes erinnert, wobei der Song der Engländer deutlich später erschienen ist. Gerade „Nippon“, wie auch „Hoss C.“ sind die straigtesten Songs und dürften auch für Fans von frühem NDW-Sound (was P16.D4 nicht gerne hören werden...) und Minimal (-Electro-) Klängen interessant sein. Aber auch die avantgardistischen und fast atonalen Tracks sind ungemein spannend und machen die Platte zu einem weiteren Höhepunkt auf Was Soll Das? Schallplatten, also schnell zugreifen! (A.P.)

PALAIS SCHAUMBURG - Hockey


Erstveröffentlichung: 12 Inch 1983

Eines ist ganz klar, PALAIS SCHAUMBURG gehören zu den wichtigsten Vertretern der Neuen Deutschen Welle, jedenfalls der wahren Neuen Deutschen Welle, die nicht in die Schlagerwelt abdriftete, sondern im Untergrund arbeitete. Nichtsdestotrotz hat auch PALAIS SCHAUMBURG im Rahmen der kommerziellen Welle sich einen Namen ergattern können. Es begann im Jahre 1980, als sich Thomas Fehlmann aus der Schweiz mit Holger Hiller aus Hamburg (damals bei den GEISTERFAHRERN) zusammentat, um ein wenig zu musizieren. Sie holten sich von ABWÄRTS noch FM Einheit als Schlagzeuger und Chris Lunch als Bassspieler. Die ersten Veröffentlichungen des Quartetts waren „Macht mich glücklich wie nie“ sowie „Rote Lichter“ und erschien beim Kultlabel Zick Zack. Kurz nach Erscheinen verließen dann FM Einheit und auch Chris Lunch die Band und wurden ersetzt durch Ralph Hertwig von FRONT und Timo Blunck von der Band DIE ZIMMERMÄNNER. Zusammen spielten sie die Single „Telephon“ ein und diese wurde wiederum bei Zick Zack veröffentlicht. Die Band hatte so großen Erfolg und die Neue Deutsche Welle bot den großen Labels eine neue Plattform, so dass die erste LP sogar bei Phonogram erschien. Nach der Platte und einer ausgedehnten Tour durch Deutschland, Holland und England verließ Holger Hiller dann die Band und widmete sich seinen vielen anderen Projekten. Die Single „Hockey“ erschien im Jahre 1983 und bietet einen Track, der für PALAIS SCHAUMBURG-Verhältnisse sehr poppig und nicht mehr so schräg wie bisher ist. Neben dieser witzigen Melodie wurde ein ausgedehnter Percussion-Teil eingespielt, der die Maxisingle veredelte. Auf der B-Seite ist „Packt die Herzen aus“ sowie „Stan Keaton“, die sich an derzeit gängige Neue Deusche Welle-„Richtlinien“ hielten und ein bisschen gewollt gefallen zu wollen scheinen, aber auch wirklich gefallen. (H.H.)

PALAIS SCHAUMBURG - Lupa


Erstveröffentlichung: LP 1982 / Phonogram

Nach der ersten, bahnbrechenden LP verließ der Sänger Holger Hiller die Gruppe PALAIS SCHAUMBURG, in neuer Besetzung machte die Band jedoch weiter, orientierte sich aber musikalisch in andere Richtungen. Abgesehen von der unverwechselbaren Stimme Hiller´s, erkennt man die Band aber dennoch wieder, vor allem durch viele kleine Spielereien und die immer wieder durchbrechenden schrägen Bläser. Der Rhythmus und vor allem der Bass sind jedoch schon irgendwie „funkig“, was kombiniert mit den immer noch seltsamen Texten im NDW-Boomjahr 1982 den größeren Erfolg verhinderte. Vielleicht hatte die Band unbewusst schon den Ausverkauf vorhergesehen und sich in eine andere Richtung orientiert. Ungefähr die Hälfte der Songs ist richtig gut, der Rest zumindest nicht schlecht, aber zu einem Klassiker deutschsprachiger Musik, wie es das Debutalbum ist, reicht es hier nicht. Dass PALAIS SCHAUMBURG schon damals eher international interessiert waren, zeigt sich daran, dass die Platte in der Schweiz aufgenommen und in den USA gemixt wurde. Zudem wurden die Bandfotos vom bekannten Fotografen Anton Corbijn gemacht.

Vom Geiste des Punk-beeinflussten Avantgardesounds hatten sich PALAIS SCHAUMBURG schon weit entfernt und stattdessen eine poppigere Produktion gewählt. Mit dem ganz großen kommerziellen Durchbruch wurde es dennoch nichts. (A.P.)

PALAIS SCHAUMBURG - Telephon/Kinder Der Tod


Erstveröffentlichung: 7 Inch 1980 / Zick Zack

PALAIS SCHAUMBURG waren Anfang der 80er eine Institution in Hamburg. Mit ""Telephon/Kinder Der Tod"" haben sie eine brilliante Single vorgelegt. ""Telephon"" ist der perfekte Balanceakt zwischen unkomerziellen Undergound und eingängigem deutschen Pop. Man stelle sich eine Mischung aus dem Minimalismus von Der Plan und den rockigeren Klängen von Spliff vor, nur elektronischer. Der andere Titel, ""Kinder Der Tod"", ist für mich eigentlich einer der besten NDW-Titel überhaupt und nimmt schon vorweg, was PALAIS SCHAUMBURG später mit ""Wir bauen eine neue Stadt"" auch komerziell umsetzen konnten, super minimalistische Analog-Elektro-Klänge, schräger Sprechgesang und surrealistisch-nihilistische deutsche Texte. Da es sich bei dieser Single wieder einmal um eine Platte vom Zick Zack Label handelt (ZZ33), dürfte die sie nur zu recht hohen Preisen erwerbbar sein, wenn man sie überhaupt irgendwo mal sieht. NDW at its best! (A.P.)

PALAIS SCHAUMBURG - Palais Schaumburg


Erstveröffentlichung: LP 1981 / Phonogram

Klassiker der Neuen Deutschen Welle!!! Anders kann man diese Platte nicht bezeichnen. Das hat mehrere Gründe, zum einen erschien sie kurz vor dem kommerziellen Durchbruch der NDW und enthält den Hit ""Wir bauen eine neue Stadt"", zum zweiten bestand die Band aus Musikern wie Timo Blunck, Holger Hiller, Thomas Fehlmann und Ralf Hertwig, die fast alle auch in späteren Zeiten noch mit interessanten musikalischen Projekten auf sich aufmerksam machen konnten, drittens ist die Platte eigentlich sehr international, produziert von David Cunningham, dazu die englische Übersetzung aller Texte auf dem Innencover. Zuguterletzt ist es heute undenkbar, daß ein Majorlabel wie Phonogram eine derart schräge, unkommerzielle Platte veröffentlichen würde.

Die Texte sind fast schon dadaistisch zu nennen und scheinen wenig Sinn zu ergeben. Auch zeigen PALAIS SCHAUMBURG, daß Neue Deutsche Welle weitaus mehr sein konnte, als einfach nur die deutschsprachige Variante des aus England kommenden New Wave-Sounds. Derartige Musik hat man von der Insel zu dieser Zeit kaum gehört und aus Amerika fallen mir höchstens die Residents als Vergleich ein, auch wenn das natürlich nicht ganz treffend ist. Die Musik von PALAIS SCHAUMBURG ist minimalistisch, hauptsächlich bestehend aus monotonen, schleifenartigen Rhythmen, elektronischen Effekten, häufig einem jaulenden Saxophon und dem unverkennbaren, schrillen, glassplitterscharfen Gesang. Mit dieser Platte hat die Hamburger Gruppe 1981 einen Meilenstein geschaffen, der wie wenige andere Platten gezeigt hat, daß deutsche Musik nicht wie Schlager oder Volksmusik auf der einen Seite klingen muß und andererseits auch keine blosse Kopie von angloamerikanischen Klängen sein braucht. PALAIS SCHAUMBURG haben völlig eigenständige deutsche Musik gemacht, womit diese Platte definitiv zu einem Zeitdokument geworden ist. (A.P.)

PALAIS SCHAUMBURG - Das Single-Kabinett


Erstveröffentlichung: Mini-LP 1981 / Zickzack / Rip Off

Dieses Stück Vinyl ist 1981 erschienen, im Zeitalter der Neuen Deutschen Welle. Die ersten fünf Singles dieser Band um Holger Hiller sind hier gepresst und komprimiert zum sofortigen Genuß zusammengeführt. So findet man denn auch den Hit ""Glücklich wie nie"" oder mein persönliches Lieblingslied der alten Palais ""Kinder der Tod"", sogar gleich in zwei verschiedenen Versionen. Gut ist natürlich auch ""Aschenbecher"" (über mir und unter mir). Neben Holger Hiller, einer der ganz großen der NDW, findet man hier auch noch den einstürzenden F.M. Einheit,der ja damals genau wie Hiller überall bei fast allen Bands mitgemischt hat. Was soll man zu so einer Platte sagen, die sowieso schon eine Superband präsentiert. Das kann doch nur gut sein. (H.H.)

PALAIS SCHAUMBURG - Rote Lichter/Mach Mich Glücklich Wie Nie


Erstveröffentlichung: 7 Inch 198? / Zick Zack

Ach, ich liebe diese Band, die für mich wie kaum eine andere die „echte“ NDW und überhaupt eigenständige deutsche Musik verkörpert! Wie mit allen ihren Platten, haben sie hier was ganz eigenes geschaffen, schräg, minimalistisch, fast schon atonal. „Rote Lichter“ ist ganz entfernt vergleichbar mit den weniger eingängigen Sachen von Der Plan oder mit den amerikanischen Residents. Trotzdem ist „Rote Lichter“ irgendwie ein Ohrwurm. Noch mehr auf das allernötigste reduziert ist „Mach Mich Glücklich Wie Nie“. Hier könnten sich viele spätere Minimalelektroniker und auch manche Industrialmusiker von heute ihre Inspiration geholt haben. Diese Single ist nicht ganz so genial, wie „Kinder der Tod“, aber dennoch ein glitzernder Brilliant für jede NDW-Sammlung. (A.P.)

PANZERKNACKER AG - Wir Sind Alle Panzerknacker


Erstveröffentlichung: LP 1981 / Schnick Schnack / Energie Für Alle

Hier mal wieder ein oberkultiges Album aus dem echten NDW-Untergrund. Die PANZEKNACKER AG kam aus Berlin und hat diese Platte ""ohne den Rockzirkus des Senats für kulturelle Angelegenheiten"" aufgenommen und veröffentlicht. Umso beachtenswerter, daß die LP in einem ziemlich coolen Aufklappcover kommt.Am Schlagzeug sitzt ein gewisser Jörg Fukking und wenn mich nicht alles täuscht, hat der ein paar ganz frühe Songs von den Ärzten produziert, nachzulesen auf dem Cover der ""Die Ärzte Früher"" LP. Jeder Song dieser Platte ist gleich einer Musikrichtung zugeordnet, z.B. ""Schlager/Polit Wave"", ""Ska/Popular Wave"", ""Tango/Rasta Wave"" oder ""Disco/Cool Wave"" und entsprechend sind die Songs dann auch gestaltet, wobei die Unterschiede letztendlich nicht so groß sind, da immer das gleiche Instrumentarium benutzt wurde. Auf alle Fälle ist die Platte aber echte Neue Deutsche Welle mit Rest-Anklängen an die Punkwelle. Die Texte sind ziemlich abgefahren und weit entfernt von schlagerhaften Ergüssen so mancher später erfolgreichen Band, die auf der Welle mitgeschwommen ist. Texte wie ""Wir fordern die Kindersicherung für den Intimvibrator"" oder ""Ich bin total verknallt in die Kleine von der Frittenbude, total verknallt in ´ne Frittenbude, sie riecht so angenehm, von den Haar´n bis zu den Zeh´n nach Frittenbude"" wären wohl für die große Masse der Plattenkäufer zu abgedreht gewesen, als das die Platte ein kommerzieller Erfolg hätte werden können.Man stelle sich eine Mischung aus Ärzte, Geisterfahrer, Palais Schaumburg und Cats TV vor, was ja alles großartige Bands waren. Leider ist diese Platte inzwischen auch schon ziemlich selten und dementsprechend teuer geworden, aber stehen lassen würde ich sie nicht, wenn ich auf coolen NDW-Sound stehe und sie noch nicht hätte. Ach so, in der Auslaufrille ist noch eine echt coole rückwärts-gesprochene satanische Botschaft enthalten, was man bei CDs heute ja nicht mehr bringen könnte (oder hat schonmal jemand versucht, eine CD mit den Fingern rückwärts zu drehen?). (A.P.)

DER PLAN - Live At The Tiki-Ballroom


Erstveröffentlichung: CD 1993 / Atatak / Efa

Angeblich wurde diese CD live in Neuseeland vor einem Maori-Publikum im Jahre 1992 aufgenommen. Ob das nun wirklich wahr ist, weiß ich nicht, aber das ist ja auch völlig egal, denn fast jeder Ton von DER PLAN ist es wert, gehört zu werden. Die CD beginnt mit dem monumentalen „Satan Unser“, einer Verballhornung des „Vater Unser“. Abgesehen davon, dass die übliche Minimalistik der Gruppe hier mal völlig außen vor gelassen wird, könnten einige humorlose Gruftis das Lied durchaus ernst nehmen und in ihren Discos spielen, allerdings nur, wenn man vorher noch nie von DER PLAN gehört hat. Im musikalischen und inhaltlichen Kontrast dazu folgt direkt danach „Engel“. Einschmeichelnd und aufs Nötigste beschränkt ist dies schon viel eher ein typischer PLAN-Song. Danach eines der bekanntesten Lieder der Band, nämlich „Ampel Ne Steht Vorne Da“. Obwohl der Titel das vielleicht vermuten lässt, wird der Text hier nicht rückwärts interpretiert, sondern so, wie man es gewohnt ist. Ich mag dieses surrealistische, „böse“ Kinderlied, in dem die Menschheit dazu aufgefordert wird, auch mal bei Rot über die Ampel zu gehen und andere Tabus zu brechen. Der zweite kommerzielle Klassiker der Gruppe folgt gleich danach mit „Tanz Den Gummitwist“. Selten war ein Lied mit einem derartig bösen, zynischen Text in den Hitparaden vertreten, was wieder einmal beweist, dass ein großer Teil der Menschheit sich überhaupt nicht für die Inhalte von Popsongs interessiert. So war es vor 20 Jahren und so ist es heute, wahrscheinlich sogar vielmehr. Mit Humor und Surrealismus schaffen es DER PLAN, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten, ohne dabei aber den Spaß zu vernachlässigen. Große Unterhaltungsmusik, hier übrigens mit etwas zeitgemäß aktualisiertem Text. Textlich abgedreht bleibt es dann auch bei „Pizza“. Eine Textzeile wie „Bei uns am Bahnhof liegt ´ne alte Pizza“ scheint völlig sinnlos, wird hier aber so ernsthaft in einem tanzbaren Song rüber gebracht, dass man sich beinahe fragt, ob da nicht doch mehr dahinter steckt. Zumindest ist das Lied ein Ohrwurm allererster Güteklasse. So geht es weiter mit kleinen, skurrilen Pop-Perlen, die Fans der Band sowieso gefallen dürften, aber bei genauerem Zuhören auch so manchen „open-minded“ Minimal-Pop-Hörer erfreuen können. Minimal-Electro-Freunde werden soweiso ihren Spaß dran haben. (A.P.)

DER PLAN - Geri Reig


Erstveröffentlichung: LP 1980 / Warning / Art Attack

DER PLAN werden nicht ohne Grund häufig als die deutschen Residents bezeichnet. Das sollte aber nicht negativ verstanden werden und auch nicht so, als ob DER PLAN nur eine billige Kopie wären. Vielmehr sind die verschrobenen Ideen vergleichbar. DER PLAN sind hier schräg, humorvoll, abgedreht und überhaupt nicht so eingängig wie bei ihren späteren Hits „Da Vorne Steht ´Ne Ampel“ und „Gummitwist“. Hier haben Leute Synthesizer entdeckt und ausprobiert, was man damit machen kann. Herausgekommen ist unvergleichliche minimalistische Musik, die auch heute noch ungewöhnlich klingt und sicherlich neben KRAFTWERK und DAF zu den Vorreitern elektronischer Musik in Deutschland zählt. Dies ist NDW im eigentlichen Sinne, nämlich absolut eigenständige deutschsprachige Musik, die sich einen Dreck um kommerzielle Chancen gekümmert hat. Wie alle Platten von DER PLAN, ist auch dies hier eine definitive Empfehlung. (A.P.)

PSEIKO LüDE & DIE ASTROS - Electric Lüdeland


Erstveröffentlichung: LP 1984 / What´s So Funny About / Das Büro

Meine erste Platte von PSEIKO LÜDE & DIE ASTROS und dann auch noch eine Liveplatte aus dem Jahre 1984. Muß zugeben, ich habe irgendwie so´n Funpunkzeug erwartet habe, wurde dann aber eines besseren belehrt, ist nur so´n Psychobilly-Krempel. Und dann noch nicht mal gut, ich meine, die Leute können zwar spielen, d.h. sie beherrschen ihre Instrumente, leider ist das Ganze nicht so sonderlich interessant, zu oft schon dagewesen und zu oft schon besser erlebt (z.B. bei The Gories, The Reguiled oder auch Fireworks) reicht an deren mutmaßliche Vorbilder, den guten Cramps, natürlich niemals heran. Das ist wohl mal wieder eine Platte, die ich niemals wieder auflegen werde, vielleicht werde ich sie Elvis aufs Grab legen, damit er sich noch einmal umdrehen kann. (H.H.)

PYROLATOR - Ausland


Erstveröffentlichung: LP 1981 / Ata Tak / Das Büro

DAS BÜRO als einer der bekanntesten NDW-Vertriebe und ATA TAK als eines der aktivsten NDW-Label brachten 1981 diese Platte heraus. Irgendwie habe ich eine Punkband erwartet, stimmt aber nicht, die Musik ist elektronisch, experimentell, eben Neue Deutsche Welle. So ist es denn auch nicht verwunderlich, daß Holger Hiller hier schon wieder mitgewirkt hat, allerdings wohl nur etwas im Hintergrund. So positiv die Neue Deutsche Welle auch sein mag, es ist nicht nur gutes dabei herausgekommen. Diese Platte zum Beispiel gehört zu den weniger guten, was jetzt aber nicht heißen soll, daß sie durchgehend schlecht ist, nur halt nicht so mein Geschmack, denn ich mag so´n Synthie-Rumgedudel mit leichten Jazzeinflüssen nicht so sehr. Mag das überhaupt jemand? (H.H.)

DIE RADIERER - Cowboys auf Zebras


Erstveröffentlichung: LP 2003 / Was Soll Das? Schallplatten

Lange hatte der gute Franck Punk diese Platte angekündigt, nun ist sie endlich da, die beinahe ultimative Platte der legendären RADIERER, die sich inzwischen auch nach den überwältigenden Erfolgen der frühen 80er Jahre reformiert haben und auch in unserem kleinen Webzine bald interviewt werden.

„Cowboys Auf Zebras“ ist eine wunderbare Mischung aus „Best Of“-Platte und Raritäten-Sampler der Limburger Band, die früher auf Zick Zack ihre Platten veröffentlicht und mit „Angriff Aufs Schlaraffenland“ zumindest einen kleinen NDW-Kulthit zu verbuchen hatte. Dass die Band aber mehr konnte, bewies sie auf drei LPs, bis sie sich Mitte der 80er Jahre auflöste, weil der „Traum von intelligenter deutscher Popmusik“ vorbei war, wie man melodramatisch verklärt auf dem Beiblatt dieser LP lesen kann.

Tatsächlich ließ sich die Band niemals musikalisch genau einordnen. Klar kam sie ursprünglich vom Punk, aufgrund der deutschen Texte, wurden sie natürlich auch in die NDW-Schublade gesteckt, was durch den Einsatz von Synthesizern bekräftigt wurde. Aber auch Ska-, Pop- und wasweißichnochalles-Einflüsse gibt es zu hören. Textlich geht es gerne mal sarkastisch zu, was gelegentlich bis hin zu reinem Zynismus führt.

Da kommt schon die Frage auf, ob nicht zwei Herren aus Berlin, die zu der Zeit die heute „beste Band der Welt“ (aus Berlin) aus der Taufe hoben, vorher auch die eine oder andere RADIERER-Platte gehört haben.

Beginnen tut „Cowboys Auf Zebras“ natürlich mit dem unvermeidlichen „Angriff Aufs Schlaraffenland“, dazu gibt es Songs von allen vier Platten. Die durchweg unterhaltsam und teilweise sogar mehr sind. Viel schöner sind aber die bisher unveröffentlichten Stücke, wie das 1991er Demo von „Nichtsnutz“, einem Song, der textlich auch von den Lokalmatadoren stammen könnte, oder „Geistig Tot“ von der unveröffentlichten ersten Single. Ein weiteres ´91er Demo und zwei Livetracks von 1981 runden das Paket ab.

Musikalisch gibt es also absolut nichts auszusetzen, wer die RADIERER bisher mochte, wird absolut zufrieden gestellt.

Und weil die Band offensichtlich immer noch, beziehungsweise wieder, recht populär ist, hat Franck seine bisherige Labelpolitik geändert und statt 100 gleich 350 Exemplare pressen lassen, dazu noch mit richtigen Plattenetiketten und einem gedrucktem Beiblatt, nicht, dass das in irgendeiner Weise Einfluss auf die Qualität der Musik hätte, aber es soll ja seltsame Menschen geben, die eine Platte ohne so etwas nicht für eine „wertvolle“ Veröffentlichung halten. Solche Leute sollten aber lieber die Finger von der Scheibe lassen und sie den richtigen Fans gönnen, denn auch die 350er Auflage wird schnell weg sein, so viel ist schon mal sicher.

Ich musste wirklich lange suchen und forschen, um überhaupt eine Kleinigkeit an der Platte kritisieren zu können, also: die Qualität der Bilder und Coverabbildungen im Beiblatt ist echt übel und sieht aus, als wenn das einfach aus dem Internet gezogen wurde. Aber das schreibe ich natürlich nur, um meinen Ruf als „Meckerer“ gerecht zu werden, denn eigentlich ist dies eine rundum gelungene Veröffentlichung. (A.P.)

DIE RADIERER - Non Dom Tapes 79/80


Erstveröffentlichung: 10 Inch 2002 / Privatpressung

DIE RADIERER sind irgendwie kultig und haben Anfang der 80er ein paar echt gute Platten bei Zick Zack veröffentlicht. Im Jahre 2002 kam schließlich diese farbige 10“ mit alten, nicht mehr erhältlichen Aufnahmen in einer lächerlichen Auflage von 100 Exemplaren heraus, so dass die Suche danach wohl sinnlos sein dürfte. Erwähnen möchte ich die Platte dennoch, denn sie ist wirklich gelungen. Am Anfang steht eine alternative Version des kleinen RADIERER-Hits „Angriff Aufs Schlaraffenland“. Das ist wirklich ein wunderbarer Minimal-Electro-Punk-Klassiker, der einfach Spaß macht und auch gut aus dem Atatak-Umfeld hätte kommen können. „Inzucht“ klingt schon eher, wie ein „typischer“ Zick Zack-Titel und ist absolut minimalistisch mit krudem Text. „Madagaskar“ ist tatsächlich das altbekannte Seemandslied, hier in einer Liveversion. Dann folgt „Probleme“, das man wohl kaum schräger hätte machen können und mich ein wenig an Geile Tiere und andere Bands dieser Richtung erinnert. „Drogentod“ ist monoton und inhaltlich neutral gehalten, dafür aber einer der eingängigsten Songs auf dieser kleinen Platte. Es folgt mit „Egal“ ein weiterer Livesong, der die Punkwurzeln der Gruppe aufzeigt, bevor die Platte mit einer schrägen Coverversion von Kraftwerk´s „Das Model“, die vor allem Minimal-Electro-Freunden gefallen dürfte, schon wieder zu Ende ist. Einige Titel werden übrigens mit kleinen sarkastischen Kommentaren von Klaus die Maus eingeleitet. Wer DIE RADIERER kennt, kennt natürlich auch das kleine Maskottchen der Band. Warum die Platte nur einhundertmal gepresst wurde wird mir immer unverständlich bleiben, denn es gibt mit Sicherheit weitaus mehr Leute, die sich noch für DIE RADIERER interessieren. Vielleicht haben sie selber nicht dran geglaubt, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass man hier von vorneherein ein teures Sammlerstück schaffen wollte. Nun, wahrscheinlich würde sowieso niemand, der ein original der Platte besitzt, dieses wieder rausrücken. Bleibt nur die Hoffnung auf eine Wiederveröffentlichung und die angekündigte neue Platte der RADIERER, die allerdings wieder nur eine Auflage von 250 Exemplaren haben soll. (A.P.)

Webadresse der Band: www.die–radierer.de


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