NO MORE - „Ich kann bis heute nicht begreifen, dass man dazu tanzen kann...“




S U I C I D E C O M M A N D O: Mehr als dieser eine Song – Ein Interview mit NO MORE im Jahre 2007

Musikfreaks und Plattensammler neigen gerne dazu, bestimmte Bands auf einen oder wenige bestimmte Songs zu reduzieren und kaufen trotzdem alle Platten dieser Bands, ohne sie dann aber richtig zu erforschen. Ein seltsames Phänomen.
Club- und Partygänger hingegen interessieren sich häufig von vorneherein nur für den oder die Songs, die sie von den Tanzflächen kennen und verpassen dadurch oft die wirklich guten Songs. Noch seltsamer.
Eine Band, auf die das all dies zutrifft war wohl NO MORE, ursprünglich um 1980 in Kiel gegründet und Mitte der 80er Jahre ins Ruhrgebiet übergesiedelt. Anfangs noch schräg-minimalistisch, später orientalisch-wavig und heute „Kult“ aufgrund ihres unsterblichen Klassikers „Suicide Commando“, der immer wieder gerne remixt, gecovert, wiederveröffentlicht wurde und dadurch leider das Gehör von den anderen Sachen der Band abgelenkt hat. Zeit, dass auch mal darüber geredet wird. Mit der „Dreams“-LP und der „Remake / Remodel“-Doppel-CD dürfte neues Interesse an dieser Ausnahmeformation erwacht sein und so entstand folgendes Interview...

Back Again (BA): Aus was für einem sozialen Umfeld stammt Ihr ursprünglich, wie seid Ihr in den 70er Jahren groß geworden und wie sahen Eure ersten Kontakte zur Musik aus?

Andy Attalah Schwarz (AAS): Ich stamme aus einem Milieu zwischen Arbeiterbackground und Kleinbürgertum. Die ersten bewussten Kontakte zur Musik waren Glamrock. Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich später sowohl die visuelle Seite des Punk als auch die Singlesorientiertheit des Punk attraktiv fand. Nach dem Glam und einem kurzen Zwischenspiel mit ""richtigem"" Rock kam das, was man heute als Progrock bezeichnen würde. Das Bindeglied zwischen Glam und Prog waren Roxy Music, Brian Eno und Bowie.

Tina Sanudakura (TS): Ich komme aus einer Familie, in der man traditionell (Dorfschul-) Lehrer wird, also war es ein kurzer Weg in die andere Richtung.


BA: Gab es vor No More schon Bands, in denen Ihr gespielt habt und wie kam es zur Gründung von No More?

TS: 3/4 der Gründungsmitglieder von No More haben zuvor in einer Schülerband gespielt (Stil: querbeet).

AAS: Wir konnten dem damaligen Sänger unsere Punk-Affinität nicht schmackhaft machen und so haben wir No More gegründet, einem befreundeten Nichtmusiker einen Bass in die Hand gedrückt und angefangen.


BA: Gab es am Anfang von No More ein „Konzept"" oder habt Ihr wie so viele andere Bands damals einfach drauflos gespielt und abgewartet, was dabei raus kommt?

AAS: Es gab kein ausgearbeitetes Konzept - eher Sachen, die wir nicht wollten. Wir haben alles aufgesaugt, was aus dem Punk/Post-Punk Umfeld kam. Und vor allem in der Anfangszeit, als wir in die Kieler Szene kamen, eröffnete sich ein wahrer Kosmos an Musik.
Bei weitem nicht nur das Standardprogramm, sondern auch viel Sixties, Avantgarde, etc.

TS: Ich denke, dass wir bis Mitte 1980 noch keinen eigenen Stil entwickelt hatten.


BA: Inwieweit waren No More Ende der 70er/Anfang der 80er Teil der Punk-/Wave-Szene in Kiel? Wie war der Zusammenhalt innerhalb der Szene und gab es damals schon „Gräben"" zwischen Punks, New Wavern etc.?

AAS: Es gab Gräben und Auseinandersetzungen zwischen denjenigen, die Musik machten und der Hardcore-Fraktion. Die Musikszene war bis mindestens Ende 81 zwar heterogen, aber wir haben viel zusammen gemacht. Auftritte, Festivals organisiert, den KEIN KIEL Sampler produziert und vertrieben.
Später gab es mit ""Lustobjekte"" einen Verbund von Bands, um diese Sache etwas ""professioneller"" zu gestalten. Das ist aber nur zu einem Teil gelungen.

TS: Diese frühe Musikszene ist auch das Thema der Ausstellung KEIN KIEL.


BA: Wie und wann kam es zu der Entscheidung, die Single „Too Late"" selber zu produzieren und zu vertreiben? Wie kompliziert war es damals, das alles selber in die Hand zu nehmen?

TS: Als wir mitbekamen, dass man einfach zu einem Presswerk gehen und Platten pressen lassen konnte, haben wir uns gesagt, das machen wir.
Weil die Druckkosten für das Cover zu hoch für uns waren, haben wir die Cover bei einer billigen Druckerei machen lassen und dann selbst zusammengeklebt.

AAS: Über den Vertrieb haben wir uns zu dieser Zeit nicht wirklich Gedanken gemacht.
Die Aufnahmen haben wir mit H.D. Wünsch (später UKW/Energo Wünschkiy) in unserem Keller-Proberaum gemacht - der ""Regieraum"" war die Waschküche nebenan.


BA: Wie darf man sich die frühen Liveauftritte von No More vorstellen?
Als richtige Punkband seid Ihr ja nicht durchgegangen, habt aber oft mit Punkbands zusammengespielt...

AAS: Wir haben nicht oft mit ""richtigen"" Punkbands gespielt. Die ersten Jahre haben wir sowieso meist in Kiel gespielt - und da gab es zwar alles was die Post-Punk und No/New Wave Palette so zu bieten hatte, aber nur wenige HC-Punk-Bands.
Die ersten Auftritte waren eher ""eklektisch"", von krachigen experimentellen über no wavige Midtempo-Songs bis hin zu einigen Pogostücken.
Als wir dann nur noch ein Trio waren, wurde das Programm immer minimalistischer, sehr kühl und wir entwickelten so eine passiv-aggressive Haltung gegenüber dem Publikum.


BA: Wie entsteht ein Song wie „Suicide Commando"" und habt Ihr jemals geahnt, dass das einmal ein New Wave-Klassiker werden könnte?
Wie ist der Song bei der Erstveröffentlichung als 7"" angekommen?

AAS: Wenn ich mich recht erinnere entstand zuerst der Text, was eigentlich eher die Ausnahme war. Live sind viele Leute auf den Song abgefahren, aber da hatte er noch eine ganz andere rhythmische Form.
Wir haben dann ein Demo für jemanden produziert, der meinte, dass der Song ein Hit werden könnte. Das Demo hat ihn aber nicht überzeugt und wir haben die Sache selbst in die Hand genommen.

TS: Als die Single herauskam, gab es zwar ein paar Reviews, aber so richtig interessiert hat es niemanden. Ende 1983 fing der Song auf einmal in den Clubs, vor allem im Ruhrgebiet und wenig später auch Belgien, an zu laufen. Niemand weiß warum. Darauf gab es 1984 dann die erste 12'' Single.


BA: Mit der 10"" „A Rose Is A Rose"" zeichnete sich ein stilistischer Wechsel ab, wie kam es dazu und war das bewusst so geplant? Wie haben sich die ersten orientalischen Einflüsse eingeschlichen?

AAS: Für uns war es kein Wechsel, sondern eine stilistische Entwicklung, die sich auch aus der Reduktion zum Trio erklären lässt.
Zu diesem Zeitpunkt konnten wir uns nicht vorstellen, so elektronisch wie bei ""Suicide Commando"" weiterzuarbeiten.
Der erste ""orientalische"" Song war ""Drums Of Algir"" und bezog sich auf einen alten französischen Film. Es gab aber vorher schon eine Affinität zu arabischer und spanischer Melodik, die haben wir nur nicht umgesetzt.
Später haben wir das ausgebaut und auch visuelle Akzente in dieser Richtung gesetzt. Als No More wieder zum Quartett wurden, ist auch der minimalistische Ansatz verschwunden.


BA: Einerseits habt Ihr den Song „Suicide Commando"" irgendwann aus dem Programm gestrichen, weil er nicht mehr in das Bandkonzept passte, andererseits ist das Stück mehrfach wieder veröffentlicht worden.
Heute habt Ihr eine eigene Website nur für den Song kreiert... kann man sagen, dass der Song im Laufe der Zeit eine Art Eigenleben entwickelt hat und wie empfindet Ihr es, meist auf dieses Stück reduziert zu werden?

AAS: Nach dem Ende von No More 1986 haben wir irgendwann eingesehen, dass einfach unheimlich viele Leute diesen Songs toll fanden und er auch immer wieder Inspiration für andere Musiker war.
Ich kann zwar bis heute nicht begreifen, dass man dazu tanzen kann, aber ich kann ja auch nur Twist :))
Wir mussten uns keine Gedanken mehr darüber machen, ob oder wie wir das Ding spielen würden. Wir haben unsere Frieden damit gemacht.
Wenn man eine Platte, ein Bild, ein Kunstwerk fertig gestellt hat, schickt man es hinaus in die Welt und dann entwickelt es automatisch ein Eigenleben.
Es gehört einem nicht mehr und man muss akzeptieren, was das Publikum auf diese Projektionsfläche projiziert. Das ist nicht immer einfach, aber das geht jedem Künstler so. Das muss man lernen.
Früher haben wir uns verweigert und gesagt: nicht mit uns. Aber das ist auch ok. Das ist etwas, was das Publikum akzeptieren muss. Und jeder muss die entsprechenden, daraus resultierenden Konsequenzen tragen.
Wir wissen ja, dass No More bei weitem nicht nur aus ""Suicide Commando"" bestand.


BA: Die orientalischen Einflüsse wurden mit der Zeit immer größer bis zur LP „Hysteria"", hat sich dadurch Eure Hörerschaft auch geändert oder sind die Fans den Weg mitgegangen?
Habt Ihr Euch Mitte der 80er Jahre als Teil einer eigenständigen deutschen Wave-Szene empfunden und wie war der Kontakt zu anderen deutschen Bands?

TS: Wir waren bis Ende 82 / Anfang 83 Teil der Kieler Szene und danach eigentlich immer auf uns allein gestellt. Es gab sehr wenige Kontakte zu anderen Bands und ich glaube, dass es zu der Zeit den meisten anderen Bands dieses ""Genres"" ähnlich ging.
Das Publikum hat sich natürlich geändert, weil sich die Zeiten geändert haben. Die Post-Punk Szene teilte sich auf - in Genres und Sub-Genres.

AAS: Viele junge schwarzgekleidete Menschen bevölkerten auf einmal die Clubs. Das war schon ein ganz anderes Publikum als zu Anfang.


BA: Wie kam es zur Auflösung von No More Mitte der 80er Jahre?

AAS: Es gab einige Spannungen während der Aufnahmen zur ""Hysteria"" LP. Tina und ich wollten aus Kiel weg. Es war Sand im Getriebe, und wir kamen nicht richtig voran.
Das war es dann. Wir haben noch den Gig in Oberhausen gespielt. Tina und ich haben ""Hysteria"" im Studio in Aachen abgeschlossen und noch den Song ""7 Years"" als Abschluss des Kapitels geschrieben.


BA: War No More objektiv betrachtet eine erfolgreiche Band, wobei man zwischen
kommerziellem Erfolg und Erfolg im künstlerischen Sinne unterscheiden könnte?

TS: Kommerziell gesehen bislang sicherlich nicht. Alles andere sind private und subjektive Betrachtungen, die sich immer wieder ändern.


BA: Es soll ein kurzzeitiges Projekt namens Blood And Roses gegeben haben, was gibt es darüber zu erzählen?

AAS: Bei der Recherche zu der KEIN KIEL Ausstellung haben wir herausgefunden, dass das Projekt nicht, wie wir auch fälschlicherweise auf unserer Homepage behauptet haben
""Blood And Roses"", sondern ""Blood And Flowers"" hieß. Daran sieht man, dass wir dem anscheinend nicht so viel Bedeutung beigemessen haben.
Im Prinzip haben wir zu dritt mit Sequenzer, Synthesizer, Drum-Synthesizer und Echogerät kurze abstrakte Musikstücke gemacht. Die sind dann auf dem Lustobjekte Sampler-Tape erschienen.


BA: Danach habt Ihr The Nijinsky Style gegründet und ziemlich andere Musik gemacht...war das auch eine Art Befreiung aus dem Konzept von No More?

TS: Vor allem war es die Befreiung vom Bandgedanken. Das war der entscheidende Unterschied. Von außen mag die Musik anders wirken, dieses Cabaret-artige, Walzer, Tango etc. Aber darin steckten auch No More-Elemente.

AAS: Wir hätten uns vielleicht auch mit No More zu einer Art Dresden Dolls ohne Make-Up entwickeln können :). Allerdings wären wir dann ein Jahrzehnt zu früh gewesen.

BA: Wurdet Ihr als The Nijinsky Style damals in Verbindung mit No More gebracht und verglichen oder konnte sich die Band als eigenständiges Projekt entwickeln?

AAS: Die Verbindung bestand schon, aber Nijinsky Style hat sich trotzdem als eigenständiges Projekt entwickelt und wurde auch so wahrgenommen.

BA: Wurde das Projekt/die Band The Nijinsky Style „offiziell"" aufgelöst, oder kann man da auch noch einmal etwas Neues erwarten?

AAS: Nein, wir haben einfach aufgehört, als wir das Album ""Lost In Paradise"" fertig hatten, es aber niemand veröffentlichen wollte.
Danach haben wir auch einige Jahre erst einmal keine Musik mehr gemacht.
Das Album ist dann 2006 zusammen mit dem Live-Album ""Burlesque Show"" bei Fuego als Download-Album erschienen.

TS: Als Nijinsky Style werden wir wahrscheinlich nichts mehr machen. Aber es kann durchaus sein, dass Nijinsky Style Songs in einem anderen Zusammenhang wieder auftauchen.


BA: Welche musikalischen Aktivitäten gab es zwischen The Nijinsky Style und den „neuen"" No More? Gab es Veröffentlichungen?

AAS: Es gibt das ""Projekt"" oder besser das Kunstduo ""VENUS 45"". Dabei geht es nicht nur um Musik, sondern auch um bildende Kunst und Fotografie.
Zuerst haben wir eine Klanginstallation für ein Museum gemacht. Danach den ""Soundtrack"" zu dem Hörbuch ""Stille Tage In Clichy"" von Henry Miller. Das Hörbuch wurde von Dominik Graf gelesen und ist bei Roof Music erschienen.
Für die KEIN KIEL Ausstellung haben wir neben den Wandzeitungen auch zwei Klanginstallationen gemacht.
Wir haben zwischendurch auch eine merkwürdige Version von „Suicide Commando“ produziert, die dann später auf der Remake/Remodel von No More gelandet ist.


BA: Habt Ihr jemals mit Eurer Vergangenheit als No More nichts mehr zu tun haben wollen?

TS: Das war ganz sicher zwischendurch mal der Fall, aber ich kann mich nicht erinnern, zu welcher Zeit oder in welcher Situation das war. Kann also nicht so gravierend gewesen sein.


BA: Wann lebte die Idee, dass es mit No More nicht endgültig vorbei ist, wieder auf?
Gab es dafür auslösende Momente und inwieweit spielte der inzwischen erreichte Kultstatus von „Suicide Commando"" dabei eine Rolle?

AAS: Das war vollkommen ungeplant. Wir haben die Remake/Remodel zusammengestellt, die anfänglich nur aus Suicide Commando Versionen bestehen sollte.
Dann kamen wir auf die Idee Mash-Ups mit ein paar alten Songs zu machen und plötzlich waren wir mitten im Songschreiben.
Selbst zu diesem Zeitpunkt haben wir noch nicht an eine Neuauflage von No More gedacht.
Es eröffneten sich dadurch aber für uns auf einmal Möglichkeiten, No More musikalisch weiterzuführen. Weil wir No More nicht vom Ende aus weiterdachten, sondern vom Anfang. In dem Moment machte es plötzlich Sinn, an ein Weitermachen oder besser: einen Neuanfang zu denken. Was daraus wird und wie sich das gestaltet, werden wir sehen.


BA: Wie kam es zum Kontakt mit Frank von Vinyl-on-Demand und die Veröffentlichung der „Dreams""-LP? Musste Frank viele Überredungskünste anwenden oder hattet Ihr sofort Interesse, altes, auch unveröffentlichtes Material noch einmal unter die Leute zu bringen?

TS: Wenn ich mich recht erinnere, hat uns einfach angerufen. Er war so enthusiastisch und aufgeregt, dass fanden wir sympathisch.
Wir waren anfangs noch ein wenig skeptisch, weil es sich um Aufnahmen aus der Anfangszeit handeln sollte, die wir nicht mehr auf der Rechnung hatten. Aber wir haben einfach das in Frage kommende Material durchgehört und dann war schnell alles klar. Alles in allem war es eine der unkompliziertesten Produktionen überhaupt.


BA: War die Idee zur „Remake/Remodel"" Doppel-CD schon vor der „Dreams""-LP entstanden, oder resultierte sie daraus oder entwickelte sich beides gleichzeitig?

AAS: Die Grundidee von „Remake/Remodel“, anlässlich von 25 Jahren ""Suicide Commando"" eine Compilation zu machen, war unabhängig von der ""Dreams""-LP.
Aber die Beschäftigung mit den frühen Songs im Zuge von ""Dreams"", führte zu der Idee, diese rohen unbehauenen Aufnahmen um genau das zu ergänzen, was wir damals im Sinn hatten, aber aus verschiedenen Gründen nicht verwirklichen konnten.
Daraus entsteht eine ganz eigenartige Mischung, die Songs zeigen neue Aspekte, ohne dass die originale Atmosphäre, die vor allem durch den Klang geprägt ist, verschwindet.


BA: Welche Idee steckt dahinter, alte Songs zu überarbeiten oder gar mit neueren zu kombinieren?
Angst, dass die alten Songs alleine nicht mehr funktionieren? Unzufriedenheit mit den alten Versionen? Oder etwas ganz anderes?

AAS/TS: Siehe letzte Frage.


BA: Was darf man von den hoffentlich kommenden Aufnahmen erwarten? Inwieweit werden die noch mit New Wave etc. zu tun haben und glaubt Ihr, damit auch die alten Fans erreichen zu können?

AAS: Die (neuen) Songs von „Remake/Remodel“ sind unser Ausgangspunkt. Alles andere wird sich ergeben. Man kann weder die eigene Biografie über Bord werfen, noch die eigene Situation im Hier und Jetzt außer Acht lassen.
Ob wir die alten Fans damit erreichen können? Das ist nicht Gegenstand unserer Überlegungen. Und New Wave, diesen Begriff kann man heute nicht mehr sinnvoll verwenden.

BA: Was ist aus den übrigen No More-Bandmitgliedern geworden? Gibt es noch Kontakte und wie stehen sie dazu, dass Ihr die Band weiterleben lasst?

TS: Wir haben zu fast allen ""Ehemaligen"" mehr oder weniger Kontakt. Sie haben mittlerweile alle das aktive Musikmachen aufgegeben.

AAS: Ich habe keine Ahnung wie sie dazu stehen.


BA: Ihr habt mit großem Enthusiasmus an der Ausstellung „Kein Kiel"" über die Kieler Punk/Wave-Szene der späten 70er/frühen 80er gearbeitet.
Wie kam es zu diesem Projekt und lässt sich schon sagen, ob die Ausstellung in der Kieler Kunsthalle ein Erfolg war?

AAS: Ein Freund von uns, Christian Witte, wollte eine Compilation mit Kieler Bands aus dieser Zeit machen. Damit das Projekt nicht nur für die Schublade ist, haben wir angeregt, etwas drum herum zu veranstalten. Da kam die Idee mit der Ausstellung.
Das hat sich verselbständigt und so ist es eine Ausstellung mit Katalog und beigelegter Compilation geworden.
Wir wollten die Kieler Szene exemplarisch für die Post-Punk Bewegung in der deutschen Provinz zeigen. Eine Szene, die nicht nur aus Konsumenten, sondern vor allem auch aus Machern bestand - Prosument sagt man heute wohl dazu.
Ohne diese ganzen Provinzen hätte Punk bzw. Post-Punk nicht so einen großen, bis heute spürbaren, Einfluss auf Musik, Mode und visuelle Kommunikation gehabt.
Die Ausstellung war ein ziemlicher Erfolg, vor allem die Kunsthalle war überrascht von den hohen Besucherzahlen.
Es gab zwar auch einige Kritik, allerdings meist von Leuten, die ihre Jugend in der Nachschau gewaltiger in Erinnerung hatten.


BA: Da Ihr ja wahrscheinlich weder damals, noch heute ausschließlich von der No More-Musik gelebt habt, wie lebt und finanziert Ihr Euer Leben heute?

TS: Wir haben eine Agentur für Mediendesign - Zodiac Art & Media.


BA: Wenn Ihr heute auf die Zeit vor gut 25 Jahren zurückblickt, geschieht das eher nüchtern oder mit einer gewissen Nostalgie/Melancholie?

AAS: Weder noch. Man kann die eigene Jugend, die ja nun definitiv vorbei ist, nicht nüchtern betrachten. Es besteht aber auch kein Grund melancholisch auf die guten, alten Zeiten zurückzublicken.

TS: Zur Standortbestimmung ist so ein Blick zurück allerdings nicht verkehrt.


BA: Was darf man kurz- und langfristig von Euch erwarten?
TS: Wir machen keine Versprechungen.


BA: Habe ich vergessen, etwas zu fragen oder wollt Ihr noch etwas mitteilen???
AAS: No Secrets! It's all in the box!


Vielen Dank an Tina und Andy für die Beantwortung der vielen Fragen. Der eine oder andere Leser, der bisher tatsächlich nur “Suicide Commando” von No More kannte wird hoffentlich jetzt auch ein wenig Interesse an den anderen, mindestens genauso guten Sachen der Gruppe bekommen haben. Leider sind die Original-Platten nur schwer und für viel Geld aufzutreiben, aber mit der “Remake / Remodel”-Doppel-CD kann man sich zumindest einen ersten Überblick verschaffen und sich dann auf die Suche nach mehr Material machen. Rückblickend waren No More sicherlich eine der wichtigsten deutschen New Wave-Gruppen der 80er Jahre, die aber auch immer über den eng begrenzten musikalischen Horizont dieses Stils hinausgeblickt hat.
Für mich persönlich war No More sogar die beste deutsche Band dieses Genres und auch heute lege ich die Platten immer wieder gerne auf, sowohl, die schräg-minimalistischen Sachen der frühen Phase, als auch den Oriental-Wave am Ende.
Das Interview wurde im späten Frühjahr 2007 per Email geführt und es hat leider ewig gedauert, bis es nun endlich online ist. Sorry dafür an Tina und Andy! (A.P.)



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