LES PROVISOIRES - Loin De La Plage


Erstveröffentlichung: LP 1984 / L´Invitation Au Suicide / SD2

Dass das Label L´Invitation Au Suicide zu den sammelnswertesten französischen Labels überhaupt gehört, ist wohl keine Frage. Dort sind die ersten europäischen Christian Death-Platten erschienen, die wunderbare „Heresie“-Box von den Virgin Prunes und jede Menge andere sehr gute Platten wie die 12“ von Red Wedding oder Scheiben von Inertia, Ausweis, Circle X, No Trend, Party Boys, Persona Non Grata, Super Heroines, 3 Teens Kill 4 und so einiges mehr. Und eben diese Platte von LES PROVISOIRES.
In den 80er Jahren war Frankreich eine gute Quelle, was New Wave-Musik angeht und vor allem der sehr eigene Cold Wave Stil hat eine Menge Perlen hervorgebracht, die heute extrem gesucht und in Zeiten von Ebay entsprechend teuer sind.
LES PROVISOIRES haben mit ihrem wohl einzigen Album „Loin De La Plage“ (es gibt noch eine Single) ein kleines Meisterwerk im damals beliebten Post Punk-Genre veröffentlicht, die sehr intensiv und atmosphärisch geraten ist. Klar vom Punk beeinflusst, spielt die Band einen sehr eigenen Cold Wave, bei dem vor allem der Gesang hervorsticht. Der Sänger „kotzt“ förmlich seine Wut und Aggression heraus, was zwar nicht gerade preiswürdig ist, aber doch sehr eigen und authentisch. Wenn die frühen Virgin Prunes eine Punk band gewesen wären hätte es vielleicht so ähnlich geklungen. Wummernder Bass, trockenes Schlagzeug und extrem scharfe Gitarren unterstützen den immer im Vordergrund stehenden Gesang. „Last Tango“ ist hier ein exemplarisches Beispiel und ein richtiger Hit. In den ganz frühen 80er Jahren hätte die Platte auch beim englischen 4AD-Label erscheinen können, als dort noch Bands wie „Rema Rema“ ihre Genialität ausleben konnten.
Und dann ist da natürlich noch der Über-Song „The Sense Of Doubt“, der trotz aller Schrägheit ein absoluter Post Punk-Ohrwurm ist und in meinen ewigen Top 50 der besten Lieder aller Zeiten sicher in der oberen Hälfte zu finden ist. Alleine dieser Track macht die Platte kaufenswert und man sollte sie auch nicht stehen lassen, wenn dafür etwas mehr Geld verlangt wird. Es lohnt sich! (A.P.)

COMPILATION - UntergruNDW


Erstveröffentlichung: Doppel-CD 1996 / Polymedia / Polygram

Von Polygram hätte ich solch einen Sampler eigentlich nicht erwartet, denn hier werden nicht die Schlager-NDW-Bands wie Nena, Markus, Hubert Kah, Spider Murphy Gang und Konsorten präsentiert, sondern eher die schrägen Frühwerke, vor allem aus den Ställen von Zick Zack und Atatak, sowie Artverwandtes. Diese Zusammenstellung hat sich zum Ziel gemacht, den realen NDW-Untergrund der frühen Jahre zu präsentieren und kann von beinahe völlig unbekannten Bands wie GROSSE FREIHEIT, KONEC oder 4D über das Programm der genannten Labels, bestehend aus ANDREAS DORAU, HOLGER HILLER, SAAL2, PALAIS SCHAUMBURG, WIRTSCHAFTSWUNDER, DER PLAN und FREIWILLIGE SELBSTKONTROLLE bis hin zu bekannten Bands wie EXTRABREIT, TRIO, X MAL DEUTSCHLAND, NICHTS, JAWOLL bis hin zu EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN und NINA HAGEN einen breiten Querschnitt durch die damalige deutsche Musiklandschaft präsentieren. Dazu noch weitere mehr oder weniger bekannte Bands, denen allen gemein ist, daß sie sich damals vom Mainstream abhoben. Auch die „großen“ Bands wie TRIO und EXTRABREIT sind hier nicht mit den millionenfach gehörten Megahits vertreten. Naja, ob man NINA HAGEN und STRASSENJUNGS wirklich zur NDW zählen kann, nur weil sie Deutsch gesungen haben, lasse ich mal dahingestellt. Auf jeden Fall kann der interessierte Hörer hier mal bei Bands reinschnuppern, über die er sonst vielleicht nie gestolpert wäre. Vielleicht ist die Zusammenstellung etwas zu einseitig auf bestimmte Labels konzentriert, aber das war sicherlich auch bei demjenigen, der die CDs zusammengestellt hat Geschmackssache. Daß er guten Geschmack hat, hat er jedenfalls bewiesen. Im Booklet gibt es noch einen kurzen Text von Martin Büsser, der einige Hintergründe dieser Musikrichtung erklärt, für meinen Geschmack aber die NDW zu sehr in eine politische Ecke stellt, was zwar nicht ganz falsch ist, aber auch nicht so eng gesehen werden sollte, wie hier dargestellt. Da sollte sich aber jeder eine eigene Meinung bilden. In jedem Fall ist diese Zusammenstellung der ideale Einstieg, allerdings nicht der ultimative Überblick, zur „echten“ Neuen Deutschen Welle, aus der später das Missverständnis entstand, daß Bands wie UKW und Relax in der Hitparade mit Dieter Thomas Heck als NDW verkauft wurden. Letztendlich wurde die Aufbruchsstimmung von 1980/81 von der Industrie aufgekauft und in bare Münze umgewandelt. Die wirklich eigenständigen Bands blieben dabei auf der Strecke, leider. Oder vielleicht doch glücklicherweise? (A.P.)

COMPILATION - Verschwende deine Jugend


Erstveröffentlichung: Doppel-CD 2002 / Atatak-Universal / Universal

Nicht viele Bücher erfahren die Ehre, dass es zu ihnen einen Soundtrack gibt. Jürgen Teipels „Verschwende Deine Jugend“ jedoch verdient genau das, denn es ist definitiv das beste Buch über die frühe deutsche Punk- und New Wave-Szene, wobei man gleich dazu sagen muss, dass es kaum Bücher zu diesem Thema gibt.

Keine Frage, die beiden CDs bieten genau das, was das Buch verspricht, nämlich (fast) alle wichtigen Bands dieser Zeit mit vielen typischen und klassischen Songs, die gut zeigen, welche Aufbruchsstimmung damals zeitweise geherrscht haben muss, obwohl ich zugeben muss, dass ich das alles wahrscheinlich auch ein bisschen romantisiere, da ich selber zu jung war, um das mitzuerleben. Egal, auf jeden Fall ist so zwischen 1977 und 1983 (diesen Zeitraum umfasst diese Doppel-CD) jede Menge grandioser Musik entstanden, die das Lebensgefühl der damals jungen Generation widerspiegelte.

Wie auch im Buch dominieren hier Bands und Projekte aus Berlin, Hamburg und vor allem Düsseldorf, dazu kommen aber auch noch „ortsfremde“ Gruppen wie HANS-A-PLAST und DIE RADIERER. Düsseldorf ist mit Gruppen wie MITTAGSPAUSE, MALE, S.Y.P.H., FEHLFARBEN, DAF, PYROLATOR, KRUPPS, KFC/TOMMI STUMPF, DER PLAN und DIE TOTEN HOSEN vertreten, aus Berlin kamen NEONBABIES, MALARIA, MANIA D, FRIEDER BUTZMANN und die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN, während Hamburg mit ANDREAS DORAU, ABWÄRTS und PALAIS SCHAUMBURG vertreten ist. Weiterhin dabei ÖSTRO 430, THE WIRTSCHAFTSWUNDER, EDE UND DIE ZIMMERMÄNNER, FREIWILLIGE SELBSTKONTROLLE, DIE TÖDLICHE DORIS, XAO SEFFCHEQUE und LIAISONS DANGEREUSES, um alle zu nennen. Alleine an der Bandzusammenstellung kann man schon erkennen, dass es sich bei „Verschwende Deine Jugend“ eben nicht um einen x-beliebigen Kommerz-NDW-Sampler handelt. Selbst von einem Star wie ANDREAS DORAU ist nicht nur sein großer Hit „Fred vom Jupiter“ dabei, sondern auch zwei weitaus unbekanntere Songs. Je nach subjektiver Wichtigkeit der Gruppen, gibt es teilweise auch mehrere Lieder einer Band zu hören.

Die erste CD ist die etwas punkigere, während die zweite deutlich mehr nach NDW klingt, aber so genau sollte man das gar nicht trennen, denn hier geht alles ineinander über und das ist gut so.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mir auch nach so vielen Jahren noch ein Schauer über den Rücken läuft, wenn Peter Hein bei FEHLFARBEN „Und wenn die Wirklichkeit dich überholt, hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol“ oder „Ich fürchte nicht um mein Leben, ich hab´ nur Angst vor dem Schmerz“ singt. Wenn ich diese Doppel-CD höre, vor allem die erste Scheibe, steigt in mir eine Mischung aus Trotz, Nostalgie und Aufbruchsstimmung hoch, was beweist, dass viele dieser Songs auch heute nichts an Aktualität und Intensität eingebüsst haben. Klar haben die Zeiten sich geändert, aber dazu haben die damaligen Bands mit Sicherheit beigetragen. Lest dazu auch das „FAMILY 5“ Interview und die vielen Plattenkritiken in unserer NDW-Rubrik! (A.P.)

COMPILATION - Wunder gibt es immer wieder


Erstveröffentlichung: LP 1983 / Zick Zack / Eigelstein

Nach dem unvergleichbaren „Lieber Zuviel Als Zuwenig“-Sampler von Zick Zack hat Alfred Hilsberg 1983 eine weitere, weniger bekannte Zusammenstellung gebastelt, die das damals aktuelle Programm auf seinem Label präsentierte. Wie immer gibt es hier bekannte und unbekannte Bands, Projekte und Kollaborationen, die wohl hauptsächlich darin eine Verbindung haben, dass sie deutsche Texte benutzen und deshalb in die Kategorie NDW einsortiert werden können. Obwohl insgesamt eine Wiederbesinnung auf weniger experimentelle Sounds stattgefunden hat (zumindest wenn man die Anfangsphase von Zick Zack als Vergleich nimmt), haben die Songs jedoch nichts mit der damals schon explodierenden Kommerz-NDW-Kacke zu tun. Bekannt, aber hier wenig überzeugend, eröffnen KOSMONAUTENTRAUM die LP. Von denen gibt es aber definitiv besseres Material. Es folgen TOM HOLERT/STEFAN KÖNIG, die aber auch nie bekannter geworden sind. Ob die auf dem Beiblatt des Samplers angekündigte LP je erschienen ist? Weitaus besser gefallen mir TI-THO mit einem Song, der durchaus auch Hitcharakter hat. SAAL 4 sind auch mal wieder mit einem Song vertreten, der ein wenig an Andreas Dorau erinnert. Die ewig angekündigte LP unter dem Namen SAAL 5 ist aber auch nie erschienen, obwohl es derzeit mal wieder Gerüchte gibt, dass da noch was kommen soll...jetzt 20 Jahre später – das nenne ich mal konsequent unkommerziell. KREUTZER überzeugen mit ihrem Song wie schon mit ihrer Maxi zuvor, die aber dennoch nie ein wirklich gesuchtes NDW-Sammlerstück geworden ist. Komisch... Dann VIER KAISERLEIN, sozusagen eine kleine Sensation,. Denn in der Band war Tobias Gruben, bevor er mit Cyan Revue und Die Erde deutsche Musikgeschichte schrieb. Außerdem dabei der Regisseur und Enfant Terrible der deutschen Kunstszene Christof Schlingensief.

Die zweite Seite der LP wird von DIE ICH´s eröffnet, die schon ziemlich nach dem gerade erst aufkeimenden Gothic-Sound klingen, der heute auf den CD-Samplern der „Ghostriders Of German Gothic“ erfreulicherweise recycelt wird. Ziemlich gutes Lied, wenn man auf die Art von Musik steht. Danach BLUMEN OHNE DUFT, die ebenfalls etwas Gothic-artiges haben und vielleicht auch Fans von Stricher oder den frühen Der Fluch gefallen dürften. Altmeister Andy Giorbino liefert einen Ohrwurm feinster Art ab. Tempelfreuden stellen uns einen 15-jährigen Johann Popp vor, der über die Jahre in vielen Hamburger Bands auftauchte unter anderem bei Die Erde. Allerdings gibt es von dieser Gruppe eher nervigen Früh-NDW-Sound zu hören, der zumindest mich wenig überzeugen kann. Ich mag diese Art von hektischem Saxophon-Gedudel einfach nicht. KNUSPERKEKS kann für sich schon mal verbuchen, die coolste Pudel-Dauerwelle auf dieser Platte zu haben. Ich weiß, dass ich hier Vorurteilen Vorschub leiste, aber wenn man sich das Foto der sehr jungen Dame ansieht, so kommt man nicht umhin, dass sie das typische Opfer aller möglichen Verarschungen auf dem Schulhof war. Ihr Lied ist minimalster Sound mit Metronom-Takt und Akkordeon, sowie glockenheller, unverständlicher Stimme. Ich würde gerne mal mehr von KNUSPERKEKS hören. Dieses Lied ist zumindest der Beweis, dass damals wirklich jeder was auf Platte veröffentlichen konnte. So schräg, dass es fast schon wieder kultig ist! Gewohntere Klänge bieten Limburg´s RADIERER. Dann kommen die Zick Zack Urgesteine FREIWILLIGE SELBSTKONTROLLE, mit denen ich persönlich nie viel anfangen konnte und die auch hier das Eis nicht ganz brechen können. Wer Glück hat und die limitierte Auflage von „Wunder Gibt Es Immer Wieder“ ergattern konnte, findet noch eine einseitig bespielte Single der ZIMMERMÄNNER im Cover und darf sich über einen weiteren netten Song im Schlagerstil freuen.

Insgesamt ist diese Platte durchaus durchwachsen, mit einigen wirklich guten Sachen, aber auch einigen Flops. Eine klare Linie ist nicht zu erkennen, da die musikalischen Stile und Qualitäten doch zu vielseitig sind, was Alfred Hilsberg aber sicher auch gewollt hat. Da diese Platte eigentlich nur selten auftaucht und ein paar Sachen eben doch klasse sind, dürften die Preise im Zick Zack-üblichen hohen Rahmen sein. (A.P.)

COMPILATION - Zu Gast bei No Fun


Erstveröffentlichung: LP 1982 / No Fun Records

Der Gast bei diesem zweiten No Fun-Sampler ist das Ton Steine Scherben-Label David Volksmund Produktion, das einige seiner damaligen Bands zu dieser Schallplatte beisteuert. Leider gibt es praktisch keine Titel auf diesem Sampler, die nicht auch auf den regulären Veröffentlichungen der Gruppen zu finden sind, einzige Ausnahme sind POP-ART, zu denen es keine weiteren Angaben gibt. Egal, denn man kann sich immerhin ein Bild vom Repertoire beider Labels machen, wobei die No Fun Bands klar vorne liegen. Zwischen den Songs gibt es immer eine Moderation, so dass ein bisschen der wohl auch gewollte Effekt einer Radiosendung entsteht. Anfangen tut die Platte mit den Bremern A5, deren Singles heute sehr gesucht sind, die es aber immerhin als coole CD-Wiederveröffentlichung bei guten Mailordern gibt. Ziemlich gutes Teil, das man sich unbedingt besorgen sollte. TON STEINE SCHERBEN steuern einen eher unauffälligen Song bei, ihre beste Zeit hatten sie eben schon hinter sich. Auch einen ihrer schwächeren Songs aus dem ansonsten sehr guten Album bieten die IHMESPATZEN. CARAMBOLAGE sind eine Frauenband gewesen, der ich komischerweise nie viel abgewinnen konnte, obwohl sie eigentlich ganz ordentlichen Wave-Sound gespielt haben, hier allerdings in eher unterirdischer Soundqualität. Wenn mir die Platten der Gruppe mal in die Finger kommen, werde ich mich eingängiger mit ihnen beschäftigen, da ich sie eigentlich nur von diversen Sampler-Beiträgen kenne. INDEX SIGN hatten auf No Fun einen speziellen Status, weil sie englische Texte haben, diese aber in guten New Wave-Stil präsentierten. Beide Platten der Gruppe sind empfehlenswert, vor allem aber das Zweitwerk „Second Exposure“. Zu HANS-A-PLAST muss man wohl kaum noch was sagen, oder? Sicherlich eine der wichtigsten Hannoveraner Punk/NDW-Bands, die auch das No Fun Label geführt haben und zu recht sehr bekannt und erfolgreich waren. Damit endet auch schon die erste LP-Seite und auf Seite 2 geht es gleich mit DER MODERNE MAN weiter, mit denen ich zu dieser Zeit schon nicht mehr viel anfangen konnte. Ich bevorzuge die Frühwerke. Richtig guten NDW-Sound spielen POP-ART, über die ich leider gar nichts weiß, die aber vor allem Fans von Gruppen wie Fee gefallen dürften. Möglicherweise war das ein Gemeinschaftsprojekt von Musikern mehrerer Bands? MYTHEN IN TÜTEN konnten mich mit ihrem ersten Album nicht wirklich überzeugen. Hier gibt es einen Song aus dem zweiten Album zu hören, der nicht wirklich etwas Neues bietet. STRICHER vom David Volksmund-Label gehören zu den frühen deutschen Wave/Gothic-Bands, die heute sehr gesucht sind. Ich muss immer etwas an frühe Sachen von Der Fluch denken. Zum Schluss dann noch die viel geliebten BÄRCHEN UND DIE MILCHBUBIS mit einer 39 Clocks-Coverversion. Ich muss gestehen, ich finde diesem Sampler durchwachsen, einige wirklich gute Sachen wechseln sich mit eher belanglosen Stücken ab, aber das ist ja wie immer Geschmackssache. Mir fehlen ein wenig Stücke, die einfach nach vorne losgehen, stattdessen ist es hier häufig ziemlich kopflastig. Dennoch macht sich „Zu Gast Bei No Fun“ in jeder NDW-Sammlung gut, also mitnehmen, wenn man die Platte irgendwo sieht. (A.P.)

COMPILATION - Zwei Hemden & zwei Hosen Vol. 1


Erstveröffentlichung: 7 Inch EP 2003 / Kernkrach

Durch Zufall bin ich auf der Website des „Institut zur freundlichen Nutzung von Kernkrach“, kurz „Infrenuk“) gestoßen und habe ein ziemlich frisches Minimal-Label entdeckt, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, nach Kleinoden minimalistischer Electro- und Wave-Musik der 80er Jahre zu suchen und diese in liebevoll gestalteten Kleinstauflagen auf die Menschheit los zu lassen. Die erste Veröffentlichung war eine 7“ von Sütterlin, deren 100 Exemplare blitzschnell weg waren. Die zweite Single „Zwei Hemden Und Zwei Hosen Vol. 1“ hat schon die doppelte Auflage und präsentiert vier Titel von vier Bands/Projekten, die allesamt kaum jemanden bekannt sein dürften, abgesehen von Heimcomputer 80, die ja auch eine schöne CD draußen haben.

Die farbige Vinyl-Single ist handverpackt in ein (gesäubertes) Milch-Tetrapak, dass an den Seiten zusammengenäht ist. So wird jedes Cover zu einem Unikat. Ich frage mich nur, wer die 200 Liter Milch getrunken hat und ob es einen Unterschied in der Wertschätzung des Käufers macht, ob man eine „Haltbare Vollmich“-Verpackung oder eine „Haltbare Fettarme Milch“-Verpackung bekommt. Vielleicht erhalten ganz besondere Kunden sogar eine „Frische Vollmich“-Verpackung? Wer weiß...

Auf der ersten Seite fängt es mit C.R.R.M. an, die Goethe´s „Erlkönig“ in minimalistischen Wavesound interpretieren. Nicht nur wegen der weiblichen Stimme, immerhin eine Seltenheit im Minimal-Bereich, möchte ich da gerne mal mehr von diesem Projekt aus dem Jahre 1981 hören. Es folgt HEIMCOMPUTER 80 mit einem Stück von 1986, das stilistisch stark an Christof Glowalla oder Stahlnetz und ein bisschen an Stratis erinnert und definitiv Hitcharakter hat.

Von MARKUS (wohl nicht DER Markus) gibt es ein Stück mit dem Titel „Schöne Neue Welt“, das noch stärker nach den eben genannten Musikern klingt und somit jedem Minimal-Liebhaber gefallen dürfte. Schließlich gibt es von ENDPHASE etwas experimentellere Klänge, die sich lückenlos in das Gesamtbild einfügen.

Natürlich darf man nicht erwarten, dass diese, teilweise über 20 Jahre alten Tapeaufnahmen soundtechnisch perfekt klingen, dafür aber authentisch und nach echtem Underground aus einer Zeit, als es plötzlich jedem Menschen möglich war, selber Musik zu machen und viele Leute diese Chance genutzt haben, wenn auch nur für kurze Zeit und ohne größeren Erfolg. Mich würde interessieren, was aus den damaligen Musikern geworden ist und wie sie selber ihre alten Werke heute sehen. Offensichtlich stehen sie aber noch dazu, sonst wären die Sachen wohl kaum heute auf Vinyl erschienen. Von allen möchte man mehr hören, denn trotz ihres Alters klingen diese Sachen weitaus erfrischender, als viele heutige Veröffentlichungen, weil sie offensichtlich einfach aus Spaß entstanden sind und sich keiner Gedanken über kommerzielle Verwertbarkeit gemacht hat. Wenn das Label weiterhin solch schöne Veröffentlichungen bringt, darf man mit Sicherheit noch einige wunderschöne Sachen erwarten und neben Genetic Music ein zweites Minimal Label sammeln. Schnell zuschlagen und glücklich werden! (A.P.)

Webadresse der Band: www.kernkrach.de

COMPILATION - Zwei Hemden & zwei Hosen Vol. 2


Erstveröffentlichung: 7 Inch EP 2003 / Kernkrach

Der nächste Rundumschlag zum Thema „Aufarbeitung obskurer deutscher Musikvergangenheit“. Wieder bringen die Infrenuk-Leute einen 7“-Sampler heraus, der es wirklich in sich hat.

Zunächst einmal ein Riesenlob für das meiner Meinung nach bisher schönste Cover des Labels. Die blauvinylige-4-Track-Single steckt in einer Tasche, die aus Röntgenbildern zusammen getackert ist. Das sieht echt toll aus. Dazu gibt es ein Beiblatt mit einigen Infos zu den einzelnen Projekten.

Musikalisch stehen die Hamburger NEWS ON FRIDAY am Anfang (www.nlw.backagain.de), bei denen die Macher dieser Website ihre Finger im Spiel hatten, so dass eine objektive Bewertung nicht möglich ist. Auf jeden Fall ist der Song „Titania“ ein lupenreiner New Wave-Track aus dem Jahre 1986 und wer mehr über die Band wissen will, sollte die Website besuchen, auf der es auch eine CD-R der Band zu bestellen gibt.

Es folgt der seit Jahrzehnten extrem umtriebige INOX KAPELL mit einem minimalistischem Track von 1985. Schön schräg und irgendwie an Titel wie „No Tears“ von Tuxedo Moon oder „Nag Nag Nag“ von Cabaret Voltaire erinnernd. Ob die übersteuerten Synthie-Klänge damals gewollt waren, weiß ich natürlich nicht, rückblickend sind sie jedoch ein sehr schönes Stilmittel.

Zeitlich noch früher, nämlich 1984, entstand der Track „Brötchen“ von dem Projekt ZENO SYNTHESIZER, von dem ich noch nie gehört hatte. Viel mehr Infos, als dass der Herr aus Bremen kam und auf einem Bremen-LP-Sampler vertreten war gibt es wohl nicht, was sehr schade ist, denn der Track ist ziemlich abgefahren, sarkastisch und bester Minimal-Sound. Oh, selige Tape-Szene-Zeiten!

Schier unglaublich ist der Bandname DEUTSCHE ANARCHISTEN TAUMELN BENOMMEN EINEN SCHRITT ZUR SEITE, deren 1983er Track „Friedensritter“ die Platte schon wieder abschließt. Minimalistischer geht es bald nicht mehr, dazu ist das Stück aber mit einer gehörigen Prise Punk-Spirit („alles geht“) versehen. Das ist echter Undergroundsound, der selbst auf Zick Zack damals heraus gestochen wäre, genial!

So ist mal wieder eine wunderbare, wie immer auf 200 Exemplare limitierte, Single entstanden, die man umgehend bestellen sollte, da sie definitiv schnell vergriffen sein wird oder wahrscheinlich schon ist. (A.P.)

COMPILATION - Zwei Hemden & zwei Hosen Vol. 3


Erstveröffentlichung: 7 Inch EP 2003 / Kernkrach

Nach zwei tollen Minimal-/NDW-Singles, liegt nun das dritte Werk der „2 Hemden & 2 Hosen“-Serie vor. Und wieder haben Heinz und Jörg vom Kernkrach-Label in tiefsten Tapekisten gegraben, um vier echte Perlen hervor zu zaubern. Klar, auch diese Platte ist wieder grandios verpackt, nämlich zwischen zwei zurecht geschnittenen LPs (wer die Single von Die 2 ?? besitzt, weiß, was aus den Covern geworden ist). Musikalisch gibt es dann natürlich auch nichts auszusetzen.

KRATZER präsentiert ein Lied über „Motorroller“, das so richtig Früh-80er–typisch mit schrammeliger Gitarre, fiepsigen Synthies, deutschem Text und Tapeszene-Charme Lust auf mehr macht. In besserer Soundquualität hätte das eigentlich ein Hit werden können, besser war Markus auch nicht und der hat ja zumindest zwei LPs lang recht gut verkauft und auch heute kennt ihn noch jeder. Aber KRATZER wollte damals keine Plattenfirma haben. Deutlich waviger und eher dem viel geliebten Minimal-Electro-Sound kommen QUIET LIFE mit ihrem Track „Schlafen“ entgegen. Schlichter geht es wohl kaum noch und gerade dadurch wird dieser Titel zu meinem Favoriten auf der Single.

Die zweite Seite wird von JOGITSCHOX & MUMX mit „Du Machst Mich An“ eröffnet. Der Atari-Telespiel-Sound ist minimalistisch, die Aufnahmequalität ist eher schwach und der Gesang ist schlecht zu verstehen. Schade, denn der Titel hat ebenfalls was Besonderes und wäre im besseren Sound sicher ein Hit. Abgeschlossen wird die Single dann von CASINO MARITEAM und ihrem Stück „Sage Nichts“, ein leicht schräger NDW-Titel mit deutlichem New Wave-Einschlag. Da würde ich gerne mal mehr hören, wenn die anderen Titel des Tapes der Gruppe von 1983 ebenso gut sind, müsste das eigentlich mal wieder veröffentlicht werden.

Dann ist die Single auch schon wieder zu Ende, viel zu kurz wie immer. Man hofft also auf weitere Folgen dieser Sampler-Reihe, denn gute Musik zu entdecken gibt es noch viel. Bei einer Auflage von nur 215 Exemplaren (in farbigem Vinyl) dürfte dieses Werk mit Sicherheit schon wieder vergriffen sein. Also: Augen auf und zugegriffen, wenn die Platte mal irgendwo auftaucht. (A.P.)

COMPILATION - Zwei Hemden & zwei Hosen Vol. 4


Erstveröffentlichung: 7 Inch EP 2004 / Kernkrach

Im ausgesprochen produktiven Jahr 2004 erschien endlich auch der vierte Teil der Kernkrach-Sampler-Reihe „2 Hemden & 2 Hosen“, natürlich wieder limitiert auf gut 300 Exemplare und diesmal verpackt zwischen zwei Pressspanplatten, die durch Kinderhand und –Fuß verschönert wurden. Wie immer gibt es viermal obskure minimal-elektronische Klänge aus dem tiefsten Cassettenuntergrund der 80er Jahre. Los geht es mit ELO BAUEN + WEIDEL SCHLAPPEN. Hier ist nicht nur der Name mehr als obskur, sondern auch das Stück „Tanz Den Steinke“, das sich als sehr eigene Coverversion von „Der Mussolini“ herausstellt. Dann NOSTALGIE ÉTERNELLE, alias Inox Kapell und Dieter Mauson (hat auch mit Siegmar Fricke zusammen gearbeitet), die in der Tapeszene seit Mitte der 80er Jahre bis in die 90er hinein einen guten Namen hatten. Ihr Stück „Bunter Ball“ ist sehr minimal und irgendwo zwischen New Wave und NDW angesiedelt. DR. JEKYLL´s „Supermonster“ ist der Hit der Single, leicht minimalistisch-monoton und wunderbar wavig. Zu ANTI TRUST aus Hamburg mag ich nicht viel schreiben, zu sehr bin ich in das auch heute noch existierende Projekt verstrickt. Der Track „Bis Mittags Um 12“ stammt aus einem 1986er Tape und liegt hier in einer leicht gekürzten Version vor. Sehr gewöhnungsbedürftiger Sound, ebenfalls minimalistisch und wavig mit ziemlich surrealem Endzeittext.

Mit Sicherheit ist dieser Teil der Compilation-Reihe der am schwersten zu konsumierende. Man sollte die Single einige Male hören, um den Ohrwurmcharakter der einzelnen Stücke nicht zu verpassen. Etwas verwundert hat mich, dass auf dem eingeklebten Beiblatt einige ungewöhnliche Tippfehler zu finden sind, bis hin zu falschen Katalognummer „Krach 11“ (richtig wäre „Krach 10“). Das ist man von Heinz und Jörg eigentlich gar nicht gewöhnt und deutet darauf hin, dass die Single etwas unter Zeitdruck produziert wurde. Aber egal, für Minimal-Electro-Sammler ist natürlich auch diese Veröffentlichung ein Pflichtkauf. (A.P.)

PETER SCHILLING - Major Tom


Erstveröffentlichung: CD 1996 / Wea

Best Of-Zusammenstellungen gibt es einige von PETER SCHILLING, der zu Zeiten der kommerziell ausgeschlachteten NDW zu den erfolgreichsten Musikern gehörte. Abgehoben von anderen Flachpfeifen hat ihn damals schon, dass er selbst Musiker war und auch kompositorisch was drauf hatte. Bewiesen hat er es mit dem Megahit „Major Tom“ und anderen erfolgreichen Singles wie „Die Wüste Lebt“ oder „Terra Titanic“. Gute Melodien, gute Produktion und solide Texte verhalfen dem Mann aber auch nicht dazu, nach dem Abflauen der NDW weiter im Rampenlicht zu bleiben. In den folgenden Jahren verlegte er sich darauf, eher schlagerartige Songs aufzunehmen und wenn mich nicht alles täuscht, hat er auch für andere Künstler geschrieben und produziert.

Die hier vorliegende Compilation verdient den Namen eigentlich nicht, denn bis auf „Major Tom“, „Die Wüste Lebt“ und „Fehler Im System“ sind keine wirklich bekannten Songs auf dem Album. Wo ist „Terra Titanic“? Wo ist „Region 804“? Stattdessen gibt es jede Menge beinahe völlig unbekannte Songs, die fast schon schmalzige Texte haben und musikalisch völlig glatt gebügelt sind. Was geblieben ist, sind die perfekte Produktion und die guten Melodien. So wird das Album zu nicht viel mehr als netter Berieselungsmusik beim Bügeln oder im Büro, unter einer „Best Of“ von PETER SCHILLING stelle ich mir doch was anderes vor. Sicher, auf die ganze Karriere bezogen ist die CD vielleicht repräsentativ, das muss aber nicht heißen, dass ich sie wirklich gut finde. Als Einstieg für Leute, die SCHILLING noch nicht kannten, sicher nicht perfekt, zumal der CD-Titel etwas anderes verspricht, als er hält. (A.P.)

PETER SCHILLING - The Different Story (World Of Lust And Crime)


Erstveröffentlichung: CD 1989 / Wea

Dass PETER SCHILLING ja sowieso einige Schwierigkeiten hatte, an seine früheren Erfolge anzuknüpfen, nach ""Major Tom"", ""Die Wüste lebt"" und eventuell noch ""Terra Titanic"" hatte der gute Mann ja nur Sachen gemacht, die außer Insidern niemand zu hören bekam. 1989 hat er dann dieses Album rausgebracht, welches auch beim besten Willen nicht überzeugen. Man muß ""Major Tom"" in der englischen Version hören, ebenso ""Die Wüste lebt und ""Terra Titanic"" und huch, da fällt einem ja auf, daß das alle seine Hits sind, die er zwecks Kohle nochmal aufwärmen mußte. Es ist glaube ich unnötig zu sagen, daß die Versionen viele Jahre nach der deutschen Veröffentlichung nicht besser geworden sind und mit Sicherheit auch nicht zeitgemäßer. Hätte der Mann doch wenigstens Fantasie spielen lassen, aber nein, nur ein alter Abklatsch. Um das Maß vollzumachen, kam dann ja 1994 auch noch die Techno-Version von ""Major Tom"" raus, dazu muß man dann wohl auch nichts mehr sagen. Zu den anderen Stücken der CD braucht man leider auch nicht viel sagen, den guten alten SCHILLING hört man stimmlich kaum noch raus, beim Titelsong hört man ganz klar ganz schlimme MICHAEL CRETU-Eingriffe raus und die anderen sind auch nicht im geringsten hitverdächtig. Im Ganzen also eine CD, die man besser in den Schrank stellt. (H.H.)



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