ALWA GLEBE - Irrlichter


Erstveröffentlichung: CD 2004 / Essell Schallplatten / Essell Schallplatten / 60-04-002

Die zweite CD von ALWA GLEBE nach dem „Debüt“ betitelten Erstlingswerk von 1999 präsentiert sich als sehr eigene Mischung aus modernen Rhythmen und chansonartigem Gesang. Die Stücke sind eingängig, aber nicht oberflächlich und erinnern so teilweise fast an Bernhard Lloyds (Alphaville) Projekt Atlantic Popes, das vor einiger Zeit eine fantastische Adult-Pop CD vorgelegt hat. Nur, dass von ALWA GLEBE natürlich weiblicher Gesang zu hören ist und alles irgendwie melancholischer erscheint, nicht jedoch düster. Da scheut man sich auch nicht, einen Text von Friedrich Nietzsche zu vertonen. Irgendwie kommt mir beim Hören in den Sinn, dass die leider viel zu früh verstorbene Nico heute so klänge, machte sie noch Musik. Sehr entspannt, gesanglich eigen, aber hervorragend und fesselnd. „Spannend“ ist wohl das richtige Wort für die Musik auf dieser CD, hier und da fast schon chillig und durchgehend gut produziert. Hier und da kommen tatsächlich auch Erinnerungen an die großartige Gitane DeMone auf.
Musik für die ruhigen Momente, einfach nur schön und wahrscheinlich zu eigen, um kommerziellen Erfolg zu haben, obwohl das hier wirklich mal verdient wäre. (A.P.)

Webadresse der Band: www.alwaglebe.de

- Die Uneingeschränkte Freiheit Der Privaten Initiative


Erstveröffentlichung: CD 2004 / L´Age D´Or

Unglaublich, sollte es dank des riesigen Erfolges von Wir Sind Helden doch eine Art NDW-Revival geben? Nicht nur, dass Bands wie Fehlfarben und Deutsch Amerikanische Freundschaft neue Alben und Touren hinter sich gebracht haben, sondern auch Bands wie Spillsbury sind plötzlich in aller Munde und mindestens zwei Wir Sind Helden-Klone (Namen fallen mir gerade nicht ein) machen derzeit die Musik-TV-Sender unsicher. Und dann gibt es da noch Gruppen, die sich langsam aus dem Untergrund hocharbeiten wie Die Türen, Mediengruppe Telekommander und jetzt eben VON SPAR. Die Gruppe hat schon mit Fehlfarben getourt, was ganz gut passt, obwohl sie nicht wie die wohl beste deutsche Band aller Zeiten klingt. Stattdessen ist die Verbindung zu den Türen und der Mediengruppe offen hörbar. Alle diese Bands ziehen sich auf ihre ganz eigene Art jeweils das aus dem Früh-80er Sound, was sie brauchen, vermischen das mit modernen Sounds und allem, was sonst so Spaß macht, um dann ihre ganz eigene Mischung zu präsentieren.

Bei VON SPAR fallen besonders die häufig verwendeten „typischen“ NDW-Gitarren auf, dazu eine häufig hysterisch klingende Stimme, die manches Mal an Novotny TV (die Band mit dem unglaublichen Song „Butterfahrt im Gazastreifen“) erinnert, und teilweise sehr schöne elektronische Spielereien. Das ganze ist häufig treibend und energisch, oft auch tanzbar, doch, obwohl so viele NDW-Elemente benutzt werden, ist die Band ganz klar aus einer jüngeren Generation entsprungen, die die damalige Zeit kaum bewusst mitbekommen haben dürfte und mit ganz anderen musikalischen Einflüssen aufgewachsen ist. Die leicht subversive Komponente, die die frühe NDW ausgemacht hat, fehlt hier, was aber nicht schlimm ist, denn VON SPAR wollen ja garantiert nicht zu hundert Prozent den Sound von 1982 reproduzieren. Stattdessen gibt es zehn durchweg solide Tracks mit guten Texten und einigen Ohrwurmmelodien. Für die Charts ist das vielleicht sogar heute eine Spur zu schräg, aber wer mal eine Mischung aus Saalschutz, Die Türen, Mediengruppe Telekommander und eben auch Spillsbury und Wir Sind Helden hören will, darf hier gerne zugreifen, auch, wenn das Cover der Promopapphülle absolut kein Artwork vorzuweisen hat. Solche schlichten Cover kann das Factory Label machen, da passt es dann immer zur Musik, aber hier ist es einfach nur schlecht.

VON SPAR sind sicher keine Wegbereiter für eine „neue Welle“, aber können mit ihrem Album doch viel Freude machen. Live sind sie garantiert noch besser, denn dafür ist die Musik wie gemacht. (A.P.)

V2 SCHNEIDER - Document


Erstveröffentlichung: LP 2005 / Was Soll Das? Schallplatten

V2 SCHNEIDER hat sich ja fast zu einer Art Hausband von Was Soll Das? Schallplatten (ab sofort unter dem Kürzel „WSDP“ firmierend) entwickelt, immerhin ist dies bereits die dritte Veröffentlichung auf dem Klein-Label aus dem Saarland. Aber klar, dass das Label bei einem so vielseitigen Projekt zugreift, von dem es aus den frühen bis mittleren 80er Jahren jede Mnge gutes, bisher nur im kleinen Rahmen veröffentlichtes Material gibt. Statt einer Minimalst-Auflage von nur je 150 Exemplaren bei der ersten Single und der ersten LP, gibt es diesmal runde 300 Exemplare, so dass ein paar Menschen mehr diese gute Platte erwerben können. Das Cover sieht toll aus, aber die Musik schlägt es noch einmal um Längen.

Nun werden so manche Minimal-Electro-Freaks am Anfang der Platte ein paar Probleme haben, denn es geht los mit der „After Aids Symphony“ und danach weiter mit „Dub Attack“, die beide alles andere als minimalistisch sind, eher schon strukturierte Krachorgien, wobei vor allem „Dub Attack“ ein wenig an das erinnert, was Foetus in den 80ern ebenfalls gemacht hat. Aber schon „Wilde Gier“ von der ausverkauften 7“ dürfte alle Befürchtungen beiseite schieben. Auch der zweite Single-Track „Masko“ ist hier noch einmal vertreten. Dazu gibt es eine gute Mischung aus New Wave, Minimal-Electro (-Pop), Dub-Experimenten und einigen experimentellen Momenten, die sehr spannend ist. Da verzeihe ich als Hörer auch einen Ausfall wie „Blue Cafe“. So hat man sich vielleicht in den 60er Jahren „Zukunftsmusik“ in der TV-Serie „Raumpatrouille Orion“ vorgestellt, ich empfinde das aber höchstens als Muzak. Der Track bleibt aber zum Glück die Ausnahme, während die anderen Stücke durchgehend recht überzeugend und gut sind. Die Mischung stimmt, allerdings sollte man sich selbst nicht zu sehr auf einen ganz bestimmten Musikstil festlegen, denn dann könnte man eine Überraschung erleben. (A.P.)

Webadresse der Band: www.wsdp.de

WELTSCHMERTZ - Weltschmertz


Erstveröffentlichung: LP 1982

Eine weithin unbekannte und deshalb unterbewertete Band waren WELTSCHMERTZ, die auf Achim Reichel´s Label Ahorn 1982 eine selbstbetitelte LP veröffentlichten, die es wieder zu entdecken gilt. Musikalisch ist das ganze schon eingängig und auch textlich geht es manchmal in die ""Spass""-Ecke, wobei Science Fiction-Themen wohl zu den Vorlieben der Band gehörten, was man an Titeln wie ""Astronaut"", ""Komm In Meine Zeitmaschine"" und ""Weltraumpiraten"" sehen kann. Aber auch zeitkritische, zynische Themen werden angeschnitten und mit dem Titel ""Sehnsucht aus Beton"" ist wohl das Lebensgefühl der ""echten"" NDW auf den Punkt getroffen. Wenn man sich erstmal an den übertrieben theatralischen Gesang gewöhnt hat, findet man eine ganze Reihe tanzbarer, eingängiger Lieder, typische Billig-Keyboard-Sounds und alles, was damals so dazu gehörte. Für den großen Durchbruch waren WELTSCHMERTZ wohl noch eine Spur zu schräg, wer aber auf eine Mischung aus Foyer Des Arts und Palais Schaumburg auf der einen und Markus, Hubert Kah und Peter Schilling auf der anderen Seite steht, kann mit WELTSCHMERTZ im musikalischen Brennpunkt dieser Musiker nichts falsch machen. Aber auch, wer auf den manchmal recht hintergründigen Humor von Erste Allgemeine Verunsicherung steht, sollte hier mal ein Ohr riskieren.Alleine wegen ""Sehnsucht aus Beton"" gehört diese Platte in jede gute NDW-Sammlung. (A.P.)

WESTDEUTSCHE CHRISTEN - Westdeutsche Christen


Erstveröffentlichung: LP 1982 / Good Noise / Eigelstein

Eine ziemlich unbekannte Band aus der NDW-Zeit waren WESTDEUTSCHE CHRISTEN. Der Bandname ist ungewöhnlich und wenig aussagekräftig, christliche Rockmusik machte die Band aber nicht. Eher schon ausgesprochen guten NDW-Sound im Stile von Grauzone oder ExKurs, also durchaus an New Wave angelehnt und häufig eingängig und tanzbar, ohne oberflächlich zu sein. Teilweise ist es auch ziemlich dunkel, wozu die Texte das ihrige beitragen. Gleich der erste Song auf der Platte, „Ich Möchte Mit Dir Tanzen“, ist ein richtiger Hit, treibend und tanzbar. Ähnlich geht es bei „Ich Höre Schritte“ weiter, bevor es mit „Das Schöne Im Leben“ finster weitergeht, erinnert etwas an frühe Geisterfahrer. „Spielende Kinder“ ist ein sehr düsterer New Wave Song, der eigentlich in den einschlägigen Discos heute ein Klassiker sein müsste, definitiv einer der besten Songs von WESTDEUTSCHE CHRISTEN. „Endzeitlust“ ist nicht nur vom Titel her absolut typisch für die frühen 80er Jahre in Deutschland. „Monoton“ hat einen hektischen Rhythmus, gepaart mit funkigen Bass und Gitarre, sehr tanzbar und ein bißchen im Stile von Notorische Reflexe. Mit „Leiden“, „Ich Schau Mich Um“ und „Liebeslied“ geht es im gleichen Stil weiter. 9 Songs, kein Ausfall, ein gutes Cover, damit wird diese LP zu einem gerne gehörten NDW/New Wave-Werk. Wer die in der Kritik genannten Bands mag, liegt hier auf jeden Fall richtig. (A.P.)

WESTDEUTSCHE CHRISTEN - Lass mich nicht allein


Erstveröffentlichung: 12 Inch 1981 / Epilepdisk / Der Scheissladen

Wann genau diese 12“ der WESTDEUTSCHEN CHRISTEN erschienen ist, weiß ich nicht, denn das minimalistisch gestaltete Cover birgt überhaupt keine Infos, nicht einmal Songtitel. Ich nehme an, daß die Maxi vor dem selbstbetitelten Album erschienen ist, denn dort scheint die Band ihre musikalischen Fähigkeiten gegenüber der Maxi deutlich gesteigert zu haben. Wenn jemand genauere Infos hat, bin ich dankbar. Die drei Titel auf dieser Platte sind sehr schräg und erinnern an frühe Zick Zack Werke. Mir fällt da gleich die Band Leben Und Arbeiten ein. „Lass Mich Nicht Allein“ (alle Songtitel nur vermutet!) ist eine kleine NDW-Hymne, mit leicht mitsingbarer Melodie und Text, die ich mir unzählige Male hintereinander anhören kann. Schräger sind „Angst“ und „Ich Möchte Töten“, die beide an Sachen wie Geisterfahrer, Thorax Wach, Tempo, Zero Zero, Saal 2 und andere frühe, untergrundige NDW-Bands erinnern. Wer auf derartige Klänge steht, sollte die Platten der WESTDEUTSCHEN CHRISTEN auf keinen Fall stehen lassen, wenn sie irgendwo rumstehen. (A.P.)

JOACHIM WITT - Erst wenn das Herz nicht mehr aus Stein ist


Erstveröffentlichung: Maxi-CD 2004 / Ventil / SPV

Duette sind hin und wieder JOACHIM WITTs Leidenschaft und nun kommt ein weiteres, dieses Mal mit JASMIN TABATABAI. Ich muss gestehen, dass ich mich auf dem Album „Pop“ nicht so recht mit dem Lied anfreunden konnte, es gab bedeutend interessantere auf diesem grandiosen Tonträger, doch für die Single-Veröffentlichung hat man noch mal an dem Stück gearbeitet und es etwas gehaltvoller gemacht. War es vorher ein bisschen La-La-La, ist es nun ein Song, der eine Auskopplung verdient hat. Der Sound ist voller, ein bisschen tanzbarer (wobei das bei mir kein Qualitätskriterium ist) und ein bisschen atmosphärischer, ja fast sogar ein bisschen dunkler. Neben dem „Radio Remix“ gibt es dann (zum Vergleich?) noch mal den „Album Remix“ und einen „Club Remix“, wobei hier erwähnt werden muss, dass das Stück einfach nur für den Dancefloor aufbereitet wurde, aber trotzdem seine Reize behalten kann. Ein echter Knaller ist aber auch das bisher unveröffentlichte Stück „Zeit zu gehen“ und schliesst ein bisschen an „Bayreuth 2“ an mit einer Brücke zu „Pop“. Ich persönlich wünsche mir jetzt noch eine Maxi-CD von „Mein Freund der Baum“. (H.H.)

JOACHIM WITT - Interview 2004




Ein Interview mit Joachim Witt im Januar 2004…

Als ich im Büro erzählte, dass wir Joachim Witt interviewen würden, gab es zwei unterschiedliche Reaktionen bei den Leuten. Die einen wussten gleich Bescheid und sagten „ah, Goldener Reiter“ und die anderen blickten beim Hören des Namens verständnislos, bis sich dann bei meinem Hinweis „Neue Deutsche Welle – Goldener Reiter“ die Blicke wissend aufhellten. Wohl wenige gestandene Musiker, Herr Witt ist immerhin 30 Jahre im Geschäft, werden so klar mit einem einzigen Song in Verbindung gebracht. Dabei war „Goldner Reiter“ weder der beste, noch der erfolgreichste, da gab es immerhin vor ein paar Jahren „Die Flut“, sowie Meisterwerke wie „…Und Ich Lauf“, „Tri Tra Trullala“, „Ich hab´ Lust Auf Industrie“ oder „Kosmetik“, um nur mal die bekanntesten zu nennen.

Nun veröffentlicht Joachim Witt Ende Januar sein neues Album „Pop“, das nach dem eher durchwachsenen „Eisenherz“ wieder alles hat, was man an dem reifen Herrn seit Jahren liebt. Gute, deutschsprachige Texte, dunkel-poppige Ohrwurmmelodien, die nicht nach einmal Hören sofort wieder vergessen sind und eine gewisse wagnerianische Monumentalität, die allerdings nicht mehr so ausgeprägt ist, wie zu Zeiten der Alben „Bayreuth 1“ und „Bayreuth 2“. Nicht nur wegen der Stimme, die wohl unvergleichlich und unkopierbar ist, erkennt man Witt-Songs praktisch sofort.

„Pop“ enthält 13 neue Songs, darunter eine gelungene Coverversion von „Mein Freund Der Baum“ der Chansonette Alexandra und ein Duett mit der Schauspielerin Jasmin Tabatabai. Irgendwie sind alle Songs, einschließlich der Single „Für Den Moment“ eingängig, aber niemals oberflächlich und so ist der Albumtitel recht passend. „Mein Freund Der Baum“ klingt genau so, wie ich es von Witt erwartet hatte, also schon im Witt-typischen Stil, ohne aber den Geist des Originals zu zerstören. „Ich Will Mehr“ ist einer meiner Lieblingssongs auf dem Album. In den Strophen scheint beim Gesang eine Art Verzweiflung zu herrschen. „Immer Noch“ könnte problemlos eine Singleauskopplung mit Hitchancen werden, „Fluch Der Liebe“ dürfte vor allem die zahlreichen Grufties in der Fanschar zufrieden stellen und in den einschlägigen Clubs die Tanzflächen füllen. „Sag Was Du Willst“ ist eingängig, bleibt aber vor allem durch den leicht schrägen Frauengesang im Gedächtnis. „Später“ schließlich ist mein persönlicher Hit auf „Pop“ und würde in einer besseren Welt ein Top-10-Erfolg werden. So hat Joachim Witt einmal mehr ein Album geschaffen, das zwar durchaus kommerziell erfolgreichen werden sollte, aber doch sehr eigen und typisch ist. So soll das sein.

Wir hatten die Gelegenheit uns Mitte Januar 2004 gemütlich mit Joachim Witt zu unterhalten. Uns gegenüber saß ein freundlicher, sympathischer und sehr offener Mann, der gar nicht erst irgendwelche Starallüren aufblitzen ließ, obwohl es sein siebtes oder achtes Interview an diesem Tag war. In lockerer Atmosphäre konnten wir alles Fragen, was uns interessierte und erhielten interessante, ausführliche Antworten…

Back Again: Wie würdest jemandem mit 2-3 Sätzen das neue Album beschreiben, der es noch gehört hat? Was ist neu, was ist anders?

Joachim Witt: Neu sind nur Teilaspekte, dass ich mich gesanglich mehr ausprobiere und da mehr Facetten zeige. Sonst kann ich das selber schwer beurteilen. Ich habe nur das Gefühl, dass es von den Songs her eine gewisse Dichte hat, was ich nicht auf jedem Album erreichen konnte. Dieses Album hat eine ziemliche Dichte und darüber bin ich im Vorfeld auch schon ganz froh gewesen, denn so etwas kann man auch nicht so einfach abrufen. Entweder steht es so, oder es steht nicht. Und ich wüsste jetzt auch nicht, was ich, außer bei einigen technischen Frequenzdetails, noch verändern würde. Das Album ist so, wie ich es momentan machen kann. Besser kann ich es nicht.

Back Again: Es ist aber stilistisch keine extreme Veränderung zu den Vorgängern?

Joachim Witt: Das müssen andere beurteilen. Ihr kennt das Album ja auch. Veränderungen sehe ich nur darin, dass es vielleicht eine Idee gelassener ist, eine gewisse Art von Selbstverständlichkeit hat und relativ unverkrampft ist.

Back Again: Es ist auch weniger tanzbar geworden, als die Vorgängeralben.

Joachim Witt: Das kann sein. Ich finde „Eisenherz“ aber eher ein schwächeres Album, weil es nicht die Dichte hat. Da fielen ein paar Nummern so richtig aus, das konnte ich auch nicht ändern, das war einfach eine Stimmungssache und auch aus Provokation wie bei den Nummern „Steif“ und „Supergestört“. Die Nummern passten meines Erachtens nicht so zu dem Rest. Das Album ist nicht so rund, da habe ich mich ein bisschen zwischen die Stühle gesetzt, glaube ich. Die Leute, die „Bayreuth 1“ und „Bayreuth 2“ gut fanden, haben mit „Eisenherz“ schon ein effektives Teilproblem. Ich bin froh, dass ich sagen kann, dass das neue Album rund ist – wie auch immer und wen es auch immer anspricht. Aber ich habe dabei ein gutes Gefühl.

Back Again: Wie ist denn der Titel „Pop“ zu verstehen. Es ist ja nicht Pop im geläufigen Sinne wie Bro´Sis oder DJ Bobo. Muss man den auch irgendwie ironisch sehen, oder ist das Dein Verständnis von Pop?

Joachim Witt: Genau wie die „Bayreuth“-Serie einen provokativen Aspekt hatte, hat auch „Pop“ einen gewissen provokativen Aspekt. Obwohl ich grundsätzlich der Meinung, dass ich nie etwas anderes gemacht habe als Popmusik. Nur wenn Du den Mainstreampop zum Vergleich heranziehst, bewegt sich das doch auf einer anderen Schiene. Aber es gehört grundsätzlich in den Popbereich hinein, weil es Popularmusik ist. Insofern ist der Titel schon gerechtfertigt, aber nicht in dem Sinne, dass man erwarten würde, dass ich mich damit in Verbindung bringen würde. Gerade dieses Spiel macht es aber für mich wieder interessant.

Back Again: Popmusik mit deutschen Texten ist ja noch die Ausnahme. Wieso ziehst Du das so konsequent durch? Warum hat eines der Stücke dann einen englischen Titel?

Joachim Witt: Deutsche Popmusik ist ja sehr gebräuchlich geworden im Hip Hop-Bereich, da gibt es ja eine ganz breite Szene. Im Rockbereich ja eher weniger, das liegt aber alleine an der Formatgestaltung. Wenn ich sehe, wie in der Medienformatgestaltung der Rundfunksender, wo auf bestimmten Sendern Hip Hop auch sehr ausgeprägt gespielt wird, also der Schlager-Hip Hop, der ja auch oft deutsch ist, wie zum Beispiel bei N-Joy, wo das ja rauf und runter gespielt wird, da gibt es ja ein Forum und deshalb kommen da immer Bands nach, die deutschen Hip Hop machen. Aber es gibt für Rock-Deutsch oder Metal-Deutsch oder Keine-Ahnung-Deutsch oder wie auch immer, kein Forum und deshalb kommt da auch nichts nach und das muss man auch ändern. Wir führen derzeit auch Gespräche mit hoffentlich kompetenten Leuten, wo dieses Thema mal zur Chefsache gemacht wird, dass man bei den Öffentlich-Rechtlichen mal darüber nachdenkt, vielleicht bundesweites Jugendradio zu machen. Mir wäre am liebsten richtiges Formatradio. Wenn ich Metal hören will, drücke ich auf den Knopf und höre Metal von morgens bis abends, oder ich will Jazz hören und drücke den Jazzkanal. Dann habe ich das, was ich haben will und muss mir nicht den ganzen Müll anhören. Das hat mit der Struktur, der Sendestruktur, dem Förderalismus der Bundesländer zu tun. Es ist erstmal ganz furchtbar, da durchzusteigen, aber das müsste sich verändern.

Back Again: Das wäre natürlich nur Öffentlich-Rechtlich machbar.

Joachim Witt: Ja, klar, weil die anderen ja auf ihre Werbekunden angewiesen sind.

Back Again: Gibt es bei dem neuen Album inhaltlich ein durchgängiges Thema, ein Konzept oder ist „Pop“ eine Songsammlung?

Joachim Witt: Es ist eine Songsammlung, wo jedes Stück für sich eine eigene Welt ist.

Back Again: Über welchen Zeitraum ist das entstanden?

Joachim Witt: Über ein Jahr.

Back Again: Du hast ja auch wieder mit Gastsängern zusammengearbeitet, wie z.B. Jasmin Tabatabai. Wonach wählst Du diese Gäste aus? Oder hast Du da gar nicht so viel Einfluss, weil Du das mit dem Management zusammen aussuchst? Oder kommen Leute auf Dich zu und sagen, sie würden gerne etwas mit Dir machen?

Joachim Witt: Nein, das ist alles aus meiner Idee heraus geboren. Wir hatten bezüglich Duett auch schon mit dem Management überlegt, weil einem zu Dritt oder zu Viert natürlich mehr Namen einfallen, als einem alleine. Es ist für mich immer reizvoll, mit jemandem etwas zusammen zu machen. Letztendlich habe ich mich entschlossen, Jasmin Tabatabai anzusprechen, weil ich sie auch kannte und ich fand diese Kombination ganz reizvoll.

Back Again: Es gibt ja auch dieses Mal eine Coverversion, nämlich „Mein Freund der Baum“. Wonach wählst Du so was aus? Ist das persönliche Vorliebe, weil Du das Lied magst?

Joachim Witt: Ja, nur nach persönlicher Vorliebe. Ich weiß, dass mich das Lied früher sehr beeindruckt hat und vor zwei Jahren habe ich das Lied mal wieder gehört und mir mal bewusst eine Alexandra-Platte aufgelegt, die einer Nachbarin gehörte, weil ich das Album gar nicht hatte. Und da fiel mir auf: „Ja, stimmt ja überhaupt, das ist ja ein Hammertitel“, jedenfalls für mich. Losgelöst von jeder Musikrichtungsideologie, die mich überhaupt nicht interessiert. Mich interessiert nur, was der Titel ausstrahlt und was er inhaltlich bringt. Das ist echt ein Hammer und deswegen wollte ich den unbedingt covern. Und dadurch ist das entstanden, völlig profan. Es ist für mich ein sportiver Ehrgeiz, Nummern in ihrer Originalstruktur nicht so zu verunstalten, dass es peinlich oder irgendwie komisch wirkt, sondern den Kern möglichst so zu lassen, wie er ist, die Ausstrahlung beizubehalten, aber ein neues Gewand zu schaffen. Und Alexandra bietet sich ja auch insofern ganz gut an, weil sie ja eine sehr tiefe Stimmfarbe hat, so ähnlich wie Zarah Leander damals.

Back Again: Könntest Du Dir vorstellen, auch von Zarah Leander mal was zu covern, wo Du den Namen erwähnst?

Joachim Witt: Ja, das kann ich mir auf jeden Fall vorstellen.

Back Again: Dann ist mir der Name des Songs „Draussen Vor Der Tür“ aufgefallen. Hat das was mit dem Stück von Wolfgang Borchert zu tun?

Joachim Witt: Das wurde ich auch schon öfter gefragt, verständlicherweise. Hat aber nichts damit zu tun. Aber da ich diese Zeile gut fand für diese Geschichte, die mich natürlich an dieses Stück von Wolfgang Borchert erinnert, fand ich auch, dass dies ein gutes Bindeglied ist, weil man ja den Titel kennt. Ich wusste, dass mich die Leute darauf ansprechen. Wenn ich so etwas konstruktiv einbauen kann, was ich ja auch gut finde, dann ist das irgendwie besser, wenn das auch noch einen anderen Bezug hat.

Back Again: Und es ist ja nicht der schlechteste Bezug, wie ich finde.

Joachim Witt: Finde ich auch.

Back Again: Das Cover ist ja sehr ungewöhnlich, wie ist das entstanden? Was steckt dahinter? Im ersten Moment erscheint es wie von einer Metalband oder eine Siebziger Jahre Rockband.

Joachim Witt: Wir haben sehr viel Wert gelegt auf das äußere Erscheinungsbild der CD, damit es wertig aussieht. Als ich den Titel „Pop“ aussuchte, fand ich, dass „Pop“ in Verbindung mit etwas anderem sein müsste. „Pop“ mit einem schwarzen Raben, so dass „Pop“ dadurch eine Bedeutung kriegt, die man so normalerweise nicht sehen würde. Der schwarze Rabe ist praktisch dieses provokante Element innerhalb dieser Begriffsführung. Damit war die Aufgabe gestellt und ein englischer Designer hat das Cover gemacht, weil er mir empfohlen wurde. Dann kam er mit diesem Logo und hat den Raben so eingearbeitet. Das ist die englische Auffassung, was sich ein Engländer unter meiner Musik und der Verbindung so vorstellt. Es ist ein bisschen gothicmäßig, es ist auch ein bisschen metalmäßig, aber man würde in diesem Zusammenhang ja das Wort „Pop“ nicht benutzen und das macht für mich den Reiz und das ist die Idee und der künstlerische Gedanke, der dahinter steht.

Back Again: Der Designer hatte also seine Freiheiten. Es war also nicht geplant, den alten Coverstil fortzuführen?

Joachim Witt: Wir wollten da jetzt auch einen ganz konkreten Schnitt machen.

Back Again: Du hegst Sympathien zu Attac, zu diesen Globalisierungskritikern. Welchen Bezug hast Du dahin und welchen Stellenwert hat Politik in Deinem Leben und in welcher Art? Und auf die Musik bezogen?

Joachim Witt: War immer wichtig und wird immer wichtiger. Da alles sehr nach Reformen schreit seit Jahren und da solche Interessengruppen wie Attac so etwas angeboten haben, was in ihrer Anfangszeit die Grünen angeboten haben, bzw. die ersten umwelttechnischen Interessengruppen, die Ende der Sechziger begonnen haben, wie ich das in Erinnerung habe. Und Attac ist eine außerparlamentarische Organisation, die ganz notwendig ist, um Dinge zu beobachten, die eventuell aus dem Ruder laufen können, damit eine nichtpatriarchalische Instanz da ist, als Netzwerk verstanden mit verschiedenen Gremien und Arbeitsgruppen, die auf spezialisierte politische Themen hinarbeitet und Alternativen und Lösungsmöglichkeiten anbietet. Das ist eine Sache, die unbedingt notwendig ist, um Anstöße zu geben und Druck von außen. Wenn es zum Beispiel um Reformen geht, um Globalisierungspolitik im Generellen geht und wie man mit Globalisierung umgeht, damit der Einzelne nicht darunter leidet. Das ist dieser menschliche Aspekt, das ist für mich das Wichtigste dabei. Insofern habe ich mich da angeschlossen, um mal Anstoß zu geben, mal auf die Seite zu gehen und zu gucken, was passiert und mich auch mal mit einzubringen, um nicht alles an mir vorüberrauschen zu lassen und dann ist man selbst der Dumme, nur weil man glaubt, nichts ausrichten zu können. Das stimmt aber nicht, die können sehr viel ausrichten. Es ist vielleicht nicht so, dass man konkrete Ergebnisse sieht, doch je mehr der Druck da ist und je mehr Leute sich da anschließen und da eine Kraft setzen, desto mehr muss man da auch drauf hören aus politischen Kreisen. Nur durch Druck entstehen Veränderungen, entweder durch Krisen oder durch Druck, das ist noch nie anders gewesen.

Back Again: Und wie verarbeitest Du so etwas in Deinen Songs?

Joachim Witt: Nicht offen, es ist aber schon angerissen. Sonst aber eher in Form einer Geisteshaltung, die da hinter steht.

Back Again: Zum Glück bist Du kein Musiker, der sagt, er sei unpolitisch. Da gibt es leider sehr viele, die sagen, sie wollen mit Politik gar nichts zu tun haben und das ihre Meinungen niemanden etwas angehen.

Joachim Witt: Ich halte so etwas für sehr gefährlich. Ich bin politisch neutral, ich gehöre keiner politischen Partei an. Ich bezeichne Attac nicht als politische Partei. Ich halte es für sehr gefährlich, sich da raus zu halten.

Back Again: Finde ich sehr positiv. Zurück zur Musik. Gibt es in Deiner Karriere Lieblingssongs?

Joachim Witt: Von meinen eigenen Titeln?

Back Again: Ja, von Dir selbst, gerade auch auf das neue Album bezogen.

Joachim Witt: „Ich will mehr“, „Für den Moment“, was auch die Single wird, „Später“ und natürlich „Mein Freund der Baum“. Bei „You Make Me Wonder“ ist nur die Frontzeile übrigens englisch, der Text ist in Deutsch. Ich fand das eine wunderbare Art von Debilität bei dieser Geschichte. Bei dieser Geschichte, die da abläuft, fand ich diesen englischen Satz in diesem Zusammenhang so skurril. Aus den Liedern von früher fand ich „Sonne hat sie gesagt“ und „Meine Nerven“ gut. Und auch das Album „Mit Rucksack und Harpune“ fand ich sehr stimmig, doch leider fiel das in ein tiefes Medienloch, weil zu dieser Zeit keiner etwas mit den Leuten zu tun haben wollten, die in irgendeiner Form mit der NDW in Verbindung standen. Von dem Album fand ich „Sahib“ klasse.

Back Again: Seit „Bayreuth 1“ warst Du nur noch Witt, jetzt kommt wieder das Joachim dazu. Wie ist dies zu verstehen?

Joachim Witt: Das war konzeptionell so gedacht, weil ich dachte, dass „Witt“ einfach monumentaler ist, irgendwie wie ein Manifest. Das fand ich ganz reizvoll, wie mit der Faust. Dies ist jetzt mehr die ausgestreckte Hand. Damals war es eine Art aggressive Anklage und jetzt ist es das Bemühtsein, etwas zu bewegen und die Hand zu reichen. (A.P.)

Back Again: Zur Vergangenheit. Du bist 30 Jahre musikalisch aktiv und wenn man Witt sagt, kommt sofort den Leuten „Goldener Reiter“ in den Sinn. Wie ist das, wenn man von der Masse der Leute auf ein oder zwei Songs, wenn man „Die Flut“ mitrechnet, reduziert wird?

Joachim Witt: Dann hat man zwei Riesenhits gehabt und das ist auch okay. Wenn ich jetzt keinen gehabt hätte, dann wäre das, was ich wirklich gemacht hätte in meinem Leben, auch nicht schlecht gewesen. Dafür habe ich letztendlich ja auch andere Strecken in Kauf genommen, die dann weniger witzig waren.

Back Again: Also, es ist nicht frustrierend, wenn den Leuten bei Witt sofort „Goldener Reiter“ in den Sinn kommt...Beim ersten Album ist mir der Titel „Ich hab Lust auf Industrie“ aufgefallen. Zur gleichen Zeit kamen Die Krupps mit „Stahlwerkssinfonie“, die Neubauten, wieso wurde zu dieser Zeit diese Industrieromantik so beschworen?

Joachim Witt: Das war Zeitgeist. Der Fluch der Industrialisierung, der negativen Auswüchse der Industrialisierung, die oft karikiert wurden. Das war irgendwie Zeitgeist und das haben andere wohl auch so gesehen. Wir wussten ja gar nichts voneinander.

Back Again: Wo kamen bei den alten Alben „Silberblick“ und „Edelweiss“ die musikalischen Einflüsse her?

Joachim Witt: Also, beeinflusst bin ich gewesen durch Can, eine Überband für mich, ich hatte auch einen starken Bezug zu Bowie und einen starken Bezug zu Roxy Music. Das sind dann so Einflüsse, die ich neben meiner eigenen Befindlichkeit verarbeitet habe.

Back Again: Für wie wichtig hältst Du für Dich persönlich die neuen Medien wie Internet, CD-R, DVD, CD-Brenner. Inwiefern beeinflusst das Deine Arbeit?

Joachim Witt: Extrem wichtig! Ich wickle alles über das Internet ab, meine ganze Post und so weiter. Das ist für mich fester Bestandteil meines Alltags und das ist für mich zum Beispiel ein Globalisierungseffekt, denn ich absolut positiv finde. Die Gesamtvernetzung über den Erdball, das ist das Bahn brechendste überhaupt, was es in der letzten Zeit gegeben hat, weil man die Möglichkeit hat, andere Kulturen kennen zu lernen, oder auch praktisch aus dem Moment heraus, aus dem Stehgreif heraus, einen Menschen in Australien zu kontakten. Oder in Sibirien, obwohl da die Computer wohl weniger vertreten sind. Aber man hat solch riesige Möglichkeiten und dadurch sind der Meinungsaustausch und die Informationsflut so konzentriert. Man kann sich über alles informieren und muss nicht blind alles glauben, es kann einem keiner mehr einfach nur Müll erzählen. Man kann alles nachprüfen, was früher sehr mühsam war durch Bibliotheken und ähnlichem und heute tippt man nur ein Stichwort in eine Suchmaschine ein. Das ist Bahn brechend, finde ich klasse.

Back Again: Aber ist das nicht ein Widerspruch mit dieser Industriegeschichte, die ja auch mit Fortschritt zu tun hatte, was man damals negativ gesehen hat.

Joachim Witt: Was man damals negativ gesehen hat, ja. Aber ich finde gerade auf dieser Ebene den Austausch der Kulturen sehr interessant. Und extrem wichtig.

Back Again: Hat das Einfluss auf Deine Musik?

Joachim Witt: Brenner brauche ich beruflich, um meine Daten zu sicher. Auch wenn ich mit anderen Musikern arbeite, tausche ich mich mit anderen Musikern über CDs aus. Für mich ist das von absoluter Wichtigkeit, so zu arbeiten.

Back Again: Du setzt Dich ja auch sehr gegen Raubkopiererei, Piraterie etc ein…

Joachim Witt: Ja, es ist so unbedacht, so kurzsichtig. Natürlich würde mich am Anfang auch die Schlecker-Mentalität locken – möglichst alles umsonst – und was ich nicht umsonst kriege, hole ich mir umsonst. Das ist natürlich sehr kurzsichtig, weil dadurch eine ganze Kultur in Frage gestellt wird. Das ist ein Berufsstand, so wie ein Tischler oder sonst was, und wenn der nicht mehr bezahlt wird, dann liegt er am Boden und dann ist Schluss. Die Raubkopierer glauben, sie schädigen die Industrie, was man ja auch tut, nur die Künstler sind ja die Säulen dieser Industrie, ohne die Künstler wären die gar nicht da. Diese ganzen Zusammenhänge sind da gar nicht im Bewusstsein, dass sie damit die ganze kulturelle Unterfütterung und auch die ganze Nachkommenschaft der Künstler und neuer Bands unterbinden, die dann in dieser Form einfach nicht mehr stattfinden kann. Im Ernstfall gibt es dann nur noch ganz begrenzt Musik. Irgendwann. Das ist natürlich visionär, aber das ist eine ganz krasse Entwicklung. Ich hatte ja mal die ganze Heise.de-Gemeinde am Hals, als ich mal gesagt hatte, dass das Terroristen für mich sind. Mittlerweile wird ja aber auch schon in Werbekampagnen der Raubkopierer als Verbrecher betitelt. Das kommt zwar von der Filmindustrie, aber das Prinzip ist ja das gleiche. Die von Heise.de wollen das auch einfach nicht begreifen. Für mich sind das einfach nur Abgreifer. Die machen alle einen unheimlich intellektuellen Zirkus um nichts und haben es anscheinend noch nicht begriffen, welche Auswirkungen das hat. Und das ist unheimlich egoistisch. Ich habe aber trotzdem die gesamte CD ohne Kopierschutz gemacht, was vor allem den Grund hat, dass die Kopierschutzverfahren so schlecht sind, dass man es einfach nicht anbieten kann. Ich bin froh, dass ich jetzt unabhängig bin und selbst bestimmen kann, ob ich einen Kopierschutz habe, oder nicht. Das hätte ich bei der Sony nicht, bei der Universal auch nicht. Die CD hat also keinen Schutz, ich möchte gerne, dass die Leute in der Lage sind, diese CD auch im Auto zu hören und auf ihrer Stereoanlage, die 15 Jahre alt ist. Das ist mir wichtig und da habe ich bei Manfred Schütz bei SPV auch offene Türen eingerannt, der ist der gleichen Meinung. Wenn es ein wirklich ausgereiftes System geben würde, und dass gewährleistet sein würde, dass jede CD 9,99 Euro oder 9,80 Euro kosten würde, dann wäre das ein Argument. Aber in dieser Situation ist das kein Argument. Ich wollte „Pop“ billiger auf den Markt bringen, ich wollte sie unter 10 Euro haben. Das Thema war aber innerhalb einer Stunde vom Tisch, weil die Händler sie trotzdem zum selben Preis verkaufen würden, wie alle anderen CDs. Dann bin ich der Angeschissene und die streichen sich die Differenz ein. Ich habe damit gar nichts bewirkt. Es geht nur über eine andere Ebene, bei der man sich insgesamt einig ist, dass man die Preise runtersetzt und der Handel hat diese Vereinbarung auch mit den Firmen und mit den Majors einzuhalten. Anders geht das nicht, ist leider so. Aber es ist da Bewegung drin und innerhalb des Jahres wird da noch was passieren.

Back Again: Wie geht es nach „Pop“ weiter?

Joachim Witt: Erstmal wollte ich eine Tournee im Mai in Hamburg, Berlin Dresden, Leipzig und Hannover machen und dann wollte ich versuchen, auf ein paar Festivals zu spielen im Sommer. Falls die CD gut laufen sollte, machen wir noch eine Tournee im Herbst, eine richtig ausgiebige.

Back Again: Die Fans dürfen also noch einiges erhoffen?

Joachim Witt: Ja, ich bewege mich langsam auf das zu, was ich noch kann (lacht).

Back Again: Wie wird die Mai-Tournee aussehen? Wird es wieder im Stil wie in der Hamburger Musikhalle werden mit Streichern und so weiter?

Joachim Witt: Mit Streichern wohl in diesem Falle nicht, denn ich werde in erster Linie „Pop“ vorstellen und die Streicher, die wir dort haben und die wir bei anderen Titeln spielen, lassen sich anders lösen. Also durch Keyboards.

Back Again: Es wird also wieder in Clubs stattfinden und nicht in Konzerthallen?

Joachim Witt: Wenn mit der CD jetzt alle Pferde durchgehen und das plötzlich jeden interessiert, dann überlegt man sich so etwas. Momentan sieht es aber danach aus, dass man Clubs zwischen 900 und 1.200 Leuten nimmt.

Back Again: Dann haben wir noch eine Frage, die uns persönlich interessiert. Mitte der 90er Jahre warst Du mal bei Peter Ehrlich im Offenen Kanal Hamburg. Der ist ja vor einiger Zeit leider verstorben. Wie kam dieser Kontakt zustande? Zu dieser Zeit warst Du ja nicht so im Vordergrund, das war ja noch vor „Die Flut“, wo das große Comeback dann kam.

Joachim Witt: Wie kam das zustande? Ich glaube, ich habe ihn auf irgendeiner Party mal kennen gelernt. Da hat er mich angesprochen und gesagt „Hey, hast Du mal Lust, zu meiner Sendung zu kommen?“, wie er denn halt immer so war. Ein ganz lockerer Kerl. Ich kannte die Sendung auch und so kam das zustande. Wir hatten uns vorher schon mal gesehen in der Prinzenbar und nach der Sendung hatten wir erstmal keinen Kontakt mehr. Dann hatte ich ihn wieder gesehen in so einem Second Hand Laden, den er gemacht hat.

Back Again: Haben wir was Wichtiges vergessen zu fragen oder möchtest Du noch etwas mitteilen?

Joachim Witt: Nee, ich denke nicht. Ihr schreibt da schon, was Euch gefällt.

Back Again: Nöö, wir schreiben das, was Du gesagt hast.

Was hiermit geschehen ist…wir danken Joachim Witt herzlich für das Interview, das uns besonders als Fans (und nicht als professionelle Musikjournalisten) Spaß gemacht hat. (A.P.)

JOACHIM WITT - Live in der Berliner Philharmonie


Erstveröffentlichung: DVD 2002 / Sony

Da ging doch glatt ein kleiner Traum für mich in Erfüllung. Nach dem grandiosen Konzert in der Hamburger Musikhalle habe ich mir immer eine Live-CD gewünscht mit all den Titel. Das nun sogar eine DVD auf den Markt kommt, übersteigt natürlich alle Erwartungen und es handelt sich tatsächlich um ein Konzert aus genau dieser Konzertreihe aus dem Jahre 2002. Das ist deshalb so besonders erwähnenswert, weil WITT hier mit einem erweiterten Ensemble musiziert, bei welchem sich auch einige Streichinstrument-Betätiger befinden. 18 Songs gibt er zum Besten, Songs seiner CDs „Bayreuth 1“ und „Bayreuth 2“ sowie als Zugabe absolut tolle Versionen von „Goldener Reiter“, „Kosmetik“ und „Tri Tra Trullala“. Zu allen Songs kann man sich per „Key-Mode“ zu Joachim Witt beamen, der zu jedem Song ein paar Informationen zu verkünden weiß. Dazu gibt es dann noch eine recht ausführliche Biographie sowie eine Diskographie, hier allerdings nur die letzten drei Alben, was dieser Blödsinn soll, erschliesst sich mir nicht. Distanziert sich Herr Witt von seinen alten Sachen so sehr, dass er sie nicht einmal erwähnt haben möchte? Dann kommt noch eine schöne Sektion mit einigen Musikvideos, genaugenommen „Die Flut“, „Bataillon d´amour“, „Und...ich lauf“, „Das geht tief“ und „Stay?“. Es fehlt das gute Video zu „Eisenherz“, aber da ja eh nur Songs bis inklusive 2001 präsentiert werden, ist das halbwegs nachvollziehbar. Dann gibt es noch eine Fotogalerie mit Fotos neuerem Datums und ganz viele Interviews. Dabei sieht man zum Beispiel, wie Joachim Witt Infos gibt über das Konzert in der Berliner Philharmonie (1:38 Min.), zum Thema „Musik als Berufung“ (3:14 Min.) und über die Entstehung seiner Lieder (1:38 Min.), die Bedeutung seiner Arbeit (2:11 Min.), über sich selbst als Künstler und Privatmensch (2:38 Min.), über Werte in seinem Leben (2:29 Min.), über seine Entwicklung seit der Begegnung mit Nadja (5:48 Min.) und über seine Fans (1:03 Min.). Das ist schon mal eine ganz tolle CD, doch jetzt würde ich mich freuen, wenn es noch eine CD gäbe mit altem Material, komplett von Anfang an bis zum Comeback, aber ich glaube, da können wir lange drauf warten, wenn Joachim Witt sich seiner alten Sachen so schämt, dass er sie nicht einmal in der Discographie erwähnt. (H.H.)

JOACHIM WITT - Supergestört und Superversaut


Erstveröffentlichung: Maxi-CD 2002 / Columbia / Sony

Nun folgt also auch die zweite Auskopplung aus dem Album “Eisenherz”. WITT hat sich hierbei das tanzbarste Stück der CD ausgesucht, nämlich „Supergestört und superversaut“, welches Fans sehr oft mit dem NDW-Klassiker „Herbergsvater“ vergleichen. Was erstaunt, ist die Tatsache, dass keine neue Version von WITT die Single-Mischung ist, sondern ein Remix von OOMPH. Dies war von vornherein nicht so geplant, aber JOACHIM WITT gefiel der Mix so sehr, dass es sie als offizielle Single-Version nimmt. Für mich persönlich ist das keine tolle Wahl, denn diese recht harte Mix mit harten Gitarren passt nicht recht ins WITT-Universum. Die anderen Mixe dann wieder schon. Der zweite, von WARP ACHT erinnert stark an die Album-Version, die dann auch sogleich als dritter Song auf der CD enthalten ist. Zuletzt gibt es dann noch eine recht technoide Mischung, noch einmal von WARP ACHT. Ich persönlich finde die Album-Version immer noch am besten, wahrscheinlich, weil sie am minimalsten und am treibendsten ist. Als nächstes freuen wir uns aber erstmal auf die WITT-Live-DVD. (H.H.)

JOACHIM WITT - Eisenherz - Das Album


Erstveröffentlichung: CD 2002 / Epic / Sony

Dieses Mal hat Herr WITT sich nicht so lange Zeit gelassen und ein neues Album auf den Markt geworfen. Gottseidank. Seine Musik fand ich schon immer klasse und ich habe sie im Laufe seiner Karriere stetig verfolgt. Seit „Bayreuth Eins“ gehört er allerdings zusammen mit „THE CURE“ zu meinen absoluten Lieblingskünstlern und deshalb ist es für mich immer mehr als eine Freude, einen neuen Tonträger in den Händen zu halten. Es beginnt mit der Auskopplung und dem Titelstück „Eisenherz“, zu welchem es übrigens ein tolles Video gibt. „Freundschaft“ ist mir leider ein bisschen zu schlagerartig geworden, „Wie oft muss ich noch sterben?“ tritt in die gleichen Fußstapfen, hat aber Potenzial, als Single zu erscheinen. „Supergestört und superversaut“ glänzt mit einem schweren, wummernden Rhythmus und einer recht monotonen, aber ansprechenden Hookline, die irgendwie ein bisschen an „Herbergsvater“ erinnert. „Ich bin schwul“ hat einen schönen Text, „Steif“ klingt nach alten NDW-Zeiten und „Du wirst niemals meine Tränen in dir sehen“, „Fliegen“ und „Wie ein Schrei“ sind ebenfalls sehr melodisch geworden. Überhaupt muss man abschließend sagen, dass die CD mehr Schlager als Rock ist und „Bayreuth 2“ in diesem Sinne nicht fortführt. Es fehlen die Streicher und die monumentalen Klangteppiche sowie die tanzbaren Rhythmen von „Bayreuth 1“. Von jedem nimmt WITT etwas und macht daraus einen neuen Mix. Ich muss sagen, dass mich das neue Werk auf Anhieb (immerhin bereits zum vierten Male gehört) nicht so überzeugt wie „Bayreuth 2“, aber trotzdem immer noch ein überdurchschnittliches, durchweg gelungenes und vor tollen Ideen strotzendes Album ist. (H.H.)



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