SCHANDMAUL - Wie Pech und Schwefel


Erstveröffentlichung: CD 2004 / F.A.M.E. Recordings / BMG

Wie ein sanfter Schleier umspielt der dichte, wallende Nebel seinen Leib, taucht die Bäume, Büsche und Sträucher um ihn herum in ein mystisches Gewand. Schritt für Schritt entfernt er sich vom „Drachentöter“, dem letzten Gasthaus der Region, in dem man ihn vor diesem Teil des Waldes gewarnt hatte. Dennoch schreitet er ohne Furcht den schmalen, moosbewachsenen Pfad hinab, als es ihm mit einem Male erscheint, als höre er ein leises Fideln in der Ferne. Von Neugier getrieben folgt er den lieblichen Klängen, zu denen sich bald noch das Spiel einer Flöte hinzugesellt, und es scheint ihm, als könne er einen feenhaften Gesang wahrnehmen, der sein Herz mit Liebe und Verlangen erfüllt. Doch ein gespenstischer Lufthauch verweht den grauen Dunst vor seinen Augen und vor ihm taucht ein alter, einsamer Turm auf, der aus einem blütenübersähten Sumpf in den Himmel hinaufragt.

In diesem Moment erstrahlen die Bühnenlichter, Schlagzeug und E – Gitarre verwandeln die elfische Ruhe in einen groovenden Rocksong, und in dem Augenblick als Thomas Lindners Stimme erschallt, ist man als Wanderer auf einem Schandmaul – Konzert zum brandneuen Album „Wie Pech und Schwefel“ angekommen.

Wie kaum eine andere Band verbinden Anna Kränzlein, Birgit Muggenthaler, Thomas Lindner, Martin Duckstein, Stefan Brunner und Matthias Richter Neuzeit und Historie, Phantasie und Realität zu einem wirklich gelungenem Ganzen. Ihre Texte erzählen von Sagen und Mythen, von sagenumwobenen Drachentötern, von Tyrannen und Geisterschiffen sowie heidnischen Ritualen – doch zu jeder Zeit schwingen dabei zwei wichtige Konstanten mit:

Liebe und das breite Grinsen eines Harlekins, denn Gefühl und Humor machen die Seele all ihrer Erzählungen und Kompositionen aus. Immer wieder luken aus den scheinbar alten Märchen zeitgenössische Gedanken und Sichtweisen hervor und verbinden die fiktiven Welten mit dem Jetzt.

Musikalisch verwebt man verspielten Folk mit groovendem Rock und einem feinfühligen Gespür für ohrwurmartige Refrains und tragende Melodien. Das Ergebnis dabei ist, ein stilistisch vielfältiges, farbenfrohes Klangmosaik, das Moderne und Vergangenheit genügend Freiraum einräumt, der dann von der Instrumentierung virtuos ausgeführt wird.

Das Sextett überrrascht seine Hörer mit einem breiten Sortiment an Instrumenten, so steht mit Martin Duckstein, Stefan Brunner und Matthias Richter das moderne Rockbesteck, bestehend aus Strom – Gitarre, Bass und Schlagzeug zur Stelle, während die beiden Damen Birgit Muggenthaler und Anna Kränzlein mit Geige, Drehleier, Flöte, Dudelsack und Schalmei aufwarten. In der Mitte all derer erklingt Thomas Lindner mit seinem vielfältigen Gesang, einer Akustik – Gitarre und dem Akkordeon.

Dieses mannigfaltige Klangbild, in Verbindung mit den vielgestalten Lyrics, machte die Band schon mit ihrer ersten Platte „Wahre Helden“ (1999) zu einem unverwechselbaren Sinnerlebnis – Schandmaul lastete bereits hier ein eigener und innovativer Stil an. Mit „Von Spitzbuben und anderen Halunken“ (2000) und „Narrenkönig“ (2002) bauten die sechs Münchner ihr Können weiter aus und sammelten auf diversen Tourneen und Festivals Eindrücke und Erfahrungen. Schnell spielte man sich von den kleinen Bühnen an die Spitze, wenn auch mit dem Risiko, dass man dabei gute Bandkollegen wie Hubsi Widmann auf der Strecke bleiben läßt (er und die Band trennten sich nicht gerade harmonisch 2002) und das ursprüngliche an den Konzerten verloren ging dabei.

Nichts destro trotz, ist das neue Album sehr ausdrucksstark und vielfältig, stellenweise direkter und geordneter als noch Narrenkönig. Neu ist auch, dass sowohl der Basser Matthias wie auch Anna Kränzlein Texte beisteuerten, die durch ein Kammerorchester, wie in „Kalte Spuren“ dezent begleitet wird. In schandmaulscher Manier stehen dem treibende Rhytmen gegenüber, wie der Opener „Leb!“ schon einläutet und mit „Folk you“ Ausdruck findet in instrumentalen Stücken. Gerade dieses Wechselspiel der Emotionen und Klänge macht „Wie Pech und Schwefel“ zu einer runden Sache und damit vielleicht auch zum bestgelungensten Album in der Schandmaulgeschichte! (Maximilian Nitzschke)



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