ARTEFACTO - Des-Construction


Erstveröffentlichung: CD 1994 / Zoth Ommog / Intercord

ARTEFACTO kommen aus Mexiko, was sie schon einmal sympathisch macht, Bands aus solch (musikalisch) exotischen Ländern haben bei mir schon immer Aufmerksamkeit erregt. Musikalisch geht es in die klassische EBM-Ecke, eine Musik, die mir tausendmal lieber ist, alsdie heute so hochgestylten Techno-Crossover-Sachen. Ganz können sich ARTEFACTO dieser Richtung zwar auch nicht verschliessen, was bestimmt auch daran liegt, daß KMFDM zwei Songs produziert haben. Trotzdem geht die Band mit einer lockeren Einstellung, ja fast schon liebenswerten Naivität ans Werk, die die CD zu einem Werk werden lassen, das man immer wieder gerne auflegt. Ich befürchte aber, daß die Band mit dieser CD nicht die verdiente Aufmerksamkeit in Deutschland erlangen wird, denn das Ganze ist in seiner Einfachheit zu unspektakulär. Auf jeden Fall ist dies aber eine Electro-CD, die sogar ich mir gekauft hätte, obwohl ich sonst hauptsächlich dem Gitarrensektor meine Liebe schenke. (A.P.)

STERNBUSCHWEG - Mein Herz schlägt weiter jeden Tag


Erstveröffentlichung: CD 2008 / Tumbleweed / Broken Silence

Die Band STERNBUSCHWEG hat sich 1998 in Dessau gegründet, wobei der Bandname erst 2000 kam und sowit die offizielle Bandwerdung. Es begann mit einer CD-Single im Eigenvertrieb, diverse CDs folgten im Nachhinein in schöner Regelmäßigkeit, obwohl die Band den Ruf als „the laziest men in showbiz“ hat. Diese Band um den Ex-Flowerpornoes-Sänger Tom Liwa (der hier aber nicht singt) betreibt einen Sound, den man mit dem wackeligen, oberflächlichen Begriff es Indiepops bezeichnen kann. Man denkt an The Smiths, denn die Melodien sind schön und irgendwie luftig-poppig aber nicht platt, die Gitarren bieten schöne Hooks und sind wunderbar verhallt. Ja, und die Texte, das ist das I-Tüpfelchen. Sie erinnern auch irgendwie an Smiths bzw. Morrissey, intelligent und anders. Ich muss zugeben, beim ersten Mal war das Album erst so mittelmäßig, doch ich habe es mehrere Male durchgehört, da man schon beim ersten Hören wusste, dass es wachsen wird. Und so war es tatsächlich. Also, bitte reinhören, aber mehrmals. (H.H.)

HERMANN VINKE - Als die erste Atombombe fiel. Kinder aus Hiroshima berichten


Erstveröffentlichung: Buch / Ravensburger Buchverlag / ISBN 3473580627

„Hiroshima, 6. August 1945: Die Atombombe explodiert über der Industrie- und Hafenstadt und bewirkt innerhalb von Sekunden Tod und unbeschreibliches Elend für hunderttausende von Menschen.“
Sechs Jahre später hat der Kaiser von Japan in Auftrag gegeben, dass die überlebenden Kinder Berichte schreiben über die ersten Tage nach der Explosion, Kinder, die zwischen 5 und 11 Jahren alt waren zu der Zeit. Es sind zumeist kurze Berichte, die einfach absolut schockieren, denn die Kinder waren aufgrund ihres Alters noch nicht in der Lage, ihre Berichte mit blumigen Worten zu schmücken, um bewusst zu erschüttern, ihre Berichte sind nüchtern, sachlich und genau dadurch noch viel erschreckender. Unter manchen Berichten steht „Aufsatz abgebrochen“, als die Kinder nicht mehr weiter konnten. Dazu gibt es vom Autoren noch ein paar erklärende Worte zu den historischen Begebenheiten – aus der Sicht von 1980 übrigens, denn zu dieser Zeit ist das Buch zum ersten Mal erschienen. So ergibt das Buch einen guten Überblick über diese ganze Geschichte, die sich auf keinen Fall wiederholen darf und die aber, falls es doch wieder passiert, um ein vielfaches schrecklicher wird. Begleitend dazu kann ich einfach nur immer den Anime „Barfuss durch Hiroshima“ empfehlen, ein Film, der zu Herz geht. (H.H.)

ZITA ROCK FESTIVAL - 31.05.2008 auf der Zitadelle Spandau


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2008

Auf dem idyllischen Gelände der „Zitadelle Spandau“ nordöstlich der Spandauer Altstadt, direkt am Zusammenfluss von Spree und Havel, findet am 31. Mai das Zita Rock Festival statt. Die Zitadelle gehört zu den bedeutendsten und besterhaltensten Festungsbauten der Hochrenaissance und eignet sich daher als wunderbare Kulisse für sieben herausragende Künstler der Gothicrock bzw. Mittelalterszene.
Den Opener des Festivals bildet die Band „Down Below“ aus Dessau-Rosslau. Druckvoller Dark Rock gepaart mit griffigen Melodien bestimmen ihren Sound. Ihr aktuelles Album „Sinfony23“ ist ein durchweg eingängiges Werk einer noch jungen und unverbrauchten Formation, die es gerade einmal wenige Jahre nach ihrer Bandgründung geschafft haben, zu einem gern gesehenen und gerngehörtem Gast auf vielen wichtigen Rock Festivals zu werden. Auf diese Weise konnten die hochkreativen Künstler Fans und auch Fachpresse für sich einnehmen, so dass es kaum verwunderte, als sie den 3. Platz bei Stefan Raabs Bundesvisionsongcontest mit dem Song „Sand in meiner Hand“ abräumten. Über 100 Konzerte haben Down Below schon bestritten, unter anderem als Support für Unheilig auf dessen aktueller Tournee. Das schöne an Down Below ist, dass sie sich stilistisch in keine Schublade pressen lassen. Gothics, Rocker und Indiefans spricht ihre Musik an. Derzeit arbeitet man bereits am zweiten Album, will vorher aber noch kräftig die Fans anheizen live.
Der zweite Showakt kommt aus Norwegen und ist kein geringerer als „Zeromancer“. Die norwegische Synthie Rockband ist aus der äußerst erfolgreichen Band „Seigmen“ hervorgegangen. Gegründet 1999 in Los Angeles umfasste die Band bis 2003 die ehemaligen Seigmen Mitglieder. Nachdem Seigmen von 1989 bis 1999 in Norwegen immer erfolgreicher wurden, entschloss sich der Riff Gitarrist Sverre Okshoff schweren Herzens aufzuhören. Die Mitglieder der Band waren seit ihrem 16ten Lebensjahr zusammen und schlossen eins den Pakt, dass der Ausstieg eines Mitgliedes das automatische Ende der Band bedeuten würde. Nach der opulenten Farewell Tour 1999 ging die Band auch tatsächlich auseinander, allerdings trieb das dringende Bedürfnis Musik zu machen die Band Zeromancer entstehen. Das Ziel war es zunächst, Musik zu machen, die authentisch und persönlich ist – vor allem anders als Seigmen klingen sollte. 2000 erschien nach der erfolgreichen Club Single Clone your Lover das gleichnamige Debütalbum. Die Musikfachpresse lobte das Album und die Band in höchsten Tönen und Zeromancer tourten unter anderem mit Covenant, Apoptygma Berzerk oder Project Pitchfork. Nur ein Jahr später erscheint ihr zweites Album „Eurotrash“, das als Meilenstein gelobt wurde. Wesentlich härter und druckvoller im Sound konnte die Band im Jahr 2001 ihre erste eigene Headliner Tour starten. 2003 folgte das ruhigere Album „Zzyzx“, das im Klang oft etwas symphonischer erscheint. 2005 traten Zeromancer erstmals auf dem Wave Gotik Treffen auf, mit bemerkenswerter Resonanz des mannigfaltigen Publikums. Auch in diesem Jahr konnten sie das WGT Publikum begeistern und werden dies auch auf dem Zita tun!
Die Eiszeit macht Halt auf der Zitadelle, denn die Münchner Band „Eisbrecher“ bildet den dritten Act des Abends. Bereits im Herbst letzten Jahres haben Alexx Wesselsky und Noel Pix ihren Schiffsmotor wieder angeworfen um nach dem 2004 Debütalbum mit „Antikörper“ nachzulegen. Mit zielsicherem Kurs in Richtung Elektrosound sind die beiden Kapitäne des Eisbrechers in See gestochen, um dem Publikum ihr ausgereiftestes und schlagkräftigstes Werk live zu präsentieren. Der moderne, elektronische – harte Rock wurde weiter perfektioniert und durch noch düstere und tiefere Melodien verfeinert. Seit 1996 arbeitet Noel Pix als Produzent, Sänger und Gitarrist und kann auf zwei Gold und eine Platin Auszeichnung zu Recht stolz sein. Alex Wesselsky begann seine Laufbahn 1997 mit dem ersten Signing von Megaherz. Die gemeinsame Lust auf härtere Musik hatte beide im Herbst 2002 nach Trennungszeit wieder zusammen gebracht. Das Projekt Eisbrecher war geboren und bereit abzulegen.
Ein wahres Highlight dürfte für viele Besucher der Auftritt der „Dreadful Shadows“ sein. Die Musiker hatten sich im Jahre 2000 getrennt und sind eigenen Projekten nachgegangen. Das wohl bekannteste davon ist „Zeraphine“ mit der Stimme von Sven Friedrich. Dennoch, seit 2007 spielen sie alle nun wieder gemeinsam einige ausgewählte Konzerte in der zuletzt bekannten Besetzung der Shadows. Eine Re-Union ist dies keinesfalls, sondern eine reine Live Aktivität, die die anderen Projekte der Jungs nicht beeinträchtigt. Entscheidend waren letztlich die immer noch große Nachfrage der Fans und die Freude an den unvergänglichen Songs, die nun auch neuem Publikum live präsentiert werden können.
Ebensolch ein weiteres Highlight folgt im Anschluss. Kein geringerer als Der Graf von „Unheilig“ gibt sich die Ehre. Nachdem man zum Wave Gotik Treffen noch zittern musste, ob der Gesundheitszustand des Grafen einen Auftritt überhaupt zulässt, ist seine Stimmbandentzündung vollständig ausgeheilt und somit diesem Auftritt nichts mehr im Wege. Gemeinsam mit Grant Stevens und dem Hit Produzenten Jose Alvarez Brill (Wolfsheim, Witt oder De/Vision) legte der Graf im Jahr 1999 den Grundstein für Unheilig. Die Single „Sage Ja!“ erschien Ende des Jahres 1999 und platzierte sich auf Anhieb über mehre Wochen in den deutschen Alternative Charts. Im Februar 2001 kam dann das lang erwartete Debüt Album „Phosphor“ in Europa auf den Markt. Unheilig überzeugt hier durch eine facettenreiche Mischung aus traditionellem Electro und Rock gepaart mit der unglaublichen Stimme des Grafen. Über die folgenden Monate gastiert die Band auf etlichen großen Festivals und zieht sich anschließend zurück um die Aufnahmen für das Weihnachtsalbum „Frohes Fest“ und den zweiten Longplayer „Das zweite Gebot“ zu produzieren. Dieses Album ist eine erfolgreiche Weiterentwicklung des typischen Unheilig Muisikstils. Der Graf besticht durch electro – rockige Songs, die manchmal tanzbar, manchmal balladesk dem Hörer zu Ohren kommen. Egal ob man den „unheiligen“ Musikstil nun mag oder nicht, die Aura der Stimme und das Charisma des Grafen bleibt! Der Graf ist einer der wenigen Künstler der nie künstlich aufgesetzt klingt, sondern der durch Authenzität und Tiefgang zu überzeugen weiß, dem die Treue zu den Fans und insbesondere der schwarzen Szene am Herzen liegt. 2004 veröffentlicht er „Zelluloid“, ein intimer Einblick des Grafen, der mit dem Satz „Willkommen in meinem Leben“ beginnt. Eine Steigerung schien kaum möglich zu sein, und dennoch topte sich Unheilig im Jahr 2006 mit „Moderne Zeiten“ ein weiteres Mal. Der lang erwartete Charts Einstieg erfolgt (Platz 76) und die limitierte Erstauflage war bereits im Vorverkauf ausverkauft! Die Tour zum Album ist restlos ausverkauft und hinterlässt restlos begeisterte Fans. In diesem Jahr nun erschien „Puppenspiel“ und auch hier reißen sich die Fans wiederum um den sympathischen Grafen! Voller Erfolg auf der ganzen Linie, meine Hochachtung!
Kein geringerer als „Der schwarze Schmetterling“ „ASP“ bildet den sechsten Act des Zita Rock. ASP loten mit ihrem Sound die Tiefen der menschlichen Emotionen aus und sind seit Jahren ein absoluter Konzert Geheimtipp – nicht nur in der schwarzen Szene. Ihr Publikum reicht mittlerweile von 5 bis 50 und ist aus allen möglichen Gesellschaftsgruppen zusammengesetzt. Kaum einer kann sich der düsteren Faszination des Zyklus vom Schwarzen Schmetterling entziehen. Alexander Spengler und Mathias Ambré wissen, wie man den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute fesselt und auf einen Ausflug hinab in den Dunklen Turm nimmt. Rockig, poetisch und leidenschaftlich sind sie und obendrein ehrlich. Kaum eine Band kann in so kurzer Zeit so viele Hits vorweisen und beweißt dabei ein solches Händchen für große, mitreißende Melodien. OB es die Ballade „und wir tanzten (ungeschickte Liebesbriefe“ oder die Goth – Punk – Hymne „Ich will brennen“ ist, bis zum letzten Atemzug eine geile Show!
Den Abschluss, quasi ein Heimspiel für die Band, bilden die Potsdamer Mittelalterrocker „Subway to Sally“. Das Septett ist ein echtes Phänomen, gegründet 1992 erspielte sich die Band innerhalb kürzester Zeit durch unermüdliche Live Auftritte und starke Alben eine eingeschworene Fangemeinde. Heute begeistern die Musiker um Frontmann Eric Fish tausende Anhänger in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Diese waren es auch, die sie bei Stefan Raabs Bundesvisionsongcontest auf Platz 1 katapultierten. Das Markenzeichen der Band ist harte Rock- bis Metalmusik, angereichert mit mittelalterlichen Melodien, die mittels Dudelsack, Drehleier, Laute und Schalmeien ihren ganz eigenen Charme entwickeln. Mit ihrem dritten Album „Foppt den Dämon“ Anfang 1996 schlagen Subway to Sally ein neues Kapitel ihrer Bandgeschichte auf, singen fortan nur noch deutsche Texte, und unterschreiben den ersten Majorvertrag. Bei BMG erscheinen außerdem „Bannkreis“, „Hochzeit“ „Schrei“ und die Best of Zusammenstellung „Die Rose im Wasser“. 2000 wechselt die Band zu Universal und veröffentlicht 2001 „Herzblut“ das von 0 auf 15 in die Media Control Charts einsteigt. Subway to Sally haben in den ersten 10 Jahren ihres Bestehens rund 230.000 CDs verkauft. 2003 erscheint „Engelskrieger“, das sich stilistisch massiv von den anderen Alben unterscheidet. Trotz der Skepsis einiger Fans steht das Album in der ersten Woche auf Platz 9 der Album Charts! Ein Jahr später entscheidet sich die Band mit auslaufendem Vertrag, bei Nuclear Blast zu unterschreiben und beweisen zuerst mit „Nord Nord Ost“ das die Richtung wieder zu großen, fast Filmmusikreifen Stücken, geht um nun mit „Bastard“ wieder eher in mittelalterlichen Gefilden unterwegs zu sein. Back to the Roots sozusagen! (Maximilian Nitzschke)

Webadresse der Band: www.zita-rock.de

SEX PISTOLS - Never Mind The Sex Pistols


Erstveröffentlichung: DVD / Warner Vision

Die Sex Pistols kann man wohl unbesehen als die wichtigste britische Punkband ansehen, als Typ- und Trendsette, ohne die Sex Pistols hätte es Punk zwar trotzdem gegeben, aber vielleicht nicht in dieser Form. Trotz allem hatten sie nur eine ziemlich kurze Geschichte und sogar nur ein richtiges Studioalbum, dessen Coverartwork bis heute unzählige Male kopiert wurde. „NEVER MIND THE SEX PISTOLS“ ist eine Dokumentation, die in der Hauptsache aus Interviews besteht. Zu Wort kommen Malcolm McLaren, seines Zeichens Manager der Band, Glen Matlock, der Bassist aus den Anfangstagen, für den dann Sid Vicious kam, und Steve Diggle von den Buzzcocks, Wegbegleiter der Band. Doch auch weitere Wegbegleiter erhalten Gelegenheit, etwas zu sagen. Der Untertitel der Doku trägt den Titel „An alternative history – unofficioal documentary“. Dass der Film nicht von der Band autorisiert ist, liegt wohl auch daran, dass man keinen Ton Sex Pistols Musik zu hören bekommt, was ich eigentlich bei einer Musikdoku unumgänglich finde. Hin und wieder gibt es ein paar kurze. gedrehte Einspieler mit Schauspielern. Gedreht wurde das Ganze von Regisseur Alan Parker, der die Band seit ihren frühen Tagen begleitet hatte. Er gibt keine Kommentare zum Geschehen (obwohl auch er interviewtechnisch zu Wort kommt), er reiht die Interviews thematisch aneinander, sodass ein flüssiger Ablauf vom Entstehen bis hin zum Vergehen der Band sichtbar wird. Durchaus sehr interessant, wobei die spannendsten Dinge von Malcolm McLaren kommen, gerade weil er so umstritten ist/war, immerhin erzählt er hier zum ersten Mal öffentlich, dass er eigentlich nie eine Platte mit der Band machen wollte, um sie nicht in die typische Kommerzecke zu bringen. Ja, dass er die Musik der Band sogar nie besonders gut fand, einzig das Auftreten gefiel ihm. Ja, außer dass es keine Musik gibt und etwas mehr Bildmaterial von früher wünschenswert gewesen wäre, hat „NEVER MIND THE SEX PISTOLS“ wirklich Spaß gemacht und gute Einblicke in die Anfangstage des britischen Punk gegeben.

Die DVD ist bei Warner Vision erschienen und präsentiert das Ganze in 16:9 sowie in Englisch (Dolby Digital 2.0). Untertitel sind in Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch und Portugiesisch verfügbar. Weitere Extras gibt es keine. (H.H.)

JüRGEN DOMIAN - Der Tag, an dem die Sonne verschwand


Erstveröffentlichung: Buch 2008 / Heyne / ISBN 3453405366

Ein Mann namens Lorenz sitzt in seiner Hochhauswohnung, es ist Juli und irre heiß draußen. Doch dann verdunkelt sich der Himmel, es fängt an zu regnen, dann sinkt die Temperatur rapide und es schneit. Es schneit tagelang, so sehr, dass er nicht rausgeht. Irgendwann allerdings bemerkt er, dass er offenbar allein ist in der Stadt. Als das Wetter es zulässt, beginnt er seine Umgebung zu erforschen, doch seine Befürchtung bestätigt sich, er ist alleine…

Nighttalker Jürgen Domian hat ein Buch geschrieben. Ein Katastrophendrama. Man konnte natürlich davon ausgehen, dass das Buch kein hirnloser, oberflächlicher Müll ist. So hat es sich dann auch bestätigt, die Figur Lorenz ist recht gelungen tiefgründig charakterisiert. Lorenz schreibt in Tagebuchform über seine Lage, verliert sich aber auch immer zwischendurch in seiner Vergangenheit, auf die er nicht besonders stolz ist. Er war zwar sehr verliebt, doch hat er sich einiges vorzuwerfen, was ihn nun sehr wurmt. Das ist alles auch ganz okay. Achtung, es folgen Spoiler. Eigentlich bin ich ein Freund von Dingen, die offen sind, wenn es keine alles lösenden Erklärungen gibt und ein Ende komplett offen ist. In diesem speziellen Fall allerdings nervt es etwas. Es gibt nicht den Ansatz einer Erklärung, ein paar vage Vermutungen werden ausgesprochen, aber das ist auch schon alles. Wenigstens einen Wink, in welche Richtung es geht mit der Katastrophe, hätte es geben müssen. So beschleicht einen die ganze Zeit das Gefühl, dass es Domian einzig und allein darum ging, irgendein Szenario zu entwickeln, in der ein Mensch auf sich alleine gestellt ist und Zeit hat, über sich selbst zu reflektieren. Da hätte es aber ein Verlies oder eine einsame Insel ebenso getan. Und was ich am schlimmsten finde: Das Ende, das ja im Grunde ein Neuanfang für Lorenz ist, lässt den Leser irgendwie unzufrieden zurück. Und warum? Ganz einfach, denn man denkt: So, jetzt geht es endlich los. Das alles vorher war langweiliges Vorgeplänkel, jetzt geht es hinaus in die Welt, jetzt wird es spannend. Und dann ist Schluss. Das lässt etwas unbefriedigt zurück. Doch Domian kann dieses im Grunde einzige richtige Manko neutralisieren, nämlich indem er eine Fortsetzung schreibt. Und in dieser Fortsetzung auch etwas intensiver auf die Umstände eingeht. Von nun an könnte es ein genialer Endzeitroman geben, und zwar einen mit einer gut eingeführten und tiefgründigen Figur. Das ist meine dringende Bitte an den Autoren. Das wäre einer der wenigen Fälle, in denen eine (gut geschriebene) Fortsetzung den ersten Teil noch deutlich aufwerten könnte. (H.H.)

ATOMIC - Coming Up From The Streets


Erstveröffentlichung: CD 2008 / Dandyland / Cargo Records

ATOMIC, ein Bandname, der an viele mögliche Ursprünge denken lässt, sowohl an einen Song von Blondie, als auch an einen bekannten Club in München. Wer will, kann ja auch was Politisches reininterpretieren, aber damit ginge man wahrscheinlich zu weit. Hingegen würde die Band ziemlich gut in das Programm des Atomic Cafe in München passen und das Gespür für eingängige Popsongs könnte glatt von Blondie geerbt sein. Was nun wirklich Hintergrund des Bandnamens ist, weiß ich nicht, ist aber auch völlig egal. Die mir vorliegende CD-R in bedruckter Papphülle hat jedenfalls keinerlei weitere Infos enthalten (oder die sind bei mir irgendwo verloren gegangen). So muss ich mir wohl oder übel eine eigene Meinung anhand der Musik bilden, was ja eigentlich auch ganz prima ist und Schreiberlinge davon abhält, nur irgendwelche Waschzettel abzuschreiben.
ATOMIC kommen aus Deutschland und machen Gitarrenmusik, irgendwo zwischen Pop und Rock und legen hier ihr drittes Album vor. Und sie machen das richtig gut, wobei die fünf jungen Herren alles Mögliche an Einflüssen aus den letzten gut 40 Jahren in sich aufgesogen haben. Grundsätzlich darf man die Musik irgendwo zwischen dem Spät-80er Indie-Pop und dem 90er Brit-Pop einsortieren, natürlich absolut zeitgemäß klingend, was wiederum Bezug zum „neuen“ Brit-Pop-Hype (Keane, Coldplay, Arctic Monkeys, Babyshambles...) aufkommen lässt. Die Einflüsse sind aber so vielfältig, dass man von den Beatles und Beach Boys bis Oasis, Blur und Konsorten jede Menge Anklänge wieder findet, was aber zu einem durchaus eigenem, sehr gefälligen Gebräu vermischt wird. Interessanterweise erinnern Stücke wie „Soul Sister“ und „Magic Daydream“ sogar ein bisschen (entfernt) an Placebo, vor allem, was den Gesang angeht. Ohrwurmmelodien sind hier das A und O und wenn dazu auch noch mal leichte Ska-Anklänge durchkommen („Oh Suzanne“), macht das die Band nur noch sympathischer. „The Good Souls“ hätte musikalisch das Zeug, in England zu einer Hymne in den Fußballstadien zu werden, „High & Fall“ ist eine sehr schöne Ballade zum Albumausklang, die auch Chartspotential liefert. Mir hat schon das 2005er Album „Wonderland Boulevard“ gut gefallen und auch „Coming Up From The Streets“ ist absolut gelungen, auch wenn es, und das ist der einzige kleine Kritikpunkt, ruhig etwas „dreckiger“ hätte produziert werden können, aber ich bin sicher, das macht die Band live in den Clubs doppelt und dreifach wieder wett.
Hier wird bester Gitarren-Pop/Rock abgeliefert, der sich auch international absolut nicht verstecken muss. (A.P.)

DIE CHEFS - Keine Emotionen Bitte


Erstveröffentlichung: LP 1982 / Risiko / 296054-315

DIE CHEFS habe ich erstmals irgendwann auf einem Sampler mit dem großartigen „Rette Sich Wer Kann“ gehört, konnte die LP aber lange Zeit nirgends bekommen, was wohl auch daran lag, dass die Scheibe damals wegen „sexistischer“ Texte indiziert wurde. Die Originalplatte von 1982 und die LP/CD-Wiederveröffentlichung von 1989 sind kaum irgendwo aufzutreiben und so hat Sänger Patrick Heischrek, der später auch Soloplatten gemacht hat, das Album als Download bereit gestellt
Los geht’s mit „Chauvinist“ noch klar am Sound der 70er Jahre orientiert, wobei der Text das bietet, was der Titel verheißt. Guter Song, der aber mit der Idee der eigentlichen Neuen Deutschen Welle wenig zu tun hat. Statt Gitarrensolo gibt es hier halt einfach ein Synthie-Solo am Ende, was natürlich moderner klingt. Weitaus peppiger und zeitgemäßer (auf 1982 bezogen) klingt da schon die Singleauskopplung „Trabant“. Das ist ein richtig schöner NDW-Titel, der für das Jahr 1982 ziemlich typisch ist und durchaus auch mehr Aufmerksamkeit hätte erregen können. Auch „Reich Sein“ passt perfekt in die Zeit, inklusive Saxophon-Gequietsche, und geht als leichtere Variante von Bands wie Lichtblick oder Jawoll durch, natürlich nur musikalisch und nicht bezogen auf den Gesang. „Banane-Zitrone“ kommt fast Kinderlied-artig rüber und erinnert nicht nur aufgrund des Textes ein wenig an die frühen Ärzte (die aber erst später kamen). Schöner Ohrwurm, der auch noch mal auf der „Trabant“-B-Seite verbreitet wurde. Richtig schön wavig ist dann erstmals „Zusammensein“, ein melancholischer Hit erster Güte. Dann die NDW-Hymne der Band, „Rette Sich Wer Kann“, ein Song der heute eigentlich viel kultiger und bekannter unter Fans und Sammlern sein müsste. Dürfte auch Minimal-Freaks gefallen. Schwächer wird es gleich danach wieder bei „Oberficker“, was textlich „böse“ ist, aber musikalisch doch noch deutlich beim Deutsch-Rock der 70er hängen geblieben ist, geht so ein bisschen in Richtung früher Westernhagen. So geht es dann auch gleich bei „Ich Sitze Hier Angelehnt“ weiter, wobei das musikalisch noch seichter und unaufregender ist. Meiner bescheidenen Meinung nach, der Tiefpunkt des Albums. Etwas „welliger“ wird es dann noch mal bei „Softies Sind Versager“ mit schön abgehacktem Rhythmus, aber immer noch deutlichen Deutsch-Rock-Anklängen
„Frauenkörper“ ist zum Ende ein relativ langes Lied, aber durchaus tanzbar und nimmt so einiges vom Sound der folgenden Jahre vorweg. Nicht besonders wavig, sondern eher etwas funkig und ziemlich eingängig. Der Text beschränkt sich auf die Aussage „Frauenkörper find ich toll, Frauenkörper find ich wundervoll“.
Warum die Platte damals indiziert wurde, ist heute kaum noch nachvollziehbar, denn zum einen ist die Sprache insgesamt derber geworden und zum anderen ist die Ironie doch durchaus hörbar. Würde heute niemanden mehr schocken. Musikalisch kann die Scheibe bei weitem nicht so viel Aufmerksamkeit erregen, wie mit den Texten, denn hier wird nur alles mögliche zusammen gemixt, was es Anfang der 80er an Musikstilen gab und es ist deutlich zu hören, dass die Bandmitglieder noch in den 70er Jahren musikalisch sozialisiert wurden, zudem ist die Produktion insgesamt auch etwas zu ecken- und kantenlos, dafür aber sehr gefällig. Man muss schon sagen, dass einige richtige Hits auf der Platte sind, mit etwas mehr Mut aber eine weitaus bessere LP dabei hätte herauskommen können. So aber nur eine typische 1982er Platte, mal abgesehen von den Texten. (A.P.)

Webadresse der Band: www.heischrek.eu

SLIME - Alle Gegen Alle


Erstveröffentlichung: CD 1989 / Aggerssive Rockproduktion / SPV

Noch ein wenig unter dem Eindruck der Ausschreitungen am 1. Mai 2008 während einer Konfrontation zwischen Nazidemo und Antifa-Widerstand in Hamburg, inklusive völlig hilfloser Polizei, musste ich heute nach langer Zeit mal wieder ein SLIME-Album auflegen, denn auch, wenn diese Band schon lange das Zeitliche gesegnet hat und Millionen aktuelle deutsche Punkbands existieren, hat die Hamburger Gruppe immer noch die besten Demo-Soundtracks erschaffen, die aus heutiger Sicht zwar hier und da ein wenig „einfach“ und parolenhaft wirken, aber nach wie vor das Lebensgefühl der frühen 80er Jahre transportieren. Und nachdem die erste SLIME-LP wirklich etwas stumpf war (aber zu Recht ein absoluter Klassiker ist) und „Yankees Raus“ bereits etwas differenzierter vorging, so ist das dritte Album „Alle Gegen Alle“ wohl nicht nur musikalisch das sicherste, sondern auch textlich-inhaltlich das am weitesten entwickelte. Die Texte haben Sinn und Verstand und liefern nicht nur einfache Parolen, bleiben aber immer noch eingängig und mitgröhlbar. Mit „Linke Spießer“ wird durchaus schon Kritik an der eigenen Szene geübt, mit „Störtebeker“ ist ein echter Evergreen entstanden, bei „Religion“ ist klar, um was es geht, „Nazis Raus“ interpretiert kongenial den alten Beton Combo-Song und mit „Ich Will Nicht Werden“ huldigt man Ton Steine Scherben als Keimzelle des deutschen Polit-Rocks. „Etikette Tötet“ dürfte auch Fans der anderen Hamburger legende Razzia gefallen und „Guter Rat Ist Teuer“ stimmt inhaltlich auch durchaus selbstkritische Töne an und dürfte ein Statement zur damaligen Bandauflösung sein. Auch ohne die „Bullenschweine“- und „Polizei SA/SS“-Hymnen der Frühzeit beweisen SLIME einmal mehr, dass sie mit Abstand die wichtigste Hamburger Punkband überhaupt waren und mit „Alle Gegen Alle“ haben sich auf jeden Fall das gehaltvollste Album vorgelegt, das man auch ohne ein paar Bier oder auf einer Demo als Soundtrack sehr gut hören kann. Prädikat: Klassiker! (A.P.)

KLEINSTADTHELDEN - Resignation Und Aufstehen


Erstveröffentlichung: CD 2008 / Moss Beach Music / Rough Trade / MBM 667012

Der Waschzettel zu dieser Debut-CD der Norddeutschen KLEINSTADTHELDEN beginnt mit den Worten „Die Vier hier sind die Guten“. Das lässt einiges erwarten oder auch den Verdacht auf den nächsten Pseudo-Hype hochschnellen. Vier Anfang-20er, die hier in positiven gut 30 Minuten, so kommen keine Längen auf, ihren Blick auf unsere Welt vorstellen. Ganz richtig öffnet das Label dafür die Schublade Emo-Rock, was ja passenderweise auch derzeit ziemlich angesagt ist. Dazu eine gehörige Portion Indie-Gitarren, etwas Power-Pop und auch ein bisschen guter alter Punk-Rock, dazu solide deutsche Texte ohne Peinlichkeiten. Was die Produktion der CD angeht, wird ein bisschen Namedropping (Kettcar, Tomte, Delniros, Beatsteaks, Wir Sind Helden...) betrieben, was einerseits natürlich verständlich ist, andererseits aber möglicherweise zu hohe Erwartungen weckt, die dann vielleicht nicht erfüllt werden können. Zudem klingen die KLEINSTADTHELDEN auch gar nicht nach diesen Gruppen, sondern passen eher in eine Schublade mit Größen wie Schrottgrenze oder Muff Potter. Hier und da noch ein bisschen Eingängigkeit von Gruppen wie Karpatenhund oder den leider unbekannten Porno Pony und heraus kommt ein Laune machender Erstling, der, wenn die Band noch ein bisschen eigenständiger wird, noch einiges erwarten lässt. Macht Spaß, also unbedingt mal antesten! (A.P.)

CINEMA BIZARRE - Interview 2008




Interview mit Cinema Bizarre in München am 22.04.2008

Interviewpartner: Strify (Leadsänger), Yu (Gitarrist), Luminor (2nd Voice, Background)

1.Wie sieht es bei euch dreien denn mit der Nervosität aus vor den Auftritten?

Strify: Also gerade aktuell bin ich ich gar nicht nervös, eher gelangweilt.Die letzten fünzehn Minuten vor der Show bin ich dann immer tierisch nervös. Ich laufe hin und her und benötige oft ein bisschen Zeit um dann wieder runterzukommen. Aber irgendwie will ich es wohl auch, dass ich dann so nervös werde. So kann ich die Energie sammeln, die ich dann für die Bühne brauche. Ich glaube, wenn man nicht in irgend einer Form nervös wäre, dann würde man die Auftritte viel zu routiniert machen. Genau das will man ja aber auf der Bühne vermeiden, schließlich geht es darum authentisch zu sein jeden Abend.

Yu: Nein nervös bin ich auch noch nicht, aber ich hab ja noch 2 Stunden Zeit! *grinst* Bei mir ist es so, dass ich oft vor dem Auftritt zu ruhig bin. Dann bekomm ich fast nen schlechtes Gewissen vor der Show, wenn ich nicht wie die anderen nervös bin. Wenn ich dann ersteinmal auf der Bühne bin , dann gibt man eh volle Power und macht sich da keinen Kopf mehr drum!

Luminor: Bei mir ist das mit Nervosität vor der Show so eine Sache, denn das hängt von den einzelnen Tagen und meiner Stimmung ab. Mal bin ich völlig nervös kurz davor und mal ganz entspannt. Was mich eher immer nervt, ist die endlose Wartezeit nach dem Soundcheck bevor die Show selber losgeht. Diese Zeit gilt es immer irgendwie totzuschlagen. Das ist oftmals sehr sehr langweilig!

2. Der Slogan „Style is war“ prägt euer Erscheinungsbild, was genau aber verbindet ihr mit diesem Ausspruch?

Luminor: Stimmt das ist zu unserer Parole geworden, die, wie ich finde, uns gut beschreibt. Mit Style ist nicht nur eine bestimmte Moderichtung gemeint, sondern vielmehr auch der individuelle Lebensstil. Sieh uns selbst an, wir sind für viele Menschen sicherlich provokant mit unserem Auftreten und Look, aber es ist unser ganz persönlicher Style im Leben. So denke ich, gibt es immer wieder Situationen, wo man bei anderen Menschen auf Wiederstand stößt, für sich selbst kämpfen muss, um Toleranz und Akzeptanz zu erfahren. Diese Gedanken stecken für mich persönlich hinter diesem Satz!

Yu: Ja letztlich geht es uns darum zu sagen, „kämpfe für dich selbst!“ und fordere dir die dir zustehende Toleranz ein im Leben. Jeder ist anders und individuell und das gilt es zu respektieren!

Strify: Dieser Satz ist dadurch entstanden, dass jeder von uns schon die Erfahrung gemacht hat, einfach mit seinem Style angeeckt zu sein. Das empfinde ich persönlich zwar immer etwas merkwürdig, aber leider ist es eben so. Es ist dasselbe, wenn du eine andere Sexualität hast, eine andere Religion oder Hautfarbe. Immer, wenn irgend etwas nicht konform läuft, wie eben bei uns unser Aussehen, eckt man an und muss dafür kämpfen, anerkannt zu werden. Deswegen ist dieser Slogan letztlich auch unser Aufruf an unsere Fans, tolerant zu sein und andere Menschen so zu akzeptieren, wie diese eben einfach sind.

3. Was empfindet ihr selber denn als stilisch, wenn wir schon dabei sind, jeder von euch ist ja doch sehr unterschiedlich zurechtgemacht?

Luminor: Mhmm das ist gar nicht so einfach zu beantworten, aber es stimmt sicher, dass jeder sehr individuell ist in seinem Äußeren. Ich denke bei mir selbst ist zwar der Gothiclook vordergründig, aber es gibt auch wieder genügend, was mich stilistisch aus dieser Musikrichtung herausnimmt. Eine reine Kategorisierung in diese Schublade ist bei mir nicht möglich, denn ich halte Stil auch für eine sehr persönliche Empfindung. Ich versuche immer mit meinem Aussehen auch authentisch ich zu sein, so dass ich von mir sagen kann, dass mein Äußeres auch mein Inneres wiederspiegelt.

Strify: Mhmm das ist für mich auch reine Definitionssache, ähnlich wie Luminor das gerade beschrieben hat. Bei uns spielt sicher im Styling die Ästethik von Visual Kei eine stärkere Rolle noch als bei Luminor, aber wir sind damit ja auch keine klassische Visual Kei Band in diesem Sinne. Also denke ich, dass man auch mich nicht eindeutig auf einen Stil festmachen kann.

Yu: Für mich müssen mir die Sachen die ich trage auch gefallen, so dass Stil für mich das ist, was mir persönlich gefällt und zusagt. Ich muss mich beim tragen wohlfühlen und meinen individuellen Geschmack verkörpern!

4.) Ihr habt neben dem auffälligen Styling auch recht auffällige Künstlernamen, bieten diese euch auch einen Schutz nicht zu viel Privatsphäre preisgeben zu müssen? Ich habe im Forum gesehen, dass offenbar einige Fans viel Zeit damit verbringen, hinter eure realen Namen zu kommen…

Luminor: Also ich betrachte Luminor eigentlich nicht mehr als Künstlernamen. Sogar in meiner Familie werde ich mittlerweile so genannt. Natürlich wissen einige Freunde oder die Familie wie ich wirklich heiße, aber letztlich ist auch das nur ein Name eben. Ich finde Luminor persönlich den stärkeren Namen und deswegen benutz ich ihn häufiger!

Yu: Nun ich find Yu einfach den besseren Namen im Vergleich, aber es ist weniger ein Künstler- als ein Spitzname!

Strify: Unsere Künstlernamen sind ja Teile von uns über die Jahre. Wir haben uns nicht einfach für Cinema Bizarre neue Namen einfallen lassen, sondern haben uns schon vorher so genannt. Ich habe den Namen Strify damals von Yu bekommen und viele in meinem Umfeld nannten mich dann fortan so. Mein Vater nennt mich natürlich bei meinem richtigen Namen, aber dafür ist er auch mein Vater *lacht*. Sicher können mich Freunde von mir, die meinen echten Namen kennen, so nennen wie sie es möchten, aber ich selber habe eben Strify für die Band übernommen.

Yu: Stimmt ich hatte ihm den Namen damals gegeben, einfach weil ich ihn besser geeignet fand für ihn, es macht ihn außergewöhnlicher finde ich!

Luminor: Was die Suche nach unseren realen Namen angeht, klar versteht man, wenn einige Fans versuchen hinter unsere Namen zu kommen. Was ich allerdings nicht verstehe ist, wenn ich dann Mails bekomme, wo Fans wirklich ihre ganze Energie aufwenden, dieses kleine Detail herauszufinden. So etwas find ich, bei aller Liebe, dann doch etwas übertrieben!

5.) Wenn ich das richtig mitbekommen habe, habt ihr euch auf einer Mangaconvention und vorher im Internet kennengelernt, oder?

Strify: Ja das stimmt. Unsere Bandgeschichte begann letztlich mit Yu und mir, denn Yu hatte mich mal übers Internet angeschrieben. Uns beide verband unser Interesse an Musik und so kam der Gedanke, eine Band zu gründen. Das erste Mal haben Yu und ich uns dann 2005 auf einer Convention für Mangas real kennengelernt und dort Kiro, über Freunde von uns, kennengelernt. Wir drei merkten aber schnell, dass eine Band mit drei Jungs nicht komplett ist, und so lernten wir Luminor und Shin kennen. Ich wollte von Anfang an unsere Musik auch mit Schlagzeug und Elektronik versehen, und die Chemie stimmte untereinander. Das Internet war wirklich ein entscheidendes Medium bei der Gründung und Findung der Band, denn da wir zu Beginn von Cinema Bizarre auch alle noch an verschiedenen Orten lebten, war das unser Kontaktpunkt. Ideen wurden hin- und hergeschickt und so wurde Cinema Bizarre immer konkreter mit der Zeit.

6.) Eure Manager sind ja auch keine unbekannten Größen, zum einen Eric Burton und vor allem Tilo Wolff, von der erfolgreichen Gothicband Lacrimosa. Wie kam den dieser Kontakt zustande?

Strify: Die beiden haben uns auf einer Convention kennengelernt. Sie hatten uns dort gesehen, und fanden uns irgendwie interessant. So sind wir schließlich ins Gespräch gekommen. Ich kannte ehrlich gesagt Tilo Wolff vorher gar nicht…

Luminor: Doch ich schon, durch Lacrimosa war er mir natürlich ein Begriff. Aber ich selber komm eben eher aus der Gothicecke.

Strify: Ja klar Lacrimosa hatte ich auch schon mal gehört, aber ihn nicht gleich assoziert. Wir hatten auf der Convention im Gespräch eben erwähnt, dass wir eine Band sind, und sie wollten dann gern was von uns hören. Am Ende haben sie Gefallen an uns gefunden, so dass man von einer glücklichen Begegnung sprechen kann!

7.) Musikalisch werdet ihr mit einem neuen Begriff beschrieben I-POP, aber was genau macht das den aus, könnt ihr eine Begriffsdefinition geben?

Strify: Den Begriff I-Pop haben wir selber ausgedacht. Wir hatten so ein bisschen rumgesponnen und suchten nach einem Begriff der etwas eigenes beschreibt und Wiedererkennungswert hat. Da man uns zum Glück nicht in eine bestimmte musikalische Schiene drücken kann, da wir Einflüsse haben aus der Popmusik, aus der Rockmusik, aus den 80ern und New Wave, wollten wir einen individuellen Begriff. Unsere eigene Individualität sollte sich auch musikalisch niederschlagen und folgerichtig auch in dem Begriff dafür. Man kann den Begriff auch je nach Laune unterschiedlich lesen, einmal als I-Pop im Sinne von Internet – Pop, was bei unser Bandfindung und Bekanntwerdung eine große Rolle spielte. Dann auch Eye – Pop wenn man es ausspricht, was dann wieder für die starke visuelle Kraft unserer Auftritte und unser Styling stehen würde. Außerdem kann man das I auch als Intelligent – Pop lesen, was wieder unsere textlichen Inhalte beschreiben würde. Eigentlich hatten wir den Begriff nur so für uns überlegt, aber am Ende hat sich, mit der Plattenfirma zusammen, der Begriff für unseren Stil duchgesetzt.

8.) Ich habe gelesen, das ihr Yu und Strify zusammen mit Kiro in Berlin in einer WG wohnt. Dann seid ihr doch aber auf Tour auch dauernd zusammen, gibt’s da nicht Reibereien?

Strify *lacht*: Also vor der ersten kleineren Clubtour hatten wir schon ziemliche Skepsis als wir in den Tourbus eingestiegen sind, ob das denn gut geht. Aber wir haben festgestellt, dass wir hervorragend auskommen zusammen. Zu Hause ist das oft viel schwieriger, den wir drei sind doch ganz verschiedene Egos die ihren Platz brauchen. Kiro zum Beispiel ist totaler t.a.t.u Fan und entsprechend oft läuft bei ihm ihre Musik. Mittlerweile kann ich es fast nicht mehr hören, da reibt es sich dann mal, und ich mach ihm klar, er soll doch die Tür zu machen.
Auf Tour ist das anders, da nimmt man doch mehr Rücksicht aufeinander. Musik hören wir dann doch eher mal über Kopfhörer für uns selbst, oder zügeln unser Ego etwas.

Yu: Wir sind ja auf Tour nicht alleine, es sind immer andere um uns, auf die man auch reagiert und so entstehen Kompromisse die man instinktiv eingeht. Tour ist immer anders als zu Hause.

Strify: Ja zu Hause ist echt der größte Streitpunkt Musik, was im Bus eben so nicht entsteht. Oder wenn einem zu Hause langweilig ist, dann kann das auch nervig sein, ist es aber auf Tour auch eigentlich. Man wartet halt einfach zuviel auf Tour irgendwo und langweilt sich dann entsprechend.

Luminor: Na ich wohn in Berlin alleine, hab also die WG Streitpunkte weniger *grinst*

Strify *grinst auf Luminors Bemerkung*: Mittlerweile ist es bei uns ja auch so, dass wenn man sich mal 2 Wochen nicht gesehen hat zu Hause, wir uns doll auf den anderen freuen. Die Freude auf das Wiedersehen ist sofort da, denn es fehlte etwas in der Zeit. Man ist schon eine kleine Familie irgendwie.

9.) Ich hab etwas in eurem Forum gestöbert und unter Gerüchten zwei Sachen gefunden die ich spannend fand, die Gerüchteküche bei euch scheint zu brodeln. Strify, du bist angeblich schwul und Kiro wird für bi gehalten. Was sagt ihr denn zu diesen Gerüchten?

Strify: Solche Dinge tauchen immer wieder auf, dass man uns für schwul oder eben wie bei Kiro für bi hält. Ich habe es im Forum gesehen und sehr gelacht darüber. Es ist ganz klar, dass wir durch unser Styling wirken. Jungs die sich schminken und mit Kajal rumlaufen, wirken androgyner, womit wir ja auch gerne und immer wieder spielen. Letztlich ist aber unsere Sexualität eine völlig private Sache die auch keinen etwas angeht, außer uns fünf eben. Deswegen sagen wir dazu auch nichts im Forum oder in der Öffentlichkeit!

Luminor: Wie Strify meinte, androgynes Aussehen verleitet dazu so etwas anzunehmen. Ich laufe ja nun schon eine Weile mit diesem Look herum, und wurde öfter für schwul gehalten. Der Look verleitet einfach dazu glaub ich. Aber mit Cinema Bizarre sagen wir ja genau das, seid tolerant Menschen gegenüber die aus den Mustern herausfallen.

10.) Euer letzter großer TV Auftritt war der Vorentscheid zum Grand Prix in Hamburg, wie kam es denn zu dieser Auswahl überhaupt?

Luminor: Das war lustig muss ich sagen. Als die Anfrage von unserem Managment kam, fühlten wir uns einerseits geehrt und anderseits waren wir sehr belustigt, dass man uns gefragt hatte. Beim Auftritt selber war die Athmosphäre dort aber sehr eigenartig, denn dort saß eher das klassisches Theaterpublikum drinnen. Das hatte mich dann doch irritiert! Also mir hat es insgesamt nicht so zugesagt!

Strify: Also die Anfrage, ob wir daran teilnehmen wollen, kam von unserem Managment. Anfangs waren wir von der Idee sehr belustigt und haben dann doch zugesagt, weil es eine Chance war mehr Leute mit unserer Musik zu erreichen. Es war schon ein besonderes Erlebnis die vielen Leute dort im Hamburger Schauspielhaus zu erleben, zumal es auch unsere erste größere TV Show in dieser Form war. Mit welchem immensen Aufwand dort gearbeitet wurde, war einfach mal interessant mitzuerleben. Das Publikum war dann aber doch eher Theaterpublikum, wo die Blicke zum Teil doch recht skeptisch waren als wir auf die Bühne kamen. Uns war wichtig, wir liefern gute Unterhaltung und haben Spass dabei. Ich fands geil dort im Schauspielhaus, diesem ehrwürdigen Gebäude aufgetreten zu sein, auch wenn meine Stimme an dem Abend ziemlich mies war. Ich war durch die Stimmbandentzündung vollgepumpt mit Cortison um den Auftritt überhaupt zu schaffen. Optisch hatten wir uns für Metropolis im Hintergrund entschieden um allem noch mehr Glamour zu verleihen, aber das wir gewinnen würden, hatte ich ehrlich gesagt von Anfang an nicht erwartet. Wir konnten durch den Contest mal ein anderes Publikum erreichen und miterleben wie es dort in Hamburg so ablief.

Yu: Na ich war auch sehr belustigt über die Anfrage, aber hab mich dann drauf gefreut. Das wir gewinnen würden, davon bin ich auch nicht wirklich ausgegangen, aber wir waren dabei und durften das mal miterleben!

11.) Ihr habt mittlerweile 3 Videos produziert, Lovesongs, Escape to the stars und Forever or never, welches war denn der interesanteste Dreh für euch?

Strify: Mhmm bei mir war das Lovesongs they kill me, sicherlich auch weil es der erste Videodreh war. Das Video hat eine sehr kühle Atmosphäre, diese Puppen ohne Frisuren. Eine völlig gleiche Masse ohne Identität sollten diese bilden, in der wir hervorstechen in diesen bläulichen Tönen. Etwa 60 – 100 Leute waren an diesem Videodreh beteiligt und es ist ein komisches Gefühl, wenn alle Augen auf dich gerichtet sind. Bei Escape to the stars war beim drehen nicht ganz klar, wie das am Ende wirken wird, da wir hier viel mit Computertechnik gearbeitet haben. Wir fünf wurden in die Bilder oftmals integriert und der Gesamtästhetik angepaßt. Bei Forever and never waren wir alle extrem müde an diesem Tag, da wir die Tage zuvor nur Streß hatten, aber wenig Schlaf. Man hatte den Videodreh so reingedrückt, weil es der letzte freie Termin war, und entsprechend schwer konnten wir uns aufraffen. Wir waren saumäßig fertig, aber der Dreh war dann sehr lustig und das Ergebnis ist schön geworden!

Luminor: Bei mir wird auch Lovesongs in besonderer Erinnerung bleiben, eben weil er der erste war. Die gesamte Atmosphäre und Stimmung des Songs wurde super umgesetzt einfach, und wir waren alle sehr nervös damals. An Forever and never hab ich nur horrormäßige Erinnerungen, eben dadurch das wir alle völlig fertig waren an dem Tag. Es war obendrein auch der längste Dreh von den bisherigen Videos und war einfach nur eine Tortour! Escape to the stars war sehr überraschend, da wir erst nach dem Dreh wirklich eine Ahnung bekommen hatten, wie es mittels Computer wirken wird. Ich finde es super gelungen!

Yu: Für mich ist auch Lovesongs der Dreh an den ich mich immer erinnern werde. Die Kulisse in der wir uns bewegt haben war einfach perfekt. Die ganze Aufregung was jetzt passieren würde beim ersten Dreh, daran erinnere ich mich gern. Mit Escape to the stars war dann die Erfahrung schon da und man wußte besser, was auf einen zukommt. Und über den Dreh von Forever reden wir besser nicht, da waren alle einfach viel zu fertig für!

Habt lieben Dank Jungs für eure Zeit und einen schönen Auftritt hier in München!

Strify: Gerne, wünsch dir viel Spaß in der Show!

Euch natürlich auch! (Maximilian Nitzschke)



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