INDUSTRIEGEBIET - Hodenkapsel


Erstveröffentlichung: CD 2008 / Körperschall Records/Echozone / BobMedia / BM08C189

Seit Computer immer billiger geworden und die passenden Musikprogramme leicht zu bedienen sind, ist es für Musiker im elektronischen Bereich immer einfacher geworden, ihre Ideen qualitativ hochwertig umzusetzen. Das ist jetzt gar nicht mal allzu kritisch gemeint, denn überhaupt was Kreatives zu machen ist allemal besser, als nur zu konsumieren. Vor allem in den 90er Jahren, als Düster-Electro und Power-Electronics richtig angesagt waren, kam dann allerdings jede Menge Kram auf den Markt, der weit unterdurchschnittlich war und nur bereits Bekanntes kopierte. Das hat sich inzwischen glücklicherweise ein wenig gebessert, auch, wenn immer noch viel Kram erscheint, der es in den 80ern und frühen 90ern kaum auf die weit verbreiteten Tapesampler geschafft hätte. Und da tauchen plötzlich wie aus dem Nichts INDUSTRIEGEBIET mit ihrem Debutalbum „Hodenkapsel“ auf (hmmm, ein Konzeptalbum ist das nicht und einen Song mit dem Titel gibt es auch nicht, und provozieren tut das sowieso niemanden mehr, also welchen Sinn hat dieser Albumtitel?) und ich habe mich auf eine gelangweilte bis verreißende Kritik vorbereitet. Schon die Bilder von halbnackten, blutbeschmierten Kerlen (oder ist das eine eine Frau?) im Booklet lassen schlimmes erahnen, doch soweit kommt es gar nicht. Liest man einige Songtitel wie „Jesus Christus Schluckt“, „Musikalische Früherziehung“ oder auch „Sex Mit Einer Leiche“, so darf man als Zyniker durchaus auf entweder extrem klischeehafte Tracks hoffen, die man dann schön niedermachen kann, oder auf eine gesunde Portion Humor. Und ganz klar, letzteres ist der Fall! Die beiden INDUSTRIEGEBIETler scheinen eine gesunde Selbstironie zu haben und übertreiben die Szene-Klischees sehr schön. Hier gibt es durchaus Parallelen zu Elesde oder in jüngerer Zeit Soko Friedhof, auch musikalisch. Die Tracks sind extrem tanzbarer Electro-dustrial, der gerne auch mal an Acts wie Dive, Nobdrun oder Noisex erinnert und sicher für einige Bewegung in den Clubs sorgen wird. Dazu gibt es vor allem Stimmsamples aus Filmen, die das klischeehafte noch ordentlich auf die Spitze treiben. „Sex Mit Einer Leiche“ dürfte einer der kommenden Clubhits der Saison sein. Wenn ich das alles also nicht völlig fehl interpretiere, sind hier zwei Leute am Werk, die Spaß an der Szene haben und durchaus kraftvollen Electro-Sound abliefern, der das alles mit einem Augenzwinkern sieht. Da in den Clubs eher nicht auf die Texte geachtet wird, wird sich wohl kaum ein Grufti angegriffen fühlen und die DJs werden mit der CD ihre Freude haben. Für zu Hause ist das eher nicht so das Richtige, aber das gibt der Text im Waschzettel auch unumwunden zu.
Sehr schön ist auch der Videoclip von „Sex Mit Einer Leiche“, den es auf der Bandwebsite und You Tube zu sehen gibt, wurden hier doch sehr nette Aufnahmen eines „Zombie Walks“ verwendet (wer nicht weiß, was das ist, gebe bei You Tube mal „Zombie Walk“ ins Suchfeld ein). (A.P.)

Webadresse der Band: www.myspace.com/industriegebiet


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