DELAYSCAPE - Morse Disco


Erstveröffentlichung: Doppel-CD 2010 / Anna Logue Records / Anna 027.2010

Ja, im Hause Anna Logue Records gibt es immer was zu entdecken, neben (Wieder-) Veröffentlichungen von mehr oder weniger bekannten Acts aus den 1980er Jahren liegt nun ein Doppel-Album eines zeitgenössischen Musikers aus Dänemark vor. Flemming Kaspersen ist Mitglied in mehreren Bands und hat unter dem Namen DELAYSCAPE auch seit Anfang des Jahrtausends einige Aufnahmen vorgelegt, die wohl bisher nur bei diversen Netlabels veröffentlicht wurden. Für diese erstmalige CD-Veröffentlichung wurden die Stücke mit einigen bisher unveröffentlichten Sachen ergänzt und im Hause The Silicon Scientist soundtechnisch remastered. Eigentlich handelt es sich um zwei eigenständige Alben mit den Titeln „Music For Dancing At Home“, das die rhythmischeren Tracks enthält und „Music For Frozen Journeys“ mit den eher ambienten Sachen.
Der Titelsong „Morse Disco“ eröffnet die erste CD gleich mit ziemlich fetten Electro-Sound, der seine Einflüsse klar aus den 80er Jahren zieht und atmosphärisch-soundtrackartig auf das vorbereitet, was folgen soll. „Two Small Incisions“ zeigt einmal mehr, welch großen Einfluss der Soundtrack von „The Blade Runner“ auf die moderne Popmusik hatte, das Stück könnte direkt aus diesem Filmklassiker stammen und erinnert auch an so manches Stück von John Carpenter für seine Filme (beziehungsweise an die Disco-Versionen davon) oder an die Italo-Band Hypnosis. Auch manches von Laser Dance kommt einem bei einigen Stücken der ersten CD in den Sinn und der CD-Titel „Music For Dancing At Home“ ist mehr als passend, denn obwohl die meisten Stücke durchaus tanzbare Rhythmen haben, eignen sie sich aufgrund der sehr schwebenden Atmosphäre und Melancholie eher nicht für die Clubs. Wunderbar ist jedoch, dass durchgehend Eingängigkeit mit interessanten Sounds kombiniert wird und hier und da kommen auch mal Kraftwerk-Erinnerungen auf, sogar Depeche Mode in ihrer Mitt-80er-Phase (naja, nicht gerade die Singleauskopplungen, eher die Mixe und B-Seiten) dürften hier ihre Spuren hinterlassen haben. Nun bin ich an sich kein großer Fan von Instrumentalmusik. Ich mag da einiges, aber ein ganzes Album ist mir oft zu lang, vor allem, wenn sich alles weitgehend im gleichen Stil durchschlängelt. Auch hätte für meinen Geschmack das eine oder andere Stück etwas kürzer sein dürfen, obwohl die meisten eine Laufzeit von drei bis viereinhalb Minuten haben, also nicht überlang sind. So vollkommen ohne Gesang erscheint es mir oft eher wie Hintergrundmusik, die ich gut hören kann, während ich am Computer arbeite, aber einige Tracks sind wirklich großartig und bleiben so auch länger hängen.
Das zweite Album „Music For Frozen Journeys“ verdient seinen Namen nur bedingt, denn unterkühlte Klänge gibt es eigentlich nicht zu hören, sondern eher sehr warme Soundscapes, die teilweise fast schon in den reinen Ambient-Bereich gehen. Wäre das Ganze etwas experimenteller, hätte ich das Album auf Treue um Treue / Reue um Reue erwartet. So aber bleibt es trotz eher dunkler Stimmung doch auch oft eingängig. Es gilt insgesamt aber das gleiche wie für CD 1: für meinen ganz persönlichen Geschmack etwas zu lang geraten, um meine Aufmerksamkeit über die ganze Laufzeit durchgehend zu fesseln.
Wie im Infotext ganz richtig geschrieben wird, kommen, wenn man die komplette Doppel-CD zusammenfasst, durchaus Erinnerungen an Skanfrom auf, vermischt mit den bereits genannten Bands, oder, um es einfacher zu beschreiben: es klingt etwas wie eine rein instrumentale Version von The Silicon Scientist. Ob das Zufall ist, oder eben an der Remaster-Arbeit von Stefan Bornhorst liegt, kann ich nur schwer beurteilen. Auf jeden Fall aber ein hörenswertes Album, das mich zwar nicht ganz so enthusiastisch zurücklässt, wie Marc von Anna Logue Records, aber sicher hin und wieder bei mir laufen wird.
Wie bei Anna Logue Records nicht anders gewohnt, ist das Artwork mal wieder einfach (im doppelten Wortsinne) schön geworden. Die relativ hohe Auflage von 1000 Exemplaren ist wohl der Hoffnung geschuldet, mit dieser Veröffentlichung breitere Hörerschichten anzusprechen, als nur die kleine Minimal-Electro/Minimal-Wave-Gemeinde. (A.P.)

Webadresse der Band: www.annaloguerecords.com


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