NO MORE - Midnight People & Lo-Life Stars


Erstveröffentlichung: CD 2010 / Rent-A-Dog / Al!ve / bone 3015-2

Wer hätte gedacht, dass die deutsche New Wave-Legende NO MORE über 20 Jahre nach Auflösung der Band noch einmal zurückkehren würde? Zwar nur als Duo, aber mit Andy Schwarz und Tina Sanudakura mit dem kreativen Kern.
Eine 7“ Single, eine Remix-CD und ein komplettes neues Album namens „Midnight People & Lo-Life Stars“, das im schlicht-schönen DigiPak daher kommt. Genau genommen hat sich eigentlich nichts dramatisches geändert, das heißt, die beiden Kieler haben nicht versucht, mit völlig anderer Musik nur vom Namen NO MORE zu profitieren, sondern liefern wunderbaren, hervorragend produzierten Wave-Sound ab, der alles andere als altmodisch klingt. Gleich der Opener „Il Tempo Reale“ haut ordentlich rein und erinnert ein wenig an so manches Stück von Lou Reed aus den 80er Jahren. „Sunday Mitternacht“ ist bereits von der 7“ bekannt und ein potentieller Clubhit. Schließt beinahe nahtlos an die „A Rose Is A Rose“-Phase an, als so langsam die orientalischen Klangeinflüsse den Minimal-Wave-Sound der Band infiltrierten. Sicher ein zukünftiger Band-Klasiker, der bestimmt auch bei den zahlreichen erfolgreichen Konzerten in ganz Europa für Begeisterung gesorgt haben dürfte. „Maybe Some Day“ ist eine Neuaufnahme des gleichnamigen Stückes von der allerersten Single der Band aus dem Jahre 1980 und macht aus dem Extrem-Minimal-Track einen tanzbaren Clubhit für die schwarzen Discos. 30 Jahre alt und immer noch – oder wieder - ein Ohrwurm. Im Titelsong „Midnight People & Lo-Life Stars“ hört sich Andys Stimme fast wie Blixa Bargeld an, wenn dieser mal wieder ein Die Haut-Stück interpretiert. Klingt schön entspannt-melancholisch und auch Nick Cave-Fans dürfen mal ein Ohr riskieren. Vielleicht der Geheimtipp dieses Albums? An den Lou Reed/Velvet Underground-Sound von „Il Tempo Reale“ schließt wieder „Esther Says“ an. Die dürften schon immer zu den Einflüssen von NO MORE gehört haben, man denke nur an die Coverversion „Waiting For The Man“ zurück. Aber auch Leonard Cohen-Platten haben sie bestimmt in ihrer Sammlung. Schön leichter Song, der aber nicht oberflächlich ist, Musik zum immer hören und tatsächlich eine neue Facette von NO MORE, die mir aber gut gefällt. Sphärisch, fast schon ambient, aber trotzdem durch die gute Produktion kraftvoll wird es bei „The Kores Of Stockholm“, das auch gut als Soundtrack funktionieren würde. Auch Joy Division/New Order scheinen hier ihre Spuren hinterlassen zu haben oder manche Sachen des 4 AD-Labels aus den 80ern. Sehr atmosphärisch und sehr gut. Einfach hörenswerter New Wave ist dann wieder „Warm Jet Stream“, wobei auch ein paar etwas rockigere Gitarren als gewohnt zum Einsatz kommen. Es folgt mit „Minnie Mouse Over Warsaw“ ein Song, der nicht so fröhlich ist, wie der Titel suggeriert, im Gegenteil, hier kommt der düsterste Song des Albums, der auch gut auf einer der alten Maxis von NO MORE hätte sein können. Dürfte vor allem den alten Fans gefallen. Im Stile von „Maybe Some Day“ und „Sunday Mitternacht“ geht es bei „Hands In The Dark“ weiter, ebenfalls ein NO MORE-New Wave-Knaller. „Inside 1979 – The Unpredictable Sky“ thematisiert die Umbruchzeit Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre. In einer düsteren Soundcollage werden Ereignisse der damaligen Zeit in Form von Nachrichtenausschnitten aufgezählt. Stilistisch und von der Atmosphäre her erinnert das etwas an „237 Tage“ der Schweizer Mittageisen. So offen politisch waren NO MORE bisher noch nie, sehr interessant. Etwas entspannter und versöhnlicher klingt das Album schließlich mit „Not Far To Go“ aus, wobei man sich noch einmal etwas an Nick Cave oder Crime And The City Solution erinnert fühlt.
Keine Frage, „Midnight People & Lo-Life Stars“ ist ein absolut überraschendes Comeback-Album einer legendären Band, die den deutschen Wave-Sound der 80er Jahre beträchtlich mitgeprägt hat. Dabei kommt es nicht einfach nur zu einer Selbstkopie, sondern einer mehr als gelungenen Kombination des alten Stils mit neuen Einflüssen. Der Sound ist einfach nur fantastisch abgemischt, alleine deshalb ist die CD schon hörenswert. Dass zudem noch ein paar echte Hits dabei sind, die sich hinter den zahlreichen Klassikern nicht verstecken brauchen, ist eine Freude. Nur eine simple Neuauflage des „Suicide Commando“-Stils sollte keiner erwarten. Aus meiner Sicht ist dies nach einigen Malen Anhören möglicherweise das beste NO MORE-Album überhaupt – wobei es ja eigentlich mit „Hysteria“ nur ein „reguläres“ Album gab, aber zählen wir mal „7 Years – A Compilation“ und „Dreams – Early Recordings“ dazu. (A.P.)

Webadresse der Band: www.nomoremusic.de


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