DEINE LAKAIEN - Indicator


Erstveröffentlichung: CD 2010 / Chrom Records / Ministry of Sound

Deine Lakaien – Indicator
" (VÖ: 17.09.2010 Chrom Records)


Genau 5 Jahre liegen zwischen der Veröffentlichung „April Skies“ und dem neuen Album
der Dark – Wave Vorreiter Deine Lakaien „Indicator“. Was den Fans wie eine Ewigkeit vorkam, wurde weidlich genutzt um möglicherweise das ausgereifteste Album in ihrer nunmehr 25 jährigen Bandgeschichte hervorzubringen. Untätig war Alexander Veljanov trotz der Lakaien Pause bei weitem nicht, denn sein Soloprojekt „Veljanov“ erfuhr mit dem stimmungsvollen Album „Porta Macedonia“ ein weiteres musikalisches Zeugnis des Berliner Ausnahmekünstlers. Was mir auffiel innerhalb dieser Produktion war, dass Veljanov, der sonst eher distanziert und entrückt auf der Bühne wirkte, auf der SoloTour ungemein entspannt wirkte und die Fassaden um sich herum fallen gelassen hatte. Die Emotionen mussten nicht mittels Metaphern transportiert werden, und dies scheint er nun auch in die Texte des neuen Albums eingebracht zu haben. Auch Ernst Horn hatte seine persönliche Spielwiese in Form von Helium Vola und konnte seinen orchestral – mittelalterlichen Elektronik Soundtüfteleien frönen. Der Abstand zu Deine Lakaien hat beiden hörbar gut getan und dank der jahrelangen Erfahrung und dem Background beider Künstler einen Neuanfang hervorgebracht, der alte Fans und neue Hörer gleichermaßen begeistern dürfte.

Wichtig war Alexander beim Beginn zur Arbeit an „Indicator“ zu spüren, dass dieses gemeinsame Projekt mit Ernst nach all der Zeit noch Aufgaben hat, Thematiken unausgesprochen sind. Die gewohnte Arbeitsweise mit elektronischen Instrumenten wurde dabei beibehalten, aber die 13 Ergebnisse überraschen dann doch. Die Texte sind weniger metaphorisch, man wurde politisch und schafft es mühelos politisch hoch brisante Themen neben atmosphärisch schwebende Liebeslieder zu setzen. Scheinbare Gegensätze sind musikalisch vereint worden in einer scheinbaren Leichtigkeit die mich erstaunt, fasziniert und beim Hören schlichtweg mitnimmt in den melancholischen Kosmos des Duos. Veljanov und Horn nähern sich dem Hörer durch klarere Worte, Direktheit und gezielt gesetzte elektronische Einsätze. Viele der älteren Lakaien Songs sind manchmal sehr überfrachtet gewesen mit den elektronischen Spielereien Ernst Horns, auf „Indicator“ hingegen zählt die Stimme Alexanders und bildet die Elektronik das begleitende Stilmittel. Ich bewundere persönlich diesen Schritt der Beiden hin zu poetischer Einfachheit, sich bewusst gegen den gewohnten Pathos zu entscheiden zugunsten von Schärfe und Pointiertheit. Diese Entscheidung hätte auch gut nach hinten losgehen können, aber im Gegenteil stattdessen brennt sich jeder einzelne Song in den Gehörgang und bleiben mir Refrains schon beim ersten Durch hören im Gedächtnis haften. Auch wenn einige Stücke scheinbar verträumt daherkommen, die Thematiken die sie ansprechen sind es bei weitem nicht. Veljanov und Horn legen den Finger auf Immigrationsprobleme der Gesellschaft (Immigrant), Schwierigkeiten in der europäischen Einigung (Europe), Krieg (The Old Man is Dead), oder Selbstverantwortung (Who'll save your world). Hatte man auf alten Deine Lakaien Alben eher Innenschauen betrieben, nimmt man nun verstärkt die Umwelt war und setzt auch ihre Liebeslieder in den Kontext der Gesellschaft und ihrer Missstände.


Der Eingangsong „One Night“ klingt vertraut als Intro, sobald Alexanders Stimme einsetzt befindet man sich eingebettet von Melancholie im Klangkosmos der Lakaien, begleitet von Klavier und sanften Elektronikpassagen entsteht eine erste Liebesballade über die Kraft die diese besitzt.
„One day One day All I've seen will come true, cause night and day I'm in love with you“
Mit stampfenden Drums und orchestralen Streicherpassagen setzt „Who'll save your world“ eher auf Tanzbarkeit, wobei es textlich um Courage und die Entwicklung von Eigenmut geht um gesellschaftlich etwas zu bewegen. Wichtig für jeden Einzigen – nicht wegzusehen!
„Who'll save your world if not you tell me who, I will guide you..“
Wieder ruhiger setzt die Singleauskopplung „Gone“ an, die gerade durch den verspielten Refrain im Gedächtnis bleibt finde ich. Sie spricht von verschwendeten Chancen einer Liebe. Interessant dabei, dass Veljanov und Horn im Video zu diesem Song gerade Stangen benutzen um die Hilflosigkeit beider Protagonisten zu verdeutlichen, die sich in verschiedenen Richtungen bewegen, anstatt aufeinander zu – was möglicherweise der Anfang einer Liebe hätte werden können.
„You left the platform in opposite direction I'd missed again any word of affection“
Mit schwerem Beat eröffnet sich „Immigrant“ der allein durch die Schärfe der Worte schon erschrickt, schonungslos wird über die Wünsche, Träume und bürokratischen Grenzsetzungen von Immigranten gesprochen und Sozialkritik in ungewohnter Härte vollzogen.
„Just want to live like everyone, want to live like a common man in a common home, just like you..“
Mit sanften Geigenklängen erfolgt die Überleitung hin zu „Blue Heart“, für mich einem Highlight des Albums, denn Alexanders Stimme verzehrt sich förmlich vor Leidenschaft die sanft von den Kompositionen von Ernst umspült werden. Ich empfehle die Augen zu schließen und sich einfach fangen zu lassen vom schwebenden Sound.
„Blue Heart, Take away those lost and poor years sorrows, Blue Heart Face this joyful eyes of your tomorrow“
Interessanterweise setzen Deine Lakaien die begonnene Tradition eines französisch eingesungenen Titels fort mit „Europe“, wobei der zweite Teil dann wieder in englisch gesungen wird. Die Probleme der europäischen Einigung werden auch durch die Sprachvermischung vermittelt, und dies erneut in einer deutlichen politischen Kritik die bisher so noch nicht da gewesen ist bei dieser Band.
Der Song „6 o'clock“ klagt bereits in den ersten Worten Gott an und beschreibt die Machtlosigkeit des Einzelnen und die daraus entstehende Wut. Man resigniert vor der käuflichen Politik und auch der Religion, was sich in dem anklagenden Refrain „With youre cold you can buy Lord, allmost all Lord, not my love Lord“ äußert. Erneut finden Deine Lakaien klare Worte und sind politisch hochbrisant dabei. Mit „Go away bad dreams“ haben wir einen Song, der sich mit den Alpträumen auseinandersetzt, die eine Welt voller Gewalt und Mord mit sich bringt, Schuld und Verantwortung mischen sich mit dem neurotischen Wissen, das man die blutverschmierten Gesichter nicht retten konnte. Es ist verstörend und hat mich selbst erst beim zweiten intensiveren Hören mit Text sichtbar
sehr nachdenklich gemacht. „The cries of the wounded when I tried to heal..“
Fast schon zynisch gestaltet sich der „Humor“ des Abschlusssongs „The Old Man dead“, denn musikalisch recht getragen gehalten erzählt es textlich von einem Kriegsveteran, den das ständige Kämpfen müde gemacht hat, der aber dennoch behangen mit Medaillien und Orden nicht ohne diese Welt existieren kann. „Decorations on red velvet Medals of World War One The parvenue talked to loud..“

Als Fazit lässt sich feststellen, das den Lakaien mit „Indicator“ ein thematisch und musikalisch extrem vielschichtiges Album gelungen ist, das sich der Vielfalt des Lebens annimmt und auch kritisiert wie mit dieser umgegangen wird. Träume und Hoffnungen der Menschen werden nicht vergessen dabei, aber die Wirklichkeit findet ebenso schonungslose Betrachtung in den Texten, ohne Verschnörkelungen und Metaphorik. Es bildet einen Indikator für eine musikalische Weiterentwicklung und Neuentdeckung der Band selbst und deutet gezielt auf die Missstände der
Jetztzeit und des Hier und Heute. Dies ist überaus gelungen, gradlinig und zuweilen schonungslos
wird der Hörer Zeuge musikalisch umgesetzter Dark Wave Betrachtungen, die verstörender, schöner und authentischer kaum sein können! (Maximilian Nitzschke)

Webadresse der Band: www.deine-lakaien.com


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