YAZOO - Reconnected Live (Deluxe Edition)


Erstveröffentlichung: Doppel-CD 2010 / Mute Records / LCDSTUMM322

Wenn ich genau überlege, so war ich schon bevor ich Depeche Mode-Fan wurde, so um 1983 herum, YAZOO-Fan, nämlich seit ich erstmals die bahnbrechende Synthie-Pop-Single „Don’t Go“ gehört habe. Mir war damals als 12-13jähriger noch nicht bewusst, dass Vince Clarke YAZOO nach seinem Ausstieg bei Depeche Mode gegründet hat.
Vier Singles und zwei Alben, und YAZOO wurden zur Legende, die mit Hits wie „Nobody’s Diary“, „Only You“ und „Situation“, sowie eben „Don’t Go“ kräftig an der Popgeschichte der 80er Jahre mitgeschrieben haben. Anschließend gründete Clarke Erasure und schrieb ein weiteres Mal Geschichte, während Alison Moyet einige Jahre lang sehr schöne Popmusik gemacht, einige Hits hatte und recht zeitlose Alben aufgenommen hat, die man auch heute noch gut hören kann. Niemand hat wohl ernsthaft gedacht, dass Clarke und Moyet sich nach über 20 Jahren noch einmal zusammentun würden, um (bis auf wenige Ausnahmen) erstmals live all ihre Hits auf die Bühne zu bringen. Kein neues Album und kein „wir modernisieren unsere alten Sachen, um zu zeigen, dass wir es immer noch können“, sondern einfach Spaß – und, na klar: leicht verdientes Geld, auch, wenn zumindest Clarke das garantiert nicht nötig hätte. So lieferten YAZOO auf einer umfangreichen Tour genau das ab, was die alten Fans sich gewünscht haben: lupenreine Originalversionen der ganzen Hits, ohne Techno-Rhythmen, Rapeinlagen oder was andere Oldies meinen als „modern“ verkaufen zu müssen und dann gnadenlos scheitern, weil die alten Fans enttäuscht sind und jüngere nicht nachwachsen. Zu zweit standen die Engländer auf der Bühne, Clarke hinter seinen Synthies und Moyet am Bühnenrand mit ihrer wahnsinnigen Präsenz und Stimme. Sicher kam einiges vom Band, aber Clarke hat definitiv auch einiges live gespielt. Beim Konzert im Stadtpark in Hamburg hatten beide jedenfalls sichtbar Spaß und das Publikum ebenso. Überraschungen gab es keine, brav wurden die Hits der beiden LPs gespielt und hinterher waren eigentlich alle glücklich und zufrieden. Klar, das war eine reine Retro-Geschichte, aber das eine oder andere Tränchen hat man vor Rührung, seine alten Helden in so unpeinlicher Weise zu erleben doch verdrückt. Nach der 4-CD/DVD-Box mit eigentlich allen Aufnahmen der Band war es klar, dass man mit einer Live-Veröffentlichung noch mal ein bisschen am Erfolg verdienen will, ist ja auch legitim, zumal es ja fürs Geld auch was gibt, zumindest, wenn man sich die edel gestaltete Deluxe-Edition reinzieht. Als Hardcover mit fettem, informativem Booklet werden alle Hits in sehr schönen Liveversionen präsentiert. Los geht’s mit der Single „Nobody’s Diary“, die das Publikum sofort auf ihre Seite zieht und eigentlich sogar viel besser ist, als das abgenudelte „Don’t Go“. Aber vor allem all die Albumtracks, die dem Massenpublikum heute nicht mehr so bekannt sind wie „“Good Times“, das geniale „Goodbye 70s“, „Too Pieces“ oder das traumhaft schöne „Winter Kills“ begeistern. Im Zugabenblock kommen dann natürlich auch noch die drei großen Singles „Only You“, „Don’t Go“ und zum Abschluss „Situation“.
Keine Frage, das ist eine fast reine Fan-Veröffentlichung, die kommen aber definitiv nicht daran vorbei. Ehrlich gesagt hoffe ich nicht, dass die beiden in Zukunft weiter touren oder gar ein neues Album machen, ich würde YAZOO ab jetzt gerne so in Erinnerung behalten, wie ich sie live gesehen habe und auf dieser Doppel-CD anhören kann: mit einem leicht debilen Freudengrinsen in meinem Gesicht. (A.P.)



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