SCHANDMAUL - Mit Leib und Seele


Erstveröffentlichung: CD 2006 / Fame Recordings / Fame Recordings

Schandmaul – Mit Leib und Seele
"(2006 Fame Recordings)


Nachdem Schandmaul vor einem Jahr ihr beeindruckendes Konzert „Kunststück“ als CD und DVD veröffentlichten, folgt nun 2006 das mittlerweile fünfte Studioalbum und nicht ohne Grund heißt es „Mit Leib und Seele“, denn mit eben jenen Eigenschaften haben die Spielleute jenes Album eingespielt und bestreiten die Vollblutmusiker seit nunmehr 8 Jahren ihre Bandlaufbahn.
Deutlich hörbar wird der Hörer durch Dudelsackklänge gerufen sich bereit zu machen, denn der Feind steht bereits vor den Mauern und bereitet die große Schlacht vor. Inspiriert durch die Schlacht um Mittelerde aus J.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ fühlt man sich musikalisch hineinversetzt in die Aufregung, die Angst und den Mut vor der bevorstehenden Schlacht. Mit klarer und wortgewaltiger Stimme drängt Thomas Lindner zur Eile um gefährdete Frauen und Kinder aus der Stadt zu schaffen. Ein sensationell guter Opener für ein Album, dass mit ganzen 17!! Stücken aufwarten kann. Ruhiger aber nicht weniger kraftvoll erklingt „Lichtblick“ zu Beginn des Stückes, indem es um eine kurze Begegnung geht, die das Herz des Jünglings berührt hat. Jedoch war es zu kurz um mit ihr Kontakt aufzunehmen, somit ist die Chance vertan und es bleibt nur bei dieser flüchtigen Begegnung. „Es war nur der Moment, der Augenblick dann war's vorbei ich liess sie ziehen, und ich werde sie nie wieder sehen,“ wie oft hat sich der Hörer nicht selbst schon geärgert an der eventuell großen Liebe vorbei gegangen zu sein und sie nicht angesprochen zu haben. Gerade diese Allgemeingültigkeit der Texte sind die Stärke von Schandmaul, wenn sie auch noch so märchenhaft sind oder in romantische Bilder des Mittelalters verpackt sein mögen. Im nächsten Stück „Kein Weg zu weit“ geht es um den Gleichklang der Liebe, um das Gefühl alles miteinander zu teilen und auch um deren Verlust. Hörbar rockig klingt dieser Song, wurden Bassgitarre und Schlagzeug in den Vordergrund gesetzt um für den nötigen Druck zu sorgen. Durch tiefe Flötentöne und schwere melancholische Geigenpassagen wird der „Abschied“ eingeleitet, eine traurige Ballade über den herannahenden Tod des Liebsten und den Abschied von der Geliebten. Thomas singt die Zeilen so voller Inbrunst, dass man selber mitleidet und sich wünscht, den Tod aufhalten zu können, auch wenn dies ja bekanntlich nicht geht.
Ein sehr zwiespältiger Song zwischen Text und musikalischer Untermalung bildet „Feuertanz“, denn musikalisch spürt man in Geigenklängen, Schlagzeug und Gitarre das lodern und knistern kraftvoll und rockig umgesetzt, wohingegen der Text mich sehr an Hexenverbrennung, Brandstifter und einen Rachefeldzug erinnert, was dann wiederum durch die Sätze „Ich werd ein Zeichen setzen, sie wird scheinen voller Pracht, man kann sie nicht ersetzen, sie wird ein Opfer für die Nacht.“ eher für verworrene Liebe und Hingabe sprechen würde. Jeder Hörer wird für sich sicherlich etwas anderes als Assoziation herausziehen, was ich spannend finde, da die Worte scheinbar klar sind und doch so auslegbar. Kraftvoll rockig erklingt „Die Tür in mir“ die von Folterung und der Qual der Einsamkeit spricht, die Zeit wird nur durch die Länge des Bartes messbar. Um die Schmerzen der Folter zu ertragen flüchtet der Protagonist sich in sich selbst, durch die Tür in sich selbst und um der Einsamkeit zu entfliehen spricht er mit den Stimmen in seinem Kopf. Interessant ist, dass heftige Themen angesprochen werden von Schandmaul und mit Mitteln der Poesie zu mal sanften Balladen voller Melancholie und Schwermut verwandelt werden, oder aber die Tragik durch rockige und tanzbare Melodien entschärft werden. Die musikalische Umsetzung ist brillant auf diesem Album daran gibt es für mich gar nichts, sondern unterstreicht für mich eher noch die Kraft und Möglichkeit auch Songs eine Tiefe zu verleihen, die inhaltlich schwierige oder unliebsame Themen ansprechen. Wer Schandmaul bisher mehr als Spaß und Gute – Laune Bereiter aufgefasst hat, der sollte sich dieses künstlerisch vielfältige Album ansehen und anhören und spürt den hohen Anspruch der Schandmäuler.
Für etwas Entlastung sorgt „Das Mädchen und der Tod“ ein Instrumentalstück zwischen Sopranflöte und Schlagzeug zu Beginn ausgefochten, stimmt Anna Kränzleins Geige in den musikalischen Reigen mit ein und sorgt trotz des düster erscheinenden Titels für heitere und beschwingte Klänge.
Der achte Titel stammt aus der Feder von Birgit Muggenthaler und trägt den Titel „der Untote“. Anna Kränzlein holt aus ihrer Geige wunderschöne Melodiebögen hervor, die gepaart mit Schlagzeug und Bassgitarren dem Text zusätzliche Kraft verleihen. Seit der Sohn im Streit die Axt erhob und seinen Vater damit aus dem Leben nahm, irrt dieser nun haltlos und machtlos zwischen Tod und Leben umher als Untoter und wandelt zwischen den Welten.
Ein Lied der Minne bildet der neunte Titel aus der Feder von Anna Kränzlein mit dem Titel „Zauber der Nacht“. Flöten und Geige leiten die romantischen Worte ein, die vom Zauber sprechen den ein Jüngling ausspricht um seine Liebste zu gewinnen. „Leicht wie eine Feder, deine Stimme ist so warm wie Gold. Ich sehne mich nach dir Liebste, würde zahlen jeden Sold.“
Heiter und beschwingt erklingt „Mitgift“ ganz im Gegensatz zum Text von Anna Kränzlein verfasst.
Einen Tag vor der Hochzeit lädt das Brautpaar zur Feier in ihr königliches Haus, wo aus Neid und Eifersucht auf die baldige Königin diese vergiftet wird. „Gift im Essen rette sich wer kann! Wer hat sie umgebracht?“ Interessant ist, wie sich die drei Hauptthemen des Albums „Mit Leib und Seele“ Liebe, Vergänglichkeit und Tod hier wiederfinden und scheinbar mühelos verwoben wurden.
Dudelsackklänge und Geige künden vom verhangenen Tag und der Suche nach dem Licht, aber alles was zu sehen sind sind „Wolkenberge“. Man kann sich richtig vorstellen wie der Regen an die Fensterscheiben trommelt und Melancholie mit sich bringt und die Sehnsucht nach etwas Sonnenlicht immer größer wird im Herzen der Verfasserin des Textes Anna Kränzlein.
Melancholisch erklingt die Ballade „Dunkle Stunde“ in dem es um die Wacht am Totenlager geht, den der schwarze Tod hat bereits zugeschlagen. Nur mit sanften Gitarrenklängen und lang gestrichenen Geigenklängen wird Thomas Gesang untermauert und lässt den Hörer nachdenklich zurück. Sehr schön empfinde ich die Ballade „Großes Wasser“ die in sich ruhig klingt und von der Größe des Meeres erzählt und wie sehr die Küste einen Endpunkt bilden kann für den Tatendrang, Reflektion des bisherigen Weges zulässt und den Moment schafft die Hektik des Alltags hinter sich zu lassen. Der Hörer kann sich in der Tat fallen lassen und selbst einen Moment verweilen nach den bisherigen Texten und die angesprochenen Thematiken Revue passieren lassen.
Heiter und beschwingt setzen Flötenklänge an zu „der Poet“ und laden zum mitsingen ein. Fast könnte man den Text als Selbstbeschreibung auffassen, denn „Ich bin ein Mensch der Worte, die Welt erscheint mir still, zu füllen allerorten mit Text, wie ich es will.“ kann man gut und gerne auf auf Thomas, Anna und Birgit münzen, die sich hauptsächlich für die Texte von Schandmaul verantwortlich zeichnen. Gerade auch im Hinblick auf die immer größer werdende Fangemeinde der Schandmäuler denk ich ist es nicht untertrieben zu sagen, dass kaum ein Fan mittelalterlich angehauchter Geschichten an Schandmaultexten vorbei kommt.
Rockig geht es weiter mit dem fünfzehnten Stück des Albums „Das Spiel“ das im ersten Moment einen Rückbezug zu „vor der Schlacht“ bildet, indem es einen Krieg beschreibt. Jedoch wenn man dann mal auf die beteiligten Protagonisten achtet, so stellt man fest das es sich dabei um Schachfiguren handelt und ihre jeweiligen Züge: „Weisse Dame, schwarzer Turm, die Rochade, da die Lücke, die Dame schliesst sie voller Tücke! Der König keine Chance hat: Matt!“
Das vorletzte Stück ist ein Instrumentalstück mit dem eigentlich schon alles verratenden Namen „Käptn Coma“. Soweit mir bekannt ist dürfte es sich bei dem Käptn dieses schwankenden Schiffes um keinen geringeren als hochprozentigen gehandelt haben und mit Coma der Zustand nach dem Genuss dieses Getränkes gemeint sein. Anna Kränzlein spielt virtuos die Geige das es eine Ohrenfreude ist, während Birgit Muggenthaler ihrer Flöte spielerisch leichte Töne entlockt. Insgesamt klingt der Song damit sehr nach Speedfolk und macht richtig gute Laune. Somit ist der Hörer nach insgesamt 16 Songs mit dem 17 Stück „Wie sie ist“ bereit das Ende des Albums erreicht zu haben. Noch einmal balladesk aber kraftvoll erklingt die Stimme von Thomas der über die Wandelbarkeit des Lebens für mich singt, aber auch über die verschlungenen Wege die Liebe und Zuneigung nehmen kann, denn „Sie ist wie sie will, jeder Weg ist das Ziel! Sie verzehrt sie verbrennt, dröhnend laut, plötzlich still!“

Für mich ist „Mit Leib und Seele“ das bisher künstlerischste und zugleich auch schwer verdaulichste Album von Schandmaul, denn wenngleich es Stücke hat die sehr mitreißend sind nebst Balladen und Instrumentalstücken, so sind die Texte diesmal keineswegs nur die der romantischen Welt des Mittelalters oder der idealisierten Sicht auf Turniere und Abenteuer, sondern thematisieren die Liebe in Verbindung mit Verlust, Sehnsucht mit Vergänglichkeit und nicht zuletzt spielt der Tod eine sehr maßgebliche Rolle diesmal. Ich kann für mich sagen, dass ich in der Tat mit Leib und Seele in allen Texten dabei war, denn keiner ist langweilig oder belanglos sondern bilden kleine Kunstwerke, die nicht zuletzt auch optisch durch wunderschön gezeichnete Aquarelle im Booklet hinterlegt wurden. Hochachtung der Anspruch an sich selbst wurde von vorne bis hinten gehalten und man spürt das hier Musiker mit Leib und Seele bei der Sache waren!

(Maximilian Nitzschke)

E-Mail-Adresse der Band: info@schandmaul.com
Webadresse der Band: www.schandmaul.com


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