CHRISTOF GLOWALLA - Erde 80


Erstveröffentlichung: 7 Inch 1980 / Eigenveröffentlichung

Unter Fans von gutem alten Minimal-Electro-Sound gehört diese Single wohl zu den gesuchtesten und teuersten Sammlerstücken überhaupt (vielleicht neben der „Das Kabinette“ Single). Die Platte hat der Berliner CHRISTOF GLOWALLA 1980 im Alleingang produziert, aufgenommen, gestaltet und veröffentlicht und die Auflage dürfte nicht besonders hoch gewesen sein (vielleicht 500 oder 1000 Exemplare?). Der Song „Erde 80“ ist ein absoluter Ohrwurm, im Prinzip schon Synthie-Pop, der aus der frühen Neuen Deutschen Welle hervorgegangen ist und eigentlich Hitpotential gehabt hätte, aufgrund der Eigenveröffentlichung aber kaum bekannt wurde. Geht so ein bisschen in Richtung Stahlnetz und ähnliche frühe 80er Jahre Bands. Die B-Seite „Technik“ ist etwas schräger, vielleicht ein kleines bisschen von Fad Gadget beeinflusst, überrascht aber auch mit ein paar akustischen Gitarrenklängen. Wenn einem die Platte irgendwo mal in die Finger fällt, sollte man nicht zögern, sich dieses Kleinod zu sichern. Bei Interesse einfach mal die Website der Berliner Bakterielle Infektion besuchen (www.bakterielle-infektion.de ) und da dann in die Verkaufsliste gucken, mit etwas Glück entdeckt man den Namen Glowalla da noch, es gibt aber auch immer wieder andere interessante Platten und CDs... (A.P.)

SBASSTIC - Yousuru


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Baxxbeatmusic / Our Distribution / BBM009CD

Diese CD hatte bei mir schon verloren, als ich sie aus dem Umschlag genommen habe, denn mir rieselte ein Haufen Konfetti entgegen, den ich dann erstmal wieder aufsammeln musste. Solche Promotion-Gags sind weder witzig, noch crazy oder gar neu, sondern einfach nur überflüssig. Und ich bin definitiv ein humorvoller Mensch, der auch gerne mal Blödsinn mag.
Dann der Bandname SBASSTIC, der Albumtitel „Yousuru“ und die Eigenbeschreibung „Totgefahrener Elvis-Rock meets ADHS Liedermaching“…dazu die Band in „lustiger“ Verkleidung (merke: über Männer in Frauenklamotten konnte schon vor 30 Jahren niemand mehr lachen) und ein extrem lockerer Promo-Text im Stile von „die Band macht ihr total eigenes Ding, indem sie überall zusammenklaut“.
Mein Eindruck VOR dem ersten Anhören war also schon mal katastrophal.
Musikalisch war es dann nicht ganz so schlimm, auch, wenn die Erwartungen ziemlich erfüllt wurden: Alternative-Rock mit Einflüssen aus Punk, Hardcore, Funk und einem Sänger, der gerne auch mal versucht Jan Delay zu kopieren, was natürlich gar nicht geht. Herausstechen, aufgrund minimal-elektronischer Elemente, tut „Lufti“, was allerdings später durch den Einsatz eines Radiomoderators absolut unlustig („Es ist 15 Uhr 64“, „Auf der A 204 liegen Fleischwürste auf der Fahrbahn“) wieder zunichte gemacht wird, so dass es musikalisch eben doch nur mittelmäßig bleibt. Für das ganz witzige Covermotiv gibt es noch einen Pluspunkt, einen weiteren dafür, dass der Hörer mit einer Laufzeit von unter 35 Minuten nicht überstrapaziert wird, aber insgesamt wird dieses Album wohl nur ein eher einsames Dasein in den hinteren Ecken des CD-Regals fristen. „Verrückte“ Studenten, die sich am Ende ihres Studiums davon wieder total distanzieren, weil man ja erwachsen werden muss, werden es lieben. (A.P.)

Webadresse der Band: www.myspace.com/sbasstic

IKON - In The Shadow Of The Angel (Re-Release)


Erstveröffentlichung: Doppel-CD 2011 / Echozone / Sony / EZ11C597

Die australische Band IKON gibt es nun auch schon rund 20 Jahre und nach einigen selbstproduzierten Singles brachte Apollyon Records die Gruppe Mitte der 90er Jahre nach Europa, wo sie bis heute durch ihre zahlreichen Veröffentlichungen eine solide Fanschar besitzt. Gute Gründe also, ein wenig Rückschau zu halten und zu feiern, indem man die frühen Werke noch einmal aufpeppt und in fanfreundlicher Weise noch einmal veröffentlicht.
Das Debutalbum „In The Shadow Of The Angel“ von 1994 konnte man in 500er Auflage als 3 CD+DVD-Box direkt über die Bandwebsite bestellen. Für den europäischen Markt liefert Echozone eine Doppel-CD ab, die auf Disc 1 das komplette Originalalbum enthält und auf Disc 2 einige Raritäten und Unveröffentlichtes präsentiert, was dann den Kauf für Sammler auch zur Pflicht macht.
Das eigentliche Album bietet in aufgefrischtem Sound das, was die Band bis heute im wesentlichen ausmacht, nämlich meist melancholischen, aber doch eingängigen Gitarren-Wave, der beim Gesang gerne mal an Joy Division erinnert, ansonsten aber zwischen Cure-Gitarren, Death In June-Neo Folk und 90er-Jahre Brit Goth einzuordnen ist. Tatsächlich wird sogar mit Erlaubnis von Douglas Pearce das Death In June-Stück „Fall Apart“ gecovert. Dazu findet man inzwischen zu Clubhits gewordene Bandklassiker wie „Condemnation“, „Black Roses“ oder „Hallowed Ground“. Das Album darf tatsächlich als kleiner Gothic/Wave-Klassiker der 90er Jahre bezeichnet werden und zeigte schon gut, warum die Band in der Folge bis heute so beliebt ist. Kein Schnick Schnack, sondern einfach gute Musik.
Auf der zweiten Disc finden sich hauptsächlich Songs und Mixe von längst vergriffenen Singles. Diese werden Sammler zwar schon haben, aber sicher nicht die vier bisher unveröffentlichten Songs, die sich problemlos in den damaligen Stil der Band einfügen und kleine Perlen sind.
Musikalisch gibt es an dieser Wiederveröffentlichung rein gar nichts auszusetzen. Leider fehlen zur Abrundung ein paar begleitende Worte im Booklet, Infos zu den Songs und vielleicht auch ein paar bisher unbekannte Bilder. So sind nur die normalen Produktionsinfos und die Texte der Album-Songs enthalten. Da hätte man sicher ein bisschen mehr machen können. Trotzdem: für Fans und Sammler oder auch zum kennenlernen des Frühwerks von IKON eine sehr schöne Sache. (A.P.)

DIKTA - Get It Together


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Smarten Up! Records / Rough Trade / SUP 005

Aus Island ist in der Vergangenheit schon viel gute und vor allem interessante Musik gekommen. Fast jeder kennt Björk und ihre frühere Band The Sugarcubes, auch Sigur Ros haben beeindruckende Erfolge gefeiert, aber es gab auch viele interessante, unbekanntere Bands und Musiker. Da ist man doch immer gespannt, wenn sich eine weitere isländische Band anschickt, die Musikwelt außerhalb ihrer Heimat zu erobern.
DIKTA sind in Island selbst schon extrem erfolgreich und nun im Mai 2011 auch in Europa auf Tour. Dazu gibt es passend die Deutschland-Veröffentlichung des Albums „Get It Together“, das mit Sicherheit eine große Hörerschaft finden wird.
Dabei klingt die Band eigentlich gar nicht besonders isländisch, das heißt, die gewisse Verschrobenheit, die man den Nordländern so nachsagt, ist nur hin und wieder vorhanden. Stattdessen gibt es eine absolut international taugliche Mischung aus Brit-Pop, Alternative-Rock und hin und wieder ein bisschen Shoegaze-Sound oder akustische Balladen. Was die Band so besonders macht, ist das absolut großartige Gespür für tolle Melodien, der gelegentliche Einsatz von atmosphärischen Streichern und die mehr als angenehme Stimme des Sängers Haukur.
Muss man viel mehr dazu sagen, als: absolut schöner Indie-Pop, der garantiert auch live mit einer ganz eigenen Atmosphäre und sicher noch breitwandiger daherkommt? Einfach(e) gute Musik von einer Band, von der man garantiert noch so einiges hören wird. (A.P.)

SIXTH JUNE - Everytime

Wiederveröffentlichung: CD 2010 / No Emb Blanc / Genetic Music
Erstveröffentlichung: LP 2010 / No Emb Blanc / Genetic Music / neb002

Vor gar nicht mal allzu langer Zeit tauchte das serbische Duo SIXTH JUNE aus Belgrad recht unvermittelt auf und schnell schnappte sich das kleine aber feine Label No Emb Blanc aus dem Genetic Music-Umfeld die Gruppe, um eine LP mit ihr zu produzieren. Diese erschien 2010 und macht nachdenklich, warum die meisten Labels immer nur Bands aus den „großen“ Musikländern wie Deutschland, USA, England, Italien, Frankreich, Benelux oder Skandinavien veröffentlichen und sich nicht viel mehr nach interessanter Musik aus anderen Ländern umhören. Vor allem in Ost- und Südost-Europa dürfte es da noch viel zu entdecken geben. Neben No Emb Blanc haben sich auch unsere Freunde von Treue um Treue dabei hervorgetan, als sie die großartige Platte der kroatischen Band Narrow veröffentlichten. SIXTH JUNE hört man dabei nicht an, wenn das überhaupt ein Qualitätskriterium sein sollte, dass sie aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen. Ihr dunkler, waviger Synthie-Pop, der seine Wurzeln eindeutig in den 80er Jahren hat, klingt ausgesprochen international, frisch und unverbraucht und kann es mit den unzähligen nur noch auf den kommerziellen Erfolg schielenden Bands „aus dem Westen“ allemal aufnehmen. Dabei kommt keineswegs etwas innovativ Neues heraus, sondern die Vorbilder aus den 80er Jahren, zu denen sicher auch Depeche Mode gehören, sind gut heraus hörbar. Dabei sind alle Songs melancholisch-eingängig, aber eben nicht krampfhaft auf Massentauglichkeit hin produziert, Mit den etwas über Gebühr gehypten Hurts können es SIXTH JUNE locker aufnehmen und finden sich problemlos auch in einer Liga mit Mirrors ein, die vielleicht das nächste „große Ding“ sind. Das hier Andreas Sippel (Second Decay) an den Reglern saß, ist dem Album gut anzuhören. Er hat es beim mischen und mastern geschafft, dass hier kein überproduziertes Album herausgekommen ist, sondern die Musik von Laslo Antal und die wunderbare Stimme von Sängerin Lidija Andonov perfekt harmonieren. Vielleicht kann man es als ziemlich gute Kombination aus Depeche Mode (1982 – 1990) und der italo-poppigen 80er-Phase von Kirlian Camera beschrieben, auch, wenn das den Punkt noch nicht ganz trifft. Oder einfach als wunderschönes Album, das zu der Schublade „kann man immer hören, auch, wenn man auf gar nichts anderes Lust hat“ gehört. Auch Minimal-Fans dürfen mal ein paar Ohren riskieren, auch, wenn dies nicht im klassischen Sinne Minimal-Electro ist. Die CD-version enthält den Bonustrack ""What's There Left"", ein Nine Circles-Cover, und kommt im DigiPak. (A.P.)

Webadresse der Band: www.geneticmusic.de

COMPILATION - Attractive Too


Erstveröffentlichung: 7 Inch EP 2010 / Attractive! / Anna Logue Records / atco2

Das kleine Label Attractive! bringt nicht viele Veröffentlichungen heraus, dafür aber stets schön gemachte 7“-Singles mit noch schönerer Musik. Man kennt die beiden Singles von THE PHONE, die passender weise über Anna Logue Records vertrieben werden und dann ist da noch ein liebenswerter 4-Track-Sampler erschienen. In 300er Auflage und mit aufklappbarem Poster-Cover gibt es vier nur hier erhältliche Stücke zu hören, die allesamt verschiedene Spielarten des Minimal-Sounds bieten.
Von POEME ELECTRONIQUE gibt es gewohnt 80er-wavigen Ohrwurm-Sound, während TREELINE, inzwischen auch mit einer Single auf dem Label vertreten, etwas experimenteller sind. COMPLICATED MEMORIES spielt schön spacigen Electro, der nicht zufällig an Solitude FX und Twins Natalia erinnert und THE PHONE präsentiert leicht an frühe Human League (die ersten beiden LPs) erinnernde Klänge mit Roboter-Stimme.
Das ist jetzt alles recht nüchtern und kurz beschrieben, aber es gibt auch nicht viel mehr zu sagen, als das wohl fast jeder Minimal-Electro-Liebhaber diese Single mögen wird und schnellstens in seine Sammlung einreihen sollte, bevor die 300 Exemplare vergriffen sind. Schöne kleine Platte, die zwar nicht spektakulär, aber dafür einfach liebenswert ist. (A.P.)

Webadresse der Band: www.annaloguerecords.com

BLIND PASSENGER - Next Flight LIVE


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011 / Wannsee Records

Am 16. April war es dann endlich soweit, dass die lang ersehnte Blind Passenger-Comeback Show in Berlin bevorstand. Hatte Backagain Nik Pages musikalische Pfade in den letzten Jahren immer wieder aufmerksam verfolgt, so war es für uns nur naheliegend nun auch dieses exklusive Konzert in der intimen Atmosphäre in Berlin – Lichtenberg zu erleben. In einem mir bis dato gänzlich unbekannten Club der „TheARTer Galerie“ sollte es sich um ein exklusives „Wohnzimmer-Konzert“ handeln, wo die Fans Nik Page und Band in wesentlich intimerer Atmosphäre erleben können als etwa bei einem klassischen Clubkonzert. Somit passten auch in der Tat 40-50 Leute nur hinein und bald entstand ein Gefühl von Exklusivität des Abends.

Das Vorprogramm bestritt die Sängerin und Songwriterin Anna Aliena, die mit einem ambitionierten jungen Mann an ihrer Seite Songs von ihrer letzten Band ShirayasDream und erstmalig auch einen brandneuen Titel aus Ihrem Soloprojekt präsentierte. Als Anna Aliena die Bühne im roten Kleid betrat setzte im Saal Stille ein und kaum das sie zu den ersten Tönen ansetzte, erntete sie erstaunte Blicke. Wohl kaum einer im Saal hätte vermutet dass hinter der zierlichen Dame in Rot, eine solch gewaltige Stimme stecken könnte. Allerdings steckt wahrlich Großes in ihr, denn sie ist klassisch ausgebildete Mezzosopranistin und kann klassische Opernarien wie etwa Carmen oder Dalila mühelos einsingen. Gerade da dieser Spielort nun nicht die Größe einer großen Clubhalle hatte konnte ihre Stimme hervorragend tragen. Die einstige Bandgeschichte von Shiraya's Dream begann im Spätsommer 2008 und endete nun im März 2011. Eigentlich schien alles perfekt und harmonisch, denn Anna Aliena genoss früh eine klassische Opernausbildung und besaß Erfahrung als Sängerin der Band Fairys Garden, während Oliver Höhne versiert war im komponieren instrumentaler Stücke. Aus einem anfänglichen musikalischen Ausflug wurde schnell eine Band,die durch die Vermischung von Operngesang und Elektropop sich abhob von der breiten musikalischen Masse. Prompt war ein neues musikalisches Genre geboren: Alien-Pop. Diese Stilrichtung beinhaltete Elemente aus Oper, Gothic, Elektro- und World Fusion. Das Reizvolle daran war und ist, dass Anna Aliena zu allem gesanglich einsteigen kann. Somit ist das Programm des Abends noch geprägt von den Stücken Shirayas Dreams, die von entrückter Reiselust in irdischen und außerirdischen Gefilden sprechen. Sehr theatralisch und auf geradezu traumwandlerische Weise entführte uns Anna in ihre Welt der Sehnsüchte und Phantasien. Die Klangwelt ist surrealistisch und betört nicht nur Fans der Avantgarde Szene. So erklingt der Song „The Lady“ vom aktuellen Album „Venus Calls“ und unweigerlich muss ich doch recht schmunzeln beim hören, denn instinktiv sehe ich Anna Aliena in ihrem roten Kleid die Peitsche schwingen und die Domina präsentieren. Es geht um Sünde und Versuchung, Dominanz und Unterwerfung, ohne aber ironische Textpassagen auszulassen. Noch etwas unbeholfen wirkt hingegen ihr junger Bühnenpartner der zuweilen so zu tun scheint, als würde er Keyboard spielen und dennoch den Laptop für sich arbeiten lässt. Da ist eindeutig mehr Sicherheit noch notwendig bei Enrico Ludwig um neben der Theatralik und Bühnenpräsenz der Sängerin bestehen zu können. Zu oft wirkt der Blick noch zu apathisch, allerdings muss man fairerweise einwerfen, dass es sein erster Bühnenauftritt war und wohl die Aufregung und Angst etwas falsch zu machen Überhand genommen hatte. Da muss eindeutig noch mehr Lockerheit und Spielfreude herüber kommen, denn dann funktioniert die Interaktion beider Bühnenpartner auch besser. An Dramatik mangelt es in diesem Set nun keineswegs, denn gerade Stücke der neuen CD „Venus Calls“ wie etwa „Lights go out“ oder auch „Venus Calls“ selber sind Stücke, welche mit viel stimmlichem Pathos über den Verlust von Liebe und Zärtlichkeit erzählen. Das Programm erscheint eh so, als hätte Anna Aliena die Texte aus Gefühlen wie emotionale Zugehörigkeit, Trennungen, Verlust von Liebe und Gefühl und daraus resultierender Wut heraus geschaffen. Es sind die großen Gefühle die Anna Aliena anspricht beim Hörer und die sie dank ihrer Stimme auch voll auszuschöpfen weiß. Zum Abschluss präsentierte sie einen ersten eigens komponierten Song „Lie with me“ der zwar schon deutlich poppiger klingt als die Stücke zuvor, aber noch zu wenig Eigenstilistik Anna Alienas besitzt. Die Nähe zu Shirayas Dream ist deutlich hörbar, wobei dies sicherlich auch der kurzen Trennungsphase verschuldet ist. Man darf also als Hörer gespannt sein auf die neue Kreativität der Sängerin und künftigen Komponistin!

In den 90er-Jahren prägten die Blind Passengers entscheidend die deutsche Darkwave- & Synthpop-Szene. Allerdings brach diese Band dann leider auseinander und man hoffte bisher vergebens auf eine Wiedervereinigung. Im Jahre 2010 konnten sich die Fans über ein fulminantes Comeback freuen: Als Blind Passenger veröffentlichte Nik Page das von der Presse gefeierte Sci-Fi-Electro-Pop-Album „Next Flight to Planet Earth“, das inspiriert ist von der Blind Passengers-Kultscheibe „The Glamour of Darkness“ und den großen Hymnen der „Golden 80s“. Aufgewachsen in Ost Berlin tritt mit zarten 13 Jahren der Schulkamerad Rayner Schirner in Nik Pages Leben und weckt in ihm das Interesse an einer eigenen Band. Bereits seit 1987 gab es die Blind Passengers die aus dieser Bandidee heraus entstanden sind. 1993 bekommen sie nach ihrem ersten Singleerfolg in Berlin einen Plattenvertrag und bringen noch im selben Jahr das mittlerweile zum Kult erhobene „The Glamour of Darkness“ Debüt heraus. Die Single – Auskoppelung „Walking to Heaven“ war wochenlang auf Platz 1 der Hörercharts des Jugendradios Fritz in Berlin und so war der Weg hin zu professionellen Berufsmusikern geebnet worden. Für den Song „Absurdistan“ wurde ein professioneller Gitarrist gebraucht und so wurde Lars Rudell der Band „Die Skeptiker“ eingeladen. Ende 1995 folgte die erste größere Tour als Vorband der englischen Dark – Wave Ikone Anne Clark auf der bereits die ersten Stücke des nur 1 Jahr später veröffentlichten „Destroyka“ Albums zu hören waren. Auftritte auf größeren Festivals waren die Folge. 1999 gelangte man mit den nunmehr vierten Studioalbum in die deutschen Albumcharts, wobei man sich stilistisch vom Synthie – Pop weg entwickelt hatte, hin zu einer Alternative – Metal Band. Festivals wir Rock am Ring oder Rock im Park waren die Größenordnung in der man sich nun bewegte und erstmals tourte man auch außerhalb Europas. Keiner konnte ja erahnen, dass bei einem Flugzeugabsturz in Mexico der damalige Bass Support Christoph Zimmermann ums Leben kommen würde. 2001 erschien mit „Neosapiens“ das letzte Studioalbum, während Nik Page seinen gleichnamigen Roman veröffentlicht. Rayner Schirner ist mittlerweile in der Band „Lola Angst“ wiederzufinden, während Nik Page mit „Sacrifight“ und „Sin Machine“ zwei Soloalben herausbrachte und zudem in Projekten wie „Cromax“ und „Songs of Lemuria“ maßgeblich mitwirkt. Nun 2010 startet er als alleiniger blinder Passagier zum Planeten Erde um das Publikum in der TheArter Galerie mitzunehmen auf seine Zeitreise zurück ins Jahr 1993 zu „The Glamour of Darkness“ und den Blind Passengers bzw. zu den Synthie Pop Hymnen der Jetztzeit. Die Bühne wirkt wie der Spielplatz eines interplanetarischen Schrotthändlers, der die übrig gebliebenen Trümmer der Raumschiffe vergangener Expeditionen gesammelt hat und zu Mikrofonständern und Percussioninstrumenten verbogen hat. Eine Stimme aus dem Off gibt dem Publikum letzte Instruktionen für den gleich beginnenden Flug zum Planeten Erde ehe schließlich der Pilot selber mit Megaphon bewaffnet die Bühne betritt. Zwar bietet die Bühne selber aufgrund ihrer Größe wenig Spielraum für exorbitante Bühnenbewegung, aber dennoch weiß Nik diese Beengtheit gut zu nutzen. Das Publikum ist mittendrin statt einfach nur dabei. Songs wie „Don't Drag me Down“ aus dem aktuellen Album erklingen neben Klassikern wie „Born to die“ und obwohl zwischen beiden 18 Jahre dazwischen liegen ist dies für den Hörer nicht erkennbar, denn in beiden Fällen präsentiert Nik energiegeladenen und kraftvollen Synthie – Pop. Klar die nötige Portion Trash und Selbstironie fehlt dabei nicht, etwa wenn mit Lichteffekten an den Brillen des Key – Boarders und Bassisten und dem Baseballschläger in der Hand des Frontmannes das Zeitalter der Maschinencops („Electrocop“) eingeleitet wird. Man schmunzelt unweigerlich und ist darüber irgendwo auch erstaunt, dass Blind Passenger es gekonnt verstehen dennoch ernst zu nehmende Musik zu produzieren die nicht verflacht. Ganz im Gegenteil jedes einzelne Stück geht sofort ins Bein, ist extrem tanzbar und brennt sich in den Gehörgang fest. Das Nik aber auch ein Händchen dafür hat ruhige und balladeske Stücke zu schreiben wissen wir spätestens seit „Songs of Lemuria“, so dass ich persönlich seine neue Interpretation von „Small Town Nights“ sehr bemerkenswert fand und auch „Walking on Heaven“. Diese intime Atmosphäre des Wohnzimmerkonzertes erlaubt es der Band die Reaktionen des Publikums direkt zu spüren und es ist für mich interessant gewesen zu sehen, dass einige eher sitzend und ruhig den Konzertabend genossen haben, während hinter den Sitzreihen das tanzende Publikum non – stop am tanzen war. Aber egal wie man den Abend für sich selbst erlebt hat, Blind Passenger hatte jeden im Publikum in seinen Bann gezogen und so verwunderte mich nicht, dass einige im Publikum bereits einen Folgeflug buchten und Blind Passenger zum Wave – Gotik Treffen zu Pfingsten schon rot angestrichen hatten als nicht zu verpassendes Konzert. (Maximilian Nitzschke)

MORRISSEY - Very Best Of


Erstveröffentlichung: DVD + Audio-CD 2011 / Emi / 50999 0 96900 2 8

Vergangenheitsbewältigung wird in den letzten Jahren groß geschrieben bei Herrn MORRISSEY, so gab es die Singles-Box, mehrere Wiederveröffentlichungen, B-Seiten Sampler und einiges mehr. Nun, der Mann hat es definitiv verdient und alle diese Veröffentlichungen waren recht lohnenswert und liebevoll gemacht. Nun mal wieder eine „Best Of“-Sammlung, genauer genommen „The Very Best Of“ als schicke CD+DVD-Veröffentlichung. Ob das wirklich die besten Lieder von MORRISSEY sind, muss natürlich jeder selbst entscheiden, auf jeden Fall sind aber eine Menge der bekanntesten Hits dabei, wobei die eher frühe Phase bei HMV und Parlophone abgedeckt wird. Die Hits wie „The Last Of The Famous International Playboys“, „Suedehead“, Everyday Is Like Sunday“, „Interesting Drug“ und „November Spawned A Monster“ sind allseits bekannt, aber ein paar seltener gehörte Songs machen die Zusammenstellung auch für Fans interessant, die zumindest keine komplette MORRISSEY-Sammlung ihr Eigen nennen. Da wäre zunächst einmal die bisher unveröffentlichte Solo-Version von „Interlude“ (sonst ein Duett mit Siouxise Sioux), dazu einige US-Versionen und -Mixe, Single B-Seiten und die über 9-minütige Version von „Moonriver“. Die Zusammenstellung ist stimmig, mal rockig, mal poppig und auch mal balladig, ja fast schon schmalzig, MORRISSEY pur halt. Die solide Musik-CD wird aber deutlich aufgewertet durch eine 12-Track DVD mit den Videoclips aus der damaligen Zeit, wobei drei Clips bisher noch nicht auf DVD erhältlich waren und einer den Auftritt in einer TV-Show im Jahre 1990 zeigt. Spätestens hier greifen auch die Sammler zu, die sonst schon alles haben. Mir persönlich fehlt der schöne Clip zu „Sing Your Life“, aber das ist sicher auch Geschmackssache. An der Zusammenstellung und der Aufmachung mit schön nostalgischem Retro-Cover hat MORRISSEY zudem selbst mitgewirkt, so dass man davon ausgehen darf, dass die Best Of tatsächlich auch in seinem Sinne ist, was sicher in der Vergangenheit nicht immer der Fall war. Fans und Sammler finden ein paar schöne Sachen, ansonsten dürfte diese Compilation aber vor allem Gelegenheitshörern und Neueinsteigern, die MORRISSEY erst heute entdecken (ja, die gibt es!) als sehr guter Einstieg in die ersten Jahre seiner Solokarriere dienen. (A.P.)

CYLIX - Alpha


Erstveröffentlichung: CD 2010 / Life Is Painful Records / Nova MD

Griechenland hat in den 80er Jahren eine ganze Reihe interessanter und guter Wave- und Gothic-Bands hevrogebracht und auch in den 90er Jahren tat sich da so einiges. Synthie-Pop und EBM kennt man aus dem Land aber eher weniger, zumindest ist da nicht viel nach Westeuropa vorgedrungen. In den 2000er Jahren hat das Kernkrach-Label die Human Puppets entdeckt und zumindest szeneintern etwas bekannt gemacht. Dass sich aber auch darüber hinaus in Griechenland etwas auf dem elektronischen Musikfeld tut, zeigen CYLIX, die bereits seit 2000 existieren und auf dem deutschen Label Life Is Painful Records Ende 2010 ihr Debütalbum „Alpha“ vorgelegt haben.
Im Waschzettel wird das als „100% oriented towards Swedish-styled Synthpop“ beschrieben und damit ist man gar nicht so weit weg von der Wahrheit.
Nun erwarte ich beim Begriff „Synth-Pop“ altersbedingt eher 80er Jahre-inspirierte Klänge, doch das ist es nicht, was man auf „Alpha“ geboten bekommt. Klar, Einflüsse aus den 80er Jahren sind durchaus vorhanden, aber prägen eben nicht den Sound der Gruppe. Eher bekommt man eine Mischung aus 90er Jahre-Electro und Techno zu hören, was Ende der 90er dann unter dem Label „Future-Pop“ schubladisiert wurde. Bands wie Covenant, Apoptygma Berzerk, VNV Nation, aber auch Mesh und De/Vision dürften die Vorbilder sein, ebenso manche Electro-Gruppe aus dem damaligen Zoth Ommog-Stall. Nicht zufällig ist hier dann auch ein Remix von Lights Of Euphoria (Höhepunkt des Albums!) vorhanden und ein paar CDs von In Strict Confidence dürften die CYLIX-Macher auch im Schrank haben. Die Produktion ist richtig fett geworden und zielt durchgehend auf Tanzbarkeit ab, alles verbunden mit ganz ordentlichen Melodien und einer meist angenehmen Gesangsstimme.
Dass das alles andere als innovativ ist, muss ich wohl nicht extra erwähnen. CYLIX liefern grundsoliden Electro-Pop für die Clubs ab, nicht mehr und nicht weniger. (A.P.)

Webadresse der Band: www.cylix.gr

JELLYBEAT - Don't Le Us Be Misunderstood


Erstveröffentlichung: CD 2010 / Pate Records / Edel / pate66

Hoppla, was ist das denn? Finest Noise Promotion hat ja schon eine ganze Menge Bands und Veröffentlichungen unterstützt, vor allem Alternative-Rock, Punk, Hardcore und anderen Gitarrenkram. Dabei waren auch immer mal ungewöhnlichere Sachen, aber eine lupenreine Pop-Band habe ich aus dem Hause noch nicht zu hören bekommen.
Seit Anfang des Jahrtausends treiben JELLYBEAT aus Österreich nun schon ihr Unwesen mit einigen Veröffentlichungen. Zum größeren Durchbruch ist es bisher noch nicht gekommen, was etwas verwundert, denn wenn die bisherigen Alben auch solch einen Ohrwurmcharakter hatten wie „Don’t Let Me Be Misunderstood“, hätte eigentlich der eine oder andere Radiosender oder größere Labels mal auf das Trio aufmerksam werden müssen.
Die Band spielt eine sehr merkwürdige aber absolut eingängige Mischung aus Electro-Pop und 60s Beat mit schönem Frauengesang. Irgendwie so, als wenn Paula und Throw That Beat In The Garbagecan eine gemeinsame Platte aufgenommen hätten. Das klingt ungewöhnlich und das ist es auch, macht aber eine Menge Spaß. Fast ein bisschen eine Sommerplatte. (A.P.)

Webadresse der Band: www.jellybeat.net

DREAMGAZE - Sound Colour


Erstveröffentlichung: CD 2009 / Aetheria Music / AM002 / 884502155143

Der Anfang dieser CD überrascht, gibt es doch ziemlich curige Gitarren verbunden mit Frauengesang, der entfernt ein bisschen an Heavenly Bodies oder die Cranes erinnert. Nun waren die Cranes im Herbst 1992 Vorgruppe von The Cure und somit ist die Verbindung nicht so sehr überraschend.
Auf der Website von DREAMGAZE aus den USA werden dann auch diese Gruppen, sowie Cocteau Twins, Slowdive, Lush und viele weitere alte Helden als Inspiration genannt und so ist kaum verwunderlich, dass das Album „Sound Colour“, ein ausgesprochen passender Albumtitel, eine wunderschöne Mischung aus New Wave, Gitarren Wave, Shoegaze Sound und ein paar Ambient-Anklängen abliefert, die aber niemals düster sind, sondern locker-flockig aus den Boxen strömen. Sonst erwartet man solche Klänge wohl am ehesten aus dem Hause Projekt Records oder Middle Pillar Productions. Das Ganze geht in eine ähnliche Richtung wie das andere Projekt der Sängerin Fuchsia Bella Lune, das auf unseren Seiten ja auch schon mehr als positiv besprochen wurde. Allerdings fehlen hier die moderneren elektronischen Anklänge und die Stimmung ist sehr 80er Jahre-mäßig, was mir sogar noch besser gefällt. Ich ärgere mich regelrecht, dass ich diese CD so lange ungehört hier liegen hatte, denn sie ist bereits 2009 erschienen, wirkte aber so unscheinbar, dass sie immer wieder im Stapel unbesprochener Alben nach unten wanderte. Von nun an wird „Sound Colour“ aber sicher öfter mal bei mir laufen. Wer eine Verbindung von Robert Smith-Gitarren und einer Mischung aus Indie-Pop mit Spät-80er mit Dream-Pop-Gesang und einigen elektronischen Momenten mag, muss hier einfach zugreifen. Diese CD ist einfach schön und kehrt den alten Waver in mir hervor. Tipp, Tipp, Tipp! (A.P.)

Webadresse der Band: www.dreamgazemusic.com


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