BLIND PASSENGER - Next Flight LIVE


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011 / Wannsee Records

Am 16. April war es dann endlich soweit, dass die lang ersehnte Blind Passenger-Comeback Show in Berlin bevorstand. Hatte Backagain Nik Pages musikalische Pfade in den letzten Jahren immer wieder aufmerksam verfolgt, so war es für uns nur naheliegend nun auch dieses exklusive Konzert in der intimen Atmosphäre in Berlin – Lichtenberg zu erleben. In einem mir bis dato gänzlich unbekannten Club der „TheARTer Galerie“ sollte es sich um ein exklusives „Wohnzimmer-Konzert“ handeln, wo die Fans Nik Page und Band in wesentlich intimerer Atmosphäre erleben können als etwa bei einem klassischen Clubkonzert. Somit passten auch in der Tat 40-50 Leute nur hinein und bald entstand ein Gefühl von Exklusivität des Abends.

Das Vorprogramm bestritt die Sängerin und Songwriterin Anna Aliena, die mit einem ambitionierten jungen Mann an ihrer Seite Songs von ihrer letzten Band ShirayasDream und erstmalig auch einen brandneuen Titel aus Ihrem Soloprojekt präsentierte. Als Anna Aliena die Bühne im roten Kleid betrat setzte im Saal Stille ein und kaum das sie zu den ersten Tönen ansetzte, erntete sie erstaunte Blicke. Wohl kaum einer im Saal hätte vermutet dass hinter der zierlichen Dame in Rot, eine solch gewaltige Stimme stecken könnte. Allerdings steckt wahrlich Großes in ihr, denn sie ist klassisch ausgebildete Mezzosopranistin und kann klassische Opernarien wie etwa Carmen oder Dalila mühelos einsingen. Gerade da dieser Spielort nun nicht die Größe einer großen Clubhalle hatte konnte ihre Stimme hervorragend tragen. Die einstige Bandgeschichte von Shiraya's Dream begann im Spätsommer 2008 und endete nun im März 2011. Eigentlich schien alles perfekt und harmonisch, denn Anna Aliena genoss früh eine klassische Opernausbildung und besaß Erfahrung als Sängerin der Band Fairys Garden, während Oliver Höhne versiert war im komponieren instrumentaler Stücke. Aus einem anfänglichen musikalischen Ausflug wurde schnell eine Band,die durch die Vermischung von Operngesang und Elektropop sich abhob von der breiten musikalischen Masse. Prompt war ein neues musikalisches Genre geboren: Alien-Pop. Diese Stilrichtung beinhaltete Elemente aus Oper, Gothic, Elektro- und World Fusion. Das Reizvolle daran war und ist, dass Anna Aliena zu allem gesanglich einsteigen kann. Somit ist das Programm des Abends noch geprägt von den Stücken Shirayas Dreams, die von entrückter Reiselust in irdischen und außerirdischen Gefilden sprechen. Sehr theatralisch und auf geradezu traumwandlerische Weise entführte uns Anna in ihre Welt der Sehnsüchte und Phantasien. Die Klangwelt ist surrealistisch und betört nicht nur Fans der Avantgarde Szene. So erklingt der Song „The Lady“ vom aktuellen Album „Venus Calls“ und unweigerlich muss ich doch recht schmunzeln beim hören, denn instinktiv sehe ich Anna Aliena in ihrem roten Kleid die Peitsche schwingen und die Domina präsentieren. Es geht um Sünde und Versuchung, Dominanz und Unterwerfung, ohne aber ironische Textpassagen auszulassen. Noch etwas unbeholfen wirkt hingegen ihr junger Bühnenpartner der zuweilen so zu tun scheint, als würde er Keyboard spielen und dennoch den Laptop für sich arbeiten lässt. Da ist eindeutig mehr Sicherheit noch notwendig bei Enrico Ludwig um neben der Theatralik und Bühnenpräsenz der Sängerin bestehen zu können. Zu oft wirkt der Blick noch zu apathisch, allerdings muss man fairerweise einwerfen, dass es sein erster Bühnenauftritt war und wohl die Aufregung und Angst etwas falsch zu machen Überhand genommen hatte. Da muss eindeutig noch mehr Lockerheit und Spielfreude herüber kommen, denn dann funktioniert die Interaktion beider Bühnenpartner auch besser. An Dramatik mangelt es in diesem Set nun keineswegs, denn gerade Stücke der neuen CD „Venus Calls“ wie etwa „Lights go out“ oder auch „Venus Calls“ selber sind Stücke, welche mit viel stimmlichem Pathos über den Verlust von Liebe und Zärtlichkeit erzählen. Das Programm erscheint eh so, als hätte Anna Aliena die Texte aus Gefühlen wie emotionale Zugehörigkeit, Trennungen, Verlust von Liebe und Gefühl und daraus resultierender Wut heraus geschaffen. Es sind die großen Gefühle die Anna Aliena anspricht beim Hörer und die sie dank ihrer Stimme auch voll auszuschöpfen weiß. Zum Abschluss präsentierte sie einen ersten eigens komponierten Song „Lie with me“ der zwar schon deutlich poppiger klingt als die Stücke zuvor, aber noch zu wenig Eigenstilistik Anna Alienas besitzt. Die Nähe zu Shirayas Dream ist deutlich hörbar, wobei dies sicherlich auch der kurzen Trennungsphase verschuldet ist. Man darf also als Hörer gespannt sein auf die neue Kreativität der Sängerin und künftigen Komponistin!

In den 90er-Jahren prägten die Blind Passengers entscheidend die deutsche Darkwave- & Synthpop-Szene. Allerdings brach diese Band dann leider auseinander und man hoffte bisher vergebens auf eine Wiedervereinigung. Im Jahre 2010 konnten sich die Fans über ein fulminantes Comeback freuen: Als Blind Passenger veröffentlichte Nik Page das von der Presse gefeierte Sci-Fi-Electro-Pop-Album „Next Flight to Planet Earth“, das inspiriert ist von der Blind Passengers-Kultscheibe „The Glamour of Darkness“ und den großen Hymnen der „Golden 80s“. Aufgewachsen in Ost Berlin tritt mit zarten 13 Jahren der Schulkamerad Rayner Schirner in Nik Pages Leben und weckt in ihm das Interesse an einer eigenen Band. Bereits seit 1987 gab es die Blind Passengers die aus dieser Bandidee heraus entstanden sind. 1993 bekommen sie nach ihrem ersten Singleerfolg in Berlin einen Plattenvertrag und bringen noch im selben Jahr das mittlerweile zum Kult erhobene „The Glamour of Darkness“ Debüt heraus. Die Single – Auskoppelung „Walking to Heaven“ war wochenlang auf Platz 1 der Hörercharts des Jugendradios Fritz in Berlin und so war der Weg hin zu professionellen Berufsmusikern geebnet worden. Für den Song „Absurdistan“ wurde ein professioneller Gitarrist gebraucht und so wurde Lars Rudell der Band „Die Skeptiker“ eingeladen. Ende 1995 folgte die erste größere Tour als Vorband der englischen Dark – Wave Ikone Anne Clark auf der bereits die ersten Stücke des nur 1 Jahr später veröffentlichten „Destroyka“ Albums zu hören waren. Auftritte auf größeren Festivals waren die Folge. 1999 gelangte man mit den nunmehr vierten Studioalbum in die deutschen Albumcharts, wobei man sich stilistisch vom Synthie – Pop weg entwickelt hatte, hin zu einer Alternative – Metal Band. Festivals wir Rock am Ring oder Rock im Park waren die Größenordnung in der man sich nun bewegte und erstmals tourte man auch außerhalb Europas. Keiner konnte ja erahnen, dass bei einem Flugzeugabsturz in Mexico der damalige Bass Support Christoph Zimmermann ums Leben kommen würde. 2001 erschien mit „Neosapiens“ das letzte Studioalbum, während Nik Page seinen gleichnamigen Roman veröffentlicht. Rayner Schirner ist mittlerweile in der Band „Lola Angst“ wiederzufinden, während Nik Page mit „Sacrifight“ und „Sin Machine“ zwei Soloalben herausbrachte und zudem in Projekten wie „Cromax“ und „Songs of Lemuria“ maßgeblich mitwirkt. Nun 2010 startet er als alleiniger blinder Passagier zum Planeten Erde um das Publikum in der TheArter Galerie mitzunehmen auf seine Zeitreise zurück ins Jahr 1993 zu „The Glamour of Darkness“ und den Blind Passengers bzw. zu den Synthie Pop Hymnen der Jetztzeit. Die Bühne wirkt wie der Spielplatz eines interplanetarischen Schrotthändlers, der die übrig gebliebenen Trümmer der Raumschiffe vergangener Expeditionen gesammelt hat und zu Mikrofonständern und Percussioninstrumenten verbogen hat. Eine Stimme aus dem Off gibt dem Publikum letzte Instruktionen für den gleich beginnenden Flug zum Planeten Erde ehe schließlich der Pilot selber mit Megaphon bewaffnet die Bühne betritt. Zwar bietet die Bühne selber aufgrund ihrer Größe wenig Spielraum für exorbitante Bühnenbewegung, aber dennoch weiß Nik diese Beengtheit gut zu nutzen. Das Publikum ist mittendrin statt einfach nur dabei. Songs wie „Don't Drag me Down“ aus dem aktuellen Album erklingen neben Klassikern wie „Born to die“ und obwohl zwischen beiden 18 Jahre dazwischen liegen ist dies für den Hörer nicht erkennbar, denn in beiden Fällen präsentiert Nik energiegeladenen und kraftvollen Synthie – Pop. Klar die nötige Portion Trash und Selbstironie fehlt dabei nicht, etwa wenn mit Lichteffekten an den Brillen des Key – Boarders und Bassisten und dem Baseballschläger in der Hand des Frontmannes das Zeitalter der Maschinencops („Electrocop“) eingeleitet wird. Man schmunzelt unweigerlich und ist darüber irgendwo auch erstaunt, dass Blind Passenger es gekonnt verstehen dennoch ernst zu nehmende Musik zu produzieren die nicht verflacht. Ganz im Gegenteil jedes einzelne Stück geht sofort ins Bein, ist extrem tanzbar und brennt sich in den Gehörgang fest. Das Nik aber auch ein Händchen dafür hat ruhige und balladeske Stücke zu schreiben wissen wir spätestens seit „Songs of Lemuria“, so dass ich persönlich seine neue Interpretation von „Small Town Nights“ sehr bemerkenswert fand und auch „Walking on Heaven“. Diese intime Atmosphäre des Wohnzimmerkonzertes erlaubt es der Band die Reaktionen des Publikums direkt zu spüren und es ist für mich interessant gewesen zu sehen, dass einige eher sitzend und ruhig den Konzertabend genossen haben, während hinter den Sitzreihen das tanzende Publikum non – stop am tanzen war. Aber egal wie man den Abend für sich selbst erlebt hat, Blind Passenger hatte jeden im Publikum in seinen Bann gezogen und so verwunderte mich nicht, dass einige im Publikum bereits einen Folgeflug buchten und Blind Passenger zum Wave – Gotik Treffen zu Pfingsten schon rot angestrichen hatten als nicht zu verpassendes Konzert. (Maximilian Nitzschke)



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