AFTERFEEDBACK - The First Emotion


Erstveröffentlichung: CD 2002 / Nu Metal Records / Bellaphon Records

Die Band AFTERFEEDBACK kommen aus Spanien, genauer gesagt aus Manlieu (Barcelona) und hat sich im Jahre 1994 zusammengefunden. Es handelt sich hierbei ausschließlich um junge Männer um die 20, die noch frisch und unverbraucht sind. Man startete mit Trash-Metal, doch Gott sei Dank entwickelte man sich weiter und entwickelte sich mehr in Richtung Crossover, also einer Mischung aus Rap, Hardcore-Gitarren und einem bisschen Metal. Es gab einige Umbesetzungen innerhalb der Gruppe, in deren Zuge auch ein DJ kam und ging. Auch der Sänger verschwand und einige Zeit arbeitete man ohne einer Person am Mikro. Nachdem dieser aber gefunden wurde und auch ein neuer DJ dazu gekommen ist, begannen die musikalischen Arbeiten am Album. Eine Mini-CD mit Titel „Your Toy Is Broken“ brachte man 1998 auf den Markt. Die Presse verglich AFTERFEEDBACK mit Bands wie Korn, Slipknot und Machine Head, dem wir uns auch anschliessen müssen, wobei AFTERFEEDBACK aber natürlich nicht wie eine Kopie klingen. Die angesprochenen Bands haben ja auch jeweils ihren eigenen Stil und AFTERFEEDBACK hat von jedem etwas in sich. Man kann AFTERFEEDBACK vielleicht nicht als die große Innovation am Musikhimmel bezeichnen, doch als solide Crossover-Band mit einem eigenen Stil und einem besonders aggressiven Charme, der trotzdem noch sympathisch ist, da nicht nur gebrettert wird, sondern auch Wert auf Melodien gelegt wird. Auch hat die Band offensichtlich was zu sagen, so dass auch die Texte nicht dümmlich sind oder wie einfaches Gepose wirken. Da die Crossover-Kommerzwelle ja inzwischen abgeebbt ist und man nicht mehr mit diversen Kopien von Clawfinger und Konsorten bombadiert wird, sind AFTERFEEDBACK endlich mal wieder eine erfrischende Alternative. (H.H.)

BAKTERIELLE INFEKTION - Global Players E.P.


Erstveröffentlichung: 7 Inch EP 2002 / Invisible Records

Lange angekündigt, endlich erschienen, die Live-7“ EP der Berliner BAKTERIELLE INFEKTION. Aufgenommen in Erlangen im Jahre 2001 und limitiert auf eine lächerliche Zahl von Exemplaren, dürften alle Fans, die das Vinyl ergattern, zufrieden sein. Die A-Seite enthält die Tracks „Actors On Stage“ und „Living In The Underground“, die B-Seite die Joy Division Coverversion „A Means To An End“.

Liveplatten von Electrobands sind häufig ausgesprochen langweilig, weil kaum Platz für Improvisation ist und alles meist wie auf den Studioreleases klingt. Anders bei BAKTERIELLE INFEKTION, die doch anders klingen , als gewohnt, natürlich vor allem wegen des Gesanges. Die Songs werden nicht einfach nur reproduziert,sondern klingen deutlich rauer und eben live. Leider hatte ich bisher noch nicht die Gelegenheit Uwe Marx und Roger Semsroth auf der Bühne zu erleben, aber mit dieser Single bin ich sehr gespannt darauf. Wer auf Minimal-Electro steht und da auch mal auf weniger sterile Klänge, sollte versuche, sich dieses Schätzchen zu sichern. Dürfte demnächst bei Ebay unverschämte Sumen kosten. (A.P.)

E-Mail-Adresse der Band: invisible-records@gmx.net

BAKTERIELLE INFEKTION - Dreamless


Erstveröffentlichung: CD 2000 / Genetic Music

Wer in den letzten Jahren auch nur ab und zu mal in den einschlägigen Magazinen wie Zillo, Orkus, Sonic Seducer und auch kleineren Postillen geblättert hat, und wer sich auch nur ein bißchen für elektronische Musik interessiert, wird mit Sicherheit schon mehr als einmal auf den Namen BAKTERIELLE INFEKTION gestoßen sein. Wer sich dazu noch für den typischen Minimal-Electro-Sound der 80er Jahre interessiert, muß dieses Berliner Projekt lieben. So ist es kein Wunder, dass das erste „richtige“ Album von Uwe Marx und Roger Semsroth auf dem großartigen Genetic Music Label erschienen ist, das immer wieder neue und alte Perlen der Minimal-Electronic findet und zu veröffentlicht.

„Dreamless“ bietet gut 40 Minuten minimalistische, elektronische Analogsounds, die in der gleichen Form auch bereits in den 80ern erschienen sein könnten. Zu den Vorbildern des Duos dürften Helden wie Christof Glowalla, Inertia und wohl auch ganz besonders The Klinik gehören. Aber auch Musiker wie Fad Gadget („Duroplast“) oder John Foxx stehen sicherlich in den Plattensammlungen der Bandmitglieder. Auf „Dreamless“ sind die Sounds ausgesprochen experimentell, daß die Band aber auch poppiger und eingängiger zu Werke gehen kann, hat sie spätestens seit der Split 7“ mit Christof Glowalla bewiesen. Diese CD ist endlich mal ein für jeden zugängliches Werk von BAKTERIELLE INFEKTION, während die bisherigen Veröffentlichungen meist auf Kleinstauflagen limitiert waren, was ich sehr schade finde, da es die Preistreiberei, die besonders im Industrial-Bereich immer schlimmer wird, unnötig unterstützt. Gute Musik sollte doch jedem zugänglich sein! Tanzbar sein können Uwe und Roger übrigens auch, was sie z.B. in „Living Like A Robot“ eindrucksvoll beweisen, das wie eine Mischung aus Kraftwerk und uralten Bands wie Weltklang oder Stratis klingt. Also, wenn man mal was von BAKTERIELLE INFEKTION in die Finger bekommt, sollte man das nicht stehen lassen, könnte schnell zu einem gesuchten Sammlerstück werden. (A.P.)

Webadresse der Band: www.bakterielle-infektion.de

BAKTERIELLE INFEKTION - Analog – Digital


Erstveröffentlichung: Maxi-CD 1999 / A & T Records

Wie beinahe alle früheren BAKTERIELLE INFEKTION Veröffentlichungen, ist auch diese 1999er Maxi (damals limitiert auf 400 Exemplare in einer DVD-Box) nicht mehr erhältlich und sicherlich ein gesuchtes Sammlerstück. Wie gewohnt gibt es minimalistischen Analog-Techno Sound im Stile der 80er zu hören. Hier fühle ich mich diesmal ein wenig an damalige Projekte wie Das Kombinat und frühe Plastic Noise Experience erinnert, wobei „Switched Off“ sicherlich in einigen guten Discos und bei entsprechenden Parties einen Tanzflächenfüller abgeben dürfte. Aber auch die übrigen 4 Lieder, besonders „In Parallel“, überzeugen durchweg. Knapp 15 Minuten purer BAKTERIELLE INFEKTION-Sound, der Freunde und Sammler von rhythmisch-tanzbarem Minimal-Experimental-Electro in Verzückung geraten lassen dürfte.

Webadresse der Band: www.bakterielle-infektion.de

BAKTERIELLE INFEKTION - Sleepless


Erstveröffentlichung: CD-R 1998 / A & T Records

Die CD-Besprechung dient eigentlich nur zur Information, denn kaufen kann man diese 1998er Veröffentlichung vom Stuttgarter A & T Label sicher nirgends mehr, da die Auflage der CD-R lächerliche 200 Exemplare betrug, was ausgesprochen schade ist, denn mit diesem Werk hätte die Berliner Gruppe einen kleinen Durchbruch schaffen können. Die CD-R enthält einige Tracks von frühen Tapes und einige bis dahin unveröffentlichte Titel, die jeden Fan von analoger Elektronik und minimalistischen Blubber- und Klickersounds nahe an den Orgasmus bringen dürften. Ich muß immer mal wieder an frühe Insekt Sachen denken, Klinik kommen mir auch in den Sinn und all die anderen Minimal-Elektroniker aus den 80ern. Neben anderen aktuellen Projekten wie We., Alien Skull Paint und eigentlich dem ganzen Labelprogramm von Genetic Music zählen BAKTERIELLE INFEKTION sicherlich zu den Bewahrern des Sounds der 80er Jahre, als noch bei Sythezisern an Knöpfen gedreht und rumgedrückt wurde und nicht digitale, stets gleichklingende Stücke am Heimcomputer konstruiert wurden, wie heute. Sucht Euch jemanden, der Euch die „Sleepless“ kopiert, ein Original der alten Tapes oder dieser CD-R werdet Ihr sicher nirgends mehr finden. (A.P.)

Webadresse der Band: www.bakterielle-infektion.de

BAK XIII - Post Lucem Tenebrae


Erstveröffentlichung: CD 2005 / Urgences Records

Über BAK XIII kann ich leider absolut keine Infos geben, es ist weder ein Platteninfo bei der CD beigewesen, noch ist im Internet etwas deutsch- oder englischsprachiges rauszufinden. BAK XIII jedenfalls scheinen irgendwie aus der französisch-sprechenden Schweiz zu kommen und ihre Musik ist Electro. Dabei schwankt es zwischen minimalen Klängen bis hin zu technoiden Halbhouse-Rhythmen, die manchmal auch noch mit einer elektrischen Gitarre unterlegt sind. Mir persönlich gefallen die Stücke am besten, die am poppigsten ausgefallen sind und die befinden sich allesamt am Anfang der CD. Track 1 erinnert anfangs ein wenig an Frontline Assembly und wandelt sich zu einem minimal-poppigen Stück mit Roboterstimme. Sehr schön. „Lost“ könnte auch von Front 242 und „Black And White“, man möge mich schlagen, erinnert mich ein wenig an Sin With Sebastian, falls das noch jemand im Ohr hat. Ansonsten befinden sich mehrere Stücke mehrmals auf der CD in immer verschiedenen Remixen. Anspieltipp für mich ist „Homodisco“ und „Black And White“. (H.H.)

BALLET M. ECANIQUE - The Icecold Waters Of The Ecocentric Calculation


Erstveröffentlichung: LP 1981 / CBS

Wenn man auf dem Flohmarkt zufällig eine Platte einer Band namens BALLET M.ECANIQUE entdeckt, die 1981 erschienen ist und die ein sehr spartanisches Cover hat, denkt man doch , dass es sich irgendwie um eine Art Minimal-Elektronik oder –Wave handeln muss, oder? Also, die nicht mal teure Platte noch etwas im Preis runtergehandelt und mitgenommen, zu Hause aufgelegt und gespannt darauf gewartet, was für Klänge den Raum erfüllen. Zunächst Überraschung, kein Minimal Electro, dafür aber sehr schöner, wenn auch nicht spektakulärer Wave-Sound, typisch für die Zeit, in der die Platte erschienen ist. Cold-Wave haben die Franzosen das immer gerne genannt. Nicht nur das Cover erinnert in seiner Schlichtheit an so manche Factory-Veröffentlichung, auch die Musik klingt manchmal nach Bands wie Crispy Ambulance, nur nicht ganz so düster. Sicher ist diese Platte kein Meilenstein, dafür aber solider New Wave, der unter Sammlern durchaus gesucht ist. (A.P.)

BANDA BASSOTTI - Amore E Odio


Erstveröffentlichung: CD 2004 / Gridalo Forte Records

Die Band BANDA BASSOTTI gibt es schon seit einiger Zeit und gegründet hat man sich irgendwo in der Nähe von Rom, wohl Ende der 80er Jahre. Das nunmehr siebte Album dreht sich hier im Player und man hat sich offenbar vorgenommen, auch einmal außerhalb des eigenen Landes Aufmerksamkeit zu erhaschen. 13 Musiker auf der Bühne sorgen für satten Sound und dürften wirklich mitreißend sein. Ihr Stil ist Skapunk, aber absolut abwechslungsreich. Ein bisschen 2Tone, Oi, Punk, meist geht es voll nach vorne los. Gleich in der ersten Sekunde der CD wird straight der Kopf gegen die Wand gehauen und jeder Song hat echte Ohrwurmqualitäten, man wippt automatisch mit und die Melodien sind wirklich gleich im Kopf, ohne allerdings platt zu sein. Oftmals wird der Gesang noch von mehrstimmigem Background-Gesang unterstützt. Ihre Texte, ich verstehe sie nicht, da sie in der Heimatsprache verfasst sind, sind sehr politisch und man engagiert sich auch sehr im Sozialen. Nachzulesen übrigens im Booklet in sowohl in Englisch und auch in Spanisch. Eine wirklich tolle CD und Ska aus Italien ist mir eigentlich auch noch nicht untergekommen. (H.H.)

BäRCHEN UND DIE MILCHBUBIS - Dann Macht Es Bumm


Erstveröffentlichung: LP 1981 / No Fun Records

Mit ihrer frühen Single „Jung Kaputt Spart Altersheime“ konnte man BÄRCHEN UND DIE MILCHBUBIS noch ziemlich eindeutig dem Punk zuordnen, zumal der Song ein richtiger hannoveraner Punk-Klassiker geworden ist und einem Hannover-Punk-Sampler den Namen gab. Danach entwickelte sich die Band eher in Richtung NDW, ohne jedoch die Punk-Wurzeln zu verleugnen. Ich glaube, sogar in der Bravo fand die Gruppe damals Erwähnung und waren sie nicht sogar auf einem der beiden großartigen NDW-Poster mit drauf?

Mit „Muskeln“, ich glaube auch als Single ausgekoppelt, beginnt die Platte gleich eingängig, aber nicht oberflächlich, bevor „Tiefseefisch“ ziemlich new-wavig daherkommt und „Spaß“ Erinnerungen an die Neonbabies aufkommen lässt, verbunden mit ein paar Ska-Anklängen. „Teddyboy“ klingt musikalisch so, wie man es bei dem Titel erwartet und ist der erste nicht ganz so tolle Song, der allerdings zum Glück auch der kürzeste der Platte ist. Überhaupt sind die meisten Lieder recht kurz, hauptsächlich zwischen eineinhalb und zweieinhalb Minuten, nur viermal geht es über drei Minuten. Wie ganz frühe Cure/Cult Heroes klingt „Fernet“, auch wenn das wohl eher Zufall ist. Wunderbar schräg und falsch gesungen ist „Motörrad“. Irgendwie wartet man bei dem kinderliedartigen Song immer darauf, dass er irgendwann losfetzt, was aber nicht passiert. Klingt ein bisschen nach den ganz ganz frühen Ärzten. Super ist am Ende der ersten LP-Seite dann „Tagebuch“ mit lustigem Text („Liebes liebes Tagebuch, ich hab´s heut´ mit ´ner Frau versucht“) und klarem Punksound. Definitiv einer der Hits des ganzen Albums und der längste Song mit dreieinhalb Minuten.

Die zweite Seite fängt dann mit dem straighten „Ich Will Nicht Älter Werden“, das, auch kommerziell gesehen, absoluten Hitcharakter hat und im Ohr bleibt. „Egal“ ist dann wieder feinster NDW-Punk mit gutem Text, gefolgt vom New Wave-Song „Hab´ Doch Keine Angst“ mit sehr ersnstem Text, der auf das Thema Kindesmissbrauch eingeht und dadurch ziemlich hart erscheint. Wäre dieser Song als Single ausgekoppelt worden, hätte es sicher eine Indizierung gegeben, weil deutsche Sittenwächter das sicher wieder in den falschen Hals bekommen hätten. Das folgende, textlich wieder seichte „Schweinekram“ kann man nach so einem ernsten Thema kaum richtig genießen. „Oh“ ist ein melancholisches Liebeslied, das etwas aus dem Rahmen der LP heraus sticht, aber einzeln betrachtet sehr schön ist. „Manager“ hingegen erinnert an Frühwerke wie „Jung Kaputt Spart Altersheime“, kann aber nicht so sehr beeindrucken. Beende wird die Platte dann mit „Pogo Liebt Dich“, ein weiterer Bandklassiker, der genau das hält, was der Titel schon andeutet, nämlich, dass die Band ursprünglich vom Punk kommt. So endet eine wirklich tolle Platte, die leider nie so erfolgreich wurde, wie sie es verdient hätte, obwohl das Potential dafür da gewesen wäre.Eine fast perfekte NDW-Platte, zwischen den punkigen Ursprüngen und den poppigen Kommerzzeiten, wie fast alles vom No Fun-Label heute sehr gesucht, CD-Wiederveröffentlichung wäre schön und verdient... (A.P.)

BARCODE - Hardcore


Erstveröffentlichung: CD 2001 / Hardboiled

Wie meist kommt die Härte aus Dänemark. Ich kannte die Band schon durch ihre CD „Beerserk“ (s.unten), welche noch sehr melodisch und mitunter auch recht punkig war. 2 ½ Jahre liegt das nun zurück und nun kommt die Band endlich mit einem neuen Longplayer. Um es gleich vorweg zu sagen: Es ist ein Album für die Old-School-Hardcorer. Ohne grosse Schnörkel und Verirrungen geht es hier einfach nur ab, den „Spirit“ bewahrend und den Zuhörern mit Brett-Gitarren auf den Schädel schlagend mit insgesamt 16 Stücken, die eine durchschnittliche Länge von 2 Minuten haben. Sind BARCODE eine der letzten Hardcore-Combos, die den Geist bewahren? Kann sein. Deshalb ist das Album auf jeden Fall unentbehrlich für alle Freunde des Genres und natürlich für alle, die es satt haben, verpoppten Hardcore in den Charts zu hören. Hier, liebe Freunde, könnt Ihr hören, wie es wirklich geht. (H.H.)

BARCODE - Go Berserk


Erstveröffentlichung: CD / Diehard

Im Jahre 1997 hatte die Band BARCODE ihre Debüt-CD veröffentlicht mit dem Titel Hard Jet Super Flash"", die mir leider nicht bekannt ist. Aber man hatte (trotzdem, ha ha) recht gute Erfolge damit verzeichnen können. 1998 gab es dann einige Umbesetzungen innerhalb der Band (der Sänger heißt nun Butch und der zweite Gitarrist heißt nun Dr. Jay) und nun haben wir hier das neueste Werk. Hardcore par exellance bieten uns BARCODE mit ihrer neuen CD „Go Beerserk"", hyperschnell und kraftvoll, satter Sound und für Hardcore-Verhältnisse relativ melodisch und oftmals mit Punk-Einflüssen. Produziert wurde das Ganze von Tommy Hansen (Pretty Maids, Helloween, Illdispoised usw) und Jamie Locke (Madball, My Own Victim, Deviate uw.). Alles in allem ein schön krachiges Gebilde und durchaus empfehlenswert für Freunde des Genres! (H.H.)

1997EV - Zeta Reticuli


Erstveröffentlichung: LP 2010 / Reue um Reue / T.u.T./R.u.R. / R.u.R.017

Der Projektname 1997EV klingt recht experimentell, der Plattentitel „Zeta Reticuli“ und das Artwork lassen irgendwie etwas hippieskes oder gar krautrockiges erwarten und auch, wenn das sicher alles irgendwie Einfluss hatte, trifft man damit nicht auf den Punkt. 1997EV ist anders, minimalistisch aber laut, eingängig aber schräg, elektronisch aber mit Gitarren, abwechslungsreich aber rituell. Man könnte das fortführen und trotzdem kaum beschreiben, was der Hörer nun wirklich geboten bekommt. Versuche ich es also einfach doch mal mit ganz banalen Vergleichen zu Bands, die man kennt, obwohl auch das nur eine vage Annäherung an den Sound ist. Man stelle sich vor, die Legendary Pink Dots hätten mit Clock DVA, Cabaret Voltaire und den frühen Psychic TV zusammen eine Platte aufgenommen. Klingt unglaublich und was man zu hören bekommt ist dann auch so schwer greifbar, wie man sich eine Kollaboration dieser Gruppen vorzustellen hat. Ein bisschen ambient, leicht psychedelisch und rituell strömen die Klanglandschaften aus den Boxen und werden von einer monotonen Stimme, die Texte eher spricht als singt vervollkommnet. Das ist spannend und sicher am ehesten für Freunde von ruhigem Industrial interessant, die auch die eine oder andere frühere Cold Meat Industry-Veröffentlichung lieben. Auch Fans der guten alten Swans sollten mal ein Ohr riskieren. Wer einen neuen Soundtrack zu den experimentellen Kurzfilmen von Richard Kern braucht, ist hier ebenso richtig und ahnt, was ihn erwartet.
Die Auflage von 315 Exemplaren erscheint in drei verschiedenen Vinylfarben, wobei mir das transparente goldfarbene Vinyl vorliegt, was wirklich schick ist. Eine der spannendsten von durchweg guten Veröffentlichungen auf Reue Um Reue und vielleicht die „lauteste“ Platte auf dem Label. (A.P.)

Webadresse der Band: www.tutrur.com

TELEVISION SET/OTHERS IN CONVERSATION - November Session


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2009 / Genetic Music / gen028

TELEVISION SET als Soloprojekt von Roger Semsroth (Skanfrom, Bakterielle Infektion) kennt man durch feine Vinylveröffentlichungen schon einige Jahre. OTHERS IN CONVERSATION haben vor gar nicht mal so langer Zeit mit einer sehr schön wavigen Single begeistert. Bereits im Jahr 2008 haben sich die Musiker beider Projekte zusammengetan und eine sehr schöne Kollaborations-Single aufgenommen, die 2009 bei Genetic Music erschienen ist. Es ist keine Split-Single, wie man zunächst erwarten könnte, sondern tatsächlich eine Zusammenarbeit. Und wie es bei so einer gemeinsamen Session sein sollte, kommt durch die unterschiedlichen Einflüsse der Musiker etwas Neues heraus, das den Geist beider Bands transportiert, durchaus auch den jeweiligen Stil durchklingen lässt, aber eben auch anders klingt. Die A-Seite „Words Unspoken“ klingt, als hätte der For Against-Gitarrist bei einem Bakterielle Infektion-Stück mitgespielt, also monotone Minimal-Rhythmen, simple Ohrwurm-Keyboardlinien und sehr schön wavige Gitarren von M. Steward.
Tanzbarer und mit fettem Bass versehen, ansonsten aber in die gleiche Richtung gehend ist die B-Seite „Untitled 08“. Purer 80er Jahre Sound mit einer leicht curigen Gitarre, wobei mir allerdings der Gesang fehlt. Ja, ich würde sogar sagen, Gesang hätte diesen Instrumentaltitel zu einem echten Hit gemacht. So liegt bei mir aber doch „Words Unspoken“ mit der Stimme von Helena Roos knapp vorne, aber was heißt das schon bei einer schlicht gestalteten 2-Track-Single? Schöne Platte für all die heimlichen Alt-Waver unter uns. (A.P.)

Webadresse der Band: www.geneticmusic.de

OTHERS IN CONVERSATION/TELEVISION SET - November Session


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2009 / Genetic Music / gen028

TELEVISION SET als Soloprojekt von Roger Semsroth (Skanfrom, Bakterielle Infektion) kennt man durch feine Vinylveröffentlichungen schon einige Jahre. OTHERS IN CONVERSATION haben vor gar nicht mal so langer Zeit mit einer sehr schön wavigen Single begeistert. Bereits im Jahr 2008 haben sich die Musiker beider Projekte zusammengetan und eine sehr schöne Kollaborations-Single aufgenommen, die 2009 bei Genetic Music erschienen ist. Es ist keine Split-Single, wie man zunächst erwarten könnte, sondern tatsächlich eine Zusammenarbeit. Und wie es bei so einer gemeinsamen Session sein sollte, kommt durch die unterschiedlichen Einflüsse der Musiker etwas Neues heraus, das den Geist beider Bands transportiert, durchaus auch den jeweiligen Stil durchklingen lässt, aber eben auch anders klingt. Die A-Seite „Words Unspoken“ klingt, als hätte der For Against-Gitarrist bei einem Bakterielle Infektion-Stück mitgespielt, also monotone Minimal-Rhythmen, simple Ohrwurm-Keyboardlinien und sehr schön wavige Gitarren von M. Steward.
Tanzbarer und mit fettem Bass versehen, ansonsten aber in die gleiche Richtung gehend ist die B-Seite „Untitled 08“. Purer 80er Jahre Sound mit einer leicht curigen Gitarre, wobei mir allerdings der Gesang fehlt. Ja, ich würde sogar sagen, Gesang hätte diesen Instrumentaltitel zu einem echten Hit gemacht. So liegt bei mir aber doch „Words Unspoken“ mit der Stimme von Helena Roos knapp vorne, aber was heißt das schon bei einer schlicht gestalteten 2-Track-Single? Schöne Platte für all die heimlichen Alt-Waver unter uns. (A.P.)

Webadresse der Band: www.geneticmusic.de

MY NAME IS MUSIC - We Are Terrorists


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Pate Records / Edel / pate 80

MY NAME IS MUSIC aus Österreich haben 2010 ihr erstes Album „Revolution“ veröffentlicht und konnten damit international einige kleinere Achtungserfolge verbuchen. Nun legt das Frau-Mann-Duo das zweite Album vor, das nach „Revolution“ folgerichtig „We Are Terrorists“ heißt und den beiden sicher noch mehr Aufmerksamkeit verschaffen wird. Mit total reduziertem Instrumentarium und staubtrockener Produktion werden zwölf Pop/Rock-Songs in weniger als 45 Minuten abgeliefert, die hier und da sogar ein bisschen Hitpotential haben. Die Bandkonstellation, aber auch der Sound, erinnert stark an Größen wie The Kills und White Stripes, was kaum ein Zufall sein dürfte. Darüber hinaus gibt es einige Anklänge an den Garagen-Sound so mancher 60er/70er Jahre Underground-Band und man könnte sich vorstellen, dass ein Regisseur wie Quentin Tarantino was von der Gruppe verwenden würde, wenn er einen zweiten Teil von „Pulp Fiction“ oder „Jackie Brown“ drehte. Mir persönlich ist die Stimme von Sängerin Phoebe Hall gelegentlich zu soulig und die Instrumentierung von Niki Altmann hier und da etwas zu reduziert retromäßig. So fehlt vielleicht der richtige Hit, der eben Bands wie The Kills („No Wow“) und White Stripes („Seven Nation Army“) zum Durchbruch verholfen hat, oder anders ausgedrückt: der große Überraschungsmoment, der MY NAME IS MUSIC aus der Masse hervorhebt bleibt aus.
Trotzdem kriegt man hier ein interessantes, teilweise sogar sehr gutes Album zu hören, dass einige kleine Hits wie „Straight And Simple“, „Kill The Beat“, „Pop Is Dead“ und „We Are Terrorists“ enthält und dazu noch eine ganz gelungene Coverversion von The Cures „Killing An Arab“. Dazu gibt es ein recht aufwändig und gut gestaltetes Booklet. Alternative-Garagen-Rock mit Soul-Anklängen oder so ähnlich muss man das wohl nennen. (A.P.)

Webadresse der Band: www.mynameismusic.com

VENDEMMIAN - One In A Million


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Echozone / Sony Music / EZ11C582

Nach einigen Cassetten und Minialben belieferte uns die englische Band VENDEMMIAN in der ersten Hälfte der 90er Jahre mit einigen Alben und Singles – und zahlreichen Sampler-Beiträgen - und gehörte zur Speerspitze der damals bereits dritten englischen Gothic-Rock-Generation, die sich am ehesten an Bands wie The Mission und Field Of The Nephilim orientierte. VENDEMMIAN brachten dazu immer einen gewissen Gitarren-Wave-Einfluss mit, der ihre Musik oft etwas frischer erscheinen ließ, als es bei vielen anderen Bands der Fall war. Düsternis stand nicht unbedingt im Vordergrund und vor allem live rockte die Band ordentlich ab. Dann, ab 1997, verschwand die Band plötzlich von der Bildfläche und erst 2008 meldete sich die Gruppe mit einem neuen Album zurück, das fast nahtlos an die älteren Aufnahmen anschloss.
2011 ist nun auf dem deutschen Label Echozone das fünfte Album „One In A Million“ erschienen, das die Qualitäten der Band problemlos wieder aufleben lässt und Fans von Brit-Goth der alten Schule erfreuen dürfte. Recht eingängig, und manchmal bei den Gitarren vielleicht etwas zu glatt produziert, gibt es eine ganze Reihe potentieller Hits für Old School-Gothics, wobei das Problem leider ist, dass dieser Stil derzeit in der schwarzen Szene kaum angesagt ist. Trotzdem ist das Album richtig gut und schafft es, den alten Stil in unsere Zeit herüber zu retten. Das heißt, die Musik klingt eben nicht altbacken, wie man erwarten könnte, sondern sehr treibend und frisch. Die Einflüsse von vielen Größen des Gothic-Rock der letzten knapp 30 Jahre sind deutlich hörbar, dafür aber keinerlei Anbiederungen an den Metal-Bereich, was mich sehr freut. So manche gute Gothic-Rock-Band ist in der Vergangenheit der Versuchung erlegen, sich mittels Metal-Einflüssen eine breitere Käuferschicht zu erschließen zu wollen.
Mit unter 45 Minuten Spielzeit kommt auch niemals Langeweile auf.
Hit ist für mich gleich der Opener „One In A Million“, der auch ein paar Anklänge an The Essence bietet, aber auch „Innocent“ hat fast schon Hymnencharakter mit herrlicher Wave-Gitarre.
Aufs ganze Album bezogen hätte es insgesamt gerne etwas rauer mit ein paar mehr Ecken und Kanten sein dürfen, doch auch so lässt One In A Million“ wohlige Erinnerungen an die Szene der frühen 90er Jahre aufkommen. (A.P.)

POKETT - Three Free Trees


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Dust On The Tracks / DOTT201041

In den 80er Jahren gab e seine Zeit, als Indie-Pop richtig groß und erfolgreich war, vor allem in England. Der Stil hat sich gehalten, auch, wenn er seltener geworden ist, seit Grunge die Gitarrenmusik merkwürdigerweise komplett umgekrempelt hat. Dennoch gibt es immer wieder Bands, die sich an den fluffigen Gitarrenklängen versuchen, gerne kombiniert mit etwa raueren Alternative-Rock Elementen. Genau in diese Kerbe, verfeinert mit ein bisschen Folk und Acoustic-Geklimper schlägt auch die französische Band POKETT. In kompakten 33 Minuten werden neun Tracks abgeliefert, die hier und da ein wenig sehr glatt erscheinen und nicht unbedingt einen Spektakularitäts-Preis abräumen würden, aber angenehm im Ohr bleiben und als leichte Hintergrundmusik bei der Hausarbeit genau richtig sind. Das klingt jetzt vielleicht böser, als es gemeint ist, aber tatsächlich hat man ein gutes Gefühl, wenn die CD zu Ende ist, weiß aber nach ein paar Minuten wahrscheinlich schon gar nicht mehr, woher das eigentlich kommt. Ein paar mehr Ecken und Kanten beim nächsten Album, dann kann das vielleicht noch richtig was werden. So ist es einfach nur nett im positiven Sinne. Für den Videoclip zu „Someone You Know“ liegt die notwendige 3-D-Brille bei. (A.P.)

Webadresse der Band: www.dott-music.com

LES FLEURS DU MAL - I


Erstveröffentlichung: CD-EP 2011 / Malicious Release / Echozone / MARE001

Bands mit dem Namen LES FLEURS DU MAL gab es in den letzten Jahrzehnten so einige. Charles Baudelaires Gedichtband dieses Namens hat es Menschen, die die eher dunkle Seite der Kunst lieben, schon immer angetan. So auch dem schwedischen Musiker Axel Grim, der sein neues Projekt so benannte. Und der Name passt, das kann man schon mal vorweg nehmen. Es ist kaum verwunderlich, dass es hier eine Mischung aus altem Gothic-Rock und Dark Wave zu hören gibt, wobei Bands wie Joy Division, Clan Of Xymox und The Sisters Of Mercy auf der einen und spätere Epigonen wie The Escape, The Merry Thoughts und The Garden Of Delight auf der anderen Seite ihre Spuren hinterlassen haben. Zusammen mit einer ordentlichen Portion Flächen-Synthies kommt hier eine sehr schöne Mischung raus. Obwohl oder gerade weil das alles relativ klischeehaft erscheint, machen die fünf Tracks dieser CD-EP richtig Spaß und dürften vor allem Old School-Fans erfreuen. Eine etwas fettere Produktion wäre zwar schön gewesen, aber auch so bleibt eine Menge Positives hängen. Mich erinnert es auch an manche Früh-90er-Band wie After Darkness, Memoires D’Automne, Lucie Cries, Nuit D’Octobre, Land Of Passion oder so manch andere leider viel zu unbekannt gebliebene Gruppe der damaligen Zeit. Ich nehme mal an, dass diese CD-EP auch käuflich zu erwerben ist, auch, wenn „Promo“ auf dem Cover drauf steht. Ist wohl hauptsächlich dazu gedacht, Labels für eine größere Veröffentlichung aufmerksam zu machen. Wenn jetzt zufällig gerade ein Old School-Gothic-Revival starten würde, wären LES FLEURS DU MAL vielleicht ganz vorne dabei. Wer beispielsweise die Australier Ikon mag, sollte auch hier mal reinhören. (A.P.)

Webadresse der Band: www.lesfleursdumal.se

BLOODYGRAVE & DIE LUST - Bloodygrave & Die Lust


Erstveröffentlichung: 7 Inch EP 2010 / Hertz-Schrittmacher / Kernkrach / hertz032

BLOODYGRAVE & DIE LUST ist eine Zusammenarbeit zweiter deutscher Musiker, die zuvor schon in verschiedenen anderen Bands und Projekten zwischen Punk, Wave, Electro und Prog-Rock aktiv waren. In Berlin lernten die beiden sich zufällig kennen und begannen zusammen Musik zu machen. Das Ergebnis sind nun diese vier Tracks auf kleinem Vinyl, das bei Kernkrach erschienen ist. Damit ist die Richtung Minimal-Electro-Wave schon ziemlich klar und genau das wird auch geboten, allerdings mit einer gewissen Punk-Attitüde, ohne aber Electro-Punk zu sein.
Los geht es aber mit einer Coverversion des Deutsch-Punk-Klassikers „S.O.S.“ von Toxoplasma, die ausgesprochen gut gelungen ist. Das erinnert von der Idee her stark an das Razzia-Cover „Arsch im Sarge“ von Bakterielle Infektion. Ob „Chlorleichen“ ebenfalls ein Cover ist oder sonst etwas mit der gleichnamigen Punkband von Anfang der 80er Jahre zu tun hat, weiß ich nicht sicher, es würde mich aber nicht wundern. „Rattengift“ ist aber auf jeden Fall keine Electro-Version vom Der Fluch-Song dieses Namens. „Minimalerei“ beendet schließlich die Platte dann schon wieder mit etwas schrägeren Minimal-Klängen, die irgendwo zwischen Der Plan und frühen Cabaret Voltaire einzuordnen sind.
Das Kernkrach-typische Gefühl vermitteln die limitierte Auflage von 300 (laut Website) oder 250 (laut Coververmerk) Exemplaren, das farbige Vinyl, die diversen Beilagen und das handgemachte Cover. Alles in allem also eine „normale“ Kernkrach-Veröffentlichung im allerbesten Sinne. (A.P.)

Webadresse der Band: www.kernkrach.de

WAITING IN VAIN - Awake Again EP

Wiederveröffentlichung: CD 2011 / Eigenveröffentlichung / AF Music / WiV006
Erstveröffentlichung: Download 2011 / Eigenveröffentlichung / AF Music / WiV 006

WAITING IN VAIN kannte ich ehrlich gesagt bisher noch nicht, was schade ist, denn wenn die bisherigen Veröffentlichungen in Eigenregie auch so gut sind, wie diese 33-minütige Download-EP, habe ich wahrscheinlich eine Menge guter Musik verpasst. Rockmatic-Pop nennt der Waschzettel die Musik der deutschen Band und auch der Begriff Electro-Rock wird benutzt, wobei der griffiger und nachvollziehbarer ist, als eine selbstkreierte Fantasiebezeichnung.
Wenn man Electro-Rock einfach als gleichberechtigte Kombination aus Gitarren und Elektronik beschreibt, passt der Begriff sogar ziemlich gut. So manche Electro- oder Synthie-Pop-Band hat versucht, sich mittels der Hinzunahme von Gitarren weiter zu entwickeln, mir fallen da spontan De/Vision und die Blind Passengers ein. Leider war das nur selten überzeugend, weil es oft sehr verkrampft wirkte, nur um zu zeigen, dass man eben nicht nur auf „einfachen“ Synthie-Pop festgelegt werden wollte. Die den anderen fehlende Lockerheit bieten aber WAITING IN VAIN auf dieser Remix-EP. Obwohl ich kein großer Fan von Remixen bin, macht diese EP Spaß, weil sie kraftvoll ist, mal technoid, mal eher rockig, hier und da auch ein bisschen gothic, aber immer schön eingängig. Das Quäntchen, das die Band über vergleichbare Acts hinaushebt, ist der sehr angenehme Gesang, der nicht vermixt oder mit schlechten Effekten versaut wurde. Das Beste ist aber, dass der Download kostenlos und eine Weiterverbreitung (natürlich ohne kommerzielle Hintergedanken!) ausdrücklich erwünscht ist. Für alt-schulige Musikfans gibt es aber auch eine CD-Version mit einem Bonustrack, die dann aber sicher nicht umsonst.
Sympathische Band, lobenswerte Vermarktungsstrategie und einfach gute Musik, die zwar kaum Neues bietet, aber ausgesprochen frisch klingt. Da wünscht man der Band doch gleich richtig den größeren Erfolg. (A.P.)

Webadresse der Band: www-af-music.de

THE DARK UNSPOKEN - Rotten Memories


Erstveröffentlichung: CD 2008 / Darkun Ratrec/Codeline Records / RR14CD/CDL 012

Nach dem regulären Debütalbum „Die By Echos“ von 2006 legt das Projekt THE DARK UNSPOKEN nun 2008 den Nachfolger vor, wiederum weitgehend als Eigenproduktion mit Unterstützung des Labels Codeline Records. Grundsätzliches geändert hat sich musikalisch nicht und Mastermind Darkun schätzt sich auch ganz realistisch ein, wenn er als Einflüsse den Dark Wave und Electro der 90er Jahre nennt. Größen wie Project Pitchfork haben da nachhaltig Eindruck hinterlassen.
Wie schon beim ersten Album schafft es THE DARK UNSPOKEN aber ziemlich gut, eingängigen Electro-Wave mit düsteren Dancefloor-Rhythmen zu kombinieren und da das alles recht gut und fett produziert ist, könnte man den einen oder anderen Song auch gut mal in den einschlägigen Clubs hören.
Das ist alles nicht besonders innovativ, aber solide und damit schon besser, als so viele andere Heimproduktionen. Neben den elf regulären Songs bietet die CD auch noch vier Remixe und ein durchaus gelungenes Artwork. (A.P.)

THE SILICON SCIENTIST - Poly / Bookmarks II


Erstveröffentlichung: LP-Box 2009 / Anna Logue Records / ANNA 024(B).2009

Voller Schrecken habe ich vor kurzem gemerkt, dass ich das zweite Album des (inzwischen Ex-) Hamburgers Stefan Bornhorst (Sonnenbrandt, The Convent) unter dem Namen THE SILICON SCIENTIST zwar schon viele Male gehört aber noch nicht mit einer Rezension gewürdigt habe. Und das, obwohl mir Label-Chef Marc immer wieder in den Hintern deswegen getreten hat. Irgendwie passte es nie. Dabei ist es die LP + CD mehr als wert, dass möglichst viele Leute von ihr erfahren. Zu hören gibt es natürlich weiterhin perfekt produzierten Electro-Sound, meist im mittelschnellen Beat, aber inzwischen eher von den 70er Jahren als den 80ern inspiriert. Das wird manchem Minimal-Electro-Liebhaber vielleicht nicht so gefallen, aber immerhin geht es ja nicht darum, das zu machen, was irgendwelche Puristen wünschen, sondern, was der Musiker selbst möchte. Obwohl die LP Songs aus den Jahren 2006 bis 2008 enthält, ergibt sich doch ein geschlossenes Werk und keine einfache Songsammlung.
Gleich der erste Song „Silicon Beach“ hält, was der Titel verspricht, nämlich locker-flockigen Electro-Sound, der ein bisschen an Sachen wie Erocs „Wolkenreise“ erinnert. Auch „Oceans Of Green“ ist sehr entspannt und könnte in Wissenschaftssendungen wie „Abenteuer Forschung“ als Musik zu spektakulären Kamerafahrten in den Mikrokosmos dienen, dazu gibt es noch dezenten Gesang, der eher als zusätzliches Instrument zu sehen ist und nicht so sehr in den Vordergrund gemischt wurde. So geht es bei den folgenden Stücken weiter, wobei deutlich wird, dass der Wave-Charakter des ersten Albums ziemlich in den Hintergrund tritt und die Inspiration eher von alten Kraut-Elektronikern wie Tangerine Dream, vielleicht auch mal Jean-Michel Jarre oder Klaus Schulze kommt. Bei Snowflakes wird es ein bisschen tanzbarer, ganz entfernt könnte man an bessere Italo-Disco-Projekte wie Hipnosis denken. Etwas schwermütiger endet die A-Seite dann mit „Colourblind“, was den Minimal-Fans bis hierhin wahrscheinlich am besten gefällt. Aber schon mit „Lost City“ am beginn der B-Seite geht es wieder mehr in die spacige Richtung. „A Blue Glow“ erscheint zwar ein wenig sehr seicht, klingt aber fast so, als wenn Edward Ka-Spel bei einem Tangerine Dream-Stück gesungen hätte, was irgendwie schon interessant ist. „Meltdown“ ist wohl der wavigste Titel der LP, irgendwo zwischen The Cure zur „Disintegraton“-Zeit, New Order in den 80ern und Slowdive, mein Favorit auf diesem Album und ein echter Hit.
Zur eigentlichen LP gibt es wieder eine CD als Bonus, die „Bookmarks II“ betitelt ist. Diese enthält Outtakes aus den „Poly“-Sessions, Sampler-Tracks, alternative Versionen und komplett unveröffentlichtes Material, wobei hier nicht unbedingt eine durchgehende Linie zu finden ist, sondern Fans sich ein interessantes Bild über die vielfältige Arbeit von THE SILICON SCIENTIST machen können. Das rundet ein sehr schönes Album gut ab. Insgesamt wird die Veröffentlichung vielleicht eher Freunde von alter Elektronik begeistern, während der Wave- und Minimal-Electro-Anteil eher klein bleibt. Aber von der Musik von THE SILICON SCIENTIST darf man trotzdem begeistert sein, auch weil die Produktion wieder bis ins kleinste Detail perfekt ist. Wer Stefan kennt, weiß, warum.
Die Aufmachung ist wie immer bei Anna Logue Records wunderbar. Ein schönes Cover-Artwork, ein schickes Innencover und die Bonus-CD hat ebenfalls ein vollständiges Artwork. Dazu gibt es eine unterschriebene und nummerierte Postkarte zu der 500er Auflage. Wohlfühl-Paket also. (A.P.)

Webadresse der Band: www.annaloguerecords.com

CHRISTINE PLAYS VIOLA - Innocent Awareness

Wiederveröffentlichung: Download 2011 / AF Music
Erstveröffentlichung: CD 2011 / AF Music

Schon immer sind aus Italien interessante Wave- und Gothic-Bands gekommen, in den 80er Jahren Helden wie Death In Venice oder Weimar Gesang, in den 90ern Burning Gates, Spiritual Bats, Artica und mindestens 100 weitere und heute tauchen Bands wie CHRISTINE PLAYS VIOLA auf, um den guten alten Post Punk- und Gothic-Rock Sound am Leben zu erhalten. Interessanterweise haben die Italiener sich dabei meistens eher am schrägen und düsteren Batcave-Sound orientiert, oft auch am amerikanischen Death-Rock, gerne mit deutlichen Cure-Einflüssen und weniger am Gothic-Rock á la Sisters Of Mercy. Vielleicht, weil man in der italienischen Sprache so herrlich verzweifelt singen kann?
So klingt auch das Quartett CHRISTINE PLAYS VIOLA sehr old schoolig und wird damit den leider nicht mehr so vielen Gothic-Rock-Fans der traditionellen Schiene viel Freude machen. Verhallte und verzerrte Gitarren, wummernder Bass, monotones Schlagzeug und keinerlei sonst so beliebte Metal-Einflüsse. Ich persönlich hätte es sogar noch besser gefunden, wenn die Band auf Italienisch singen würde, aber mit Englisch ist wohl der internationale Durchbruch leichter zu schaffen.
Gothic-Rock mit einigen Gitarren-Wave-Einflüssen, immer wieder ein Joy Division/New Order-Bass, ab und zu curige Gitarren und wenige elektronische Einflüsse, das ergibt eine schöne Mischung, der allerdings ein bisschen der letzte zündende Funke fehlt, um das Album zu einem absoluter Knaller zu machen. So ist es aber immer noch sehr solider, aber eben noch nicht ganz eigenständiger Old School-Gothic-Rock, für den es in meinen Ohren und im Herzen immer einen Platz geben wird. Wer die alten Gene Loves Jezebel, Theatre Of Hate und ähnliche Bands mag, sollte auch hier reinhören. (A.P.)

Webadresse der Band: www.af-music.de

FAUN - Eden


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Screaming Banshee / Alive

Faun – EDEN
"(VÖ: 24.06.2011 Screaming Banshee/Alive)


Seit nunmehr vier Jahren reifte im Hause Faun ein neues Werk, aber das aktuelle Album „Eden“ war den sympathischen Münchnern einfach zu wertvoll um sich einem eventuellen Zeitplan zu unterwerfen. Bereits im Jahr 2008 wurden die ersten Lieder geschrieben und im Rahmen der akustischen Touren der letzten Jahre auch schon live präsentiert. Dann im Frühjahr des letzten Jahres wurde bereits das Studio angemietet um die erste Hälfte der CD aufgenommen, bevor man im Winter 2010 zu 2011 sich erneut in mehrere Studios zurückzog um die CD fertig zu stellen.

Was sofort auffällt ist, dass Faun mit „Eden“ ein Konzeptalbum geschaffen haben. Es nähert sich dem Garten Eden von verschiedenen kulturellen, musikalischen und auch mythologischen Perspektiven. So beginnt die musikalische Reise gleich zu Beginn der CD im antiken Rom beim lustvollen Fest des Faunes Lupercus, bevor wir bretonische Tänze und altenglische Wiegenlieder zu hören bekommen. Norwegische Runengedichte, Gedichte von Ovid oder von Oskar Wilde wurden ebenso vertont, nebst deutschen Texten aus Oliver Satyrs Feder.

Jeder der insgesamt 14 Stücke eröffnet in sich ganz verschiedene Blickwinkel auf den Garten Eden. Keltische Harfen, irische und arabische Lauten, schwedische Schlüsselfidel, Drehleier, Dudelsack, Flöte, Perkussion und mehrstimmige Gesangssätze sind die musikalischen Mittel derer sich Faun bedienen um die alten Texte lebendig werden zu lassen. Was ich persönlich sehr schön finde ist es, nach all der akustischen Zeit von Faun in den letzten Jahren wieder elektronische Klanglandschaften zu hören, die sich elegant mit Celtic Folk vermischen. Mehrstimmiger Gesang wird über archaische Beats gelegt und auch Harfe, Laute und Dudelsack lassen zwar mittelalterliche Stimmungen erklingen, driften dabei aber nie ins Klischeehafte ab. Ich denk persönlich, dass „Eden“ das bislang reifste Faun Album darstellt, denn es scheut keinerlei Berührung mit modernen Klängen und sehr clubtauglichen Beats, während leise Momente genauso vorherrschen und sogar Instrumentalstücke wie „The Butterfly“ Raum haben. Man hört dabei eine immense Spiel- und Experimentierfreude heraus, so zu hören etwa bei „Hymn to Pan“, diese lassen sie in einer Komposition für neun Marimbas enden und verschmelzen mittelalterliche Instrumente, treibende Beats und Synthesizer zur Perfektion.

Auch musikalische Gäste finden sich, bedingt durch die Bekanntschaft Fauns mit vielen internationalen Künstlern, auf „Eden“. So begleiten etwa die Medieaval Baebes aus England den Chor im Stück „Lupercalia“, Adam Hurst aus den USA spielt Cello zum Stück „Alba“ und Mark Lewis – wurde mit dem Emmy Award gekürt als herausragender Storyteller- spricht für „Golden Apples“ ein Gedicht ein. So erlesen wie die Gäste wird auch das Album selbst erscheinen, denn ein extra konzipiertes Deluxe Pack wurde erdacht und hinzu ein 70-seitiges Artwork. Dieses wird sämtliche Liedtexte in deutsch, englisch und den Originalsprachen enthalten, sowie ausführliche Texte von Oliver Satyr mit Erläuterungen zur Herkunft und den Hintergründen der einzelnen Stücke. Als wäre dies nicht schon aufwendig genug, werden noch die Illustrationen zahlreicher Künstler wie etwa Brian Froud (conceptual Artist für Filme wie Der dunkle Kristall oder Labyrinth), Kris Kuksi und Julia Jeffreys diese CD doppelt veredeln.

Im Sommer werden schon einzelne Stücke live auf ausgewählten Festivals zu hören sein, aber erst im Herbst folgt eine ausgiebige Clubtour durch insgesamt 17 deutsche Städte, sowie zwei Auftritte in Holland und Österreich. Auf 9 Konzerten wird die spanische Band „Trobar da Morte“ als Support zu hören sein, die an sich schon ein musikalischer Leckerbissen sind und somit sich ebenfalls in diese Faun – Produktion als Vorband exzellent einfügen werden. Man darf gespannt sein auf diese „Eden“ Tour, und bis dahin in Vorfreude den 14 wunderschönen Stücken lauschen. (Maximilian Nitzschke)

ELTON JOHN - Greatest Hits Live 2011


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011

ELTON JOHN – GREATEST HITS LIVE 2011
"18.06.2011 O2 World Berlin


Als ich Elton John 1994 das erste Mal überhaupt live vor dem Brandenburger Tor spielen hörte, wusste ich noch nicht, dass dieser mittlerweile 64jährige Mann es schaffen würde mich ganze 17 Jahre zum absoluten Fan werden zu lassen. Damals kannte ich keinen einzigen Song von ihm, aber er schaffte es mich tief zu berühren und eine Liebe zu seiner Musik zu erwecken, die bis heute angehalten hat. 1995 folgte dann seine Tour zum Album „Made in England“, welche ich in Leipzig in der Alten Messe miterleben durfte aus der zweiten Reihe heraus. IN der Zwischenzeit hatte ich mir ein Best of Album gekauft von 1990 und konnte die Texte auch schon mitsingen, heute besitze ich nun jedes Album von Elton John und es gibt keinen Song den ich nicht sofort mitsingen kann. 1999 war Elton Solo unterwegs, ganz allein im Stile Gianni Versaces am Piano auf dem Dresdner Theaterplatz und begeisterte durch seine Professionalität, seinen Witz und die stilvolle Eleganz des Abends. Elton ist und bleibt die unerschütterlich Ikone der siebziger Jahre, der sich von Reginald Kenneth Dwight zum Sir mauserte und zwischen Micky Maus Kostüm und Ed Hardy Sacko gewechselt ist wie kein zweiter Künstler. Er weiß es der Entertainer zu sein, der jeden Abend in Las Vegas das Colloseum im Caesars Palace zum kochen brachte und 2005 die bislang für mich großartigste Show „The Red Piano“ produzierte, aber genauso sehr sieht man live noch immer den scheuen Reginald durchblicken, der zu Beginn seiner Karriere gern zweifelte, nachdem der Weg für ihn doch auch steinig war. Heute ist er verheiratet mit David Furnish und sein Sohn Zachary ist inzwischen ganze 6 Monate alt. Bis zu diesem Lebensabschnitt hat Elton sein Leben bisher in vollen Zügen ausgekostet, hat die Selbstzweifel zu spüren bekommen den das Musikgeschäft mit sich bringt, musikalische Höhen und Tiefen erlebt und auch persönliche Abstürze gemeistert.
Am vergangenen Samstag sitzt in der Berliner O2 World nun ein gesetzter Grandseigneur der Popmusik und lässt die etwa 9500 Gäste für zweieinhalb Stunden eintauchen in sein musikalisches Leben, mal rockig und mal sanft erklingen die größten Hits von Elton neben drei neuen Stücken des aktuellen Albums „The Union“.

Ich war sehr froh so in der Halle zu sitzen, dass hinter mir keiner mehr Platz nahm und ich links und rechts Platz zum tanzen hatte. Dies war schon immer so, während eines Konzertes von Elton John hat es mich noch nie auf den Stühlen gelassen. Pünktlich um 20 Uhr verlischt das Licht und aus den Boxen dröhnt „Funeral for a friend“, die instrumentale Hymne des Doppelalbums „Goodbye Yellow Brick Road“ von 1973. Elton hatte dieses bombastische Stück aus der Frage heraus geschrieben, welches Stück er eines Tages auf seiner eigenen Beerdigung gespielt haben möchte. Seit jener Zeit ist nun „Funeral for a friend“ bzw. der angrenzende Song „Love lies Bleeding“ die Ouvertüre zu jedem Elton John Konzert. Elton nutzt die Minuten aus zum Bad im Aplpaus des Publikums, dabei frech und verschmitzt zu lächeln und schließlich für den Rest des Abends hinter seinen Flügel zu verschwinden. Das Publikum kann jeden Handgriff verfolgen, dafür sorgen auch zwei Videoleinwände links und rechts der Bühne.

Der Sound in der 02 World ist absolut kolossal und sauber bis in den letzten Ton, so dass auch eher selten gespielt Songs wie etwa „Levon“ vom Album „Madman across the water“ von 1971 oder „Tiny Dancer“ aus dem selben Album richtig fett klingen. Zwar ist an diesem Abend Elton der Entertainer, dreht sich alles um ihn, aber ohne seine Band – dies betont Elton auch im Laufe des Abends sehr liebevoll- wäre dieses Konzert nur halb so schön. Kein Wunder, denn die Elton John Band ist eine eingeschworene Gemeinschaft sei es Gitarrist Davey Johnstone der mit Elton seit 1972 verbunden ist, oder Schlagzeuger Nigel Olsson, der bereits seit 1969 mit dabei ist. Bassist Bob Birch, Perkussionist John Mahon und Keyboarder Kim Bullard komplettieren den harten Kern, der von vier Soulsängerinnen veredelt wird. Für etwas frischen Anstrich sorgen die beiden kroatischen Pop-Cellisten Luka Sulic und Stjepan Hauser, die Elton John mit den Worten vorstellt: „Sie sind schon eine Ewigkeit zusammen, aber sind erheblich jünger als alle anderen hier oben.“ Klar das dies im Publikum für Lacher sorgt!

Viele der alten Kracher von Elton arrangierte er zeitgemäß um, so weitet er etwa den Titelsong des 1971 herausgebrachten Albums „Madman across the water“ machtvoll aus. Klar viele von Eltons Stücken haben nun auch schon etliche Jahre auf dem Buckel, sind 20,30,40 Jahre alt, zeichnen jeder für sich eine andere Lebensphase des großen Künstlers nach, aber alle sind noch heute zeitgemäß und ohne jegliche Patina. Gute zweieinhalb Stunden darf das Publikum mit Elton in Erinnerungen baden, abrocken und mittanzen was das Zeug hält oder aneinander gekuschelt andächtig lauschen.
Elton im Cut im edlen Ed Hardy Look -vorne Blümchen hinten Totenkopf- präsentiert meine persönliche Lieblingsballade „Tiny Dancer“, neben dem Hit, der wohl seinen Werdegang am besten beschreibt „Rocket Man“, verabschiedet sich musikalisch aus der Enge der Vorstadt mit „Goodbye Yellow Brick Road“ und fleht „Don't let the sun go down on me“. Es scheint an nichts zu fehlen in dieser Show und doch fehlen natürlich auch andere Hits wie „Nikita“, „Daniel“ oder „I'm still standing“, aber de Auswahl des Künstlers ist ja immer eine sehr Subjektive. Nichts destoz kein Song den ich nicht mitsingen konnte, und um eine Zeile aus „Crocodile Rock zu zitierem: „My feet just can't keep still!“ Elton mag für den einen oder anderen im Publikum nicht mehr so bewegungsintensiv sein wie zu früheren Shows, wo Akrobatik auf seinem Piano durchaus vorkam, aber dafür spürt man, dass an diesem Abend seine Kunst umso mehr zur Geltung kommt. Elton erzählt aus seinem Leben und verzichtet auf überbordende Bühnenshow, wie etwa zur Show von „The Red Piano“. Ganze zwei Videoleinwände begleiten in intensivem Farbenspiel die jeweilige Stimmung des Songs und setzen diese gelungen um, nicht überfrachtet, aber einer Elton John Show angemessen.

Einen Höhepunkt schafft Elton nach dem Song „Sad Songs (say so much)“, denn ganz allein sitzt Elton am Flügel und spielt sich mit Melodiefetzen in Rage. Er improvisiert, zitiert die deutsche Nationalhymne und lässttttt daraus den Beginn von „Take me to the pilot“ entstehen. Dieser sehr frühe Hit seiner Karriere klingt nun Jahre später rauer und tiefer, was auf den beinahen Stimmverlust Mitte der Achtziger durch seinen Drogenentzug zurückzuführen ist. Das bis dahin im Parkett brav sitzende Publikum reißt es nun doch einfach von den Sitzen und es strömt in Richtung Bühne, von der aus Elton nach diesem Song auch zahlreiche Autogramme schreibt. Insgeheim denk ich mir, warum bin ich jetzt nicht da unten? Beim Finale des Abends „Crocodile Rock“ singt das gesamte Publikum laut den „Laa-la la la la Laa“ - Refrain mit.
Als einzige Zugabe gibt Elton den obligatorischen „Your Song“ mit dem er sich bei seinem Berliner Publikum für den gelungenen Abend bedankt und allen „Liebe, Glück, Gesundheit und Frieden“ wünscht, bevor er sie zurück in die Realität und in die kühle Nacht Berlins entlässt. Noch eine ganze Woche später halt die Energie des Abends nach und bleibt mir dieser Abend mit Elton für lange Zeit in Erinnerung, dies war Show auf dem höchsten musikalischen Niveau!




















(Maximilian Nitzschke)

NEONLICHTER IM AUSVERKAUF - Hertzschmertz


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2011 / F.K.K.-Musik / FKK 02

Mit etwas Verspätung erscheint die zweite Single auf dem jungen Vinyl-only-Label F.K.K.-Musik und wie nicht anders zu erwarten, gibt es wieder aktuell produzierten Minimal-Sound zu hören, diesmal von den bisher total unbekannten NEONLICHTER IM AUSVERKAUF. Ich bin ja ziemlich sicher, dass wir in der Singles-Reihe eine Menge neue Namen zu hören bekommen, wobei dahinter sicher immer mal wieder durch andere Bands bekannte Musiker stecken dürften. Bewusst wird alles bei dem Label sehr geheim gehalten, so auch bei dieser Single, die wieder auf 150 Exemplare limitiert ist und in farbigem Vinyl, mit kleinem Beiblatt im Einheitscover mit aufgestempelten Bandnamen daher kommt. Es ist definitiv nicht gewollt, dass man mit dem Label oder den Musikern Kontakt aufnehmen kann, warum auch immer. Aber die Miniauflagen machen ein normales Marketing natürlich auch überflüssig und so lange gute Musik abgeliefert wird, ist das völlig okay.
So gibt es hier drei kurze Ohrwürmer zu hören, angefangen mit dem ziemlich ndw-igen „Hertzschmertz“, mit ultraeingängigem Sequenzerlauf und tanzbarem Rhythmus. Weitaus waviger ist „Komm Mit“, das sicher nicht zufällig an Deutsch Amerikanische Freundschaft erinnert. Auf der B-Seite findet sich dann folgerichtig mit „Neonzeit“ eine Mischung aus den beiden Stücken der A-Seite, allerdings gar nicht so minimal, sondern schon „richtiger“ tanzbarer Electro, der direkt aus den Underground-Clubs der 80er Jahre stammen könnte.
Rundum also wieder eine gute Veröffentlichung, die schnell ihre Liebhaber finden wird und sicher irgendwann mal sehr gesucht ist. (A.P.)

MASSENDEFECT - Sicht Der Dinge


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2011 / Plastic Frog Records / pfr048

MASSENDEFECT konnten sich schon mit einer schönen Single auf Hertzschnitt100/Kernkrach in Position bringen, tauchten dann auf diversen Samplern auf und legen mit „Sicht Der Dinge“ eine weitere Single nach, die die Liebhaber minimal-elektronischer Klänge mehr als glücklich machen dürfte.
Obwohl auf dem Cover etwas von einer Limitierung auf 100 Exemplare steht, gibt es tatsächlich 200 Exemplare, hier hat leider der Druckfehlerteufel zugeschlagen. Aber auch 200 Exemplare dürften schnell weg sein, denn zu hören gibt es ganz klar dem 80er Jahre Sound verhafteten NDW/Minimal-Klang, der irgendwo zwischen Profil und Stratis ergänzt durch ein paar Telespiel-Sounds auf der A-Seite, und Christof Glowalla trifft Der Plan auf der B-Seite zu begeistern weiß. Der zweite Track aus der B-Seite ist eine liebevolle, selbstironische Hommage an die Bedeutungslosigkeit Münchens in der frühen NDW-Phase. Das ist lustig gemacht und sympathisch.
Man merkt zwar als alter Kenner und Liebhaber dieser Art von Musik, dass es sich um heutige Aufnahmen im alten Sound handelt und nicht um wiederentdeckte Klänge von „damals“, aber das macht ja nichts, denn Spaß macht die Single natürlich trotzdem und wird sicher mal ein gesuchtes Stück Vinyl sein. (A.P.)

Webadresse der Band: www.plasticfrogrecords.com

STAATS[EINDE] - Eindplaneet


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2010 / Enfant Terrible / Petit Enfant 008

STAATS[EINDE] aus Holland hat man erstmals auf dem „Kamp Holland“-LP-Sampler gehört, rückblickend eine schier unerschöpfliche Übersicht guter, neuer Bands aus Holland. Enfant Terrible nimmt sich der besten an und bietet einigen Gruppen die Möglichkeit, eigenes Vinyl unter die Leute zu bringen, so auch dieser Band aus Utrecht, die offenbar einen gewissen Bezug nach Deutschland hat, klingt der Bandname doch wie ein leicht verzerrter Begriff von hier und sind doch zwei Tracks mit deutschem Text versehen.
Musikalisch gibt es eine sehr merkwürdige Mischung aus Avantgarde und Minimal-Pop mit leichten Anklängen an die „Genialen Dilletanten“ aus dem Berlin der frühen 80er Jahre. Das ist ungewöhnlich und sicher nicht jedermanns Geschmack, aber doch irgendwie fesselnd. Die B-Seite liefert dann etwas eingängigeren und durchaus tanzbaren Minimal-Electro ab, der auch ein paar Italo-Disco-Einflüsse aufweist. Enfant Terrible hat hier wieder einmal, und erfreulicherweise, nicht den ganz einfachen Weg gewählt und die Millionste Minimal-Electro Single der bekannten Art veröffentlicht, sondern ein Kleinod, das man öfter hören sollte, um hinter die Details zu kommen. Eine Auflage von 300 Exemplaren und ein Siebdruckcover in unterschiedlichen Varianten tun das Übrige, um die Platte in Zukunft zu einem Sammlerstück zu machen. (A.P.)

Webadresse der Band: www.enfant-terrible.nl

P24 - Lichtjahre Entfernt


Erstveröffentlichung: Download 2011 / RGK / BelieveDigital

P24 ist ein Electro-Pop-Projekt (Eigenbeschreibung) des Musikers und Produzenten Rico Piller, der sonst bei D.Pressiv aktiv ist und schon für diverse andere bekannte Bands gearbeitet hat. Nun legt er neben seinem aktuellen Album „Stimmen Bleiben Stumm“ eine Download-Single vor, die ganz sicher für den Einsatz in den Clubs vorgesehen ist.
Die Single-Version von „Lichtjahre Entfernt“ klingt wie eine Mischung aus Kraftwerks „Schaufesnterpuppen“ und Peter Schilling mit einem ordentlich tanzbaren Rhythmus, also Synthie-Pop, der auch im Radio laufen könnte, wenn sich all die heutigen Sender mal dazu entschließen könnten, auch Musik zu spielen, hinter den nicht der große Werbeetat der Plattenfirmen steht. Durch den deutschsprachigen Gesang hebt sich das Stück von vergleichbaren Synthie-Pop-Stücken positiv ab. Der „Original Rock“-Mix liefert das ab, was er verspricht, nämlich die Hinzunahme von einigen Gitarren. Aber wie bei so vielen Synthie-Pop-Gruppen in der Vergangenheit, ist das nicht besonders überzeugend und wirkt irgendwie anbiedernd. Überflüssig. Wie es sich aber für Electro im Stile der 80er Jahre gehört, gibt es auch noch einen langen „Original Extended“-Mix. Natürlich wird dabei vor allem auf Tanzbarkeit Wert gelegt und ein paar wenige etwas experimentelle Sounds wurden auch verwendet. Da ist wohl echtes Potential für einen kleinen Szenehit auf den Tanzflächen der einschlägigen Clubs. Dazu gibt es noch den wenig auffälligen Track „Geh“, der sich stilistisch gar nicht vom Titeltrack unterscheidet und zumindest hier nicht als Beleg dienen kann, dass P24 eine besonders vielseitige Band wäre. Für den ganz großen Durchbruch fehlt doch noch ein bisschen Eigenständigkeit und hier und da ein paar Ecken und Kanten. (A.P.)

Webadresse der Band: www.p24-project.de

TRAFFIC A.M. - A Beautiful Sight


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Plastic Frog Records / pfr 051

Was das Artwork betrifft, wirkt dieses erste Album der deutschen Band TRAFFIC A.M. zunächst völlig unscheinbar. Fast komplett schwarz, keinerlei Bilder außer einem unscharfen Etwas auf der Rückseite und wenige Infos. Das Duo Michael Kissing und Stefan Gonser arbeitet seit 2009 zusammen, von Beginn an mit genauer Vorstellung, was bei TRAFFIC A.M. herauskommen sollte. Labelmacher Klaus schrieb mir, dass die Band „im Bereich Dark Wave anzuordnen“ ist und damit liegt er nicht ganz falsch. Allerdings liegen die Wurzeln nicht im bekannten und oft lächerlichen Dark Wave der 90er Jahre, sondern ganz klar in den 80ern. Mir fallen da Bands wie The Essence oder die frühen Pink Turns Blue ein, nur, dass TRAFFIC A.M. mit mehr elektronischen Elementen arbeiten. Aber alleine die oft eingesetzte Wave-Gitarre macht das Album hörenswert, dazu elektronische Beats, die ab und zu auch mal tanzbar werden, dunkle Bass-(Sequenzer-)Läufe und eine sehr angenehme Stimme dürften so manchem Alt-Waver viel Freude machen. Das alles ist aber zeitgemäß produziert und klingt nicht altbacken. Mit unter 50 Minuten Spielzeit ist das Album auch nicht zu lang geraten, so dass es niemals langweilig wird. Wer eine schöne Mischung aus Diary Of Dreams, Drown For Resurrection und Escape With Romeo mag, sollte TRAFFIC A.M. unbedingt antesten. Da steckt weitaus mehr drin, als man zunächst erwartet. (A.P.)

Webadresse der Band: www.myspace.com/trafficam

LOCAS IN LOVE - Lemming

Wiederveröffentlichung: CD 2011 / Staatsakt / Rough Trade
Erstveröffentlichung: LP 2011 / Staatsakt / Rough Trade

LOCAS IN LOVE ist ein Trio aus Köln, das, drücken wir es mal vorsichtig aus, aus dem Karpatenhund-Umfeld kommt, aber schon seit Anfang des Jahrtausends parallel dazu Platten veröffentlicht. Nun ist brandneu das bereits vierte Album, neben einigen Singles und EPs erschienen und schon das Vorabvideo „An den falschen Orten“ machte mehr als neugierig. Ich sage es mal vorweg: die Erwartungen und Hoffnungen auf ein richtig gutes Album werden voll erfüllt! Ganz weg kommt man nicht vom Vergleich zur anderen Band der Musiker(innen), aber Karpatenhund ist dann doch eine ganze Spur poppiger und mainstreamiger (wofür ich sie aber sehr liebe) und die 3???-Fans haben als unverwechselbares Wiedererkennungsmerkmal vor allem natürlich die bezaubernde Sängerin Claire Oelkers aufzubieten. LOCAS IN LOVE bewegen sich doch eher in einer etwas rockigeren Welt, wechseln beim Gesang fast gleichberechtigt zwischen Mann und Frau und haben ihre Vorbilder sicher vor allem im englischen Indie-Pop/Rock der späten 80er Jahre, wobei hier aber deutschsprachige Texte verwendet werden, die oft ein bisschen melancholisch, aber nicht weltschmerzig oder gar düster sind. Stattdessen gibt es hier fast durchgehend wahre Worte, die dem optimistischen Gesülze, das viele Leute von sich geben, einfach mal einen Riegel vorschieben („Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug“, „Es ist alles wirklich so schlimm wie es scheint“). Dabei wird aber nicht gesagt, dass man einfach aufgeben soll. Eher erinnert das an Frank Goosens Roman „Liegen Lernen“ oder die Aussage von Revolverhelds „Freunde Bleiben“. Mit „An Den Falschen Orten“ ist sogar ein echter Hit dabei, der sich ein bisschen durch seine Poppigkeit von den meisten anderen Songs etwas abhebt und auch bei besseren Radiosendern eingesetzt werden könnte. Auch, wenn es musikalisch nicht so ganz stimmt, würde ich aufgrund der textlichen Qualitäten und der durchweg ohrwurmigen Melodien LOCAS IN LOVE in eine Reihe mit Tomte, Madsen und Kettcar stellen und ich würden ihnen den kommerziellen Erfolg viiiieeeeel mehr gönnen als zum Beispiel den anbiedernden Sportfreunde Stiller. Irgendwie ist die Musik von LOCAS IN LOVE – und die Texte – so, dass man das Gefühl hat, man würde gerne mit den Bandmitgliedern befreundet sein, weil sie die eigene Stimmung und Gefühle auf den Punkt treffen. Mit diesem Album haben LOCAS IN LOVE (spätestens) jetzt Klee locker-flockig links überholt. Und Klee mag ich wirklich gerne! (A.P.)

Webadresse der Band: www.locasinlove.de

LOST IN DESIRE - Lost In Desire


Erstveröffentlichung: CD 2010 / Echozone / Neo-SonyMusic / BM09C372

Dafür, dass das unbetitelte Debütalbum des Austro-Amerikaners Stephan S. alias LOST IN DESRIE bereits eine Weile auf dem Markt ist und inzwischen sogar zwei EPs nachgeschoben wurden, findet man erstaunlich wenig über die Band im Netz, zumindest was Rezensionen angeht, denn in all den modernen Web 2.0-Portalen findet man die Band natürlich, so dass sie wohl dachte, da muss man keine tolle eigene Website mehr haben. Die gibt es zwar, sieht aber sehr lieblos hingeschludert aus und all die hingepappten Facebook-, My Space-, Amazon-, ITunes-, You Tube-, Twitter-usw-Klickflächen lassen die Seite aussehen wie einen mit Werbung vollgeklatschten Formel 1-Rennfahrer. Vielleicht sollte man sich nicht allzu sehr auf die Macht des Internet verlassen, wenn man als Band durchstarten will.
Das Album liefert eine recht vielseitige Mischung aus Dark Wave und Gothic-Rock ab, allerdings das, was wohl jemand darunter versteht, dem es vor allem mal um kommerziellen Erfolg geht, also nicht zu düster, nicht zu hart, durchaus poppig und mit zeitgemäßen Alternative-Rock-Anklängen versehen plus einiges an Elektronik. Dazu übertrieben emotionaler Gesang, wie bei einer Schülerband, die nach Placebo klingen möchte. Dazu passt auch das Covermotiv, mit dem man wohl ein bisschen an den Erfolg der „Twilight“-Filme anknüpfen möchte. An sich sind schon ein paar ganz hübsche Songs dabei, aber die ganze Produktion ist so lasch, dass nichts hängenbleibt. Es scheint so, als wenn hier ganz gezielt so produziert wurde, dass man es allen recht macht und genau das ist der Fehler, denn was rauskommt ist wischi-waschi.
In der Dark Wave-Szene wird sich LOST IN DESIRE kaum nachhaltig durchsetzen können und darüber hinaus sowieso nicht. Sorry, netter Versuch, aber: noch mal probieren, wenn man ein bisschen klarer weiß, was man musikalisch will und dann zielgerichtet darauf hinarbeiten. (A.P.)

CLASSIC OPEN AIR - 20 Jahre Classic Open Air Berlin am Gendarmenmarkt


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011

20 Jahre Classic Open Air am Gendarmenmarkt Berlin - Das Jubiläumsfestival 07.07. - 12.07.2011 -

Das Publikum sowie die Fachpresse gratuliert in diesem Jahr einem Festival, welches sich fest im Open Air Sommer der Hauptstadt etabliert hat. Seit nunmehr 20 Jahren findet dieses Jahr vom 07.07.2011 bis zum 12.07.2011 das „Classic Open Air“ auf dem Gendarmenmarkt statt. Dieser möglicherweise schönste Platz in der Mitte Berlins atmet allein für sich gesehen schon Geschichte, denn 1688 entstand er bereits nach den Plänen von Johann Arnold Nering im Auftrag des Kurfürsten Friedrich III., dem späteren König Friedrich I. In Preußen. Als Teil der Friedrichstadt siedelten sich hier ein großer Teil der französischen Einwanderer an, denen der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg mit dem Edikt von Potsdam 1685 den Schutz ihrer religiösen Freiheit und volle Bürgerrechte zusicherte. Seine heutige eigentliche Gestalt erhielt der Platz wohl erst unter Friedrich dem II., nachdem neben den beiden Kirchen, dem heutigen Deutschen Dom und dem Französischen Dom noch zwei identische Kuppeltürme entstanden. Was man in der heutigen Zeit, wo der Platz von shoppingfreudigen Touristen, kaffee- und kuchenhungrigen Leckermäulchen oder fotografierwütigen Touristen bevölkert wird, kaum noch erahnen kann ist, dass dieser Platz in der ursprünglichen Funktion als Markt erdacht war. Erst 1799 erhielt er seinen klangvollen Namen in Erinnerungen an die Stallungen des Kürassierregiments „Gens d' armes“ die der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. hier 1736 errichten ließ. Sein Sohn „Friedrich der Große“ ließ diese Stallungen wieder abreißen und verschaffte dem Platz eine einheitliche Umbauung mit dreistöckigen Häusern. Zwischen den beiden Kirchenbauten entstand ein kleines französisches Komödientheater, der Vorläufer des 1821 erst fertig gestellten königlichen Schauspielhauses, welches seit 1992 die Kulisse bildet für das „Classic Open Air“.

1991 hielt man den Festivaldirektor Gerhard Kämpfe noch für völlig verrückt, auf diesem Platz, der architektonisch verändert wurde durch die Machthaber der DDR ein Open Air Festival zu veranstalten. Ganz Berlin war von Baustellen überzogen und auch über dem Gendarmenmarkt kreisten etwa 27 Kräne um die architektonischen Scheußlichkeiten der vergangenen Jahrzehnte abzutragen. Kaum vorzustellen das hier Startenöre auftreten werden in den folgenden Jahren. „Ich wurde für verrückt erklärt. Der Platz war eine einzige Großbaustelle mit 27 Kränen. Die DDR Gebäude waren noch nicht einmal abgerissen“, erinnert sich Gerhard Kämpfe. Vermutlich trägt der Festivaldirektor seinen Namen nicht umsonst, brauchte es Kampfgeist und die Vision hier einmal in 20 Jahren 600.000 Besucher verzeichnen zu können. Dennoch entwarf er das Festivalkonzept, das sich bis heute nicht verändert hat. Klassik, Oper, Operette, Musical, Filmmusik und Rocksinfonik sollen sich zu einer Konzertreihe entwickeln und so finden sich in 20 Jahren Festivalgeschichte namhafte Sängerinnen wie Lucia Aliberti oder Montserrat Caballé neben Namen wie Xavier Naidoo oder die Scorpions – diese Gegensätze machen den Reiz des Festivals aus. Gerhard Kämpfe gibt zu, dass die ersten Jahre noch sehr stressig waren, denn er musste zum einen in den ersten Jahren nicht nur Künstler und Mitarbeiter engagieren, eine Bühne und Technik auf den Platz stellen, sondern gelegentlich auch diverse Baufirmen zu Baustopps während der Konzerte bewegen. Was ihm ein gehöriges Stück geholfen hat ist der Fakt, dass er selber Bühnenerfahrung besitzt und Künstler wie Roland Kaiser oder Georg Danzer produziert hat. Die ersten Tourneen des Friedrichstadtpalastes, auch in die alten Bundesländer, veranstaltete er mit und entwickelte hierfür das Showkonzept. Was er 1991 allerdings nicht erahnen konnte war, wie sehr das „Classic Open Air“ - Festival sich als sein Lebenswerk entpuppen würde.

1993 stieß Mario Hempel zum „Classic Open Air“ - Team hinzu und war zunächst nur für das Sponsoring zuständig. Auch er besitzt künstlerische Erfahrung den er war lange Zeit Sänger, Gitarrist und Manager der DDR Rockband Report gewesen. Nach der Wende wollte er sich neu orientieren und gründete eine Catering Firma. Auf Sponsorensuche für den Friedrichstadtpalast lernte er Gerhard Kämpfe kennen und seither hält ihre Freundschaft nun schon bombenfest. Seit 1998 kümmert sich Mario Hempel seither als geschäftsführender Gesellschafter auch um Finanzen und Marketing, denn je größer das Festival wurde um so größer wurden auch die Aufgaben. Als ehemaliger Musiker nimmt Hempel auch Einfluss auf das Festivalprogramm selbst, etwa die Idee im 20. Jubiläumsjahr den Startenor José Cura und die bezaubernde Sopranistin Barbara Krieger gemeinsam eine italienische Nacht gestalten zu lassen stammt von ihm, oder auch die Scorpions noch einmal einzuladen zu einem Rock Sinfonik Konzert.

Das erste Festivalkonzert in diesem Jahr, die „First Night“ stand ganz im Zeichen der Erinnerung an die vergangenen 19 Jahre. Durch den Abend führte der Schauspieler Herbert Feuerstein und präsentierte dem Publikum eine Auswahl der schönsten Titel der beliebtesten Konzerte in der Geschichte des Musikfestivals, hier erklang „Wassermusik“ neben „O Sole Mio“, das „Plapperduett“ neben „We don't need another Hero“. Ja lieber Leser sie lesen ganz richtig, Händel erklingt neben di Capua, Verdi neben Tschaikowski und sogar Carlos Santana findet seinen Platz neben Richard Wagner. Acht Solisten, darunter das Crossover Projekt „Apassionante“ aus drei jungen italienischen Opernsängerinnen, oder die Sopranistin Eva Lind ließen zusammen mit der Anhaltischen Philharmonie Dessau diese Stücke erklingen. Wie jedes Jahr krönte auch dieses Eröffnungskonzert eine prachtvolle und pyrotechnische Inszenierung.
Am zweiten Festivalabend, hierzu folgt eine ausführliche Kritik, luden uns Startenor José Cura und Sopranistin Barbara Krieger ein, Ihnen ins Herz Italiens zu folgen um mit Opernarien und Duetten aus den Werken von Leoncavallo, Bellini, Donizetti und Verdi „die italienische Nacht“ zu zelebrieren. Gemeinsam mit der Neuen Elbland Philharmonie entzündeten sie ein Feuerwerk der überschäumenden Emotionen und des italienischen Temperaments auf sympathische Art und Weise.
Der dritte Festivalabend, auch hierzu folgt eine ausführliche Kritik wie auch für Sonntag, bestand als kontrastreiches Konzert aus zwei Teilen. Im ersten Teil erlebten die Konzertbesucher anlässlich der Übernahme der EU – Ratspräsidentschaft am 01.07.2011 an die Republik Polen ein Oratorium des polnisch – belgischen Komponisten Henri Seroka „Credo“. Bereits in mehreren Ländern aufgeführt, reflektierte der Komponist den lateinische Text in klangvollen Bildern voller bombastischer Überfrachtung. Der zweite Teil wechselte in der musikalischen Grundstimmung zu rhythmisch betonter Musik der Kantate „Carmina Burana“ von Carl Orff. Ganz dem Charakter der Orffschen Musik folgend, wurde das Werk durch Licht, Laser und pyrotechnische Effekte zu „O Fortuna“ auch visuell erlebbar gestaltet. Am vierten Festivalabend wird die gebürtige Kanadierin Anna Maria Kaufmann dem Publikum „Highlights aus Operette und Musical“ präsentieren. Worin der Unterschied zwischen Operette und Musical liegt, wird Anna Maria Kaufmann spielerisch nachgehen. Als Gastgeberin des Abends wird sie mal „Madame Operette“ werden und mal „Miss Musical“ gemeinsam mit der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig.
Der Montagabend gehört ganz und gar den Jungs der Rockband „The Scorpions“, den auf ihrer Abschiedstournee stehen sie als „Scorpions Classic“ mit dem Filmorchester Babelsberg auf der Bühne des Gendarmenmarktes. Nun am Höhepunkt ihrer Karriere angekommen sagen sie ihren unzähligen Fans in aller Welt „Ade!“ Dieses Konzert ist die Vereinigung der Rockband mit einem sinfonischem Klangkörper und wird nach Hits wie „Hurricane“, „Send Me an Angel“ oder „Wind of Chance“ mit einem Feuerwerksfinale zum 20jährigen Jubiläum beendet werden Den Festivalabschluss bildet ein Filmmusik – Konzert „The Complete James Bond“ präsentiert vom Royal Philharmonic Orchestra London. Die Filmreihee James Bond hat ja mittlerweile Kultstatus und ebenso das unverkennbare 007 Thema von John Barry. Dominique Horwitz wird das Publikum mitnehmen auf eine musikalische Reise durch fast 50 Jahre Filmgeschichte der James Bond Filme. Unter der Leitung des amerikanischen Dirigenten Carl Davis spielt das renommierte Royal Philharmonic Orchestra London mit der britischen Sängerin Mary Carewe 007 Hits – gerührt versteht sich, nicht geschüttelt!

CLASSIC OPEN AIR - Eine italienische Nacht


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011

20.Classic Open Air 2011 in Berlin


„Una Noce italiana – Eine italienische Nacht“ - Locker, Lecker, Leicht Sympathisch!

Bei strahlend blauem Himmel wurde am Freitagabend das Berliner Publikum hineinversetzt in die Toscana und das Lebensgefühl Italiens, durfte den überschäumenden Emotionen und Leidenschaften der alten Italiener lauschen und mit Lucia, Tosca, Aida oder auch Madamme Butterfly lieben und leiden. Mio dio quel grande opera!

Zu Beginn des über zweistündigen Programms betraten pünktlich die Musiker der „Neuen Elbland Philharmonie“ die Treppenstufen des Konzerthauses am Gendarmenmarkt und wurden auf dem gut besuchten Platz auch freudig erwartungsvoll begrüßt. Vor mehr als 60 Jahren wurde dieses Orchester in der sächsischen Stadt Riesa gegründet, von wo aus es heute Stadthallen, Kulturhäuser und Theater rund um die Landeshauptstadt Dresden bespielt. Die 50 Musiker durften bereits Gastspiele in Belgien, Polen, der Schweiz und Österreich absolvieren, wobei für sie dieser Abend hier in Berlin schon etwas besonderes war. Zum ersten Mal standen sie auf dieser Open-Air Bühne um gleich zwei großartige Stimmen musikalisch in Szene setzen zu können. Als alle Musiker sich platziert hatten traten aus den Türen des Konzerthauses heraus die Mitglieder des „Berliner Konzert Chores“ um auf den obersten Treppenstufen Aufstellung zu nehmen. Bereits seit 1956 bereichert dieser Chor die Kulturlandschaft Berlins und war auf Gastspielreisen im In- und Ausland. Ihre reguläre Heimat bildet die Philharmonie Berlin, deren Anspruch schon seit Jahren darin liegt, auch selten dargebotene Werke oder konzertante Opernaufführungen in Szene setzen zu können. Die Sänger und Sängerinnen dieses Chores bereicherten schon des öfteren das „Classic Open Air“ wobei sie im Laufe des heutigen Abends nur zwei größere Auftritte hatten und den Rest der Zeit nicht auf der Bühne präsent waren. Einmal sangen sie aus der Oper „Norma“ von Vincenzo Bellini „Norma viene“ und ein weiteres Mal aus der Oper „Lucia di Lammermoor“ von Gaetano Donizetti das Stück „Chor der Hochzeitsgäste“.
Hingegen eine ganz wesentliche Rolle spielt im Laufe des Abends der als Italiener in Buenos Aires geborene Dirigent Mario de Rose, den er ist es, der das Orchester mit Würde und Taktstock durch den Abend führte. Sein Dirigentenstudium absolvierte er an der Musikschule der argentinischen katholischen Universität und wurde bei internationalen Wettbewerben mehrfach mit ersten Preisen ausgezeichnet. Er war bereits Chefdirigent des Sinfonieorchesters von Avellanda und Musikdirektor des La Plata Theaters, dem zweitgrößten Opernhaus in Argentinien. Seit 2005 arbeitet Mario de Rose mit dem Startenor des Abends José Cura zusammen und begleitete seine Konzertreisen durch Frankreich, Holland, Portugal, Italien und nicht zuletzt auch Deutschland. Große Opern wie Carmen, Othelloooooo, Lucia di Lammermoor oder Turandot hat er bereits dirigieren dürfen in denen José Cura die Hauptrolle sang. Er bildet auch das stimmliche Entree indem er den „Prolog“ aus der Oper „Pagliacci“ von Ruggiero Leoncavallo (1858 – 1919) mit charismatischer Tenorstimme, die sofort ins Ohr geht, zelebriert. Das Publikum schwelgt und fühlt sich inmitten der glanzvollen Kulisse kurzzeitig in mediterrane Landschaften versetzt, etwa an den Piazza di Popolo in Rom. Angenehm unverkrampft und locker geht José Cura mit den Texten und auch dem Publikum um, denn er verlässt den Bühnenraum und geht hinein in den Logenblock A um ein wenig zu koketieren und eine Mischung aus argentinischem Feuer und italienischem Charme zu verbreiten. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Feuer und gelebter Leidenschaft die José Cura innerhalb von nur wenigen Jahren zu einem der begehrtesten Sänger an den Opernhäusern der Welt werden ließ. Wirklich weltberühmt wurde er durch seine Arten der Charakterinterpretationen, wobei insbesondere Othello in der gleichnamigen Oper von Verdi oder Samson in Samson und Dalia von Saint Saens hervorstachen. Etwas besonderes im Laufe des Konzertes ist auch, dass er Mario de Rose nicht alle Stücke des Programmes allein dirigieren lässt, sondern auch seine Fähigkeiten als Dirigent unter Beweis stellt. Damit dürfte José Cura der erste Opernsänger überhaupt sein, der so problemlos von Gesang zum Dirigentenpult wechseln kann.
Interessant ist die Auswahl an Komponisten für den heutigen Abend gewesen, denn mit Ruggiero Leoncavallo oder Pietro Mascagni wählte man Vertreter des „Verismo“ einer Stilrichtung der italienischen Oper die etwa zwischen 1890 und 1920 in Mode war. Zum Ende des 19 Jahrhunderts hin befanden sich die italienischen Operntraditionen an einem Wendepunkt, denn mit Opera seria oder Opera buffa war es vorbei und auch das Melodramma tragico von Guiseppe Verdi machte keine wirkliche Schule. Die italienischen Städte sahen gebannt nach Paris und versuchten die dortige Mode der Opera comique zu übernehmen. Somit schufen vorwiegend junge Komponisten eine neue Art der italienischen Oper die sich auch schlagartig durchsetzte. Die veristische Oper zeigt die endgültige Aufgabe klassischer Theaterregeln wie etwa Ständeklausel oder eine stilisierte Darstellung von Kreaturen. Paraderollen dieser Zeit wählten José Cura und Barbara Krieger für diesen Abend in Berlin aus, so sind „Cavalleria Rustica“ von Pietro Mascagni und „Pagliacci“ von Ruggiero Leoncavallo die Top Vertreter dieser Opernstilistik. Wegen seiner Handlungskonstruktionen, die an Sensationsjournalismus erinnern, führte der Verismo zu kalkulierten Theaterskandalen. Musikalische Stilmittel wie das Mitgehen des Orchesters im Unisono mit der Gesangsstimme oder eine sehr einfache Gegenübersetzung von Melodie und Begleitung wurden für grob und effekthascherisch gehalten. Auch die Eingliederung realistischer Geräusche wie Pistolenschüsse, Lachen, Schreie und gesprochene Sätze in den musikalischen Ablauf machte Sensation, stieß aber nicht überall auf Zustimmung. Verdi etwa lehnte diesen überzeichneten Realismus ab und untersagte etwa der Darstellerin seiner „Traviata“ ein lautes Husten. Ungeachtet oder gerade wegen der kritischen Aufnahme hatten die Verismo-Opern in den 1890er Jahren einen weltweiten Erfolg.

Nachdem José Cura seinen ersten großen Auftritt hatte spielte die „Neue Elbland Philharmonie“ aus der gleichen Oper das „Intermezzo Sinfonico“ und bildete die akustische Überleitung zur „Aria Canio“ aus „Pagliacci“, der ersten Arie die nun Barbara Krieger – in edlem blauen Kleid- darbot.
Sie wurde in Wiesbaden geboren und studierte zunächst Germanistik und Musikwissenschaften an der Universität Mainz, bevor sie ihr Gesangsstudium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst „Mozarteum“ in Salzburg absolvierte. Sie ist mittlerweile eine lyrisch-dramatische Sopranistin die auf vielen bedeutenden Opernbühnen wie etwa dem Gran Teatre de Liceu Barcelona , in Bregenz, Leipzig, Karlsruhe oder dem Nationaltheater in Weimar. Im Jahr 2008 gab sie Gala Konzerte mit Roberto Alagna u.a. auch zum „Classic Open Air Festival“ hier in Berlin bzw. in Dresden. Auch im Sommer 2009 begeisterte Barbara Krieger bereits das Publikum auf dem Gendarmenmarkt an der Seite von José Carreras. Die Saison 2010/2011 begann für Sie vor der Dresdner Frauenkirche und einem umjubelten Konzert gemeinsam mit José Cura als Duettpartner.
„Wir haben noch nicht gemeinsam auf dieser Bühne am Gendarmenmarkt gestanden, das ist schon etwas anderes. Künstler haben zwar ihre Persönlichkeit, das Publikum kennt sie und weiß in gewisser Weise was es zu erwarten hat. Aber wenn dann zwei Sänger zum ersten Mal zusammen auf einer Bühne stehen, dann ist die Chemie, die Formel eine andere und das Ergebnis natürlich auch ein anderes,“ erklärt José Cura im Interview gegenüber der Berliner Morgenpost.
Barbara Krieger und José Cura harmonierten perfekt auf der Bühne und zergingen sich in gesungener Leidenschaft, Tragik und Hingabe. Hingabe war es auch was José Cura im Interview dem Berliner Publikum versprach und ebendiese spürte das Publikum auf dem Gendarmenmarkt sofort. Dezent hielt er sich zurück wenn Barbara Krieger alleine etwa die Arie „Pace, mio Dio“ aus Vincenzo Bellinis „Norma“ sang, rannte urplötzlich hinter die Bühne um seiner Bühnenpartnerin im Anschluß ein Glas Wasser zu reichen, ganz Gentlemanlike. Kurz vor der Pause des ersten Teiles sangen beide gemeinsam aus Giuseppe Verdis Oper „Aida“ die wunderschöne Arie „Pur ti riveggo“ und der Gendarmenmarkt applaudierte noch weit in die Pause hinein.

Nach der halbstündigen Pause erklang von Pietro Mascagni die „Osterhymne“ aus der Oper „Cavalleria Rusticana“ welche José Cura selbst dirigierte, bevor Barbara Krieger stimmlich zu „Voi lo sapete, o mamma“ ansetzte. Beiden sah man an, dass hier nicht verkrampft und steif die Arien des 19 Jahrhunderts präsentiert wurden, sondern vielmehr die Lust am Gesang und die gemeinsame Hingabe für das Opernfach auf lockere, ja leichte Weise.
Steht das Berliner Publikum sonst gern in dem Ruf ein eher schnippisches Publikum zu sein, was daran liegen mag das es schlichtweg kulturell verwöhnt ist, so spürte man an diesem Abend hiervon gar nichts. Man hätte meinen können auf diesem Platz im Herzen Berlins in Süditalien zu sein. José Cura meinte im Interview mit der Berliner Morgenpost nur „Wenn man etwas wirklich mit Liebe tut, dann kommt es auch an, egal welche Umstände den Auftritt erschweren. Das ist meine Erfahrung- besonders mit dem Publikum in Deutschland!“ Oh ja diese Liebe zur Musik hatte das Publikum in diesem über zweistündigen Konzert zu spüren bekommen und so war es nicht verwunderlich, dass nach Giacomo Puccinis „Madame Butterfly“ und der Arie „Viene la sera, Butterfly“ von beiden Künstlern vorgetragen – der Applaus nicht abebben wollte. Dies war ein grandioser Abend in großartiger Kulisse zelebriert von unheimlich guten Künstlern, bellissima!









(Maximilian Nitzschke)

CLASSIC OPEN AIR - Credo und Carmina Burana


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011

20. Classic Open Air Berlin
Die „Carmina Burana“ von Carl Orff und das „Credo“ von Henri Seroka - klassische Leckerbissen vor schaumgebremstem Publikum

Aufführung am Samstag, den 9.Juli 20011 auf dem Gendarmenmarkt

Herkömmliche Meinung ist: Die Liederhandschriften „Carmina Burana“ stammen von Carl Orff! Aber nein, genau das tun sie mitnichten! Sicher, jeder kennt die Fassung von Carl Orff, aber echte Spezialisten oder Freunde mittelalterlicher Liedkunst interessieren sich auch für die originale mittelalterliche Sammlung, auf der seine Kompositionen von 1937 beruhten. Die Musik Carl Orffs ist klar geprägt von den klanglichen Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts und beschreibt textlich doch eine sinnliche Klangreise in das Mittelalter und die daran aufgefädelte eigene Fantasie. Wir hören von Studenten, Vaganten, Landstreichern und sogar entlaufenen Klosterbrüdern, jedoch wirklich mittelalterliche Denkansichten präsentiert uns Carl Orff hier nicht. Dennoch muss ich als Kritiker an der Vertonung durch Carl Orff anmerken (– mir gefallen die unzähligen Interpretationen mittelalterlicher Gruppen schlichtweg besser –), dass man die Orffsche Komposition als „elementar“ und „gewaltig“ bezeichnen muss. Das Orchester wird als überdimensioniertes Schlagwerk benutzt, die Pauken des Brandenburgischen Staatsorchesters drehen das Schicksalsrad der Göttin Fortuna und schauen ob die Glücksgöttin den Menschen nun Macht und Reichtum oder Elend bringen wird.
Die Texte aus dem Jahr 1230 sind alles andere als prüde und eigentlich würde man so deftige Verse nicht im züchtigen Kloster erwarten, aber vielleicht war dies im Benediktinerkloster zu Beuren im Loisachtal im Mittelalter ja anders. Das Kloster verwahrte sie jedenfalls bei den verbotenen Schriften auf und fast 600 Jahre lang scheint sich niemand für die etwa 300 Lieder und Gedichte in volkstümlichem Latein, Mittelhochdeutsch und französischen Brocken interessiert zu haben. Erst als 1803 die bayerischen Klöster säkularisiert wurden, gelangte die Handschrift in die Münchener Staatsbibliothek und zählt seither dort zu den wertvollsten Schätzen.
Carl Orff fand sie zufällig in einem Würzburger Antiquariatskatalog und war fasziniert. Was Orff nicht tat, war eine Anknüpfung zu suchen an die originalen Melodien. Ihn interessierte keine Rekonstruktion der originalen Musik, sondern der Rhythmus und die Bildhaftigkeit der Dichtungen.

Dirigent des dritten Abends der 20. Classic Open Air Berlin am Samstag auf dem Gendarmenmarkt war der in Johnstown (Pennsylvania USA) geborene Kevin McCutcheon, welcher an der Philadelphia Music Academy studierte und über mehrere Jahre hinweg Dirigent der Opera of Philadelphia war.
Im Dezember 1985 gab er sein Debüt als Dirigent an der Deutschen Oper Berlin mit „Cosi fan tutte“, an der er seitdem Solo - Repetitor ist. McCutcheon ist, das spürte man anhand des losbrechenden Applauses auf dem Gendarmenmarkt als er das Dirigentenpult betrat, in Berlin sehr beliebt und geschätzt. Dies dürfte auch an der Tatsache liegen, dass er regelmäßig mit dem Rundfunk Sinfonie Orchester Berlin gastierte oder bei den Musikfestspielen auf Schloß Sansssouci Potsdam dirigierte.
Den musikalisch - orchestralen Part des Abends lieferte, technisch und visuell perfekt umgesetzt, das „Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt Oder“, dessen Gründung auf das Jahr 1842 zurück geht. Mit 86 Musikern ist es der größte sinfonische Klangkörper Brandenburgs und versteht sich als offizieller musikalischer Botschafter des Landes. So ist das Orchester neben Auftritten in seiner Heimatstadt Frankfurt (Oder) auch im Land Brandenburg präsent und gastiert seither in der gesamten Bundesrepublik. Im Jahr 2008 bewiesen sie ihr Können im Vatikan vor seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI.
Als Solisten hörte das Publikum auf dem Gendarmenmarkt die junge polnische Koloratursopranistin Katarzyna Dondolska, welche nach dem Studium am Konservatorium Olszytn ihre Gesangsausbildung an der Hochschule für Musik in Würzburg fortsetzte. Ihr zur Seite gestellt war der Tenor Christoph Lauer, der bereits seit 2008 fest zum Chor der Staatsoper Unter den Linden Berlin gehört. Seit 2002 singt er regelmäßig im Festspielchor der Bayreuther Wagner - Festspiele mit. Zu guter Letzt hörte das Publikum noch Christian Grygas, welcher seit 2005/2006 zum Solistenensemble der Staatsoperette Dresden zählt, wo er bereits bedeutende Operettenpartien sang.
Diese drei Künstler zusammen brachten die Orffschen Texte gesanglich vollends zur Geltung und wenngleich es sich vielleicht im ersten Moment für das Publikum nicht um Startenöre oder eine Starsopranistin gehandelt haben mag, so spürte man absolut die Perfektion und Hingabe zur Musik und zum Werk von Orff selbst.
Das Publikum konnte sich mit Hilfe des Gesangs und im Einklang mit der bombastischen und kraftvollen Musik für eine Stunde tragen lassen.
Dennoch hatte ich im Publikum stark den Eindruck, das sich hier das Wort „steif“ am besten anwenden ließ. Scheinbar konsumierte der geneigte Hörer die teuer erworbene Kost nur, die wirklich akustische und visuelle erste Sahne war, so als lauschte man einer gelungenen Aufnahme auf CD. Emotionslos saß das Publikum da, ging kaum mit der Musik mit, nur gelegentlicher Szenenapplaus zeugte davon, dass man offenbar das Bühnengeschehen wahrgenommen hat und dem Engagement der Künstler, ein erstklassiges Konzert zu liefern, höflich Tribut zollt. Verzeihung - diese Art des vereisten Kunstgenusses verstehe ich im Zusammenhang mit dieser Aufführung nicht , denn die Musik des Abends war durchaus dazu angetan, ein Feuerwerk unterschiedlicher Emotionen zu entfachen.
Als zum krönenden Abschluss nach dem zweiten „O Fortuna“ das Konzerthaus durch Laser und ein Feuerwerk in Szene gesetzt wurde, hätte ich mindestens Standing Ovations, jedenfalls ein Gutmaß an Reaktionen erwartet, stattdessen hatten eine Menge Besucher hierin offenbar das Zeichen zum Aufbruch gesehen und begonnen, sich zum Ausgang zu drängeln.
Ich fragte mich, selbst aus dem Nachklang und meiner Stimmung gerissen, ob man denn nicht die Zeit oder den Anstand aufbringen sollte, den Künstlern für ihre würdige und stimmungsvolle Darbietung großer Musik des 20. Jahrhunderts zu danken?

Das Oratorium „Credo“ von Henri Seroka
Früher komponierte Henri Seroka Schlumpflieder für die Kinderserie im Fernsehen und nun komponierte er ein Oratorium, was wohl eindeutig beweisen dürfte, dass sein Weg als Musiker verschlungene Pfade aufweist. Er war Gitarrist, Filmmusikkomponist und Produzent, jetzt mit 62 Jahren ist er nun bei klassischer geistlicher Musik angekommen und präsentierte quasi als „Vorprogramm“ zur Carmina Burana sein „Credo“.
Begonnen hatte alles mit einer Filmidee, denn in der polnischen Komödie „In God’s Little Garden“ wünscht sich ein Priester ein neues „Ave Maria“ für seine Kirche. Henri Seroka schrieb eben jenes „Ave Maria“ für diesen Film, welches in Polen so beliebt wurde, dass es oft auf Hochzeiten gespielt wurde. Mit der Fortsetzung des Films entstand auch die Idee, das „Ave Maria“ zu einem sechsteiligen Oratorium mit lateinischen Texten auszubauen. Henri Seroka meinte, sein „Credo“ sei ein Crossover-Werk geworden mit romantischem Einschlag. Keine Frage, was man auf dem Gendarmenmarkt zu hören bekam, war opulente Musik und wurde dementsprechend groß und wuchtig aufgeführt.
Mit den beiden Solisten Eva Nyakas (Sopran) und Serge Kakudji (Countertenor), dem Poznaner Knabenchor, der Singakademie Frankfurt Oder und dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt Oder standen ganze 250 Musiker auf der Bühne.
Der außergewöhnlichste Künstler dieses „Credo“ dürfte für viele im Publikum der 22 Jahre junge Countertenor Serge Kakudji aus der Demokratischen Republik Kongo gewesen sein. Eigentlich hatte Seroka die Solopartien für Sopran und Mezzosopran geschrieben - bis er diese außergewöhnliche Stimme vernahm. Dieses Konzert hier in Berlin war für das „Credo“ mit Kakudji die Premiere und so sang er hell und klar an der Seite von Eva Nyakas. In der Heimat des jungen Sängers gilt er als Paradiesvogel, da hier Countertenöre noch sehr selten sind. Als erster Künstler überhaupt schrieb er etwa eine Oper in Suaheli, welche vor vier Jahren ihre Premiere in Brüssel feiern durfte.
Zum ersten Stück des „Credo“ verfinsterte sich der Berliner Himmel bedrohlich und es zog ein ordentlicher Wind auf, so dass die Hoffnung auf einen trockenen Abend schwand. Doch kaum erklang das bewusste „Ave Maria“ als bombastisch (überfrachtetes ?) Musikstück, war die Wolkenwand vorbeigezogen und der Himmel wieder blau.
Insgesamt betrachtet war das „Credo“ zwar wuchtig und in sich stimmig arrangiert, jedoch zu wenig abwechslungsreich. Mir fehlte die nötige Ruhephase, um nicht schon zur Hälfte erschlagen zu sein. Eine Auswahl aus diesem Werk hätte mir vermutlich genügt, um die Klangfarben zu erfassen und den Künstlern, die beteiligt waren, ihr Können zu bescheinigen! Das steht völlig außer Frage!
(Maximilian Nitzschke)

NINE CIRCLES - New Era


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2011 / F.K.K.-Musik / F.K.K.03

Auch im kleinen Wave-/Minimal-Genre gibt es Geschichten, die fast Hollywood-Format haben. Da veröffentlicht ein holländischen Electro-Wave-Duo namens NINE CIRCLES Anfang der 80er Jahre ein paar Stücke auf einem der damals überall erscheinenden LP-Sampler, der im Laufe der Zeit zu einem extrem gesuchten Sammlerstück wird. Darüber hinaus gab es ein paar weitere Songs auf Tapesamplern und wohl nur wenige Liveauftritte und hätten nicht ein paar gute DJs die Songs „Twinkling Stars“ und „What’s There Left“ in ihrem Programm am Leben erhalten, wäre es das wohl gewesen. Stattdessen brachte ein winziges Label Mitte der 90er Jahre eine wohl nicht ganz offiziell abgesegnete CD auf den Markt. Sängerin Lidia Fiala, längst im „normalen Laben“ angekommen erfährt irgendwann im dritten Jahrtausend zufällig davon, dass ihre alte Musik immer noch Fans hat und dass diese sogar ohne ihr Wissen auf CD veröffentlicht wurde. Sie lernt Menschen aus der enthusiastischen Minimal-Electro-Szene kennen und bekommt wieder Lust, Musik zu machen. Und so gibt es NINE CIRCLES in neuer Besetzung plötzlich wieder. Auftritte und schicke T-Shirts waren der Anfang, eine selbst produzierte CD-R mit alten Aufnahmen der nächste Schritt und schließlich die erste eigene Vinyl-Veröffentlichung auf dem noch jungen F.K.K.-Musik-Label. In der gewohnten Einheits-Aufmachung liefert Lidia Fiala in Zusammenarbeit mit Johanna Saleina zwei neue Stücke ab, die natürlich fast nahtlos an die alten Klänge anschließen, aber auch nicht verbergen, dass natürlich inzwischen fast 30 Jahre Lebenserfahrung und Musikgeschichte dazwischen liegen. Die A-Seite „New Era“ verarbeitet das auch textlich und bietet feinen ohrwurmträchtigen Minimal-Space-Electro mit vielen Effekten und Klängen, die an alte Arkaden-Spiel-Sounds erinnern. Die B-Seite „Tsar Bomba“ klingt ein bisschen wie der Soundtrack zu „The Blade Runner“, aber natürlich durch Gesang ergänzt. Das Ganze ist recht treibend und tanzbar umgesetzt und weiß durch die effekt-verfremdete Stimme zu begeistern. Ein echter Hit, der, wäre er Anfang der 80er Jahre als Single erschienen, heute sicher ein sehr teures Sammlerstück wäre. Nun, diese Chance besteht aufgrund der kleinen Auflage von 150 Exemplaren in bonbon-pinkem Vinyl mit großem Mittelloch und beiliegendem Faltblatt natürlich trotzdem noch, nur dass das natürlich nicht ganz so kultig ist. Aber zwei tolle Songs, mit kleinem Vorteil für die B-Seite, gleichen den etwas fehlenden Kultfaktor locker aus. (A.P.)

Webadresse der Band: www.minimal-elektronik.de/ninecircles

AGENT SIDE GRINDER - Irish Recording Tape


Erstveröffentlichung: LP 2009 / Enfant Terrible / enfant15

AGENT SIDE GRINDER aus Schweden hat sich schnell als eine recht abwechslungsreiche und vielseitige Band entpuppt. Hat man anfangs noch angenommen, dass es sich um eine Band aus dem weiten Feld des Minimal-Electro und New Wave handelt, so kamen von Platte zu Platte, in relativ fixer Folge veröffentlicht, immer wieder neue Einflüsse zum Vorschein. Allen Platten ist aber gemein, dass sie recht deutlich von der Musik der 80er Jahre beeinflusst sind. „Irish Recording Tape“ zeichnet sich zunächst einmal durch das minimalistische Cover-Artwork aus, das stark an alte Factory Records-Veröffentlichungen erinnert. Das hebt die Platte schon mal rein optisch von der doch recht bunten „The Transatlantic Tape Project“-LP ab. Musikalisch geht es diesmal in eine etwas rockigere Richtung, die sich eher dem Post-Punk als dem New Wave widmet. Irgendwo zwischen The Birthday Party, Siglo XX und The Neon Judgement würde ich das mal einordnen, was zwar eine wilde, aber absolut reizvolle Mischung ist. Dazu hier und da noch ein paar New Order-Bässe und letztlich doch ein paar Synth-Wave-Anklänge. Wie wenige andere Bands schaffen es AGENT SIDE GRINDER sehr original nach den 80er Jahren zu klingen, hier vor allem dadurch, dass nur originales elektronisches Equipment aus der Zeit benutzt wurde. Der authentische Eindruck kommt sicher auch daher, dass die Songs zu dieser LP innerhalb von zwei Tagen eingespielt wurden, also wahrscheinlich nicht aufwändig nachbearbeitet wurden. Natürlich bleiben die bekannten Einflüsse wie Cabaret Voltaire und Suicide auch weiterhin vorhanden, nur diesmal nicht so sehr im Vordergrund.
Starke Platte, die sicher vor allem alte Waver begeistern wird, aus meiner Sicht vielleicht sogar die bisher beste der Schweden. (A.P.)

Webadresse der Band: www.enfant-terrible.nl

AGENT SIDE GRINDER - The Transatlantic Tape Project

Wiederveröffentlichung: MC 2009 / Hästen & Korset / 032
Erstveröffentlichung: LP 2009 / Enfant Terrible / enfant16

Mit einer Single und einer LP schlug AGENT SIDE GRINDER aus SCHWEDEN vor einiger Zeit auf dem Enfant Terrible-Label aus Holland wie eine Bombe in die Neo-Wave/Minimal-Szene ein. Relativ schnell wurden zwei weitere Alben nachgeschoben, von denen „The Transatlantic Tape Project“ einen sehr konzeptionellen Charakter verfolgt. Wie in alten Tapeszene-Zeiten, als Tape-Ketten“briefe“ verschiedene Künstler und Musiker aus aller Welt zusammen brachten und ausgesprochen spannende Veröffentlichungen die Ohren der interessierten Hörer vergnügten. Zwischen Schweden und den USA wurden Tapes mit musikalischen Fragmenten und Sounds hin und her geschickt, die jeweils von anderen Musikern weiter entwickelt und bearbeitet wurden. Herausgekommen ist diese auf 500 Exemplare limitierte LP, sowie eine 100er Auflage als Tape.
Musikalisch gibt es Klänge zu hören, die nicht unbedingt auf AGENT SIDE GRINDER hindeuten, aber genauso interessant und hörenswert sind. Der Wave-Anteil ist dabei eher gering, stattdessen gibt es meist experimentelle Soundkollagen zu hören, die durch die unterschiedlichen Beteiligten sehr vielseitig ausfallen. Auch bei mehrfachem Anhören entdeckt man immer wieder neue Details bei den Aufnahmen, die über drei Jahren von 2007 bis 2009 entstanden sind. Neben jeder Menge elektronischer Klangerzeugung, sind auch akustische Instrumente und Geräusch-Aufnahmen zu hören, die zu einem neuen Ganzen gemischt werden. Den experimentellen und wenig greifbaren Charakter der Musik unterstützen die Track-Titel, die nur aus Zahlenkombinationen bestehen, die wahrscheinlich die Zählwerkstände auf den 4-Spur-Taperecordern, die für die Aufnahmen benutzt wurden widerspiegeln.
Wer AGENT SIDE GRINDER aufgrund der bisherigen Aufnahmen mochte und hier ähnliches erwartet, wird sicher ein wenig enttäuscht sein, wer aber für derartige Experimente auch ein offenes Ohr hat, sollte unbedingt reinhören. (A.P.)

Webadresse der Band: www.enfant-terrible.nl

NINA BELIEF - System Of Belief


Erstveröffentlichung: 10 Inch 2009 / No Emb Blanc / Genetic Music / NEB001

Weitgehend unbekannt war bisher die amerikanische Musikerin NINA BELIEF. Mit dieser 10“, die auf dem Genetic Music-Sublabel No Emb Blanc erschienen ist, sollte sich das schnell ändern.
Zu hören gibt es recht eingängigen Minimal-Electro-Wave, der einigermaßen spacig daher kommt, tanzbar ist und durch eine wunderbar kühle Frauenstimme überzeugt. „Identity Crisis“ hat das Potential, auf den entsprechenden Partys für Bewegung zu sorgen. Die Einflüsse stammen ganz klar aus den 80er Jahren, man merkt aber, dass die Aufnahmen in unserer Zeit entstanden sind, denn sie klingen kein bisschen angestaubt.
Man stelle sich eine Mischung aus den Kirlian Camera der 80er Jahre und der Coolness von Malaria vor, wobei sowohl die Wavigkeit der alten Version von „Kaltes Klares Wasser“ durchkommt, als auch die Modernität der neueren Version der Chicks On Speed. Ansonsten dürfen bei NINA BELIEF gerne auch Fans von Genevieve Pasquier zugreifen oder die, die noch Beta Evers und Black Spider Clan kennen und mögen. (A.P.)

Webadresse der Band: www.geneticmusic.de

TREELINE - Too Hollow


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2011 / Attractive! / Anna Logue Records / ATC04

TREELINE fielen schon ein wenig auf dem „Attractive! Too“ 7“-Sampler auf, wo sie unter einigen Minimal-Synth-Pop-Bands für die experimentelleren Klänge zuständig waren. Nun hat Attractive aus England gleich eine ganze Single nachgeschoben. Kein Wunder, denn es ist ein Projekt von Steve Lippert, dem Labelbetreiber von Attractive, der auch für einige der wunderbaren Artworks der Anna Logue Records-Veröffentlichungen zuständig war und ist.
Lippert selbst scheint mit seinem Projekt TREELINE sehr dem Avantgardismus verbunden zu sein, denn zu hören gibt es zwei Soundcollagen, die offenbar aus alten Kurzwellen-Radiomitschnitten zusammengebastelt wurden. Das ist nicht eingängig, es ist nicht mehr Musik im eigentlichen Sinne, sondern könnte eher als Soundtrack – oder besser: Klanguntermalung – für einen Experimentalfilm im Stile von „Decoder“, „Eraserhead“ oder „Tetsuo“ dienen. Wer nach den ersten Veröffentlichungen von The Phone und dem Sampler nur Minimal-Electro und Synth-Pop auf Attractive erwartet hat, wird hier vielleicht etwas überrascht sein, denn so etwas gibt es nicht mal entfernt auf der TREELINE-Single zu hören. Stattdessen sollte man schon ein Faible für Avantgarde und Klangcollagen haben und wenn man die Atmosphäre von Filmen von David Lynch oder Derek Jarman mag, sollte man mal ein Ohr riskieren. Limitiert auf 300 Exemplare im schlicht-schönen Cover und in farbigem Vinyl. Attractive entwickelt sich zu einem der interessanteren neuen Kleinst-Labels, ich bin sehr gespannt, was da noch so kommen wird. (A.P.)

Webadresse der Band: www.annaloguerecords.com

STRANGER STATION - Cynthia


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2011 / Attractive / Anna Logue Records / ATC06

Von STRANGER STATION aus England kannten wir bisher eher minimalistischen Electro-Wave, wobei die Single „Minutes To Silence“, erstmals erschienen 1981 und von Anna Logue Records 2009 im Rahmen einer LP wieder veröffentlicht ein kleiner Klassiker des Genres ist. Das englische Label Attractive hat nun eine neue Single in weißem Vinyl und auf 500 Exemplare limitiert auf den Markt gebracht, die engstirnige Synthie-Wave-Sammler sicher etwas ratlos zurücklassen wird. Zu hören gibt es nämlich keine elektronischen Tanzflächenfüller, sondern eher ätherischen Minimalst-Wave, der im Prinzip nur aus schwebenden Synthie-Klängen und verträumten Stimmen besteht. 4 AD Records oder Projekt Records wären Label, wo so etwas sonst erscheinen könnte. Als vergleichbare Bands fallen mir alte Helden wie Richenel, manches von Cindytalk, manches von Clair Obscur (aber eben nicht die tanzbaren Wave-Stücke) oder etwas aktuellere Gruppen wie Efterklang oder Sigur Ros ein. Ich mag die drei sehr ähnlich klingenden Stücke sehr gerne, aber ich liebe ja auch die als Vergleich genannten Bands. Minimal-Electro-Puristen sollten lieber erstmal reinhören. (A.P.)

Webadresse der Band: www.annaloguerecords.com

RAJNA - Offering


Erstveröffentlichung: CD 2010 / Equilibrium Music / EQM031

Seit Ende der 90er Jahre hat das französische Projekt RAJNA schon eine ganze Reihe von Platten veröffentlicht und es ist wenig überraschend, dass es 2010 schließlich beim portugiesischen Label Equilibrium Music gelandet ist. Das Label ist bekannt für qualitativ hochwertige Veröffentlichungen aus den Bereichen Neo-Folk, Neo-Klassik und Ambient und genau in dieses Schema passt RAJNA hervorragend hinein. Sicher dürften Größen wie Dead Can Dance (zur „The Serpent’s Egg“ und „Aion“-Zeit) und Ataraxia ihre Spuren hinterlassen haben, ohne, dass RAJNA nun zur bloßen Kopie verkommen würde. Die Einflüsse stammen aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen, wobei vor allem alte Musik aus dem Orient und Osteuropa oft durchklingt. Mit moderner Musik hat das alles nichts zu tun, ist aber eine durchaus eingängige Alternative, wenn man sich mal aus dem hektischen Alltag zurückziehen möchte. Tatsächlich wird das Duo wohl mehr als zufrieden sein, wenn man seine Musik als Reise in fremde Kulturen beschreibt. Aetherical-World-Music könnte man es nennen und damit eine knappe dreiviertel Stunde wunderbar abschalten. (A.P.)

Webadresse der Band: www.equilibriummusic.com

THE AUTUMN SHADES - Time Is A Murderer

Wiederveröffentlichung: CD-R 2010 / Plastic Frog Records / pfr041
Erstveröffentlichung: CD 2010 / Plastic Frog Rcords / pfr041

Bei einem Bandnamen wie THE AUTUMN SHADES und der Entstehungszeit der Songs in der zweiten Hälfte der 80er Jahre wird man fast mit der Nase (besser: mit den Ohren) darauf gestoßen, dass es sich hier um eine Gitarren-Wave-Band handeln muss. Das Label Plastic Frog Records, das die alten Aufnahmen der deutschen Band aufbereitet und veröffentlicht hat lässt ebenso darauf schließen, dass wir es hier mit gutem alten Wave zu tun haben. Und tatsächlich, ganz falsch liegt man mit der Vermutung nicht, auch, wenn keine „neuen“ Pink Turns Blue oder Marquee Moon dabei herauskommen. THE AUTUMN SHADES spielen eine Mischung aus Gitarren-Pop und Alternative-Rock, die mit einer riesigen Portion Wave aufbereitet wurde. Hier und da ein bisschen Post-Punk dazu und auch Mainstream-Rock und etwas 60s Beat klingen hin und wieder durch. Das ist, man muss es einfach sagen, schon Ende der 80er Jahre nicht so richtig innovativ gewesen, aber doch beim Aufräumen nebenbei gut anhörbar und eingängig. Irgendwo in einer Schublade mit mehr oder weniger bekannten Bands wie The Colour Red, Watercolours, Remain In Silence, Red Dancing oder They Fade In Silence. Und das waren ja alles sehr solide Gitarren-Bands. Zu den erst genannten Klassikern des Genres werden THE AUTUMN SHADES aber auch in Zukunft nicht gehören.
Das hat sich wohl auch Plastic Frog Records gedacht und die Erstauflage als gepresste CD in einer Auflage von nur 100 Exemplaren veröffentlicht. Danach ist das Album weiterhin als professionell aufgemachte CD-R erhältlich. So kann man das finanzielle Risiko bei der Veröffentlichung von (leider!) nicht ganz zeitgemäßer Musik in überschaubaren Grenzen halten. (A.P.)

Webadresse der Band: www.plasticfrogrecords.com

BARBARA HORNBERGER - Geschichte Wird Gemacht


Erstveröffentlichung: Buch 2011 / Königshausen & Neumann / ISBN 978-3-8260-4288-1

Bücher über die Neue Deutsche Welle gibt es viele, einige sind gleich damals entstanden und haben ohne große Distanz eher beschrieben, was in der deutschen Musikszene so zwischen 1979 und 1983 geschah, andere sind in den letzten Jahren von Zeitzeugen verfasst worden und haben mit dem Abstand von über 20 Jahren die Zeit entweder romantisch verklärt oder grob auf den Boden der Tatsachen zurück geholt.
Einen ganz anderen, nämlich trocken-wissenschaftlichen Ansatz hat Barbara Hornberger mit ihrem Buch „Geschichte wird gemacht“ gewählt und untersucht als Außenstehende, ob die NDW eine eigenständige Jugendbewegung war. Um es vorweg zu nehmen: Hornberger kommt zu dem Ergebnis, dass es so war.
Sie selber hat die NDW als Teenager nur am Rande erlebt und sich den Inhalt ihrer Arbeit über die Platten und Bücher-/Zeitungsartikel erarbeitet. Selber scheint sie keine Zeitzeugen befragt zu haben, was eigentlich unverantwortlich ist. Herausgekommen ist ein 430 Seiten dicker Wälzer, von dem sie und sicher viele Wissenschaftler-Kollegen der Meinung sein dürften, hier das nun geltende Standardwerk zum Thema geschaffen zu haben, alleine schon wegen des Umfangs. DAS ist dieses Buch aber definitiv nicht, denn dafür fehlt viel zu viel, was vielleicht nicht prägend oder langfristig wichtig war, aber eben doch die Vielseitigkeit der NDW ausgemacht hat.
In sehr wissenschaftlichem Ton mit langen Sätzen voller Fremdwörter versucht Hornberger etwas zu erklären, was sie selber offenbar – zumindest heute nicht mehr – fühlt. So bleibt sie, wahrscheinlich dem akademischen Anspruch geschuldet, ziemlich an der Oberfläche und analysiert, vermeidet aber jegliche Begeisterung für die Musik. Aber gerade diese Begeisterung war es doch, zumindest in der frühen Phase der NDW, die die musikalische Explosion erst ermöglicht hat. Die Autorin hingegen wahrt immer Distanz, Sachlichkeit geht ihr über alles. Damit verfolgt sie einen ganz anderen Ansatz als beispielsweise Teipel mit „Verschwende deine Jugend“ oder Hollow Skai mit „Alles nur geträumt“, die beide direkt aus der Szene gekommen sind und für die die NDW-Zeit eben einen wichtigen Teil ihres Lebens bedeutet hat.
Die wissenschaftliche Form wird auch sehr von hunderten Fußnoten geprägt, die auch gerne mal ein Viertel bis ein Drittel der Seiten einnehmen. Okay, in Zeiten von Guttenberg und anderen Betrügern schadet es sicher nicht, zu viel anzumerken. Vieles hätte man aber auch problemlos in den Fließtext einarbeiten können, was das Lesen erleichtert hätte.
Die ersten rund 100 Seiten, als fast ein Viertel des Buches, wird für die Einleitung genutzt und sind fast durchgehend staubtrocken zu lesen, so dass manch Leser das Buch schon etwas entnervt zur Seite legen wird. Wenn man aber durchhält, bekommt man ab da dann doch so einige interessante Ergebnisse der Forschungsarbeit präsentiert. Sicher stimmt man nicht allen Schlussfolgerungen zu, wenn man sich mit dem Thema schon beschäftigt hat, aber zumindest werden sie nachvollziehbar herausgearbeitet. Dabei konzentriert sich Hornberger auf wenige Bands, die sie als stellvertretend für alle Phasen der NDW ansieht. Die Auswahl ist zwar korrekt, aber die vielen vielen weiteren Bands und Projekte, die ja erst eine „Szene“ oder Jugendkultur ausmachen, lässt sie unerwähnt oder stempelt sie als Epigonen der von ihr ausgewählten Bands ab. So kommen wichtige und prägende Gruppen der frühen Zeit wie Geisterfahrer oder Palais Schaumburg fast nur in Nebensätzen oder Kapitelüberschriften vor.
Schade – aber wohl auch in der Form der wissenschaftlichen Abhandlung begründet – ist, dass auf den 430 Seiten gerade mal neun Abbildungen zu finden sind. Das ist definitiv zu wenig, denn gerade bei vielen NDW-Gruppen war ja die Optik, die sich eben vom Mainstream abheben wollte und sollte, sei es bei Auftritten oder der Covergestaltung, ein wichtiger Punkt.
Inhaltlich ist „Geschichte wird gemacht“ interessant, wenn man sich tiefer gehend für die Neue Deutsche Welle interessiert. Es werden alle Phasen, vom frühen Underground bis zu den späten Nachwirkungen betrachtet. Formal ist das Buch recht trocken und aufgrund der wissenschaftlichen Sprache nicht immer leicht und schon gar nicht unterhaltsam zu lesen. Als „Geschichte der NDW“ funktioniert es nicht, dafür ist die Auswahl der Musik viel zu eng und nur beispielhaft gefasst. Stattdessen geht es darum, was die NDW gesellschaftlich bewegt und verändert hat. Wer sich also für die Hintergründe der NDW interessiert, sollte das Buch lesen, wer aber nur die Musik mag, wird sich schnell langweilen. Definitiv NICHT das Standardwerk zum Thema, aber eine brauchbare Ergänzung zum „Teipel“ und zum „Döpfner/Garms“. (A.P.)

Webadresse der Band: www.ndw-wiki.org

DUNKELSCHöN - Zauberwort


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Screaming Banshee / Alive

Es hat ganze zwei Jahre gedauert, bis der nunmehr fünfte Longplayer der Mittelalter Folk Band Dunkelschön „Zauberwort“ das Licht der Welt erblickt hat und durch musikalische Frische und emotionalen Tiefgang besticht. Die musikalische Erweiterung der Band durch einen Drummer und Bassisten tat dem Rockanteil der Stücke hörbar gut, denn insgesamt betrachtet klingt der Sound im Gegensatz zu Vorgängeralben kraftvoller und rockiger. Wer allerdings ein reines Rockalbum vermutet, dem sei gesagt, dass dies nicht der Vielfältigkeit der Band entsprechen würde. Dunkelschön wusste es gekonnt auszuloten, wo rockige Elemente hineinpassen – etwa bei Songs wie „Spielmann“ oder „Zauberwort“, und wo man lieber balladeske Klanglandschaften erblühen lässt. All die dunkelschönen Klangfarben aus Harfe, Flöte, Leier und Nyckelharpa vereinigen sich mit verspielten Gitarren und Cellipassagen auf der einen Seite und E-Gitarren oder Drums auf der anderen Seite. Abwechslung und Entwicklung wird auf „Zauberwort“ großgeschrieben und so verwundert es nicht, dass man dieses Album als einen Spiegel der eigenen musikalischen Weiterentwicklung von Dunkelschön selbst betrachten kann. Die Band ist gereift und gewachsen an sich selbst, so dass wir als Hörer die Frische der Stücke zu spüren bekommen. Bereits auf der Winter Tour 2010 von Subway to Sally durften sich 20.000 Besucher der Tour durch Dunkelschön als Support schon mit „Spielmann“ und „Zauberwort“ einstimmen lassen auf dieses Album, dass nun in seiner ganzen klanglichen Reife ausgepackt wurde und alles besitzt was die Fans zum Tanzen, Träumen und Feiern einlädt. Ich selbst habe es als traurig empfunden, dass dieses kunstvoll gestaltete Album „nur“ 10 Stücke beinhaltet, die fast zu schnell wieder vorbei sind. Somit ist im Spätsommer ein Album erschaffen worden, dass zum verweilen und Träumen einlädt und durch musikalische Qualität zu erfreuen weiß! (Maximilian Nitzschke)

OMNIA - Musick & Poetree


Erstveröffentlichung: Doppel-CD 2011 / Screaming Banshee / Alive

2011 war ein weiteres äußerst erfolgreiches und auch ereignisreiches Jahr für die niederländischen Power Paganfolker „Omnia“ und damit um Steve Sic und Jenny. Waren sie zu Beginn des Jahres nur Insidern bekannt, die sie schon zu zurückliegenden WGT Festivalauftritten genießen durften, hat sich dies seit ihrer Deutschlandtour im Frühjahr nun schlagartig geändert. Die Live Intensität und spielerische Kraft wissen sie schon lange in immer wieder kunstvoll gestaltete Alben zu bannen und so veröffentlichen Omnia seither jedes Jahr ein neues Album. Bereits zur Deutschlandtour konnten die ersten Songs des mittlerweile vierzehnten Studioalbums „Musick & Poetree“ gehört werden und wurde „Free“ oder „I don’t speak human“ frenetisch gefeiert.
Im Gegensatz zu bisherigen Alben, welche alle im Alleingang von Omnia entstanden waren, ist dieses neue Produkt zusammen mit Christopher Juul – einem Mitglied der Bands Euzen und Valravn, produziert worden. Ich empfinde diese Tatsache als sehr erfrischend, hat es doch zur Bereicherung des Sounds von Omnia gesorgt und auch für die Idee eines „2 CD Albums“ gesorgt. Die erste der beiden CDs mit dem Titel „Musick“ enthält mit 21 Minuten Spielzeit fünf fröhliche Omnia Songs, die in Dänemark zusammen mit Philip, Maral und Daphyd aufgenommen worden sind. Man spürt hier die bewegende Musik und spirituelle Kraft die Omniatexten zu Grunde liegt, denn erneut werden in den bereits erwähnten Stücken „Free“, in der es um die persönliche Freiheit des Menschen geht und „I don’t speak human“ – welcher von der Liebe zur Natur und der zerstörerischen Kraft des Menschen spricht , die Ideale und Naturphilosophie von Omnia vertreten.
Die zweite CD hingegen „Poetree“ enthält sieben ruhige, verträumte Vertonungen von Stücken, welche für Steve Sic und Jenny selbst eine tiefe emotionale Bedeutung besitzen. Hierbei handelt es sich um Lieder mit denen sie aufgewachsen sind oder die sie dazu inspiriert haben, ihren eigenen Spirit und ihre eigene Weltanschauung offensiv zu leben. Erstaunlich ist auch hierbei die Vielfältigkeit, denn mal ist es ein schwedisches Volkslied mit dem Titel „Gröne Lunden“, mal eine Interpretation des deutschen Klassikers „Lili Marleen“ oder aber der „Mercy Seat“ von Nick Cave. Die Stimmung der sieben Stücke ist intimer gehalten, was daran liegen dürfte, dass Steve und Jenny diese im Alleingang und in einem Durchgang eingespielt haben. Auch diese CD hat eine Spielzeit von 21 Minuten, so dass beide CDs zusammen 42 Minuten Gesamtspielzeit haben.
Auch die Optik der CDs darf sich erneut sehen lassen, nach den bildschönen Zeichnungen von Alan Lee auf dem „Alive“ Album war es nun an der Zeit weitere Familienmitglieder von Steve und Jenny das Artwork mitgestalten zu lassen, so dass der Tierzeichner Renso Tamse Rabe und Eule beisteuerte und Marjolein Kruijt ihr Talent im Booklet beisteuerte.
Während die Benelux Staaten bereits im August die Veröffentlichung feiern dürfen, muss sich Deutschland noch bis Mitte September gedulden, jedoch findet die Releaseparty in Deutschland auf dem Festival Mediaval in Selb am 10. September statt. Fühlt euch frei um mit poetischen Liedern der Natur zu huldigen und aus vollen Kehlen zu singen „I don’t speak human! I won’t understand a word you’re saying!“, wenn der Mensch mal wieder denkt, das Tiere keine Gefühle haben! Erneut gelang Omnia ein Album vorzulegen, dass Ihnen, ihrer Philosophie und ihrem künstlerischen Anspruch gerecht wird!
(Maximilian Nitzschke)

UNHEILIG - Heimreise


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011 / Fansation

Unheilig – Heimreise Tour 2011
"(07.08.2011 Berlin Wuhlheide)

Das hätte ich nun wirklich nicht gedacht, laut dem örtlichen Veranstalter hat seine Grafschaft es an zwei Tagen hintereinander geschafft mit dem “Konzerthighlight 2011“ ganze 17.000 Fans in die Wuhlheide zu ziehen. Das Wetter war absolut göttlich an diesem Sonnabend Abend in Berlin und im Laufe de Zeit finden sich die Fans des Grafen ein. Ich bin doch sehr gespannt,wie sehr der Erfolg beigetragen hat, dass unterschiedlichste Publikum anzulocken und ob ich im Gothicstyle hier plötzlich negativ auffallen werde. Gut etwas bizarr ist es schon, wenn Oma,Opa, Mamma und Papa und Sohn Tim gemeinsam am Merchandise stehen und auch alle Fans von Unheilig sind. Im ersten Moment denk ich mir wo ist die alte Fanbase hin,aber i Laufe es Abends vermischen sich alte Anhänger mit neu hinzugewonnenen und werden sie alle unter dem Banner der Großen Freiheit vereint. Nein eine Ausnahme bin ich zum Glück nicht, die schwarze Szene ist ihm trotz anders lautender Berichte noch treu geblieben. Während Oma und Opa nun zum Wurststand schlendern, darf der kleine Tim hinter die Bühne, denn dort steht für die jüngsten Unheilig Fans ein Spieltruck als Indoor Spielplatz, der die Wartezeit bis zum Auftritt de Grafen durch kurzweilige Unterhaltung verkürzen soll. Hier werden Kinder in ihren Wünschen wahr- und ernst genommen und Familien der Konzertbesuch verschönert. Auf der Bühne spielt die erste der insgesamt 3 Vorbands, nicht wirklich weiter bemerkenswert aber immerhin ohne Ohrenpein zu hinterlassen. Hier hätte im Grunde mit „Livingston“ eine Vorband gereicht, aber drei waren eindeutig zu viel. Ich nutze die Zeit noch mich ein wenig an den Merchandise Ständen umzusehen, an denen es vom Badetuch bis zur Kuschelpuppe wirklich alles erdenkliche und blödsinnig nutzlose gibt – na ja Ferne Welt ich komme würde ich sagen. Dies geht dank dem neuen Golf Modell „Graf Edition“ auch noch einen Zacken schneller, über die Notwendigkeit mag man geteilter Meinung sein!

Pünktlich laut Bühnenablaufplan ertönt die Schiffshupe und kündet davon Reisegepäck zu verstauen und die Bordkarten bereit zu halten, damit der unheilige Pott nun bald ablegen kann. Aus den Boxen schmettert Hildegard Knef mit“Für dich soll es rote Rosen regnen“, bis der Countdown über zwei LED Wände ein gezählt wird. Die Fans klatschen schon jetzt ordentlich mit und als die Gitarren und Bässe einsetzen wir der Jubel richtig frenetisch. Die Taue sind vom Kai gelöst worden und es wird Zeit Unheilig zum Meer zu folgen, oder kommt vielmehr der Graf zum Menschenmeer, das hier in Berlin auf ihn wartet? Altarkerzen brennen auf der Bühne und scheinen fast die Erwartungshaltung der Fans wiederzuspiegeln, denn auch sie brennen darauf sogleich in „Seenot“ zu geraten. Dieser entert die Bühne mit Blitzgewitter auf den LED Wänden um sogleich auf große Fahrt im hellen Schein der Lichtshow zu gehen. Wie immer ist er aristokratisch gekleidet, im schwarzen Gehrock mit goldenen Knöpfen, weißem Hemd,schwarzer Hose und schwarzer Krawatte. Nach dem Start mit neuem Song geht Unheilig zum Album „Puppenspiel“ und streckt mit seinem Publikum gemeinsam die Hände zum Himmel aus um den „Feuerengel“in Berlin zu begrüßen. Die Wuhlheide ist spürbar Feuer und Flamme für Unheilig, einige singen eher die neuen Stücke mit – selbst die Kleinsten Fans- während einige auch die älteren Stücke durchweg mitsingen können. Es ist schön zu sehen, dass der Graf getragen wird von der Welle der Emotionen die seine Musik auslöst und gerührt bedankt er sich bei seinen Berliner Fans. Der nächste Song „Schenk mir ein Wunder“ wird mit der Frage eingeleitet, ob Berlin bereit ist für ein Wunder, welche durch Applaus mit „Ja!“ beantwortet wird. Der musikalische Fundus von Unheilig ist groß und der Graf besitzt ein gutes Gespür dafür, welche Stücke eingängig sind und inhaltlich einen runden Bogen spannen. Er lebt seine Lieder auf der Bühne, lässt uns Teil seiner Emotionen werden, während er mit jeder Faser singt. Ich denk das ist es auch, was Unheilig seit Jahren auszeichnet – die Authentizität sich selbst, seiner Musik und allen voran seinen Fans gegenüber. So ist es keinesfalls kitschig, wenn er hingebungsvoll im Song „Sternbild“ singt, dass Liebe wie ein Sternbild sein kann. Die Fans danken ihm diese Worte, die sich durch die tiefe markante Stimme auch im Gehörgang und im Herzen fest graben. Euphorisiert und getragen von der Welle der Begeisterung bedankt sich der Graf und bekommt prompt aus unzähligen Kehlen „Bitteschön!“ zurück. Im nächsten Jahr wird es bereits das nächste Album „Lichter der Stadt“ von Unheilig geben, und so verwundert es nicht, dass bereits ein neuer Song vorgestellt wird, in Form der Ballade „Ein guter Weg“. Es ist eine typisch unheilige Ballade in der es um das unausgesprochene Verständnis zweier Menschen zu gehen scheint. Henning Verlage begleitet ihn allein am Klavier und schafft einen stimmungsvollen und zugleich überraschenden Moment innerhalb des Konzertabends. Wir bleiben in dieser Stimmung und gehen zu den Anfängen von Unheilig zurück, bei mir entsteht etwas Nostalgie, denn diesen Song hörte ich mit 17 Jahren – 12 Jahre ist dies nun her- das allererste Mal. Mit „Sage Ja!“ blickt der Graf zu seinen düsteren Zeiten zurück und erregt blasphemische Lust und die Gier nach nackter Haut. Ganz akustisch klingt dieser Song immens kraftvoll und schafft einen Moment der Ruhe und Stille und ich steh mit leichten Tränen in den Augen da. Kraftvoll steuert Unheilig sein Publikum durch die nächste Nummer „Halt mich“ während er auf der Schiffskulisse steht und das große Kino dank seiner Band inszeniert. Die Fans applaudieren und feiern Unheilig, sichtlich gerührt nimmt der Graf diesen entgegen. Manchmal hab ich schon noch das Gefühl, dass er ein bisschen wie ein kleiner Junge auf die Welle des plötzlichen Erfolges blickt – ungläubig aber immens dankbar – und wissend, dass er dies vor allem den Menschen zu verdanken hat, die heute Abend wegen ihm die Wuhlheide gefüllt haben – seinen Fans. Er meint er wird in jeder Stadt immer wieder gern von Reportern gefragt, ob er denn geschafft hat auch etwas Sightseeingtour zu betreiben, was er regelmäßig eher mit „Nein“ beantworten muss - somit sind nun die Fans gefragt ihm etwas touristische Highlights vorzustellen.
So erfährt er, dass Teltow eine eigene Stadt ist die er mal besuchen soll und er wenn er zu Besuch käme auch gleich eine Pizza bekommen würde. Mit Augenzwinkern und Schalk im Nacken würde er durchaus annehmen, aber nur wenn seine fast 80 köpfige Crew auch zum Essen kommen darf.Ja da hört man wie viel Menschen am Gelingen dieses Abends und des voran gegangenen Tages beteiligt sind und bedankt sich mit dem gebührenden Applaus bei der unheiligen Crew.
Ein weiterer Song aus dem 2012 erscheinenden Album „Lichter der Stadt“ wird vorgestellt, bei dem das Berliner Publikum als großer Chor fungiert, mit dem Titel „Brenne auf mein Licht“. Auch dem neuen Stück ist eine klare Eingängigkeit zu bescheinigen und die Vorfreude auf das neue Album wächst schon jetzt, denn es scheint wieder geballte Emotionen zu liefern. Mit rockigen Klängen unterstreicht er „Ich gehör nur mir“ und lässt auch durch seine diabolische Performance überhaupt keinen Zweifel an dieser Aussage entstehen. Ein Highlight setzt er als er während des Songs „Abwärts“ sich auch tatsächlich abwärts ins Publikum begibt und mit den Fans gemeinsam bis auf den letzten Mann abfeiert. Wir wechseln zur aktuell wohl erfolgreichsten Ballade „Geboren um zu Leben“ und alle Fans in der Wuhlheide werden zum Chor und nachdem es allmählich dunkel geworden ist, entfachen sie mit Leuchtstäben, Handys oder Feuerzeugen auch das stimmungsvolle Lichtermeer. Nach Setliste wäre dies die letzte Nummer gewesen, aber so einfach wird Unheilig freilich nicht von der Bühne gelassen und so beginnt nun der Zugabeblock. Beginnend mit „Für immer“ rockt der Graf noch einmal ordentlich mit seinen Fans um danach sanfte Töne anzuschlagen und mit „Unter deiner Flagge“ unverhohlen von der Kraft und Liebe zur eigenen Mutter zu singen. Der Graf singt so innig und voller Hingabe das man seine Gefühle beim Schreiben dieses Songs – seine Mutter weinte beim ersten Hören – regelrecht spüren kann. Ich hab mich in so mancher Situation gefragt, wie Eltern es schaffen, wie Löwen zu kämpfen und jede schwierige Situation zu meistern, bekam von meiner Mamma nur die Antwort – das ist die Liebe einer Mutter – und das trifft es wohl! Den mittlerweile obligatorischen Ausklang aus dem Abend mit Unheilig bildet „Mein Stern“ und so entfacht das Publikum ein Meer aus Lichtern um lauter kleine Sterne in die Nacht zu entsenden. Sicher trägt jeder einzelne von diesen kleinen Lichtpunkten, ob aus Handy, Feuerzeug oder Leuchtstab der Gesamtstimmung bei, aber das hellste Licht strahlt in den Augen der Fans, die die Gewissheit haben Teil eines tatsächlichen Konzerthighlights 2011 geworden zu sein und voller Vorfreude auf 2012 in die Realität und damit in die „Lichter der Stadt“ Berlin entlassen werden. ES fällt schwer den Grafen und seine musikalische Welt zu verlassen, und so verwundert es mich nicht, dass viele Fans nach dem Konzert mit dem Konzertmitschnitt auf USB Stick nach Hause laufen um die unvergesslichen Momente zumindest akustisch nachspüren zu können!



























(Maximilian Nitzschke)

UNHEILIG - Große Freiheit Live DVD


Erstveröffentlichung: Doppel-DVD 2010 / Universal

Unheilig – Grosse Freiheit Live DVD
"(VÖ: 11.06.2010 Universal)


An Unheilig in irgendeiner Weise vorbei zukommen ist eigentlich völlig unmöglich derzeit, denn
der Videoclip zum Song „Geboren um zu leben“ zum Beispiel läuft seit Monaten quasi in Viva Dauerrotation und auch bei Shows wie „The Dome“ oder dem unsäglichen Stefan Raab kann man den Grafen sehen und hören. Innerhalb der schwarzen Szene aus der er einstmals hervorging sieht man diese Entwicklung von Unheilig durchaus sehr kritisch, wobei ich mir sage das es nur legitim ist, wenn massentaugliche Musik mit Anspruch auch den gewünschten Erfolg für den Künstler bringt. Der Trend war abzusehen, denn einerseits seit Jahren bei Universal unter Vertrag produziert der Graf Songs die sich gut vermarkten lassen und an die Gefühle und Hoffnungen eines jeden Menschen appellieren – egal in welchem Alter.

Von der diesjährigen Live Präsenz und der Atmosphäre der Tour „Große Freiheit“ kann man sich nun auf DVD überzeugen, und das auch gleich zweimal. Dennoch ist nur „die musikalische Reise“ genießbar. Denn es ist eine optische Zumutung was man dem Fan mit DVD 1 „Das Konzert“ aus Köln mitgeschnitten antut. Songs wie „Seenot“ oder „Freiheit“ sind durchweg völlig unscharf, und zwar so dass ich ernsthaft dachte mein Laptop sei kaputt, denn so miese Qualität hab ich selten gesehen und konnte es mir nicht vorstellen, dass es dennoch der Wahrheit entspricht. Damit ist leider die Hälfte der DVD schlicht ungenießbar,was völlig schade ist, denn die Stimmung des Abends ist völlig verloren gegangen.

Die zweite DVD „die musikalische Reise“ stimmt mich wesentlich glücklicher, denn hier ist wenigstens die Qualität so,dass die Stimmung des Konzertes in München sich auch auf den Fan vor dem Fernseher überträgt. Der Graf hat seine Fans im Griff und nimmt sie in der Tat mit an Bord seines Schiffes um sie aus der „Seenot“in die „Freiheit“ zu führen. Die Performance des Grafen, welcher die Bühne rockt und keine Minute stillsteht ist eine optische Freude, zumal die Chemie zwischen ihm und dem Publikum von der ersten Minute an harmoniert. Das Intro liefert „Das Meer“ in Szene gesetzt durch Videoeinspielungen des Grafen, wie er von der Privatperson zur Bühnenfigur wird und zum Auftrittsort gefahren wird, bevor wir am Meer stehen und Möwen beim Flug zusehen. Das Publikum in München wird aufgefordert mit Unheilig zum Meer zu gehen um neue Wege zu bestreiten und kann jede Textzeile über Videowände mitsingen. Während Blitze auf den Leinwänden die „Seenot“ ankündigen springt der Graf auf die Bühne und feiert sich und seine neuen Songs gemeinsam mit den Fans. Auffallend ist die opulente Inszenierung der Show, Schiffsaufbauten und die obligatorischen Kerzen bilden die Spielwiese für den Grafen, die er vollends ausfüllt. Er rennt,springt und tanzt auf diesen Brettern die für ihn schon immer die Welt bedeutet haben und bezieht sein Publikum gekonnt ein und sie folgen ihrem Kapitän. Ich denk das es an der Mischung er Songs liegt das auch jeder Unheilig Fan, jene die ihm seit Jahren verfallen sind und neue die ihn erst durch die aktuelle CD kennen, für sich Highlights finden werden. Natürlich, wie sollte es anders sein, der Fokus liegt auf den neuen Stücken, aber mit „Feuerengel“, „Maschine“ oder „Freiheit“ werden auch die älteren Veröffentlichungen nicht ausgespart. Rocksongs wechseln mit sanften Balladen und bilden einen stimmigen Konzertabend.

Für mich hätte es nur diese DVD 2 gebraucht und dafür lieber Interviews,oder andere kreative Einfälle als ein verwackeltes Konzert mit fast identischer Songliste. Das ist Schade und gerade der Live Qualität die Unheilig an den Fan trägt nicht angemessen. Somit bleibt beim Kauf ein Wermutstropfen leider bestehen, sonst ist „die musikalische Reise“ ein gelungenes Zeugnis des zu Recht erworbenen Erfolges von Unheilig!
(Maximilian Nitzschke)

BIG ART PETERS - Quit Horsing Around


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Rhythm Bomb Records / RBR 5723

Nur, weil man eine Art lebende Punk-Legende ist, muss nicht alles, was man als Alterswerk solo veröffentlicht auch wirklich beachtenswert sein. Okay, ein TV Smith (The Adverts) konnte sich seine „Credibility“ als durch Clubs und Jugendzentren tingelnder Alleinunterhalter erhalten.
Arthur Billingsley, besser bekannt als Arturo Bassick von The Lurkers und den Blubberry Hellbellies ist da ein gegenteiliges Beispiel. Mit den Lurkers gehörte er zur Speerspitze der frühen Punk-Szene und seine Blubberry Hellbillies geisterten durchaus erfolgreich durch die 80er Jahre mit ordentlichem Cow-Punk.
Dass er unter dem Namen BIG ART PETERS nun aber solo zumindest musikalisch fast alles verrät, wofür Punk mal stand, ist nicht so richtig nachvollziehbar und lässt den Verdacht aufkommen, dass hier jemand mit seinem guten Namen noch einmal etwas Aufmerksamkeit erregen will.
Country ist wohl die reaktionärste und konservativste Musikart, die es gibt und klassischer Rock’n’Roll wirkt heute auch nicht mehr besonders rebellisch, wenn er es denn überhaupt jemals war. Genau das sind aber die beiden Pole, zwischen denen sich „Quit Horsing Around“ bewegt. Punk’n’Roll und auch Cow-Punk können durchaus unterhaltsam sein, aber beides gibt es hier nicht zu hören. Stattdessen liefert Billingsley eine völlig humorfreie und dabei noch langweilige Performance ab, die sicher keinen alten Lurkers-Fan auch nur einen Furz entlocken wird. Da nützt es auch nichts, dass die Texte nicht ganz so peinlich sind, wie die Musik und der Mann noch strubbelige Haare und ein Lurkers-T-Shirt trägt.
Was er hier abliefert erinnert mit gaaaaanz viel gutem Willen entfernt an eine Mischung aus Cramps, Shakin’ Stevens, Wall Of Voodoo und Ghoultown, allerdings ohne jegliche Ironie, wie es die genannten Bands teilweise über Jahrzehnte brillant abgeliefert haben. Da rettet es das Album auch nicht, dass Musiker von Mad Sin und Tex Morton dabei sind. Konsequent wäre es gewesen, für dieses Album gar nicht in der Punk-Szene Werbung zu machen, denn damit hat es absolut nichts mehr zu tun. Wenn Billingsley heute gerne Country mag, ist das völlig okay, dann soll er aber nicht versuchen, sich aus kommerziellen Gründen mit der Punk-Vergangenheit anzubiedern. Da hilft auch nicht, dass mit „Punk Rock“ ein Song dabei ist, der entfernt das wieder gibt, was er verspricht, aber auch nur am Anfang.
Für Country-Fans vielleicht ein reinhören wert, das kann ich nicht so gut beurteilen, mit Punk hat das aber nichts mehr zu tun. (A.P.)

DER KLINKE - Square Moon


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Echozone / EZ11C584

Es ist keine Frage, dass der Bandname DER KLINKE für deutsche Ohren erstmal schräg klingt, aber wenn man weiß, dass die Band aus Belgien kommt, verzeiht man den kleinen grammatikalischen Fehler. Vor allem, wenn man gute Musik zu hören bekommt.
Das ist der Fall, auch, wenn man keine Innovationen oder eine neue Megaband erwarten sollte. Im Info als „klassischer New Wave/Cold-Electro-Sound“ beschrieben, trifft das den Punkt zwar nicht genau, aber in der heutigen schwarzen Szene gilt als „klassisch“ ja vor allem das, was in den frühen 90er Jahren musikalisch geschehen ist. Und genau in diese Zeit passt DER KLINKE hinein. Mit New Wave hat das nur wenig zu tun, aber Electro-Dark-Wave trifft es schon ganz gut. Man nehme recht eingängige The Eternal Afflict, ein bisschen Project Pitchfork, etwas Dance Or Die und die eine oder andere Prise anderer alter Helden von vor knapp 20 Jahren und man erhält einen ganz guten Eindruck, was DER KLINKE abliefern. Dabei hört sich das gar nicht mal so klischeehaft wie erwartet an und bei einigen Stücken klingt tatsächlich ein klitzekleines bisschen 80er Cold Wave wie bei Trisomie 21 durch. So bei „Surrender“, sicher dem Hits des Albums, der auch ältere Hörer erfreuen wird. Aber auch darüber hinaus gibt es einige schön eingängige Dark Wave-Songs, die das Genre nicht neu erfinden, aber erfreulicherweise auch nicht mehr versprechen, als sie abliefern. Man könnte das als „unaufgeregt“ beschreiben und das ist viel Wert in Zeiten, wo jede neue Band als das nächste „große Ding“ angepriesen wird und dann grandios scheitert. Wenn man dann noch den The Arch-Sänger als Gast gewinnen kann und Dirk Ivens und Martin Bowes im Booklet dankt (wofür auch immer), merkt man, dass die Band ihre Geschichtslektion gelernt und gut umgesetzt hat. Ein überraschend gutes Dark Wave-Album ohne Peinlichkeiten. (A.P.)

LOVE A - Eigentlich

Wiederveröffentlichung: LP 2011 / Rookie Records / Cargo Records
Erstveröffentlichung: CD 2011 / Rookie Records / Cargo Records / RR 108

LOVE A haben sich vor gar nicht mal so ganz langer Zeit als Love Academy gegründet, den Namen dann aber griffig verkürzt. Auf Rookie Records erscheint nun das Album „Eigentlich“, das im Waschzettel als Post-Punk/Indie/Pop angepriesen werden, wobei dann im Promotext auch noch die Begriffe NDW und Hamburger Schule fallen und schließlich auch noch Deutsch Punk. Und ziemlich genau eine Mischung aus all diesen Stilen wird hier brodelnd auf die Hörer losgelassen. In den letzten Jahren haben junge Bands wie 1000 Robota und Front schon gezeigt, dass der schräge Post-Punk-Sound der frühen 80er Jahre auch heute noch spannend sein kann und genau in diese Kerbe schlagen auch LOVE A. Dazu eine Prise Poppigkeit der Farin Urlaub-Solosachen, Peter Hein-Verehrung und so manche Erinnerung an …But Alive oder Turbostaat und heraus kommt ein Album, das eine heftige Unruhe im Bauch verursacht, was die meisten heutigen Pop- und Rock-Produktionen nicht mehr hinbekommen. Das sind keine Wohlfühlklänge, die man nebenbei konsumiert und sofort wieder vergisst. Stattdessen erwischt man sich als Hörer, dass man das kurze, auf den Punkt gebrachte Album mehrmals hintereinander anhört. Will man einen Vergleich zu einer schon einer breiteren Masse bekannten Band ziehen, so fällt mir nur Madsen ein und das ist durchaus als Lob gemeint. Hier und da kommen auch Erinnerungen an Jens Rachuts unsterbliche Band Dackelblut auf und es würde mich wundern, wenn sich LOVE A nicht über diesen Vergleich freuen würden, denn die zahlreichen Projekte und Bands von Rachut in den letzten über 20 Jahren gehörten zu dem Besten, was aus dem deutschsprachigen Underground hervorgekrochen ist, wenn man vielleicht mal von der Institution EA80 absieht. Noch ist LOVE A wohl kaum mehr als ein Geheimtipp, aber ich würde mich wirklich freuen, wenn sie den Erfolg von 1000 Robota bald übertreffen würden, denn Songs wie „Wal“ sollten unbedingt einer breiteren Hörerschaft bekannt werden. Für mich eines der Alben des Jahres 2011. (A.P.)

Webadresse der Band: www.love-a.de

APPARAT - The Devil's Walk


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Mute Records / CDSTUMM334

Als Projekt des Berliners Sascha Ring gibt es APPARAT schon eine ganze Weile, inklusive der Veröffentlichung von drei Alben. Ring ist sonst auch in diversen anderen, weitgehend elektronischen Projekten tätig. Für das vierte Album ist APPARAT nun auf eine komplette Band angewachsen. Ich gebe zu, dass ich die Musik von Sascha Ring bisher nicht kannte, obwohl er wohl recht erfolgreich ist.
Als ich aber das Video zu „Black Water“ gesehen habe wurde mir klar, dass ich das komplette Album anhören musste. Und ich wurde nicht enttäuscht.
Die Musik ist episch breit, fast schon monumental, aber gleichzeitig melancholisch. Sie basiert hauptsächlich auf Elektronik, die allerdings immer wieder von anderem Instrumentarium unterstützt wird, bis hin zu Ukulelen.
Heraus kommt ein wirklich überraschender Sound, der an eine sehr eigene Variante des guten alten Shoegaze-Sounds erinnert, aber nicht wie eine Kopie von Slowdive klingt. Tatsächlich werden im Info zur Veröffentlichung auch Bands wie The Cure und Cocteau Twins genannt, dazu noch Roxy Music und einige Musiker, die ich leider nicht kenne. Die Rhythmen sind eher modern, aber durchweg langsam und nicht unbedingt tanzbar. Teilweise kommen einzelne Songs sogar ganz ohne Rhythmus aus. Das führt dann fast zwangsläufig zu einem gewissen Ambient-Feeling, was wahrscheinlich eher die Wurzeln von Sascha Ring widerspiegelt, als die Wave-Klänge aus den 80ern. Die Mischung ist hier aber ziemlich gut gelungen und mich wird das Album sicher durch den bevorstehenden Herbst begleiten.
Interessant ist das Cover, das durchaus auch bei einem Album von Inkubus Sukkubus verwendet werden könnte, aber mit Gothic-Rock hat APPARAT dann doch nichts zu tun, auch, wenn sich der Titel auf ein Werk von Percy Shelley bezieht.
Für meinen Geschmack hätte die Produktion etwas klarer, luftiger und verspielter sein können, dann hätte der eine oder andere Song sogar Hitpotential. Aber auch so gibt es ein ganz außergewöhnliches Album zu hören. (A.P.)

Webadresse der Band: www.apparat.net

TROMPE LE MONDE - All In


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Phenix Records / New Music / SIL02/1-BTLM477

Wenn eine Band sich so nennt, wie ein Album von den Pixies hieß und dann im Info auch noch diese mehr als legendäre Band erwähnt wird, dann ist es wohl nicht verwunderlich, wenn man als Hörer erwartet und vielleicht sogar erhofft, dass man es mit einer Gruppe zu tun hat, die den alten Helden zumindest ansatzweise das Wasser reichen kann.
Dass das Trio die große Zeit der Pixies kaum besonders intensiv miterlebt haben dürfte, rein vom Alter her gesehen, und es dann auch noch aus Frankreich kommt, nicht gerade als Rock-Nation bekannt, macht das Album „All In“ umso überraschender. Keine Frage, der Pixies-Einfluss ist vorhanden, also leicht schräger Alternative-Rock, der zwar die Energie des Punk spüren lässt, aber nicht dessen Anti-Haltung. Stattdessen sind die Songs absolut eingängig und kraftvoll und sprudeln nur so über vor Lebensfreude. Das klingt hier und da wie eine rockigere Version der Engländer Performance, vor allem natürlich auch wegen des wechselnden Mann-/Frau-Gesangs und der dezent eingesetzten elektronischen Momente. In unter 40 Minuten Spielzeit für elf Songs kommt garantiert auch keine Langeweile auf.
Dabei ist die Band gar nicht ganz neu, sondern existiert bereits seit 2006, konnte sich aber eine gewisse jugendliche Frische erhalten, die einfach mitreißt. Je weiter man hört, desto mehr verschwimmen dann auch die Pixies-Anklänge, so dass man TROMPE LE MONDE auf keinen Fall auf diesen übermächtigen Vergleich reduzieren darf, auch, wenn er scicherlich teilweise gewollt ist. Stattdessen gibt es treibenden Sound zu hören, der die Lücke zwischen Power-Pop und Alternative-Rock schließt und mit schönen Melodien auch kommerzielle Qualitäten hat. Hier und da hätten die rockigen Momente sogar noch rotziger sein dürfen, aber das bekommt man sicherlich live geboten. (A.P.)

Webadresse der Band: www.trompelemonde.fr

VIC ANSELMO - In my Fragile


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Danse Macabre

Vic Anselmo – In my Fragile
(VÖ: Danse Macabre 19.08.2011)
Musik ist für die junge sympathische Lettin Vic Anselmo weitaus mehr als nur eine schöne Nebensache. Die Künstlerin selbst sieht in ihren Songs eher kleine Reiseberichte in ihre Träume und den hörbaren Ausdruck ihres Seelenlebens. So verwundert es nicht, dass auch ihr zweites Album nach „Trapped into a dream“ mit dem Titel „In my Fragile“ ein sehr persönliches und intensives Werk geworden ist, das nicht nur gehört, sondern erhört und durchlebt werden will.
Für Vic bildet Musik immer eine phantasmagorische Reise, hinein in eine eigene Fantasiewelt, welche Sie mit Hilfe der Musik als ihr eigenes Reich kreiert. Manches Mal ist dieses Reich hell und farbenfroh, während ein anderes Mal die gleiche Stelle düster und traurig erscheinen kann. Musik bildet für Vic also den Versuch, weg von der Realität zu kommen und auf diese durch die Welt der Träume zu blicken. Ihre eigenen Träume haben Vic bereits auf dem Vorgängeralbum inspiriert und so ist auch dieses Album von Traumbildern geprägt und könnte durchaus als „Soundtrack der Träume“ der Sängerin aufgefasst werden. Vic selbst wiegelt etwas ab und konkretisiert, dass es eher ein Soundtrack ihrer eigenen Welt im Kopf sei, der sich dem Hörer offenbart.
Ein direktes Zielpublikum für so persönliche und eigenständige Stücke zu benennen ist schwer, was aber auch daran liegen mag, das Vic es den Menschen gern selbst überlassen möchte, ob sie ihre Musik mögen oder nicht. Wer die Kraft und Fantasie der Lettin erspüren kann, von ihrer sympathischen Art angetan ist und nicht zuletzt erkennt welche musikalische Verwandlungsfähigkeit Vic besitzt, wird sie lieben. Seit 2008 hat sie intensiv an sich selbst gearbeitet, ihren Gesang verfeinert, das Songwriting verbessert und an ihrem Image und der Bühnenperformance gearbeitet.
Dieses intensive Arbeiten ist nun im Ergebnis „In my Fragile“ deutlich zu hören, denn besonders stark fällt die Dynamik auf. Laute Passagen werden von sehr ruhigen und melancholischen Momenten abgewechselt – eine hörbar gewordene Achterbahn der Emotionen. Vic begründet dieses Gefühl damit, dass sie sich von der Routine des Lebens oftmals gelangweilt fühlt, während das befahren einer emotionalen Achterbahn ihr das Gefühl gibt, lebendig zu sein. Da ja Songs üblicherweise die Persönlichkeit des Songwriters widerspiegeln, dürfte hierin der Grund für die Albumdynamik stecken.
Zudem spürt man, mit welcher Leidenschaft Vic sich in die verschiedenen Rollen ihrer Songs versetzt und sie durchlebt. Ohnehin ist Vic eine sehr sensitive Person, welche auf ihre Umgebung – so durfte ich sie kennenlernen- sehr offen und emotional reagiert. Songs schreiben bildet für Vic oftmals die Möglichkeit den inneren Druck loszuwerden und ihrer gesamten Emotionswelt Raum zu geben. Das mag etwas selbstzerstörisch klingen, so tiefe Gefühlswelten auszubreiten und interessanterweise findet sich auf „In my Fragile“ auch durchaus ein Konzept, wenn auch ein eher loses. Das gesamte Album ist der menschlichen Mortido – dem Todestrieb nach Sigmund Freund- gewidmet, es geht um Manifestationen der Selbstzerstörung und den Gefühlen die damit einhergehen, etwa Wut, Verzweiflung, oder auch die Bereitschaft der Aufgabe.
Wie auch schon beim Vorgänger spiegelt das Albumcover die Idee wieder, Vic steht vor einer industriellen Großstadtkulisse eingezwängt zwischen zwei Maschinen und gefesselt. Es hat etwas manisches, verrücktes möglicherweise zwischen diesen Maschinen und zeugt davon, dass auch die weisesten Menschen und intelligentesten, zuweilen blind vor Wut, begannen zu Feinden zu werden und gegeneinander zu konkurrieren. Ein anderes Bild der Selbstzerstörung in einer maschinell geprägten Welt, gepaart mit der emotionalen Bereitgabe der Seelenlandschaften an den Hörer.
Vic Anselmo entführt in ihre Seelenlandschaft und lädt uns ein ihr atmosphärisch zu folgen, hinein in melancholische und zuweilen verstörende Träume, die Spiegel der Realität bilden, bevor sie uns notgedrungen wieder in der Großstadt aussetzen muss und jeder für sich zurück in seine eigene Realität finden wird. Jedem künstlerisch interessiertem Hörer sei dieses inspirierende intensive Hörerlebnis wärmstens empfohlen!
(Maximilian Nitzschke)

PAINWORDS - Bis jetzt ging alles gut


Erstveröffentlichung: CD-EP 2011 / Rheincore Entertainment

Die Punkrock-Truppe ""Painwords"" aus Düsseldorf existiert nunmehr seit 13 Jahren und lässt auf ihren Alben mit den Wurzeln im Punk eine klare Tendenz zum Metal erkennen. Getauft wurde diese Mischung ""Rheincore"", was an sich schon ein ""Aha!"" hervor ruft. Dieses dritte Album (auch wenn es als EP bezeichnet wird, 9 Songs sind für mich genug Stoff, um es als Album zu bezeichnen) wurde in Eigenregie produziert, nachdem der Vertrag mit dem Label nicht verlängert wurde. Entsprechend sollte man auch die Ansprüche an die Tonqualität nicht allzu hoch schrauben, das ist es aber (eigentlich) nicht, worauf es ankommt. Der Band kommt es eher darauf an, konsequent bei Ihren Wurzeln zu bleiben und sich nicht in eine Richtung drücken zu lassen, in der sie sich nicht wohl fühlt.Dafür haben sie zumindest schon einmal den Originalitäts- und Unverfälschtheitsbonus verdient. - Recht so! ""Bis jetzt ging alles gut"" ... und ab jetzt wird eben von der Band selbst dafür gesorgt, dass es so bleibt, Hut ab!

Der Opener ""Muertos Vivos"" kommt direkt zu Beginn bretthart daher, da weiß man gleich, wo es lang geht. Kein langer Schnickschnack, kurzes Gitarrenintro und ab geht das! Treibender Rhythmus, einprägsamer Refrain, sehr guter Einstieg.
Der zweite Song ""Toleranza Zero"" zeigt dann auch eines der Hauptanliegen der Truppe: ""Es gibt kein Wenn, es gibt kein Aber"", wenn es darum geht, sich gegen rechtes Gedankengut zu stellen. Auch hier wieder einprägsame Melodie, treibende Refrains, die mehrstimmig übereinander recht gut zusammenpassen, alles in allem ein Stück,
bei dem man nach den dreieinhalb Minuten denkt ""was denn, schon zu Ende? - Schade!"". Einzig der Text ist wegen der etwas suboptimalen Aufnahmequali an vielen Stellen eher schlechter zu verstehen.
""Ich brauch Dich (bestimmt nicht)"", das dritte Stück beginnt mit einem Filmzitat von Al Pacino aus dem Film ""Der Duft der Frauen"", in welches sich dann sachte
eine Gitarre einschleicht, um zum Song überzuleiten. Gut gemacht, kann man nichts sagen. Der Song selbst danach ist abwechslungsreich gehalten, zwischendurch ganz kurze, ruhigere Passagen, da steckt Idee dahinter, nicht einfach nur das ""wir sind Punks""-Getöse, wie man es von anderen Bands kennt.
Das Titelstück ""Bis jetzt ging alles gut"" ist dann mehr so ein ""Fun-Punk""-Ding, welches mit seiner treibenden Gitarre alle Male geeignet ist, gute Laune zu verbreiten.
""Ihr habt es so gewollt, hier ist nun das Ergebnis! Jetzt gibt´s kein zurück, was für ein Erlebnis"" ... Wenn das mal nicht auch als lange Nase für das ehemalige Label zu interpretieren ist ;-)
""Feind Mensch"", das fünfte Stück geht es anfangs etwas ruhiger an, der Bass zum Einstimmen, dann Schlagzeug und Gitarre drübergelegt, guter Einstieg, um dann letztendlich auch wieder schneller zu werden. Zur Hälfte des Stückes ist dann wieder eine ruhigere Passage eingebaut, die wieder von einem Zitat überlagert wird.
""Und plötzlich war Krieg"" ... ""Für ein paar Sekunden wurde dieser Ort zum jüngsten Gericht"" ... ""und dann begann das Blutbad"" ... im Anschluss dann wieder der treibende Rhythmus und der Refrain ""Der Feind ist der Mensch und es liegt an uns"". Da braucht man doch keine Liedermacher, die uns mit blumigen Allegorien sanft rüberbringen wollen, daß der Mensch perfekt darin ist, sich selbst zu zerstören. Das geht auch knackig und direkt, offen und ehrlich ins Gesicht! Das haben die Jungs drauf! Peng, Zack, das saß... wir haben´s verstanden!!
Titel Nummer sechs ""Ein Schritt zurück"" kommt wieder etwas versöhnlicher daher. ""Und jeder Tag, den ich ertrag, ist ein Schritt zu mir zurück"". Das mutet alles schon sehr melancholisch an, die Passage etwas später, in der die ruhige Gitarre den Text ""Halt meine Hand, spür meinen Alptraum"" begleitet zeigt, dass auch massiv Gefühle dahinter stecken. Once again: gut gemacht, da stecken Ideen dahinter, da wird nicht einfach nur was runtergeschrammelt, weil man doch die freakige Punkband ist.
A propos ""Schrammeln"" ... Titel 7 ""College Fuck Fest"" ... hmm tja, Naja, ist halt lustig, muss ja auch was zum Mit-Pogen dabei sein ;-) Ihr habt gezeigt, was ihr könnt, warum also nicht mal ne weitere Fun-Nummer dazwischen schieben...
""was siehst Du"", Titel Nummer 8 ist auch wieder von ruhigen Passagen, die vom knackigen Refrain unterbrochen werden, getrieben. Coole Gitarrenläufe, das steht keiner guten Metalband in irgend etwas nach. Mensch, schade, daß die Qualität der Aufnahme nicht besser ist, sowas könnte ich mir sehr lange anhören ;-)
""Es wird vergehen"", das letzte Stück des Albums zeigt dann nochmal, warum sich die Painwords von anderen Punkrockbands absetzen: Das ist ne 1A Ballade! Man hätte sonstwas erwartet, aber dieses sehr ruhige Stück mit der Begleitung einer weiblichen Stimme, die in Verbindung mit der rauhen, kratzigen Röhre von Sänger Chris W. wirklich passt... das stimmt zum Abschluss nochmal so richtig versöhnlich. Wie sagt man bei einem Wein? - Gut im Abgang ;-)

Leute, gutes Album, wirklich, als jemand, der 68 im Ruhrgebiet geboren wurde und folglich mit den Ausläufern der Punkbewegung massiv konfrontiert war (und das war auch gut so), fröstelt es mich des Öfteren, was man heute so als ""Punk"" untergejubelt bekommen soll. Da seid Ihr ne ganz dicke Stufe darüber, da freut es einen, wenn man die Dinge, die man damals eben cool fand, wie die treibenden Rhythmen von Bands wie ""Angelic Upstarts"" oder den legendären ""U.K. Subs"" um Charlie Harper wiederhören kann. Macht bitte so weiter und (ich hoffe, ich falle Euch jetzt nicht in den Rücken) versucht, das Material für die nächsten Scheiben in eine bessere Qualität zu bringen. Das ist nicht einfach nur PunkRock, bei dem es auf die Qualität nicht so ankommt, da steckt wirklich mehr dahinter!

Und noch etwas in eigener Sache: Ich war natürlich neugierig und habe auf der Webseite gekramt, mir die Videos angesehen und auch das letzte Album ""Herzlos"" runtergeladen. Ihr seid Schuld, dass ich seit Tagen einen wiederlichen Ohrwurm habe!!

Für Interessierte: schaut einmal auf die Webpage ""www.painwords.tk"" und schraubt Euch unter ""Videoclips"" den Song ""Der Clown"" rein. Das Teil macht süchtig. 1A Produktion, geile Story, wahnsinniges Hirnwäschepotential. Nach dem dritten Mal hören geht das Teil nicht mehr aus dem Kopf!! Mich hat´s voll erwischt, das solltet Ihr mal testen! (Volker M.)

Webadresse der Band: www.painwords.tk

EISENFUNK - Pentafunk


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Danse Macabre / Danse Macabre

"Eisenfunk - Pentafunk
(VÖ: 12.08.2011 Danse Macabre)

Lange Zeitt war ich mir nicht sicher, ob ich Eisenfunk denn überhaupt ernst nehmen soll mit ihrer merkwürdigen Mischung aus Spaß und Elektro, den vornehmlich die Cybergoth Gemeinde zu hören schien. Allerdings fand ich dann „Superspace Invaders“ und nicht zuletzt „Pong“ auf YouTube so witzig, dass ich beschloss doch etwas näher mich mit den Jungs aus München zu befassen. Wie es dann der Zufall oftmals so will, landete auch prompt „Pentafunk“ im Briefkasten und bot mir nun reichlich Gelegenheit. Kritischen Stimmen zum Trotz, die den in ihren Ohren dumpf klingenden Elektro meiden, hörte ich mir Fanmeinungen an, die an Eisenfunk gerade den Witz und Sinn für Humor zu schätzen wissen.
Diesen Ruf als Spaßband inmitten der harten Elektroformationen wissen Eisenfunk auf ihrem fünften Longplayer gleich zu Beginn mit dem „Introludium“ zu verteidigen. Basierend auf dem Eurovision Thema wurde dieses einmal durch den Synthiewolf geworfen und in eisenfunkerischer Manier bearbeitet.   Michael begründet die Wahl des Themas damit, dass es immer in der ARD oder dem ZDF lief wenn eine Sendung zeitgleich auch in Österreich oder der Schweiz übertragen wurde. Damals, das klingt so nach guter Unterhaltung fernab von Realityshows und schlechten Fernsehformaten. Schwingt da etwa gesellschaftskritische Aussagen mit hinter all dem Spaß? Ja in der Tat tun sie das, denn Michael gibt zu bedenken, dass wir zwar gern darüber sprechen wie menschenverachtend etwa das römische System war, wir aber so weit weg von diesen Systemen gar nicht unbedingt sind. Gut heutzutage heißt der Gladiatorenkampf anders in der Tat wird oftmals alles noch so unnütze ins Rampenlicht der Menschenarena geworfen!  Geradezu plakativ setzt er sich in „Neandertal“ mit der Zivilisation auseinander. In dem Glauben etwas Besseres zu sein, sollte die Gesellschaft erkennen, dass auch sie nur Säugetiere sind und lediglich das größere Gehirn uns von anderen Lebewesen unterscheidet.
Der Kern von Eisenfunk scheint also in zwei Komponenten zu liegen, einerseits will man Freude bereiten und andererseits aber schon zum Nachdenken anregen. Stellt sich mir die Frage nach dem Zielpublikum, denn wie sowohl die Aufmachung von Tobi sowie in den Eisenfunk Videos der Tänzer verrät, scheint in der Tat eine größere Affinität zu Eisenfunk in der Cybergoth Bewegung zu sein. Knicklichter, Mundschutz, Schweißerbrille, Dreadlocks und nicht zu vergessen Neonfarben machen ihr Outfit aus, so auch zum „Danse Macabre Festival“ im K17 Berlin anlässlich der PopComm 2011. Während viele diese merkwürdige Cyber – Welle innerhalb der Gothickultur eher skeptisch betrachten, haben Eisenfunk wie man sieht überhaupt keine Berührungsängste. Die Anhänger wiederum danken es ihnen auf verschiedenste Weise vor allem zu „Pong“ gibt es dutzendweise selbstgedrehte Videos auf YouTube zu bewundern.
Einige der neuen Stücke konnte Michael zum WGT im Dark Flower als DJ schon einmal antesten, und schon hier erwiesen sich diese als überaus tanzbar und offenbarten Hitpotenzial.
Im Rahmen der Veröffentlichung von „Pentafunk“ werden die Jungs in Deutschland touren und wohl auch die Fühler in Richtung USA ausstrecken, wo sie noch den Status der Newcomerband haben. Aber das Interesse an Ihnen besteht wie die Zugriffe auf „Pong“ pro Tag beweisen – 7000 Menschen pro Tag.  Videos zum Titelsong „Pentafunk“ sind bereits in der Mache und auch „Pestilenz“ wird einen Videoclip erhalten – die gehörige Portion Humor wird ausgekostet laut Eisenfunk. Als Fazit stell ich fest, das „Eisenfunk“ in der Tat Potenzial haben mit Humor und Elektronik für Furore in der sonst so martialisch geprägten Elektrolandschaft zu sorgen. Das Konzept geht auf Jungs und YouTube beweist es mir, dass es genügend Anhänger findet, die mit Leidenschaft „Pong“ spielen möchten!
(Maximilian Nitzschke)

ASP - Wechselbalg


Erstveröffentlichung: Mini-CD 2011 / Gothic Novel Rock Records

ASP – „Wechselbalg“ (Single)
  "(VÖ: 12.08.2011 Gothic Novel Rock Records)
In der letzten Zeit waren es keine guten Neuigkeiten die man aus dem Hause ASP so hörte. Zunächst nahm sich die Band eine kreative Auszeit, weil sie die Grenzen zum Ausgebrannt sein überschritten hatte. Dann folgt der erste größere Schock denn im März 2011 kehrte das Gründungsmitglied Matthias „Matze“ Ambré aufgrund persönlicher und beruflicher Differenzen ASP den Rücken. Sicher man hätte nun ein endgültiges Ende von ASP vermuten können, aber zum Glück ist dem weit gefehlt. Ein neues Kapitel wurde aufgeschlagen im Geschichtenzyklus und so erklingt elf Jahre nach ihrem Debüterfolg „Hast du mich vermisst?“ mit der Single „Wechselbalg“ die Einleitung zu einem neuen Albumzyklus mit Namen „Fremder“.
Das alte ist abgeschlossen, das Werk über den Schwarzen Schmetterling machte ASP bekannt und beliebt über ganze elf Jahre hinweg. Mit der Veröffentlichung des gesamten Zyklus in Form eines Earbooks im Mai 2011 war der endgültige Schlusspunkt unter diese Schaffenszeit gesetzt worden. Diese Einschnitte und auch bandinternen Veränderungen waren offenbar nötig nach ASP, denn die Geschichte um den Schmetterling war zu Ende erzählt, aber die Geschichten gehen weiter und auch der Autor bleibt derselbe.  Für die Band waren die internen Veränderungen schmerzhaft aber zugleich auch positiv, denn es war nicht mehr nur fünf vor zwölf, sondern 30 Sekunden vor dem Weltuntergang im Bandkosmos. Diese Erkenntnis führte dazu, dass ASP um jeden Preis sein Kind retten wollte und neue Energie fand für neue Taten. Dabei hat Alexander Spreng selbst lange Zeit an das Aufhören gedacht, der Akku war einfach leer, und so kamen ihm Zweifel und Sinnkrisen ob und wie es mit ASP weitergeht. Dann 2010 die Aussage, dass es mit einigen Veränderungen das Geschäftliche betreffend weitergehen wird, machte Hoffnung, dass nun die Probleme überwunden sind.  Im Frühjahr folgte dann der Dämpfer, nachdem Matthias Ambré seinen Ausstieg verkündete.
Man merkt also, die Vergangenheit war nicht einfach und ASP schaut lieber in die Zukunft in der nun auch bald schon der Startschuss für den „Fremder“ Zyklus gelegt ist. Laut dem Sänger steckt in den neuen Songs nichts mehr aus den Tagen von Matze Ambré, was daran liegen dürfte, dass die Konzepte bisher immer von ihm allein stammten und in dem Stadium, wo ein Produzent sich hätte kümmern müssen, war nichts davon. ASP verspricht vom neuen Zyklus, dass die fünfköpfige Band sehr viel mehr nach live klingen wird in den neuen Stücken und die Konserve ausgedünnt wurde. Allen Stücken sei eine große Melancholie und Dunkelheit inne, was vermutlich einfach den Vorlieben des Autors verschuldet sein wird.
Einen ersten Vorgeschmack bekommen die Fans mit der Single „Wechselbalg“ und diese macht die Versprechungen von ASP in der Tat wahr. Frisch und druckvoll und zugleich ausdrucksstark erklingen die Stücke auf der Single und machen Laune ASP schon bald wieder in der musikalischen Showlandschaft zu erleben. Der Titeltrack ist eine Gothic – Rock -  Hymne „Wechselbalg“ und wird vom düster gewaltigen Song „Angstkathedrale“ abgelöst. Gecovert wurde der folgende Song „Bald Anders“ und als Abschluss hören wir eine Unplugged – Version des Klassikers „Dancing“. Die ersten Beiden Stücke sind bereits dem neuen Album zuzuordnen thematisch, während „Wechselbalg“ gewissermaßen den Vorgeschmack bietet, wird „Angstkathedrale“ auf dem Album in einer anderen Version enthalten sein. Das Cover „Bald Anders“ stammt von der mittelalterlichen Rock – Gruppe Ougenweide, für die ASP seit Jahren eine Vorliebe pflegt.  Der Text passt gut zu den aktuellen Bandgeschehnissen und macht Mut. Interessanterweise ist es auch der Lieblingssong des nun neuen Produzenten von ASP, keine unbekannte Szenegröße – Lutz Demmler. ASP und er merkten sehr schnell, dass sie verblüffend ähnliche musikalische Parallelen hatten und so wurde er kurzerhand neuer Produzent. Auch „Dancing“ bildet etwas besonderes, meint man im ersten Mal ihn schon zig-mal gehört zu haben, so stammt dieses Stück von der ersten ASP  CD und findet sich hier in einer Aufnahme wieder, die vor der Bandgründung angefertigt wurde. ASP entdeckte sie beim wühlen in altem Material während seiner Sinnsuche mit der Band weiterzumachen, und mag sie auch mehr nostalgischen Wert haben, so wollte er diese mit den Fans teilen.
Schon im Oktober wird dann der Vorhang geöffnet um ein neues „Varieté Obscure“ zu betreten und man darf gespannt sein, ob denn der erste Teil des „Fremder“ Zyklus einem nicht dennoch vertraut vorkommt! Ich werde aufmerksam den Klängen aus der Tiefe lauschen und berichten!

(Maximilian Nitzschke)

IKON - Flowers For The Gathering (Re-Release)


Erstveröffentlichung: Doppel-CD 2011 / Echozone / Neo-Sony Music / EZ11C596

Weiter geht es in der Reihe der Wiederveröffentlichungen von Australiens erfolgreichster Gothic-Wave-Band IKON. Nach 20 Jahren Bandgeschichte ist ein innehalten und rückblicken durchaus okay, vor allem, wenn man als Band die ganze Zeit so präsent war und regelmäßig veröffentlicht hat.
„Flowers For The Gathering“ war 1996 das dritte Album von Chris McCarter und seinen wechselnden Mitstreitern und hat das Standing der Gruppe weltweit gefestigt. Spätestens mit diesem Album, damals noch in Europa auf Apollyon veröffentlicht, waren IKON eine feste Größe in der weltweiten Gothic-Szene und das zu Recht.
15 Jahre nach erscheinen gibt es nun in Europa bei Echozone und in Australien auf dem bandeigenen Nile Records-Label schön remasterte und erweiterte Fassungen. Die europäische Fassung kommt dabei als Doppel-CD mit dem kompletten Original-Album im dezent überarbeitetem Sound und einer Bonus-CD voller Remixe und unveröffentlichter Tracks. Die australische Fassung enthält zudem eine weitere CD mit Demoaufnahmen und eine DVD mit Live-, Proberaum- und Behind The Scenes-Material.
Beim Artwork hat man sich weitgehend am Original orientiert, was auch gut so ist.
Musikalisch gibt es natürlich auch keine größeren Überraschungen, man kennt IKON eben lange genug. Schöner Wave-Sound, der mal in Richtung Gothic geht, Einflüsse von Echo And The Bunnymen, The Cure und Joy Division zeigt, aber auch oft an die älteren Death In June erinnert und von der Atmosphäre gerne auch mal alte Clan Of Xymox zitiert. 1996 waren noch nicht so viele elektronische Elemente zu hören, außer dezenter Streicher-Synthies. Lediglich bei den Remixen wurde etwas mehr experimentiert.
IKON liefern das ab, was sie immer am besten konnten, schön wavigen Sound, der den Geist der 80er Jahre verströmt, aber auch heute nicht altmodisch klingt, sondern einfach schön anzuhören ist. Auch für Fans von Bands wie The Frozen Autumn oder The Hall Of Souls geeignet. (A.P.)

Webadresse der Band: www.echozone.de

XYKOGEN - Carnevale


Erstveröffentlichung: Download 2011 / Line Out Records / Linedown6

Ich kann mich an das letzte XYKOGEN-Album „Musica Universalis“ erinnern, das einige gute Ideen hatte, insgesamt aber doch etwas unausgegoren klang. Musikalisch bewegte man sich auf Industrial-Pfaden, die recht vielseitig umgesetzt wurden. Im Frühjahr 2011 ist nun das neu Album des Projekts erschienen, das kostenlos runtergeladen werden kann. Mir liegt eine CD vor, die man wahrscheinlich auch käuflich erwerben kann, wenn man Downloads genauso wenig mag, wie ich.
Klangtechnisch hat sich einiges verändert, wobei ich nicht weiß, welchen Stil man vor „Musica Universalis“ zu hören bekommen hat, vielleicht war ja gerade auch das letzte Album der Ausreißer? Auf „Carnevale“ gibt es jedenfalls sehr gut produzierte und extrem treibende Electrobeats zu hören, die nur gelegentlich in Industrial-Gefilde vordringen, stattdessen aber deutliche Breakbeat-Einflüsse verraten. Das Ganze vermischt mit einer ordentlichen Portion Old-School-Electro/EBM und ziemlich viel Dark Wave. Dazu hin und wieder typische Crossover-Gitarren und tatsächlich auch mal ein paar Hip Hop-Anklänge. Leider entsteht aus dieser Vielseitigkeit kein eigener XYKOGEN-Stil und ich komme nicht umhin, wieder zu schreiben, dass das Album nicht so richtig fertig wirkt. Seit den 90er Jahren hat man solche Mixturen allzu oft geboten bekommen und nur selten kam etwas dauerhaft Hörenswertes dabei heraus. „Carnevale“ hätte in der zweiten Hälfte der 90er gut auf Labels wie Zoth Ommog, Machinery oder Cop International gepasst. Sicher gibt es noch viele Leute, die diesen Stil mögen, zumal die Produktion hervorragend und vor allem auch clubtauglich ist. Zudem ist natürlich das Konzept, die Musik kostenlos zugänglich zu machen sehr lobenswert. Zu jedem Track gibt es auf You Tube auch einen passenden Videoclip. (A.P.)

Webadresse der Band: www.lineoutrecords.com

DIE DORKS - Servus, Gruezi & K.O.


Erstveröffentlichung: CD 2011 / SN-Punk / New Music Distribution / SNP011CD

Ich habe die deutsche Punk-Szene in den vergangenen Jahren kaum verfolgt, habe aber auch nicht das Gefühl, dass sich da irgendwas wirklich Bemerkenswertes getan hat, das hätte ich wohl schon noch mitbekommen. Lebendig ist die Szene aber trotzdem, das ist keine Frage. Bands kommen immer nach und liefern oft auch solides Material ab. Aber die Zeiten der frühen Kohl-Regierung Anfang der 80er und nach dem Mauerfall sind halt vorbei und über Punks regt sich nicht mal mehr die BILD auf. Da ist es schwer, als Band noch in Wespennester zu stoßen.
Ein paar Jahre gibt es schon DIE DORKS, die aus dem tiefsten Bayern kommen, was sie in ihrer Musik und ihren Texten auch deutlich hervorheben. Sängerin Lizal hat eine schön raue Stimme und vor allem einen deutlichen bayerischen Akzent. Das ist nicht schlimm, passt für meinen Geschmack aber nicht so richtig zum Punk-Rock, was jetzt aber gar nicht negativ gemeint ist, sondern einfach Geschmackssache. Zwischen Punk-Rock, Deutsch-Punk und Fun-Punk (wie auch ganz richtig im Info steht) brettert das Quartett ordentlich los, teilweise so schnell und schepperig, das die Sängerin kaum hinterher kommt (in „Pils Oder Korn“). Textlich geht es hauptsächlich ums Saufen, Ficken, Bullen und ums Rumprollen. Songtitel wie „Wenn Mein Schließmuskel Versagt“, „Pils Oder Korn“, „Zivilbullentango“, „Punker Stinken Gut“, „Weil Ich’n Assi Bin“ (ein Lucilectric-Cover, was aber nirgendwo erwähnt wird, weitere nicht erwähnte Coverversionen sind „Alfred“ von Herman van Veen und „Servus Gruezi Und K.O.“ ), „Plauze“, „Fäkalparanoia“ und ähnliche sagen eigentlich, in welche Richtung es geht. Nur: das machen Eisenpimmel und Die Kassierer überzeugender. Hübsch wird es dann, wenn eigene Ideen in die Songs eingebaut werden, so ein Xylophon in „Fäkalparanoia“, was dem sonst normalen Punk-Rock eine witzige Note verleiht.
Musikalisch ist das alles solide, mit den Texten kann ich irgendwie aber nicht so viel anfangen. Immerhin ist es purer Punk-Rock ohne nervende Metal-Anklänge und die Band positioniert sich klar gegen braunes Pack und Unpolitisch-Scheiß. Dazu gibt es ein wirklich schickes Booklet, aber muss man wirklich als Kontaktinformation reinschreiben „wer uns anpissen will, kann sich gerne an die Dorks persönlich wenden“? Würde mich wirklich interessieren, ob die Bandmitglieder das immer noch lustig finden, wenn das mal Konzertbesucher wörtlich nehmen. Dann ist das Gejammer sicher groß.
Als CD heutzutage nicht mehr so mein Ding, aber ich bin sehr sicher, dass man mit den DORKS live viel Spaß haben dürfte. Da die 14 Songs in weniger als einer halben Stunde runtergekloppt werden, wird es aber auch nicht langweilig. (A.P.)

Webadresse der Band: www.diedorks.de

EMILS - Fight Together For...

Wiederveröffentlichung: CD 2011 / Teenage Rebel Records / Cargo Records / TR CD 134
Erstveröffentlichung: LP 1988 / We Bite Records

Hamburg hatte schon immer in der deutschen Punk-Szene eine gewisse Ausnahmestellung. Mit Bands wie Slime, Razzia, den Goldenen Zitronen und zahlreichen Jens Rachut-Bands hob sich die Hansestadt immer wohltuend vom durchschnittlichen Deutsch-Punk ab oder setzte sogar Stil prägende Zeichen. Die große Zeit des deutschen Punk waren natürlich auch in Hamburg die 80er Jahre und zu den Klassikern zählt sicher das erste Album „Fight Together For…“ von den EMILS aus dem Jahr 1988. Trotz des Bandnamens (wer’s nicht selbst bemerkt: mal rückwärts lesen!) und des Schriftzuges, hatte die Gruppe personell nichts mit Slime zu tun. Sicher kannte man sich und die Anspielungen sind natürlich kein Zufall.
Nach weit über 20 Jahren hat sich nun Teenage Rebel Records dieser Scheibe angenommen und sie in remasterter Form auf CD wieder veröffentlicht. In Zeiten, wo jede Proberaumband problemlos eine CD raus bringen kann und es dabei auf die Qualität gar nicht ankommt, ist es schön mal wieder solchen Alte-Schule-Kram zu hören, als noch nicht jede Woche zig Platten erschienen und man sich wirklich gefreut hat, wenn man in Hamburg bei Michelle Records was Neues entdeckt hat. Zu hören gibt es harten, treibenden Sound, der bereits früh einige Metal-Elemente mit eingebaut hat, allerdings noch eher dezent und nicht so prominent, wie es heute viele Gruppen machen. Dazu eine ordentliche Portion Ami-Hardcore, der damals noch nicht so weit vom Punk entfernt war, wie später. Die Musik ist noch ganz klar dem Punk-Rock zuzuordnen und bewegt sich irgendwo zwischen Vorkriegsjugend, Angeschissen und Rawside. Vom schlichten Deutsch-Punk á la Normahl oder Daily Terror ist man zum Glück weit entfernt (wobei gegen deren Musik ja auch nichts einzuwenden ist). Textlich bezieht man klar Stellung gegen Staat, Nazis, Kirche und Fehlentwicklungen in der eigenen Punk-Szene (hätten die damals mal geahnt, wie sich das bis heute weiter entwickelt…). Dabei werden allzu plakative Parolen aber vermieden, stattdessen könnte man die deutschsprachigen Texte irgendwo zwischen der dritten Slime-LP und den ersten Razzia-Platten ansiedeln, also alles andere als dumm, aber auch ohne erhobenen Zeigefinger. Um es mal etwas plump auf den Punkt zu bringen: die EMILS waren absolut glaubwürdig und zwar zu einer Zeit, als dieser Begriff noch nicht zu einem Klischee geworden war. Ich gebe zu, diese Kritik ist stark durch persönliche Erfahrungen geprägt, als Hamburger und als „alter Sack“. 1988 schien Punk noch etwas zu bedeuten, provozierte noch die Öffentlichkeit und hatte die Botschaft von persönlicher Freiheit (Kampf um die Hafenstraße zum Beispiel). Ob die heutige Punk-Szene mit diesem Album noch etwas anfangen kann, mag ich kaum beurteilen, ein reinhören lohnt sich aber allemal. Und als Bindeglied zwischen dem Früh 80er- und Früh 90er-Punk in Deutschland ist „Fight Together For…“ ein aufregendes Zeitdokument. Und das nicht nur für Hamburger.
Die CD liefert das komplette 1988er Album inklusive der beiden Bonustracks der 1990er CD-Version. Dazu ist das 1987er 5-track-Demotape, mit dem die Band erstmals in Erscheinung getreten ist, als Bonus dabei. Das fette Booklet enthält eine ausführliche Bandgeschichte bis zur ersten Trennung 1998, viel altes Bildmaterial und die Texte. Rundum eine gelungene Wiederveröffentlichung also, wie bei Teenage Rebel Records üblich zu einem sehr fairen Preis. (A.P.)

Webadresse der Band: www.teenagerebel.de

THE SHOCK PROJECT - Charly (EP)


Erstveröffentlichung: Download 2011 / AF Music / afm117

Nach dem 2009er Vorgeschmack „Charly“ als Download-Single, liefert das deutsche SHOCK PROJECT 2011 eine weitere 3-Track Single ab, die ebenfalls über AF Music als Download erscheint. Natürlich ist die Anti-Drogen-Hymne „Charly“ noch einmal dabei, ein sehr guter Song zwischen Gitarren-Wave und Indie-Rock. Neu hingegen ist „Selfishness“, ebenfalls ganz klar dem Wave-Genre entsprungen, aber etwas seicht abgemischt. Klingt ein bisschen wie eine Schulband-Version von Interpol und für meinen Geschmack zu glatt geraten. Hier würden mich tatsächlich mal ein paar Remixe interessieren, auch wenn ich davon sonst nicht so ein Fan bin. Ganz und gar das Richtige für mich ist schließlich „Your Virtues“, ein lupenreiner Gitarren-Wave Songs, der an beste Sad Lovers And Giants-Zeiten erinnert oder auch an The Convent und The Essence. Von den Anfängen als Cure-Coverband in der Vorgänger-Formation Curious hat man sich längst gelöst und klingt richtig ausgereift. Spieltechnisch und beim Songwriting ist die Gruppe, ich mag das böse Wort kaum schreiben, erwachsen geworden. Schöne Single, die hoffentlich nicht nur unter Alt-Wavern Beachtung findet. (A.P.)

Webadresse der Band: www.af-music.de

PANS PARK - Tage Wie Diese


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Busch Alternate Sound / Radar / 280511-001

Hui, was ist das denn? Ein Bandname wie von einer 70er Jahre Fantasy-Rock-Band, ein CD-Cover, das eher elektronische Musik erwarten lässt und ein Bandfoto im Booklet wie frisch aus dem Hell’s Angels-Katalog. Dazu deutschsprachige Betroffenheits-Texte, wie die meisten Deutsch-Rocker sie nicht „anspruchsvoller“ hinbekommen könnten und eine Männerstimme, die zwischen Betroffenheits-Rocker und „harter“ Metal-Shouter zu finden ist. Bei einem Song singt auch noch die „Terrormieze Alexa“ mit, was sich aber eher noch dem Treffpunkt zwischen Schlager und Gothic-Metal anhört.
Und die Musik? Ziemlich fett produzierter und technisch sauber gespielter Hard-Rock, vielleicht auch ein bisschen Biker- /Stoner-Rock. Sorry, aber das braucht kein Mensch. Hier haben sich offenbar ein paar mitten im Berufsleben stehende reifere Herren zusammengetan, um nach Feierabend noch mal ein Gefühl von „Freiheit“ zu zelebrieren – bei der Buchung von Konzerten stehen Ehefrau und Kinder aber im Vordergrund, wenn es um die Terminierung geht. Textlich nicht ganz so schlimm wie christliche Rockbands, würde auf Kirchentags-Konzerten aber sicher auch gut bei Teestuben-Jugendlichen ankommen, die einmal richtig abrocken wollen und die Scorpions immer noch für eine harte Band halten. Sicher ist dies eine unfaire und von Nichtwissen geprägte Besprechung, aber: na und? (A.P.)

Webadresse der Band: www.pans-park.de

HEIMATGLüCK - Spass Allein Genügt Nicht Mehr


Erstveröffentlichung: LP 2011 / Campary Records-Teenage Rebel Records / Cargo Records / CR 062 - TR 133

HEIMATGLÜCK gibt es nun auch schon rund 15 Jahre und das Hamburger Trio war schon immer die etwas andere Punkband. Ich habe erstmals etwa 1997 von ihnen gehört, ich glaube sogar, sie damals live gesehen, auf jeden Fall habe ich ihre erste Split 7“ mit den unvergleichlichen Pankzerkroiza Polpotkin gekauft und auch einige der danach circa alle zwei Jahre erschienenen Platten besorgt.
In Zusammenarbeit mit den beiden sympathischen Labels Teenage Rebel Records und Campary Records erscheint nun 2011 das zweite komplette Album der Band, zunächst ganz konsequent nur auf Vinyl.
Und wie man es nicht anders erwarten konnte, legen die drei Hamburger wieder ein außergewöhnliches Album vor. Hamburger Punk-Bands haben ja schon immer eine ganz eigene Note gehabt, man denke an die großen Razzia oder …But Alive, und genau in diese Kerbe schlagen auch HEIMATGLÜCK mit „Spass Allein Genügt Nicht Mehr“, eine klare Anspielung auf das Debütalbum der Deutsch-Punker Hass. Punk gibt es bei HEIMATGLÜCK allerdings gar nicht mehr so viel zu hören. Der Geist ist noch vorhanden mit einer glaubwürdigen „wir machen, was wir wollen“-Attitüde und einer rotzigen Grundeinstellung. Und ich bin sicher, dass die Band kein Problem damit hat, wenn man ihre Musik heute Pop nennt, denn es ist natürlich nicht die Art von Pop, wie schlechte Format-Radiosender ihn abdudeln. Stattdessen muss ich immer wieder an Bands wie Tomte, Kettcar und hin und wieder sogar an Fehlfarben denken, allerdings auf eine weitaus undergroundigere Art und Weise. Ein paar alte NDW-Bands wie Ideal oder Neonbabies haben die Drei sicher auch schon mal gehört. Besser als derzeit so angesagte Deutsch-Pop-Bands wie Luxuslärm, Jennifer Rostock und die unsäglichen Frida Gold sind HEIMATGLÜCK allemal. Mit der entsprechenden Promotion könnte die Band sicher problemlos in die Riege vorstoßen, aber ich glaube, das will sie gar nicht. Stattdessen steht sie in einer Reihe mit sympathischen Bands wie Biestig, Porno Pony oder den leider schnell wieder vergessenen Etwas.
Hits gibt es viele auf diesem Album, alle absolut eingängig, Ausfälle findet man hingegen überhaupt keine. Mein persönlicher Anspieltipp (wegen der tollen Gitarren!) ist „Badewanne“. Tolle Deutsch-Punk-Pop-Platte, die der Band sicher eine ganze Menge Aufmerksamkeit bringt. (A.P.)

Webadresse der Band: heimatglueck.de/

THE KNUTZ - Ghost Dance Party

Wiederveröffentlichung: Download 2011 / AF Music / afm137
Erstveröffentlichung: CD 2011 / AF Music / TS-Musix

Über Brasilien als Musikland für die schwarze Szene ist in Europa wenig bekannt. Und doch scheint das südamerikanische Land eine ganze Menge zu bieten. Abgesehen davon, dass Punk in Südamerika schon sehr lange eine feste Größe ist, gab es auch bereits in den 90er Jahren eine recht lebendige Dark Wave- und Electro-Szene (Cri Du Chat-Label) und auch vereinzelte Gothic Rock-Bands sind hierzulande mal aufgetaucht, so Crucifix Nocturnal Christians aus Argentinien.
Mit THE KNUTZ hat das Web-Label AF Music nun eine weitere Band nach Deutschland geholt, die sich einen Namen machen möchte. Das Quartett liefert dabei ein beachtliches Debütalbum ab, das sich aus allen möglichen (dunklen) Musikstilen der vergangenen gut 30 Jahre bedient, dabei aber noch nicht ganz einen eigenen Stil gefunden hat. So klingt fast jeder Song anders und es fallen einem beim Anhören meistens sehr eindeutige Vergleiche ein. Das geht von Gothic Rock und Gitarren Wave über Synthie Pop und Dark Wave bis hin zu Death Rock, Indie Rock, Alternative Rock und natürlich Punk. Das ist einerseits natürlich sehr erfreulich, wenn junge Musiker sich so über die alten Helden der Musikgeschichte freuen und ich könnte mir vorstellen, dass die brasilianische Szene weniger zersplittert ist, als die europäische, so dass man problemlos verschiedene Musikstile hören kann, ohne schief angeguckt zu werden. Das war hier in den 80er Jahren auch mal so. Ich fürchte aber, in Europa wird die Band es da schwerer haben.
Mir persönlich gefallen fast alle Songs recht gut und sie brauchen sich auch keineswegs hinter der international „größeren“ Konkurrenz verstecken. Am besten finde ich aber die etwas „schwereren“ Gothic Rock- und Death Rock-Songs.
Zum Kennenlernen ist die Download-Veröffentlichung von AF Music hervorragend geeignet, man kann aber bei den einschlägigen Online-Shops auch eine CD-Version erwerben.. Interessant wäre es aber auf jeden Fall, die Band auch mal live zu erleben und dann natürlich das nächste Album, das dann zeigen muss, ob die Band sich ihren eigenen Stil erarbeitet. Würde mich freuen, wieder von THE KNUTZ zu hören. (A.P.)

Webadresse der Band: www.af-music.de

NIEDOWIERZANIE - Attendre


Erstveröffentlichung: LP 2011 / Reue um Reue / T.u.T./R.u.R. / R.u.R.021

Nach längerer Zeit erscheint wiederum bei Reue Um Reue das zweite Album des berlinerisch-französischen Projektes NIEDOWIERZANIE. War die erste LP noch oftmals von Coil beeinflusst, so ist dieser Vergleich jetzt zwar nicht hinfällig, aber insgesamt bekommt man etwas leichter zugängliche Musik zu hören, die sich hier und da schon fast an gängige Musikstrukturen anlehnt. Dezente Rhythmen, mächtige Orgelklänge, das alles aber sehr zurückhaltend produziert und unaufgeregt. Das ist fast eine Art Düster-Easy-Listening, mit einer Attitüde, die irgendwie jazzig erscheint, ohne das die Musik an sich irgendwas mit Jazz zu tun hätte. Eher schon mit einer Art Lounge-Musik, die zum Ende der Nacht hin in einer sich leerenden Bar für die letzten Gäste gespielt wird. Ein letzter Drink, Verabschiedungen ohne Worte und dann das Entschwinden in den sich mit leichtem Nebel ankündigenden Morgen. So bildhaft, wie diese Beschreibungen sind, erscheint auch die Musik. Wenn zu den musikalischen Klängen hin und wieder auch Geräusche zu hören sind, erinnert das fast ein bisschen an manche Sachen von Test Dept., allerdings keinesfalls an die frühen krachigen und noch weniger an die späteren elektronischen. Mir kommt das fantastische Album „Terra Firma“ in den Sinn, auch, wenn es eher die Atmosphäre als die konkreten Klänge trifft. Man könnte jetzt denken, dass hier wie so oft bei Reue um Reue eine sehr ambiente Platte entstanden ist, aber das ist nur in wenigen Momenten der Fall. Eher schon ließe sich der Vergleich zu einem Filmsoundtrack ziehen. Kann man sich nicht das letzte Stück der A-Seite perfekt in Derek Jarmans „Blue“ vorstellen? Hier und a kommt es mir auch so vor, als wenn jeden Moment die berühmten bulgarischen Frauenchöre Le Mystere Des Voix Bulgares einsetzen würden, ja ein leichter osteuropäischer Einfluss scheint manchmal durchzuklingen. Alles in allem also ein angenehm unspektakuläres aber trotzdem spannendes Album, das vollkommen ohne irgendwelche vordergründigen Effekte auskommt. Die Platte ist auf 198 Exemplare limitiert und kommt in einem Cover, das nun wirklich überhaupt nicht darauf schließen lässt, welche Musik auf den Hörer wartet. (A.P.)

Webadresse der Band: www.tutrur.com

NINE CIRCLES - Live Queekhoven 1982


Erstveröffentlichung: CD-R 2011 / Eigenveröffentlichung

Nach dem Wiederauftauchen des Früh-80er-Minimal-Wave-Projektes NINE CIRCLES, das durch die Songs auf dem ersten “Radionome”-Sampler mehr als nur Kultstatus inne hat, mangelte es der Sängerin Lidia sicher nicht an Angeboten von den einschlägigen Labels für die offizielle Veröffentlichung von altem Bandmaterial. Abgesehen von der „New Era“-Single auf F.K.K.-Musik, zwei sehr gute neue Songs, hat sich aber noch nichts getan, sei es, weil da nur Leute vom Status der Band profitieren wollten oder weil einfach die Bedingungen nicht stimmten. So hat Lidia zunächst einmal konsequent selber was auf die Beine gestellt, nämlich vorliegende CD-R. Mir gefällt das gut, denn irgendwie ist das eine sehr persönliche Sache, die zudem noch zu einem fairen Preis angeboten wird. Und diese CD-R ist ja auch kein Grund, warum nicht trotzdem später noch größere Vinyl- oder CD-Veröffentlichungen folgen können. In erster Linie ist diese CD-R erschienen, um den Fans auf den Konzerten etwas anbieten zu können.
Statt aber nur die alte (halb-)offizielle CD aus den 90er Jahren wieder zu veröffentlichen, wurde hier ein kurzes Radio-Live-Konzert ausgegraben, das in ordentlicher Soundqualität den Stil der Band von 1982 perfekt widerspiegelt. Dazu gibt es, als „Bonus“ betitelt, neun Studioaufnahmen, die sich aber auch nur durch die Hits „Twinkling Stars“ und „What’s There Left“ mit der alten CD überschneiden. Das Archiv scheint also einiges herzugeben, was ich wundervoll finde, denn NINE CIRCLES sind für mich eine der Bands, die ich jemandem vorspielen würde, wenn er wissen wollte, was Minimal-Electro eigentlich ist.
Sehr minimalistisch, schön wavig und einfach perfekt in den Zeitgeist von 1980/82 passend.
Mit ziemlicher Sicherheit wird diese CD-R mal ein Sammlerstück sein, in jede Minimal-Electro-Wave-Sammlung gehört sie sowieso. (A.P.)

Webadresse der Band: www.minimal-elektronik.de/ninecircles

DR. ARTHUR KRAUSE - Solutions


Erstveröffentlichung: CD 2010 / M & A MusicArts / Echozone / MACDL973

DR. ARTHUR KRAUSE wäre für eine deutsche Band wohl ein etwas merkwürdiger Name, für eine schwedische aber vielleicht nicht, weil ich keine Ahnung habe, wie der Name für die Skandinavier klingt. Nun ist die Band schon eine ganze Weile in der Gothic-Szene unterwegs und konnte sich seit der ersten CD 2004 bis heute mit einigen weiteren Veröffentlichungen einen guten Namen machen.
„Solutions“ ist mein erster größerer Kontakt mit der Band, von der ich bisher nur den Namen kannte. Da ich aber zum einen das schwedische Label M & A MusicArts schon in den 90er Jahren gerne mochte und zudem auch auf guten alten Gothic-Rock stehe, war ich sehr gespannt auf das Album und wurde nicht enttäuscht. Diese Art von Gothic-Rock, der einerseits deutlich von den Sisters Of Mercy inspiriert ist und auf der anderen Seite jede Menge Bands aus den 90ern zitiert, gibt es heutzutage kaum noch zu hören. Das Ganze kommt wie eine Mischung aus Früh-90er-Brit-Goth (Vengeful Widows, Children On Stun..) und deutschen Bands wie The Merry Thoughts, Garden Of Delight, The House Of Usher und vielen anderen Gruppen der damaligen Hochphase dieses Stils daher. Das ist zwar nicht innovativ und leider auch nicht besonders angesagt in der heutigen schwarzen Szene, macht aber Spaß und weckt eine Menge nostalgische Gefühle bei Leuten, die die 30 schon weit hinter sich gelassen haben. Der Tribut an die großen Bands der Vergangenheit ist teilweise übermächtig, aber alles andere als peinlich, sondern als klare Verneigung vor den Vorbildern zu sehen. So ist heißt DR. ARTHUR KRAUSEs „Marian“ hier „Mariah“ und „Under Silver Moon“ könnte die Coverversion eines auf „Disintegration“ von The Cure nicht veröffentlichten Songs sein. „Torture“ hätte, wäre der Song in den 80er Jahren veröffentlicht worden, ein echter Klassiker des Genres werden können. „Funeral Drum“ schließlich ist einer der düsteren Hits des Albums, der auch gut auf „Gift“ von The Sisterhood gepasst hätte.
Auch beim Artwork hat man sich recht deutlich vom Merciful Release-Label inspirieren lassen.
Ich finde „Solutions“ toll, obwohl es nichts Neues abliefert. Aber man merkt, dass da Leute am Werk sind, die hinter dem stehen, was sie machen, denn wenn sie aus kommerziellen Gründen Musik machten, würden sie mit Sicherheit was ganz anderes spielen. Old-School-Gothic-Rock, der vom modernen Cyber-Goth und Dark Wave so weit entfernt ist, wie Dieter Bohlen von Napalm Death. (A.P.)

Webadresse der Band: www.drarthurkrause.se

THE SEARCH - For Connection Contact And Community

Wiederveröffentlichung: Download 2011 / AF Music / afm139
Erstveröffentlichung: CD 2011 / Danse Macabre / Al!ve

THE SEARCH kommen aus Schweden, existieren schon über 10Jahre und veröffentlichen seit 2004 in regelmäßigen Abständen Platten. Das 2008er Album „Saturnine Songs“ bot schönen Gitarren-Wave im Stile der großen Bands der 80er Jahre und ist so ein „kann man immer hören“-Album, das man immer mal wieder gerne auflegt. „The Search For Connection Contact And Community“ zeigt nun die Entwicklung, die die Schweden in den letzten Jahren genommen haben. Die Ursprünge sind die gleichen geblieben, aber insgesamt ist es weniger dunkel, weniger wavig und dafür poppiger geworden. Dabei aber immer noch melancholisch und mit dem richtigen Händchen für eingängige Melodien. Dabei verzichtet die Gruppe zum Glück auf jeden Schnick Schnack, sondern präsentiert einfach gute Songs, die in ihrer Schlichtheit fast schon etwas von Singer-Songwriter-Pop haben. Erinnert mich hier und da an die späteren Sachen von Tears For Fears oder an die ebenfalls aus Schweden stammenden Daffodils. Das heißt allerdings auch, dass für meinen Geschmack ein bisschen zu glatt und seicht produziert wurde, vor allem der Gesang bietet keinerlei Ecken und Kanten.
Am besten ist die Band, wenn ein paar The Cure-Einflüsse und ein leichter New Order-Bass durchklingen, wie zum Beispiel in „Jet“. Das schlichte Cover-Artwork passt zum Album ist sehr schön. Fans von Factory Records ahnen, was ich meine, oder?
THE SEARCH sind alles andere als spektakulär, aber wer will schon immer spektakuläre Musik hören? Ich brauche auch immer mal Alben, die man einfach als Hintergrundmusik hören kann, ohne, dass es sich um schlechten Format-Radio-Müll handelt. THE SEARCH liefern genau das im besten Sinne ab. (A.P.)

Webadresse der Band: www.af-music.de

HUSTLABALL BERLIN 2011 - Hustlaball Berlin 2011


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011 / Hustlaball Berlin

HUSTLABALL 2001 – BERLIN IST SEXY!
20. Oktober 2011 – 24.10.2011 in Berlin


Endlich ist es soweit und mit dem 20. Oktober startet das Gay Erotik Event Berlins der „Hustlaball Circuit Weekend“ anlässlich der Verleihung des schwulen Pornofilmawards.
Mittlerweile als feste Größe in der schwullesbischen Community und im Partykalender der Stadt integriert, weist auch in diesem Jahr das dreizigseitige Programmheft mit echten Highlights auf.

Die Premiere des Hustlaballs begann 1998 in New York City, als Treffen von Mitgliedern der Plattform „rentboy.com“. Um mögliche Verwechslungen mit dem geistigen Kind von Larry Flynt zu vermeiden, schrieb man kurzerhand „Hustlaball“ darüber und bannte diese Gefahr in der Namensgebung. Im Jahre 2003 fand der erste Hustlaball dann auch in Berlin statt und etablierte sich mittlerweile unter der Marke „Hustlaball Berlin“ zur größten und auch erfolgreichsten Party der Veranstaltungsreihe. Pornostars wie Jeff Stryker, Chi Chi La Rue, und Filmfirmen wie Cazzo oder Falcon geben sich symbolisch die Klinke in die Hand und genießen die besondere Atmosphäre von Gelassenheit und prickelnder Erotik der Partys.

Seit etlichen Jahren prägt Berlin den Slogan „Arm aber sexy“ zu sein, bei kaum einer anderen Party in Berlin dürfte „sexy“ so zutreffen wie zum „Hustlaball Berlin“. Die Party vereint Erotik, sexuelle Freiheit, Spaß und gegenseitigen Respekt gekonnt. Vorurteile oder gar falsche Scham sind hier völlig fehl am Platze. Den Ausgangspunkt des fünftägigen Partymarathons bildet am Donnerstag dem 20. Oktober 2011 das „Welcome im Axel Hotel“ im Stadtteil Schöneberg, wo die Gäste Berlins sich mit einem Begrüßungscocktail akklimatisieren und locker kennenlernen können. Ab 23 Uhr öffnet dann die „Connection Tanzbar“ ihre Pforten um die ersten Tanz freudigen zur Party „Testosteron“ in Empfang zu nehmen.

Der Freitag der 21. Oktober bildet mit dem „Hustlaballaward im KitKatClub“ ab 20 Uhr das Highlight, denn es werden die unabhängigen europäischen Gay Porn Auszeichnungen verliehen und die Augen sicherlich mit einigen netten und sinnlichen Eindrücken überrascht. Man darf gespannt sein, welcher Pornostar wohl das Rennen um die begehrten Preise machen wird. Im Anschluss darf mit den nominierten und preisgekrönten Stars der Szene ausgelassen bis in den Morgen gefeiert werden zum „HustlaBall“ mit einigen der besten Live Djs vor Ort. Phil Romano aus Barcelona, Fabio White aus Amsterdam, Micky Friedmann aus Berlin, Chris Bekker aus Berlin, Alan Joe aus Rom und Mike Kelly aus Köln werden musikalisch die Stimmung anheizen. Zusätzlich wird es wie bereits 2010 einen Pop – Floor geben, wo man abgehen kann zu Pop Musik. Zudem ist für die prickelnd erotische Stimmung untereinander durch Live Shows einzelner Stars vor Ort, sowie den beliebten Indoor Play – Pool, und exklusive Spielwiesen gesorgt. Es gibt einen exklusiven Vip Bereich für Gäste mit Vip Tickets und zudem auch Kunstausstellungen in der Chill Out Area.

Am Samstag dem 22. Oktober geht es in der Malzfabrik ab 23 Uhr mit der Party weiter, denn zum nunmehr zweiten Mal findet „Salvation – The Greatest Party in Berlin“ statt. Nach dem großen Erfolg im vergangenen Jahr werden auch diesmal phantastisches mit den heißesten Gogo – Tänzern Europas gezeigt und zudem musikalisch durch die angesagten DDDDDDJsManson aus Brüssel, Seed Ali aus Moskau und Edu de la Torre aus Berlin eingeheizt. Als besonderer Live Act konnte die beeindruckende Stimme von „Peyton“ gewonnen werden.

Jedoch jeder Party Marathon hat auch einmal ein Ende und dieser findet dieses Jahr in von vornherein schon heißer Atmosphäre statt, in einer schwulen Sauna nämlich. Aufgrund der Neueröffnung der Sauna „Apollo Splash Club“ nach dem Umbau gibt es am Sonntag ab 16 Uhr mit „Extasy meets Apollo Splash Club“ volles Programm. Nicht nur die Trockensauna, die Dampfsauna, Schaumbereiche, Whirlpools und Darkrooms werden für anregendes miteinander sorgen, sondern auch die beste Musik wird das gegenseitige kennenlernen auf der Tanzfläche noch erleichtern, denn garantiert bleibt hier kein Saunagast allein! Um Mitternacht wird dann die Party und damit der Hustlaball vorbei sein, und so kann man befriedigt in den Montag entlassen werden!
Hustlaball Berlin auf einen Blick:

20.Oktober 2011 20 – 23 Uhr „Welcome in Berlin“ @ Axel Hotel
23 Uhr „Testosteron“ @ Connection Tanzbar

21.Oktober 2011 20 – 23 Uhr „HustlaballAward“ @ KitKatClub
22 Uhr „9. Hustlaball“ @ KitKatClub "

22.Oktober 2011 23 Uhr „Salvation The Greatest Party in Berlin“ @ Malzfabrik

23.Oktober 2011 16 – 24 Uhr „Extasy meets Apollo Splash Club“ @Apollo Splash Club
(Maximilian Nitzschke)

CLAUDIA RUDEK - Claudia Rudek


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Finest Noise Releases / Radar

Es gibt wenige Musikstile, mit denen ich so gar nichts anfangen kann. Jazz gehört dazu, Metal zu 99,9 % auch, fast alles, was mit Soul oder Rhythm & Blues zu tun hat und irgendwie auch Singer/Songwriter-Folk-Pop. Da findet nur selten ein Song mein Wohlwollen. Nicht, weil die Musik nicht vielleicht ihre Qualitäten hätte, aber mir ist das meist einfach zu seichtes Gedudel, da können noch so gute Texte transportiert werden, wenn mich die Musik nicht packt, hat der oder die Musiker/in bei mir verloren.
Genau in dieses Schema passt die Deutsche CLAUDIA RUDEK. Mit spärlicher Instrumentierung, vor allem Akustikgitarre, trällert die junge Dame vor sich hin. Nichts, was man nicht in ähnlicher Form schon viele Male gehört hätte. Sicher, spielerisch und gesanglich gut und solide, aber für mein Gehör eben langweilig. Im Info zu dieser CD steht, dass RUDEK in ihrer Musikausbildung ein Querkopf war – schade, dass sie das offensichtlich kein bisschen beibehalten konnte. Unfreiwillig spiegelt das an sich edel gestaltete Artwork das wieder, was die Musik ausstrahlt: altmodische Atmosphäre. Wenn im Waschzettel steht, dass die Dame bei Konzerten schon mal dafür sorgt, dass Bier im Glas schal wird oder Zigaretten ungeraucht im Aschenbecher verglühen, so kann das natürlich daran liegen, dass die Zuhörer so gebannt den Klängen lauschen – oder aber daran, dass sie einfach eingeschlafen sind. Ich meine das gar nicht so böse, wie es hier jetzt wohl klingt, aber das ist einfach Musik für übrig gebliebene Hippies und Teestuben am Sonntagnachmittag in der Kirchengemeinde. Und das ist ein Umfeld, in dem ich mich einfach nicht bewege. Das ganze Album plätschert einfach recht belanglos vor sich hin. Kann man mögen, muss man aber nicht. Wenn’s schon ein Anspieltipp sein muss, dann der Song „Temptation“, der als einziger wenigstens ein bisschen heraussticht. (A.P.)

Webadresse der Band: www.claudia-rudek.de

DIE SYNTHETISCHE REPUBLIK - Faktor D

Wiederveröffentlichung: LP 2011 / WSDP / WSDP 117
Erstveröffentlichung: MC 1984 / P.A.P.

Wow, lange ist es her, dass Was Soll Das? Platten, dann umbenannt in WSDP, angefangen hat, Platten mit eigenwilliger Musik von alten Tapes in Mini-Auflagen zu veröffentlichen. Die Auflagen wuchsen, das Design wurde professioneller und irgendwann versiegte der Strom der Schallplatten. Vielleicht aus Zeitgründen, vielleicht, weil die Kosten nicht mehr rein kamen, vielleicht, weil einfach nicht mehr genug brauchbares Material aufzutreiben war…vielleicht aber auch, weil ein bisschen Ernüchterung bei dem Macher eintrat, denn seine Idee wurde von zahlreichen anderen Leuten kopiert. Plötzlich sprießten überall auf der Welt kleine Labels aus dem Boden, die das gleiche Konzept verfolgten.
Nach einer längeren Pause meldet sich WSDP zurück und es geht zurück zu den Wurzeln, was ich sehr begrüße. Die Platten erscheinen einmalig in einer 100er Auflage mit Siebdruck-Cover und kopiertem Beiblatt. Den Anfang macht das Projekt DIE SYNTHETISCHE REPUBLIK mit der LP „Faktor D“. Ursprünglich erschienen sind die sieben Tracks 1984 als Tape, das dann schnell in Vergessenheit geriet. Tja, und eine eingeschworene Sammlergemeinde hat nun die Gelegenheit, sieben Minimal-Perlen noch einmal zu Ohren zu bekommen. Mit kleinem Equipment und einem guten Händchen für Eingängigkeit, einer hörbaren Vorliebe für frühe Elektroniker der 70er Jahre, sowie einer Menge Unbekümmertheit und Experimentierwillen macht die Musik einfach Spaß. Das ist Tape-Kultur vom besten. Wie es damals gar nicht so unüblich war, sind die Texte teilweise sehr politisch, was ich gut finde, auch, wenn sie heute natürlich gar nicht mehr zeitgemäß sind. Mit „Der Böse Osten“ ist ein echter Knaller dabei, der sicher schnell zum echten Hit auf den Tanzflächen wird, wenn auch mit über 25 Jahren Verspätung.
Keine Frage, diese Platte erinnert gleich in doppelter Hinsicht an alte Zeiten, zum einen an die frühen 80er, als solche Musik völlig zwanglos und absolut unabhängig entstehen konnte und zum anderen an die besten Was Soll Das? Platten-Zeiten, in denen eben noch nicht jede Woche zig Platten mit minimal-elektronischer Musik auf den Markt geschmissen wurden und man sich auf jede einzelne Veröffentlichung wochenlang vorher freute. Heute muss man ja auswählen, was man überhaupt noch kauft, weil einfach zu viel erscheint und darunter auch viel Mittelmäßiges zu finden ist.
Wäre wirklich schön, wenn WSDP noch eine Weile weitermacht. (A.P.)

JESUS ON EXTASY - The Clock


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Farscape / Alive

Jesus on Extasy – The Clock

(VÖ: 07.10.2011 -Farscape Records/Alive)

Wenn man genau hinhört ist das neue Album von Jesus on Extasy „The Clock“ eine logische Fortentwicklung des vor kaum einem Jahr erschienenen Vorgängers „No Gods“. Dennoch ist bei den Electro Rockern aus dem Ruhrgebiet nichts mehr wie es einmal war, denn eine komplett andere Band stellt sich einem vor, ohne ihren einstmals so charismatischen Sänger Dorian Deveraux. Da stellt sich die Frage, neben dem musikalisch neuen, was ist hier passiert?

Chai Deveraux erklärt das das vergangene Jahr 2010 ein sehr kompliziertes darstellt, weil es innerhalb der alten Bandzusammensetzung des Öfteren zu Auseinandersetzungen kam. Irgendwann war ein kompletter Bruch unausweichlich geworden. Chai hätte vor knapp anderthalb Jahren am liebsten das Handtuch geworfen. Seine Ziele waren anders gesteckt als die der anderen Bandmitglieder und auch die Arbeitsweise entsprach anderen Vorstellungen. Er wurde überredet weiterzumachen, gerade auch da die Platte „No Gods“ fast fertig war. Aber so wie es bisher lief konnte es nicht weitergehen, soviel war allen Bandmitgliedern klar geworden.

Vielleicht hatte man die internen Probleme ignoriert, oder sich einfach nur gewünscht sie wären weg, aber dieser Frieden hielt nicht lange. Somit gab es letztlich nur zwei Möglichkeiten – weitermachen aber komplett anders, oder aufhören. Es kam zur Lösung komplett anders, was bedeutete das Sänger Dorian Deveraux, Bassist BJ und Ophelia Dax nicht mehr Bandmitglieder sind. Einzig Drummer Dino blieb an Bord, während Christopher F. Kassad als Bassist und Manja Wagner als neue Stimme hinzukamen. Gerade Manja Wagner sorgte bei mir des Öfteren beim Hören der Songs von „The Clock“ für erfreutes Aufhorchen, denn sie bringt eine völlig neue Klangfarbe in das Jesus On Extasy Soundgefüge. Ich denke die hörbare Energie der Platte hat schon etwas mit dem Befreiungsschlag Chais zu tun, der nun spielen konnte und den neu gewonnenen kreativen Freiraum auszunutzen wusste. Was als behutsame Veränderung angedacht war, wurde ein Neustart. Eigentlich passt vielleicht Rückbesinnung innerhalb der Arbeitsweise am Album besser, denn ganz ohne den Druck von Plattenfirmen im Rücken entstanden in nur 6 Monaten Rekordzeit nicht nur das erste Konzeptalbum von Jesus on Extasy sondern auch gleich der Beginn einer im Kopf angedachten Trilogie zum Thema „Zeit“. Chai bemerkt, dass er immer schon ein Konzeptalbum schreiben wollte, was jedoch schwierig war, solange Dorian einen Großteil seiner Texte selbst verfasste und Chai immer nur Textfragmente beisteuerte. Nun konnte er tun und lässt was er wollte und sich künstlerisch völlig frei Entfalten. Gerade das Thema Zeit wurde zum Spiegelbild der Vergänglichkeit, von Beziehungen und Trennungen und nicht zuletzt Existenzängsten.

Der Titelsong „The Clock“ ist bis zum Songende ungewöhnlich instrumentiert worden, eher dezent und mit Wertlegung auf die Emotionalität liegt der Fokus auf Manjas Stimme und bildet die Umsetzung mit Piano und Streichern nur den Rahmen. Das wichtige bildet der Text, welchen Chai in der U-Bahn schrieb. Laut Chai hat Manja den Text stimmlich so eingefangen, wie er es selbst beim Schreiben gefühlt hat. Der Song „Heartless“ ist eine für das Album typische Symbiose aus groovigem Rocksound und sehr eingängigen Synthieklängen. Einzelne Textpassagen wie „The Story came to an end“ oder „Goodbye my friend“ klingen dabei sehr deutlich autobiographisch. Chai meint er hätte mit keiner Zeile auf dem Album einen direkten Bandbezug herstellen wollen, wenngleich er zugibt das er beim Durchlesen einzelner Texte gemerkt hat, was er eigentlich innerlich verarbeitet hat, wenngleich es nicht so direkt in Worte gefasst wurde.

Der Song „Ordinary World“ ist klar ein Duran – Duran Cover nicht gerade vollkommen überraschend oder stilistisch weit entfernt vom Original. Chai erklärt die Wahl des Songs damit, dass es schlicht einer seiner Duran Duran Lieblingssongs war und für ihn thematisch gut ins Konzept passte.

Als mein persönliches Fazit bleibt, dass manchmal ein Neuanfang ein gewagter und nicht zuletzt mutiger Schritt ist, aber in diesem Fall von Jesus on Extasy wohl der einzig logische war. Das neue Album The Clock lebt von der kreativen und ich denke auch emotionalen Befreiung von der harten Zeit des letzten Jahres und überzeugt nicht zuletzt durch eingängige Texte, sondern durch eine gelungene Sängerwahl die nicht wenigen Songs erst die Emotion einhaucht. Man horcht auf, ist erstaunt und überrascht, bis die Freude einsetzt Jesus on Extasy wieder bei vollem Bewusstsein und zurück in die Zeit katapultiert zu wissen. Die Zeiger sind wieder in Bewegung und das Uhrwerk tickt mit neuer Energie, vermutlich wäre es sonst fünf vor Zwölf geworden für die Band! Dazu ist zu gratulieren!

(Maximilian Nitzschke)

ERASURE - Tomorrow's World


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Mute Records / CDSTUMM335

Ich wage mal zu behaupten, dass auch die individuellsten und spontansten Menschen, oder die sich dafür halten, gerne ein paar Fixpunkte im Leben haben, auf die man sich immer verlassen kann. Bei mir ist das unter anderem seit fast 25 Jahren das englische Synth-Disco-Pop-Duo ERASURE. Andy Bell und Vince Clarke liefern seit 1986 zahllose Singles und Alben ab, die fast immer Hits waren. Musikalisch haben die beiden dabei keine grundsätzlichen Änderungen durchgemacht, nur hier und da probierte man mal ein bisschen was aus, war aber immer zuverlässig im absolut ohrwurmigen Electro-Pop-Genre unterwegs. Und genau das ist es was ich und die unzähligen Fans an ERASURE lieben.
Und wenn dann ein neues Album mit dem Titel „Tomorrow’s World“ erscheint, ist das eine gute Nachricht, weil man ziemlich sicher sein kann, dass man genau das bekommt, was man von ERASURE erwartet. Genau so ist es dann auch. Die Standard-CD liefert in unter 35 Minuten neun lupenreine Popsongs ab, die in den 80er und 90er Jahren andere Bands allesamt gerne als Singles gehabt hätten. Zusätzlich gibt es als Doppel-CD eine so genannte „Luxury Edition“ und selbstverständlich das ganze Album auch als Download.
Die Rhythmen sind eine Spur härter und technoider geworden, die Synthie-Melodien bleiben sofort im Ohr und die Stimme von Andy Bell ist zwar hörbar etwas gealtert, aber immer noch unverkennbar. Lediglich die ganz hohen Töne lässt inzwischen etwas außen vor, aber ansonsten höre ich ihm immer noch gerne zu. ERASURE hatten trotz aller Massenkompatibilität immer etwas ganz eigenes, was zur Folge hat, dass es nicht allzu viele Bands gibt, die wie das Duo klingen. Man denke mal daran, wie viele musikalische 1:1-Klone es von Depeche Mode gibt. Um auf der Höhe der Zeit zu bleiben und nicht irgendwann altmodisch zu klingen hat man sich mit Vincent Frank einen angesagten Pop-Produzenten geholt, der unter anderem auch schon mit Lady Gaga gearbeitet hat. Ob das wirklich ein Qualitätsmerkmal ist, ist sicher Ansichtssache, aber unzweifelhaft ist sie wohl die derzeit erfolgreichste Solo-Künstlerin im Musikgeschäft und Frank kann sich nach der Arbeit für sie die Aufträge sicher aussuchen, die er annimmt. Dass er sich für ERASURE entschieden hat, zeigt den Stellenwert des Duos.
Sichere Hits, die jeden Fan glücklich machen werden sind „Be With You“ und „I Lose Myself“. Interessant ist „You’ve Got To Save Me Right Now“, das musikalisch etwas aus dem Rahmen fällt. Würde man ein paar Gitarren ergänzen und das Lied Dave Gahan singen lassen, könnte es fast als unveröffentlichter Track aus dem Depeche Mode-Album „Songs Of Faith And Devotion“ durchgehen. Eine sehr interessante Sache. Auch sonst gibt es definitiv keine Hänger auf dem Album und ich finde sogar die Idee gut, dass nach etwas mehr als einer halben Stunde das Album schon wieder zu Ende ist, so dass gar keine Füll-Songs dabei sein können. Schon mutig, in der heutigen Zeit so ein kurzes Album anzubieten, aber ERASURE können es ich halt leisten, sie müssen niemandem mehr etwas beweisen. Eine zeitlose Band mit einem weiteren sehr schönen Album.
(A.P.)

LEYKAM / MARK - Live Extracts 96-98


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Frank Mark Arts / CD FMA 1118

Das süddeutsche Experimental-Ambient-Duo LEYKAM / MARK veröffentlicht seit über 20 Jahren in Eigenregie Alben. Ich kannte das Projekt bisher nicht näher, was aber wohl daran liegt, dass ich zwar durchaus experimentelle Musik mag, aber mit allzu ambienten Klängen nur selten etwas anfangen kann.
Wie der Titel des Albums schon verrät, handelt es sich bei der vorliegenden, knapp unter einer Stunde langen. CD um Liveaufnahmen von verschiedenen Konzerten in den Jahren 1996 und 1998. Die Soundqualität ist einwandfrei und schwankt auch qualitativ nicht, obwohl die Tracks von insgesamt fünf verschiedenen Auftritten stammen.
Zur Musik kann ich nicht viel sagen. Ambiente, sphärische Klangwelten, überwiegend elektronisch, aber hier und da auch mit verspielten Gitarren erweitert, die dann hin und wieder ein leichtes 70er Jahre Kraut Rock-Gefühl aufkommen lassen. Das ist leider nicht so richtig die Musik, die ich höre und bei der ich mich auskenne, so dass ich über die inhaltliche Qualität keine Aussage treffen kann. Die Musik ist jedenfalls sehr atmosphärisch, manchmal fast schon mystisch, hier und da auch ein bisschen elektroakustisch, wie man es von Alben des Labels Electroshock aus Russland kennt. Wer auf solche Klänge steht, kann hier gerne mal reinhören, vielleicht macht man ja eine echte Entdeckung. (A.P.)

Webadresse der Band: www.frank-mark-arts.com

POEME ELECTRONIQUE - She's An Image (Remix)


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2011 / Attractive! / Anna Logue Records / ATC05

POEME ELECTRONIQUE, eine der unzähligen Bands, die Anfang der 80er Jahre mal eine Platte veröffentlicht haben und dann wieder aus der Öffentlichkeit verschwanden. Heute werden solche kleinen Perlen von Labels wie Anna Logue Records wieder entdeckt und mit später Beachtung belohnt. Die eine oder andere Band wird dadurch motiviert, mal wieder was zusammen zu machen, so auch dieses englische Projekt. Nach der Veröffentlichung der Doppel-LP/CD auf Anna Logue Records liegt nun auf dem liebenswerten Attractive!-Label eine klassische 2-Track-Single vor, die Rückblick und Vorausschau gleichzeitig ist. „She’s An Image“ ist der Remix eines Album-Stückes, das ein bisschen an die gute alte Hazel O’Connor erinnert, verbunden mit typischen Früh-80er Synthie-Pop in der Tradition von OMD.
Die B-Seite ist ein Ausblick auf das angekündigte zweite Album und wenn es dort durchgehend auch in diese Richtung geht, darf man sich auf eine schöne Mischung aus Synthie-Pop und Italo-Disco freuen, sehr tanzbar, sehr 80er und einfach absolut ohrwurmig. Man stelle sich vor, Karen Finley („Tales Of Taboo“) hätte sich mit Hipnosis oder Laser Dance zusammengetan. Eine Spur My Mine findet sich auch wieder. Wer von Das Drehmoment die Platten von Makina Girgir oder Suicide Booth mochte, sollte auch hier zuschlagen, und zwar möglichst schnell, denn die in augenschockierendem schweinchenrosa gepresste Platte ist auf 500 Exemplare limitiert. (A.P.)

Webadresse der Band: annaloguerecords.blogspot.com

BRIGADE ROSSE - Tatort Neon


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2011 / Plastic Frog Records / pfr053

BRIGADE ROSSE macht sich rar, sowohl, was Veröffentlichungen als auch was Informationen angeht. Wenn dann aber was kommt, ist das wirklich klasse. Eine Single bei Kernkrach, eine CD bei Plastic Frog und ein Tape bei Disorder sowie einige Samplerbeiträge und Auftritte zeichnen den bisherigen Weg des Duos. Nun eine neue Single, wiederum bei Plastic Frog und streng limitiert in blauem Vinyl auf 150 Exemplare. Wer BRIGADE ROSSE kennt weiß, dass man schnell zugreifen sollte, denn die Platte dürfte schnell weg sein.
Wie kaum eine andere aktuelle Band atmet BRIGADE ROSSE den Geist der 80er Jahre, vom (unfreiwillgen) Minimal-Electro-Sound vieler Früh 80er-Bands bis hin zu den Klassikern von The Klinik Mitte/Ende der 80er. Mich freut dabei immer, dass, ganz wie der Name vermuten lässt, immer wieder auch gesellschaftskritische und politische Inhalte in den Texten vermittelt werden. Das gute an der Musik ist dabei, dass sie nicht wie nachgespielt klingt – wie bei so vielen anderen Projekten – sondern sehr authentisch. Diese Platte könnte tatsächlich genau so in den 80er Jahren erschienen sein. Für die einen mag das altmodisch erscheinen, für andere aber einfach nostalgisch, was ein gutes Gefühl verschafft.
Zweimal lupenreiner Minimal-Wave vom feinsten, mehr muss man dazu gar nicht schreiben. (A.P.)

Webadresse der Band: www.plasticfrogrecords.com

LAKOBEIL - Strange Encounter


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Echozone / BOB Media / EZ11C763

LAKOBEIL ist ein merkwürdiger Bandname, ein Kunstwort, wie sich schnell herausstellt. Es sind Bestandteile der Namen der beiden beteiligten Musiker Dirk Lakomy (In My Rosary) und Tobias Birkenbeil (D.N.S., Cytron). Gut an dem Namen ist, dass er erstmal nicht auf die Musik schließen lässt, ansonsten wird sich zeigen, ob er im Gedächtnis der Szene bleibt, da er schwer zugänglich ist. Nun soll es hier gar nicht so sehr um den Namen dieses Projekts gehen, sondern um die Musik. Beide Musiker haben seit mehr als 20 Jahren Erfahrung in der Wave- und Gothic-Szene. Vor allem in der deutschen Dark Wave-Szene der 90er Jahre haben beide ihre Marke hinterlassen und so ist es interessant, was sie nun gemeinsam, ergänzt durch die Gastsängerin bei einigen Stücken Stella B., auf die Beine stellen. Die Überraschung ist nicht allzu groß, gibt es doch tatsächlich eine Mischung aus den Musikstilen, die Lakomy und Birkenbeil in der Vergangenheit gepflegt haben, also Dark Wave, Electro, Synthie-Pop und atmosphärischer Wave. Je nach Song werden die Schwerpunkte unterschiedlich gesetzt, aber da über allem eine gewisse Wave-Stimmung liegt, ist das Album doch recht homogen geworden. Mit Stücken wie „Contemplation“ könnte LAKOBEIL auch auf den Tanzflächen der Clubs für Bewegung sorgen, das ist ein richtiger Ohrwurm. Sehr eingängig ist auch das Stück „Sebastiane“ (kein Sex Gang Children Cover), das in der 90er Dark Wave-Szene sicher ein großer Hit geworden wäre. Hier liegt allerdings auch ein bisschen das Problem des Albums. Obwohl es durchweg modern und gut produziert ist, klingt es irgendwie, als wenn es aus den 90er Jahren wäre. Eingängige, tanzbare Songs wie „That’s All“ spiegeln einfach nicht mehr das wieder, was die nachgewachsene, junge Szene heute in den Clubs hört. Das wäre okay, wenn man sich bewusst am Stil der 90er orientieren wollte, aber das glaube ich ehrlich gesagt nicht so richtig. LAKOBEIL wollten sicher ein zeitgemäßes Album machen. Das ist ihnen leider nicht ganz gelungen.
Dennoch ist es ein sehr gutes Album geworden, das hier und da auch einige Einflüsse aus den 80er Jahren verarbeitet. Die kraftvolle Produktion, eine wavige Grundstimmung und tanzbare Songs verschmelzen zu einem eingängigen Dark Wave-Album, das allerdings eher Hörer anspricht, die schon Anfang der 90er Jahre solche Musik gehört haben und von Deine Lakaien die ersten beiden Alben am liebsten mögen. Musikalisch vielseitig und gesanglich angenehm, ich würde mich für die Musiker freuen, wenn das viele andere Leute auch so empfinden würden wie ich. Ein Album zum „immer hören“. (A.P.)

Webadresse der Band: www.lakobeil.de

GABRIELLES WISH - Processed


Erstveröffentlichung: CD 2010 / Plastic Frog Records / pfr044

GABRIELLES WISH aus Manchester/England gibt es schon mindestens seit Mitte der 90er Jahre, ohne dass die Band bisher einen größeren Durchbruch mit ihren zahlreichen Veröffentlichungen geschafft hätte. Schade, denn wenn man sich „Processed“ anhört, so erkennt man doch eine spannende Band mit vielfältigen Einflüssen.
Das Album selbst wurde bereits Ende der 90er Jahre aufgenommen und sollte wohl von Rob Grettons Label Manchester Records veröffentlicht werden. Gretton selbst war eng mit der Geschichte von Joy Division und Factory Records verbunden, starb dann aber überraschend, so dass das Album unveröffentlicht blieb. Bis das kleine deutsche Label Plastic Frog Records sich seiner annahm und nun mit mehr als zehn Jahren Verspätung doch noch auf den Markt brachte. Eine gute Idee. Zum einen kennt man von dem Label schöne Minimal-Electro-Veröffentlichungen, zum anderen aber auch eine enge Verbundenheit mit der Art von Post-Punk-Sound, den Joy Division spielten. GABRIELLES WISH passen eher in die letztere Kategorie, ohne aber wie Joy Division zu klingen, obwohl Einflüsse sicher nicht zu verleugnen sind. Hauptsächlich liefert die Band aber recht fett produzierten Alternative-Rock ab, der natürlich vom Punk beeinflusst ist und auch eine gehörige Portion Wave mit abliefert. Immer wieder glaube ich auch, ein bisschen von dem schrägen Musikverständnis von The Fall durchzuhören. Das ist eine gelungene Mischung und ich freue mich wirklich, dass das Album doch erscheinen konnte. Ich zumindest werde mir jetzt auch mal weitere Platten von GABRIELLES WISH anhören. (A.P.)

Webadresse der Band: www.gabrielleswish.com

DEIED - Tales Of Sodenliah

Wiederveröffentlichung: CD 2011 / AF Music-Ionium Records / TS-Musix
Erstveröffentlichung: Download 2011 / AF Music-Ionium Records

DEIED, ein Duo aus Deutschland, kannte ich bisher noch nicht, obwohl im Frühjahr 2010 bereits ein Album erschienen ist. Nun folgt das neue Album als Download und limitierte CD bei AF Music und Ionium Records.
Beschrieben wird es im Info als gesellschaftskritischer Science Fiction Soundtrack, der sich von anderen Bands und Projekten des Genres Electro/Industrial abhebt. Gemeint ist damit offenbar tanzbarer Dark Electro im Stile der 90er Jahre, der auch ein paar experimentelle Momente hat. Solche und ähnliche Musik gab es in der ersten Hälfte der 90er ziemlich oft, vor allem bei Labels wie Celtic Circle Productions (yelworC und Konsorten). „Tales Of Sodenliah“ ist sehr gut produziert und wird sicher von einigen DJs in den Clubs eingesetzt, klingt aber eben, wie frisch aus den 90er Jahren importiert. Sollte es in der Dark Wave-Szene tatsächlich ein kleines 90er-Revival geben? Derzeit tauchen immer wieder neuere Bands und Projekte auf, die sich an Vorbildern wie Wumpscut, The Eternal Afflict und anderen Größen der damaligen Zeit orientieren (The Dark Unspoken, Lakobeil…). DEIED klingt auf diesem Album ziemlich genau nach einer Kreuzung aus Der Liederkranz und Project Pitchfork, was ja beides gute Bands waren. Ich war nie ein großer Dark Electro-Fan, aber wer die Art von Musik mag, sollte DEIED ruhig mal eine Chance geben, denn was sie hier abliefern, machen sie gut. (A.P.)

Webadresse der Band: www.deied.de

5 POUNDS A HEAD - Maximum Credible Accident


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Disctrict 763 Records / New Music Distribution / MR 003

5 POUNDS A HEAD kommen aus Rossleben in Deutschland und liefern laut Info „gute eingängige Songs“ im Genre Hardcore ab. Nun konnte ich diesem Musikstil nie so richtig viel abgewinnen, wenn man mal von einigen Sachen absieht. Mir war es zu oft einfach Geknüppel, dass dem Metal näher steht, als dem Punk.
Und genau das ist bei 5 POUNDS A HEAD das Problem. Für mich klingt das eher wie Metal mit Rumgekreische und sogar Gitarren-Soli. Lediglich das maschinengewehrartige Schlagzeugspiel weckt da bei mir ein bisschen Interesse. Ein paar punkige „whhooohooooaaaa“-Chöre sind auch ganz okay. Sicher ist die Band technisch gut, hat einiges an Power und die Songs sind gut produziert, aber mein Ding ist es eben einfach nicht. Mit nur etwas mehr als 30 Minuten Spielzeit ist das „Vergnügen“ dann auch schnell vorbei. Wer aber auf recht metallischen Hardcore steht, kann ja mal reinhören. (A.P.)

THE ARCH - Engine In Void


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Echozone / BOB Media / EZ11C703

Mit zwei guten Alben und Songs wie „Babsi Ist Tot“, „Ribdancer“ und „Revenge Revival“ , die allesamt Clubhits wurden, konnten sich die Belgier THE ARCH Ende der 80er Jahre einen guten Namen in der europäischen Wave-Szene machen. Bis auf das eher schwache dritte Album „In Sofa“ Ende der 90er Jahre kamen dann nur noch Compilations, die die alten Erfolge wieder aufwärmten. Nun, mehr als 20 Jahre nach der erfolgreichsten Phase der Band legt die Gruppe ein neues Album vor. Mit „Engine In Void“ versucht man an alte Erfolge anzuknüpfen und noch mal ein paar Ausrufezeichen in einer völlig veränderten Szene zu setzen. Ob das gelingen wird, weiß ich nicht, aber das Album ist jedenfalls gut geworden und wird einige alte Fans versöhnen, die sich bei „In Sofa“ abgewendet haben.
Insgesamt ist die Band ihrem alten tanzbaren Electro-Wave Stil, der immer wieder mit Gitarren aufgepeppt wird, treu geblieben. Obwohl auch modernere Sounds und Rhythmen integriert werden, bleibt eine angenehm nostalgische Atmosphäre bestehen. Mit Tracks wie „Seminary“ dürfte THE ARCH aber auch heute Einzug in einige Clubs halten. Ein unsterblicher Wave-Klassiker wie „Babsi Ist Tot“ ist zwar diesmal nicht dabei, aber so einen Song schreibt man als Band wahrscheinlich auch nur einmal in der Karriere. Trotzdem ist dieses Album sehr schön geworden und wird viele alte Waver erfreuen, die sich wohlig an Zeiten von den frühen Cassandra Complex, den späten Siglo XX und natürlich THE ARCH selber zurückerinnern. Kein notwendiges, aber auf jeden Fall auch kein peinliches Comeback, weil THE ARCH es entspannt angehen. (A.P.)

Webadresse der Band: www.echozone.de

COMPILATION - Neuklang Kirchenlied


Erstveröffentlichung: CD 2007 / Gruenrekorder/Edition Chrismon / gruen 051

Da hatte ein junger Hamburger Vikar eine Idee: warum nicht mal unterschiedliche Musiker fragen, ob sie nicht Lust hätten, teilweise uralte Kirchenlieder in ihrem Stil neu zu vertonen? Die Idee wurde umgesetzt und in Zusammenarbeit mit einer christlichen Zeitschrift auf den Weg gebracht. Ob die Resonanz der Musiker so gering war, dass weniger als 40 Minuten Musik dabei herausgekommen sind, oder ob man die Hörer nicht überfordern wollte, weiß ich nicht. Das Konzept, alte Lieder in ein modernes Gewand zu packen, ist nicht neu und es gab in der Vergangenheit gute und schlechte Ergebnisse. „Neuklang Kirchenlied“ würde ich als durchwachsen bezeichnen. Es gibt sehr gute und interessante Beiträge, aber auch viel ausgesprochen Durchschnittliches. Zudem stellt sich die Frage, ob nicht besser Lieder ausgewählt worden wären, die die Hörer auch irgendwie kennen. Allerdings wäre das dann wohl hauptsächlich auf die bekannten Weihnachtslieder hinausgelaufen, was ja auch nicht Sinn und Zweck dieser CD sein sollte.
Das Projekt ARBEIT setzt „O Haupt Voll Blut Und Wunden“ so düster um, wie der Titel es verspricht. Avantgardistische Stahl-Beton-Schläge und darkwaviger Gesang bringen die erwartete Stimmung ziemlich gut rüber. Altmeister LÜÜL, Lutz Ulbrich, der seit über 30 Jahren musikalisch aktiv ist, vertont „Es Kommt Ein Schiff, Geladen“ schon eher so, wie man es erwartet, nämlich als folkige Seemannsballade. Eingängig, aber auch ein bisschen zu seicht. Akustikgitarrige Klänge gibt es auch von JONI & JONI bei „So Nimm Meine Hände“. Wenn solche Interpretationen, auch wenn Art-Rock-Gitarren später hinzukommen, das Ziel des Projekts gewesen sind, dann macht es sich selbst überflüssig, denn was Neues ist das sicher nicht. Viel interessanter ist da schon WORKSHOPs „Herr Gib Mir Mut Zum Brücken Bauen“, das wie eine Interpretation von Der Plan klingt und sicher genau den Zweck erfüllt, die Hörgewohnheiten der Durchschnitts-Christen aufzuweichen. Aber wie ich die Institution Kirche und ihre treuen Anhänger kenne, wird das grundsätzlich abgelehnt und als respektlos gebrandmarkt. Dann DIE PRAKTIKANTEN mit dem schönen „Der Mond Ist Aufgegangen“, das wohl jeder aus seiner Kindheit kennt. Schick eingängig, aber irgendwie auch am klassischen Protest-Liedermacher-Klang der 70er Jahre festgeklebt. Das tut niemandem weh. Ebenso „Wach Auf, Mein Herz, Und Singe“ von A.R.S., das prima in die in der Gothic-Szene immer noch angesagte Mittelalter-Welle passt. Schön gemacht, aber auch nur insofern bei diesem Projekt überraschend, als es eben nicht überrascht. Es folgt DER BOTE mit „Es Ist Ein Schnitter, Heißt Der Tod“. Tja auch dies passt in die Schublade „Mittelalter-Rock“. Bands wie Subway To Sally, Tanzwut und zahlreiche andere haben in ihrem Programm schon seit Jahren ähnliches geboten. In der gleichen Schiene, nur etwas schweinerockiger, geht es mit SNUBNOSE und ihrem „Befiehl Du Deine Wege“ weiter. Immerhin nett eingängig. Ein bisschen innovativer, weil experimentell, ist dann ZEITBLOM featuring HITOMI MAKINO mit „O Heiland, Reiß Die Himmel Auf“. Nicht nur der Titel klingt apokalyptisch, obwohl er sicher nicht so gemeint ist, sondern auch die Musik, die wie von einer elektronisch verfremdeten Drehleier klingt. Wieder also Stoff für die Mittelalter-Fans dieser Welt, aber zumindest interessant umgesetzt. Und, als wenn das gleiche Lied weitergehen würde, endet die CD mit „Die Ganze Welt, Herr Jesu Christ“ von NICOLAS WEISER. Bei diesem Stück gilt das gleiche, wie bei dem zuvor davor, nur, dass hier ein Mann singt, ansonsten experimentelle Elektronik zu geistlichen Worten.
Zwei gute Stücke, zwei ganz ordentliche und sonst leider nur wenig Spannendes, dafür aber auch nur knapp 38 Minuten Laufzeit. Um junge Leute mehr für die Kirche zu interessieren, ist diese CD, eigentlich eine gute Idee, viel zu wenig mutig. Die Frage ist, ob die Geldgeber mehr zugelassen hätten, denn machen wir uns nichts vor: die Organisation Kirche ist eine erzkonservative, hierarchisch geordnete Institution, die nicht besonders kritikfähig ist.
Mutig wäre es gewesen, „Ihr Kinderlein Kommet“ von der Hamburger Punkband Coroners mit auf das Album zu nehmen, das 1979 auf dem „Geräusche Für Die 80er“-Festival und der dazugehörigen Live-LP gespielt wurde. Aber aufgrund des abgeänderten Textes wäre die Herzinfarktrate unter Christen sicher deutlich angestiegen.
So bleibt die CD aber ein wenig unentschlossen. (A.P.)

DAYBED - Preludes


Erstveröffentlichung: 12 Inch EP 2010 / No Emb Blanc / Genetic Music / NEB004

Auf dem kleinen aber feinen Genetic Music Schwesterlabel No Emb Blanc erscheinen Platten, die so nicht ganz in das musikalische Minimal Electro und (Minimal-) New Wave im Stile der 80er Jahre-Konzept passen. Auf No Emb Blanc findet man also Sachen, die auch mal fetteren Sound und modernere Klänge bieten, wobei natürlich nicht ausgeschlossen ist, dass auch Anklänge an die alten Zeiten zu hören sind. DAYBED ist ein neuseeländisches Duo, das aber zumindest zeitweilig seine Zelte in Berlin aufgeschlagen hat. Mit dieser 12“EP geben sie ihr Debüt, das durch einige Samplerbeiträge begleitet wird. Die Musik ist natürlich rein elektronisch, klingt modern, obwohl die Vorbilder sicher auch wieder in den 80er Jahren zu suchen sind. Synthie-Pop mit Soft-EBM-Sequenzern und ein bisschen Client-Klang. Frauenstimmen in der Welt des elektronischen Pop sind inzwischen nichts Besonderes mehr, deswegen ist der Überraschungseffekt nicht allzu groß, wenn Carla Marshall zu singen anfängt. Dazu tanzbare Rhythmen und eine irgendwie frische Klangwelt, die im Ohr bleibt, aber letztlich nicht besonders innovativ ist. Muss es aber auch gar nicht sein, denn wer hört nicht gerne auch mal einfachen tanzbaren Synth-Pop, der schlicht Spaß macht? (A.P.)

Webadresse der Band: www.geneticmusic.de

NICK CAVE AND THE BAD SEEDS - Let Love In `(Deluxe Edition)


Erstveröffentlichung: DVD + Audio-CD 2011 / Mute Records

Mit den Alben „Tender Prey“, „The Good Son“ und „Henry’s Dream“ hatte sich NICK CAVE mit seiner Band THE BAD SEEDS endgültig in der großen Popwelt etabliert. Hier und da spürte man noch die Wut der frühen Alben, insgesamt ging es aber schon nachdenklicher und bluesiger zu. Der ganz große kommerzielle Durchbruch folgt 1996 mit den „Murder Ballads“ und den Top Hits „Where The Wild Roses Grow“ und „Henry Lee“, vorher erschien aber noch 1994 „Let Love In“. Die drei ausgekoppelten Singles „Do You Love Me“, „Loverman“ und „Red Right Hand“ zeigten eine interessante musikalische Spannweite. „Do You Love Me“ klingt fast ein bisschen wie Philip Boa zur gleichen Zeit, ein kraftvoller Song zwischen Pop, Blues und ganz entfernt noch Punk. Und in meinen Ohren die perfekte NICK CAVE Single, die genau das rüberbringt, wofür Cave in den 90ern stand. „Loverman“ hingegen orientiert sich mehr an „Tender Prey“ und „Henry’s Dream“ und „Red Right Hand“ nimmt die morbide Stimmung von „Murder Ballads“ weniger poppig vorweg. Einer der besten NICK CAVE Songs überhaupt und unter den Fans außerordentlich beliebt. Auch über die Auskopplungen hinaus sind interessante Stücke dabei.
„Nobody’s Baby Now“ ist eine herrliche Ballade, die fast wie die Coverversion eines 70er Jahre Elvis-Songs, den dieser nie eingespielt hat klingt. Fast schon zu glatt, aber durch CAVEs Stimme trotzdem ein Ohrwurm. „Jangling Jack“ lässt die Schrägheit der ersten BAD SEEDS-Alben wieder aufleben und dürfte damals auf den Konzerten für viel Begeisterung gesorgt haben. „I Let Love In“ klingt wie eine krachige Version von Johnny Cash. Auch „Thirsty Dog“ ist ein, diesmal treibender, Country-Verschnitt, der bei Auftritten unter Garantie für wilde Bewegungsorgien vor der Bühne gesorgt hat. Zum Ende hin mit „Lay Me Down“ noch eine typische CAVE-Ballade und mit „Do You Love Me (Part 2)“ eine „Road-Movie“-Version der Single.
NICK CAVE AND THE BAD SEEDS haben mit „Let Love In“ vor der fast kompletten Hinwendung zum Pop noch einmal ein Album veröffentlicht, das viele alte Tugenden der Gruppe noch einmal aufleben lässt, ohne sich aber allzu sehr zu wiederholen.
Die Deluxe-Edition von „Let Love In“ ist in der üblichen Aufmachung dieser Wiederveröffentlichungs-Reihe erschienen, also mehrfach klappbares DigiPak, sowie Liner Notes im Booklet und natürlich die Bonus DVD, die das Album im 5.1-Sound enthält, dazu die B-Seiten der Singles, die entsprechenden Videoclips und die nächste Folge der Dokumentation „Do You Love Me Like I Do“. Runde Sache wie immer und ein wirklich gutes Album. (A.P.)

LUC VAN ACKER - VPRO RadioNome - December 18 1981


Erstveröffentlichung: Mini-LP 2009 / Enfant Terrible / enfant14

LUC VAN ACKER aus Belgien war in den letzten rund 30 Jahren mit zahlreichen Bands und Projekten aktiv, hatte Charthits, hat als Produzent im eigenen Studio gearbeitet und darf wohl zweifellos als einer der wichtigsten belgischen Musiker, vor allem im Electro-Bereich, angesehen werden. Seine Bands wie Arbeit Adelt! und vor allem sein Mitwirken am All-Star-Projekt Revolting Cocks mit Leuten von Front 242 und Ministry, deren Live-LP ein unfassbar genialer Klassiker ist, sind zu Recht legendär. Heute reanimiert er einige seiner Projekte für Liveauftritte und fährt endlich die ihm zustehenden Lorbeeren (und hoffentlich auch Finanzen) ein.
Aus seiner frühen Zeit stammen die Aufnahmen dieser Radiosession aus dem Dezember 1981. Eingespielt wurden sie für die semi-legendäre holländische Radioshow „Radionome“ (bekannt auch durch die beiden zu höchsten Sammlerpreisen gehandelten LP-Sampler). VAN ACKER war hier seiner Zeit deutlich voraus. Beeinflusst wurde er ganz offenhörlich von Post-Punk- und Industrial-Größen wie Cabaret Voltaire, Throbbing Gristle und vielleicht auch frühen Electro-Ikonen wie Robert Rental, ganz frühe SPK und DAF. Nach einem kurzen Intro folgen jeweils zwei lange, soundtrackartige, recht düstere Stücke und zwei kürzere, eher harte Songs, die schon viel von dem vorweg nehmen, was die Revolting Cocks einige Jahre später aufnehmen sollten. Der größte Teil der Performance dürfte auf Improvisation beruhen und in der gleichen Form nie wieder reproduziert worden sein. Die Qualität des Studio-Live-Mitschnitts ist schön rau, aber gut und gibt recht authentisch die damalige Atmosphäre in einer jungen Musikszene wieder, in der alles möglich war. Hier ist zwar kein Ohrwurm oder „Hit“ dabei, aber als Zeitdokument darf man diese Aufnahmen allemal ansehen und vor allem anhören. Die Mini-LP hat eine Laufzeit von knapp unter 30 Minuten und ein sehr schlichtes Coverartwork mit interessanten Anmerkungen auf der Rückseite. Schade, dass das Label Enfant Terrible diese interessante Reihe nach dieser und einer Platte von Kaa Antilope nicht fortgesetzt hat. Die Platte ist auf 520 Exemplare limitiert. (A.P.)

Webadresse der Band: www.enfant-terrible.nl

CORVUS CORAX - Sverker


Erstveröffentlichung: CD 2011 / CB GbR

CORVUS CORAX – SVERKER
(VÖ: 25.11.2011 CB-GbR)
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Die Frage was man nun anpacken sollte lag wohl bei den Jungs von Corvus Corax auf der Hand, nach solch monumentalen Werken wie „Cantus Buranus I“ und „Cantus Buranus II“. Das letzte reguläre Corvus Corax Studioalbum lag schon lange zurück und die Fans erwarteten neues Material, welches dem selbst gesteckten Qualitätsanspruch einmal mehr gerecht werden soll. Dessen kann man sich als Fan immer gewiss sein, wer ein Corvus Corax Album sein Eigentum nennt bekommt hervorragende Qualität abgeliefert. Dennoch es gab in der näheren Vergangenheit nicht gerade unwesentliche Bandbesetzungswechsel und Trennungen, die letztlich -so Corvus- im Endergebnis zur besten Live Besetzung der Bandgeschichte geführt haben. Interessant ist das sich „Sverker“ als neues Studioalbum zwar einerseits sehr vertraut anhört, andererseits aber gänzlich anders ist als seine Vorgänger. Möglicherweise liegt dies an der Themengewichtung, denn während man sich bislang dem Mittelmeerraum oder dem altdeutschen Raum widmete, ist man nun gen Norden gewandert und forschte in Liedern und Gesängen aus den keltisch, nordischen Ländern wie Irland, Island, Dänemark, oder den Färoerinseln.

Passend ist in jedem Falle die Instrumentierung, einmal mehr getragen vom Schlagwerks Harmann des Dreschers und Hatzs, klingen Trommeln und Pauken deutlich eingängiger als bisher, aber in den meisten Stücken weniger vordergründig. Etwas gewöhnungsbedürftig sind im ersten Moment die dunklen brummenden Choräle der Jungs, zeugen aber zugleich von der Vielseitigkeit von Corvus Corax. Der Titeltrack „Sverker“ beinhaltet für mich bereits die Grundelemente aller Stücke die Bezug nehmen auf die nordische Mythologie. Bildgewaltig und mitreißend entwickeln Corvus Corax intensive Klangbilder von Wind und Wellen , Wikingern in ihren Drachenkopfschiffen und Männern mit langen Bärten welche Met aus den Schädeln ihrer Gegner trinken. Auch wenn es sehr nach Klischee klingt, es sind schlichtweg die inneren Bilder, welche sich beim Klang der Musik automatisch in meinem Kopf abspielten.

Wieder andere Stücke versetzen einen gedanklich auf die grüne Insel Irland und klingen nach mittelalterlichem CelticFolkrock, so etwa „Fiach Dubh“, oder auch „La i mbeltaine“. Das innere Auge streift vorbei an verfallenen Klosteranlagen und keltischen Kreuzen um weit hinaus aufs Meer zu blicken. Bei letzterem Stück beeindruckt die intensive balladeske Stimmumsetzung, die beruhigend und hypnotisch zugleich klingt.
Ungemein episch erklingt „Ragnarök“ über die Apokalypsenvorstellung der nordischen Völker. Das Ende und die Hoffnung liegen gedanklich nah beieinander und diese Idee wird auch instrumental umgesetzt. Die eher düstere und grausig anmutende Atmosphäre wird aufgelockert durch eine warme Melodie. Die Perfektion in der Arbeit der Jungs tut ihr übriges für das gelungene Stimmungsbild, denn jeder Schlag auf einer der insgesamt über 50 Trommeln die Corvus Corax im Instrumentarium haben sitzt. Akribischere Arbeiter im Bereich mittelalterlicher Handschriftsuchehab ich in über 11 Jahren Backagain Arbeit nicht kennengelernt, denn wirklich nichts wird dem Zufall überlassen, ein Album wird zum Kunstwerk gekürt durch Wohlüberlegtheit und reichen Erfahrungsschatz.

Was ein wenig schmunzeln bereitet ist die missglückte englische Aussprache im Stück „The Drinking Loving Dancers“, denn irgendwie bekommt der Rabensänger Castus das „TH“ einfach nicht hin. Wer genauer hinhört, wird „se hohl neit“ heraushören, anstatt „The Whole Night“ und es klingt schlicht schrecklich. Wer darüber hinweg hörtt allerdings wird kein Körnchen Kritik an „Sverker“ finden sondern ein tolles Album, welches einen weiteren Meilenstein in der Bandgeschichte abliefert und daseindrucksvollee Können dokumentiert.

(Maximilian Nitzschke)

BACIO DI TOSCA - Benefizkonzert HIV ist auch in deiner Stadt 2011


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011

HIV ist auch in deiner Stadt – Auftakt in Bad Freienwalde

Mit viel guter Laune und Motivation im „Präventionsmobil“ geladen, starteten am Samstag die Moderatoren Ted und Max, sowie der Berliner Künstler René Melzer zusammen mit zwei weiteren Aktivisten des Vereins PositivWohnen e.V. aus Potsdam auf ihren Weg zur Auftaktveranstaltung in Bad Freienwalde des diesjährigen Welt Aids Tages Brandenburg 2011 „HIV ist auch in deiner Stadt!“. Das kleine mobile Präventionsmobil hatte uns in den letzten Monaten sehr treue Dienste geleistet, gerade wenn wir im Vorfeld Plakate geklebt, oder Flyer und Programmhefte an Passanten gegeben und in Geschäften ausgelegt haben. Parallel zu uns fuhr auch Moderatorenkollege Ron Schulz und das Licht- und Tonteam der Firma „Zound'z Unlimited“ aus Potsdam vom Hof, bis wir uns alle gemeinsam gegen 10 Uhr in Bad Freienwalde direkt vor der Nikolaikirche begrüßten. Der Tag konnte beginnen und so wurden beide Teams aufgeteilt, während im Inneren des Kirchenraumes Ton- und Lichtanlage installiert wurde, kümmerten sich die Aktivisten darum, dank der freundlichen Unterstützung durch die evangelische Kirchengemeinde, den Gemeindesaal im Gemeindehaus als Aufenthaltsraum herzurichten und auch die Verpflegung für alle Aktivisten zu verstauen. Für 11 Uhr hatte sich Frau Jutta Lieske MdL (SPD) angekündigt gehabt mit den Aktivisten in der Innenstadt „Rote Schleifen“ zu verteilen. Allerdings konnte diese wohl aus kurzfristiger beruflicher Umdisponierung noch nicht mithelfen, so dass Max, Josefine und Dominik dies selbst übernahmen und Flyer mit Lollies und Kondomen an die Passanten verteilten, sowie „Rote Schleifen“ an die Jacken ansteckten. Interessant für uns waren die Reaktionen, viele sagten uns, sie hätten bereits in der Zeitung über unsere Veranstaltung gelesen, äußerten sich jedoch nicht, ob sie zum Gottesdienst und zum Konzert kommen werden. Von einzelnen Passanten hörten wir Sätze wie „Hab ich nicht, will ich nicht, kenne ich nicht!“ während die Frau im Arm dieses Herren meinte, „darum geht es doch auch gar nicht!“. Richtig, darum ging es nicht, aber irgendwo dann doch, denn offenbar hatte es ja in dieser Person gearbeitet und zu einer Auseinandersetzung geführt, die wohl in seine heile Welt nicht passte und somit zu einer Realitätsausblendung führte. Leider waren beide nicht gesprächsbereiter, ich hätte hier gern an Vorurteilen oder Ängsten angesetzt und im Dialog vielleicht richtiger stellen können.
Während wir in der Innenstadt noch unterwegs waren, baute der „Freiwillige Feuerwehrverein Kummersdorf e.V.“ ihr Zelt auf dem Vorplatz der Kirche auf, in welchem sich zum späteren Zeitpunkt Informationsstand, Abendkasse, Kinderschminken und Portrait – Zeichnen abspielte.
Kaum wieder zurück, wartete bereits die Presse in Form von „ODTV – Fernsehen für Ostdeutschland“,“rbb - Antenne Brandenburg Rundfunk Berlin Brandenburg“, „Der Blitz“ und die „Märkische Oderzeitung“ auf uns für Radio-, Fernseh- und Sprachinterviews. Hier sei unseren Medienpartnern herzlich für ihre Kooperation im Rahmen der Veranstaltungsreihe gedankt.
Wenige Augenblicke später fuhren Jörg Knieschewski und Dörthe Flemming „Bacio di Tosca“ auf dem Kirchvorplatz vor und wurden von Supervisor Maik erst einmal in das Kircheninnere geführt, um sich schon einen direkten Eindruck von den Gegebenheiten hier in Bad Freienwalde machen zu können. Der charmanten Sängerin gefieliese einzigartige Kulisse ausgesprochen gut wie ich im Gespräch bemerkte, während Soundtechniker Jörg Knieschewski Absprachen traf mit dem Team von „Zound'z Unlimited“. Anschließend geleitete ich Dörthe in das Gemeindekirchenhaus, in welchem wenig später Geigenklänge zu hören waren, da sie diese für den Abend eingespielt hat.
Um 15.30 Uhr kamen seitens der Gemeinde sehr tatkräftige junge Helfer durch die Konfirmanden des erkrankten Pfarrers Björn Ernst, welche sich tapfer und netterweise noch um die Verteilung von „Roten Schleifen“ und Flyern an Passanten in der Innenstadt kümmerten. Vielen Dank von unserer Seite auch an diese Hilfe aus Bad Freienwalde! (Maximilian Nitzschke)

Pünktlich um 16 Uhr wurde wie angekündigt das „Adventsfeuer“ von den Jungs der „Freiwilligen Feuerwehr Kummersdorf“ entzündet, die Initialzündung quasi zum Vorprogramm vor Gottesdienst und Konzert. Anfangs noch etwas verhalten kamen schließlich die Bad Freienwalder und ließen sich vom jungen Berliner Künstler René Melzer porträtieren oder die kleineren Besucher sich abschminken. Die Aufregung beim Moderatorenteam Ted und Max stieg, denn eigentlich war ein kurzer Durchlauf der Gesprächsparts während der Show geplant, der jedoch mangels Zeit ausfallen musste – aber lange genug geplant, sollte sich auch dies nicht als Problem herausstellen. Für ein wenig Essen, welches im Grunde bereit stand blieb mir selber keine Zeit, denn zu viele Dinge waren zu koordinieren, schließlich sollte sich niemand mit Anliegen allein gelassen fühlen. Um 17.20 Uhr starteten die Jungs und Mädels der Feuerartistikgruppe „Heidenfeuer“ aus Birkenwerder ihre zwanzig-minütige Feuershow, untermalt mit mittelalterlichen Klängen verwandelte sich der Kirchvorplatz in ein fröhliches Marktspektakel, wie es sich wahrscheinlich vor Jahrtausenden zugetragen haben könnte. Feuerjonglage und eindrucksvolle Figuren wurden auf den Vorplatz gezaubert und ließen das Spiel mit dem Feuer – völlig sicher und ungefährlich erscheinen. Eine schöne indirekte Parallele zum Umgang mit HIV und Aids, wer sein Risikomanagement kennt und im Griff hat, muss nicht mit dem Feuer spielen und das Risiko einer Neuinfektion in Kauf nehmen, denn Kondome und Aufklärung schützen – und von beidem war in Bad Freienwalde reichlich vorhanden. Tatkräftige und prominente Unterstützung erhielten wir freundlicherweise von Frau Jutta Lieske MdL (SPD) welche sich bereiterklärte die Abendkasse zu übernehmen. Jeder erhielt im Tausch zu seiner Eintrittskarte ein Bändchen um, welches ihn nun als Besucher auszeichnete. Im Vorfeld hatten wir auch Freikarten weitreichend verteilt, so etwa an das evangelische Seniorenzentrum „Bethesda“ und waren erfreut, dass diese auch eingelöst wurden bei Frau Jutta Lieske.
Um kurz vor 18 Uhr traf Pfarrer Johannes Reimer ein, welcher die Vertretung des erkrankten Gemeindepfarrers Björn Ernst übernahm, sowie Kantor Ulrich Gericke. Somit wurden nun die Glocken geläutet und die Show begann.

Pfarrer Johannes Reimer begrüßte in einer kurzen Ansprache die Gäste und Aktivisten des heutigen Abends in der Nikolaikirche und in Bad Freienwalde und setzte sich wenig später zu den Gästen in die erste Reihe, um den ersten Filmeinspieler zu sehen. Wir stellten den Gästen die Botschafterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Hildegard vor, die 64 Jährige reiselustige Rentnerin aus Norddeutschland. Hildegard ist HIV – positiv. „Wenn es Krebs wäre, könnte ich ja durch die Stadt gehen und beim Anschauen einer Senioreneinrichtung sagen: Und übrigens, ich habe eine schwere Krebserkrankung. Aber wenn sie HIV-positiv sind, das sagen Sie hier nicht,“ berichtete Hildegard in ihrem Filmeinspieler. Sie hat viele Jahre über ihre Infektion geschwiegen, vertraut niemandem mehr so schnell, denn sie hat nicht nur gute Erfahrungen gemacht und manchmal steht ihr diese Vorsicht auch heute noch im Weg. Im österreichischen Salzkammergut geboren, führte ihre Hauswirtschaftsausbildung sie nach Deutschland. Infiziert hat sich Hildegard bei ihrem zweiten Ehemann, der nichts von seiner Infektion wusste. Das Publikum wurde eingestimmt und sensibilisiert, nicht mit Zahlen und Statistiken, sondern durch eine ganz persönliche Geschichte . Das Vorurteil, dass HIV ja nur bei Schwulen vorkommt wurde gebrochen, denn Hildegard ist heterosexuell und in ihrer Art die liebenswürdige ältere Dame von nebenan. HIV wurde spürbar und sichtbar in den Kirchenraum gebracht, als Moderator Ted Baxter und Hildegard während der letzten Sekunden des Filmeinspielers auf die Bühne traten. Damit war jede Distanzierung ausgeschlossen. Für das Publikum war die Botschaft des Abends „HIV ist auch in deiner Stadt“ Realität geworden, direkt vor ihnen auf der Bühne. Sensibel und Einfühlsam wurde dem Gast die Angst genommen und eine Aussage aus dem Film als Gesprächsthema aufgegriffen.

Nach diesem Gespräch erst begrüßten dann die Moderatoren Max, Ron und Ted die circa 65 Menschen, welche an diesem Abend in die Bad Freienwalder St. Nicolaikirche gekommen waren.
Im ersten Gesprächsblock ging es um zwei reale Fälle von HIVpositiven Jugendlichen die Ted anonymisiert und etwas abgewandelt dem Publikum vorstellte. Schon bei der Schilderung dieser Fälle konnte man das Erstaunen des Publikums im Kirchenraum spüren. Die Sensibilisierung für das Thema hatte seinen absoluten Höhepunkt nach dem zweiten Filmeinspieler. Wie mir befreundete Journalisten im Anschluss an die Veranstaltung erzählten standen einigen Menschen die Tränen sichtbar in den Augen.

Nach dem Grußwort ging es dann noch einmal um die derzeit äußerst miserable Situation bei den Förderungen von Vereinen die sich mit der Thematik HIV, Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten im Flächenland Brandenburg engagieren. Dieses zum Anlass nahm PositivWohnen e.V.
sich mit einem eigens von Ron Schulz produzierten „Dankeschön – Video“ für das bürgerlich ehrenamtliche Engagement bei den Sponsoren recht recht herzlich zu bedanken. Ohne dieses Engagement wären Veranstaltungen wie diese derzeit nicht durchführbar.

Im Anschluss leitete Pfarrer Johannes Reimer über in die etwa dreißigg minütige Andacht. Mit dem gewählten Psalm 39 des Alten Testamentes verweist er auf die Allgegenwärtigkeit Gottes und dessen schützende Hand über alle Menschen. In seiner Predigt stellte er gesellschaftskritische Fragen und prangerte das Streben nach Macht und Gier und den Wunsch nach Perfektionismus ohne gegenseitige Toleranz und Respekt im Miteinander an. Er forderte auf zu mehr Verständnis und Respekt im gegenseitigen Miteinander und im Streben nach Erfolg und Perfektion nicht den Nächsten aus den Augen zu verlieren.

Nach diesem stimmungsvollen Moment des Innehaltens und der Einkehr folgte nun im Anschluss die Vorstellung der Künstlerin Dörthe Flemming des Konzertabends durch Moderator Max an das Publikum. Dörthe Flemming ist ausgebildete Mezzosopranistin und hatte sich sehr schnell bereit erklärt im Rahmen der Veranstaltungsreihe dieses Benefizkonzert ihres Soloprojektes „Bacio di Tosca“ zugunsten des Vereins zu geben. Moderator Ted stellte dem Publikum den bildenden Künstler René Melzer noch vor, da dieser während des gesamten Konzertes ein Bild auf Leinwand entstehen ließ, welches im Anschluss versteigert werden sollte.

Ganz dramatisch in schwarz gekleidet und mit langer Schleppe betrat Dörthe nach einer kurzen Umbaupause die Bühne und beeindruckte alleine schon durch ihre elegante Erscheinung. Gespannt wartete das Publikum darauf, was nun folgen würde und war sichtlich fasziniert, als diese den Kirchenraum mit ihrer facettenreichen Stimme ausfüllte. Sprachgewaltige Texte von Heinrich Heine, Friedrich Hölderlin oder Theodor Storm durchlebt die Sängerin mit Leidenschaft und hoher künstlerischer Perfektion. Die Gäste des Abends durften eintauchen in Lieder über Liebe und Hoffnungen, aber auch über Verluste und die Angst vor dem Tod. Sichtlich bewegt und beeindruckt applaudierte das Publikum, und blitzte gelegentlich der ein oder andere Fotoapparat für das Erinnerungsfoto auf. Als Dörthe Flemming auch noch zu einzelnen Stücken virtuos Geige spielte, begannen einzelne Personen im Publikum zu jubeln. Die Stimmung war intim und trotz der natürlichen Kirchenkälte versprühte Dörthe eine ungeheure Wärme an diesem Abend. Parallel zur Musik entstand auf der Leinwand das Bild von René Melzer und fasziniert schaute das Publikum was dort am entstehen war. René Melzer benutzte sehr warme Farben und hielt scheinbar mühelos die Atmosphäreee deAbendsdsds gepaart mit der Stimmgewalt Bacio di Toscas fest.

Mit dramatisch temporaler Musikuntermalung sprang Ron Schulz durch den Kirchenraum und forderte die Menschen auf, den Inhalt ihres Geldbeutels zu plündern oder sich am Bargeldautomaten der benachbarten Bank „Bares“ zu organisieren um bei der Versteigerung mithalten zu können. Nach dramatisch spannenden zehn Minuten ging das Bild per Zuschlag an Frau Jutta Lieske, welche es in ihren Privaträumen aufhängen wird.

Nach dem obligatorischen Dank und roten Rosen klang der Abend aus und gab Dörthe Flemming im Anschluss noch in der alten Taufkapelle Autogramme an die Gäste. Der Auftakt war gelungen und erwartungsvoll schauen wir nun auf Potsdam und Eberswalde!

YOLIA - Benefizperformance HIV ist auch in deiner Stadt 2011


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011

HIV ist auch in deiner Stadt – Tag 2 der Tour POTSDAM

Nach ein paar Tagen off für das Team des WAT 2011 des Vereins PositivWohnen, sowie Ron Schulz und dem Ton- und Lichttechniker André der Firma ""Zound'z Unlimited"" ging es am Vorabend des Welt Aids Tages mitten hinein ins Weltkulturerbe in den Schlosspark Sanssouci. Dank der Friedenskirchengemeinde und ihrem Geschäftsführer Horst Dieter Weyrauch durften wir diese wunderschöne Kulisse für diesen Abend bespielen. Ganz vorsichtig wurden Rollkisten, Scheinwerfer und Lichtinstallationen in etwa einer Stunde in das Innere der Kirche gefahren bzw. getragen immer darauf bedacht, den wertvollen Steinboden nicht zu beschädigen. Das wichtigste auf so einer Tour ist es, dass ausreichend Kaffee vorhanden ist, dank einer großzügigen Spende der Firma ""Partyrent"" konnten wir unsere Technik schnell mit selbigem eindecken und freuten uns auf den heutigen Abend. Wie vereinbart kam auch gegen 13 Uhr die von „Massimo 18“ gesponserten Cateringplatten mit leckersten Crostini darauf und Obstsalat. Hierfür von unserer Seite herzlichsten Dank! Da uns zu diesem Zeitpunkt ein direkter Aufenthaltsraum fehlte, nutzten wir schlichtweg den Laderaum unseres 7,5t LKWs und bauten ihn zum mobilen Catering um. Etwa eine Stunde später rollten Anke Hachfeld und Claudia Engler aus Hannover gekommen vor die Kirche und schauten sich interessiert die „Bühne“ des heutigen Abends an. Da „Yolia“ erstmalig aufgeführt werden sollte in dieser Kulisse wollte alles sorgfältig geplant werden. Tänzerin Claudia Engler teilte im Vorfeld mit, dass sie für ihren Tanz Steinboden idealerweise wünsche, welchen sie nun reichlich vorfand. Auch Sängerin und Performerin Anke Hachfeld probierte die Akustik schon einmal aus und so besprachen sie in den folgenden Stunden mit unserem Technikteam einzelne Details für die Performance am Abend. Bereits im Vorfeld hatten die Ehrenamtler des Vereins an die Hotels der Stadt Freikarten für Personal und Gäste verteilt, so dass etwa 100 Freikarten im Umlauf waren. Mit einsetzender Dämmerung verwandelte sich der Kreuzgang in ein rotes Farbenmeer, dank vorher designter Lichtinstallation. Stimmungsvoll und ästhetisch wurde somit der vorbeiwandelnde Parkbesucher aufmerksam gemacht auf die Thematik HIV in seiner Stadt, bzw. der Besucher des Abends auf die Veranstaltung eingestimmt. Noch bis kurz vor Veranstaltungsbeginn postierten sich die Ehrenamtler vor den Parkeingang und verteilten Flyer mit Kondomen beklebt an die Passanten um für den Gottesdienst und das Konzert zu werben. Wer noch nicht über Plakate oder Flyerverteilaktionen Wochen vorher informiert wurde, hatte nun spontan letztmalige Gelegenheit in einmaliger Kulisse einen besonderen Abend erleben zu dürfen. Sehr unterschiedlich waren die Reaktionen der Passanten, während mir von einzelnen Herrschaften die Flyer geradezu entrissen wurden mit dem Versprechen „wir sehen uns dann später!“, lehnten andere diesen wiederum ab. Ein kleiner Junge umfuhr mich mit seinem Fahrrad öfter und traute sich schließlich doch zu fragen, was ich denn verteilen würde. Schnell entfernte ich das Kondom vom Flyer und reichte ihm diesen, woraufhin er fragte was ich denn entfernt hatte. Ehrlich sagte ich ihm, dass dies ein Kondom wäre, wofür er wohl noch etwas zu jung ist. Als sein Vater eintraf fragte er diesen nun natürlich sofort, was denn ein Kondom ist, woraufhin dieser verhalten aber fair mit seinem Sohn Aufklärung betrieb. Mit den Worten „das ist gar nicht mal so einfach zu erklären!“, verabschiedete er sich und sein Sohn winkte mir mit dem Flyer in der Hand noch nach.

Als Pfarrer Markus Schütte mitsamt Organist eintraf wurden noch letzte Details besprochen, bevor er über den Taufstein mit rotem Organzastoff eine Schleife bildete. Diese sollte während des Gottesdienstes zum Ort des Gedenkens werden. Nach und nach trafen die Gäste ein und so läuteten 19.26 Uhr die Kirchenglocken um den Abend zu beginnen. Pfarrer Markus Schütte begrüßte die Gäste des Abends in Potsdam und eröffnete seine Andacht mit einem Gedicht von Erich Fried „Es ist was es ist“. In diesem geht es um alle möglichen Gründe an der Kraft der Liebe und dem Gefühl zu zweifeln, sei es das die Vernunft es für Unsinn halte, oder die Angst den Schmerz nur im Vordergrund sieht. Pfarrer Schütte unterstreicht mit seinen Worten die Liebe füreinander und das tiefe Verständnis von Menschen, auch wenn die Krankheit HIV oder das fortgeschrittene Stadium Aids dazwischen liegt. Aber er appelliert auch, an die menschliche Nächstenliebe Verständnis und Solidarität mit Betroffenen und Angehörigen zu haben und sich über mögliche Rationalität hinwegzusetzen. Ängste können nur gemeinsam abgebaut werden, durch liebevolle Stärke und Kraft und Vertrauen zueinander und in Gott. Schütte gedenkt auch den Verstorbenen Menschen, die dieses Jahr von uns genommen wurden und fordert die Gemeinde auf ein Licht zu entzünden auf der roten Schleife. Die Gemeinde folgte seiner Aufforderung und so flackerten während des gesamten Abends die Lebenslichter lieber Menschen die Gott zu sich rief. Jeder der Anwesenden wird andere Gedanken mit dem Entzünden verbunden haben, ich selber gedenke eines lieben Freundes welcher mit nur 23 Jahren verstarb. Seine Eltern verstreuten seine Asche ohne große Trauerfeier auf der „grünen Wiese“, so dass sich außer alljährlich in Form einer Gedenkkerze kein Ort um den Verlust deutlich zu machen. Ich denke tief drinnen er sieht es vielleicht von irgendwo und kann außer in meinem Herzen Teil des Abends sein.

Nach der Andacht folgten Videoeinspieler, welche die Gäste direkt auf die Thematik HIV und Aids einstimmten fern des kirchlichen Rahmens. Da dem Moderatorenteam Ron Schulz, Ted Baxter und Max leider durch plötzliche Erkrankungen kein Live Gast zur Verfügung stand für den ersten Gesprächsblock, hörten die Gäste ein rumpelndes und schepperndes Geräusch nun den Kirchgang entlang. Schon deutlich ramponiert und von fünf Monaten Prävention in Brandenburg gezeichnet zogen das Moderatorenteam Ted und Max das „Präventionsmobil“ den langen Kirchgang vor das Rollup „Prävention in Brandenburg Ohne Moos nix los“ und im Anschluss auf die Bühne. Fassungslos betrachtete Moderator Ron den ungewöhnlichen fahrbaren Untersatz aus Einkaufstrolley und Postkisten und fragte, ob denn nichts anderes leistbar gewesen sei. Moderator Ted musste ihm dies verneinen, erklärte ihm und dem Publikum, dass man in Brandenburg seitens der Landesregierung kein erhebliches Landesinteresse für Prävention habe. Somit wurde dieses Präventionsmobil aus der Not heraus geboren und gebaut. In der nächsten halben Stunde informierten auch in Potsdam die Moderatoren über die Lebenssituation Hivpositiver Jugendlicher im Flächenland Brandenburg an konkreten jedoch anonymisierten Fällen innerhalb ihrer Beratung. Besonders deutlich eingegangen wurde in der Landeshauptstadt auf die Fördersituation von ehrenamtlicher Präventionsarbeit im Land Brandenburg, nachdem seit Gründung des Vereins im Sommer 2009 keinerlei Förderung bisher erfolgte. Jede Aktion des Vereins muss sich durch Spendengelder finanzieren, oder über Sponsoren. Das man von einer rot-roten Landesregierung die Förderung von Präventionsarbeit erwartet, unterstreicht Schirmherrin Elisabeth Schroedter in ihrer Videobotschaft aus Brüssel ganz deutlich. Hätten „Aktion Mensch“ und all die anderen freundlichen Sponsoren dieser Tour nicht ihre Hilfe und Unterstützung gezeigt, wäre „HIV ist auch in deiner Stadt“ nicht möglich gewesen. Dafür bedankte sich auch in Potsdam das Moderatorenteam ganz ausdrücklich direkt von der Bühne und durch einen Videotrailer.

Nach einer kurzen Vorstellung der Künstlerinnen Anke Hachfeld und Claudia Engler wurde übergeleitet in die Performance „Yolia“. Claudia Engler band sich mittels einer Korsage an einen Pfeiler des Altars fest, während Anke Hachfeld in meditative Klagegesänge verfiel und Bewegung Claudia Englers und Stimmgewalt Ankes zu einer Einheit verschmolzen wurden. Ausdrucksstark und ästhetisch tanzte Claudia mal an einem Stuhl sich hochziehend an imaginären Fäden marionettengleich, als wolle sie den Faden des Lebens durchtrennen während sie Anke musikalisch zurückstößt, hinein in das Leben. Mit Spieluhrmelodien weckt sie kindliche Gefühle, erzeugt sie Wärme und bei der Tänzerin wurden augenblicklich die Bewegungen weicher und lustbetonter.
Das Publikum lauschte beeindruckt Anke Hachfelds Stimme und versuchte die Bewegungen Claudias in den Einklang zum Gesang zu bekommen, aber so kurz eine Tanzhaltung eingenommen war, so schnell verflüchtigte sich diese auch – wie Lebensjahre in der Gesamtheit des Universums. Bilder aus vergangenen Lebensabschnitten stopft die Tänzerin sich in den Mund, hält sich bei der monotonen Stimme die fordernd zum Betrachten zwingt die Ohren zu, blendet die Realität aus. Sollte sich hierin vielleicht eine Metapher auch zu HIV und Aids innerhalb der Gesellschaft finden, ich persönlich fand dieses geschaffene Bild sehr stark und interpretierbar. Anke Hachfeld half schließlich Claudia Engler in ein weißes Brautkleid, während Claudias Gesicht von einer weißen Totenmaske verdeckt blieb. Auf einem Stuhl stehend tanzte diese sich nun in Rage, und gab dem Tod Ästhetik und Anmut, gab möglicherweise dem letzten Lebensabschnitt des Menschen ein Gesicht. Im Schlussbild sind beide Hand in Hand am Altar stehend verharrt. Eine Einheit bildend und in Zweisamkeit vereint. Das Publikum in Potsdam applaudierte den beiden Künstlerinnen, während sie von den Moderatoren zum Dank rote Rosen überreicht bekamen, denn rot ist nicht nur die Farbe unseres Blutes, die Farbe der Liebe, sondern auch die Farbe des Kampfes.

Zu guter Letzt stellten die Moderatoren dem Publikum noch den jungen Berliner Künstler René Melzer vor, welcher bereits in Bad Freienwalde zur Musik von ""Bacio di ToscaToscaein Gemälde hat entstehen lassen und gaben den Ausblick, dass auch zum Welt Aids Tag selbst in Eberswalde zur Musik der Spielmannstruppe „Nachtwindheim“ ein solches entstehen wird.wird.

Damit endete ein stimmungsvoller zweiter Tourtag und die Gäste traten den Heimweg an, für das WAT Team begann nun der Abbau und so wurden aus dem gesamten Team schnell Roadies, die Kisten und Koffer wieder zurück in den LKW hievten um morgen in Eberswalde das Finale einläuten zu können.

Webadresse der Band: www.singtundtanztyolia.de

NACHTWINDHEIM - Benefizkonzert HIV ist auch in deiner Stadt 2011


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011

HIV ist auch in deiner Stadt – Eberswalde

Am heutigen letzten Tag, dem eigentlichen Welt Aids Tag, der dreitägigen Tour „Hiv ist auch in deiner Stadt“ kam das WAT Team in der Waldstadt Eberswalde an. Dank der freundlichen und hilfsbereiten Aufnahme der evangelischen Gemeinde der St. Maria Magdalenenkirche wurden wir herzlich begrüßt und begannen um 11 Uhr mit dem Aufbau im Inneren der ehrwürdigen Kirche. Im Anschluss zog das Präventionsteam auf den Eberswalder Weihnachtsmarkt, wo mit freundlicher Unterstützung der Stadt Eberswalde ein kleiner Marktstand für uns bereit gehalten wurde. Mit Flyern, Lollis, Kondomen und allerlei Infomaterial im Gepäck beantwortete Berater Ted und Ehrenamtler Max gerne die Fragen der Eberswalder oder verteilten in der Menge rote Schleifen und sammelten Spendengelder für die ehrenamtliche Arbeit des Vereins. Ab 13 Uhr erhielten beide dabei prominente Unterstützung, denn Herr Lutz Landmann, Erster Beigeordneter der Stadt solidarisierte sich mit dem Anliegen des Vereins und appellierte an die Solidarität und gezeigte Verbundenheit der Eberswalder mit HIV – Infizierten oder Aidskranken, sowie deren Angehörigen und Freunden. Die Spendenbüchse füllte sich und auch die roten Schleifen wurden weniger. Jeder wurde herzlich eingeladen, dem Gottesdienst mit Pfarrer Giering und den „Westend Gospel Singers“, sowie dem Benefizkonzert von „Nachtwindheim“ beizuwohnen. Für die Mitglieder der Band war die Wohnungsbau- und Hausverwaltungs GmbH Eberswalde (WHG) so freundlich direkt in der Altstadt unweit der Kirche eine Gästewohnung zur Verfügung zu stellen, welche dankbar angenommen wurde. Selbige traf auch am frühen Abend aus Chemnitz angereist ein und war neugierig darauf, Eberswalde und seine Bürger_Innen kennenzulernen. Dazu bot sich auch nach dem obligatorischen Soundcheck reichlich Gelegenheit auf dem Weihnachtsmarkt. Mit einsetzender Dämmerung erstrahlte die St. Maria Magdalenenkirche in weißem Licht, als wäre gerade eine Filmcrew zu Gast, und machte jedem Einwohner klar – heute findet in meinen Mauern etwas besonderes statt. Interessante Gespräche ergaben sich direkt am Stand, so erklärten die Ehrenamtler des Vereins, wie ein „Schwanzometer“ am besten anzuwenden ist um die richtige Kondomgröße auch für Junior zu ermitteln, informierten über Wege der Ansteckung, verschenkten Lollies und gaben Kondome an die Eberswalder ab. Im Inneren der Kirche baute das freundliche Team des Gesundheitsamtes Eberswalde Informationstände zu sexuell übertragbaren Krankheiten auf, während daneben Pfarrersfrau Giering Fairtradeprodukte anbot. Sehr schön zeigte sich hier die großartige Zusammenarbeit zwischen Kirchengemeinde, Gesundheitsamt der Stadt und dem Verein, eine fruchtbare Verbindung mit Zukunft wie der Verein signalisierte.

Kurz vor 18 Uhr begann noch auf dem Weihnachtsmarkt der Kartenverkauf des Abends, ehe das Präventionsteam kurz vor 19 Uhr den Weihnachtsmarkt verließ und zur Kirche zog. Eigentlich hätten 19.24 Uhr die Glocken läuten sollen, jedoch hatte die professionelle Technik der Außenbeleuchtung die Glockenläutanlage stillgelegt, so dass der Welt Aids Tag Brandenburg in Eberswalde ohne obligatorische Glocken eingeläutet werden musste. Ein rumpeln und scheppern brachte auch diesmal das „Präventionsmobil“ auf die Bühne und brachte erstaunte Blicke und kichern im Publikum mit sich. Kaum einer konnte glauben, das diese „Schepperkiste“ wie ein junger Mann im Publikum es nannte, über Monate hinweg unser Transportmobil für Plakate, Programmhefte und Flyer gewesen ist. Erneut wurde das Publikum hier in Eberswalde sensibilisiert mittels Videoeinspielern für das Thema HIV und Aids. Im Anschlusss holte Moderator Ted die Pressesprecherin der Stadt Eberswalde Frau Britta Stöwe auf die Bühne und befragte sie, was die Stadt bewogen hat, so schnell und breit Solidarität mit der Tour des Vereins zu zeigen. Für die Stadt, so Stöwe, sei diese Solidaritätsbekundung eine Selbstverständlichkeit gewesen und sie hoffe auf Fortführung dieser Zusammenarbeit.
Im Anschluss begrüßte das Moderatorenteam Ron Schulz, Ted Baxter und Max die Eberswalder und hieß Sie herzlich Willkommen zum Tour - Finale. Erneut wurde über die schwierigen Lebensumstände HIVpositiver Jugendlicher im Flächenland Brandenburg gesprochen anhand anonymisierter Beratungsbeispiele aus dem Landkreis Barnim. Auf die Frage hin, ob auch Angehörige Hivpositiver Menschen sich an den Verein richten würden, erzählte Moderator Max aufrichtig dem Publikum von seinem eigenen Kennenlernen des Vereins als Angehöriger und auch davon, wie viel Mut es ihn erforderte sich selbst einzugestehen, dass die eigene Kraft nur bedingt ausreicht um dem positiven Menschen stützen zu können. Ängste und die eigene Schwäche lähmten vor diesem Schritt und letztlich haben die offenen Gespräche innerhalb des Vereins ihn ermutigt offen und frei über die Gefühle als Angehöriger heute Abend sprechen zu können.
Wie bei einer Derniere oft üblich gab es auch in Eberswalde einen Moment, der so nicht im Programmablauf stand. Moderator Max holte den Mann hinter der Show auf die Bühne, nämlich Ton- und Lichttechniker André, welcher die gesamten drei Tage für stimmungsvolle Beleuchtung und besten Klang gesorgt hatte. Oftmals vergessen, wollte sich das WAT Team 2011 bei ihm herzlichst bedanken und überreichte ihm zum Dank einen Gutschein zum Thermeneintritt des Sponsorpartners „Kristalltherme Ludwigsfelde“. Das Publikum erfuhr, dass etwa 2,5km Kabel verlegt worden sind für diese Showproduktion und mit wie viel Professionalität hier im Vorfeld gearbeitet wurde. Auch Mitmoderator Ron Schulz wurde zum Ende der Tour mit einem solchen Gutschein bedacht, und sichtlich gerührt nahm er diesen entgegen. Diese persönlichen Danksagungen des Teams WAT 2011 leiteten über in den Danksagungstrailer an alle Sponsoren dieser Tour und beendete damit den Showblock fürs Erste.

Mit der Frage „Wie soll ich denn nun zum normalen Gottesdienst überleiten?“ eröffnete Pfarrer Hans Peter Giering sichtlich bewegt den Gottesdienst, da es ihm schwer fiel von der geschaffenen Emotionalität im Raum zum adventlichen Gottesdienst überzuleiten. Er nahm mittels eines Weihnachstliedes „Tochter Zion“ die Schwere heraus und brachte die Menschen hin zu einer namentlichen Stimmung. In seiner Gemeinde sei es üblich in der Vorweihnachtszeit den Gottesdienst gemeinsam mit dem Singen eines Weihnachtsliedes zu beginnen, und so erschallte es aus den Kehlen der Gäste. Pfarrer Giering sprach davon, wie schwierig es offenbar doch noch ist in Eberswalde für die Thematik HIV und nicht zuletzt Aids zu sensibilisieren, er es aber als eine Verpflichtung betrachtet hat die Anfrage des Vereins PositivWohnen vor Monaten bejahend zu beantworten. Die Kirche dürfe die Augen auch vor dieser Realität nicht verschließen, man wisse nicht, wie viele Menschen hier infiziert sind und ob nicht sogar hier in der Kirche heute Abend Betroffene sind. Er spricht davon, dass Aids noch immer nicht heilbar ist, aber die Ignoranz und mögliche Vorurteile heilbar sind durch Gespräche und nicht zuletzt auch durch die Hilfe Gottes, so man sich denn an ihn richten möchte. Für stimmungsvolles San Francisco Feeling sorgten die Damen und Herren der „Westend Gospel Singers“, deren Chorleiter Pfarrer Giering darstellt. Mit Songs wie „Joy to the World“ entstand ein internationales Flair im Kirchenraum und spürte man wie sehr Musik und Gesang Menschen verbindet. Die Gäste im Kirchenraum schnippten mit den Fingern oder klatschten zum Rhythmus mit und applaudierten nach jedem Song. Nach der Fürbitte in der Pfarrer Giering um Gottes gnädige Hand bittet über Menschen mit HIV und Aids, deren Familien und Angehörigen und denen, die Solidarität und Verbundenheit zeigen, erteilt er der Gemeinde Gottes Segen!

Moderator Ted stellt nach einer kurzen Pause den Gästen den jungen Berliner Künstler René Melzer vor, welcher auch am letzten Abend der Tour zur Musik von „Nachtwindheim“ ein Gemälde entstehen lassen wird. Dieses soll dann zugunsten des Vereins versteigert werden nach dem Konzert. René hatte bis dahin noch nicht zu mittelalterlicher Musik gemalt, war aber in der Soundcheckprobe schon sehr angetan und freute sich auf das Experiment.

Moderator Max versetzte die Gäste im Anschluss gedanklich zurück in das Mittelalter, nachdem er den ganzen Tag auf dem Eberswalder Weihnachtsmarkt war mit Feuerschalen und einem handgetriebenen Karussell fiel dies auch wenig schwer, vom San Francisco Feeling des Gottesdienstes auf den Marktplatz vor etlichen Jahrhunderten zurück zu gehen. Im Anschluss enterten die Spielleute „Nachtwindheim“ erstmals in einer Kirche spielend die Bühne und erzählten, dass das Mittelalter ja schon viel früher begonnen hätte, etwa vor 6000 Jahren zwischen Kambrium und Tertiär einzuordnen. Humor und Witz unterstrich dieses Konzert, welches für immens gute Laune beim Publikum sorgte. Mit Sackpfeifen, Schalmei, Trommeln und Gesang erklangen Musikstücke über den Frühling, der Liebe sowie mittelalterliche Tanzkracher. Dem Publikum wurde die Verhütung im Mittelalter erklärt, so hätte man Schafdarm hergenommen, jedoch sollte man so Henne der Fairness halber, dass Schaf vorher abmachen. Nach dem eigentlichen Konzertblock wollten die Eberswalder die drei Jungs keineswegs gehen lassen, nachdem sie für so heitere Stimmung gesorgt hatten, dass Zugaben gefordert wurden und alle drei ihren dudeligen Säcken ordentlich einbliesen – „echter Heavy Mörtel“ eben! Den Chemnitzern machte die Atmosphäre sichtlich Spaß! Parallel zum Konzert entstand auf der Leinwand das Gemälde von René Melzer und bildete Konzert und der Entstehungsprozess für das Publikum eine harmonische Einheit. Mit warmen Farben entstand ein dichter Herbstwald in den hinein René eine menschliche Gestalt hineinzauberte. Fantasievoll und ästhetisch wurde akustische Kunst in eine gestalterische bildliche Kunst hineintransferiert.

Dieses Kunstwerk galt es nun zu versteigern und so appellierte Moderator Ron Schulz an die Geldbeutel der Gäste. Sicherlich hätte sich René Melzers Gemälde auch gut im Rathaus gemacht, oder im Gemeindekirchenhaus von Eberswalde. Jedoch entwickelte sich die Versteigerung zum nervenaufreibendem Kampf zwischen dem Bad Freienwalder Pfarrer Björn Ernst als Privatperson und der Gruppe Nachtwindheim. Am Ende des Abends ging der Zuschlag nach Chemnitz und freudig nahmen André, Andreas und Henne ihren neu erworbenen Schatz entgegen.
So postierte sich das gesamte WAT Team noch einmal auf der Bühne für das Finalfoto und entließ im Anschluss das Publikum in die Eberswalder Nacht.

ASP - Fremd


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Gothic Novel Rock Records

ASP – fremd
(VÖ: 21.Oktober 2011 Gothic Novel Rock Records)

Kaum ist seine Metamorphose von der Raupe hin zum filigranen Schmetterling beendet und damit gewissermaßen die Auferstehung als Requiemembryo gefeiert worden, weiß ASP erneut durch Wandlungen und musikalische Wiederkehrzu erklären wie „fremd“ und vertraut man sich selbst zugleich sein kann.
Der Titelzusatz „Fremder Zyklus Teil 1“ verdeutlicht den Aufbruch in ein neues Zykluskapitel für ASP und seine Band, die auch gleich deutliche Zeichen für einen Neuanfang setzt. Der langjährige Schmetterlingszyklus war beendet, die Geschichte um Krabat erzählt, so beginnt nun die Zeit für neue eigene Geschichten. Nach der Trennung von Mitbegründer und langjährigem Kopf Matthias Ambré und der Veröffentlichung des gesamten Schmetterlingszyklus sah alles nach völligem Neuanfang aus und dem Abschluss des fünfteiligen Zyklus. Doch ganz so klar sind die Trennungslinien für „fremd“ nicht zu ziehen, darauf deutet allein schon das Cover des Albums hin. Ein geflügeltes Wesen schwebt auf dem Cover mit Flügeln aus gotischen Fensterbildern gebildet – fremd und vertraut zugleich. Wie man von Alexander Spreng erfährt ist die unklare Trennungslinie der Tatsache verschuldet, dass der Schmetterlings – Zyklus die Vorgeschichte darstellte zu dieser neuen Erzählung, so dass sich nun viele verbindende Elemente im textlichen wie musikalischen Rahmen finden lassen.
Laut ASP steckt textlich unheimlich viel Persönliches von ihm, niemals platt und auf dem Tablett serviert, sondern unter vielen Schichten und Bedeutungsebenen verborgen. In der Tat ist ASP noch niemals leicht verdauliche Kost gewesen, aber den Anspruch hatte die Band auch nie, sondern faszinierte stets durch ihre Tiefgründigkeit und aufgebaute Mystik rund um Mastermind ASP selbst. Jedem Hörer blieb stets selbst überlassen, wie tief und weit er den Weg mitgehen kann und will, aber in jedem Fall ist die Kellertreppe diesmal in die „Angstkathedrale“ aufgestoßen und man muss für sich selbst entscheiden, ob man sich darin „fremd“ fühlt und die gemischten Gefühle des „Wechselbalgs“ teilt, oder ob nicht die Aspsche Nachtmusik voller Düsterromantik den Hörer zum Vertrauten macht.
Der Einladungen intensiv zu lauschen sind mit jedem Song mehr ausgesprochen und es sei versichert, dass die Jenigen, welche ASP bisher schon mochten auch dieses Album schnell mögen werden. Der Klang ist insgesamt weniger verspielt, eine düstere Stimmung vehementer durchgesetzt, aber stets auch mit neuen Facetten versehen worden – „Angstkathedrale“ beweist diese Nuancen eindrucksvoll. ASP erzählt dem Hörer einmal mehr schöne Geschichten, die emotional bewegend sind und mit Sicherheit dazu führen werden, dass sich der Hörer in der Welt etwas weniger allein und fremd fühlen muss. ASP will nicht den Zeigefinger erheben, gar als Lehrmeister verstanden werden, denn sein ganzes Wissen ist das Wort, dies allein ist des Künstlers Macht und diesen Schatz teilt er lyrisch – poetisch mit jedem der bereit ist ihm zu lauschen!




(Maximilian Nitzschke)

SUBWAY TO SALLY - Schwarz in Schwarz


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Universal / STS Vertrieb

Subway to Sally – Schwarz in Schwarz
"(VÖ: 23.September 2011 Universal)


Vom ersten Ton an vermittelt das nunmehr elfte Studioalbum der Potsdamer Subway to Sally eine angenehmes Gefühl des Vertrauten, denn es finden sich die klassischen Harmonien und nicht zuletzt Erics markante Stimme tragen die düsteren und melancholischen Texte. Dieses Album ist ein klarer Liebesbeweis an die schwarze Szene, aus der die Anhänger Subways mehrheitlich stammen und diese tiefe Verneigung macht Spass und ist nicht zuletzt ungemein tiefgründig. Schlagzeuger Simon Michael Schmitt gab mit dem plötzlich aufgekommenen Begriff „das schwarze Meer“ und der Zeile „ich sehne mich so sehr nach dem schwarzen Meer“ dem neuen Kind ein düsteres Gesicht und so mag das Cover im ersten Moment ungewohnt einfarbig wirken. Der angedeutete Ochsenschädel vor der schwarzen Mondenscheibe schiebt sich von der Sonne weg und lässt einen Spalt breit Licht hinein, weckt die Assoziation einer Sonnenfinsternis. In aller Schwärze liegt auch Licht, wer vor sich Schatten sieht, muss hinter sich auch Licht haben. Diese Gegensätzlichkeiten reihen die Potsdamer episch und metallastiger in elf eingängigen Songs tiefgründig aneinander.
Im schon angesprochenen Opener „Das Schwarze Meer“ findet sich der Hörer zwischen massiven Riffs wieder, die durchbrochen werden durch Elemente des Folkrock. Manch einem mag das Stück als Einstieg zu sperrig sein, ich jedoch betrachte es inhaltlich und sehe diese Fanhommage goldrichtig platziert. Von der Bühne aus betrachtet sieht Subway to Sally ihre Fans oftmals als ein großes schwarzes Gewässer, junge dynamische Menschen die ihre Lieblinge oftmals im wahrsten Wortsinn auf Händen tragen. Gerade die Textzeile „Wie es mich trägt, wie es mich wiegt, stark und vertraut“ macht in meinen Augen die Annähe Subways und nicht zuletzt auch die Bodenhaftung deutlich. Während andere Bands die seit ähnlich langer Zeit im Geschäft sind wie Subway krampfhaft versuchten durch Duette mit Popsternchen oder Klatschspaltenhomestorys sich in den Vordergrund zu drängen, bewiesen Sie einzig und allein durch die Kraft ihrer Musik und ihrer Liveshows. Subway spekulierte nicht auf den großen Hype um sich, sondern der Erfolg wurde von Album zu Album kontinuierlich größer.

Den Zwang sich nicht zitieren zu dürfen haben sie mit „Schwarz in Schwarz“ abgelegt, lassen auch musikalische Wiederholungen durchaus zu, dennoch klingt nun kein Song wie ein bereits bestehender von älteren Platten. Auf „Schwarz in Schwarz“ reihen sich Metallkracher neben Folksongs mit Laute, Geige und Dudelsack neben eindringliche Balladen. Der Wechsel innerhalb der jeweiligen Härtegrade ist angenehm für den Hörer, was vermutlich auch daran liegen dürfte, dass uns die markante Stimme Eric Fishs stets an die akustische Hand nimmt und keine Stagnation aufkommen lässt. Vielleicht schreit, tobt und brüllt er seine Verzweiflung einmal heraus, stößt die Vertrautheit und Nähe des Hörers von sich, um ihn aber zugleich zurückzuholen und ausgepowert von dem Emotionsausbruch aufgefangen zu werden – das schwarze Meer begleitet den Sänger mit jedem Song!

Ein sehr starker Song ist für mich „Wo Rosen blüh'n“, welcher inhaltlich einer wahren und traurigen Geschichte folgt. Vor einem Jahr verstarb eine Freundin der Band durch einen Unfall. Texter Bodenski nahm an dem Begräbnis teil und fand die Rede des Pfarrers in den Formulierungen verlogen. Er sprach wohl davon, dass der Weg auf der anderen Seite weitergehe, eine Aussage die Bodenski nicht akzeptieren konnte! Jemand stirbt in der Blüte seines Lebens, weil ein Wildschwein über die Straße lief und der Zusammenprall mit dem Motorrad tödlich verlief. „Dein Grab ist eine Wunde, die keine Erde schließt, ich balle meine Hand zur Faust, die in den Himmel schießt..“ Ich selber kann diese Wut und das Gefühl der Ohnmacht nur zu gut verstehen, verlor ich selber auf ähnlich tragische Weise durch einen Autounfall eine liebe Freundin. Ihr Grab schließt für mich auch keiner – danke Subway dafür, dass ihr Worte gefunden habt die diese Gefühle einschließen können und ein Stück der Trauer wegzunehmen in der Lage sind.
Kollegiale Trauer nimmt „MMXII“ auf und beschreibt die Apokalypse und den Untergang der Welt aus der Sicht von Atomunfall- oder Terroropfern. Der Protagonist hasst die übrige Welt, die von Katastrophen verschont blieb, und wird zum Amokläufer. Der Titel „Bis in alle Ewigkeit“ beschreibt ein Mädchen, welches in Depressionen gefangen ist. Interessant ist, dass Subway to Sally nicht den Ritter auf dem weißen Pferd kommen lassen, der dieses Mädchen aus befreit, sondern ihn stattdessen fliehen lassen. Sie wird nicht gerettet, es gibt kein Happy End, denn er will sich nicht in ihre Geschichte hineinziehen lassen.

Auch wenn die Themen düsterer erscheinen als bisher, ein Konzeptalbum ist „Schwarz in Schwarz“ nicht, vielmehr loten sie verschiedene Wege der depressiven Tiefen aus. Mit „Nichts ist für immer“ machen sie Hoffnung, darauf das alle Schmerzen, Alpträume und Perioden der Dunkelheit nicht ewig andauern. Aus dieser Erkenntnis möge der Hörer Trost schöpfen während er der Düsternis des Albums lauscht!








(Maximilian Nitzschke)

VCMG - EP1 / Spock

Wiederveröffentlichung: Download 2011 / Mute Records
Erstveröffentlichung: 12 Inch EP 2011 / Mute Records / 12MUTE475

Was für eine Sensation! Nach rund 30 Jahren tun sich Martin L. Gore (Depeche Mode) und Vince Clarke (Depeche Mode, Erasure, Yazoo) wieder zusammen und machen gemeinsam Musik. Beide zusammen haben mit ihren Bands (musste ich die überhaupt nennen?) die Musikgeschichte nachhaltig beeinflusst. Die zahl der Hitsingles, Nummer 1-Alben, ausverkauften Konzerte und vor allem der Fans ist unermesslich.
Warum also starten die beiden ein neues, kleines Projekt, wenn sie doch mit ihren Hauptaktivitäten genug zu tun haben und erfolgreich sind? Weil sie Lust dazu haben. Weil sie immer noch Herzblut-Musiker sind. Und weil sie zeigen wollen, dass sie es noch können.
Das zeigen sie mit der ersten Download-EP und 12“ „EP 1 / Spock“. Wer nun aber gedacht hat, hier gibt es den absolut perfekten Synthie-Pop für das dritte Jahrtausend zu hören, wird vielleicht enttäuscht sein. Klar könnten die beiden das machen. Die Idee war aber, mit modernem Techno-Sound zu experimentieren und das bedeutet: zurück zu den Wurzeln des Stils, also mit einem durchaus experimentellem Ansatz, extrem tanzbar und minimalistisch ohne jedwede Kirmes-Techno-Elemente und natürlich instrumental. Das ist nichts für die Charts und soll es wohl auch gar nicht sein. Ich bin zwar kein ausgesprochener Techno-Kenner, aber so ähnlich muss es wohl Ende der 80er Jahre bei den ersten illegalen Underground-Raves abgegangen sein. Absolut hypnotisch und aufgrund der Experimentierfreude auch für mich interessant und hörbar. Die Ursprünge bei der Electronic Body Music der 80er Jahre sind spürbar, aber „Spock“ klingt alles andere als altmodisch. Ich nehme stark an, dass der eine oder andere Mix des Stückes auf dieser EP auch in den Clubs für Bewegung sorgen wird. Für die Mixe hat man DJs und Produzenten engagiert, deren Namen mir zwar nichts sagen, die aber wohl in der Techno-Szene zu den Großen und Bekannten gehören. Dass die Veröffentlichungen auf Mute Records erscheinen, muss wohl kaum extra erwähnt werden.
Die 12“ enthält vier Mixe von „Spock“, die digitale Veröffentlichung einen mehr. Alle klingen deutlich unterschiedlich, gemeinsam ist ihnen aber eine gewisse Verspieltheit und, dass sie nicht unbedingt so klingen, als wenn sie unbedingt in den Charts Erfolg haben müssten, sondern, als wenn hier Electromusiker, die niemandem mehr etwas beweisen müssen, einfach aus Lust und Laune rumexperimentiert haben. Mein Favorit ist der „DVSI Voyage Home Remix“, der tatsächlich ein bisschen was von Recoils ersten beiden Platten hat. Ich bin auf das angekündigte Album gespannt. Und ja: diese Rezension ist bestimmt auch ein bisschen dadurch beeinflusst, dass Clarke und Gore meinen Musikgeschmack seit fast 30 Jahren nachhaltig geprägt haben und sie bei so einem Projekt von vorneherein einen kleinen Bonus haben. Trotz dieses subjektiven Vorsprungs finde ich die Musik aber auch ganz ehrlich gut. Und weil ich Recoil gerade schon erwähnt habe…warum holt man nicht gleich noch Alan Wilder hinzu? Das wäre doch ein echtes Traum-Trio! (A.P.)

AMDAMDES - Guten Morgen Deutschland


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Nix Gut / NG 228

Ich habe keine Ahnung, was der Name AMDAMDES der bayerischen Punk-Band bedeuten soll, habe aber ehrlich gesagt auch nicht weiter recherchiert. Aber ist ja auch völlig egal, so lange die Musik der seit etwa zehn Jahren existierenden Band gut ist. Auf dem dritten Album, erschienen beim Deutsch-Punk-Label Nix Gut, „Guten Morgen Deutschland“ wird so ziemlich das abgeliefert, was man erwartet, nämlich recht eingängiger Punk-Rock, der gerne auch mal versucht, Geschwindigkeitsrekorde zu brechen. Dazu deutschsprachige Texte mit den üblichen Themen, also über Amiland, gegen Bullen, ein bisschen übers Saufen und natürlich was gegen Nazis. Eine Coverversion von Slimes „Polizei SA/SS“ dürfte eine Menge aussagen, auch, wenn AMDAMDES ansonsten eher nach Rasta Knast und zahlreichen anderen Deutsch-Punk-Bands der 90er klingen, als nach den legendären Hamburgern. Wie viele andere Bands zuvor gibt es in den Texten, die insgesamt ohne größere Peinlichkeiten auskommen, auch Kritik an der eigenen Szene. Selber sieht die Band ein bisschen nach einer Nu-Metal-Band aus und tatsächlich, hier und da glaube ich auch bei den Gitarren ein wenig Metal-Sound zu hören, der aber nie zu viel wird. Ein Akustik-Stück (Aufbruch-Hippie…ick hör dir trapsen…) und einmal ein kurzer Ska-Punk-Einschub (bei „Polizei SA/SS“) sind auch noch zu hören. Technisch hat das Quartett einiges drauf, der Sound ist hervorragend produziert und sehr ohrwurmträchtig, manchmal fast ein wenig zu glatt. Da findet sich deutlich die Handschrift von Studiomensch Martin K. wieder (der von Rasta Knast, nehme ich mal an). Wenn die Gruppe die Power und das Tempo auch live hinbekommt, dürfte der Pogomob vor der Bühne nicht zur Ruhe kommen.
Zweifellos hätte dieses Album fast genau so auch in den 90ern auf Labels wie A.M. Music oder Impact erscheinen können. Wer also auf diesen recht klassischen Deutsch-Punk-Sound steht, macht hier garantiert nichts falsch. Live dürfte man spätestens ab „Polizei SA/SS“ auf der sicheren Seite sein. (A.P.)

Webadresse der Band: www.amdamdes.net

TILBURY ON CLOVES - Blindshow


Erstveröffentlichung: CD 2006 / Dead Scarlet Records

TILBURY ON CLOVES ist eine griechische Band, die bereits seit Mitte der 90er Jahre existiert und einige Line-Up-Wechels durchmachen musste. Dadurch hat sich sicher auch der Musikstil im Laufe der Zeit verändert. Anfangs war die Band noch auf Compilations aus den Bereichen Metal und Indie-Rock, wenn man dem Internet glauben darf. Davon ist inzwischen nichts mehr zu hören. Das zweite Album der Band „Blindshow“ erschien 2006 auf dem Label Dead Scarlet Records und zeigt die Band als interessante und eingängige Mischung aus alten Gitarren-Wave-Elementen (For Against, Chamelenos), Früh 90er Shoegaze-Sound (Slowdive), etwas Experimental-Ambient (Sigur Ros, Durutti Column) und modernen elektronischen Spielereien. Das ist sehr gefällig, ohne aber belanglos zu werden. Nur ganz selten wird es mal etwas zu seicht, worüber man aber leicht hinweghören kann. Die Musik ist nicht spektakulär, aber einfach schön, wenn man elektronisch angehauchten Ethereal-Wave-Pop hören mag und das Album eignet sich wunderbar zum „immer hören“, auch, wenn man sonst auf gar nichts Lust hat. Unaufdringliche, aber nicht banale Hintergrundmusik im besten Sinne. Leute, die sich noch an die wunderbaren Frazier Chorus erinnern oder auch sonst den eher ätherischen 4AD-Sound der späten 80er/frühen 90er mögen, sollten hier mal reinhören. Fans vom Label Projekt Records machen sicher auch nichts falsch. (A.P.)

Webadresse der Band: www.myspace.com/tilburyoncloves

COMPILATION - Doppelhertz Vol. 2


Erstveröffentlichung: Doppel-LP 2011 / Kernkrach Records / Hertz 033

Kein Mensch weiß, warum dieser Doppel-LP aus dem Hause Kernkrach eine Tube Senf und eine einzelne Seite aus der Warendorfer Lokalzeitung „Die Glocke“ beiliegt. Falls man gerade mal in Amerika ist, kann man zumindest vielleicht noch die Postkarte mit dem Suchaufruf nach der Katze „Softie“ mitnehmen, die das Kunstprojekt „Der Brandstifter“ als Beilage gespendet hat. Immerhin ist darauf die Limitierungs-Nummer zu dieser Veröfentlichung vermerkt. Ansonsten ist die Verpackung dieses Samplers ein klassisches Doppel-LP-Aufklapp-Cover, das noch einmal in einer Kernkrach-Plastiktüte steckt. Stilecht hat man sich von einer Stofftasche bei Teil 1 von „Doppelhertz“ zur Plastiktüte entwickelt. Ist für minimal-elektronische Musik irgendwie auch passender, als so ein Hippie-Umwelt-Kram, und das meine ich nicht ironisch.
Was zählt ist aber die Musik.
Auf vier LP-Seiten gibt es 23 mal meist sehr schönen Minimal-Electro (relativ wenig), Synth-Pop (viel) und Electro-Wave (auch viel) zu hören, der absolut Kernkrach-typisch ist und neben einigen alten Bekannten auch jede Menge bisher unbekannte Namen präsentiert. Dabei nehme ich aber an, dass hinter vielen Projekten bekannte Szene-Musiker stecken, insofern ist das hier wie eine Langspiel-Begleitung zu 7“-Serien wie „Hertz-Schnitt 100“ und der Reihe von F.K.K.-Musik. Nicht ohne Grund dürften auf vielen Bandfotos im Cover die Musiker nicht zu erkennen sein.
Die Bands/Projekte kommen aus Deutschland, USA, Neuseeland, Schweden, Russland und einigen weiteren Ländern, eine sehr internationale Mischung also. Musikalisch kriegt man das geboten, was man aus dem Hause Kernkrach gewohnt ist, Fans und Sammler können also bedenkenlos zugreifen und sich Musik anhören von FIESE ART, HYPERBUBBLE, STERNREKORDER, DAYBED, COMA NOIR, NEWCLEAR WAVES, NEONLICHTER IM AUSVERKAUF, STURM CAFE, MICROWELT, DR. DOOMSDAY & HIS NUCLEAR (oder NEWCLEAR, wie auf dem Cover vermerkt ist) WISEMEN, GRX-8, NETT UND VIELLEICHT, SELECTO, DIE ERSTARRTEN, COSMIC HULA RADIATORS, SAUZEUG, RELATIVE KÄLTE, BLOODYGRAVE & DIE LUST, RISK RISK, AVONRIM, VIDEODODIR, GRILLHÄHNCHEN & POMMES und PETRA FLURR.
Zu den Hits gehören auf jeden Fall COMA NOIR, die stark an Spät 80er Ruhrpott-Wave erinnern, die kraftvollen DR. DOOMSDAY & HIS NUCLEAR WISEMEN und die COSMIC HULA RADIATORS, die hier stark an Stratis erinnern. An gute NDW-Zeiten erinnern zudem AVONRIM.
Wie nicht anders zu erwarten, wieder einmal ein guter Sampler, der allerdings reine Minimal-Freaks vielleicht nicht völlig begeistert. Wer aber die Compilations aus dem Hause Wierd mag, liegt auch hier richtig. (A.P.)

Webadresse der Band: www.kernkrach.de

SOLAR SKELETONS - Frozen Jail Of Reversed Demons


Erstveröffentlichung: LP 2011 / Just Another Winter / T.u.T./R.u.R. / JAW04

Wenn man Just Another Winter tatsächlich als (Post-Black-)Metal-Label ansieht, wie es die ursprüngliche Intention ist, so bekommt man hier eine sehr eigenwillige Art von Metal geboten. Es scheint eher so, dass sich hier Musiker austoben dürfen, die grundsätzlich schon in den bereichen Doom Metal oder Black Metal zugange sind, sich aber auf Just Another Winter mal mit anderen Klängen austoben wollen und dürfen. Dabei kann man oft die Inspiration und auch die Atmosphäre aus den düsteren Metal-Spielarten erkennen, zu hören bekommt man aber eher ambiente, elektronische Klänge, die ziemlich düster erscheinen. Genau in dieses Schema passen auch die SOLAR SKELETONS, die mit dieser LP, je ein langer Track auf der A- und der B-Seite, sehr finstere Klangwelten erkunden, ohne dabei ins reine Dark-Ambient-Genre abzudriften. Dafür sorgen schneidende Gitarrenklänge, die direkt aus der Hölle zu kommen scheinen und zumindest entfernt die Metal-Verwandschaft widerspiegeln, hier aber eher wie ein weißes Rauschen erscheinen. So entstehen Klänge, die man in einem herrlichen Horror-B-Movie der 70er Jahre als Untermalung für satanistische Rituale verwenden könnte – und das ist als Kompliment gemeint. Etwas zugänglicher ist die B-Seite, die mit den dumpfen Trommelschlägen und rezitierenden Stimmen etwas an ganz frühe Current 93 oder Nurse With Wound erinnert.
Wie alles, was aus dem Hause Treue um Treue/Reue um Reue kommt, ist das Artwork schlicht, aber edel, bis hin zum schicken Beiblatt. Das alles ist ebenso düster, wie die Musik und das schwarze Vinyl ist auf 200 Exemplare limitiert. (A.P.)

Webadresse der Band: www.tutrur.com

INOX KAPELL - Werkschoh


Erstveröffentlichung: Doppel-LP 2011 / Hertz-Schrittmacher / Urknall Tonquelle / Kernkrach / Hertz 9999

INOX KAPELL ist seit weit über 20 Jahren im Underground aktiv, irgendwo zwischen Musik, Kunst und positivem Irrsinn. Ich werde nie vergessen, wie er in den 90er Jahren bei unserer TV-Show im Offenen Kanal Hamburg mit einem gigantischen Ernie-Kopf auftauchte. Ein netter, angenehm durchgeknallter Kerl. Obwohl er viel Musik auf Cassetten, Platten, CD-Rs und CDs veröffentlicht hat, habe ich sein Schaffen irgendwie nie so richtig verfolgt. Da ist die jetzt gemeinsam von Urknall Tonquelle und Kernkrach veröffentlichte Doppel-LP „Werkschoh“ natürlich eine wunderbare Gelegenheit, tiefer in die seltsame Welt von INOX KAPELL einzutauchen. 30 Songs, Miniaturen, Mini-Geschichten und mehr von 1988 bis heute gibt es zu hören, wobei die Geschichten, so sie denn echt sind, wahrscheinlich noch älter und vor allem sehr fantasievoll sind. Auffallend ist, dass INOX KAPELL offenbar eine starke Vorliebe für Käfer, Spinnen und anderes Krabbelgetier hat, sind sie doch in allen Stücken textlich vertreten.
Musikalisch wird Vielfältiges geboten, durchweg elektronisch und minimalistisch, mal eingängig, mal experimentell. Wer die Sachen von Harald „Sack“ Ziegler hier und da mit dem Kinderinstrumentarium zu albern findet und gleichzeitig meint, dass dem Brandstifter etwas der Spaßfaktor bei seiner Kunst abgeht, dürfte bei INOX KAPELL genau richtig sein, denn er bewegt sich genau zwischen diesen Polen. Dazu oft eine ordentliche Prise NDW. Sicher ist das keine Musik für jeden Tag oder zum nebenbei hören, schon gar nicht in dieser konzentrierten Masse, aber es finden sich schon eine ganze Menge kleine Hits, die man immer wieder gerne hört, zum Beispiel das schöne „Wir Sind Insekten“, das wie ein merkwürdiger Depeche Mode B-Seiten-Remix aus Mitte der 80er Jahre klingt. Oder das Palais Schaumburg-eske „Ich Bin Ein Insekt I“. Schön tanzbar ist „Hoch Lebe Der Leuchtende Schmetterling“ und „Leb Wie Ne Termite I“ und „Gottesanbeterin“ könnten direkt von Der Plan stammen.
Die zwei schweren schwarzen Vinyl-Scheiben kommen in einem fetten, sehr bunten Aufklappcover und sind auf 400 Exemplare limitiert. Eine schöne, echte Underground-Veröffentlichung, bei der mir nicht ganz klar ist, warum sie nicht in der normalen Hertz-Schrittmacher-Listung erschienen ist. (A.P.)

Webadresse der Band: www.inoxkapell.de

PENCILCASE - Kansas City Shuffle


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Xochipilli Records / new Music Distribution

PENCILCASE kenne ich nicht, aber der Name und die Tatsache, dass die Promotion über Finest Noise erfolgt legt den Verdacht nahe, dass es sich um Alternative Rock handelt. Na ja, genau das wird dann auch geboten. Kraftvoll und gut produziert gibt es eine Stunde Rockmusik auf die Ohren, die laut Info von den Foo Fighters, Audioslave und Puddle Of Mudd beeinflusst ist. Weitere Anhaltspunkte für den Stil der Band könnten sein, dass sie auf irgendeinem Festival von einem ehemaligen Tote Hosen-Mitglied aufgetreten sind und bei Samiam, Bela B und Dog Eat Dog als Vorband gespielt haben. Wen Namedropping beeindruckt, könnte das interessieren. Mir ist so was recht egal, vor allem, wenn die Musik einfach nicht so mein Fall ist. Nichts gegen Alternative Rock, aber damit ist der Markt so überschwemmt worden in den letzten Jahren, dass kaum noch mal was wirklich Besonderes erscheint. Hier wird das Ganze mit einer ordentlichen Portion Schweine-Rock und etwas Metal ergänzt. Wie gesagt, gut produziert, aber eben nicht meine Tasse Bier.
Warum auf der Promotion-CD weder eine Kontaktmöglichkeit zur Band noch zum Label angegeben ist, weiß wohl auch niemand so genau. Vergessen? Bei Interesse also mal bei Finest Noise anfragen oder im Plattenladen fragen, ob die ohne irgendeine Bestellnummer bei New Music Distribution ordern können. Oder ganz modern mal im Internet suchen. (A.P.)

COMPILATION - Noise And Resistance


Erstveröffentlichung: DVD 2012 / Good!Movies / Indigo / Indigo DV 95887-8

The Exploited haben nicht gelogen, als sie Anfang der 80er Jahre sangen „Punk’s Not Dead“. Aber Punk hat sich verändert im Laufe von nunmehr rund 35 Jahren seit die Sex Pistols zwar nicht als erste, aber doch als medienwirksamste Band eine kulturelle Revolution ausgelöst haben. Diese Revolution war weniger musikalischer Natur, als dass plötzlich wirklich jeder etwas machen und veröffentlichen konnte. Natürlich wurde die Revolution gleich kommerzialisiert, damit sich bloß nicht wirklich etwas verändern konnte, aber im Underground hat sich der Do It Yourself-Gedanke gehalten und zwar weltweit und sehr vielseitig.

Die beiden Filmemacherinnen Julia Ostertag und Francesca Araiza Andrade zeigen das in ihrem Film „Noise And Resistance“ sehr gut, wobei sie sich überwiegend (aber nicht nur) auf Punk konzentrieren und hierbei in Europa bleiben. England, Deutschland, Russland, Spanien, Schweden stehen im Mittelpunkt. Wobei natürlich das Leben als Punk und DIY-Künstler in Deutschland viel einfacher ist, als in Moskau, wo man sich als Untergrund-Aktivist hin und wieder wohl wirklich in Lebensgefahr begibt. Anhand von Interviews und vielen Konzertausschnitten in besetzten Häusern, abbruchreifen Fabriken, auf winzigen selbstgebauten Bühnen oder bei unkommerziellen Festivals wird eine Szene gezeigt, die zwar nicht homogen aber doch europa- und weltweit vernetzt ist. Ich gebe gerne zu, dass ich von den meisten, eigentlich sogar allen Bands (bis auf Crass und Rubella Ballet) noch nie gehört habe, aber man merkt ihnen an, dass sie etwas sagen wollen, ohne des Spaß dabei zu vergessen. Zu hören und zu sehen sind SEEIN RED, ANTIMASTER, DISFEAR, FALL OF EFRAFA, PERSONANGREPP, LA CASA FANTOM, SJU SVARA AR, TOM SAWYER, POLITZEK, TRANSICION, VALD, VICIOUS IRENE, SOOKEE, WHAT WE FEEL, RUBELLA BALLET und CRASS. Keine Frage, wenn man sich in dieser Welt bewegt, ist man politisch und hat was zu sagen, denn natürlich könnte man es sich viel bequemer machen. Bequem wollen die Aktivisten es aber nicht haben. Wie weit es mit dem Zusammenhalt wirklich geht, wenn es ernst wird, wird nicht klar. Einige russische Musiker werden wohl aus Sicherheitsgründen nur gesichtsverfremdet gezeigt, kaum vorstellbar, dass so etwas in Deutschland, Spanien, Schweden oder England notwendig wäre.
Ob es diese sich selbst als anarchistisch sehende Szene in dieser Art heute gäbe, wäre nicht Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre die englische Band CRASS in vollkommener Konsequenz aktiv gewesen, möchte ich bezweifeln. CRASS war wirklich weitgehend unabhängig, eher ein Kollektiv als eine Band und wahrscheinlich den großen Plattenfirmen unheimlich, weil sie sie nicht vereinnahmen und kommerzialisieren konnten. Klar, dass die Band also auch in diesem Film vorkommen muss. Die in die Jahre gekommenen Ex-Mitglieder haben nichts von ihrer Glaubwürdigkeit verloren, nehmen sich aber auch selbst nicht zu wichtig, obwohl CRASS wahrscheinlich eine der wichtigsten englischen Bands aller Zeiten ist. Und genau das ist wohl der eigentliche Inhalt des DIY-Gedankens: tu was, aber stell Dich selbst nicht in den Mittelpunkt.

Der Film fängt das alles als eine Art Collage gut ein, es werden viele verschiedene Sichtweisen und Standpunkte klar, es gibt Ausschnitte von sehr unterschiedlichen Bands und man wird als Zuschauer wirklich einmal quer durch Europa gejagt. Was mir etwas fehlt, ist Humor. Das alles kommt doch sehr ernst rüber und bedient das Klischee, dass politisch aktive Menschen keinen Spaß haben können. Hier wird wirklich kaum gelacht. Zum anderen hätten die Musikausschnitte gerne etwas länger sein können, wenigstens ab und zu mal ein ganzer Song hätte das Ganze ein wenig aufgelockert.
Trotzdem machen die knapp 90 Minuten Spaß, wenn man sich für den Punk-Underground jenseits von Blink 182, Green Day und Konsorten (die durchaus auch ihre Existenzberechtigung haben) interessiert. Als Bonus gibt es eine gute halbe Stunde nicht verwendeter Szenen, einen Trailer und erweiterte Interviews mit einigen Beteiligten. Um weltweit Zuschauer zu finden, erscheint die DVD regionalcodefrei und überwiegend in englischem Ton. Die größten europäischen Sprachen gibt es als Untertitelspuren, wobei sicherlich russisch fehlt. Und vielleicht hätte man sogar chinesische und arabische Untertitel spendieren sollen, denn in solchen Ländern könnte so eine Veröffentlichung wirklich etwas bewegen.

Ein guter Film, auch ein wichtiger Film und vor allem, und das sollte man nicht vergessen: ein unterhaltsamer Film. Frei nach Emma Goldman: „Wenn ich dazu nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution!“

Die DVD erscheint in Deutschland beim Label Good!Movies und wird über Indigo vertrieben, sollte also problemlos erhältlich sein. Die Bildqualität ist gut, die Tonqualität, vor allem bei den Liveaufnahmen, ist schwankend, was aber nicht so sehr stört, wenn man bedenkt, unter was für Umständen teilweise gedreht wurde. (A.P.)

Webadresse der Band: www.noise-resistance.de

CHRISTIAN STöCKER - Nerd Attack!


Erstveröffentlichung: Buch 2011 / Deutsche Verlags-Anstalt / ISBN 3421045097

""Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook"". Christian Stöcker ist Chefredakteur der ""Netzwelt""-Abteilung bei Spiegel Online und legt hier dieses Sachbuch vor. Es beginnt... mit den Anfängen, also noch vor den Zeiten des Commodore 64. Sobald es dann zu dem Thema C64 kommt, hat man dann auch den vergnüglichsten Teil des Buches zu fassen, denn jeder, der die Zeit miterlebt hat und so ein Gerät zuhause stehen hatte, wird sich hier mit dem Autoren identifizieren können. Doch aus Spaß wird dann auch bald wieder Ernst, denn Stöcker begibt sich aus den rein persönlichen Erinnerungen mit dem ersten richtigen Heimcomputer zur recherchierten Geschichte des Internets und insbesondere der Hackerkultur, die zwar weltweit (bzw. hauptsächlich in den USA) stattfand, die hier aber aus deutscher Sicht erzählt wird. Und auch deutsche Hackermeilenstein und Verschwörungstheorien (Karl Koch & Co.) kommen hier nicht zu kurz. Das Ganze geht dann langsam bis in die heutige Zeit hinein, also eben zu Twitter und Facebook, wie oben schon erwähnt. Stöcker beleuchtet allerdings nicht nur die Nerdszene an sich, sondern betrachtet parallel auch die politische und wirtschaftliche Lage, die maßgeblich an der Entwicklung des Internets beteiligt waren und sind. Ein großes Thema ist auch die Freiheit im Internet, die so selbstverständlich nicht ist und für die es sich lohnt zu kämpfen. Passend zu dem Thema: Die deutsche Politik kommt in dem Werk gar nicht gut weg, und dabei geht es nicht einmal um die Technikfeindlichkeit der Grünen und die Totalverbannung von PCs aus deren Büroräumen in den Anfangstagen, auch die heutige Politik stellt sich selbst immer wieder Armutszeugnisse aus, und zwar parteiübergreifend. Da das Buch 2011 veröffentlicht wurde, sind sogar ""Die Piraten"" schon ein Thema, allerdings noch nicht mit ihrem rauschenden Ergebnis in Berlin. Alles in allem ein gut geschriebenes, schnell gelesenes und über weite Strecken informatives Buch, das allerdings hier und da ruhig ein wenig mehr in die Tiefe hätte gehen können, um echte Nerds anzusprechen. (H.H.)

RAMMSTEIN - Made in Germany


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Vertigo / Universal

Rammstein – Made in Germany 1995 - 2011
" (VÖ: 02.12.2011 Vertigo/Universal)

Nein ein Rammstein Denkmal ganz aus weißem Marmor gibt es noch nicht, dennoch könnte man in Anbetracht des neuen Covers von „Made in Germany“ vermuten, dass ein Standbild in der Ruhmeshalle des deutschen Rock vorbereitet wird und hier die Gipsmodelle präsentiert werden. Verdient hätte Rammstein ein Denkmal nun ganz sicher, zählen sie doch zu der möglicherweise erfolgreichsten deutschen Rockband, welche internationalen Erfolg feiert, musikalisch zu überzeugen weiß und obendrein durch ihre Live Show für ausverkaufte Touren sorgt.
Als 1995 die erste Promo CD mit den Titeln „Du riechst so gut“ und „Hallo Hallo“ in einem deutschen Musikmagazin klebte ahnte wohl noch niemand – inklusive mir- dass diese Herren mit dem freien Oberkörper vor einer gigantisch hässlichen Chrysantheme einmal einen internationalen Erfolg feiern würden. Eher wirkten sie ein bisschen wie „Boygroup“ nur passten schon damals die mehr als provokanten Texte am Rande der Geschmacklosigkeit nicht zu diesem Bild. Das besagte Bild zierte ihr Debütalbum „Herzeleid“ und offenbarte mir das Provokationspotenzial, welches schon früh in der Band steckte. Die gestählten Körper im Zusammenspiel mit brachialer Musik gepaart mit finsteren und brutal ehrlichen Texten sorgte nicht selten für Verwirrung und Abscheu. Lange Zeit waren die Texte von Rammstein mir zu blutrünstig und zu brutal, ehe ich hinter die bildhafte Sprache und Poesie Till Lindemanns blickte. Offenbar ist das Urteil bei Kritikern schnell da, wenn Musiker martialisch und betont männlich auftreten, rechts gerichtet zu sein. Mit dieser Verurteilung hatten die Jungs sehr lange zu kämpfen, wobei dabei gern vergessen wird, dass alle Mitglieder zu DDR Seiten in links gerichteten Formationen spielten. Das Video zum Depeche Mode Cover „Stripped“ wurde unter der Verwendung von Olympia Filmmaterial von Leni Riefenstahl verwendet und bestätigte die Vormeinung der Kritik. Nur Folgerichtig bezog die Band auf „Mutter“ Stellung zu den Vorwürfen und bezog mit „Links 2, 3, 4“ klare Position. Der Kunst anzuecken blieben Rammstein bis heute treu, wo die medienwirksame Provokation möglich ist, scheint es langen Rammstein hin und nutzen diese Gelegenheit.
Wann genau Amerika auf Rammstein aufmerksam wurde ist für mich schwer zu sagen, möglicherweise liegt es an der Idee David Lynchs, ihre Songs „Heirate Mich“ und „Rammstein“ als Soundtrack für seinen Film „Lost Highway“ zu benutzen. Das zweite Album „Sehnsucht“ wurde – begleitet von einer Tournee durch die Staaten- zum Erfolg in Übersee. Aber Rammstein wären nicht Rammstein wenn sie ihr Verhältnis zu den Staaten nicht provokant thematisieren würden und mit der nötigen Portion Sarkasmus würzten. Ihre persönliche US Hymne „Amerika“ wurde erst auf „Reise Reise“ aufgenommen in der Ära Bush und kann aus heutiger Sicht als Statement zum Weltmachtgehabe der Regierung Bush gewertet werden, wobei kein einziger Satz des Textes explizit politisch wurde. Vielleicht macht dies auch ein Teil der Faszination Rammsteins aus, denn Erklärungen innerhalb der Texte gibt man nicht, sondern wirft eher Fragen auf. Verpackt in poetische Sprache werden die mitunter harten Texte wie eine feine Praline, fast weiß und makellos, bis ihre aufwühlenden Bilder hervorbrechen und die weiße Weste, möglicherweise auch des Hörers beschmutzen. Nein, nett sind Rammstein ganz sicher nicht, aber dafür stehen sie seit nunmehr 16 Jahren auch nicht. Ich finde mit dieser Überlegung im Kopf die Farbe weiß also durchaus sehr passend, zumal man auch die leeren Seiten- welche mit weiteren Songs gefüllt werden wollen für mindestens weitere 16 Jahre, damit symbolisieren kann.

Je nach persönlichem Geldbeutel beinhaltet die Werksschau eine CD, zwei CDs oder das Audio Doppel und drei DVDs. Der Standardtonträger zeichnet schlicht die bewegte Bandgeschichte in eigener Dramaturgie nach, während die Bonus CD der Special Edition die Anerkennung durch Musikerkollegen belegt. Remixe von Faith No More, den Pet Shop Boys oder Hurts belegen eindrucksvoll den massiven Erfolg der Band auch szeneintern. Auf der DVD findet man sämtliche Songvideos der letzten Jahre – eindeutig denkmalwürdig!
(Maximilian Nitzschke)

NIGHTWISH - Imaginaerum


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Napalm Records / Warner

Nightwish – Imaginaerum
"(VÖ: 02.12.2011 Nuclear Blast /Warner)


Was für ein Festival der Emotionen, wird uns als Hörer hier präsentiert fragte ich mich beim ersten Hördurchlauf des neuen Nightwish – Albums „Imaginaerum“. Der Detailreichtum ist in meinen Augen gar nicht sofort zu erfassen, zu vielschichtig und tief gehend ist diese Achterbahnfahrt durch das Leben und die Fantasie des Hörers. Das Cover lädt ein die Gondel der Achterbahn zu betreten und die Loopings ab zufahren und diese werden großartig und episch in dreizehn Songs präsentiert.
Es war ja kaum zu glauben, dass man es schafft, „Dark Passion Play“ zu toppen, aber ja dieses Album stellt in meinen Augen ihr bisheriges Schaffen an Abwechslungsreichtum in den Schatten.

Mastermind und Komponist Toumas Holopainen betrachtet „Imaginaerum“ als ein akustisches Loblied auf die Existenz und eine eindringliche Mahnung niemals die Fantasie und die Magie aus dem Leben zu verbannen. Er selbst sagt liebt dieses Leben in all seinen Facetten und betrachtet es als Privileg es leben zu dürfen. Dieses Grundthema begleitet den Hörer auch komplett auf diesem Album, denn in der Tat sprüht es förmlich über vor Lebenswillen, bietet einem eine Fahrkarte an nach Nimmerland zu Peter Pan und seinen verlorenen Jungs und gestaltet sich bewusst wie eine wilde, unvergessliche und zuweilen auch gruselige Achterbahnfahrt ins Eigene Ich. Schaut man sich das Cover aufmerksamer an, entdeckt man den Eingang zu einem Vergnügungspark auf dem keine Menschenseele zu sehen ist, dies alles existiert also nur für den Hörer in diesem Moment. Nightwish wollen die Geheimnisse und Mysterien in ihrem Leben und nehmen den Hörer auf „Imaginaerum“ unweigerlich mit, fesseln ihn, betören ihn und stoßen ihn gelegentlich auch mal aus der scheinbar sicheren Achterbahngondel – Schleudertrauma inklusive. Ich fühlte mich zutiefst eingetaucht in eine magische Welt, etwas entrückt von dieser Realität und umspielt von Bombast.

Für mich zeigt „Imaginaerum“, klar mit der Handschrift Holopainens gezeichnet, erstmals die volle Bandbreite dessen, wozu Nightwish mittlerweile fähig sind. Mal Soundtrack – Epos , mal melancholisches Kinderlied , erklingen zwischendurch folkige Klänge die an eine Irlandreise erinnern, Spieluhren die Einleitungen bilden, um dann wieder brettharten Metal zu liefern und gespenstische Gruselatmosphäre zu erzeugen. Wie schon erwähnt, der Detailreichtum lässt sich nur von einem Mal durch hören kaum erfassen. Was mir ein bewunderndes Lächeln entlockte ist die Tatsache, dass Anett Olzon allen Kritikern zum Trotz, die ihr vorwarfen nicht an Tarja Turunen heranzukommen, ihre Qualitäten voll zum Ausdruck bringen kann. Sie singt, faucht, trällert und betört, sie flirtet und verstört innerhalb von Minuten und entfaltet ihr wirklich einmaliges Talent. Der Druck von „Dark Passion Play“ in große Fußstapfen getreten zu sein, ist abgefallen und Holpainen konnte ihr die Songs auf den Leib schreiben und dies merke man dem gesamten Album auch deutlich an. Holpainen ist ausgeglichener so scheint es wie nie zuvor und mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Dazu hat er in meinen Augen auch jeden denkbaren Grund, denn Nightwish hat mit „Imaginaerum“ eine für mich selbst unvergessliche Reise geschaffen. Eine mechanische Spieluhr und elegischer Gesang erklingen am Ticketschalter des Vergnügungsparks mit „Taikatalvi“ und lädt uns ein nun die Fahrt zu beginnen, welche mit Tempo, Theatralik und Härte mit „Storytime“ begonnen wird. Wir hören die erste Single des Albums und einen wirklich mehr als eingängigen Ohrwurm. Die nächste Kurve ängstigt den Hörer mit gespenstischer Stimmung, denn „Ghost River“ ist eine harte Metal Nummer bei der Marco Hietala als Gesangspartner überraschend harte Töne anschlägt. Verstärkt wird der Song noch durch ein episches Orchester und einem passend platzierten Kinderchor. Überraschendd unerwartet geht unsere Fahrt weiter, gespenstische Pianoklänge erschaffen die Atmosphäre verruchten Jazzbar in der das Duett „Slow, Love, Slow“ zwischen Anette und Marco umso leidenschaftlicher erschallt. Mit irischer Geigenmelodie wird das Tempo wieder angezogen und „I want my tears back“ um die Ohren gehauen, eine treibende Nummer voller Energie. Der Gegenpol zur Nummer vorher ist großartig gesetzt und so kann der nächste Abschnitt der Achterbahn genommen werden. Willkommen in der Geisterbahn heißt es nun mit „Scaretale“, denn Kinderchöre und dramatische Streicher wirken wie aus einem Horrorfilm – den man akustisch auch gleich Wirklichkeit werden lässt. Anette faucht als böse Hexe und wird mit kompromissloser Härte und klagenden Chören auch in dieser Atmosphäre unterstützt. Einerseits möchte man an dieser Stelle am liebsten den Vergnügungspark verlassen, andererseits betört Anette Olzon aber wiederum so, dass man sich gar nicht entziehen kann und doch im Sitz bleibt.
Die Entscheidung lohnt sich, denn sieben wunderschöne Stücke folgen nun noch, zum einen erklingen nun plötzlich orientalische Harmonien und lassen einen sehr bildhaften Song „Arabesque“ voller Exotik und angedeuteter Erotik – wenn man Bauchtänzer_Innen denken möchte- entstehen. Romantisch und balladesk betört Anettes bitter süßer Gesang mit „Turn Loose The Mermaids“ und erinnert an finnische Volkslieder. Instrumental wird feinfühlig dezent begleitet als überladen, Flöten und Whistles erzeugen Sehnsucht beim Hörer und beweisen die emotionale Kraft, welche Anette Olzon erzeugen kann. Brettharter Metal erklingt mit „Rest Calm“ wenn Marcos kerniger Gesang einsetzt, um von Anette mit einem folkigen Refrain sanft entschärft zu werden. Dieser Song ist ein krasses aber unglaublich geil arrangiertes Duett zwischen beiden Klangfarben, welches für mich mit zu einem Highlight des Albums zählt. Wie als würde der Hörer nun eingeladen am Lagerfeuer Platz zu nehmen wird mit „The Crow, The Owl and the Dove“ eine intime Atmosphäre erzeugt. Wir lauschen als Hörer einer in sich ruhenden Folk – Nummer, die in mir das Bild brennender Feuer und immenser Wärme erzeugte. Wir erreichen in unserer Achterbahngondel nun fast das Ziel, und werden mit Soundtrackqualität nun durch die nächsten Loopings geschleudert, denn „Last Ride of the Day“ beweist warum Nightwish so einmalig sind. Fantasievolle Passagen mischen sich mit energiegeladenen und treibenden Riffs, insgesamt klingt das Werk dann ungemein eingängig und märchenhaft. Wirklich Wahnsinn was für ein Feuerwerk hier entfacht wird! Dabei kommt die eigentliche Mammutnummer und gewissermaßendas Herzstück des Albums ja erst jetzt mit „Song of Myself“. Es verwundert nicht, dass hier alle Register gezogen werden, mal dramatische Oper, dann wieder gesungenes Märchen. Dazu werden packende Chöre abgewechselt mit gesprochenen Passagen, die in ein fulminantes und komplexes Finale gipfeln, welches seinen Namen mal völlig mit Recht trägt. Nach dieser Mammutstrecke sieht man als Achterbahnfahrer das heran nahende Ziel, denn „Imaginaerum“ als Abschluss verwebt die Hauptthemen aller Stücke zu einem orchestralen Abschluss. Die Reise wird noch einmal in Bildern nacherlebt, und führt als Ziel zurück zum Eingang, damit sich der Kreislauf des Lebens wieder schließen kann. Ich selber trau mich kaum auszusteigen aus der Gondel, denn damit würde diese Reise enden, es sei denn man schafft es für sich die Fantasie und Mystik des Albums auch in die Realität zu übertragen, ich für meinen Teil werd es versuchen und danke Nightwish von Herzen
für dieses Meisterwerk!














(Maximilian Nitzschke)

CORVUS CORAX - Sverker Live Konzert


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011

CORVUS CORAX – SVERKER LIVE
Drei Abende im Zeichen des dänischen Königs Sverker
"20.12.2011, 21.12.2011 und 22.12.2011 in der Passionskirche Berlin


Die letzten Vorbereitungen auf der Bühne werden noch getätigt, bevor die Besucher am ersten Abend im Berliner Stadtteil Kreuzberg in der Passionskirche den Klängen von Corvus Corax lauschen dürfen. Für mich selbst stellt dieses Konzert immer den Konzertabschluß des Jahres dar und bildet die stille Einleitung in die festliche Weihnachtszeit. Die Kirchenbänke sind gut gefüllt und erwartungsvoll schaut man nun darauf, dass es dunkel werden möge und die Reise in den hohen Noden beginnt. Kurz vor 20 Uhr verlischt das Saallicht und Jubel bricht los, als Castus Rabensang allein die Bühne betritt. Im langen Mantel, der mich an eine Priesterkutte erinnert, begrüßt er die Gäste und berichtet von der langen und beschwerlichen Reise der Spielleute in den hohen Norden.
Tatsächlich haben Corvus Corax diesmal unzählige Länder bereist um sich Inspirationen für ihr aktuelles Album „Sverker“ zu holen, und somit stehen die drei Abende der Tour ganz im Zeichen von König Sverker und der nordischen Mythologie.

Mit Umhängen und maskiert betreten der Reihe nach alle sieben Musiker die Bühne, während vier von Ihnen kräftig in ihre Rufhörner blasen und die Einleitung zu „Gjallahorni“ liefern. Wie immer ist es eine akustische und optische Freude den Jungs zuzusehen, welche einen gelungenen Auftakt bilden. Nach dem ersten Lied wechseln die Jungs ihre Mäntel und legen die Masken ab, wechseln kurz die Instrumente um geballte Spielfreude mit „Sverker“ live umzusetzen. Auffällig ist eh wie schnell und scheinbar mühelos die Instrumente gewechselt werden können, eben noch das Horn in der Hand, wird im nächsten Moment zum Dudelsack gegriffen um später Cister, Trumscheit oder Organistrum zu spielen. Die Vielzahl an Instrumenten ist geballt und macht sicherlich neben der Perfektion der Show einen der Hauptfaszinationspunkte der Band aus. 23 Jahre im Geschäft wissen alle Musiker genau was sie tun und bieten eine in sich stimmige und kraftvolle Show. Da dreht man sich hier schwungvoll mit den Dudelsäcken, schwingt die Hüften zu „Chou Chou Sheng“ oder springt in die Luft. Castus führt durch die Stücke, moderiert diese charmant an, mal geistreich, mal gewitzt und nicht im geringsten abgedroschen. Das ist erfrischend und tut dem Showablauf immens gut, denn so langsam konnte man Teufels „Camembertwitze“ der vorangegangenen Konzertjahre nicht mehr hören. Wim, Vit und PanPeter fordern die Sitzreihen zum Klatschen auf und
im Laufe des Abends zum mitspringen und binnen zwanzig Minuten hält es keinen mehr in den Sitzbänken. Die Rhytmen gehen unweigerlich ins Blut und vor allem in die Beine!
Der Liederfocus liegt klar auf der „Sverker“ CD, wobei die Mischung zu älteren Stücken auch ausgewogen gehalten wird. Das schöne „Venus Vina Musica“ erklingt, neben „Lá í mbeltaine“
oder das obligatorisch „In Taverna“ nebst „Fiach Dubh“ und man merkt das Publikum ist bei älteren Stücken deutlich textsicherer. Schwieriger wird es da bei den neueren Stücken, etwa wenn wir den Refrain des Stückes „Havfru“ singen sollen. Auch wenn ich drei Tage lang reichlich Gelegenheit hatte, diesen auswendig zu können, es klang sicher sehr „nordmännisch“ und etwas schräg zwinker! Ein schöner verbindender Moment zwischen Publikum und Band wurde geschaffen mit dem Song „Trinkt vom Met“, denn wer ein Getränk in der Hand hält prostet den Spielleuten zu und die erste Reihe bekommt Metausschank aus der „Metkanone“ direkt in die Kehle gefüllt. Dank Meister Naseweis (www.naseweis-met.de) konnte dieses leckere Gebräu verköstigt werden und es wunderte mich nicht, dass am ersten Tag alle Flaschen am Merchandise Stand ausverkauft waren.
Die Jungs sind auf der Bühne in bester Laune, albern untereinander herum und so wird PanPeter dem geneigten Auditorium sogleich ein Liedchen auf der „Großmaultrommel“ präsentieren. Das Publikum geht immer mehr mit, ist in Feierlaune und Hatz, Norry und Steve The Maschine geben auf ihren Trommeln die Rhytmen vor, fordern immer mehr zum wilden ausgelassenen Tanz auf.
Diese körperliche Anstrengung auf der Bühne ist für 2h Höchstleistung aber nach Berichten von Norry, Wim und Castus geht dies im Adrenalinrausch völlig unter, erst nachdem das Bühnenlicht erloschen ist spürt man den Muskelschmerz.
Plötzlich wird es ernst, 2012 wird ja bekanntlich die Welt untergehen, und so erklingt die nordische Weltuntergangshymne „Ragnarök“ als das Grand Finale des regulären Showblocks. Rhythmus, Percussion und ein erfurchtsgebietender Gesang erzeugen eine Stimung von Bedrohung und extatischer Freude, welche einem durch Mark und Bein geht. Einen besseren Abschluss hätten Corvus Corax nicht finden können, und so möchte der Applaus gar nicht enden als sie sich nach 2h Bühnenzeit verabschieden. Natürlich lassen sich Corvus nicht lange bitten und betreten erneut die Bühne um Zugaben zu liefern und so erklingt „Chou Chou Sheng“ und „In Taverna“ als Zugaben, ehe mit „Na láma sa“ das Publikum hinaus in die Dezembernacht entlassen wird.
Nach jedem der drei Konzerte nehmen sie sich ganz entspannt die Zeit zum Reden mit Freunden und Fans, unterschreiben CDs, Eintrittskarten und Plakate und sind sichtlich erleichtert nach längerer Tourzeit ihre jeweiligen Partnerinnen wieder zu sehen. Es waren insgesamt drei grandiose Abende in den heiligen Hallen der Passionskirche, welche deutlich zeigen das Corvus Corax gereift ist an ihrer langjährigen Erfahrung und Livepräsenz. Die Ausrichtung in Richtung Norden hat gut getan, brachte frischen Wind in die Bühnenshow und steht allen sieben Musikern extrem gut zu Gesicht! Ich genehmige mir nun noch einen Schluck des leckeren Naseweis Mets, und freue mich schon auf das neue Konzertjahr 2012! In diesem Sinne „Trinkt vom Met vom Met und vom Wein, alles ja alles das muss hinein!“ Hoch das Horn!


(Maximilian Nitzschke)

RED FETISH - The Future Is Now In Your Hands


Erstveröffentlichung: 7 Inch EP 2011 / Anna Logue Records / ANNA 034.2011

Nach einer längeren Pause, wohlverdient nach der grandiosen Wiederveröffentlichung der Transparent Illusion-LP, liefert Anna Logue Records nun gleich einen ganzen Schwung neuer alter Musik ab, die wie immer dem Liebhaber elektronischer Klänge aus den 80ern spitze Begeisterungsschreie entlocken werden. Neben der schönen Beograd 7“ und der Passion Polka 12“ darf man sich über eine 7“ der englischen RED FETISH freuen. Die Band war Anfang der 80er Jahre aktiv und scheint damals keine eigenen Veröffentlichungen gehabt zu haben, mysteriös also, auf welchen Wegen die Musik in Deutschland gelandet ist. Der Sound orientiert sich klar am damals beginnenden Synth-Pop-Hype, wobei man eine Mischung aus The Normal, frühen Human League und anderen alten Helden zu hören bekommt. Der so genannte Sheffield-Sound dürfte auch RED FETISH nachhaltig beeinflusst haben. Schön schlichte Electro-Ohrwürmer mit einer gehören Portion Wave-Feeling gibt es hier in vierfacher Ausführung zu hören und eine angekündigte LP mit weiterem alten Material dürfte mehr als interessant werden. In gewohnt edlem Cover, natürlich limitiert, mit Beilage versehen und in rotem Vinyl überzeugt auch diese Veröffentlichung mal wieder absolut. Old-School-Waver werden begeistert sein und hoffentlich nicht nur die. (A.P.)

Webadresse der Band: www.annaloguerecords.com

BEOGRAD - T.V.


Erstveröffentlichung: 7 Inch EP 2011 / Anna Logue Records / ANNA 036.2011

Nachdem in den letzten gut acht Jahren eine wahnsinnige Schwemme an Wiederveröffentlichungen von 80er Jahre Minimal-Electro und New Wave-Underground den Vinyl-Markt überrollt hat, ist das gute Material aus Deutschland, England, Frankreich, USA, Belgien, Holland, Griechenland, Italien und anderen „üblichen Verdächtigen“ weitgehend abgegrast. Mich wundert, dass nicht extrem interessantes Material aus Japan gekommen ist, aber vielleicht muss man das erst noch entdecken. Nun gilt es also, die raren Perlen aus etwas exotischeren Ländern zu finden.
Jugoslawien galt in den 80er Jahren als eines der etwas liberaleren Länder des Ostblocks, kein Wunder also, dass sich auch dort, natürlich tief im Untergrund, eine Punk- und Wave-Szene entwickelt hat. Ein Beispiel dafür, und zwar ein außergewöhnlich gutes, ist BEOGRAD aus Belgrad, heute Serbien. Mit einer Single und einer LP lieferte die Gruppe serbokroatisch-sprachigen Synthie-Pop ab, der sich hinter den frühen Werken von Depeche Mode nicht verstecken muss. Der Beweis, dass westlich inspirierte Musik auch hinter dem Eisernen Vorhand ihre Wirkung und ihren Einfluss nicht verfehlte. Und mindestens 99% der ElectroPop/Minimal-Wave-Fans würden davon überhaupt nichts wissen, wenn nicht Anna Logue Records mal wieder die Vorreiter-Rolle übernommen und die Band zu neuen Ehren gebracht hätte. Auf einer schicken 4-Track-Single gibt es die beiden Stücke der Single von 1982, einen Track von der LP und zwei Demos, die zwar eine unterirdische Soundqualität haben, aber als netter Beweis dafür dienen, was für innovativer Sound damals mit einfachen Mitteln möglich war, irgendwo zwischen The Normal und Silicon Teens. Die limitierte Single kommt in sehr schönem schwarz weiß-Cover und mit Textbeilage im Postkarten-Format. Eine absolut runde Anna Logue Records-Veröffentlichung, wie gewohnt. (A.P.)

Webadresse der Band: www.annaloguerecords.com

FAHRENHEIT - Kranke Welt


Erstveröffentlichung: CD 2011 / SN-Punx / New Music Distribution / SNP008

Punk hat im Laufe der Jahrzehnte eine Menge unterschiedlicher Spielarten entwickelt, unter anderem den so genannten Street-Punk, der für die rotzige Attitüde der Szene steht und jeder Art vom Kommerzialisierung den Mittelfinger zeigen will. Zu dieser Spielart, die mit Oi-Punk verwandt ist, zählt das Label SN-Punx auch die Magdeburger Band FAHRENHEIT.
Rockig und rotzig ist das, was die Gruppe abliefert, allemal, dazu gibt es ganz gute Texte, die unpeinlich sind. Die Texte sind deutschsprachig und überwiegend politisch und gesellschaftskritisch, aber nicht so plump, wie bei vielen Deutsch-Punk-Bands, die eher Parolen dreschen. Aber die Grenze ist natürlich trotzdem fließend, so dass auch Deutsch-Punk-Fans sicher mit FAHRENHEIT etwas anfangen können. Mir ist das ganze hier und da etwas zu metallig und erinnert daher immer wieder ein bisschen an Dritte Wahl, die zwar in den letzten 20 Jahren eine der wichtigeren deutschen Punk Bands waren, aber nie zu meinen Favoriten zählten. Da das Album aber nur eine knappe halbe Stunde Spielzeit aufweist, kommen keine Längen auf und mit „Willkommen In Deutschland“ gibt es einen kleinen Hit, der seinen Weg in der Szene machen wird. (A.P.)

BEX - Rosegger


Erstveröffentlichung: LP 2011 / Reue um Reue / R.u.T./R.u.R. / R.u.R.022

BEX ist das Projekt von Benjamin Bex aus Frankreich, der aber teilweise wohl auch in Deutschland an seiner Musik arbeitet oder sie zumindest hier aufnimmt. Reue um Reue kennen wir als Label für oftmals eher ruhige, meist ambiente Klänge und schlichte Klangschönheit. So ist es auch hier. BEX liefert auf dieser LP fünf lange Stücke ab, die zwar ambient sind, aber durch den vielseitigen Gesang etwas eingängiger erscheinen, als so manches reine Ambient-Projekt, das durch instrumentale Musik hauptsächlich Bilder im Kopf des Hörers entstehen lassen will. Durch die Hinzunahme von Gesang erscheint die Musik gleich weitaus greifbarer. Dabei entsteht durch die Musik, die hier und da auch etwas an Soundtracks erinnert, eine häufig bedrohliche Atmosphäre, wie zum Beispiel Coil sie auch mit ihren nicht verwendeten „Hellraiser“-Soundtracks erschufen. Ansonsten klingt das hier wie eine Mischung aus Clair Obscur, Sopor Aeternus, Richenels erste Maxi (erinnert sich noch jemand an die fantastische „L’esclave Endormi“-Maxi auf 4AD?), Rosa Crux und Cindytalk. Sehr spannend also, aber dann doch nicht so darkwavig, wie die genannten Vergleiche vermuten lassen, aber die Atmosphäre ist schon ähnlich. Wer auf die weniger folkigen Veröffentlichungen des portugiesischen Labels Equilibrium Music steht, kann sicher auch mit BEX etwas anfangen.
Die LP ist im schönen Cover und in durchsichtigem Vinyl auf 200 Exemplare limitiert, also schnell zugreifen. (A.P.)

Webadresse der Band: www.tutrur.com

SALTATIO MORTIS - Sturm aufs Paradies


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Napalm Records

SALTATIO MORTIS – Sturm aufs Paradies
"(VÖ: 02.September 2011 Napalm Records)

Für mich ist es kaum zu glauben, dass die Spielleute von Saltatio Mortis nun schon seit über 10 Jahren durch die Lande ziehen, denn noch immer kommt es mir wie gestern vor, dass ich mit Falk und Alea im Treffencafé des Wave Gotik Treffens in der Agrahalle saß und wir über „Erwachen“ sprachen. Es ist viel passiert seither, ich bin älter geworden und Saltatio Mortis reifer und damit auch spürbar erfolgreicher. Nach wie vor verweben sie die Historie mit ihrer eigenen modernen Lebenswelt, aber sie sind längst über die rein traditionellen Lieder hinausgewachsen und hinterfragen sich mit jedem Album gern einmal um sich dann wieder zu verändern. Ihr achtes Studioalbum „Sturm aufs Paradies“ ist klanglich Mittelalterrock mit dem Klang nach Freiheit verwoben und dem Aufbegehungswunsch gegen Dogmen. Dieses Album ist hörbar eine Weiterentwicklung sowohl in textlicher wie in kompositorischer Hinsicht. Die acht Musiker entfachen in der Tat einen Sturm, der gewaltige Energien freisetzt. Die Frage des letzten Albums „Wer Wind sät“ wird beantwortet mit Sturm, wobei Saltatio nicht kämpft um des Kampfes Willen sondern um zu unterstreichen, wofür die Spielmänner stehen und dass es sich zuweilen lohnt für die Dinge die man liebt, auch zu kämpfen. Bereits das Cover der CD ist diesmal sehr aufwändig gestaltet und trägt den „Kampf“ bereits in sich, denn des spielt auf die Julirevolution 1830 und den Sturm auf die Bastille mit dem Banner der Freiheit an. Die Idee hinter dieser Umsetzung findet sich für Saltatio Mortis in der Kernfrage des Spielmanndaseins, nämlich der Frage wofür man steht, was zeichnet uns aus und welche Botschaft haben wir? Diese Überlegungen verband man in das Artwork des Albums um Albumtitel und Liedinhalte in Bandwahrnehmung zu beantworten. Saltatio Mortis verspürt einen unbändigen Freiheitsdrang, verbunden mit dem Willen zur Tat und einem großem freidenkerischem Temperament. Gern wäre Saltatio Mortis über ihre Botschaften für einige der Stein des Anstoßes, aus dem sich die Revolution erheben kann. Das klingt zu groß, dennoch ist es genauso ehrlich gemeint seitens der Band. Da Freiheit zum zentralen Motiv wurde für dieses Album, suchte man nach einem historisierendem Thema und dem ultimativen Symbol für Freiheit. Dabei kam man schnell zu Eugène Delacroix und seinem Gemälde „La Liberté Guidant Le Peuple“.
Wer hinter der Symbolik nun politische Absichten vermutet wird diese nicht eindeutig formuliert finden, denn Saltatio Mortis sehen sich selbst nicht als politische Band an. Ihre Musik soll in erster Linie unterhalten und Freude schenken, dennoch wird der Hörer den roten Faden die Würde des Menschen wieder zurückzuholen, bemerken.
Ich würde dennoch es nicht von der Hand weisen wollen, dass man als Künstler glaub ich kaum völlig unpolitisch sein kann, da man mit den eigenen Gedanken ja reflektiert was um einen herum passiert und innerliche Stellung bezieht. Wenn ich dann dieses Album näher anhöre, so höre ich schon politische Botschaften heraus, denn „Fiat Lux“ etwa bezieht eindeutige Stellung zur Atomenergiedebatte und benennt den Dämon unter unserm Joch ganz klar. Man nehme gleich den Eingangssong „Habgier und Tod“ der zeigt, wie wenig man aus seiner Haut kann, selbst wenn man Schaden davonträgt. Dieses Stück ist durchaus als eine Anspielung auf die Mechanik der Bankenkrise zu verstehen. Der zweite Song „Hochzeitstanz“ ist ein heftig bitterer Song verpackt in süßliche Bilder, denn er ist geschrieben aus der Sicht eines Triebtäters. Mit dem Stück „Ode an die Feindschaft“ erfolgt eine musikalische Abrechnung mit all jenen, die fleißig Steine in den Weg werfen und aber hintenherumum kein gutes Haar an Saltatio Mortis lassen. Die Ballade „Gott würfelt nicht“ reflektiert über die Grenzen des Lebens, die dank dem technischen Fortschritt und der Möglichkeit zu lebenserhaltenden Maßnahmen nicht mehr so klar definierbar ist.
Ich denke ich stimme Frontsänger Alea zu, der meinte, dass man in dieser Welt nicht einfach wegsehen kann, sobald es hässlich wird. Saltatio Mortis legen mit diesem Album nicht nur die Finger in die Wunden, sondern ganze Hände und zwingen den Hörer durch Poesie auch dieses hässliche Gesicht der Menschheit zu betrachten. Das dies auf so unterhaltsame und kraftvolle Weise erfolgt macht mitunter die Bilder im Kopf noch perfider und lässt einen grübelnd und selbst reflektierend als Hörer zurück!
(Maximilian Nitzschke)

RELATIVE KäLTE - Neonlicht


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2011 / Plastic Frog Records / pfr055

RELATIVE KÄLTE ist ein ziemlich neuer Name im Minimal-Electro-Untergrund. Dennoch bin ich sicher, dass das Mann-Frau-Duo nicht erst mit dieser Band angefangen hat, Musik zu machen. Zumindest Jerk Götterwind ist kein Unbekannter, werkelt er doch schon seit über 20 Jahren im (Punk-) Untergrund rum, vor allem als Schreiberling, aber auch mit seinem Götterwind-Imperium (Label, Mailorder) und als Musiker in verschiedenen Punk-Bands. Er gehörte aber immer zu den musikalisch nicht so verbohrten Aktivisten und so ist es gar nicht mal überraschend, dass er heute auch elektronische Musik macht. RELATIVE KÄLTE liefert auf dieser ersten Single (nach mindestens einer CD-R (oder Tape?) und einem Beitrag auf einem Kernkrach-Sampler) lupenreinen Minimal-Electro ab. Dieser scheint zwar durchweg mit moderner Computertechnik gemacht worden zu sein und nicht mit alten analogen Originalinstrumenten, aber das macht nichts, denn der Geist, der dahinter steckt ist so was von 80er Jahre-mäßig, dass wohl jeder Minimal-Freak seine Freude haben wird. Hektische, tanzbare Rhythmen und Mann-Frau-Wechselgesang begeistern sofort, wobei die beiden B-Seiten-Stücke „Regen“ und „Kommt“ die A-Seite „Neonlicht“ locker toppen. Natürlich fühlt man sich hier und da ein bisschen an Bands und Projekte wie Die Perlen, Sonnenbrandt oder Hertzinfarkt erinnert, was aber wohl hauptsächlich am weiblichen Gesang und der elektronischen Klangerzeugung liegt. Das besondere ist aber eine gewisse punkige Attitüde, die rüber kommt und RELATIVE KÄLTE von anderen Bands abhebt.
Die auf 150 Exemplare limitierte 7“ in farbigem Vinyl wird auf jeden Fall in der Szene für eine menge Spaß sorgen und „Regen“ dürfte auf einschlägigen Partys für Bewegung sorgen, während „Kommt“ auch Old-School-EBMler begeistern wird. Wieder mal eine schöne Entdeckung aus dem Hause Plastic Frog Records. (A.P.)

Webadresse der Band: www.plasticfrogrecords.com

AGENT SIDE GRINDER - Hardware

Wiederveröffentlichung: LP 2012 / Energy Records
Erstveröffentlichung: CD 2012 / Klangarkivet/Headstomp Prod.

AGENT SIDE GRINDER aus Schweden ist eine sehr interessante Band, die eine sehr kontinuierliche Entwicklung nimmt und von Veröffentlichung zu Veröffentlichung einen Schritt nach vorne macht. Dabei bleibt auch immer noch Raum für Experimente wie das „Transatlantic Tape Project“ oder reine Tape-Veröffentlichungen. Mit dem nun dritten „richtigen“ Album „Hardware“ geht es für die Band wieder deutlich voran. Erscheinen tut „Hardware“ in allen Formaten, also Vinyl, CD, Download und Tape, was heutzutage schon ungewöhnlich ist. Schön, dass die Band es immer wieder hinbekommt, verschiedene Labels für ihre Arbeit so zu begeistern. Profitieren tun die Fans, die mit Sicherheit auch diesmal wieder zahlreich dazu kommen werden, denn musikalisch liefern AGENT SIDE GRINDER absolut glaubwürdige Klänge ab, die sich an allen möglichen Größen der 80er Jahre aus dem New Wave, Synth-Pop und Industrial-Bereich orientieren. In der Vergangenheit hat man oftmals eine Vorliebe für Bands wie Cabaret Voltaire, Fad Gadget und Suicide herausgehört. Das hat sich nicht geändert, aber im Waschzettel nennen die Schweden selber auch noch Depeche Mode, Einstürzende Neubauten und Kraftwerk, was dann alles zusammen ziemlich genau die Mischung ergibt, die AGENT SIDE GRINDER hier präsentieren. Sicher hatten auch Gruppen wie Twice A Man und Trisomie 21 ihren Einfluss. Der experimentelle Teil wurde zugunsten von synth-poppiger Eingängigkeit etwas zurückgefahren, aber trotzdem ist der eigenständige Stil deutlich erkennbar. In Zeiten wo Bands wie die Mirrors, The Good Natured und Performance auch kommerziell erfolgreich den alten Sound wiederbeleben und Hurts sogar richtig groß durchgestartet sind, würde es mich nicht überraschen, wenn früher oder später eine richtig große Plattenfirma auf AGENT SIDE GRINDER aufmerksam würde und sie im großen Stile den Durchbruch schaffen. Gönnen würde ich es den Schweden auf jeden Fall, gerade, weil sie konsequent ihren Weg gehen und dabei immer wirklich tolle Musik abliefern. So früh im Jahr schon ein Anwärter auf den Titel „Album des Jahres 2012“. (A.P.)

Webadresse der Band: www.agentsidegrinder.com


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