BAKTERIELLE INFEKTION - Dreamless


Erstveröffentlichung: CD 2000 / Genetic Music

Wer in den letzten Jahren auch nur ab und zu mal in den einschlägigen Magazinen wie Zillo, Orkus, Sonic Seducer und auch kleineren Postillen geblättert hat, und wer sich auch nur ein bißchen für elektronische Musik interessiert, wird mit Sicherheit schon mehr als einmal auf den Namen BAKTERIELLE INFEKTION gestoßen sein. Wer sich dazu noch für den typischen Minimal-Electro-Sound der 80er Jahre interessiert, muß dieses Berliner Projekt lieben. So ist es kein Wunder, dass das erste „richtige“ Album von Uwe Marx und Roger Semsroth auf dem großartigen Genetic Music Label erschienen ist, das immer wieder neue und alte Perlen der Minimal-Electronic findet und zu veröffentlicht.

„Dreamless“ bietet gut 40 Minuten minimalistische, elektronische Analogsounds, die in der gleichen Form auch bereits in den 80ern erschienen sein könnten. Zu den Vorbildern des Duos dürften Helden wie Christof Glowalla, Inertia und wohl auch ganz besonders The Klinik gehören. Aber auch Musiker wie Fad Gadget („Duroplast“) oder John Foxx stehen sicherlich in den Plattensammlungen der Bandmitglieder. Auf „Dreamless“ sind die Sounds ausgesprochen experimentell, daß die Band aber auch poppiger und eingängiger zu Werke gehen kann, hat sie spätestens seit der Split 7“ mit Christof Glowalla bewiesen. Diese CD ist endlich mal ein für jeden zugängliches Werk von BAKTERIELLE INFEKTION, während die bisherigen Veröffentlichungen meist auf Kleinstauflagen limitiert waren, was ich sehr schade finde, da es die Preistreiberei, die besonders im Industrial-Bereich immer schlimmer wird, unnötig unterstützt. Gute Musik sollte doch jedem zugänglich sein! Tanzbar sein können Uwe und Roger übrigens auch, was sie z.B. in „Living Like A Robot“ eindrucksvoll beweisen, das wie eine Mischung aus Kraftwerk und uralten Bands wie Weltklang oder Stratis klingt. Also, wenn man mal was von BAKTERIELLE INFEKTION in die Finger bekommt, sollte man das nicht stehen lassen, könnte schnell zu einem gesuchten Sammlerstück werden. (A.P.)

Webadresse der Band: www.bakterielle-infektion.de

THE SILICON SCIENTIST - Poly / Bookmarks II


Erstveröffentlichung: LP-Box 2009 / Anna Logue Records / ANNA 024(B).2009

Voller Schrecken habe ich vor kurzem gemerkt, dass ich das zweite Album des (inzwischen Ex-) Hamburgers Stefan Bornhorst (Sonnenbrandt, The Convent) unter dem Namen THE SILICON SCIENTIST zwar schon viele Male gehört aber noch nicht mit einer Rezension gewürdigt habe. Und das, obwohl mir Label-Chef Marc immer wieder in den Hintern deswegen getreten hat. Irgendwie passte es nie. Dabei ist es die LP + CD mehr als wert, dass möglichst viele Leute von ihr erfahren. Zu hören gibt es natürlich weiterhin perfekt produzierten Electro-Sound, meist im mittelschnellen Beat, aber inzwischen eher von den 70er Jahren als den 80ern inspiriert. Das wird manchem Minimal-Electro-Liebhaber vielleicht nicht so gefallen, aber immerhin geht es ja nicht darum, das zu machen, was irgendwelche Puristen wünschen, sondern, was der Musiker selbst möchte. Obwohl die LP Songs aus den Jahren 2006 bis 2008 enthält, ergibt sich doch ein geschlossenes Werk und keine einfache Songsammlung.
Gleich der erste Song „Silicon Beach“ hält, was der Titel verspricht, nämlich locker-flockigen Electro-Sound, der ein bisschen an Sachen wie Erocs „Wolkenreise“ erinnert. Auch „Oceans Of Green“ ist sehr entspannt und könnte in Wissenschaftssendungen wie „Abenteuer Forschung“ als Musik zu spektakulären Kamerafahrten in den Mikrokosmos dienen, dazu gibt es noch dezenten Gesang, der eher als zusätzliches Instrument zu sehen ist und nicht so sehr in den Vordergrund gemischt wurde. So geht es bei den folgenden Stücken weiter, wobei deutlich wird, dass der Wave-Charakter des ersten Albums ziemlich in den Hintergrund tritt und die Inspiration eher von alten Kraut-Elektronikern wie Tangerine Dream, vielleicht auch mal Jean-Michel Jarre oder Klaus Schulze kommt. Bei Snowflakes wird es ein bisschen tanzbarer, ganz entfernt könnte man an bessere Italo-Disco-Projekte wie Hipnosis denken. Etwas schwermütiger endet die A-Seite dann mit „Colourblind“, was den Minimal-Fans bis hierhin wahrscheinlich am besten gefällt. Aber schon mit „Lost City“ am beginn der B-Seite geht es wieder mehr in die spacige Richtung. „A Blue Glow“ erscheint zwar ein wenig sehr seicht, klingt aber fast so, als wenn Edward Ka-Spel bei einem Tangerine Dream-Stück gesungen hätte, was irgendwie schon interessant ist. „Meltdown“ ist wohl der wavigste Titel der LP, irgendwo zwischen The Cure zur „Disintegraton“-Zeit, New Order in den 80ern und Slowdive, mein Favorit auf diesem Album und ein echter Hit.
Zur eigentlichen LP gibt es wieder eine CD als Bonus, die „Bookmarks II“ betitelt ist. Diese enthält Outtakes aus den „Poly“-Sessions, Sampler-Tracks, alternative Versionen und komplett unveröffentlichtes Material, wobei hier nicht unbedingt eine durchgehende Linie zu finden ist, sondern Fans sich ein interessantes Bild über die vielfältige Arbeit von THE SILICON SCIENTIST machen können. Das rundet ein sehr schönes Album gut ab. Insgesamt wird die Veröffentlichung vielleicht eher Freunde von alter Elektronik begeistern, während der Wave- und Minimal-Electro-Anteil eher klein bleibt. Aber von der Musik von THE SILICON SCIENTIST darf man trotzdem begeistert sein, auch weil die Produktion wieder bis ins kleinste Detail perfekt ist. Wer Stefan kennt, weiß, warum.
Die Aufmachung ist wie immer bei Anna Logue Records wunderbar. Ein schönes Cover-Artwork, ein schickes Innencover und die Bonus-CD hat ebenfalls ein vollständiges Artwork. Dazu gibt es eine unterschriebene und nummerierte Postkarte zu der 500er Auflage. Wohlfühl-Paket also. (A.P.)

Webadresse der Band: www.annaloguerecords.com

CHRISTINE PLAYS VIOLA - Innocent Awareness

Wiederveröffentlichung: Download 2011 / AF Music
Erstveröffentlichung: CD 2011 / AF Music

Schon immer sind aus Italien interessante Wave- und Gothic-Bands gekommen, in den 80er Jahren Helden wie Death In Venice oder Weimar Gesang, in den 90ern Burning Gates, Spiritual Bats, Artica und mindestens 100 weitere und heute tauchen Bands wie CHRISTINE PLAYS VIOLA auf, um den guten alten Post Punk- und Gothic-Rock Sound am Leben zu erhalten. Interessanterweise haben die Italiener sich dabei meistens eher am schrägen und düsteren Batcave-Sound orientiert, oft auch am amerikanischen Death-Rock, gerne mit deutlichen Cure-Einflüssen und weniger am Gothic-Rock á la Sisters Of Mercy. Vielleicht, weil man in der italienischen Sprache so herrlich verzweifelt singen kann?
So klingt auch das Quartett CHRISTINE PLAYS VIOLA sehr old schoolig und wird damit den leider nicht mehr so vielen Gothic-Rock-Fans der traditionellen Schiene viel Freude machen. Verhallte und verzerrte Gitarren, wummernder Bass, monotones Schlagzeug und keinerlei sonst so beliebte Metal-Einflüsse. Ich persönlich hätte es sogar noch besser gefunden, wenn die Band auf Italienisch singen würde, aber mit Englisch ist wohl der internationale Durchbruch leichter zu schaffen.
Gothic-Rock mit einigen Gitarren-Wave-Einflüssen, immer wieder ein Joy Division/New Order-Bass, ab und zu curige Gitarren und wenige elektronische Einflüsse, das ergibt eine schöne Mischung, der allerdings ein bisschen der letzte zündende Funke fehlt, um das Album zu einem absoluter Knaller zu machen. So ist es aber immer noch sehr solider, aber eben noch nicht ganz eigenständiger Old School-Gothic-Rock, für den es in meinen Ohren und im Herzen immer einen Platz geben wird. Wer die alten Gene Loves Jezebel, Theatre Of Hate und ähnliche Bands mag, sollte auch hier reinhören. (A.P.)

Webadresse der Band: www.af-music.de

FAUN - Eden


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Screaming Banshee / Alive

Faun – EDEN
"(VÖ: 24.06.2011 Screaming Banshee/Alive)


Seit nunmehr vier Jahren reifte im Hause Faun ein neues Werk, aber das aktuelle Album „Eden“ war den sympathischen Münchnern einfach zu wertvoll um sich einem eventuellen Zeitplan zu unterwerfen. Bereits im Jahr 2008 wurden die ersten Lieder geschrieben und im Rahmen der akustischen Touren der letzten Jahre auch schon live präsentiert. Dann im Frühjahr des letzten Jahres wurde bereits das Studio angemietet um die erste Hälfte der CD aufgenommen, bevor man im Winter 2010 zu 2011 sich erneut in mehrere Studios zurückzog um die CD fertig zu stellen.

Was sofort auffällt ist, dass Faun mit „Eden“ ein Konzeptalbum geschaffen haben. Es nähert sich dem Garten Eden von verschiedenen kulturellen, musikalischen und auch mythologischen Perspektiven. So beginnt die musikalische Reise gleich zu Beginn der CD im antiken Rom beim lustvollen Fest des Faunes Lupercus, bevor wir bretonische Tänze und altenglische Wiegenlieder zu hören bekommen. Norwegische Runengedichte, Gedichte von Ovid oder von Oskar Wilde wurden ebenso vertont, nebst deutschen Texten aus Oliver Satyrs Feder.

Jeder der insgesamt 14 Stücke eröffnet in sich ganz verschiedene Blickwinkel auf den Garten Eden. Keltische Harfen, irische und arabische Lauten, schwedische Schlüsselfidel, Drehleier, Dudelsack, Flöte, Perkussion und mehrstimmige Gesangssätze sind die musikalischen Mittel derer sich Faun bedienen um die alten Texte lebendig werden zu lassen. Was ich persönlich sehr schön finde ist es, nach all der akustischen Zeit von Faun in den letzten Jahren wieder elektronische Klanglandschaften zu hören, die sich elegant mit Celtic Folk vermischen. Mehrstimmiger Gesang wird über archaische Beats gelegt und auch Harfe, Laute und Dudelsack lassen zwar mittelalterliche Stimmungen erklingen, driften dabei aber nie ins Klischeehafte ab. Ich denk persönlich, dass „Eden“ das bislang reifste Faun Album darstellt, denn es scheut keinerlei Berührung mit modernen Klängen und sehr clubtauglichen Beats, während leise Momente genauso vorherrschen und sogar Instrumentalstücke wie „The Butterfly“ Raum haben. Man hört dabei eine immense Spiel- und Experimentierfreude heraus, so zu hören etwa bei „Hymn to Pan“, diese lassen sie in einer Komposition für neun Marimbas enden und verschmelzen mittelalterliche Instrumente, treibende Beats und Synthesizer zur Perfektion.

Auch musikalische Gäste finden sich, bedingt durch die Bekanntschaft Fauns mit vielen internationalen Künstlern, auf „Eden“. So begleiten etwa die Medieaval Baebes aus England den Chor im Stück „Lupercalia“, Adam Hurst aus den USA spielt Cello zum Stück „Alba“ und Mark Lewis – wurde mit dem Emmy Award gekürt als herausragender Storyteller- spricht für „Golden Apples“ ein Gedicht ein. So erlesen wie die Gäste wird auch das Album selbst erscheinen, denn ein extra konzipiertes Deluxe Pack wurde erdacht und hinzu ein 70-seitiges Artwork. Dieses wird sämtliche Liedtexte in deutsch, englisch und den Originalsprachen enthalten, sowie ausführliche Texte von Oliver Satyr mit Erläuterungen zur Herkunft und den Hintergründen der einzelnen Stücke. Als wäre dies nicht schon aufwendig genug, werden noch die Illustrationen zahlreicher Künstler wie etwa Brian Froud (conceptual Artist für Filme wie Der dunkle Kristall oder Labyrinth), Kris Kuksi und Julia Jeffreys diese CD doppelt veredeln.

Im Sommer werden schon einzelne Stücke live auf ausgewählten Festivals zu hören sein, aber erst im Herbst folgt eine ausgiebige Clubtour durch insgesamt 17 deutsche Städte, sowie zwei Auftritte in Holland und Österreich. Auf 9 Konzerten wird die spanische Band „Trobar da Morte“ als Support zu hören sein, die an sich schon ein musikalischer Leckerbissen sind und somit sich ebenfalls in diese Faun – Produktion als Vorband exzellent einfügen werden. Man darf gespannt sein auf diese „Eden“ Tour, und bis dahin in Vorfreude den 14 wunderschönen Stücken lauschen. (Maximilian Nitzschke)

ELTON JOHN - Greatest Hits Live 2011


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011

ELTON JOHN – GREATEST HITS LIVE 2011
"18.06.2011 O2 World Berlin


Als ich Elton John 1994 das erste Mal überhaupt live vor dem Brandenburger Tor spielen hörte, wusste ich noch nicht, dass dieser mittlerweile 64jährige Mann es schaffen würde mich ganze 17 Jahre zum absoluten Fan werden zu lassen. Damals kannte ich keinen einzigen Song von ihm, aber er schaffte es mich tief zu berühren und eine Liebe zu seiner Musik zu erwecken, die bis heute angehalten hat. 1995 folgte dann seine Tour zum Album „Made in England“, welche ich in Leipzig in der Alten Messe miterleben durfte aus der zweiten Reihe heraus. IN der Zwischenzeit hatte ich mir ein Best of Album gekauft von 1990 und konnte die Texte auch schon mitsingen, heute besitze ich nun jedes Album von Elton John und es gibt keinen Song den ich nicht sofort mitsingen kann. 1999 war Elton Solo unterwegs, ganz allein im Stile Gianni Versaces am Piano auf dem Dresdner Theaterplatz und begeisterte durch seine Professionalität, seinen Witz und die stilvolle Eleganz des Abends. Elton ist und bleibt die unerschütterlich Ikone der siebziger Jahre, der sich von Reginald Kenneth Dwight zum Sir mauserte und zwischen Micky Maus Kostüm und Ed Hardy Sacko gewechselt ist wie kein zweiter Künstler. Er weiß es der Entertainer zu sein, der jeden Abend in Las Vegas das Colloseum im Caesars Palace zum kochen brachte und 2005 die bislang für mich großartigste Show „The Red Piano“ produzierte, aber genauso sehr sieht man live noch immer den scheuen Reginald durchblicken, der zu Beginn seiner Karriere gern zweifelte, nachdem der Weg für ihn doch auch steinig war. Heute ist er verheiratet mit David Furnish und sein Sohn Zachary ist inzwischen ganze 6 Monate alt. Bis zu diesem Lebensabschnitt hat Elton sein Leben bisher in vollen Zügen ausgekostet, hat die Selbstzweifel zu spüren bekommen den das Musikgeschäft mit sich bringt, musikalische Höhen und Tiefen erlebt und auch persönliche Abstürze gemeistert.
Am vergangenen Samstag sitzt in der Berliner O2 World nun ein gesetzter Grandseigneur der Popmusik und lässt die etwa 9500 Gäste für zweieinhalb Stunden eintauchen in sein musikalisches Leben, mal rockig und mal sanft erklingen die größten Hits von Elton neben drei neuen Stücken des aktuellen Albums „The Union“.

Ich war sehr froh so in der Halle zu sitzen, dass hinter mir keiner mehr Platz nahm und ich links und rechts Platz zum tanzen hatte. Dies war schon immer so, während eines Konzertes von Elton John hat es mich noch nie auf den Stühlen gelassen. Pünktlich um 20 Uhr verlischt das Licht und aus den Boxen dröhnt „Funeral for a friend“, die instrumentale Hymne des Doppelalbums „Goodbye Yellow Brick Road“ von 1973. Elton hatte dieses bombastische Stück aus der Frage heraus geschrieben, welches Stück er eines Tages auf seiner eigenen Beerdigung gespielt haben möchte. Seit jener Zeit ist nun „Funeral for a friend“ bzw. der angrenzende Song „Love lies Bleeding“ die Ouvertüre zu jedem Elton John Konzert. Elton nutzt die Minuten aus zum Bad im Aplpaus des Publikums, dabei frech und verschmitzt zu lächeln und schließlich für den Rest des Abends hinter seinen Flügel zu verschwinden. Das Publikum kann jeden Handgriff verfolgen, dafür sorgen auch zwei Videoleinwände links und rechts der Bühne.

Der Sound in der 02 World ist absolut kolossal und sauber bis in den letzten Ton, so dass auch eher selten gespielt Songs wie etwa „Levon“ vom Album „Madman across the water“ von 1971 oder „Tiny Dancer“ aus dem selben Album richtig fett klingen. Zwar ist an diesem Abend Elton der Entertainer, dreht sich alles um ihn, aber ohne seine Band – dies betont Elton auch im Laufe des Abends sehr liebevoll- wäre dieses Konzert nur halb so schön. Kein Wunder, denn die Elton John Band ist eine eingeschworene Gemeinschaft sei es Gitarrist Davey Johnstone der mit Elton seit 1972 verbunden ist, oder Schlagzeuger Nigel Olsson, der bereits seit 1969 mit dabei ist. Bassist Bob Birch, Perkussionist John Mahon und Keyboarder Kim Bullard komplettieren den harten Kern, der von vier Soulsängerinnen veredelt wird. Für etwas frischen Anstrich sorgen die beiden kroatischen Pop-Cellisten Luka Sulic und Stjepan Hauser, die Elton John mit den Worten vorstellt: „Sie sind schon eine Ewigkeit zusammen, aber sind erheblich jünger als alle anderen hier oben.“ Klar das dies im Publikum für Lacher sorgt!

Viele der alten Kracher von Elton arrangierte er zeitgemäß um, so weitet er etwa den Titelsong des 1971 herausgebrachten Albums „Madman across the water“ machtvoll aus. Klar viele von Eltons Stücken haben nun auch schon etliche Jahre auf dem Buckel, sind 20,30,40 Jahre alt, zeichnen jeder für sich eine andere Lebensphase des großen Künstlers nach, aber alle sind noch heute zeitgemäß und ohne jegliche Patina. Gute zweieinhalb Stunden darf das Publikum mit Elton in Erinnerungen baden, abrocken und mittanzen was das Zeug hält oder aneinander gekuschelt andächtig lauschen.
Elton im Cut im edlen Ed Hardy Look -vorne Blümchen hinten Totenkopf- präsentiert meine persönliche Lieblingsballade „Tiny Dancer“, neben dem Hit, der wohl seinen Werdegang am besten beschreibt „Rocket Man“, verabschiedet sich musikalisch aus der Enge der Vorstadt mit „Goodbye Yellow Brick Road“ und fleht „Don't let the sun go down on me“. Es scheint an nichts zu fehlen in dieser Show und doch fehlen natürlich auch andere Hits wie „Nikita“, „Daniel“ oder „I'm still standing“, aber de Auswahl des Künstlers ist ja immer eine sehr Subjektive. Nichts destoz kein Song den ich nicht mitsingen konnte, und um eine Zeile aus „Crocodile Rock zu zitierem: „My feet just can't keep still!“ Elton mag für den einen oder anderen im Publikum nicht mehr so bewegungsintensiv sein wie zu früheren Shows, wo Akrobatik auf seinem Piano durchaus vorkam, aber dafür spürt man, dass an diesem Abend seine Kunst umso mehr zur Geltung kommt. Elton erzählt aus seinem Leben und verzichtet auf überbordende Bühnenshow, wie etwa zur Show von „The Red Piano“. Ganze zwei Videoleinwände begleiten in intensivem Farbenspiel die jeweilige Stimmung des Songs und setzen diese gelungen um, nicht überfrachtet, aber einer Elton John Show angemessen.

Einen Höhepunkt schafft Elton nach dem Song „Sad Songs (say so much)“, denn ganz allein sitzt Elton am Flügel und spielt sich mit Melodiefetzen in Rage. Er improvisiert, zitiert die deutsche Nationalhymne und lässttttt daraus den Beginn von „Take me to the pilot“ entstehen. Dieser sehr frühe Hit seiner Karriere klingt nun Jahre später rauer und tiefer, was auf den beinahen Stimmverlust Mitte der Achtziger durch seinen Drogenentzug zurückzuführen ist. Das bis dahin im Parkett brav sitzende Publikum reißt es nun doch einfach von den Sitzen und es strömt in Richtung Bühne, von der aus Elton nach diesem Song auch zahlreiche Autogramme schreibt. Insgeheim denk ich mir, warum bin ich jetzt nicht da unten? Beim Finale des Abends „Crocodile Rock“ singt das gesamte Publikum laut den „Laa-la la la la Laa“ - Refrain mit.
Als einzige Zugabe gibt Elton den obligatorischen „Your Song“ mit dem er sich bei seinem Berliner Publikum für den gelungenen Abend bedankt und allen „Liebe, Glück, Gesundheit und Frieden“ wünscht, bevor er sie zurück in die Realität und in die kühle Nacht Berlins entlässt. Noch eine ganze Woche später halt die Energie des Abends nach und bleibt mir dieser Abend mit Elton für lange Zeit in Erinnerung, dies war Show auf dem höchsten musikalischen Niveau!




















(Maximilian Nitzschke)

NEONLICHTER IM AUSVERKAUF - Hertzschmertz


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2011 / F.K.K.-Musik / FKK 02

Mit etwas Verspätung erscheint die zweite Single auf dem jungen Vinyl-only-Label F.K.K.-Musik und wie nicht anders zu erwarten, gibt es wieder aktuell produzierten Minimal-Sound zu hören, diesmal von den bisher total unbekannten NEONLICHTER IM AUSVERKAUF. Ich bin ja ziemlich sicher, dass wir in der Singles-Reihe eine Menge neue Namen zu hören bekommen, wobei dahinter sicher immer mal wieder durch andere Bands bekannte Musiker stecken dürften. Bewusst wird alles bei dem Label sehr geheim gehalten, so auch bei dieser Single, die wieder auf 150 Exemplare limitiert ist und in farbigem Vinyl, mit kleinem Beiblatt im Einheitscover mit aufgestempelten Bandnamen daher kommt. Es ist definitiv nicht gewollt, dass man mit dem Label oder den Musikern Kontakt aufnehmen kann, warum auch immer. Aber die Miniauflagen machen ein normales Marketing natürlich auch überflüssig und so lange gute Musik abgeliefert wird, ist das völlig okay.
So gibt es hier drei kurze Ohrwürmer zu hören, angefangen mit dem ziemlich ndw-igen „Hertzschmertz“, mit ultraeingängigem Sequenzerlauf und tanzbarem Rhythmus. Weitaus waviger ist „Komm Mit“, das sicher nicht zufällig an Deutsch Amerikanische Freundschaft erinnert. Auf der B-Seite findet sich dann folgerichtig mit „Neonzeit“ eine Mischung aus den beiden Stücken der A-Seite, allerdings gar nicht so minimal, sondern schon „richtiger“ tanzbarer Electro, der direkt aus den Underground-Clubs der 80er Jahre stammen könnte.
Rundum also wieder eine gute Veröffentlichung, die schnell ihre Liebhaber finden wird und sicher irgendwann mal sehr gesucht ist. (A.P.)

MASSENDEFECT - Sicht Der Dinge


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2011 / Plastic Frog Records / pfr048

MASSENDEFECT konnten sich schon mit einer schönen Single auf Hertzschnitt100/Kernkrach in Position bringen, tauchten dann auf diversen Samplern auf und legen mit „Sicht Der Dinge“ eine weitere Single nach, die die Liebhaber minimal-elektronischer Klänge mehr als glücklich machen dürfte.
Obwohl auf dem Cover etwas von einer Limitierung auf 100 Exemplare steht, gibt es tatsächlich 200 Exemplare, hier hat leider der Druckfehlerteufel zugeschlagen. Aber auch 200 Exemplare dürften schnell weg sein, denn zu hören gibt es ganz klar dem 80er Jahre Sound verhafteten NDW/Minimal-Klang, der irgendwo zwischen Profil und Stratis ergänzt durch ein paar Telespiel-Sounds auf der A-Seite, und Christof Glowalla trifft Der Plan auf der B-Seite zu begeistern weiß. Der zweite Track aus der B-Seite ist eine liebevolle, selbstironische Hommage an die Bedeutungslosigkeit Münchens in der frühen NDW-Phase. Das ist lustig gemacht und sympathisch.
Man merkt zwar als alter Kenner und Liebhaber dieser Art von Musik, dass es sich um heutige Aufnahmen im alten Sound handelt und nicht um wiederentdeckte Klänge von „damals“, aber das macht ja nichts, denn Spaß macht die Single natürlich trotzdem und wird sicher mal ein gesuchtes Stück Vinyl sein. (A.P.)

Webadresse der Band: www.plasticfrogrecords.com

STAATS[EINDE] - Eindplaneet


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2010 / Enfant Terrible / Petit Enfant 008

STAATS[EINDE] aus Holland hat man erstmals auf dem „Kamp Holland“-LP-Sampler gehört, rückblickend eine schier unerschöpfliche Übersicht guter, neuer Bands aus Holland. Enfant Terrible nimmt sich der besten an und bietet einigen Gruppen die Möglichkeit, eigenes Vinyl unter die Leute zu bringen, so auch dieser Band aus Utrecht, die offenbar einen gewissen Bezug nach Deutschland hat, klingt der Bandname doch wie ein leicht verzerrter Begriff von hier und sind doch zwei Tracks mit deutschem Text versehen.
Musikalisch gibt es eine sehr merkwürdige Mischung aus Avantgarde und Minimal-Pop mit leichten Anklängen an die „Genialen Dilletanten“ aus dem Berlin der frühen 80er Jahre. Das ist ungewöhnlich und sicher nicht jedermanns Geschmack, aber doch irgendwie fesselnd. Die B-Seite liefert dann etwas eingängigeren und durchaus tanzbaren Minimal-Electro ab, der auch ein paar Italo-Disco-Einflüsse aufweist. Enfant Terrible hat hier wieder einmal, und erfreulicherweise, nicht den ganz einfachen Weg gewählt und die Millionste Minimal-Electro Single der bekannten Art veröffentlicht, sondern ein Kleinod, das man öfter hören sollte, um hinter die Details zu kommen. Eine Auflage von 300 Exemplaren und ein Siebdruckcover in unterschiedlichen Varianten tun das Übrige, um die Platte in Zukunft zu einem Sammlerstück zu machen. (A.P.)

Webadresse der Band: www.enfant-terrible.nl

P24 - Lichtjahre Entfernt


Erstveröffentlichung: Download 2011 / RGK / BelieveDigital

P24 ist ein Electro-Pop-Projekt (Eigenbeschreibung) des Musikers und Produzenten Rico Piller, der sonst bei D.Pressiv aktiv ist und schon für diverse andere bekannte Bands gearbeitet hat. Nun legt er neben seinem aktuellen Album „Stimmen Bleiben Stumm“ eine Download-Single vor, die ganz sicher für den Einsatz in den Clubs vorgesehen ist.
Die Single-Version von „Lichtjahre Entfernt“ klingt wie eine Mischung aus Kraftwerks „Schaufesnterpuppen“ und Peter Schilling mit einem ordentlich tanzbaren Rhythmus, also Synthie-Pop, der auch im Radio laufen könnte, wenn sich all die heutigen Sender mal dazu entschließen könnten, auch Musik zu spielen, hinter den nicht der große Werbeetat der Plattenfirmen steht. Durch den deutschsprachigen Gesang hebt sich das Stück von vergleichbaren Synthie-Pop-Stücken positiv ab. Der „Original Rock“-Mix liefert das ab, was er verspricht, nämlich die Hinzunahme von einigen Gitarren. Aber wie bei so vielen Synthie-Pop-Gruppen in der Vergangenheit, ist das nicht besonders überzeugend und wirkt irgendwie anbiedernd. Überflüssig. Wie es sich aber für Electro im Stile der 80er Jahre gehört, gibt es auch noch einen langen „Original Extended“-Mix. Natürlich wird dabei vor allem auf Tanzbarkeit Wert gelegt und ein paar wenige etwas experimentelle Sounds wurden auch verwendet. Da ist wohl echtes Potential für einen kleinen Szenehit auf den Tanzflächen der einschlägigen Clubs. Dazu gibt es noch den wenig auffälligen Track „Geh“, der sich stilistisch gar nicht vom Titeltrack unterscheidet und zumindest hier nicht als Beleg dienen kann, dass P24 eine besonders vielseitige Band wäre. Für den ganz großen Durchbruch fehlt doch noch ein bisschen Eigenständigkeit und hier und da ein paar Ecken und Kanten. (A.P.)

Webadresse der Band: www.p24-project.de

TRAFFIC A.M. - A Beautiful Sight


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Plastic Frog Records / pfr 051

Was das Artwork betrifft, wirkt dieses erste Album der deutschen Band TRAFFIC A.M. zunächst völlig unscheinbar. Fast komplett schwarz, keinerlei Bilder außer einem unscharfen Etwas auf der Rückseite und wenige Infos. Das Duo Michael Kissing und Stefan Gonser arbeitet seit 2009 zusammen, von Beginn an mit genauer Vorstellung, was bei TRAFFIC A.M. herauskommen sollte. Labelmacher Klaus schrieb mir, dass die Band „im Bereich Dark Wave anzuordnen“ ist und damit liegt er nicht ganz falsch. Allerdings liegen die Wurzeln nicht im bekannten und oft lächerlichen Dark Wave der 90er Jahre, sondern ganz klar in den 80ern. Mir fallen da Bands wie The Essence oder die frühen Pink Turns Blue ein, nur, dass TRAFFIC A.M. mit mehr elektronischen Elementen arbeiten. Aber alleine die oft eingesetzte Wave-Gitarre macht das Album hörenswert, dazu elektronische Beats, die ab und zu auch mal tanzbar werden, dunkle Bass-(Sequenzer-)Läufe und eine sehr angenehme Stimme dürften so manchem Alt-Waver viel Freude machen. Das alles ist aber zeitgemäß produziert und klingt nicht altbacken. Mit unter 50 Minuten Spielzeit ist das Album auch nicht zu lang geraten, so dass es niemals langweilig wird. Wer eine schöne Mischung aus Diary Of Dreams, Drown For Resurrection und Escape With Romeo mag, sollte TRAFFIC A.M. unbedingt antesten. Da steckt weitaus mehr drin, als man zunächst erwartet. (A.P.)

Webadresse der Band: www.myspace.com/trafficam

LOCAS IN LOVE - Lemming

Wiederveröffentlichung: CD 2011 / Staatsakt / Rough Trade
Erstveröffentlichung: LP 2011 / Staatsakt / Rough Trade

LOCAS IN LOVE ist ein Trio aus Köln, das, drücken wir es mal vorsichtig aus, aus dem Karpatenhund-Umfeld kommt, aber schon seit Anfang des Jahrtausends parallel dazu Platten veröffentlicht. Nun ist brandneu das bereits vierte Album, neben einigen Singles und EPs erschienen und schon das Vorabvideo „An den falschen Orten“ machte mehr als neugierig. Ich sage es mal vorweg: die Erwartungen und Hoffnungen auf ein richtig gutes Album werden voll erfüllt! Ganz weg kommt man nicht vom Vergleich zur anderen Band der Musiker(innen), aber Karpatenhund ist dann doch eine ganze Spur poppiger und mainstreamiger (wofür ich sie aber sehr liebe) und die 3???-Fans haben als unverwechselbares Wiedererkennungsmerkmal vor allem natürlich die bezaubernde Sängerin Claire Oelkers aufzubieten. LOCAS IN LOVE bewegen sich doch eher in einer etwas rockigeren Welt, wechseln beim Gesang fast gleichberechtigt zwischen Mann und Frau und haben ihre Vorbilder sicher vor allem im englischen Indie-Pop/Rock der späten 80er Jahre, wobei hier aber deutschsprachige Texte verwendet werden, die oft ein bisschen melancholisch, aber nicht weltschmerzig oder gar düster sind. Stattdessen gibt es hier fast durchgehend wahre Worte, die dem optimistischen Gesülze, das viele Leute von sich geben, einfach mal einen Riegel vorschieben („Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug“, „Es ist alles wirklich so schlimm wie es scheint“). Dabei wird aber nicht gesagt, dass man einfach aufgeben soll. Eher erinnert das an Frank Goosens Roman „Liegen Lernen“ oder die Aussage von Revolverhelds „Freunde Bleiben“. Mit „An Den Falschen Orten“ ist sogar ein echter Hit dabei, der sich ein bisschen durch seine Poppigkeit von den meisten anderen Songs etwas abhebt und auch bei besseren Radiosendern eingesetzt werden könnte. Auch, wenn es musikalisch nicht so ganz stimmt, würde ich aufgrund der textlichen Qualitäten und der durchweg ohrwurmigen Melodien LOCAS IN LOVE in eine Reihe mit Tomte, Madsen und Kettcar stellen und ich würden ihnen den kommerziellen Erfolg viiiieeeeel mehr gönnen als zum Beispiel den anbiedernden Sportfreunde Stiller. Irgendwie ist die Musik von LOCAS IN LOVE – und die Texte – so, dass man das Gefühl hat, man würde gerne mit den Bandmitgliedern befreundet sein, weil sie die eigene Stimmung und Gefühle auf den Punkt treffen. Mit diesem Album haben LOCAS IN LOVE (spätestens) jetzt Klee locker-flockig links überholt. Und Klee mag ich wirklich gerne! (A.P.)

Webadresse der Band: www.locasinlove.de


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