BAKTERIELLE INFEKTION - Analog – Digital


Erstveröffentlichung: Maxi-CD 1999 / A & T Records

Wie beinahe alle früheren BAKTERIELLE INFEKTION Veröffentlichungen, ist auch diese 1999er Maxi (damals limitiert auf 400 Exemplare in einer DVD-Box) nicht mehr erhältlich und sicherlich ein gesuchtes Sammlerstück. Wie gewohnt gibt es minimalistischen Analog-Techno Sound im Stile der 80er zu hören. Hier fühle ich mich diesmal ein wenig an damalige Projekte wie Das Kombinat und frühe Plastic Noise Experience erinnert, wobei „Switched Off“ sicherlich in einigen guten Discos und bei entsprechenden Parties einen Tanzflächenfüller abgeben dürfte. Aber auch die übrigen 4 Lieder, besonders „In Parallel“, überzeugen durchweg. Knapp 15 Minuten purer BAKTERIELLE INFEKTION-Sound, der Freunde und Sammler von rhythmisch-tanzbarem Minimal-Experimental-Electro in Verzückung geraten lassen dürfte.

Webadresse der Band: www.bakterielle-infektion.de

LOST IN DESIRE - Lost In Desire


Erstveröffentlichung: CD 2010 / Echozone / Neo-SonyMusic / BM09C372

Dafür, dass das unbetitelte Debütalbum des Austro-Amerikaners Stephan S. alias LOST IN DESRIE bereits eine Weile auf dem Markt ist und inzwischen sogar zwei EPs nachgeschoben wurden, findet man erstaunlich wenig über die Band im Netz, zumindest was Rezensionen angeht, denn in all den modernen Web 2.0-Portalen findet man die Band natürlich, so dass sie wohl dachte, da muss man keine tolle eigene Website mehr haben. Die gibt es zwar, sieht aber sehr lieblos hingeschludert aus und all die hingepappten Facebook-, My Space-, Amazon-, ITunes-, You Tube-, Twitter-usw-Klickflächen lassen die Seite aussehen wie einen mit Werbung vollgeklatschten Formel 1-Rennfahrer. Vielleicht sollte man sich nicht allzu sehr auf die Macht des Internet verlassen, wenn man als Band durchstarten will.
Das Album liefert eine recht vielseitige Mischung aus Dark Wave und Gothic-Rock ab, allerdings das, was wohl jemand darunter versteht, dem es vor allem mal um kommerziellen Erfolg geht, also nicht zu düster, nicht zu hart, durchaus poppig und mit zeitgemäßen Alternative-Rock-Anklängen versehen plus einiges an Elektronik. Dazu übertrieben emotionaler Gesang, wie bei einer Schülerband, die nach Placebo klingen möchte. Dazu passt auch das Covermotiv, mit dem man wohl ein bisschen an den Erfolg der „Twilight“-Filme anknüpfen möchte. An sich sind schon ein paar ganz hübsche Songs dabei, aber die ganze Produktion ist so lasch, dass nichts hängenbleibt. Es scheint so, als wenn hier ganz gezielt so produziert wurde, dass man es allen recht macht und genau das ist der Fehler, denn was rauskommt ist wischi-waschi.
In der Dark Wave-Szene wird sich LOST IN DESIRE kaum nachhaltig durchsetzen können und darüber hinaus sowieso nicht. Sorry, netter Versuch, aber: noch mal probieren, wenn man ein bisschen klarer weiß, was man musikalisch will und dann zielgerichtet darauf hinarbeiten. (A.P.)

CLASSIC OPEN AIR - 20 Jahre Classic Open Air Berlin am Gendarmenmarkt


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011

20 Jahre Classic Open Air am Gendarmenmarkt Berlin - Das Jubiläumsfestival 07.07. - 12.07.2011 -

Das Publikum sowie die Fachpresse gratuliert in diesem Jahr einem Festival, welches sich fest im Open Air Sommer der Hauptstadt etabliert hat. Seit nunmehr 20 Jahren findet dieses Jahr vom 07.07.2011 bis zum 12.07.2011 das „Classic Open Air“ auf dem Gendarmenmarkt statt. Dieser möglicherweise schönste Platz in der Mitte Berlins atmet allein für sich gesehen schon Geschichte, denn 1688 entstand er bereits nach den Plänen von Johann Arnold Nering im Auftrag des Kurfürsten Friedrich III., dem späteren König Friedrich I. In Preußen. Als Teil der Friedrichstadt siedelten sich hier ein großer Teil der französischen Einwanderer an, denen der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg mit dem Edikt von Potsdam 1685 den Schutz ihrer religiösen Freiheit und volle Bürgerrechte zusicherte. Seine heutige eigentliche Gestalt erhielt der Platz wohl erst unter Friedrich dem II., nachdem neben den beiden Kirchen, dem heutigen Deutschen Dom und dem Französischen Dom noch zwei identische Kuppeltürme entstanden. Was man in der heutigen Zeit, wo der Platz von shoppingfreudigen Touristen, kaffee- und kuchenhungrigen Leckermäulchen oder fotografierwütigen Touristen bevölkert wird, kaum noch erahnen kann ist, dass dieser Platz in der ursprünglichen Funktion als Markt erdacht war. Erst 1799 erhielt er seinen klangvollen Namen in Erinnerungen an die Stallungen des Kürassierregiments „Gens d' armes“ die der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. hier 1736 errichten ließ. Sein Sohn „Friedrich der Große“ ließ diese Stallungen wieder abreißen und verschaffte dem Platz eine einheitliche Umbauung mit dreistöckigen Häusern. Zwischen den beiden Kirchenbauten entstand ein kleines französisches Komödientheater, der Vorläufer des 1821 erst fertig gestellten königlichen Schauspielhauses, welches seit 1992 die Kulisse bildet für das „Classic Open Air“.

1991 hielt man den Festivaldirektor Gerhard Kämpfe noch für völlig verrückt, auf diesem Platz, der architektonisch verändert wurde durch die Machthaber der DDR ein Open Air Festival zu veranstalten. Ganz Berlin war von Baustellen überzogen und auch über dem Gendarmenmarkt kreisten etwa 27 Kräne um die architektonischen Scheußlichkeiten der vergangenen Jahrzehnte abzutragen. Kaum vorzustellen das hier Startenöre auftreten werden in den folgenden Jahren. „Ich wurde für verrückt erklärt. Der Platz war eine einzige Großbaustelle mit 27 Kränen. Die DDR Gebäude waren noch nicht einmal abgerissen“, erinnert sich Gerhard Kämpfe. Vermutlich trägt der Festivaldirektor seinen Namen nicht umsonst, brauchte es Kampfgeist und die Vision hier einmal in 20 Jahren 600.000 Besucher verzeichnen zu können. Dennoch entwarf er das Festivalkonzept, das sich bis heute nicht verändert hat. Klassik, Oper, Operette, Musical, Filmmusik und Rocksinfonik sollen sich zu einer Konzertreihe entwickeln und so finden sich in 20 Jahren Festivalgeschichte namhafte Sängerinnen wie Lucia Aliberti oder Montserrat Caballé neben Namen wie Xavier Naidoo oder die Scorpions – diese Gegensätze machen den Reiz des Festivals aus. Gerhard Kämpfe gibt zu, dass die ersten Jahre noch sehr stressig waren, denn er musste zum einen in den ersten Jahren nicht nur Künstler und Mitarbeiter engagieren, eine Bühne und Technik auf den Platz stellen, sondern gelegentlich auch diverse Baufirmen zu Baustopps während der Konzerte bewegen. Was ihm ein gehöriges Stück geholfen hat ist der Fakt, dass er selber Bühnenerfahrung besitzt und Künstler wie Roland Kaiser oder Georg Danzer produziert hat. Die ersten Tourneen des Friedrichstadtpalastes, auch in die alten Bundesländer, veranstaltete er mit und entwickelte hierfür das Showkonzept. Was er 1991 allerdings nicht erahnen konnte war, wie sehr das „Classic Open Air“ - Festival sich als sein Lebenswerk entpuppen würde.

1993 stieß Mario Hempel zum „Classic Open Air“ - Team hinzu und war zunächst nur für das Sponsoring zuständig. Auch er besitzt künstlerische Erfahrung den er war lange Zeit Sänger, Gitarrist und Manager der DDR Rockband Report gewesen. Nach der Wende wollte er sich neu orientieren und gründete eine Catering Firma. Auf Sponsorensuche für den Friedrichstadtpalast lernte er Gerhard Kämpfe kennen und seither hält ihre Freundschaft nun schon bombenfest. Seit 1998 kümmert sich Mario Hempel seither als geschäftsführender Gesellschafter auch um Finanzen und Marketing, denn je größer das Festival wurde um so größer wurden auch die Aufgaben. Als ehemaliger Musiker nimmt Hempel auch Einfluss auf das Festivalprogramm selbst, etwa die Idee im 20. Jubiläumsjahr den Startenor José Cura und die bezaubernde Sopranistin Barbara Krieger gemeinsam eine italienische Nacht gestalten zu lassen stammt von ihm, oder auch die Scorpions noch einmal einzuladen zu einem Rock Sinfonik Konzert.

Das erste Festivalkonzert in diesem Jahr, die „First Night“ stand ganz im Zeichen der Erinnerung an die vergangenen 19 Jahre. Durch den Abend führte der Schauspieler Herbert Feuerstein und präsentierte dem Publikum eine Auswahl der schönsten Titel der beliebtesten Konzerte in der Geschichte des Musikfestivals, hier erklang „Wassermusik“ neben „O Sole Mio“, das „Plapperduett“ neben „We don't need another Hero“. Ja lieber Leser sie lesen ganz richtig, Händel erklingt neben di Capua, Verdi neben Tschaikowski und sogar Carlos Santana findet seinen Platz neben Richard Wagner. Acht Solisten, darunter das Crossover Projekt „Apassionante“ aus drei jungen italienischen Opernsängerinnen, oder die Sopranistin Eva Lind ließen zusammen mit der Anhaltischen Philharmonie Dessau diese Stücke erklingen. Wie jedes Jahr krönte auch dieses Eröffnungskonzert eine prachtvolle und pyrotechnische Inszenierung.
Am zweiten Festivalabend, hierzu folgt eine ausführliche Kritik, luden uns Startenor José Cura und Sopranistin Barbara Krieger ein, Ihnen ins Herz Italiens zu folgen um mit Opernarien und Duetten aus den Werken von Leoncavallo, Bellini, Donizetti und Verdi „die italienische Nacht“ zu zelebrieren. Gemeinsam mit der Neuen Elbland Philharmonie entzündeten sie ein Feuerwerk der überschäumenden Emotionen und des italienischen Temperaments auf sympathische Art und Weise.
Der dritte Festivalabend, auch hierzu folgt eine ausführliche Kritik wie auch für Sonntag, bestand als kontrastreiches Konzert aus zwei Teilen. Im ersten Teil erlebten die Konzertbesucher anlässlich der Übernahme der EU – Ratspräsidentschaft am 01.07.2011 an die Republik Polen ein Oratorium des polnisch – belgischen Komponisten Henri Seroka „Credo“. Bereits in mehreren Ländern aufgeführt, reflektierte der Komponist den lateinische Text in klangvollen Bildern voller bombastischer Überfrachtung. Der zweite Teil wechselte in der musikalischen Grundstimmung zu rhythmisch betonter Musik der Kantate „Carmina Burana“ von Carl Orff. Ganz dem Charakter der Orffschen Musik folgend, wurde das Werk durch Licht, Laser und pyrotechnische Effekte zu „O Fortuna“ auch visuell erlebbar gestaltet. Am vierten Festivalabend wird die gebürtige Kanadierin Anna Maria Kaufmann dem Publikum „Highlights aus Operette und Musical“ präsentieren. Worin der Unterschied zwischen Operette und Musical liegt, wird Anna Maria Kaufmann spielerisch nachgehen. Als Gastgeberin des Abends wird sie mal „Madame Operette“ werden und mal „Miss Musical“ gemeinsam mit der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig.
Der Montagabend gehört ganz und gar den Jungs der Rockband „The Scorpions“, den auf ihrer Abschiedstournee stehen sie als „Scorpions Classic“ mit dem Filmorchester Babelsberg auf der Bühne des Gendarmenmarktes. Nun am Höhepunkt ihrer Karriere angekommen sagen sie ihren unzähligen Fans in aller Welt „Ade!“ Dieses Konzert ist die Vereinigung der Rockband mit einem sinfonischem Klangkörper und wird nach Hits wie „Hurricane“, „Send Me an Angel“ oder „Wind of Chance“ mit einem Feuerwerksfinale zum 20jährigen Jubiläum beendet werden Den Festivalabschluss bildet ein Filmmusik – Konzert „The Complete James Bond“ präsentiert vom Royal Philharmonic Orchestra London. Die Filmreihee James Bond hat ja mittlerweile Kultstatus und ebenso das unverkennbare 007 Thema von John Barry. Dominique Horwitz wird das Publikum mitnehmen auf eine musikalische Reise durch fast 50 Jahre Filmgeschichte der James Bond Filme. Unter der Leitung des amerikanischen Dirigenten Carl Davis spielt das renommierte Royal Philharmonic Orchestra London mit der britischen Sängerin Mary Carewe 007 Hits – gerührt versteht sich, nicht geschüttelt!

CLASSIC OPEN AIR - Eine italienische Nacht


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011

20.Classic Open Air 2011 in Berlin


„Una Noce italiana – Eine italienische Nacht“ - Locker, Lecker, Leicht Sympathisch!

Bei strahlend blauem Himmel wurde am Freitagabend das Berliner Publikum hineinversetzt in die Toscana und das Lebensgefühl Italiens, durfte den überschäumenden Emotionen und Leidenschaften der alten Italiener lauschen und mit Lucia, Tosca, Aida oder auch Madamme Butterfly lieben und leiden. Mio dio quel grande opera!

Zu Beginn des über zweistündigen Programms betraten pünktlich die Musiker der „Neuen Elbland Philharmonie“ die Treppenstufen des Konzerthauses am Gendarmenmarkt und wurden auf dem gut besuchten Platz auch freudig erwartungsvoll begrüßt. Vor mehr als 60 Jahren wurde dieses Orchester in der sächsischen Stadt Riesa gegründet, von wo aus es heute Stadthallen, Kulturhäuser und Theater rund um die Landeshauptstadt Dresden bespielt. Die 50 Musiker durften bereits Gastspiele in Belgien, Polen, der Schweiz und Österreich absolvieren, wobei für sie dieser Abend hier in Berlin schon etwas besonderes war. Zum ersten Mal standen sie auf dieser Open-Air Bühne um gleich zwei großartige Stimmen musikalisch in Szene setzen zu können. Als alle Musiker sich platziert hatten traten aus den Türen des Konzerthauses heraus die Mitglieder des „Berliner Konzert Chores“ um auf den obersten Treppenstufen Aufstellung zu nehmen. Bereits seit 1956 bereichert dieser Chor die Kulturlandschaft Berlins und war auf Gastspielreisen im In- und Ausland. Ihre reguläre Heimat bildet die Philharmonie Berlin, deren Anspruch schon seit Jahren darin liegt, auch selten dargebotene Werke oder konzertante Opernaufführungen in Szene setzen zu können. Die Sänger und Sängerinnen dieses Chores bereicherten schon des öfteren das „Classic Open Air“ wobei sie im Laufe des heutigen Abends nur zwei größere Auftritte hatten und den Rest der Zeit nicht auf der Bühne präsent waren. Einmal sangen sie aus der Oper „Norma“ von Vincenzo Bellini „Norma viene“ und ein weiteres Mal aus der Oper „Lucia di Lammermoor“ von Gaetano Donizetti das Stück „Chor der Hochzeitsgäste“.
Hingegen eine ganz wesentliche Rolle spielt im Laufe des Abends der als Italiener in Buenos Aires geborene Dirigent Mario de Rose, den er ist es, der das Orchester mit Würde und Taktstock durch den Abend führte. Sein Dirigentenstudium absolvierte er an der Musikschule der argentinischen katholischen Universität und wurde bei internationalen Wettbewerben mehrfach mit ersten Preisen ausgezeichnet. Er war bereits Chefdirigent des Sinfonieorchesters von Avellanda und Musikdirektor des La Plata Theaters, dem zweitgrößten Opernhaus in Argentinien. Seit 2005 arbeitet Mario de Rose mit dem Startenor des Abends José Cura zusammen und begleitete seine Konzertreisen durch Frankreich, Holland, Portugal, Italien und nicht zuletzt auch Deutschland. Große Opern wie Carmen, Othelloooooo, Lucia di Lammermoor oder Turandot hat er bereits dirigieren dürfen in denen José Cura die Hauptrolle sang. Er bildet auch das stimmliche Entree indem er den „Prolog“ aus der Oper „Pagliacci“ von Ruggiero Leoncavallo (1858 – 1919) mit charismatischer Tenorstimme, die sofort ins Ohr geht, zelebriert. Das Publikum schwelgt und fühlt sich inmitten der glanzvollen Kulisse kurzzeitig in mediterrane Landschaften versetzt, etwa an den Piazza di Popolo in Rom. Angenehm unverkrampft und locker geht José Cura mit den Texten und auch dem Publikum um, denn er verlässt den Bühnenraum und geht hinein in den Logenblock A um ein wenig zu koketieren und eine Mischung aus argentinischem Feuer und italienischem Charme zu verbreiten. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Feuer und gelebter Leidenschaft die José Cura innerhalb von nur wenigen Jahren zu einem der begehrtesten Sänger an den Opernhäusern der Welt werden ließ. Wirklich weltberühmt wurde er durch seine Arten der Charakterinterpretationen, wobei insbesondere Othello in der gleichnamigen Oper von Verdi oder Samson in Samson und Dalia von Saint Saens hervorstachen. Etwas besonderes im Laufe des Konzertes ist auch, dass er Mario de Rose nicht alle Stücke des Programmes allein dirigieren lässt, sondern auch seine Fähigkeiten als Dirigent unter Beweis stellt. Damit dürfte José Cura der erste Opernsänger überhaupt sein, der so problemlos von Gesang zum Dirigentenpult wechseln kann.
Interessant ist die Auswahl an Komponisten für den heutigen Abend gewesen, denn mit Ruggiero Leoncavallo oder Pietro Mascagni wählte man Vertreter des „Verismo“ einer Stilrichtung der italienischen Oper die etwa zwischen 1890 und 1920 in Mode war. Zum Ende des 19 Jahrhunderts hin befanden sich die italienischen Operntraditionen an einem Wendepunkt, denn mit Opera seria oder Opera buffa war es vorbei und auch das Melodramma tragico von Guiseppe Verdi machte keine wirkliche Schule. Die italienischen Städte sahen gebannt nach Paris und versuchten die dortige Mode der Opera comique zu übernehmen. Somit schufen vorwiegend junge Komponisten eine neue Art der italienischen Oper die sich auch schlagartig durchsetzte. Die veristische Oper zeigt die endgültige Aufgabe klassischer Theaterregeln wie etwa Ständeklausel oder eine stilisierte Darstellung von Kreaturen. Paraderollen dieser Zeit wählten José Cura und Barbara Krieger für diesen Abend in Berlin aus, so sind „Cavalleria Rustica“ von Pietro Mascagni und „Pagliacci“ von Ruggiero Leoncavallo die Top Vertreter dieser Opernstilistik. Wegen seiner Handlungskonstruktionen, die an Sensationsjournalismus erinnern, führte der Verismo zu kalkulierten Theaterskandalen. Musikalische Stilmittel wie das Mitgehen des Orchesters im Unisono mit der Gesangsstimme oder eine sehr einfache Gegenübersetzung von Melodie und Begleitung wurden für grob und effekthascherisch gehalten. Auch die Eingliederung realistischer Geräusche wie Pistolenschüsse, Lachen, Schreie und gesprochene Sätze in den musikalischen Ablauf machte Sensation, stieß aber nicht überall auf Zustimmung. Verdi etwa lehnte diesen überzeichneten Realismus ab und untersagte etwa der Darstellerin seiner „Traviata“ ein lautes Husten. Ungeachtet oder gerade wegen der kritischen Aufnahme hatten die Verismo-Opern in den 1890er Jahren einen weltweiten Erfolg.

Nachdem José Cura seinen ersten großen Auftritt hatte spielte die „Neue Elbland Philharmonie“ aus der gleichen Oper das „Intermezzo Sinfonico“ und bildete die akustische Überleitung zur „Aria Canio“ aus „Pagliacci“, der ersten Arie die nun Barbara Krieger – in edlem blauen Kleid- darbot.
Sie wurde in Wiesbaden geboren und studierte zunächst Germanistik und Musikwissenschaften an der Universität Mainz, bevor sie ihr Gesangsstudium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst „Mozarteum“ in Salzburg absolvierte. Sie ist mittlerweile eine lyrisch-dramatische Sopranistin die auf vielen bedeutenden Opernbühnen wie etwa dem Gran Teatre de Liceu Barcelona , in Bregenz, Leipzig, Karlsruhe oder dem Nationaltheater in Weimar. Im Jahr 2008 gab sie Gala Konzerte mit Roberto Alagna u.a. auch zum „Classic Open Air Festival“ hier in Berlin bzw. in Dresden. Auch im Sommer 2009 begeisterte Barbara Krieger bereits das Publikum auf dem Gendarmenmarkt an der Seite von José Carreras. Die Saison 2010/2011 begann für Sie vor der Dresdner Frauenkirche und einem umjubelten Konzert gemeinsam mit José Cura als Duettpartner.
„Wir haben noch nicht gemeinsam auf dieser Bühne am Gendarmenmarkt gestanden, das ist schon etwas anderes. Künstler haben zwar ihre Persönlichkeit, das Publikum kennt sie und weiß in gewisser Weise was es zu erwarten hat. Aber wenn dann zwei Sänger zum ersten Mal zusammen auf einer Bühne stehen, dann ist die Chemie, die Formel eine andere und das Ergebnis natürlich auch ein anderes,“ erklärt José Cura im Interview gegenüber der Berliner Morgenpost.
Barbara Krieger und José Cura harmonierten perfekt auf der Bühne und zergingen sich in gesungener Leidenschaft, Tragik und Hingabe. Hingabe war es auch was José Cura im Interview dem Berliner Publikum versprach und ebendiese spürte das Publikum auf dem Gendarmenmarkt sofort. Dezent hielt er sich zurück wenn Barbara Krieger alleine etwa die Arie „Pace, mio Dio“ aus Vincenzo Bellinis „Norma“ sang, rannte urplötzlich hinter die Bühne um seiner Bühnenpartnerin im Anschluß ein Glas Wasser zu reichen, ganz Gentlemanlike. Kurz vor der Pause des ersten Teiles sangen beide gemeinsam aus Giuseppe Verdis Oper „Aida“ die wunderschöne Arie „Pur ti riveggo“ und der Gendarmenmarkt applaudierte noch weit in die Pause hinein.

Nach der halbstündigen Pause erklang von Pietro Mascagni die „Osterhymne“ aus der Oper „Cavalleria Rusticana“ welche José Cura selbst dirigierte, bevor Barbara Krieger stimmlich zu „Voi lo sapete, o mamma“ ansetzte. Beiden sah man an, dass hier nicht verkrampft und steif die Arien des 19 Jahrhunderts präsentiert wurden, sondern vielmehr die Lust am Gesang und die gemeinsame Hingabe für das Opernfach auf lockere, ja leichte Weise.
Steht das Berliner Publikum sonst gern in dem Ruf ein eher schnippisches Publikum zu sein, was daran liegen mag das es schlichtweg kulturell verwöhnt ist, so spürte man an diesem Abend hiervon gar nichts. Man hätte meinen können auf diesem Platz im Herzen Berlins in Süditalien zu sein. José Cura meinte im Interview mit der Berliner Morgenpost nur „Wenn man etwas wirklich mit Liebe tut, dann kommt es auch an, egal welche Umstände den Auftritt erschweren. Das ist meine Erfahrung- besonders mit dem Publikum in Deutschland!“ Oh ja diese Liebe zur Musik hatte das Publikum in diesem über zweistündigen Konzert zu spüren bekommen und so war es nicht verwunderlich, dass nach Giacomo Puccinis „Madame Butterfly“ und der Arie „Viene la sera, Butterfly“ von beiden Künstlern vorgetragen – der Applaus nicht abebben wollte. Dies war ein grandioser Abend in großartiger Kulisse zelebriert von unheimlich guten Künstlern, bellissima!









(Maximilian Nitzschke)

CLASSIC OPEN AIR - Credo und Carmina Burana


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011

20. Classic Open Air Berlin
Die „Carmina Burana“ von Carl Orff und das „Credo“ von Henri Seroka - klassische Leckerbissen vor schaumgebremstem Publikum

Aufführung am Samstag, den 9.Juli 20011 auf dem Gendarmenmarkt

Herkömmliche Meinung ist: Die Liederhandschriften „Carmina Burana“ stammen von Carl Orff! Aber nein, genau das tun sie mitnichten! Sicher, jeder kennt die Fassung von Carl Orff, aber echte Spezialisten oder Freunde mittelalterlicher Liedkunst interessieren sich auch für die originale mittelalterliche Sammlung, auf der seine Kompositionen von 1937 beruhten. Die Musik Carl Orffs ist klar geprägt von den klanglichen Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts und beschreibt textlich doch eine sinnliche Klangreise in das Mittelalter und die daran aufgefädelte eigene Fantasie. Wir hören von Studenten, Vaganten, Landstreichern und sogar entlaufenen Klosterbrüdern, jedoch wirklich mittelalterliche Denkansichten präsentiert uns Carl Orff hier nicht. Dennoch muss ich als Kritiker an der Vertonung durch Carl Orff anmerken (– mir gefallen die unzähligen Interpretationen mittelalterlicher Gruppen schlichtweg besser –), dass man die Orffsche Komposition als „elementar“ und „gewaltig“ bezeichnen muss. Das Orchester wird als überdimensioniertes Schlagwerk benutzt, die Pauken des Brandenburgischen Staatsorchesters drehen das Schicksalsrad der Göttin Fortuna und schauen ob die Glücksgöttin den Menschen nun Macht und Reichtum oder Elend bringen wird.
Die Texte aus dem Jahr 1230 sind alles andere als prüde und eigentlich würde man so deftige Verse nicht im züchtigen Kloster erwarten, aber vielleicht war dies im Benediktinerkloster zu Beuren im Loisachtal im Mittelalter ja anders. Das Kloster verwahrte sie jedenfalls bei den verbotenen Schriften auf und fast 600 Jahre lang scheint sich niemand für die etwa 300 Lieder und Gedichte in volkstümlichem Latein, Mittelhochdeutsch und französischen Brocken interessiert zu haben. Erst als 1803 die bayerischen Klöster säkularisiert wurden, gelangte die Handschrift in die Münchener Staatsbibliothek und zählt seither dort zu den wertvollsten Schätzen.
Carl Orff fand sie zufällig in einem Würzburger Antiquariatskatalog und war fasziniert. Was Orff nicht tat, war eine Anknüpfung zu suchen an die originalen Melodien. Ihn interessierte keine Rekonstruktion der originalen Musik, sondern der Rhythmus und die Bildhaftigkeit der Dichtungen.

Dirigent des dritten Abends der 20. Classic Open Air Berlin am Samstag auf dem Gendarmenmarkt war der in Johnstown (Pennsylvania USA) geborene Kevin McCutcheon, welcher an der Philadelphia Music Academy studierte und über mehrere Jahre hinweg Dirigent der Opera of Philadelphia war.
Im Dezember 1985 gab er sein Debüt als Dirigent an der Deutschen Oper Berlin mit „Cosi fan tutte“, an der er seitdem Solo - Repetitor ist. McCutcheon ist, das spürte man anhand des losbrechenden Applauses auf dem Gendarmenmarkt als er das Dirigentenpult betrat, in Berlin sehr beliebt und geschätzt. Dies dürfte auch an der Tatsache liegen, dass er regelmäßig mit dem Rundfunk Sinfonie Orchester Berlin gastierte oder bei den Musikfestspielen auf Schloß Sansssouci Potsdam dirigierte.
Den musikalisch - orchestralen Part des Abends lieferte, technisch und visuell perfekt umgesetzt, das „Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt Oder“, dessen Gründung auf das Jahr 1842 zurück geht. Mit 86 Musikern ist es der größte sinfonische Klangkörper Brandenburgs und versteht sich als offizieller musikalischer Botschafter des Landes. So ist das Orchester neben Auftritten in seiner Heimatstadt Frankfurt (Oder) auch im Land Brandenburg präsent und gastiert seither in der gesamten Bundesrepublik. Im Jahr 2008 bewiesen sie ihr Können im Vatikan vor seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI.
Als Solisten hörte das Publikum auf dem Gendarmenmarkt die junge polnische Koloratursopranistin Katarzyna Dondolska, welche nach dem Studium am Konservatorium Olszytn ihre Gesangsausbildung an der Hochschule für Musik in Würzburg fortsetzte. Ihr zur Seite gestellt war der Tenor Christoph Lauer, der bereits seit 2008 fest zum Chor der Staatsoper Unter den Linden Berlin gehört. Seit 2002 singt er regelmäßig im Festspielchor der Bayreuther Wagner - Festspiele mit. Zu guter Letzt hörte das Publikum noch Christian Grygas, welcher seit 2005/2006 zum Solistenensemble der Staatsoperette Dresden zählt, wo er bereits bedeutende Operettenpartien sang.
Diese drei Künstler zusammen brachten die Orffschen Texte gesanglich vollends zur Geltung und wenngleich es sich vielleicht im ersten Moment für das Publikum nicht um Startenöre oder eine Starsopranistin gehandelt haben mag, so spürte man absolut die Perfektion und Hingabe zur Musik und zum Werk von Orff selbst.
Das Publikum konnte sich mit Hilfe des Gesangs und im Einklang mit der bombastischen und kraftvollen Musik für eine Stunde tragen lassen.
Dennoch hatte ich im Publikum stark den Eindruck, das sich hier das Wort „steif“ am besten anwenden ließ. Scheinbar konsumierte der geneigte Hörer die teuer erworbene Kost nur, die wirklich akustische und visuelle erste Sahne war, so als lauschte man einer gelungenen Aufnahme auf CD. Emotionslos saß das Publikum da, ging kaum mit der Musik mit, nur gelegentlicher Szenenapplaus zeugte davon, dass man offenbar das Bühnengeschehen wahrgenommen hat und dem Engagement der Künstler, ein erstklassiges Konzert zu liefern, höflich Tribut zollt. Verzeihung - diese Art des vereisten Kunstgenusses verstehe ich im Zusammenhang mit dieser Aufführung nicht , denn die Musik des Abends war durchaus dazu angetan, ein Feuerwerk unterschiedlicher Emotionen zu entfachen.
Als zum krönenden Abschluss nach dem zweiten „O Fortuna“ das Konzerthaus durch Laser und ein Feuerwerk in Szene gesetzt wurde, hätte ich mindestens Standing Ovations, jedenfalls ein Gutmaß an Reaktionen erwartet, stattdessen hatten eine Menge Besucher hierin offenbar das Zeichen zum Aufbruch gesehen und begonnen, sich zum Ausgang zu drängeln.
Ich fragte mich, selbst aus dem Nachklang und meiner Stimmung gerissen, ob man denn nicht die Zeit oder den Anstand aufbringen sollte, den Künstlern für ihre würdige und stimmungsvolle Darbietung großer Musik des 20. Jahrhunderts zu danken?

Das Oratorium „Credo“ von Henri Seroka
Früher komponierte Henri Seroka Schlumpflieder für die Kinderserie im Fernsehen und nun komponierte er ein Oratorium, was wohl eindeutig beweisen dürfte, dass sein Weg als Musiker verschlungene Pfade aufweist. Er war Gitarrist, Filmmusikkomponist und Produzent, jetzt mit 62 Jahren ist er nun bei klassischer geistlicher Musik angekommen und präsentierte quasi als „Vorprogramm“ zur Carmina Burana sein „Credo“.
Begonnen hatte alles mit einer Filmidee, denn in der polnischen Komödie „In God’s Little Garden“ wünscht sich ein Priester ein neues „Ave Maria“ für seine Kirche. Henri Seroka schrieb eben jenes „Ave Maria“ für diesen Film, welches in Polen so beliebt wurde, dass es oft auf Hochzeiten gespielt wurde. Mit der Fortsetzung des Films entstand auch die Idee, das „Ave Maria“ zu einem sechsteiligen Oratorium mit lateinischen Texten auszubauen. Henri Seroka meinte, sein „Credo“ sei ein Crossover-Werk geworden mit romantischem Einschlag. Keine Frage, was man auf dem Gendarmenmarkt zu hören bekam, war opulente Musik und wurde dementsprechend groß und wuchtig aufgeführt.
Mit den beiden Solisten Eva Nyakas (Sopran) und Serge Kakudji (Countertenor), dem Poznaner Knabenchor, der Singakademie Frankfurt Oder und dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt Oder standen ganze 250 Musiker auf der Bühne.
Der außergewöhnlichste Künstler dieses „Credo“ dürfte für viele im Publikum der 22 Jahre junge Countertenor Serge Kakudji aus der Demokratischen Republik Kongo gewesen sein. Eigentlich hatte Seroka die Solopartien für Sopran und Mezzosopran geschrieben - bis er diese außergewöhnliche Stimme vernahm. Dieses Konzert hier in Berlin war für das „Credo“ mit Kakudji die Premiere und so sang er hell und klar an der Seite von Eva Nyakas. In der Heimat des jungen Sängers gilt er als Paradiesvogel, da hier Countertenöre noch sehr selten sind. Als erster Künstler überhaupt schrieb er etwa eine Oper in Suaheli, welche vor vier Jahren ihre Premiere in Brüssel feiern durfte.
Zum ersten Stück des „Credo“ verfinsterte sich der Berliner Himmel bedrohlich und es zog ein ordentlicher Wind auf, so dass die Hoffnung auf einen trockenen Abend schwand. Doch kaum erklang das bewusste „Ave Maria“ als bombastisch (überfrachtetes ?) Musikstück, war die Wolkenwand vorbeigezogen und der Himmel wieder blau.
Insgesamt betrachtet war das „Credo“ zwar wuchtig und in sich stimmig arrangiert, jedoch zu wenig abwechslungsreich. Mir fehlte die nötige Ruhephase, um nicht schon zur Hälfte erschlagen zu sein. Eine Auswahl aus diesem Werk hätte mir vermutlich genügt, um die Klangfarben zu erfassen und den Künstlern, die beteiligt waren, ihr Können zu bescheinigen! Das steht völlig außer Frage!
(Maximilian Nitzschke)

NINE CIRCLES - New Era


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2011 / F.K.K.-Musik / F.K.K.03

Auch im kleinen Wave-/Minimal-Genre gibt es Geschichten, die fast Hollywood-Format haben. Da veröffentlicht ein holländischen Electro-Wave-Duo namens NINE CIRCLES Anfang der 80er Jahre ein paar Stücke auf einem der damals überall erscheinenden LP-Sampler, der im Laufe der Zeit zu einem extrem gesuchten Sammlerstück wird. Darüber hinaus gab es ein paar weitere Songs auf Tapesamplern und wohl nur wenige Liveauftritte und hätten nicht ein paar gute DJs die Songs „Twinkling Stars“ und „What’s There Left“ in ihrem Programm am Leben erhalten, wäre es das wohl gewesen. Stattdessen brachte ein winziges Label Mitte der 90er Jahre eine wohl nicht ganz offiziell abgesegnete CD auf den Markt. Sängerin Lidia Fiala, längst im „normalen Laben“ angekommen erfährt irgendwann im dritten Jahrtausend zufällig davon, dass ihre alte Musik immer noch Fans hat und dass diese sogar ohne ihr Wissen auf CD veröffentlicht wurde. Sie lernt Menschen aus der enthusiastischen Minimal-Electro-Szene kennen und bekommt wieder Lust, Musik zu machen. Und so gibt es NINE CIRCLES in neuer Besetzung plötzlich wieder. Auftritte und schicke T-Shirts waren der Anfang, eine selbst produzierte CD-R mit alten Aufnahmen der nächste Schritt und schließlich die erste eigene Vinyl-Veröffentlichung auf dem noch jungen F.K.K.-Musik-Label. In der gewohnten Einheits-Aufmachung liefert Lidia Fiala in Zusammenarbeit mit Johanna Saleina zwei neue Stücke ab, die natürlich fast nahtlos an die alten Klänge anschließen, aber auch nicht verbergen, dass natürlich inzwischen fast 30 Jahre Lebenserfahrung und Musikgeschichte dazwischen liegen. Die A-Seite „New Era“ verarbeitet das auch textlich und bietet feinen ohrwurmträchtigen Minimal-Space-Electro mit vielen Effekten und Klängen, die an alte Arkaden-Spiel-Sounds erinnern. Die B-Seite „Tsar Bomba“ klingt ein bisschen wie der Soundtrack zu „The Blade Runner“, aber natürlich durch Gesang ergänzt. Das Ganze ist recht treibend und tanzbar umgesetzt und weiß durch die effekt-verfremdete Stimme zu begeistern. Ein echter Hit, der, wäre er Anfang der 80er Jahre als Single erschienen, heute sicher ein sehr teures Sammlerstück wäre. Nun, diese Chance besteht aufgrund der kleinen Auflage von 150 Exemplaren in bonbon-pinkem Vinyl mit großem Mittelloch und beiliegendem Faltblatt natürlich trotzdem noch, nur dass das natürlich nicht ganz so kultig ist. Aber zwei tolle Songs, mit kleinem Vorteil für die B-Seite, gleichen den etwas fehlenden Kultfaktor locker aus. (A.P.)

Webadresse der Band: www.minimal-elektronik.de/ninecircles

AGENT SIDE GRINDER - Irish Recording Tape


Erstveröffentlichung: LP 2009 / Enfant Terrible / enfant15

AGENT SIDE GRINDER aus Schweden hat sich schnell als eine recht abwechslungsreiche und vielseitige Band entpuppt. Hat man anfangs noch angenommen, dass es sich um eine Band aus dem weiten Feld des Minimal-Electro und New Wave handelt, so kamen von Platte zu Platte, in relativ fixer Folge veröffentlicht, immer wieder neue Einflüsse zum Vorschein. Allen Platten ist aber gemein, dass sie recht deutlich von der Musik der 80er Jahre beeinflusst sind. „Irish Recording Tape“ zeichnet sich zunächst einmal durch das minimalistische Cover-Artwork aus, das stark an alte Factory Records-Veröffentlichungen erinnert. Das hebt die Platte schon mal rein optisch von der doch recht bunten „The Transatlantic Tape Project“-LP ab. Musikalisch geht es diesmal in eine etwas rockigere Richtung, die sich eher dem Post-Punk als dem New Wave widmet. Irgendwo zwischen The Birthday Party, Siglo XX und The Neon Judgement würde ich das mal einordnen, was zwar eine wilde, aber absolut reizvolle Mischung ist. Dazu hier und da noch ein paar New Order-Bässe und letztlich doch ein paar Synth-Wave-Anklänge. Wie wenige andere Bands schaffen es AGENT SIDE GRINDER sehr original nach den 80er Jahren zu klingen, hier vor allem dadurch, dass nur originales elektronisches Equipment aus der Zeit benutzt wurde. Der authentische Eindruck kommt sicher auch daher, dass die Songs zu dieser LP innerhalb von zwei Tagen eingespielt wurden, also wahrscheinlich nicht aufwändig nachbearbeitet wurden. Natürlich bleiben die bekannten Einflüsse wie Cabaret Voltaire und Suicide auch weiterhin vorhanden, nur diesmal nicht so sehr im Vordergrund.
Starke Platte, die sicher vor allem alte Waver begeistern wird, aus meiner Sicht vielleicht sogar die bisher beste der Schweden. (A.P.)

Webadresse der Band: www.enfant-terrible.nl

AGENT SIDE GRINDER - The Transatlantic Tape Project

Wiederveröffentlichung: MC 2009 / Hästen & Korset / 032
Erstveröffentlichung: LP 2009 / Enfant Terrible / enfant16

Mit einer Single und einer LP schlug AGENT SIDE GRINDER aus SCHWEDEN vor einiger Zeit auf dem Enfant Terrible-Label aus Holland wie eine Bombe in die Neo-Wave/Minimal-Szene ein. Relativ schnell wurden zwei weitere Alben nachgeschoben, von denen „The Transatlantic Tape Project“ einen sehr konzeptionellen Charakter verfolgt. Wie in alten Tapeszene-Zeiten, als Tape-Ketten“briefe“ verschiedene Künstler und Musiker aus aller Welt zusammen brachten und ausgesprochen spannende Veröffentlichungen die Ohren der interessierten Hörer vergnügten. Zwischen Schweden und den USA wurden Tapes mit musikalischen Fragmenten und Sounds hin und her geschickt, die jeweils von anderen Musikern weiter entwickelt und bearbeitet wurden. Herausgekommen ist diese auf 500 Exemplare limitierte LP, sowie eine 100er Auflage als Tape.
Musikalisch gibt es Klänge zu hören, die nicht unbedingt auf AGENT SIDE GRINDER hindeuten, aber genauso interessant und hörenswert sind. Der Wave-Anteil ist dabei eher gering, stattdessen gibt es meist experimentelle Soundkollagen zu hören, die durch die unterschiedlichen Beteiligten sehr vielseitig ausfallen. Auch bei mehrfachem Anhören entdeckt man immer wieder neue Details bei den Aufnahmen, die über drei Jahren von 2007 bis 2009 entstanden sind. Neben jeder Menge elektronischer Klangerzeugung, sind auch akustische Instrumente und Geräusch-Aufnahmen zu hören, die zu einem neuen Ganzen gemischt werden. Den experimentellen und wenig greifbaren Charakter der Musik unterstützen die Track-Titel, die nur aus Zahlenkombinationen bestehen, die wahrscheinlich die Zählwerkstände auf den 4-Spur-Taperecordern, die für die Aufnahmen benutzt wurden widerspiegeln.
Wer AGENT SIDE GRINDER aufgrund der bisherigen Aufnahmen mochte und hier ähnliches erwartet, wird sicher ein wenig enttäuscht sein, wer aber für derartige Experimente auch ein offenes Ohr hat, sollte unbedingt reinhören. (A.P.)

Webadresse der Band: www.enfant-terrible.nl

NINA BELIEF - System Of Belief


Erstveröffentlichung: 10 Inch 2009 / No Emb Blanc / Genetic Music / NEB001

Weitgehend unbekannt war bisher die amerikanische Musikerin NINA BELIEF. Mit dieser 10“, die auf dem Genetic Music-Sublabel No Emb Blanc erschienen ist, sollte sich das schnell ändern.
Zu hören gibt es recht eingängigen Minimal-Electro-Wave, der einigermaßen spacig daher kommt, tanzbar ist und durch eine wunderbar kühle Frauenstimme überzeugt. „Identity Crisis“ hat das Potential, auf den entsprechenden Partys für Bewegung zu sorgen. Die Einflüsse stammen ganz klar aus den 80er Jahren, man merkt aber, dass die Aufnahmen in unserer Zeit entstanden sind, denn sie klingen kein bisschen angestaubt.
Man stelle sich eine Mischung aus den Kirlian Camera der 80er Jahre und der Coolness von Malaria vor, wobei sowohl die Wavigkeit der alten Version von „Kaltes Klares Wasser“ durchkommt, als auch die Modernität der neueren Version der Chicks On Speed. Ansonsten dürfen bei NINA BELIEF gerne auch Fans von Genevieve Pasquier zugreifen oder die, die noch Beta Evers und Black Spider Clan kennen und mögen. (A.P.)

Webadresse der Band: www.geneticmusic.de

TREELINE - Too Hollow


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2011 / Attractive! / Anna Logue Records / ATC04

TREELINE fielen schon ein wenig auf dem „Attractive! Too“ 7“-Sampler auf, wo sie unter einigen Minimal-Synth-Pop-Bands für die experimentelleren Klänge zuständig waren. Nun hat Attractive aus England gleich eine ganze Single nachgeschoben. Kein Wunder, denn es ist ein Projekt von Steve Lippert, dem Labelbetreiber von Attractive, der auch für einige der wunderbaren Artworks der Anna Logue Records-Veröffentlichungen zuständig war und ist.
Lippert selbst scheint mit seinem Projekt TREELINE sehr dem Avantgardismus verbunden zu sein, denn zu hören gibt es zwei Soundcollagen, die offenbar aus alten Kurzwellen-Radiomitschnitten zusammengebastelt wurden. Das ist nicht eingängig, es ist nicht mehr Musik im eigentlichen Sinne, sondern könnte eher als Soundtrack – oder besser: Klanguntermalung – für einen Experimentalfilm im Stile von „Decoder“, „Eraserhead“ oder „Tetsuo“ dienen. Wer nach den ersten Veröffentlichungen von The Phone und dem Sampler nur Minimal-Electro und Synth-Pop auf Attractive erwartet hat, wird hier vielleicht etwas überrascht sein, denn so etwas gibt es nicht mal entfernt auf der TREELINE-Single zu hören. Stattdessen sollte man schon ein Faible für Avantgarde und Klangcollagen haben und wenn man die Atmosphäre von Filmen von David Lynch oder Derek Jarman mag, sollte man mal ein Ohr riskieren. Limitiert auf 300 Exemplare im schlicht-schönen Cover und in farbigem Vinyl. Attractive entwickelt sich zu einem der interessanteren neuen Kleinst-Labels, ich bin sehr gespannt, was da noch so kommen wird. (A.P.)

Webadresse der Band: www.annaloguerecords.com

STRANGER STATION - Cynthia


Erstveröffentlichung: 7 Inch 2011 / Attractive / Anna Logue Records / ATC06

Von STRANGER STATION aus England kannten wir bisher eher minimalistischen Electro-Wave, wobei die Single „Minutes To Silence“, erstmals erschienen 1981 und von Anna Logue Records 2009 im Rahmen einer LP wieder veröffentlicht ein kleiner Klassiker des Genres ist. Das englische Label Attractive hat nun eine neue Single in weißem Vinyl und auf 500 Exemplare limitiert auf den Markt gebracht, die engstirnige Synthie-Wave-Sammler sicher etwas ratlos zurücklassen wird. Zu hören gibt es nämlich keine elektronischen Tanzflächenfüller, sondern eher ätherischen Minimalst-Wave, der im Prinzip nur aus schwebenden Synthie-Klängen und verträumten Stimmen besteht. 4 AD Records oder Projekt Records wären Label, wo so etwas sonst erscheinen könnte. Als vergleichbare Bands fallen mir alte Helden wie Richenel, manches von Cindytalk, manches von Clair Obscur (aber eben nicht die tanzbaren Wave-Stücke) oder etwas aktuellere Gruppen wie Efterklang oder Sigur Ros ein. Ich mag die drei sehr ähnlich klingenden Stücke sehr gerne, aber ich liebe ja auch die als Vergleich genannten Bands. Minimal-Electro-Puristen sollten lieber erstmal reinhören. (A.P.)

Webadresse der Band: www.annaloguerecords.com


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