BACIO DI TOSCA - Benefizkonzert HIV ist auch in deiner Stadt 2011


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2011

HIV ist auch in deiner Stadt – Auftakt in Bad Freienwalde

Mit viel guter Laune und Motivation im „Präventionsmobil“ geladen, starteten am Samstag die Moderatoren Ted und Max, sowie der Berliner Künstler René Melzer zusammen mit zwei weiteren Aktivisten des Vereins PositivWohnen e.V. aus Potsdam auf ihren Weg zur Auftaktveranstaltung in Bad Freienwalde des diesjährigen Welt Aids Tages Brandenburg 2011 „HIV ist auch in deiner Stadt!“. Das kleine mobile Präventionsmobil hatte uns in den letzten Monaten sehr treue Dienste geleistet, gerade wenn wir im Vorfeld Plakate geklebt, oder Flyer und Programmhefte an Passanten gegeben und in Geschäften ausgelegt haben. Parallel zu uns fuhr auch Moderatorenkollege Ron Schulz und das Licht- und Tonteam der Firma „Zound'z Unlimited“ aus Potsdam vom Hof, bis wir uns alle gemeinsam gegen 10 Uhr in Bad Freienwalde direkt vor der Nikolaikirche begrüßten. Der Tag konnte beginnen und so wurden beide Teams aufgeteilt, während im Inneren des Kirchenraumes Ton- und Lichtanlage installiert wurde, kümmerten sich die Aktivisten darum, dank der freundlichen Unterstützung durch die evangelische Kirchengemeinde, den Gemeindesaal im Gemeindehaus als Aufenthaltsraum herzurichten und auch die Verpflegung für alle Aktivisten zu verstauen. Für 11 Uhr hatte sich Frau Jutta Lieske MdL (SPD) angekündigt gehabt mit den Aktivisten in der Innenstadt „Rote Schleifen“ zu verteilen. Allerdings konnte diese wohl aus kurzfristiger beruflicher Umdisponierung noch nicht mithelfen, so dass Max, Josefine und Dominik dies selbst übernahmen und Flyer mit Lollies und Kondomen an die Passanten verteilten, sowie „Rote Schleifen“ an die Jacken ansteckten. Interessant für uns waren die Reaktionen, viele sagten uns, sie hätten bereits in der Zeitung über unsere Veranstaltung gelesen, äußerten sich jedoch nicht, ob sie zum Gottesdienst und zum Konzert kommen werden. Von einzelnen Passanten hörten wir Sätze wie „Hab ich nicht, will ich nicht, kenne ich nicht!“ während die Frau im Arm dieses Herren meinte, „darum geht es doch auch gar nicht!“. Richtig, darum ging es nicht, aber irgendwo dann doch, denn offenbar hatte es ja in dieser Person gearbeitet und zu einer Auseinandersetzung geführt, die wohl in seine heile Welt nicht passte und somit zu einer Realitätsausblendung führte. Leider waren beide nicht gesprächsbereiter, ich hätte hier gern an Vorurteilen oder Ängsten angesetzt und im Dialog vielleicht richtiger stellen können.
Während wir in der Innenstadt noch unterwegs waren, baute der „Freiwillige Feuerwehrverein Kummersdorf e.V.“ ihr Zelt auf dem Vorplatz der Kirche auf, in welchem sich zum späteren Zeitpunkt Informationsstand, Abendkasse, Kinderschminken und Portrait – Zeichnen abspielte.
Kaum wieder zurück, wartete bereits die Presse in Form von „ODTV – Fernsehen für Ostdeutschland“,“rbb - Antenne Brandenburg Rundfunk Berlin Brandenburg“, „Der Blitz“ und die „Märkische Oderzeitung“ auf uns für Radio-, Fernseh- und Sprachinterviews. Hier sei unseren Medienpartnern herzlich für ihre Kooperation im Rahmen der Veranstaltungsreihe gedankt.
Wenige Augenblicke später fuhren Jörg Knieschewski und Dörthe Flemming „Bacio di Tosca“ auf dem Kirchvorplatz vor und wurden von Supervisor Maik erst einmal in das Kircheninnere geführt, um sich schon einen direkten Eindruck von den Gegebenheiten hier in Bad Freienwalde machen zu können. Der charmanten Sängerin gefieliese einzigartige Kulisse ausgesprochen gut wie ich im Gespräch bemerkte, während Soundtechniker Jörg Knieschewski Absprachen traf mit dem Team von „Zound'z Unlimited“. Anschließend geleitete ich Dörthe in das Gemeindekirchenhaus, in welchem wenig später Geigenklänge zu hören waren, da sie diese für den Abend eingespielt hat.
Um 15.30 Uhr kamen seitens der Gemeinde sehr tatkräftige junge Helfer durch die Konfirmanden des erkrankten Pfarrers Björn Ernst, welche sich tapfer und netterweise noch um die Verteilung von „Roten Schleifen“ und Flyern an Passanten in der Innenstadt kümmerten. Vielen Dank von unserer Seite auch an diese Hilfe aus Bad Freienwalde! (Maximilian Nitzschke)

Pünktlich um 16 Uhr wurde wie angekündigt das „Adventsfeuer“ von den Jungs der „Freiwilligen Feuerwehr Kummersdorf“ entzündet, die Initialzündung quasi zum Vorprogramm vor Gottesdienst und Konzert. Anfangs noch etwas verhalten kamen schließlich die Bad Freienwalder und ließen sich vom jungen Berliner Künstler René Melzer porträtieren oder die kleineren Besucher sich abschminken. Die Aufregung beim Moderatorenteam Ted und Max stieg, denn eigentlich war ein kurzer Durchlauf der Gesprächsparts während der Show geplant, der jedoch mangels Zeit ausfallen musste – aber lange genug geplant, sollte sich auch dies nicht als Problem herausstellen. Für ein wenig Essen, welches im Grunde bereit stand blieb mir selber keine Zeit, denn zu viele Dinge waren zu koordinieren, schließlich sollte sich niemand mit Anliegen allein gelassen fühlen. Um 17.20 Uhr starteten die Jungs und Mädels der Feuerartistikgruppe „Heidenfeuer“ aus Birkenwerder ihre zwanzig-minütige Feuershow, untermalt mit mittelalterlichen Klängen verwandelte sich der Kirchvorplatz in ein fröhliches Marktspektakel, wie es sich wahrscheinlich vor Jahrtausenden zugetragen haben könnte. Feuerjonglage und eindrucksvolle Figuren wurden auf den Vorplatz gezaubert und ließen das Spiel mit dem Feuer – völlig sicher und ungefährlich erscheinen. Eine schöne indirekte Parallele zum Umgang mit HIV und Aids, wer sein Risikomanagement kennt und im Griff hat, muss nicht mit dem Feuer spielen und das Risiko einer Neuinfektion in Kauf nehmen, denn Kondome und Aufklärung schützen – und von beidem war in Bad Freienwalde reichlich vorhanden. Tatkräftige und prominente Unterstützung erhielten wir freundlicherweise von Frau Jutta Lieske MdL (SPD) welche sich bereiterklärte die Abendkasse zu übernehmen. Jeder erhielt im Tausch zu seiner Eintrittskarte ein Bändchen um, welches ihn nun als Besucher auszeichnete. Im Vorfeld hatten wir auch Freikarten weitreichend verteilt, so etwa an das evangelische Seniorenzentrum „Bethesda“ und waren erfreut, dass diese auch eingelöst wurden bei Frau Jutta Lieske.
Um kurz vor 18 Uhr traf Pfarrer Johannes Reimer ein, welcher die Vertretung des erkrankten Gemeindepfarrers Björn Ernst übernahm, sowie Kantor Ulrich Gericke. Somit wurden nun die Glocken geläutet und die Show begann.

Pfarrer Johannes Reimer begrüßte in einer kurzen Ansprache die Gäste und Aktivisten des heutigen Abends in der Nikolaikirche und in Bad Freienwalde und setzte sich wenig später zu den Gästen in die erste Reihe, um den ersten Filmeinspieler zu sehen. Wir stellten den Gästen die Botschafterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Hildegard vor, die 64 Jährige reiselustige Rentnerin aus Norddeutschland. Hildegard ist HIV – positiv. „Wenn es Krebs wäre, könnte ich ja durch die Stadt gehen und beim Anschauen einer Senioreneinrichtung sagen: Und übrigens, ich habe eine schwere Krebserkrankung. Aber wenn sie HIV-positiv sind, das sagen Sie hier nicht,“ berichtete Hildegard in ihrem Filmeinspieler. Sie hat viele Jahre über ihre Infektion geschwiegen, vertraut niemandem mehr so schnell, denn sie hat nicht nur gute Erfahrungen gemacht und manchmal steht ihr diese Vorsicht auch heute noch im Weg. Im österreichischen Salzkammergut geboren, führte ihre Hauswirtschaftsausbildung sie nach Deutschland. Infiziert hat sich Hildegard bei ihrem zweiten Ehemann, der nichts von seiner Infektion wusste. Das Publikum wurde eingestimmt und sensibilisiert, nicht mit Zahlen und Statistiken, sondern durch eine ganz persönliche Geschichte . Das Vorurteil, dass HIV ja nur bei Schwulen vorkommt wurde gebrochen, denn Hildegard ist heterosexuell und in ihrer Art die liebenswürdige ältere Dame von nebenan. HIV wurde spürbar und sichtbar in den Kirchenraum gebracht, als Moderator Ted Baxter und Hildegard während der letzten Sekunden des Filmeinspielers auf die Bühne traten. Damit war jede Distanzierung ausgeschlossen. Für das Publikum war die Botschaft des Abends „HIV ist auch in deiner Stadt“ Realität geworden, direkt vor ihnen auf der Bühne. Sensibel und Einfühlsam wurde dem Gast die Angst genommen und eine Aussage aus dem Film als Gesprächsthema aufgegriffen.

Nach diesem Gespräch erst begrüßten dann die Moderatoren Max, Ron und Ted die circa 65 Menschen, welche an diesem Abend in die Bad Freienwalder St. Nicolaikirche gekommen waren.
Im ersten Gesprächsblock ging es um zwei reale Fälle von HIVpositiven Jugendlichen die Ted anonymisiert und etwas abgewandelt dem Publikum vorstellte. Schon bei der Schilderung dieser Fälle konnte man das Erstaunen des Publikums im Kirchenraum spüren. Die Sensibilisierung für das Thema hatte seinen absoluten Höhepunkt nach dem zweiten Filmeinspieler. Wie mir befreundete Journalisten im Anschluss an die Veranstaltung erzählten standen einigen Menschen die Tränen sichtbar in den Augen.

Nach dem Grußwort ging es dann noch einmal um die derzeit äußerst miserable Situation bei den Förderungen von Vereinen die sich mit der Thematik HIV, Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten im Flächenland Brandenburg engagieren. Dieses zum Anlass nahm PositivWohnen e.V.
sich mit einem eigens von Ron Schulz produzierten „Dankeschön – Video“ für das bürgerlich ehrenamtliche Engagement bei den Sponsoren recht recht herzlich zu bedanken. Ohne dieses Engagement wären Veranstaltungen wie diese derzeit nicht durchführbar.

Im Anschluss leitete Pfarrer Johannes Reimer über in die etwa dreißigg minütige Andacht. Mit dem gewählten Psalm 39 des Alten Testamentes verweist er auf die Allgegenwärtigkeit Gottes und dessen schützende Hand über alle Menschen. In seiner Predigt stellte er gesellschaftskritische Fragen und prangerte das Streben nach Macht und Gier und den Wunsch nach Perfektionismus ohne gegenseitige Toleranz und Respekt im Miteinander an. Er forderte auf zu mehr Verständnis und Respekt im gegenseitigen Miteinander und im Streben nach Erfolg und Perfektion nicht den Nächsten aus den Augen zu verlieren.

Nach diesem stimmungsvollen Moment des Innehaltens und der Einkehr folgte nun im Anschluss die Vorstellung der Künstlerin Dörthe Flemming des Konzertabends durch Moderator Max an das Publikum. Dörthe Flemming ist ausgebildete Mezzosopranistin und hatte sich sehr schnell bereit erklärt im Rahmen der Veranstaltungsreihe dieses Benefizkonzert ihres Soloprojektes „Bacio di Tosca“ zugunsten des Vereins zu geben. Moderator Ted stellte dem Publikum den bildenden Künstler René Melzer noch vor, da dieser während des gesamten Konzertes ein Bild auf Leinwand entstehen ließ, welches im Anschluss versteigert werden sollte.

Ganz dramatisch in schwarz gekleidet und mit langer Schleppe betrat Dörthe nach einer kurzen Umbaupause die Bühne und beeindruckte alleine schon durch ihre elegante Erscheinung. Gespannt wartete das Publikum darauf, was nun folgen würde und war sichtlich fasziniert, als diese den Kirchenraum mit ihrer facettenreichen Stimme ausfüllte. Sprachgewaltige Texte von Heinrich Heine, Friedrich Hölderlin oder Theodor Storm durchlebt die Sängerin mit Leidenschaft und hoher künstlerischer Perfektion. Die Gäste des Abends durften eintauchen in Lieder über Liebe und Hoffnungen, aber auch über Verluste und die Angst vor dem Tod. Sichtlich bewegt und beeindruckt applaudierte das Publikum, und blitzte gelegentlich der ein oder andere Fotoapparat für das Erinnerungsfoto auf. Als Dörthe Flemming auch noch zu einzelnen Stücken virtuos Geige spielte, begannen einzelne Personen im Publikum zu jubeln. Die Stimmung war intim und trotz der natürlichen Kirchenkälte versprühte Dörthe eine ungeheure Wärme an diesem Abend. Parallel zur Musik entstand auf der Leinwand das Bild von René Melzer und fasziniert schaute das Publikum was dort am entstehen war. René Melzer benutzte sehr warme Farben und hielt scheinbar mühelos die Atmosphäreee deAbendsdsds gepaart mit der Stimmgewalt Bacio di Toscas fest.

Mit dramatisch temporaler Musikuntermalung sprang Ron Schulz durch den Kirchenraum und forderte die Menschen auf, den Inhalt ihres Geldbeutels zu plündern oder sich am Bargeldautomaten der benachbarten Bank „Bares“ zu organisieren um bei der Versteigerung mithalten zu können. Nach dramatisch spannenden zehn Minuten ging das Bild per Zuschlag an Frau Jutta Lieske, welche es in ihren Privaträumen aufhängen wird.

Nach dem obligatorischen Dank und roten Rosen klang der Abend aus und gab Dörthe Flemming im Anschluss noch in der alten Taufkapelle Autogramme an die Gäste. Der Auftakt war gelungen und erwartungsvoll schauen wir nun auf Potsdam und Eberswalde!



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