BASTARDS OF LOVE - Split Bastards Of Love/Geneviéve Pasquier


Erstveröffentlichung: 10 Inch 2005 / Petting Zoo / Flexx Distribution

5 Veröffentlichungen auf nunmehr 3 Labels (We Rock Like Crazy: I Satellite und Psyche, Privatvergnügen: 2 x Bastards Of Love und nun Petting Zoo: Bastards Of Love/Genevieve Pasquier 10“). Warum diese ganzen Scheiben nicht unter einem Labelnamen erscheinen, ist mir nicht klar, aber wahrscheinlich wollen die Macher für jede Musikrichtung eine eigene Labelidentität schaffen. Ist ja letztendlich auch egal, so lange die Musik zu begeistern weiß und das tat sie bisher durchgehend.

Neues Label, Petting Zoo, neues Konzept, Split 10“, und zwei nicht ganz unbekannte Namen, BASTARDS OF LOVE und GENEVIÉVE PASQUIER, was soll da schon schief gehen? Zudem ist das 10“ Format einfach liebenswert.

BASTARDS OF LOVE gibt es nach ihren beiden eigenen Maxis diesmal mit zwei Tracks zu hören. „Wheel Of Passion“ ist ein schöner 80s Synthie-Pop-Song mit Tanzflächentauglichkeit. Erinnert ein wenig an die frühen Psyche-Sachen. „Classification“ ist experimenteller und dürfte die Minimal-Electro-Freaks ansprechen. Wieder einmal gute Musik aus dem Femme Fatale/Der Künstliche Dilettant-Umfeld.

Dunkles Basswummern eröffnet die Plattenseite von GENEVIÈVE PASQUIER, wobei ich nicht sicher bin, ob das Stück für 33 oder 45 UPM ausgelegt ist, irgendwie funktioniert beides, richtig ist aber natürlich, wie auch bei BASTARDS OF LOVE, 45 UPM. Zu gefühllosem Sprechgesang gibt es verzerrte Sounds zu hören. Wie gewohnt sind beide Stücke „Fairy Tale“ und „Female Senses“ ziemlich düster und gewollt monoton und eher dem Industrial, als dem Minimal-Electro zuzuordnen. Wie schon bei der Single auf Disorder Records muss man sich erst ein wenig in die Stücke reinhören, doch dann erscheinen sie wie surreale Ohrwürmer, die auch so manchen Fan von (gemäßigteren) Power-Electronics erfreuen dürften.

Diese Platte in einer Auflage von 500 Exemplaren wird sich problemlos in der Szene festsetzen und vielleicht sogar mal zu einem kleinen Klassiker werden. (A.P.)

Webadresse der Band: www.werocklikecrazy.com

LIQUID GREY - Grey Matter


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Echozone / BOB-Media / EZ11C756

LIQUID GREY ist ein Soloprojekt des Norwegers „Mr. Grey“, der in der Vergangenheit schon verschiedene Bands hatte und dabei auch Wayne Hussey als Produzent traf.
Das Label beschreibt das Album als „Alternative/Goth/Post Punk“ oder „Goth Rock for Highways“, was weitgehend auch passt. Ich würde allerdings schon auch noch Rock und entfernt ein bisschen Metal dazunehmen, dann trifft es die Sache recht gut. Wer ein reines „schwarzes“ Gothic-Rock-Album möchte, ist hier auf jeden Fall an der falschen Adresse. Wer aber den Rock vom letzten Sisters Of Mercy-Album „Vision Thing“ und der dazugehörigen Single „More“ mag, könnte hier bei einigen Songs erfreut aufhorchen. Das klingt alles nicht schlecht und ist auch ganz gut produziert, aber mir gefällt der Gesang nicht so richtig gut, was aber auf jeden Fall Geschmackssache ist. Musikalisch sind einige ziemlich gute Songs dabei, die tatsächlich an den Gitarren-Wave und Gothic-Rock der 80er denken lassen, aber überwiegend ist das Album eben doch eher normaler Rock, was mich nicht zu Begeisterungsstürmen veranlasst, denn ich habe diese Zeit bewusst miterlebt und schon damals Gitarren-Soli gehasst. Hier kriegt man leider immer mal wieder welche zu hören, die alle Klischees des Schweine-Rock erfüllen. Ich denke, „Grey Matter“ hätte es schon in der „schwarzen Szene“ der frühen 90er Jahre schwer gehabt, als Gitarren-Gothic noch eine Macht war. Ob es heute auf Begeisterung stößt, weiß ich nicht, aber vielleicht ist das ja was für die vielen Metaller, die das hier echt für Gothic-Rock halten. Ich schätze mal, mit Schlagzeuger statt Drummachine wäre hier mehr möglich gewesen. (A.P.)

Webadresse der Band: www.echozone.de

REVERIE - Wandel


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Napalm Records

RÊVERIE – WANDEL
"(VÖ: 09.12.2011 Napalm Records)


Kaum einer kannte bis vor kurzem noch den plötzlichen Stern am Dark Metal Himmel und auch mir war bis in den Januar diesen Jahres „Rêverie“ kein wirklicher Begriff. Dabei lohnt es sich intensiv hineinzuhören in die melancholischen Songs des Albums „Wandel“ welches im Dezember 2011 erschien. Stücke wie „Mond“, „Sommer“ oder „Ewigkeit“ sind durchzogen von einer musikalischen wie lyrischen Melancholie, welche von verträumten Pianostücken, intensiven Riffs und abwechslungsreichem düstererem Gesang getragen werden. Gleichzeitig verlieren Rêverie stilistisch ihre Metalwurzeln nicht aus den Augen und arbeiten etwa beim Stück „Hexe“ sogar mit wütenden Blastbeats und Black Metal Gesang. Kompositorisch trägt das Album die Handschrift des jungen Bandgründers Max Leonhardt, welcher elegant die schroffen Klänge der Metalwelt mit gefühlvollen und akustisch sinnlichen Elementen zu einem in sich stimmigen Ganzen verbindet.

Mit seiner beschwörend düsteren Stimme und vereinzelten Growls trägt er seine Geschichten des Wandels vor, die herbstliche Motive ebenso aufgreifen wie Schauergeschichten und zuweilen auch mystische Elemente einbauen. Besondere Erwähnung muss dass Stück „Mond“ finden, welches auch als Single ausgekoppelt wurde, denn hierfür stand Rêverie niemand Geringeres als In Extremo Sänger Michael Rhein für ein Duett zur Seite. Max und Micha kennen sich wohl schon eine Weile und so sendete er ihm das erste Demo des Albums zu, um zu erfahren,was der erahrene Sänger davon hält. Unerwartet für Max leonhardt war Michael so begeistert, dass er von sich aus eine Zusammenarbeit anbot. Interessant ist diese Verbindung stimmlich, denn während Max eine sehr ruhige Klangfarbe besitzt, steuert Micha seine Rockröhre hinzu und liefert einen tollen Kontrast ab.

Einen weiteren großen Namen der Musikszene hatten Rêverie auf ihrer Seite, denn als Produzent stand Thomas Heimann – Trosien zur Verfügung, welcher schon für Bands und Chartstürmer wie Schandmaul oder Saltatio Mortis den passenden Sound gefunden hat. Man spürt, dass Rêverie von seiner Erfahrung ungemein profitiert haben. Für ein Debütalbum erklingt „Wandel“ mit sattem Sound ausgetattet, bei dem sämtliche Feinheiten der detailverliebten Arrangements klar zu erkennen sind.

Rêverie bilden mit „Wandel“ den Soundtrack des Lebensrhythmus, welcher nach Max Leonhardt geprägt ist von Veränderungen und Wandlungen. Das Debütalbum stellt für mich einen lang erwarteten hoffnungsvollen Newcomer vor im Bereich des rockigen Dark Metal und nimmt den Hörer mit auf eine emotionale Traumreise die sich mehr als lohnt!
(Maximilian Nitzschke)

THE HELLIPHANTS - Devil's Masquerade


Erstveröffentlichung: CD 2010 / Eigenveröffentlichung / HLP002

Ende der 90er Jahre schwappte eine ganze Welle von skandinavischen Rock’n’Roll-Bands durch die Welt, von denen Turbonegro und die Hellacopters die bekanntesten sind. Aber auch Namen wie Gluecifer und Backyard Babies sind noch heute bekannt. Diese rohe Musik war wohl auch eine Reaktion auf die Weinerlichkeit der grunge-Bands, die seit Anfang der 90er den Musikmarkt erobert hatten. Klar, dass sich überall auf der Welt Bands gründeten, die diesen dreckigen Sound nachspielen wollten, der so herrlich nach versifften Clubs mit tropfenden Heizungsrohren an der Decke und viel Bier, Rauch und Schweiß in der Luft klang. Die deutschen THE HELLIPHANTS gründeten sich entsprechend bereits 1998 und veröffentlichten seitdem zwei Demo-CDs mit ihrem „Kick-Ass-Rock’n’Roll-From-Hell“, wie sie es selber nennen. 2010 schließlich erschien das selbst vertriebene Album „Devil’s Masquerade“, das hält, was es verspricht. Dreckiger Biker-Rock mit viel Punk, etwas Hard Rock, und natürlich einer Menge Rock’n’Roll. Nicht gerade meine Lieblingsmusik, aber gut produziert und mit viel Energie rübergebracht. Aber ganz klar: live dürfte die Band jede Menge Spaß machen. Wer oben erwähnte Bands und vielleicht auch den frühen Glenn Danzig und Queens Of The Stone Age mag, ist auch hier richtig. (A.P.)

Webadresse der Band: www.helliphants.de

NI JU SAN - Bis Einer Weint


Erstveröffentlichung: CD 2005 / Nix Gut Records / NG85

Wenn sich jemand fragen sollte, was der Bandname NI JU SAN der deutschen Punks bedeutet, einfach mal laut vorlesen. Alternativ heißt das wohl auch „23“ auf Japanisch. Nachdem das geklärt ist, kann man sich beruhigt dem vierten Album der Gruppe aus Wermelskirchen (irgendwo in Nordrhein Westfalen, nicht allzu weit von Köln, Wuppertal und Solingen entfernt). Interessanterweise gab es in dem Ort schon immer eine sehr aktive Punk- und Hardcore-Szene mit vielen Konzerten. Gute Arbeit des Alternativen Jugendzentrums in dem Ort, schätze ich mal.
Die Band gibt es seit Mitte der 90er Jahre und hat bis heute einige Besetzungswechsel durchgemacht, aber recht kontinuierlich Platten veröffentlicht und live gespielt. Dass man auf dem Label Nix Gut schnell in die Deutsch-Punk-Ecke gesteckt wird, ist klar, ganz falsch ist das auch nicht, aber eben auch nicht ganz richtig. Zum einen gibt es ziemlich treibenden Punk-Rock mit deutschsprachigen Texten, die sich aber nicht in Bullen-Bier-Bumsen-Klischees verlieren, sondern eher persönlich sind. Schon teilweise kritisch, aber nicht allzu platt und näher an den Ärzten als an Atemnot. Die Produktion ist ein bisschen metal-mäßig, also sehr fett und auch bei den Gitarren nicht immer reiner Punk, ansonsten aber gut zu hören. Wer auf die Punk-Welle der 90er Jahre mit Bands wie Fuckin’ Faces, Lost Lyrics und Public Toys steht und auch ein bisschen Dritte Wahl mag, kann hier gerne reinhören. Jugendzentrums-Punk, der sicher live noch besser kommt, als auf CD, aber das ist bei Punk ja grundsätzlich so. (A.P.)

Webadresse der Band: www.nijusan.de

DER FLUCH - Die Nacht Des Jägers


Erstveröffentlichung: CD 2002 / Teenage Rebel Records / TR CD 087

OHL um den Sänger und einziges Dauermitglied Deutscher W gehört zu den langlebigsten deutschen Punk-Bands überhaupt und war vor allen in den 80er Jahren politisch in der Szene immer umstritten. Das lag allerdings weniger daran, dass die Platten Anfang bis Mitte der 80er Jahre auf dem Rock-o-Rama-Label erschienen, das damals noch nicht politisch rechte Platten veröffentlichte, sondern, weil die Band sowohl gegen rechte als auch linke Extremisten Position bezog.
Um von den radikalen, politischen Statements der frühen Jahre eine Abwechslung zu haben und sich dem neben Punk weiteren Hobby „Horror“ zu widmen, wurde 1982 das Nebenprojekt DER FLUCH ins Leben gerufen. Neben der selbstbetitelten LP erschien auch eine 12“EP und ein paar Stücke auf dem „Die Deutschen Kommen“-Sampler, alles ebenfalls auf Rock-o-Rama und damals von der Punk-Szene eher belächelt und kein großer Erfolg. Bis in die 90er Jahre wurde das Projekt dann auch wieder auf Eis gelegt.
Musikalisch orientierte man sich an Bands wie The Cramps, The Meteors und den Misfits…ich weiß, die Vergleiche, die überall auftauchen, aber so ist es nun mal. Dazu singt Deutscher W deutschsprachige Texte, die durch alte Horrorfilme inspiriert waren und nicht nur deswegen rückblickend einen großen Bezug zur damals noch nicht so genannten Gothic-Rock-Szene offenbarten. Tatsächlich kann man DER FLUCH neben den Geisterfahrern und X-Mal Deutschland zu den ersten deutschen Bands dieses Genres zählen. Spätestens Anfang der 90er Jahre wurden die 1982er Veröffentlichungen zu gesuchten Sammlerstücken, sowohl in der Deutsch-Punk-Szene, als auch unter Gothic-Rock-Freaks, so dass die Originale extrem hohe Preise auf Plattenbörsen und später im Internet erzielten. Gut also, dass mit „Die Nacht Des Jägers“ diese frühen Aufnahmen komplett zusammengefasst und zum günstigen Preis zugänglich gemacht werden. Rückblickend sind die Aufnahmen wirklich stil prägend für den deutschen Gothic-Rock gewesen, ohne sich so furchtbar ernst zu nehmen, wie viele andere Vertreter des Genres. Statt selbstmitleidige Frustgeschichten gibt es hier in den Texten handfesten Horror, der auch Spaß macht. Dass das Projekt trotz des relativen Misserfolges Anfang der 80er Jahre einigen Einfluss auf die Musik der Hauptband OHL hatte, zeigt sich in späterem düsteren Songs zum Beispiel auf dem Album „Jenseits Von Gut Und Böse“ und auch Chaos Z könnten bei ihren Beiträgen zu diversen Samplern nach ihrer Single und LP schon von DER FLUCH beeinflusst worden sein bevor sie sich in Fliehende Stürme umbenannten.
Neben den Originalaufnahmen gibt es noch vier Bonustracks, die allerdings erst 1994/95 entstanden sind und Neuaufnahmen, beziehungsweise Akustikversionen einiger alter Songs beinhalten. Das Booklet ist ganz schön geworden, enthält es doch ein paar Texte/Interviews zur Band und stimmungsvolle Bilder aus alten Horrorfilmen. Schön wäre es allerdings noch gewesen, das Artwork der alten Platten abzubilden. Aber auch so ist „Die Nacht Des Jägers“ ein aufregendes Zeitdokument, wenn auch nicht mehr ganz zeitgemäß. Für den deutschen Punk eine beschmunzelnswerte Fußnote, für den deutschen Gothic-Rock aber richtig wichtig. (A.P.)

Webadresse der Band: www.teenage-rebel.de

NO MORE - Sunday Mitternacht Remixes


Erstveröffentlichung: CD 2010 / Rent A Dog / Al!ve / bone 3017-2

Mit dem Album „Midnight People & Lo-Life Stars“ und der Single “Sunday Mitternacht” konnten die Alt-Waver von NO MORE ein beeindruckendes Comeback nach über 20 Jahren hinlegen. Wohl hauptsächlich um das Album zu promoten, hat man gleich noch den Single Song „Sunday Mitternacht“ verschiedenen Musikern aus Vergangenheit und Gegenwart zum remixen gegeben und die Ergebnisse auf dieser CD veröffentlicht. Elf teilweise recht unterschiedliche Versionen sind dabei herausgekommen, wobei die Qualität natürlich Geschmackssache ist, Licht und Schatten sich jedoch abwechseln. Vielleicht hat auch die lange Remix-Geschichte des NO MORE-Songs „Suicide Commando“ bei der Idee eine Rolle gespielt. Ein toller Song ist „Sunday Mitternacht“ allemal, aber eignet er sich auch, um ihm neue musikalische Seiten abzugewinnen? Die CD kommt mit einem kleinen Einleger in einer runden Blechdose und dürfte limitiert sein.
Die Hamburger Serpents hatten immer ein wenig den Ruf, Epigonen von DAF zu sein, was aber nicht unbedingt gerechtfertigt ist. Ihr Remix legt die Gesangsspur über einen sehr reduzierten, galoppierenden Rhythmus und atmosphärische Synthies, tanzbar auch für Minimal-Partys. Der Venus 45 Remix aus dem NO MORE-eigenen Umfeld ist weitaus waviger, klingt aber trotzdem ziemlich modern mit seinen breakbeatigen Rhythmen. Hier wird der Mitt-80er NO MORE-Sound sehr gut in die Gegenwart transportiert. Wie es sich für spacig-experimentellen Minimal-Techno gehört, hat Evomania aus dem Track praktisch ein komplett neues Stück macht, das eigentlich gar nichts mehr mit dem Original zu tun hat. Ob remixen tatsächlich so weit gehen muss, dass nur noch einzelne Sounds und Gesangsfetzen übrigbleiben und sogar die Gesangsmelodie verändert wird, muss jeder für sich selbst entscheiden. Obwohl das Stück an sich ganz interessant ist, lehne ich es als Remix von NO MORE aber doch ab. Hitpotential für manche Clubs ist aber sicher vorhanden. Eine Mischung aus altem Electro-Industrial-Sound und neuerem Techno liefert, wie nicht anders zu erwarten, Plastic Noise Experience ab. Da ist sicher für so manchen schwarzen Club ein neuer Tanzflächenfüller entstanden. Konsequenten 4/4-Takt mit gnadenlos tanzbaren Sequenzerläufen und verfremdeten Original-Elementen des Songs bietet Pneus’ Remix. Ein bisschen Soundtrack-Gefühl kommt dabei auch noch auf. Die alten EBM-Helden Vomito Negro sorgen ebenfalls für Tanzbarkeit, machen dies aber im Stile einer 80er Jahre Depeche Mode-B-Seite, sicher einer der interessantesten Remixe auf dieser CD. Schnell vergessen ist dann der ziemlich zerhackstückelte Mix von Channel 3. Belanglos, wirkt wie schnell mal zwischendurch eingeschoben, eine Auftragsarbeit halt. Technoir liefern hingegen eingängigen Old School-Electro/EBM-Klang ab, das macht gleich wieder mehr Spaß. Eher auf den Gesang ausgerichtet, unterlegt mit einem recht verworrenen Klang-Misch-Masch ist die Version von For Greater Good. Einige Elemente sind ganz interessant, da hätte man schön etwas in Richtung frühe Laibach oder Test Dept. draus machen können. So bleibt es aber etwas ziellos, wenn auch mit guten Ansätzen. Eine etwas merkwürdige Mischung aus Alternative-Rock-Anklängen und Electro-Sounds kommt von Jantronix Schulte. Zumindest einer der ungewöhnlichsten Remixe, aber doch etwas anstrengend. Ausklingen tut diese CD dann schließlich mit einer Art Blade-Runner-Soundtrack-Dub-Electro-Mixtur von Yvy Demina. Durchaus interessant und einer der eingängigeren Remixe.
Trotzdem, das Konzept, einen einzigen Titel von zahlreichen Leuten remixen zu lassen und dann als Album zu veröffentlichen, kann ich nicht allzu viel abgewinnen. Auch, wenn die Versionen sehr unterschiedlich sind, darunter drei oder vier richtig gut, kommt ein bisschen Langeweile auf. Ein völliger Flop ist nicht dabei und NO MORE behalten ihren guten Ruf als eine der wichtigen Bands der 80er Jahre aus Deutschland, die auch heute noch Musik macht, ohne peinlich zu wirken, aber so richtig notwendig war das Album nun auch nicht. Man muss ja nicht um jeden Preis zeitgemäß wirken wollen… (A.P.)

UV POP - Anyone For Me / Bendy Baby Man


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Genetic Music / GEN036

Heute kennt jeder, der sich ein bisschen für Wave-Musik aus den 80er Jahren und Minimal-Electro interessiert die englische Band (lange Zeit ein Soloprojekt von John White) UV POP, die ihre Cassetten und Vinyl-Schallplatten überwiegend in der ersten Hälfte der 80er Jahre veröffentlicht hat. Ich weiß nicht, ob und wie erfolgreich die Band damals war, war sie doch im Grunde nur eine der unzähligen Gruppen zwischen Wave und Pop, die zu der Zeit existierten. Ihr kleiner Hit „Serious“ überlebte jedoch in den Clubs und war Ende der 80er/Anfang der 90er immer noch in vielen Ohren. Eine herrliche Wave-Pop-Hymne mit unwiderstehlicher Melodie. Darüber hinaus war die Gruppe aber ziemlich in Vergessenheit geraten, auch, weil die Platten schwer zu finden waren. In den 90er Jahren entdeckten immer mehr Leute weitere kleine Ohrwürmer von UV POP wie „Anyone For Me“ oder „No Songs Tomorrow“ und vor allem „Sleep Don’t Talk“ und die alten Platten wurden langsam aber sicher gesuchte und vor allem teure Sammlerstücke. Auch im dritten Jahrtausend hielt das neue Interesse an der Band an und so wundert es, dass außer einer Wiederveröffentlichung von „Serious“ Mitte der 90er Jahre niemand den Back-Catalogue veröffentlichte. Erst 2011 brachte UV POP selbst eine Best Of/Singles-CD heraus und nun hat Genetic Music nachgezogen und die LP „Bendy Baby Man“ zusammen mit der 12“EP „Anyone For Me“ auf CD veröffentlicht.
Musikalisch wird wunderbarer Sound zwischen Pop, New Wave, Gitarren Wave und noch mal ultramelodiösem Pop geboten. Man nehme eine Prise weniger melancholische For Against, eine Portion frühe Smiths – wobei man bedenken muss, dass UV POP schon vor denen angefangen haben – etwas The The vor „Infected“, einen weniger folkigen Frank Tovey und heraus kommt ganz zauberhafte Musik, die voll und ganz UV POP ist. Es würde mich nicht wundern, wenn die alten holländisch-deutschen Helden The Convent um Carlo van Putten hier so einiges an Inspiration hrausgezogen haben. Hatte das erste Album „No Songs Tomorrow“ noch ein paar Ausreißer nach oben, so ist „Bendy Baby Man“ weitaus homogener und in sich geschlossener. Ein Album zum „immer hören“ im besten Sinne, wie es sonst nur ganz große Bands wie New Order (in anderem musikalischen Zusammenhängen) oder eben die Smiths hinbekommen haben. Dass die sehr seltene 12“EP „Anyone For me“ gleich noch mit auf die CD genommen wurde, dürfte manchen Suchenden mehr als glücklich machen, sofern es ihm in erster Linie um die Musik an sich geht. Endlich gibt es die fünf großartigen, weitaus elektronischeren, Songs wieder regulär zu kaufen und das zu einem fairen Preis. Interessant auch der Vergleich der beiden recht unterschiedlichen Platten. Schließlich hat UV POP, längst wieder auf Tour durch die Welt, noch zwei Bonustracks spendiert, nämlich je eine Liveversion und eine 2011er Neuaufnahme von „No Songs Tomorrow“. Gerade letzteres Lied schürt die Hoffnung, dass UV POP sich nicht auf den alten Lorbeeren ausruht, sondern vielleicht noch einmal neue Songs schreibt und veröffentlicht.
Die CD kommt in einem schlicht gestalteten DigiPak, das von der Aufmachung her ein bisschen an alte Factory-Platten erinnert. Schön wäre es gewesen, wenn man noch das Original-Artwork abgebildet hätte und vielleicht ein paar Liner Notes dazu, aber man kann nicht alles haben. Auch so gilt: Wave-Geschichte vom feinsten, die alten Säcken wie mir die eine oder andere Nostalgie-Träne in die Augenwinkel treibt. (A.P.)

Webadresse der Band: www.geneticmusic.de

AME DE BOUE - L'Inconfort Nécessaire


Erstveröffentlichung: LP 2012 / Treue um Treue / T.u.T./R.u.R. / T.u.T. 021

AME DE BOUE ist ein Projekt aus dem Umfeld von Dolina, die auf Treue um Treue ja auch schon ein sehr schönes Album vorgelegt haben. War deren Platte noch ziemlich synthpoppig, nicht ohne einen gewissen Wave-Anteil zu versprühen, geht es bei AME DE BOUE doch viel eindeutiger in die Cold Wave-Richtung, die man aus Frankreich und den Benelux-Ländern aus den 80er Jahren kannte. Da wird dann auch mal eine Gitarre zu den elektronischen Klängen hinzugenommen oder ein Stück mit eher avantgardistischen Sounds abgeliefert. Dazu eine Spur Dark Wave der frühen 90er Jahre und hier und da spacige Synthie-Sounds. Eine Mischung aus The Silicon Scientist und den frühen The Eternal Afflict mit einer sehr kühlen Atmosphäre, so oder so ähnlich kann man AME DE BOUE vielleicht beschreiben. Auf jeden Fall liegt man aber richtig, wenn man es als Musik für schwarz gekleidete Leute mit hochtoupierten Haaren, die auf den Tanzflächen nicht gerade durch ausschweifenden Bewegungsdrang hervorstechen beschreibt. Das meine ich positiv. Dabei ist die Musik gar nicht so düster, eher melancholisch, und teilweise sogar recht verspielt und eingängig. Cold Wave-Fans werden ihre Freude daran haben. Die ausgesprochen gelungene Coverversion des Italo-Disco-Klassikers „Self Control“ dürfte vor allem in Minimal-Electro-Kreisen für Begeisterung sorgen, ebenso wie „Confusion“ (nein, kein New Order-Cover), das ein bisschen wie eine B-Seiten-Version von A Flock Of Seagulls „Modern Love Is Automatic“ kombiniert mit der Single von The Normal wirkt. Ja, tatsächlich hätte sich das Stück sehr gut als frühe Single auf Mute Records gemacht, bietet es doch auch ein bisschen Fad Gadget-Feeling. Vielseitigkeit, im Rahmen von minimalen Electro-Wave-Klängen, ist also garantiert und deshalb lohnt sich die Platte absolut. Die Platte erscheint in schwarzem Vinyl in einer Auflage von rund 250 Exemplaren und bietet ein schönes Covermotiv von dem japanischen Künstler Akira Inumaru. (A.P.)

Webadresse der Band: www.tutrur.com

ARSINE TIBé - Good Evening, The Mountain Said


Erstveröffentlichung: CD 2011 / Echozone / BOB Media / EZ11C758

ARSINE TIBÉ ist ein neues Projekt von Manfred Thomaser, der mal vor ganz langer Zeit bei Catastrophe Ballet gespielt hat, später dann einige Jahre in der schönen Wave-Band Disorder war und heute bei Distain! mitmischt. Nun also dieses Soloprojekt mit der Hilfe von einigen Freunden und Musikern. Und wie man es nicht anders erwarten durfte, kommen schön eingängige Klänge dabei heraus, die sehr atmosphärisch sind und oft an guten alten Wave erinnern. Dabei gibt es eine Mischung aus elektronischen und gitarrigen Klängen, angereichert mit modernen Rhtyhmen und einigen stilfremden Einflüssen. Die Stimmung erinnert immer mal wieder an The Cure, hier und da kommen auch Elemente des guten alten Shoegaze/Dream Pop-Sounds durch, aber auch loungige Stimmung macht sich breit. Sicher hat Thomaser in der Vergangenheit auch ein bisschen Trip Hop im Stile von Massive Attack oder Portishead gehört. Für den großen kommerziellen Durchbruch ist die Mischung wahrscheinlich nicht poppig genug, obwohl man das Ganze schon Electro-Pop nennen könnte. Für die „schwarze Szene“ hingegen ist das wiederum zu poppig und vielleicht etwas zu modern und weit weg vom Dark Wave und verwandten Stilen. Ich finde das Album trotzdem sehr schön, für mich hätte es aber gerne noch waviger und vielleicht hier und da beim Frauengesang etwas „kühler“ sein können. Für musikalisch vielseitig interessierte Waver auf jeden Fall mal ein Reinhören wert. So könnte es klingen, wenn vielleicht Robert Smith und Alan Wilder zusammen ein Trip-Hop/Lounge-Projekt machen würden. Sehr schön ist auch das Artwork, das wie eine Mischung aus einem frühen Echo And The Bunnymen-Album und dem Cover einer CD mit spiritueller Musik erscheint. (A.P.)

Webadresse der Band: www.arsinetibe.com

EA80 - Mehr Schreie


Erstveröffentlichung: LP 1987 / Eigenveröffentlichung

1987 erschien das dritte EA80-Album, wie immer komplett in Eigenregie und natürlich ohne große inhaltliche und stilistische Neuerungen, was ja aber gerade das Gute ist. Die Band ist etwas reifer geworden – für diese Beschreibung wird sie mich hassen – liefert aber vor allem textlich mit das beste Album ihrer nun schon rund 30 Jahre dauernden Karriere ab. Nicht umsonst heißt das Album „Mehr Schreie“ und spielt damit deutlich auf das erste Album „Vorsicht Schreie“ an. Die Rohheit ist immer noch vorhanden, vom parolenhaften Deutsch-Punk ist man immer noch meilenweit entfernt, hat aber trotzdem was zu sagen. Die Musiker selber sind immer noch nicht wichtig und alles in allem kann man die Stimmung der Platte in einem Wort beschreiben: schwarz! Heute nennt man das wahrscheinlich Emo-Core, doch EA 80 haben diese Musik schon gemacht, bevor überhaupt nur irgendjemandem dieser schwammige Begriff eingefallen ist und vor allem ohne jede Weinerlichkeit, sondern mit purer Aggression und echten Gefühlen. Der Beweis, dass Punk eben mehr ist, als „haut die Bullen platt wie Stullen“ (obwohl das natürlich auch seine Berechtigung hatte). Im Grunde enthält die Platte nur Hits, wobei ich „Ein Tag An Meinem Fenster“ und „Sie Zerstörten Alles“ ein bisschen hevorheben möchte. Und dann sind da noch meine beiden absoluten EA80-Lieblingslieder, nämlich das ultramelodiöse „Auf Wiedersehn“ und das tief depressive „Nr. 1“. Intensiver kann man totale Verzweiflung wohl kaum ausdrücken. Ein Klassiker des deutschen Punk, kein Zweifel! (A.P.)



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