THE BEATLES - Love Me Do - Eine Rock´n Roll Dokumentation


Erstveröffentlichung: DVD 2004 / Laser Paradise

Gibt es eine größere und bekanntere Band auf Erden? Nein. Und es wird wohl auch lange keine größere mehr in der Zukunft geben, wenn man sich das traurige Popmusik-Bild der heutigen Zeit anschaut. Diese Dokumentation neueren Datums enthält in der Hauptsache ein Interview von Victor Spinetti, der in drei Filmen der Band mitgespielt hat und ein Freund der Fab Four war. Dazu kommen viele weitere Leute dieser Zeit zu Wort, wie zum Beispiel der erste Beatles-Manager Alan Williams (als die Band noch „The Beat Brothers“ hieß, weil Deutsche den Namen „Beatles“ nicht verstehen würden), Regisseur Richard Lester, Tony Sheridan und viele viele weitere. Dazu gibt es jede Menge historische Filmschnipsel zu sehen, alte Interviews mit den Pilzköpfen und selbst für Verschwörungstheorien-Fans ist etwas dabei, denn als es um den Mord an John Lennon geht, wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Mörder niemals verurteilt wurde und man eigentlich auch niemals irgendetwas über hin zu hören bekam. Das ist aber natürlich nicht wahr, denn Mark Chapman sitzt im Knast und hat bereits zum dritten Mal erfolglos um Freilassung gebeten. Wie dem auch sei, die Doku fängt ein bisschen schleppend an, denn es gibt die ersten Minuten so gut wie nur Interviews, Livemusik von Beatles-Freunden und Filmschnippsel, die wenig Aussagekraft haben, doch mit der Zeit wird das anders und man bekommt tatsächlich viele Informationen und rares Bildmaterial zu sehen. Insofern eine interessante Ergänzung zur Anthology-Box für jeden Beatles-Fan.

Die deutsche DVD von Laser Paradise präsentiert den Film in Deutsch und Englisch (Dolby Digital 2.0) sowie im Bildformat 4:3. Untertitel sind in Deutsch verfügbar. Als Extras gibt es ein Interview mit Alan Williams (41:18 Min.), eine Slideshow sowie Biographien der Vier und der Band an sich.

Darsteller. John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, Victor Spinetti (H.H.)

NIEDOWIERZANIE/STAUB - Influences Errantes - A Metampsychotic Séance


Erstveröffentlichung: MC 2012 / Reue um Reue / R.u.R. 029

Seit ungefähr zwei Jahren gibt es tatsächlich im Electro/Industrial-Underground ein kleines Tape-Revival. Einige Labels bringen exklusive Tape-Veröffentlichungen in professioneller Aufmachung auf den Markt, wenn auch nur in kleinen und kleinsten Auflagen. Aber offenbar laufen die Sachen, so dass man annehmen muss, dass einige Sammler vom CD-Vinyl-Download-Overkill der letzten Jahre in dem Bereich genervt sind. Ich selber mag das gute alte Tapeformat auch gerne, hat es doch etwas nostalgisches und echt undergroundiges.
Unsere Freunde von Reue um Reue liefern dabei die gestaltungstechnisch schönsten Sachen ab – wie nicht anders zu erwarten war.

Das Split-Tape von NIEDOWIERZANIE und STAUB kommt mit schicker, beidseitig bedruckter Inlay-Card, die zusätzlich noch mit ebenfalls bedrucktem transparentem Pergamentpapier umhüllt ist. Das sieht ziemlich edel aus. Auch die Cassette wurde professionell vervielfältigt und bietet dementsprechend durchgehend guten Klang.

Wie man es von Reue um Reue und natürlich von den beiden beteiligten Projekten gewohnt ist, gibt es weitgehend ambiente Klänge zu hören, die ihre Wurzeln im Industrial haben und hier und da auch eine gewisse Fabrikhallen-Atmosphäre verbreiten, die aber nie wirklich hart wird. Das Konzept hierbei ist eine Art musikalische Séance, die ergründet, was nach dem körperlichen Tod geschieht. Dunkel wummernde Drones wechseln sich mit schwebenden Synthie-Flächen ab und erschaffen eine Atmosphäre, die man sich wirklich bei einer spiritistischen Sitzung vorstellen könnte – mir fehlt da die Erfahrung. Da bauen sich dann auch mal voluminöse Klangteppiche ganz langsam auf, so dass eine meditative Stimmung entsteht.

Ich bin sicher kein großer Fan oder gar Kenner von solchen Ambient-Klängen und ehrlich gesagt klingt in dem Bereich vieles für mich auch sehr ähnlich, weil ich die Feinheiten nicht richtig unterscheiden/erkennen kann, aber hin und wieder mag ich so etwas doch gerne mal hören, weil es schön auf der Klinge zwischen Spannung und Entspannung tanzt.

Die Cassette ist auf 80 Exemplare limitiert und kommt in vier verschiedenen Covervarianten. Für Ambient-Fans definitiv ein Leckerbissen und Sammlerstück. (A.P.)

Webadresse der Band: www.tutrur.com

STAUB/NIEDOWIERZANIE - Influences Errantes - A Metampsychotic Séance


Erstveröffentlichung: MC 2012 / Reue um Reue / R.u.R. 029

Seit ungefähr zwei Jahren gibt es tatsächlich im Electro/Industrial-Underground ein kleines Tape-Revival. Einige Labels bringen exklusive Tape-Veröffentlichungen in professioneller Aufmachung auf den Markt, wenn auch nur in kleinen und kleinsten Auflagen. Aber offenbar laufen die Sachen, so dass man annehmen muss, dass einige Sammler vom CD-Vinyl-Download-Overkill der letzten Jahre in dem Bereich genervt sind. Ich selber mag das gute alte Tapeformat auch gerne, hat es doch etwas nostalgisches und echt undergroundiges.
Unsere Freunde von Reue um Reue liefern dabei die gestaltungstechnisch schönsten Sachen ab – wie nicht anders zu erwarten war.

Das Split-Tape von NIEDOWIERZANIE und STAUB kommt mit schicker, beidseitig bedruckter Inlay-Card, die zusätzlich noch mit ebenfalls bedrucktem transparentem Pergamentpapier umhüllt ist. Das sieht ziemlich edel aus. Auch die Cassette wurde professionell vervielfältigt und bietet dementsprechend durchgehend guten Klang.

Wie man es von Reue um Reue und natürlich von den beiden beteiligten Projekten gewohnt ist, gibt es weitgehend ambiente Klänge zu hören, die ihre Wurzeln im Industrial haben und hier und da auch eine gewisse Fabrikhallen-Atmosphäre verbreiten, die aber nie wirklich hart wird. Das Konzept hierbei ist eine Art musikalische Séance, die ergründet, was nach dem körperlichen Tod geschieht. Dunkel wummernde Drones wechseln sich mit schwebenden Synthie-Flächen ab und erschaffen eine Atmosphäre, die man sich wirklich bei einer spiritistischen Sitzung vorstellen könnte – mir fehlt da die Erfahrung. Da bauen sich dann auch mal voluminöse Klangteppiche ganz langsam auf, so dass eine meditative Stimmung entsteht.

Ich bin sicher kein großer Fan oder gar Kenner von solchen Ambient-Klängen und ehrlich gesagt klingt in dem Bereich vieles für mich auch sehr ähnlich, weil ich die Feinheiten nicht richtig unterscheiden/erkennen kann, aber hin und wieder mag ich so etwas doch gerne mal hören, weil es schön auf der Klinge zwischen Spannung und Entspannung tanzt.

Die Cassette ist auf 80 Exemplare limitiert und kommt in vier verschiedenen Covervarianten. Für Ambient-Fans definitiv ein Leckerbissen und Sammlerstück. (A.P.)

Webadresse der Band: www.tutrur.com

CAUDA PAVONIS - Peace Through Superior Firepower


Erstveröffentlichung: CD 2012 / CPX Records/Danse Macabre / Al!ve / CPX4010-CDLP

Fast 15 Jahre existiert die englische Band CAUDA PAVONIS jetzt schon und hat in der Zeit eine ganze Menge Veröffentlichungen in Eigenregie veröffentlicht und sich in ihrer Heimat offenbar eine solide Fanschar erspielt. Auftritte mit zahlreichen großen Bands des Dark Wave/Gothic-Genres und bei großen Szene-Festivals haben die Band bekannt gemacht. Trotzdem muss ich zugeben, dass die Gruppe bisher ziemlich an mir vorbeigegangen ist und ich erstmals bewusst ihre Musik auf dem inzwischen fünften Album „Peace Through Superior Firepower“ anhöre, das digital und als CD in Zusammenarbeit mit AF Music/Danse Macabre vertrieben wird.
Zu hören gibt es eine ziemlich merkwürdige Mischung aus Dark Wave, Gothic Rock, Pop und 70er Jahre Progressive-/Art-Rock, die sehr treibend ist. Ebenso merkwürdig ist der Gesang, der weit von Grabesstimmen wie Carl Mc Coy oder Andrew Eldritch entfernt ist, was einerseits natürlich positiv ist, andererseits den Songs aber auch jede Düsternis nimmt. Erst spät wurde mir klar, dass hier eine Frau singt, die klingt, wie ein Mann mit ungewöhnlich hoher Stimme. Daran muss man sich definitiv erst gewöhnen und auch dann ist nicht sicher, dass man sie mag. Ziel der Gruppe ist es wohl – laut Info – den „Stil des 18. Jahrhunderts, gemischt mit der Technologie des 21. Jahrhunderts“ zu kombinieren. Manche Gesangsmelodie erinnert dabei an Irish Folk. Ob das gelingt, muss jeder Hörer selbst entscheiden. Für Gothic-Rock ist es mit zu viel Synthies unterlegt, für Dark Wave ist es nicht dunkel genug und für Neo-Batcave zu poppig. Zudem sieht das Cover eher nach einer mäßigen Metal-Veröffentlichung aus, was sich musikalisch aber nicht widerspiegelt. Trotzdem nehme ich stark an, dass zumindest einige Bandmitglieder sich durchaus auch in der Metal-Szene zuhause fühlen.
Ich kann mich nicht entscheiden, wie ich das nun finde, sicher muss man sich das Album mehrfach anhören. Dass hier ein ziemlich eigenständiges Werk herausgekommen ist, vor allem auch wegen des Gesangs. Aber wenn das hier ein Hit in der heutigen „schwarzen Szene“ ist oder werden sollte, dann bin ich da wohl endgültig raus.
Irgendwie erscheint mir das alles sehr theatralisch und irgendwie geht mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass das hier die richtige Musik für Live-Rollenspieler kombiniert mit dem passenden Sound für die japanische Visual Kei-Szene ist. Ich glaube, bei solchen Conventions könnten CAUDA PAVONIS ziemlich abräumen. Sicher alles andere als ein schlechtes Album – mit unter 40 Minuten zum Glück auch nicht überlang – aber alles andere als meine Tasse Bier. (A.P.)

Webadresse der Band: www.caudapavonis.com

DREAM INTO DUST - So Beautiful And So Dangerous


Erstveröffentlichung: CD 2012 / Chthonic Streams / MYRK 023

DREAM INTO DUST ist wie ein guter alter Freund. Alle paar Jahre machen Derek Rush (December, Loretta’s Doll, A Murder Of Angels, Of Unknown Origin…) und Bryin Dall (A Murder Of Angels, 4th Sign Of The Apocalypse, Thee Majesty…) eine neue Platte, die immer wieder überrascht und verzaubert. „So Beautiful And So Dangerous“ ist das erste Album seit 2003 und es scheint fast so, als wenn DREAM INTO DUST immer wieder wie eine Heimkehr der beiden Musiker von den diversen weiteren Projekten ist, bei denen sie so aktiv sind – eine Vielzahl neben den bereits genannten. Hier können die beiden machen, was sie wollen und sind stilistisch nicht so sehr festgelegt. Im Grunde ist es Dark Wave, aber die Einflüsse reichen von Synthie-Pop über Industrial, EBM, Neo Folk und experimentellen Klängen bis hin zu Shoegaze und 80er Wave. Ergänzt durch eine oft hohe Eingängigkeit kommt ein ganz eigener Stil heraus, der bei jeder neuen Veröffentlichung wieder überrascht.

Das neue Album fängt ungewohnt an, fast wie eine Platte von Foetus verbunden mit der Schwere der guten alten Swans, schräg, treibend und tanzbar. Und um die Verwirrung vollständig zu machen, folgt ein Akustik-Intro, das in einen schön eingängigen Dark Wave-Song übergeht, der so auch gut bei Projekt Records hätte erscheinen können. Doch auch hier gibt es Brüche, die den Hörer davon abhalten, allzu schnell ins nebenbei hören zu geraten. „Suspended In Fear“ hat einen sehr straighten old school EBM-Rhythmus verbunden mit schleifenden Sounds, was in den schwarzen Clubs für volle Tanzflächen sorgen könnte. Dann düster-soundtrackartige Klänge, wie aus einem Derek Jarman-Film. „Secondhand Daylight“ klingt wie eine Kollaboration von Robert Smith (The Cure) mit Robin Guthrie (Cocteau Twins) und Gordon Sharp (Cindytalk), was wirklich fantastisch ist und definitiv einer der Höhepunkte des Albums. So schöner dunkler Wave wird heute nur noch selten gemacht. Mit „Perfect Vision“ folgt dann gleich ein schöner Ohrwurm mit leichten Marc Almond-Anklängen. Der Song verhält sich zum vorherigen wie The Cures „Japanese Whispers“ zu „Faith“, also beides auf seine Art wunderbar, aber sehr verschieden. So geht es weiter, eingängige Ohrwürmer wechseln sich mit dunklen Momenten ab, tanzbare Rhythmen folgen auf wavige Atmosphäre und doch ist trotz der Vielseitigkeit immer der ganz eigene Stil von DREAM INTO DUST erkennbar und der Albumtitel „So Beautiful And So Dangerous“ könnte nicht besser gewählt sein. Die früher oft genannten Vergleiche zu Coil sind nicht mehr so im Vordergrund, unterschwellig aber hin und wieder noch zu spüren. Bei einigen Stücken haben Rush und Dall sich Unterstützung von Mario Padron und Scott Reiter geholt, wobei Reiter nicht das erste Mal mit den beiden zusammengearbeitet hat.

„So Beautiful And So Dangerous“ ist ein echter Geheimtipp und lässt sich gut auch häufiger hören, weil man immer wieder was Neues entdeckt. DREAM INTO DUST ist eine Art geheime Lieblingsband von mir, die man immer mal aus den Augen und Ohren verliert, wenn länger keine Veröffentlichung kommt, die man aber umso lieber auch immer wieder neu entdeckt. (A.P.)

Webadresse der Band: www.chthonicstreams.com

BAKTERIELLE INFEKTION - In Grief

Wiederveröffentlichung: CD-EP 2011 / Genetic Music / GEN035CD
Erstveröffentlichung: 12 Inch EP 2011 / Genetic Music / GEN035

BAKTERIELLE INFEKTION aus Berlin gehen auch schon bald auf 20 Jahre Bandgeschichte zu, gute 15 Jahre haben sie nach ihrem ersten Demo von 1996, noch auf Musikkassette, jedenfalls schon hinter sich. Anfangs habe ich das Duo eher belächelt, lernte ich doch erste Stücke auf einem Sampler des damals recht bekannten „Bodystyler“-Magazins kennen, das dafür bekannt war, alles ins Lächerliche zu ziehen und dabei nicht immer lustig war. Merke: Satire funktioniert nicht, wenn man drauf schreibt, dass es Satire sein soll! Mein Fehler war jedoch, BAKTERIELLE INFEKTION damit in einen Topf zu werfen. Diverse kleinere CD- und Vinyl-Veröffentlichungen folgten, bis man auf Genetic Music eine immer noch existierende Heimat fand, wobei einzelne Veröffentlichungen auch weiterhin bei verschiedenen anderen Labels erschienen, vor allem auf Vinyl. Zahlreiche Samplerbeiträge füllten die Discographie weiter auf und schon lange hat sich BAKTERIELLE INFEKTION als feste Größe in der deutschen Electro-Szene etabliert. Anfangs lieferte man eine spannende Mischung aus Klinik-Klängen verbunden mit etwas Industrial ab, zwischenzeitlich tendierte man mehr in Richtung purer Minimal-Electro, hat inzwischen aber die Kehrtwende zurück zu einigen experimentellen Sounds gefunden. Mich freut das sehr, denn gerade das, verbunden mit dunkel-tanzbarem Electro ist es, was BAKETERIELLE INFEKTION am besten kann.
Die Pause nach dem 2005er Album „Cities Of Glass“ und der Compilation „Early Recordings“ (2007) war lang und beide Musiker haben sich in anderen Projekten ausgetobt. Für „In Grief“ haben sie 2011 wieder zusammengefunden und ein wirklich tolles Mini-Album auf Vinyl und CD vorgelegt. 8 Tracks in unter 21 Minuten…das klingt nach dem guten alten klassischen Popsong-Format von zweieinhalb Minuten. Eingängig sind einige Tracks durchaus, Pop allerdings nicht, zumindest nicht im kommerziellen Sinne. Die verhältnismäßig kurzen Songs garantieren dafür, dass keine Langeweile aufkommt. Musikalisch orientiert sich BAKTERIELLE INFEKTION weiterhin an den eigenen Wurzeln, dass heißt eine Mischung aus klassischem Belgien-EBM der dunklen Art (The Klinik, Vomito Negro, Insekt…), schrägen Soundcollagen und Metall-Samples und minimalem Synth-Pop im Stile von Absolute Body Control. Passend zur dunklen Musik ist das Artwork gestaltet, so dass man sich fast vollständig in die Mitt-80er Jahre zurückversetzt fühlt. Dabei sind die meisten Tracks durchaus tanzbar, allerdings fürchte ich, dass nur noch wenige DJs in den bekannteren Szene-Clubs diese Musik auflegen, sondern das auf eher spezialisierte Partys beschränkt bleibt. Aber als Fan solcher Musik freut man sich natürlich auch ein bisschen, wenn man einen exklusiven Musikgeschmack hat, mit dem man angeben kann. Wer auf belgischen EBM der 80er mit Industrial-Einflüssen steht, kommt an BAKTERIELLE INFEKTION jedenfalls nicht vorbei. (A.P.)

Webadresse der Band: www.geneticmusic.de

DEPECHE MODE - Just Can´t Get Enough


Erstveröffentlichung: Buch 2011 / Heyne / ISBN 978-3453640504

Zur Band DEPECHE MODE muss man wohl nichts mehr sagen - oder gibt es jemanden, der diese britische Band nicht kennt? Nein, wusste ich doch. ""Wie alles begann"", das ist die Devise bei dieser Biografie. Als Ausgangspunkt und immer wiederkehrender roter Faden wird die Heimatstadt Basildon immer wieder erwähnt, eine Stadt aus der Retorte in der Nähe von London, die sich maßgeblich auf die Psyche der Jugend und natürlich auch auf deren Musik niederschlug. Basildon wird am Anfang des Buches eine Menge Raum gewährt, es dauert lange, bis der Autor von der Stadt hinüberwechselt zu den Bandmitgliedern. Bis dahin ist das Ganze relativ langweilig, dann nimmt es an Fahrt auf. Auch wenn die Bandmitglieder selbst hier nicht zu Wort kommen, aber anhand von Interviews mit Wegbegleitern und Freunden füllt sich das Buch auf angenehme Weise mit jeder Menge Informationen, die auch ganz viele Hintergründe beleuchten. Musikalische, gesellschaftliche und menschliche Einflüsse kommen zur Sprache, man erfährt so einiges, wie das Musikbusiness Anfang der Achtziger Jahre funktionerte, und man bekommt Lust, mal wieder die alten Platten zu hören. Alles ist schon recht ausführlich, und trotzdem hätte man sich noch mehr Informationen gewünscht, zum Beispiel über die verschiedenen Touren, die hier mitunter mit einem Satz abgehandelt werden. Und schade ist es, dass 1986 Schluss ist. Aber eine Fortsetzung wird ganz zaghaft angedeutet. Hoffen wir es mal, denn es gibt ja auch nach 1986 noch jede Menge zu berichten. Wie soll man diese Kritik abschließen? Mit einem Standardsatz wie ""Ein Muss für Fans von Depeche Mode"" vielleicht? So ein Quatsch, denn wer sollte so ein Buch sonst kaufen. (H.H.)

NOTRE DESSEIN - Comme Un Mer De Verre


Erstveröffentlichung: LP 2010 / Just Another Winter / T.u.T./R.u.R. / JAW02

Es ist immer wieder unglaublich, Welch zahlreiche und musikalisch vielfältige Projekte Laszlo P.S. so betreibt. Wermut kennt man gut, Ich Wollte Ich Könnte hat schöne Platten veröffentlicht, De Grace und Taciturne haben Eindrücke hinterlassen und dann gibt es sicherlich noch diverse weitere Projekte, von denen man früher oder später etwas hören wird. Unter verschiedenen Pseudonymen und eben Projektnamen wird immer der passende für die zu veröffentlichende Musik gesucht, was Sinn ergibt, denn all die verschiedenen Klänge unter einem Namen rauszubringen würde wohl für Verwirrung sorgen.
Das Label Just Another Winter hat es sich zur Aufgabe gemacht, eigenwillige Klänge auf Vinyl und Tape zu bringen, die durch klassischen Black Metal beeinflusst sind, was aber nicht unbedingt heißt, dass es auch immer wie Black Metal klingt. „Comme Une Mer De Verre“ passt genau in das Konzept: verzerrte Gitarren und kaum verständliche Gesänge zwischen Kreischen und Grollen. Ich bin kein Fachmann auf diesem Gebiet, aber herausgekommen ist eine ungewöhnliche Platte mit fünf langen Stücken, die alleine mit Gitarre (nein, keine Akustikgitarre, dies hier ist Metal-inspiriert und kein Neo-Folk!), Bass, etwas Elektronik und Gesang aufgenommen wurden, völlig ohne Schlagzeug. Die Atmosphäre wirkt sehr verzweifelt und düster, was nicht verwundert, denn die Stücke sind von der „Offenbarung des Johannes“ aus der Bibel – also der Apokalypse – inspiriert. Dazu passt das finstere, sehr schlichte, aber gerade deswegen schöne Artwork. Ohne weiteren Schnick-Schnack oder viele Informationen ist dafür gesorgt, dass es keine Ablenkung von der Musik gibt. Diese klingt sehr roh und wurde wahrscheinlich im heimischen Keller ohne allzu viel technischen Aufwand aufgenommen, was ich aber gut finde, denn eine größere Studioproduktion hätte sicher viel von der Atmosphäre kaputtgemacht. Mich erinnert es etwas an das erste Tape der italienischen Deviate Ladies aus den 90er Jahren.
Wenn man eine sehr avantgardistische Form des klassischen Black Metal mag, ist man hier genau richtig. Limitiert auf 212 Exemplare.
(A.P.)

Webadresse der Band: www.tutrur.com

SASCHE MüLLER - Booty Flop 2


Erstveröffentlichung: Diskette 2012 / Pharmacom Records

Was macht ein hochproduktiver Künstler wie der in Uelsen beheimatete Sascha Müller mit seinen mittlerweile 49 Alben und 234 veröffentlichten Singles (Stand August 2012) seit 1998, wenn sein nicht enden wollender auch die rein digitalen Vertriebswege an ihre Grenzen bringt? Er verlegt sich wieder auf das physische Produkt und konzentriert sich in diesem Rahmen auf Hyperlimitierung und krude Formate. So erscheint seine „Booty Flop“-Serie in Form von 3.5“ Disketten in handnummerierter Auflage von jeweils 10 Stück und umfasst dem begrenzten Speicherplatz des Mediums geschuldet jeweils ein mp3 mit je nach Laufzeit variierender Auflösung von 48 oder 64 kpbs. Im zweiten Teil der Reihe widmet er sich einem experimentell zerfilterten Ansatz von House Music im weitesten Sinne, erinnert in seiner rohen und vor allem bassfernen Herangehensweise partiell an das ebenfalls in 2012 auf Matthew Herberts Accidental erschienene DJ Empty-Album „Meaningless“ und arbeitet sich vor allem im letzten Drittel des Tracks an einer klassischen LatinHouse-Variation ab, die vor allem bei altgedienten Liebhabern des Genres für gespitzte Ohren sorgen wird. Das gilt zumindest dann, wenn sie sich mit einer Klangästhetik anfreunden können, die an Musikhören durch einen uralten Telefonhörer an einer antiken Analogleitung erinnert.
File under: KonzeptHouse für ganz Wahnsinnige. [baze.djunkiii]

REPTILE YOUTH - Reptile Youth


Erstveröffentlichung: CD 2012 / hfn music

Kaum eine Band hat in den letzten zwei Jahren eine derart fanatische Fangemeinde hinter sich versammeln können wie das dänische Duo Mads Damsgaard Kristiansen und Esben Valloe a.k.a. Reptile Youth, die – wohlgemerkt ohne einen einzigen Tonträger veröffentlicht zu haben – mittlerweile zwei Mal um die Welt getourt sind und erst mit der Veröffentlichung ihrer 7“ „Speeddance“ in 2012 die komplette Energie, den kompletten Wahn ihrer gefeierten Live-Shows komprimiert kanalisieren konnten. Nun erscheint also das erste Album der beiden auf dem Hamburger Label hfn music, Heimat für so ebenso illustre wie gefeierte Acts wie Trentemöller, Darkness Falls oder Human Woman, und erst mit diesem zeigen Reptile Youth die gesamte Bandbreite ihrer Fähigkeiten. Vom Happy-Go-Lucky IndieElectro in „Morning Sun“ über den alles zerstörenden ElectroPunk von „Speeddance“, das zwischen Dubstep, Wave- und Industrialanleihen angesiedelte „Dead End“ mit seinen epischen Lyrics, der aktuellen Single „Shooting Up Sunshine“, dem Ohrwurmfaktor des schrägen, aber doch äußerst Pop-affinen „Be My Yoko Ono“, dem Funk-strotzenden „Heart Blood Beat“ bis hin zum reduziert instrumentierten, dafür um so eindringlicheren Sing-Along-Popsong „Flash In The Forest“, das seinen Platz im Daytime-Radio wohlverdient hätte – Reptile Youth verleihen jeder der genannten Varianten ihren ureigenen Touch ohne dabei beliebig zu wirken. Vielmehr begeistern sie mit ihrem Stilmix sowohl die Indiekids, rocken (No)Wave-Anhänger und sind eine der wenigen Bands, auf die sich auch ein Mainstream-orientiertes Publikum ohne lange Airplay-Gewöhnung und TV-Spot-Überdosis sofort einlassen kann, obwohl sich die Band nicht im Geringsten um die Regeln des gleichgeschalteten Major-Business schert. File under: Pop(NotPop) und eines der ganzen großen Alben des Jahres 2012. [baze.djunkiii]

CLASSIC AM GENDARMENMARKT - Dance Dance Dance


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2012

Classic Open Air am Gendarmenmarkt Berlin


Freitag, 6. Juli 2012

„Dance Dance Dance“

Das spektakuläre Show-Konzert von Schwanensee bis Breakdance
Special Guest: Flying Steps



Neue Elbland Philharmonie, Dirigent: Christian Voß; Deutsches Fernsehballett; Ballett-Ensemble des Anhaltischen Theaters Dessau und der Oper Poznan
Gesangssolisten: Cornelia Marschall und David Ameln;
Staatliche Ballettschule Berlin; Rumpelstil; Peter Schenderlein und Christoph Hagel, Klavier
(Angaben aus dem Programm 2012)


Neue Elbland Philharmonie, Dirigent: Christian Voß; Deutsches Fernsehballett; Ballett-Ensemble des Anhaltischen Theaters Dessau und der Oper Poznan
Gesangssolisten: Cornelia Marschall und David Ameln;
Staatliche Ballettschule Berlin; Rumpelstil; Peter Schenderlein und Christoph Hagel, Klavier
(Angaben aus dem Programm 2012)



Von „Schwanensee“ bis „Flying Bach“

Der zweite Abend des Classic Open Air am Gendarmenmarkt war den unterschiedlichen Facetten des Tanzes gewidmet. In zwei Stunden Showprogramm genoss das Publikum bei endlich sommerlichen Temperaturen eine mitreißende Show vom klassischen Ballett in Form von Ausschnitten aus „Schwanensee“ über modernen Show- Ausdruckstanz, wie zum Beispiel in Ausschnitten aus „West Side Story“, bis hin zu Urban Dance und nicht zuletzt Breakdance. Tänzerinnen und Tänzer des Deutschen Fernsehballetts prägten unter anderem die Show. Diese außergewöhnliche Compagnie besteht nunmehr 50 Jahre und das dürfte Weltrekord sein. Spezielle Ballettensembles für Fernsehshows entstanden in den 1960er Jahren als die TV Unterhaltung eine eigene Ästhetik gewann. Tanz - Projekte gab es viele, aber nur das Deutsche Fernsehballett hat die unzähligen kulturellen Brüche überlebt. Hierin liegt wohl auch eine der großen Stärken dieser Compagnie, durch ihre Anpassungsfähigkeit sind die Akteure flexibel und experimentierfreudig, wie das Publikum auch an diesem Abend visuell erleben durfte. Gemeinsam mit den Kollegen des Ballettensembles des Anhaltinischen Theaters Dessau und der Staatlichen Ballettschule Berlin führten sie das Publikum durch die Jahrhunderte und spannten gekonnt den Bogen vom eleganten „pas de deux“ des weißen und schwarzen Schwanes aus „Schwanensee“ zu Maria aus „West Side Story“.


Ob Tschaikowsky, Leonard Bernstein, Maurice Ravel oder Jacques Offenbach, die Expressivität der Tänzer steckt an und begeisterte den Gendarmenmarkt. Ungewöhnlich war auch die Altersstruktur an diesem Abend, denn im Publikum saßen sehr viele junge Menschen, welche vermutlich noch nie vorher im Ballett gewesen sind. Begründet liegen dürfte dies nicht zuletzt im für mich faszinierendsten Crossover des Abends, nämlich den vierfachen Breakdance Weltmeistern „Flying Steps“. Wer bisher dachte, dass ein tradierter Komponist wie Johann Sebastian Bach mit zeitgemäßem Tanz nicht vereinbar sei, wurde eines Besseren belehrt. Die Klassikwelt steht ihretwegen Kopf, denn mit ihrer Übersetzung des „Wohltemperierten Klaviers“ von Bach sprengen sie die Grenzen zwischen Hoch- und Jugendkultur. Im April 2010 erlebte Berlin die Premiere und Flying-Steps-Mitglied Bassil erzählt „Ich erinnere mich noch gut, wie nervös wir waren. Wir waren uns nicht sicher, ob die Zuschauer unsere Message verstehen, ob sie es mögen oder nicht. Doch die Resonanz war fantastisch.“ In der Tat, auf dem Gendarmenmarkt jubelte und tobte das Publikum vor Begeisterung. Zum Abschluss der drei Ausschnitte gab es Standing Ovations und selbst der kritischste Zuschauer war überzeugt, ein Highlight an einem ohnehin schon tollen Abend erlebt zu haben! (Maximilian Nitzschke)



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