DEINE LAKAIEN - Crystal Palace


Erstveröffentlichung: CD 2014 / Chrom Records

DEINE LAKAIEN – CRYSTAL PALACE
(VÖ: 08.08.2014 Chrom Records)


Die Ansprüche an ein neues Album von Alexander Veljanov und Ernst Horn sind vor jeder Neuveröffentlichung sehr hoch angesetzt. Nicht nur die Fans von Deine Lakaien gehen mit einer gewissen Erwartungshaltung heran, sondern auch die beiden Vollblutmusiker geben sich seit den 80er Jahren nur mit dem Besten zufrieden. Ihr letztes Album „Indicator“ ist bereits vier Jahre alt und legte die Messlatte für den Nachfolger wieder einmal sehr hoch. Die Entscheidung nicht einfach dort anzuknüpfen und weiterzumachen ist mutig, stattdessen sind sie vollelektronische Wege gegangen und nehmen sich in Opulenz eher zurück. Inhaltlich scheint man weniger politisch zu sein als auf dem Vorgänger, aber wie so oft, erschließt sich die Songtiefe gern erst nach mehrmaligem hören. Wo „Indicator“ lyrisch sehr klare und direkte Worte fand zählen auf „Crystal Palace“ eher die persönlichen Inhalte, große Themen wie Liebe, Schuld und die conditio humana.
Wenn es politisch wird, dann in verschlüsselten Bildern. Der Sound erinnert stellenweise an „Winter Fish Testerone“, was daran liegen dürfte, dass erstmals seit genau diesem Album, mit dem neuen Album auf andere Gastmusiker verzichtet wurde.

In den Texten von Ernst Horn liegt der Schwerpunkt diesmal deutlich mehr auf Privatem, weniger auf Gesellschaftlichem. Das er dadurch schon auch ein paar Sachen aufgearbeitet hat gibt er dabei vorsichtig zu. Offenbar sind dies eben nicht nur positive Aspekte gewesen, wenn ich mir Songtexte wie „Nevermore“ oder auch „Farewell“ genauer anhöre. Alexander Veljanovs Texte sind durchaus beeinflusst von Politischem jedoch weniger deutlich als in „Europe“ des Vorgängers. Seine Texte nutzen diesmal eher gesellschaftspolitische Beobachtungen als Ausgangsbasis. In Songs wie „Where the Winds dont blow“ oder „Eternal Sun“ begibt sich der Sänger eher in den Kontext, in dem es dann schon um gravierende Menschheitsfragen geht. Gerade im Song „Where the Winds dont blow“ geht es für mich um die Frage, und die ist ja wirklich tagesaktuell, wie man am besten mit Fanatismus umgeht. Der Protagonist aus dessen Sicht Alexander Veljanov singt, muss damit zurecht kommen, dass sich ein Mensch in einem ganz kurzem Zeitraum plötzlich in seiner Lebenseinstellung in Punkto Religion und Weltanschauung ändert. Wie geht man als Vater, Mutter, Geschwister oder Freund damit um? Junge Menschen verschreiben sich aus irgendwelchen Gründen einer Sache und glauben, dass Gewalt ihrer Sache dabei dienlich sei.

Bei der Umsetzung der Stücke hat sich Ernst Horn in seiner Synthieburg ordentlich ausgetobt und akustische Elemente verbannt. Die Marschrichtung ist vollelektronisch, was mich erst etwas erschreckt hat, aber überraschenderweise weder künstlich noch steril klingt. Das Album klingt erfrischend organisch, und auch der gewisse Retro-Faktor steht ihm gut dabei. Gerade die ersten beiden Songs „Nevermore“ oder „Farewell“ erinnern deutlich an den Sound der Band in den Neunzigern. Mit dem Song „Forever and A Day“ bilden sie inhaltlich ein Trio aus der Feder von Ernst Horn. Während er mit „Nevermore“ noch den Frühling und die Liebe beschwört aber bereits den Blick in eine enttäuschte Seele zulässt, widmen sich die anderen beiden Songs Trennungen, Abschied und Schuldgefühlen. Ja besonders optimistisch fällt das erste Drittel des Albums nicht gerade aus, aber es ist schonungslos ehrlich dabei!

Der Titeltrack „Crystal Palace“ ist der musikalisch ungewöhnlichste Titel des Albums, und steht sicherlich nicht als Repräsentant des gesamten Albums Pate. Wer jetzt vielleicht an Crystal Meth denken mag dabei, ist völlig auf dem Holzweg! Der Track ist beeinflusst von den 60er Jahren aber völlig drogenfrei, vielmehr steckt die Einladung „Welcome to Crystal Palace, all you dreamers“ an. Ich fühlte mich als Hörer direkt angesprochen und darf ein weiteres Mal hineinblicken in die Gedanken und Emotionen von Alexander Veljanov und Ernst Horn, ohne dabei soweit vorzustoßen, das ich ihre innersten Geheimnisse ergründen könnte.

Das Cover des Albums nimmt diesen Gedanken sehr kunstvoll auf, denn es zeigt einen Hirschkäfer, der in einem Glasquader eingegossen ist. Es ist ein sehr starkes Bild: Man sieht alles, doch zum Käfer im Inneren, also dem Kern der Sache, kann man nicht vordringen.

Das Album lädt somit ein, den Lakaien in ihre fantasievolle Bilderwelt mal schonungslos ehrlich in Stimmungsbildern, mal in abstrakteren Metaphern ein weiteres Mal zu folgen, sich hineinfallen zu lassen und am Ende den charismatischen Ausnahmetalenten ein weiteres Meisterwerk zu bescheinigen!
(Maximilian Nitzschke)



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