THE BIRTHDAY PARTY - Hits


Erstveröffentlichung: CD 1992 / 4 AD / Rough Trade

Als sich THE BIRTHDAY PARTY Ende der 70er Jahre aus der Band The Boys Next Door gründete, ahnte wohl niemand, welchen Einfluss die Musiker auf die Underground-Musikszene ausüben würden. Die Nachfolgebands Nick Cave And The Bad Seeds und Crime & The City Solution waren durch die 80er Jahre erfolgreich und Nick Cave ist heute einer der besten Sänger und Songschreiber, der zudem auch kommerziell erfolgreich ist. Wer hätte das nach den Drogenjahren in den 80ern gedacht?

Grundsätzlich sollte man keine Platte von THE BIRTHDAY PARTY stehen lassen, wer die Band aber noch nicht kennt, macht mit dieser „Hits“-Compilation definitiv nichts falsch, denn viele Klassiker der Band sind hier vertreten und bieten einen guten Überblick über das schaffen der vielleicht besten australischen Band überhaupt. Wer Songs wie „Mr. Clarinet“, „Nick The Stripper“, „Zoo Music Girl“, „Release The Bats“ oder „Junkyard“ nicht kennt, ist entweder sehr jung und neu in der „Underground“-Szene, oder aber war in den 80er Jahren einfach ignorant.

THE BIRTHDAY PARTY waren im Geiste sicher noch ein Punkband, ließen in ihren Songs aber auch schon viele andere Einflüsse zu, bis hin zum Großstadt-Blues, den sowohl Nick Cave, als auch Crime & The City Solution später perfektioniert haben. Die selbstzerstörerische Atmosphäre und die Düsternis in vielen Songs steht zudem Bauhaus oder UK Decay viel näher, als den Sex Pistols und wenn es den Begriff damals schon gegeben hätte, müsste man zumindest bei einigen Songs schon von Gothic-Rock reden, oder wenigstens von Post-Punk. Wahrscheinlich hätte es Bands wie Ausgang oder Inca Babies gar nicht ohne Platten wie „Junkyard“ oder „Prayers On Fire“ gegeben. Nicht nur deshalb haben THE BIRTHDAY PARTY ein Stück Musikgeschichte geschrieben und „Hits“ ist der perfekte Einstieg, zumal es im Booklet recht interessante Linernotes zu lesen gibt und die CD inzwischen relativ preiswert zu kaufen ist. (A.P.)

HOT BORDER SPECIAL - s/t


Erstveröffentlichung: LP 2014 / Legere Recordings


Wir unterbrechen das Programm für eine wichtige Meldung: Hot Border Special haben die Redaktionsräume erreicht. Zusammengesetzt aus Musikern vom im UK durchaus angesagten Funk­ / Soul­ / FunkyBreaks­Formationen wie The Noisettes, Quantic,JetTricks und Heliocentrics widmet sich das neue Projekt Hot Border Special auf seinem im August 2014 über das Hamburger Label Legere Recordings veröffentlichte Vinyldebut voll und ganz dem instrumentalen Funk, schwer garniert mit psychedelisch wirkenden Analogsynthesizern („Mulartoo Deetoo“), Vintage­Feel und allerlei perkussiven Einflüssen, verortet irgendwo zwischen Afrika und Südamerika. Dazu gibt es allerlei weit
zurückgelehnte Gitarrenläufe („Patience Goes To Beimeni“), SpaceRock­Psychedelia
(„Tibetan Space Rock“), trippend­verträumte Dopebeats mit Future Jazz­Attitüde („Wei Wu Wei“) und weitere musikalische Leckereien, dank denen die völlige Abwesenheit von Vocals weder auf­ noch in irgendeiner Form ins Gewicht fällt. Wer sich also durchaus gern auf der Tanzfläche des Hamburger Mojo Club oder ähnlich ausgerichteter Lokalitäten tummelt, ist mit diesem auf 500 Stück limitierten Album gut durchaus beraten.

[baze.djunkiii / www.nitestylez.de]

SEASURFER - Dive In

Wiederveröffentlichung: LP 2014 / Saint Marie Records / SMR051
Erstveröffentlichung: CD 2014 / Saint Marie Records / SMR051

Schon seit Jahren wird ein Shoegaze-/Dream Pop-Revival von einigen Medien herbeigeschrieben und tatsächlich gab es einige neue und sehr schöne Veröffentlichungen, ohne, dass aber irgendeine Band an den großen Erfolg von Bands wie Slowdive oder My Bloody Valentine – um mal die Größten zu nennen – aus den 90er Jahren anknüpfen konnte. Der laut-melancholische Gitarrensound blieb eine Nische für Liebhaber.

Vielleicht kann nun ausgerechnet eine deutsche Band auf einem amerikanischen Label den Ganzen wieder zu größerer Aufmerksamkeit verhelfen. SEASURFER aus Hamburg liefern mit ihrem Debütalbum „Dive In“ jedenfalls ein Werk ab, das eine Menge Aufsehen erregt und wenn die Band – nach einigen Besetzungswechseln im Jahr 2014 – nun verstärkt live spielt, dürfte der Name schnell an Bekanntheit gewinnen. Dabei stecken hinter der Band bekannte Namen. Gründer ist Dirk Knight, der seit den 80er Jahren in verschiedenen Bands gespielt hat und vor allem Anfang der 90er und in den letzten Jahren mit seiner Band Dark Orange mehr als nur Achtungserfolge erzielen konnte. In der aktuellen Besetzung sind zudem Musiker von bekannten Gruppen wie Girls Under Glass, The Convent und Chandeen dabei, im Grunde also eine echte All Star-Band mit genug musikalischer Erfahrung und instrumentalem Können, um sich vor keiner anderen Band verstecken zu müssen – auch international nicht.

„Dive In“ wurde noch in der ursprünglichen Bandbesetzung eingespielt und macht dem Albumtitel alle Ehre. Man kann einfach wunderbar in die Klanglandschaften eintauchen, am besten über Kopfhörer in hoher Lautstärke, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Denn trotz des gitarrigen Wall Of Sound, der Slowdive – an dem Namen kommt man einfach nicht vorbei – beinahe schon vergessen lässt. SEASURFER ist aber weitaus mehr, als eine Kopie, sondern bringt eigene, rockige Elemente (vor allem am Beginn des Albums) mit hinein, ebenso eine gewisse Cure-ige Atmosphäre. Man könnte das Album als Mischung aus The Jesus And Mary Chain, Slowdive und Placebo beschreiben, trifft damit aber auch nur annähernd den Kern. Als Anhaltspunkt kann man diese Beschreibung aber nehmen und wenn man auch nur 2 dieser Bands mag, kann man bedenkenlos zugreifen und sich verzaubern lassen. Die Band selber nennt ihren Stil Dream Punk.

Saint Marie Records hat das Album in einer wunderschönen, limitierten (250 Exemplare) Vinyl-Edition veröffentlicht, mit edlem Cover, ebensolchem Innencover und in farbigem Vinyl. Dazu gibt es einen Downloadcode für eine digitale Kopie des Albums. Natürlich ist das Album auch auf CD erschienen. Interessanterweise gibt es eine alternative Version von „Dive In“, die von keinem geringeren als Robin Guthrie (Cocteau Twins) gemastert wurde und nur als Download erhältlich ist. Grundsätzlich würde sich der komplexe Sound auch für einen 5.1 Mix eignen, mit dem man dann ein Rundum-Klangerlebnis hätte.

Ich gebe zu, ich bin vielleicht etwas voreingenommen bei der Bewertung von SEASURFER, da ich einige der (aktuellen) Musiker teilweise seit Jahrzehnten mehr oder weniger gut kenne, aber das ändert ja nichts daran, dass ich „Dive In“ einfach nur wunderschön finde. (A.P.)

Webadresse der Band: www.seasurfermusic.com

TOBIAS BERNSTRUP - Romanticism


Erstveröffentlichung: LP 2015 / Gooiland Elektro / Enfant Terrible / Gooiland 19 / ET 039

Nachdem in den vergangenen zwei Jahren bei Enfant Terrible zu einem großen Teil ausgesprochen spannende 12“s auf dem Gooiland Elektro-Sublabel erschienen und das neue Experimental-Label Vrystaete gegründet wurde, gibt es nach der schönen Solitairen Effekten-LP nun wieder mal puren Minimal-Synth Wave zu hören. Das passt gut mit dem schwedischen Synth-Popper TOBIAS BERNSTRUP zusammen, denn bis auf eine 12“ eben bei Gooiland Elektro hat man lange nichts Neues von ihm zu hören bekommen. Nun aber gleich schönes Doppel-Vinyl mit dem Titel „Romanticism“.

Wer TOBIAS BERNSTRUP von früheren Veröffentlichungen kennt weiß, dass er sich bisher sehr deutlich am Synth-Pop der 80er Jahre orientiert hat. Immer mit schönen Melodien und angenehmen Gesang – sehr authentisch und dabei „typisch schwedisch“, gerne auch mal mit einem ordentlichen Schuss Mark Lane und hier und da etwas Psyche. Im wesentlichen ist es auch dabei geblieben, allerdings habe ich den Eindruck, vor allem bei den Rhythmen klingen mehr 90er Jahre-Einflüsse durch und es geht vom reinen Synth-Pop weg mehr in Richtung Future-Pop. Ob man das als Weiterentwicklung oder Rückschritt empfindet, muss jeder für sich selbst entscheiden. Geblieben ist aber die hohe Melodiosität und viele Songs bleiben nach mehrmaligem Hören länger im Ohr. Eigentlich fehlt BERNSTRUP nur ein richtiger Hit, der überraschend die Charts stürmt, aber vermutlich will der Schwede das gar nicht.

Ein absoluter Knaller im alten Stil, also 80er Jahre pur, ist der Titelsong „Romanticism“, der im noch relativ jungen Jahr 2015 zu meinen bisherigen Favoriten gehört. Gefolgt von der wunderschönen Synth-Ballade „Dorian Gray“, die wirklich zu Herzen geht. Alleine für diese beiden Tracks lohnt die Anschaffung der Veröffentlichung.

Die zweite Scheibe, eine 3-Track 12“ ist dann ganz eindeutig für die Tanzflächen in den Clubs produziert worden. „Revolution“ bewegt sich sehr in Richtung Italo-Disco, allerdings mit einer klaren politischen Botschaft, während die meisten anderen Texte eher persönlicher und atmosphärischer Natur sind. Sehr gelungen ist auch „Laterna Magica“, ebenfalls Italo-Disco, hier teilweise sogar mit italienischem Text und Gast-Vocals von Siri von Zeipel. Die B-Seite liefert schließlich einen Remix des Stückes „Moments Lost“ ab, der von Apoptygma Berzerk produziert wurde und natürlich ebenfalls auf die Tanzflächen abzielt.

Alles in allem ist „Romanticism“ eine runde Sache, die Fans von TOBIAS BERNSTRUP garantiert zufrieden stellen dürfte. Allerdings glaube ich nicht, dass es davon nur 300 Stück gibt, denn auf diese Zahl ist die Veröffentlichung limitiert. Ich könnte mir aber vorstellen, dass später auf irgendeinem anderen Label noch eine CD-Version erscheint, denn es wäre wirklich schade, wenn nur so wenige Leute in den Genuss der Musik kämen.

Ein schickes Cover-Artwork und ein Text-Beiblatt runden „Romanticism“ ab. (A.P.)

Webadresse der Band: www.enfant-terrible.nl

THE LAST THINGS - Shake em Blues


Erstveröffentlichung: CD 2015 / InBloom Records / GoodToGo

The Last Things – Shake em Blues
(VÖ: 10.04.2015 Label: InBloomRecords Vertrieb: GoodToGo)


Das neueste Werk aus Hamburg „Shake em Blues“ von „The Last Things“ ist ein Hinhörer!
Alles was auf diesem Album an Rock- und Blues zu hören ist, klingt ganz fatal schon so, als gäbe es kein Morgen mehr. Aber, warum auch, denn das musikalische Jetzt rockt in 11 erfrischenden Songs schon ordentlich! In den 37 Minuten und 49 Sekunden ist man begeistert frechen und mitreißenden Rock-Blues Sound des Hamburger Quintetts. Die Band plündert mal keine platten Rock-Geschichten, sondern reiht sich stilistisch in Richtung „The Seeds“ ein mit ganz eigenem Sound der schlichtweg zu begeistern weiß. .
Wenn etwa Sänger Frehn Hawel die ersten Zeilen von „Calculators“ singt, dann hat man das mulmige Gefühl, Soft Cells „Tainted Love“ hätte eigentlich ganz anders, nämlich so wie hier, klingen müssen. Eigentlich klingen fast alle Songs von The Last Things so, als seien hier die Versionen vergrabener Schätze so zu hören, wie sie eigentlich gedacht waren: Als Panik erzeugende Meldungen aus einem Hochwassergebiet, in dem nicht mehr viel zu retten ist. Das Einzige, was noch bleibt: Tanzen und hemmungsloser Sex zum unabwendbaren Untergang!

Autor: Maximilian Nitzschke-Stockmann (mns)

SHADOW REBORN - Intricacies


Erstveröffentlichung: CD 2015 / Danse Macabre

Shadows Reborn – Intricacies
(VÖ: 03.04.2015 Danse Macabre)

Nachdem 2012 das erste Mal mit „Lust Prey“ ein musikalisches Zeichen gesetzt wurde von den Deathrock-Vampiren „Shadow Reborn“, arbeiteten die Jungs an ihrer eigenen Vision von barockem Deathrock. Dieser bewegt sich nun stilistisch irgendwo zwischen The 69 Eyes, HIM und sogar Dir en Grey. Wenn ich diese Namen so aufreihe, ist es ein echter Erfolg, wenn man in einem Atemzug genannt werden kann!
Die schwülen Nächte der unheilvollen Landschaft Südfloridas konnten bereits im berühmten „Interview mit einem Vampir“ Roman von Anne Rice als Kulisse für das finstere Treiben der lebenden Toten herhalten. Shadow Reborn und allen voran, ihr Obervampir und Zeremonienmeister Shades halten diese Tradition stilecht aufrecht. In den sechs Stücken des Albums zelebrieren sie ein düsteres Death-Rock Fest der Vergänglichkeit zwischen Liebe, Lust, Hoffnung und dem Untergang. Das Konzept geht auf, ich als Hörer bin gefangen und überzeugt!

Autor: Maximilian Nitzschke-Stockmann (mns)

LICHTGESTALT - Motorenherz


Erstveröffentlichung: CD 2015 / Alive! / Danse Macabre Records

Lichtgestalt – Motorenherz
(VÖ: 03.04.2015 Alive! Danse Macabre Records)

Zur Wintersonnenwende 2013 formte der Heizzer aus dem Nichts – nur mit reiner Energie- die Gothicmetalband „Lichtgestalt“, welche durch den phantastischen Herrn Hertz am Gesang, Rhytmus-Generator Brukke und Tiefton-Maschinisten Lippmann komplettiert wurde.
Wer beim Bandnamen an das gleichnamige Album von „Lacrimosa“ denkt, ist jedoch musikalisch falsch gewickelt, denn die Band versteht sich als Gothicmetal Formation. Dabei besteht der Guss der Legierung aus reinem Steam, der Macht der Töne, und vokalem Grove!
Die Texte gehen ins Ohr und bleiben haften, was nicht zuletzt auch an der powervollen Umsetzung liegt. Bereits der Opener „Entfessele den Sturm“ war 2014 als EP veröffentlicht worden und hielt sich ganze 10 Wochen in den deutschen Clubcharts. Auch „Tiefenrausch“ hält das Niveau aufrecht, rockt, ist brachial und besitzt Hit-Qualität. Verderbtheiten werden zu Tage gefördert in den 12 Stücken des Albums, aber auf eine Art und Weise, die unterhaltsam ist und mit Humor versehen ist. Das dieser zum Teil auch in Zynismus umschlägt, denk ich dürfte klar sein. Salz wird großzügig in Wunden gestreut, so etwa in „Zölibat“, in dem es um das Verbot fleischlicher Lust im Zuge der Gottesfürchtigkeit geht. Dieses Thema wird auch in „Gott aus Gold“ noch einmal beleuchtet, genauso rockig und kraftvoll. Für ein Debütalbum ist „Motorenherz“ mit dem nötigen Biss und der musikalischen Qualität versehen, damit „Lichtgestalt“ schon sehr bald mit zu den großen der Szene gehören dürfen!

Autor: Maximilian Nitzschke-Stockmann (mns)

Webadresse der Band: www.lichtgestalt.biz

SONS OF RAGNAR - Lindisfarne


Erstveröffentlichung: CD 2015 / Alive! / Danse Macabre Records

Sons of Ragnar – Lindisfarne
(VÖ: 03.04.2015 Danse Macabre Records)


Der aufmerksame Pro7 Zuschauer unter uns hat es vielleicht bemerkt, Ragnar nämlich ist der Held der „Vikings“ Saga. Im englischen Kloster Lindisfarne begann die große Wikingerinvasion Englands und mit eben jenem Titel eröffnet auch die amerikanische Vikings-Metal-Band „Sons of Ragnar“ ihr erstes Kapitel. Innerhalb kürzester Zeit avancierte das Quintett in den Staaten zu den erfolgreichsten Vertretern ihres Genres und schlugen eine Bresche für Mystic-Metal in den Vereinigten Staaten. Wenngleich die Vocals durch brachiales Growlen geprägt sind, und das textliche Verständnis des Hörers kaum möglich ist ohne Booklet, so gelingt den Amerikanern doch ein Spagat zwischen kraftvollem Metal, mystischer Atmosphäre und gelungenem Songwriting.
Nimmt man den Opener „Savior“ so geht es darin um die Flucht vor den Sachsen-Kriegern, welche man bislang erfolgreich bekämpft hat. Im Pfeilehagel opfert sich ein Krieger zum Wohle seiner Kameraden. Leider ohne Booklet kaum zu verstehen, dabei inhaltlich sehr tiefgründig in der Geschichte der Wikingereroberungen verankert. Auch „The Vultures are Watching“ beschäftigt sich mit der Durchhaltekraft der Krieger und ihrem beständigen Glauben an die Kraft der Götter. In den Growls klingt es eher so, als ob Odin zornig wäre, was bei genauerer Betrachtung nicht dem Text entspricht. Ja zweifelsfrei lässt sich Lindisfarne inhaltlich sehr tief ein in und auf die Mythenwelt der Nordmänner, das spürt man auch in Songs wie „Ascend to Valhalla“ oder „Targoviste“, jedoch geht viel Tiefgang wirklich verloren. Die Growls nerven spätestens nach „Mead!“, dem vierten Song des Albums. Das ist einfach zu früh und nimmt dem Album die künstlerische Songwritingqualität weg. Wer ohnehin meint, dass zu einer amerikanischen Band kein Vikings-Metal passen würde, dem sei entgegnet: lange bevor die Spanier oder Portugiesen Amerika entdeckten, hatten sich die Wikinger bereits einen Weg über Island und Grönland an die Ostküste der Vereinigten Staaten gebahnt! Das Argument zieht also keineswegs, zumal der Erfolg der „Sons of Ragnar“ in den US auch eindeutig ist. Für mich persönlich gehen die wirklich starken Texte zu sehr unter, wenngleich die musikalische Qualität gepaart mit hohem Anspruch nur zu loben ist!


Autor: Maximilian Nitzschke-Stockmann (mns)

NORMAHL - Friede den Hütten Krieg den Palästen!


Erstveröffentlichung: CD 2015 / D7 7us media group GmbH

NoRMAhl – Friede den Hütten Krieg den Palästen (VÖ: 10.04.2015 7usmedia group GmbH) Nach zehn Jahren schlagen die Punk-Giganten NoRMAhl zurück und erklären „Friede den Hütten- Krieg den Palästen“. Im letzten Jahr hat unfassbare Polizeiwillkür und geradezu lachhafte Indizierungen von mehr als 30-Jährigen Songs die Jungs ordentlich auf Trab gehalten. Logisch das eine solche Aktion zusammenschweißt und nicht zuletzt zu ihrem wohl stärksten musikalischen Manifest geführt hat. „Es ist mehr als nur eine Platte“, sagt Sänger Lars Besa. Zwölf Songs, davon sechs eigene und sechs Bearbeitungen, bilden ein sehr raues gesellschaftliches Statement der Jetztzeit. Nein ein Album zum Nebenbei hören ist es nicht, will es aber eben auch nicht sein. Die Songs fordern, mahnen und sind provokant, egal ob bei den Eigentracks wie „Freiheit“, „Spaß“ oder Sommer oder den Neubearbeitungen von eigentlich leisen Liedern wie „Narrenschiff“ (Reinhard Mey) oder „Kapitalistenlied“ (Georg Kreisler). Ziemlich genau vor 35 Jahren hatten die Jungs ihr erstes Demo aufs Band eines Kasettenrekorders eingeprügelt, und als Teenager ihrem Frust Luft gemacht. Heute krönen die Urgesteine des Deutschpunks ihre Platten-Karriere mit einem satten Linkschuss ins Herz aller konservativen Pegida-Verharmloser oder dumpfer Rechtspopulisten. Beweisen müssen sie sich bei einem neuen Album schon lange nichts mehr, denn sie haben bereits ihre Mitte gefunden. NoRMAhl waren immer die ersten, richtig abgesahnt und kommerzialisiert haben stets andere. 1978 galten sie als die Wegbereiter des Deutschpunks, 1992 waren sie ernste Mahner gegen Ausländerfeindlichkeit mit „Kein Hass im Wilden Süden“. In all den Jahren waren sie die Warner- und somit ist der Albumtitel das richtige Motto!

MONO INC. - Terlingua


Erstveröffentlichung: CD 2015 / NoCut / SPV

MONO INC. haben bereits 2003 ihr erstes Album veröffentlicht und sich seitdem einen guten Namen in der (vor allem) schwarzen Szene gemacht. Ich kann nicht behaupten, die Band besonders gut zu kennen, doch bewegte sie sich von Anfang an wohl im breiten Feld des Gothic-Rock – das schon seit Mitte der 90er Jahre mit vielen anderen Stilen vermischt wurde und heutzutage nur noch wenig mit dem ursprünglichen Sound á la Sisters Of Mercy, UK Decay, Bauhaus oder Play Dead zu tun hat. Metal-Einflüsse, elektronische Klänge und eine ordentliche Prise Pop haben den Gothic-Rock massentauglich gemacht.

Auch MONO INC. haben sich in ihrer Bandgeschichte verändert. Der Sound wurde stilistisch erweitert, vor allem elektronischer und in den letzten Jahren kamen verstärkt deutschsprachige Texte dazu. Die Band wird es nicht gerne lesen, aber ich vermute stark, dass der immense Erfolg eines bestimmten „Grafen“ hier eine Rolle spielt. Nachdem dieser sich angeblich für immer – meiner Meinung nach aber nur eine Weile – aus dem Musikgeschäft zurückzieht, wird vielleicht versucht, mit MONO INC. diese Lücke zu schließen und so wird eine gigantische Promomaschine aufgefahren, um das neue Album „Terlingua“ im Mainstream erfolgreich zu machen. Die Aussage des Sängers Martin Engler „Terlingua sollte anders klingen als alles, was wir in der zehnjährigen Geschichte als Band gemacht haben“ wird viele alte Bands abschrecken, denn mal ehrlich, wer will denn, dass die Band, die man mag, plötzlich ganz anders klingt. Stattdessen ist man also drauf angewiesen, ein neues Publikum zu gewinnen und das wird durch sehr umfangreiche Promoaktivitäten forciert. Hoffen wir für die Band, dass es klappt, sonst besteht die Gefahr, alte Fans zu verlieren und nicht genug neue hinzuzugewinnen.

Allerdings ist das Album kommerziell und eingängig genug, um tatsächlich erfolgreich zu werden. Die Mischung aus dem Sound von Unheilig und Joachim Witt (letzterer besonders heraushörbar bei der ersten Singleauskopplung „Tag X“) ist für die Charts geradezu prädestiniert. Die Gothic-Rock-Anklänge sind zwar über das Album verteilt immer noch vorhanden, aber sie stehen nicht mehr im Mittelpunkt. Stattdessen tendiert es hier und da eher zu poppigen Alternative Rock. Stärker hervor tritt das klassische Gothic-Gefühl beim schönen „It Never Rains“ und beim balladesken „118“, in beiden Stücken vor allem durch den Bass. Die nächste Single wird vermutlich „Heiland“, alleine schon, weil der Text auf Deutsch ist.

Ich gebe zu, ich bin recht skeptisch an „Terlingua“ herangegangen, eben weil so ein großer Aufwand betrieben wird, das Album erfolgreich zu machen. Aber ich gebe zu, es ist weitaus besser, als ich erwartet habe. Einige Songs sind sogar richtig gut. Ob es aber die Lücke, die Unheilig hinterlässt schließen kann, vor allem kommerziell gesehen, wird sich zeigen, denn so etwas lässt sich nur bedingt steuern. (A.P.)

Webadresse der Band: www.mono-inc.com

BERNARD SUMNER - New Order, Joy Division Und Ich


Erstveröffentlichung: Buch 2015 / Hannibal Verlag / ISBN 9783-85445-471-7

Nachdem Peter Hook vor einiger Zeit seine Joy Division-Autobiografie „Unknown Pleasures“ veröffentlicht hat, fühlte sich Bernard Sumner wohl mehr oder weniger genötigt, seine Sicht der Dinge aufzuschreiben. Mit „New Order, Joy Division Und Ich“ hat er das getan, gleichwohl umfassender als sein Kollege, denn die Zeit mit New Order bis ins Jahr 2014 wird mit abgedeckt.

Um es gleich vorweg zu nehmen: bei diesem Buch handelt sich NICHT um eine Bandbiografie der Gruppen Joy Division und New Order, sondern um eine Biografie von Bernard Sumner – aber natürlich sind die beiden Bands ein großer Teil seines Lebens.

Los geht es natürlich mit einer umfassenden Beschreibung seiner Kinder- und Jugendjahre im Arbeitermilieu von Manchester. Aufgrund der familiären und finanziellen Verhältnisse war das Aufwachsen in der grauen Industriestadt wohl nicht immer einfach, doch Sumner verklärt das nicht und hatte im großen und ganzen wohl eine relativ normale Jugend für die damalige Zeit. Zumindest blickt er nicht im Zorn zurück. Irgendwann beginn er sich für Musik zu interessieren und Mitte der 70er Jahre gerät er in die frühe englische Punk-Szene, um bald darauf die erste Band zu gründen, aus der dann zunächst Warsaw und schließlich Joy Division hervorgeht. Wie die einzelnen Bandmitglieder zusammengefunden haben, wird recht oberflächlich beschrieben, lediglich über Ian Curtis erfährt man hier und da etwas mehr. Sumner beschreibt im Folgenden die Aufnahmen zur ersten Platte, weitere Studioaufenthalte und einige Anekdoten von Auftritten, bei denen natürlich auch immer wieder Ian Curtis im Mittelpunkt steht. Der Selbstmord von Curtis im Mai 1980 wird beinahe nebenbei auf einer Seite abgehandelt. Vielleicht ist so eine Erfahrung auch zu persönlich, um sie breit auszuwalzen. Damit ist dann etwa die erste Hälfte des 336 Seiten langen Buches zu Ende. Die zweite Hälfte beschäftigt sich fast komplett mit den knapp 35 Jahren danach und somit überwiegend mit New Order. Allerdings wird das verhältnismäßig episodenhaft beschrieben.

Recht ausführlich wird der Anfang der Band und die Produktion der ersten LP „Movement“ erzählt, dann die „Entdeckung“ der Dance-Music in den USA und in der Folge der musikalische Stilwechsel und der Erfolg der wegweisenden Maxi „Blue Monday“. Ein großes Thema ist auch die Gründung des „Hacienda“-Clubs in Manchester, in den die Band eine Menge Geld steckte und im Laufe der Jahre noch viel mehr verlor. Merkwürdigerweise werden in der Folge die Alben – und damit Jahre der Bandgeschichte – „Power Corruption And Lies“, „Low Life“ und „Brotherhood“ kaum erwähnt. Die Erzählung wird erst wieder ausführlicher mit „Technique“ und geht mit der Produktion von „World In Motion“ für die englische Fußballnationalmannschaft weiter. Dazu immer wieder Tourerlebnisse, vor allem in den USA und die Faszination für die Spät 80er Acid-House-Bewegung. Erwähnt wird auch die Nebenband Electronic zusammen mit Johnny Marr und Neil Tennant, der Neustart von New Order nach längerer Pause in den 90ern und natürlich der Ausstieg von Peter Hook. Dieser wird überraschend persönlich aufgegriffen und es schwingt eine gewisse Bitterkeit bei Sumner mit, weil er die Gründe für das Zerwürfnis wohl nicht richtig verstehen kann. Hier wäre es sehr interessant, Peter Hooks Sichtweise zu lesen. Mit guter Chance schreibt er vielleicht noch ein Buch über seine Jahre mit New Order.

Zu den Themen, die an der Oberfläche bleiben, gehören die Drogen inklusive Alkohol, die wohl vor allem Mitte der 80er bis Mitte der 90er eine Rolle in der Band gespielt haben. Sumner erwähnt das zwar immer wieder, setzt sich damit aber weder positiv noch kritisch auseinander. Auch über die anderen Bandmitglieder erfährt man wenig, aber wie bereits erwähnt: es ist eine Bernard Sumner-Biografie.

Der Schreibstil ist flüssig und leicht zu lesen, der Informationsgehalt für Fans ist groß, da man doch die eine oder andere Anekdote noch nicht kannte. Acht Seiten mit privaten Fotos und ein Stichwort-Index ergänzen das Buch. Auf eine Diskografie hat man verzichtet. Wahrscheinlich ist das auch besser so, denn sie wäre wohl eher rudimentär ausgefallen – da gibt es im Internet genug stets aktuelle Quellen. Sehr interessant ist die Transkription einer Audioaufnahme von einem Hypnose-Experiment, das Sumner mit Ian Curtis 1980 durchgeführt hat. Den Inhalt der Mitschrift lässt Bernard Sumner zum Glück unkommentiert, da so etwas nach 35 Jahren wohl kaum seriös wäre, zumal Curtis nichts mehr dazu sagen kann. Alleine die Dokumentation ist für Fans aber auf jeden Fall eine Sensation.

Insgesamt ist „New Order, Joy Division Und Ich“ ein absolut lesenswertes Buch, natürlich vor allem für Fans der Band, aber auch für Musikfans im Allgemeinen, die sich für Popmusik der 80er Jahre interessieren. Klar sein sollte man sich aber, dass hier nur die Sichtweise eines Einzelnen beschrieben wird, vor allem bei den kritischen Ereignissen wie der Trennung von Peter Hook. Ich bin mir aber relativ sicher, dass wir hierzu in nicht allzu ferner Zukunft auch dessen Sicht der Dinge erfahren werden. Für Joy Division- und New Order-Fans unverzichtbar. (A.P.)



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