BISS - Biss


Erstveröffentlichung: CD 2002 / Point Music

Wer kennt noch Fernando Garcia. Metalfans wissen es wohl noch, denn er ist der Frontmann von VICTORY. Nun ist er nach elf Jahren nicht mehr dabei und hat nun mit Doc Heyne aus dem deutschen Münster ein Duo gebildet zwecks gemeinsamen Musizierens im Metalbereich. Doch Heyne hat viel solo gearbeitet und auch gruppentechnisch bei TANNER und MAD MAX gespielt. Er und Fernando Gardcia haben eine härtere Gangart eingelegt und legen hier ihr Debütalbum vor. Schneller, härter, lauter ist hier die Devise, doch trotz einiger tempoangezogener Stücke mit Double-Base sind die verspielten und detailverliebten Metalmelodien immer präsent und man merkt, dass die Musik der zwei aus ihrem innersten kommt und zeitgemäss vorgetragen wird. Übrigens ist hier auch eine Coverversion anzufinden, nämlich Falco´s „Rock Me Amadeus“, natürlich in einer gemeineren Version, vielleicht hätte der Titel auch „Mosh Me Amadeus“ heissen können. So halten wir ein Festmahl und freuen uns auf weiteren Output dieses ideenreichen Duos. (H.H.)

SERPENTS - State Of War


Erstveröffentlichung: Doppel-CD 2015 / Electro Aggression Records / EAR 006

SERPENTS gibt es seit Ende der 80er Jahre, als zunächst einige Tapes veröffentlicht wurden, die noch stark mit Deutsch Amerikanische Freundschaft verglichen wurden. In der Zeit, als vor allem belgischer EBM seine erste Hochphase feierte, klangen die Electroklänge fast schon altmodisch, konnten sich aber trotzdem schnell eine Fanbasis erarbeiten. SERPENTS-Chef Kazim Sarikaya aus Hamburg arbeitete mit Musikern von Static Threshold, Notstandskomitee, Cyber und Plastic Noise Experience zusammen und tut dies bis heute. Immer wenn man dachte, von SERPENTS wohl nie wieder etwas zu hören, kam etwas Neues auf CD heraus und so überrascht uns das Projekt auch 2015 wieder mit einem Rundumschlag, der vor allem Old School-EBM-Fans den Sabber aus dem Mund tropfen lassen wird.

Abgliefert wird nämlich gleich eine Doppel-CD, die zum einen das komplett neue Album „State Of War“ bietet und zum anderen das 2010er Digital-Album „Immer Voran!“ erstmals auf CD, ergänzt durch einige Remixe älterer Stücke, die bis in die frühen Tape-Zeiten zurückgehen. Auch beim Cover gibt es einen offenen Bezug zum ersten Tape von 1989. Dabei darf man SERPENTS aber keinesfalls als altmodisch oder rückwärtsgewandt ansehen. Klar, die Musik ist old-schoolig, aber die Produktion und die Tanzbarkeit bewegen sich ganz eindeutig auf modernem Stand und dürften problemlos einige Tanzflächen in eine wogende Masse aus Menschenleibern verwandeln.

Musikalisch erinnert das alles – und nichts anderes erwartet und erhofft man von SERPENTS – an alte belgische Recken wie Vomito Negro, Klinik, Insekt oder à;GRUMH.... Man kriegt also treibende Rhythmen, aggressive Vocals und hier und da auch mal experimentelle Electro-Klänge zu hören.

Die erste CD enthält neben den zehn Tracks des neuen Albums „State Of War“ noch sieben Remixe von Album-Tracks, unter anderem von Plastic Noise Experience, Cyber (der Remix von „Violence“ dürfte schnell zum Hit werden), The Psychic Force und anderen Weggefährten. Die zweite CD enthält wie erwähnt das Digital-Album „Immer Voran!“, allerdings leicht bearbeitet. Einige Remixe von 2010 wurden weggelassen, ein paar neue hinzugefügt und von zwei Tracks gibt es neue Versionen. In gleich zwei Mixen ist der kleine Clubhit aus den 90ern „Das Zweite Leben“ dabei, der, wenn ich mich nicht ganz täusche auf dem Notstandskomitee-Stück „Gebärmutter“ beruht. Oder war es „Mutter Plastik“ von Das Kombinat?

Zwar sind volle zweieinhalb Stunden hämmernder EBM-Sound am Stück recht anstrengend, aber sehen wir es mal so: damals in den „schwarzen“ Clubs und auf zahllosen Konzerten hat uns das auch nicht gestört. Und wenn der Sound so fett und konsequent wie bei SERPENTS aus den Boxen knallt, fühlt man sich gleich ein paar Jahre jünger und freut sich, dass es noch Musiker gibt, die nicht auf jeden fahrenden Zug aufspringen und jedem Trend hinterher hecheln. Mit einiger Wahrscheinlichkeit dürfte „State Of War“ DAS Old School-EBM-Album 2015 sein. (A.P.)

Webadresse der Band: www.serpents.de

CLASSIC OPEN AIR - Eine italienische Sommernacht


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2015 / Media on Line

Classic Open Air 2015 – Eine italienische Sommernacht

Bravour-Arien und Duette von Aida bis Santa Lucia Freitag 03.Juli 2015 Gendarmenmarkt Berlin

Seit jeher gehört Italien zur thematischen Programmgestaltung der Classic Open Air Festivals. Bereits 2001 gab es eine Verdi-Gala und seit 2006 in jedem Jahr ein italienisches Konzert mit jeweils unterschiedlichen Akzenten. Im Zentrum des diesjährigen Konzertes stand zum Glück wieder die italienische Oper, deren zentrales Thema die Liebe mit all ihren Facetten ausmacht. Es geht um berühmte Frauengestalten wie Aida, Tosca, Mimi, Violetta oder Rosina, welche verehrt, geliebt, verführt, betrogen und manchmal auch getötet werden. Der Stargast des zweiten Abends war Tenor Fabio Andreotti, selbst mit römischen Wurzeln, gestaltete er mit drei bezaubernden Sopranistinnen und einer Violinvirtuosin, sowie den Brandenburger Symphonikern diesen Abend. Kein geringerer als der große Luciano Pavarotti gab den Anstoß zur Gesangskarriere von Fabio Andreotti und wurde sein Förderer. Der Tenor Andreotti faszinierte schon sehr früh durch seine besondere Stimme und wurde bald weltweit ein gern gesehener Gast. Seine internationale Karriere bringt ihn nach Japan, China, Korea, die USA, sowie an renommierte Häuser in Nord- und Südeuropa. 2014 etwa war er mit dem italienischen Fußball-Nationalteam auf Einladung des italienischen Außenministeriums in Brasilien. An drei Spielorten gab er der Mannschaft Konzerte, darunter auch das Abschiedskonzert im Opernhaus Teatro Amazonas von Manaus.

Die Eröffnung des warmen Abends erfolgte durch die Brandenburger Symphoniker und Rossinis „La gaza Iadra/Ouvertüre“. Die Tradition sinfonischer Aufführungen in Brandenburg an der Havel reicht bis ins Jahr 1810 zurück. Damals gründeten hochrangige preußische Militärmusiker ein eigenes Orchester. Ab 1866 nannte sich das erfolgreiche Musikensemble „Orchester des Brandenburger Theater“ ehe es nach der Wiedervereinigung seinen jetzigen Namen erhielt. Das Orchester präsentiert nun regelmäßig Uraufführungen und Orchesterwerke zeitgenössischer Komponisten. Schließlich brachte Fabio Andreotti unter anderem mit Guiseppe Verdis „Celeste Aida“ aus der gleichnamigen Oper „Aida“ wahre Stimmgewalt auf den Platz. Wenngleich Aida eigentlich in Ägypten spielt, so steckte in der Intonierung solch ein italienisches Feuer, dass der frenetische Applaus nur mehr als berechtigt war zum Abschluss des ersten Arienblocks.

Die Damen an Fabio Andreottis Seite umgarnen den Tenor, buhlen um ihn und vergehen in Eifersucht. Die erste Dame, welche um Fabios Gunst buhlte war Lindsay Funchal. Die junge Sopranistin absolvierte ihr Bachelorstudium im Fach Gesang im brasilianischen Belo Horizonte und ihr Masterstudium an der Hochschule für Musik in Dresden. Ihr Repertoire umfasst Rollen aus „Die Entführung aus dem Serail“ oder „Cosi fan tutte“. Seit 2012 ist sie an der Landesbühne Sachsen als Gastsopranistin zu erleben. Auf dem Gendarmenmarkt brillierte sie durch die Arie „Quando m en vo“ aus Puccinis Oper „La Bohème“. Nicht genug das mit Rossini und Puccini nicht schon zwei Meister der italienischen Oper vertreten waren, nein mitVerdis „La Traviata“ wurde als nächstes aufgewartet. Die Koloratursopranistin Alesandra Rossi-Filippi sang „Addio del passato“ und zeichnete sich durch die besondere Vielseitigkeit ihrer Stimme sowie ihrer dramatischen Begabung aus. Ihr Repertoire reicht von der Musik des frühen Barock über Oper bis hin zu zeitgenössischer Kammermusik. Mirjam Miesterfeldt präsentierte sich durch die wunderschöne Arie „O mio babbino caro“ von Giacomo Puccini, eine Arie, welche ich selbst zu meinen Lieblingen der italienischen Klassik zähle. Bereits 2012 wurde Mirjam Miesterfeldt mit dem Lotte-Lehmann-Förderpreis für Stimme und szenische Darstellung ausgezeichnet. Ein Jahr später nahm sie als Stipendiatin an der Lotte-Lehmann-Akademie teil und begeisterte dort mit ihrer Stimme. In diesem Jahr ist sie u.a. in der Oper „Carmen“ an der Oper Neukölln oder in „Der Freischütz“ miit dem Brandenburgischen Konzertorchester Eberswalde zu erleben. Einen weiteren besonderen Moment im ersten Teil des Abends schaffte Saschka Jekaterina Haberl mit ihrer Interpretation des „Violinkonzert Die Vier Jahreszeiten/ Der Sommer 2. und 3. Satz“ von Vivaldi. Bereits im Alter von fünf Jahren bekam sie ihren ersten Geigenunterricht, ihr Debüt mit Orchester gab sie mit 12 Jahren und mit 13 wurde sie als jüngste Studentin an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin aufgenommen. Derzeit studiert die nun erwachsene Dame an der HMTM München im Masterstudiengang Barockvioline. In die wohlverdiente Pause entließen die Brandenburgischen Symphoniker das Publikum mit Giacomo Puccinis „Hexentanz“.

Nach der Pause, die hauptsächlich genutzt wurde, um sich mit Flüssigkeit zu versorgen, ging es stimmungsvoll weiter. Fabio Andreotti, Lindsay Funchal, Mirjam Miesterfeldt und Alessandra Rossi-Filippi traten in den Gesangswettstreit und brillierten mit Rossinis „Tarantella“ aus der Oper „La Danca“. Für ein weiteres Highlight sorgte Maestro Andreotti selbst, indem er die wohl bekannteste Arie aus der Oper „Rigoletto“ von Giuseppe Verdi intonierte: „La donna é mobile“.

Hauptsächlich blieb es im zweiten Teil verstärkt bei Giuseppe Verdi, was wohl daran liegen mag, dass Verdis Opern nur so vor emotionalen Hoch und Tiefs triefen. Das bewies auch Fabio Andreotti zusammen mit Lindsay Funchal, denn beide intonierten „Parigi o cara“ aus der Oper „La Traviata“.

Auch Puccinis „Tosca“ wurde natürlich nicht vergessen, denn Fabio Andreotti sang „E lucevan le stelle“, ehe wir wieder zu Verdi wechselten, und sich die Solisten des Abends mit „Libiamo“ aus der Oper „La Traviata“ vom Publikum verabschiedeten. Am Ende stand das Publikum auf dem Platz, einige Herrschaften schunkelten mit, sangen mit, und erfreuten sich an diesem wahrhaft gelungenen italienischen Sommerabend. Fabio Andreotti war als Gastgeber absolut die richtige Wahl, die Stücke stimmig ausgewählt und italienische Lebensfreude ist in all ihren Facetten omnipräsent gewesen! Bravissimo! (Maximilian Nitzschke)

Webadresse der Band: www.classicopenair.de

CLASSIC OPEN AIR - Zauber der Romantik


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2015 / Media on Line

Samstag, 04.Juli 2015 Gendarmenmarkt Berlin

Nachdem man sich bereits in den letzten Jahren den Musikepochen des Barock und der Wiener Klassik gewidmet hatte, war der Samstag Abend geprägt von der Epoche der Romantik. Die Musik dieser Stilepoche war geprägt von Themen aus Traum- und Fantasiewelten, durch das Volks- und Kunstlied oder durch märchenhafte Naturstimmungen und Sagen. Zu den bekanntesten Komponisten dieser Stilepoche gehörten Carl Maria von Weber, Johannes Brahms, Frederic Chopin und Bedrich Smetana. Das hieß für diesen Abend natürlich auch, dass das Publikum ein sehr vielseitiges Programm zu sehen bekam. Neben Arien, Duetten und Chören aus romantischen Opern, erklangen Lieder, Instrumentalsoli und Ausschnitte aus großen Orchesterwerken.

Den Auftakt machte Richard Wagners Oper „Lohengrin“, aus der wir von der Anhaltischen Philharmonie Dessau gespielt, das „Vorspiel 3. Akt“ erleben durften. Dieses Orchester ist ein historisch gewachsener Klangkörper mit moderner Ausstrahlung in Dessau-Roßlau ansässig. Als eines der ältesten und traditionsreichsten Orchester des Landes Sachsen-Anhalt reichen die Anfänge bis ins Jahr 1766 zurück. Seit 1992 trägt es nun seinen Namen und ist wiederholt eingeladener Gast zum Classic Open Air. Ihr Dirigent des Abends war Antony Hermus, welcher seit der Spielzeit 2009/2010 Generalmusikdirektor des Anhaltinischen Theaters Dessau und Chefdirigent der Philharmonie war. Sein Repertoire umfasst etwa 200 sinfonische Werke und 50 Opern. In den vergangenen Spielzeiten wurde er wiederholt von der Zeitschrift Opernwelt zum „Dirigenten des Jahres“ nominiert. Um so tragischer, dass er am heutigen Abend sein letztes Dirigat mit diesem Orchester hatte. Dank dem merkwürdigen Verhältnis der sachsen-anhaltischen Landesväter zu Kunst und Kultur und einer unverständlichen Sparpolitik, dürfte er gegangen sein. Dabei gilt es gerade solche großartigen Dirigenten zu schützen, zu erhalten und nicht ihrer Freiheiten zu berauben!

Durch den Abend führte nun Nadine Schori, welche sich in den letzten Jahren besonders als Schauspielerin einen Namen machte. Man sah sie unter anderem an der Seite von Katja Riemann, am Deutschen Theater Berlin oder etwa an der Seite von Katharina Thalbach in der Komödie am Kurfürstendamm Berlin spielen. Nadine Schori entführte uns im Anschluss an ihre Vorstellung gedanklich auch sogleich in das Elbsandsteingebirge, denn inspiriert von dieser wilden Felslandschaft der Sächsischen Schweiz, schrieb Carl Maria von Weber seine Oper „Der Freischütz“. So streiften wir zusammen mit dem jungen Tenor Alexander Geller „Durch die Wälder..“. Sein Bühnendebüt gab er im Rahmen der Händel-Festspiele 2007 in Halle an der Saale. Seit der Spielzeit 2014/2015 gehört er nun fest zum Opernensemble des Staatstheaters Cottbus.

Abgelöst wurde Alexander Geller auf der Bühne von Ulf Paulsen, der ihn sogleich aufforderte „Schweig, schweig..“. Die Stimme des Opernsängers aus Bremerförde lies sich schwer in eine gängige Schublade drängen, da ihm diese auch ein umfangreiches Repertoire ermöglicht. Egal ob Barriton, Bassbariton oder Bass, er kann diesen Umfang mühelos ausfüllen. Seit 2001 ist er festes Mitglied des Anhaltischen Theaters Dessau. Ehe es auf der Bühne noch zum Krieg zweier Herren gekommen wäre, erschallte von der Singakademie Frankfurt/Oder der schlichtende „Jägerchor“. Die Singakademie Frankfurt/Oder feiert in diesem Jahr ihren 200. Geburtstag. Die 1815 gegründete Chorvereinigung gestaltet in Frankfurt (Oder) und der Region eine große Anzahl an Konzerten. Gastspiele in der Berliner Philharmonie oder dem Konzerthaus Berlin, dem Gewandhaus Leipzig oder sogar dem Petersdom in Rom kamen in den letzten Jahren vor. Nach dem ersten Opernpart im ersten Teil des Abends, durften wir nun dem beeindruckenden Klavierspiel von Boqiang Jiang lauschen, welcher den „Liebestraum Nr. 3 – Nocturne in As-Dur“ von Franz Liszt erklingen ließ. 1989 in Shandong geboren, begann er bereits mit sechs Jahren das Klavierspiel. Er studierte am Zentralen Musikkonservatorium Peking und nahm erfolgreich an zahlreichen Meisterkursen und Wettbewerben teil. Im Winter 2010 gewann er den 1. Preis beim 5. Berliner Klavierwettbewerb. Derzeit studiert er an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin. Das Publikum war bewegt und ließ es den jungen Mann durch tosenden Beifall spüren. Ein für meinen persönlichen Geschmack etwas zu abrupter Wechsel erfolgte nun, denn nach Liszt folgte Robert Schumann mit einem „Konzertstück für vier Hörner und Orchester, op. 86“ gespielt von dem Hornensemble „Die vier Hornisten“. Sie sind Teil des Ensembles der Anhaltischen Philharmonie Dessau und bestehen aus Daniel Costello, Lukas Fichtner, Paul Goodman und Dietmar Adam. Wenngleich die vier Herren ihre Instrumente wahrlich beherrschten, so war dieses Stück dennoch keines, dass mich zum schwelgen gebracht hat. Möglicherweise ist dies aber auch nur der Tatsache verschuldet, dass ich kein so großer Blechbläser-Fan allgemein bin. Das nächste Stück ist weltbekannt, nicht zuletzt, weil der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe den Originaltext verfasste. Franz Schubert vertonte es daraufhin, und brachte das kleine Gedicht zu Weltruhm. Das „Heideröslein“ wird von Alexander Geller in der Rolle des Knaben gebrochen.

Sophie Klußmann wiederum singt einen weiteren „Kult-Hit“ der Romantik, nämlich das „Wiegenlied“ von Johannes Brahms. Dieser komponierte sein Wiegenlied 1868 in Bonn und widmete es Bertha Faber anlässlich der Geburt ihres zweiten Sohnes. Den Text kennt heute jeder als liebliches Schlaflied für Neugeborene: „Guten Abend, gut Nacht, mit Rosen bedacht..“. Im übrigen ist bis heute nicht geklärt, welche Art von Beziehung die beiden führten. Es heißt Brahms sei scheu gewesen gegenüber Bindungen und mehr als eine Freundschaft stecke nicht hinter diesem Stück.

Mit Brahms ging es auch weiter, ehe sich der zweite Opernblock im ersten Teil des Abends anschloss. Boqiang Jiang saß erneut am Klavier um den „Ungarischen Tanz Nr. 5“ darzubieten. Direkt hinter der Bühne auf dem Gendarmenmarkt im damaligen Königlichen Opernhaus Berlin hatte die folgende Oper 1849 ihre Uraufführung. Otto Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“ basiert natürlich auf der gleichnamigen Komödie von William Shakespeare, steht jedoch musikalisch in der Singspiel-Tradition. Nicolai fand einen Konsens zwischen der romantischen Oper im Stil von Carl Maria von Weber und der komischen Oper von Albert Lortzing.

Olaf Plassa betratt als feister und verarmter Landadliger Sir Falstaff die Bühne und sang prahlend von seiner Kindheit „Als Büblein klein an der Mutterbrust“. Olaf Plassa hatte sein erstes Engagement an der Staatsoperette Dresden und stand für ca. 650 Vorstellungen auf der Bühne. Anschließend wechselte er an das Volkstheater Rostock, ehe er seit 2008 freischaffend arbeitet. Zu seinem Repertoire zählt etwa „Der Freischütz“ oder „Die Zauberflöte“. Als Frau Fluth trat Angelina Ruzzafante auf den Plan, nachdem Falstaff sowohl der Dame Fluth wie der Dame Reich Liebesbriefe schrieb, möchten die Damen ihm nun eine Lektion erteilen. So lädt sie diesen zu einem Stelldichein und lässt verlauten: „Nun eilt herbei..“. Die gebürtige Niederländerin Angelina Ruzzafante absolvierte ihr Gesangsstudium an der Musikhochschule Maastricht mit Auszeichnung. Ihre Karriere begann am Theater Hagen und führte sie bald zu internationalem Erfolg an verschiedenen Opern- und Konzerthäusern weltweit. Seit der Spielzeit 2009/2010 gehört sie zum Ensemble des Anhaltischen Theaters Dessau. Egal ob Mozart oder Puccini, ihr Repertoire umfasst beide Komponisten in jedem Falle.

Nach dem wunderschönen Stück „In mir klingt ein Lied“ von Frederic Chopin, gesungen von Sophie Klußmann und Chor, wird der erste Teil des Abends durch die Staatliche Balletschule Berlin und ihrer Choreographie zu „Le Corsaire“ von Adam und Minkus geschlossen.

Nach der Pause ging es instrumental weiter, entlang des Flusslaufs den Bedrich Smetana in Musik gefasst hat, nämlich der Moldau. Auch im folgenden Opernblock blieben wir bei Smetana in Form seiner Oper „Die verkaufte Braut“. In einem böhmischen Dorf wird die Kirchweih und die junge Marie ist traurig. Sie soll den dummen Wenzel heiraten, obwohl ihr Herz dem Hans gehört. Diesen Moment besang Sophie Klußmann mit „Mein Liebestraum, wie war er schön!“

Alexander Geller und Olaf Plazza wiederum verkörperterten die namensgebende Situation. Für 300 Gulden nämlich verzichtet Hans auf Marie, jedoch unter der Bedingung, dass Marie nur einen Sohn des Micha heiraten darf- was keiner weiß ist, dass Micha der Vater von Hans und Wenzel ist und somit Marie wieder ihren Hans heiraten kann. Im Anschluß an den Opernblock folgte von Hazell ein „Folk-Song-Medley“ gesungen von Ulf Paulsen und dem Chor. Dabei war unter anderem der Song „Molly Malone“ und es dauerte nicht lange, da sangen etliche Münder „Alive, Alive, Oh!“ lautstark mit. Nach dem Ausflug ins kunstvolle Volkslied ging es zurück in die Welt der Oper. Angelina Ruzzafante entführte uns in die Oper „Rusalka“ von Dvorák und besang voller Imbrunst im „Lied an den Mond“ die beginnende Dämmerung. Anschließend wurde es tragisch, denn Sara Grotzkis Balletsolo aus dem „Karneval der Tiere“ von Saint-Saens dokumentierte den Tod des einst so stolzen Schwanes. Bei Schwänen bleibt dieser Ballettabschnitt auch und ließ die Staatliche Ballettschule Berlin den „Tanz der kleinen Schwäne“ aus Tschaikowskys „Schwanensee“ anmutig tanzen. Mit Richard Wagners „Das Rheingold“ begaben wir uns mitten auf den Grund des Rheins zusammen mit Ulf Paulsen.

Mit „Abendlich strahlt der Sonne Auge“ entzündeten sich auch Feuerschalen auf der Bühne und auf dem Konzerthaus und tauchten den Platz in eine unwirkliche Fantasiewelt. In dieser bezaubernden Illumination durfte sich dann „Peer Gynt“ bewegen von Grieg. Während Angelina Ruzzafante „Solveigs Lied“ erschallen ließ, mehrten sich die „Aahs!“ und „Ohhs!“ im Publikum, da immer mehr Feuerschalen nun den Platz und das Opernhaus erstrahlen ließen. Um so würdevoller kamen dann die Töne des wohl bekanntesten Instrumentalstückes dieser Oper zum tragen, nämlich „In der Halle des Bergkönigs“ gespielt von der Anhaltischen Philharmonie Dessau.

Den Abschluss der romantischen Nacht, die wahrlich einen ganz eigenen Zauber entfachte, bildete die Operette „Zar und Zimmermann“ von Albert Lortzing. Olaf Plassa und Chor sangen gemeinsam den Song „Heil sei dem Tag“, ehe das Publikum allen Mitwirkenden des Abends tosenden Applaus spenden durfte. Was für ein großartigerAbend auch für Antonyermus, der wie gesagt zum letzten Mal dieses traditionsreiche Philharmonieorchester dirigieren durfte! (Maximilian Nitzschke)

Webadresse der Band: www.classicopenair.de

LEICHTMATROSE - Du, Ich Und Die Andern


Erstveröffentlichung: CD 2015 / I Am Surprised / Soulfood / IAS 004

Ich hatte in meiner zwiespältigen Kritik zur letzten Single „Jonny Fand Bei Den Sternen Sein Glück“ geschrieben, dass LEICHTMATROSE ganz okaye Monumental-Popmusik macht, es bei mir aber nicht so richtig zündet. Ich muss zugeben, inzwischen hat sich das etwas zum positiven verändert, inzwischen mag ich die Stimme ganz gerne hören und gegen eingängigen Pop ist ja sowieso nichts einzuwenden – also freute ich mich sogar auf das zweite Album „Du, Ich Und Die Andern“ sogar.

Eine große musikalische Veränderung gibt es natürlich nicht – Klänge zwischen Synth-Pop, Witt, Wolfsheim und schwülstigem Mainstream mit Synthie-Streichern. Würde mich nicht wundern, wenn man die Lücke besetzen wollte, die Unheilig bis zur ihrer Reunion in circa zwei Jahren hinterlassen, auch wenn LEICHTMATROSE Andreas Stitz dem sicher ganz vehement widersprechen wird. Der Waschzettel nennt es Electro-Chanson.

Textlich bewegen sich die Lieder zwischen schlagerhaftem Liebes-Kitsch, Einstürzende Neubauten, Goethes Erben und modernem Deutsch-Pop. Musik und Texte zusammen ergeben ein soundmäßig top abgemischtes Hit-Potenzial, das das Zeug zum kommerziellen Durchbruch hat – aber das kann man kaum steuern – wenn nicht wirklich – wirklich! – große Geldsummen in die Promotion gesteckt werden, die hier wohl kaum dahinter stecken. Schade, manche Lieder von LEICHTMATROSE würden das tagtägliche Radioeinerlei positiv aufmischen. Die Vorabsingle „Jonny Fand Bei Den Sternen Sein Glück“ hat sich bei mir inzwischen zum richtigen Ohrwurm entwickelt, während das als Videoclip ausgekoppelte Quasi-Titelstück „Damals Im Leben (Was Für Ein Jahr)“ mir doch etwas zu glatt und seicht klingt.

Bei „Hier Drüben Im Graben“ hat einmal mehr LEICHTMATROSEs Mentor Joachim Witt mitgewirkt, was man deutlich hört. Sehr interessant klingt auch noch „Atlantis“, das aufgrund der Gaststimme von Dorian E. ein wenig was von Placebo hat, aber auch das einzige Stück ist, das ein wenig überproduziert erscheint, hier wäre weniger besser gewesen. Vielleicht kommt da noch mal ein schöner Remix, dann könnte das als Single einschlagen. Ansonsten muss man aber auch sagen, dass die meisten Lieder recht ähnlich klingen, und das, obwohl das Album unter 50 Minuten Laufzeit hat. Das ändert aber nichts daran, dass „Du, Ich Und Die Andern“ ein ordentliches und eingängiges Pathos-Pop-Album geworden ist, das zwar mainstreamtauglich ist, aber – vor allem auch textlich – hier und da kleine Gemeinheiten einbaut, die aufhorchen lassen. Manchmal bedarf es nur eines kleinen Zufalls, damit Ein Album plötzlich in den Top 5 der Charts auftaucht…sagt also später nicht, Ihr hättet davon nichts gewusst. (A.P.)

FRANK APUNKT SCHNEIDER - Deutschpop Halt´s Maul - Für Eine Ästhetik Der Verkrampfung


Erstveröffentlichung: Buch 2015 / Ventil Verlag - Testcard Zwergobst / ISBN 978-3-95575-030-5

Hat Deutschland eine eigenständige Popkultur entwickelt? Wenn es nach Frank APunkt Schneider in seinem Buch geht: nein. Damit könnte man diese Rezension eigentlich beenden oder sich zumindest fragen, warum ein Autor – siehe auch „Als die Welt noch unterging – Von Punk zu NDW“ – zu dieser scheinbar einfachen Frage mit noch einfacherer Antwort gut 100 Seiten schreiben muss.

Schneider stellt dar, wie und vor allem warum Deutschland – seiner bescheidenen Meinung nach – keine „typisch deutsche“ Popmusik entwickelt hat, sondern (fast) immer nur die anglo-amerikanischen Entwicklungen mehr schlecht als recht kopiert. Und da wird es interessant und die Abhandlung lesenswert.

Wie so oft hat das Problem seinen Ursprung in der Zeit des Dritten Reichs, als die Bevölkerung ganz bewusst gleichgeschaltet wurde und gar keine eigene Identität entwickeln sollte. Was „deutsch“ sei, wurde von oben vorgegeben. Popmusik – auch, wenn es den Begriff damals noch gar nicht gab – hat für Jugendliche auch immer etwas mit Aufbegehren gegen die Elterngeneration zu tun, und das war natürlich unter den Nazis überhaupt nicht erwünscht. Das färbte auf die erste Nachkriegsgeneration ab, denn die Indoktrination konnte man nicht einfach so per Knopfdruck entnazifizieren. Als der Rock´n´Roll nach Europa schwappte, tat er sich erstmal in Deutschland schwer. Deutsche Gruppen, die sich mit der „neuen Musik“ beschäftigten machten daraus eine brave, schlagerinfizierte Version. Mit dem Beat der 60er Jahre, allen voran den Beatles, gründeten sich dann endlich jede Menge Bands, aber die spielten auch nur das nach, was sie von amerikanischen und englischen Bands gehört hatten. In den 70ern rollte der so genannte Krautrock durch die Welt und endlich nahmen andere Länder Notiz von deutscher Musik, aber hier fehlte der kommerzielle Erfolg.

Mit Punk und New Wave schien sich dann tatsächlich eine eigene deutsche Musik zu entwickeln, die in der von den großen Plattenfirmen ausgequetschten Neuen Deutschen Welle dann aber schnell wieder schlagerisiert wurde. Nächster „Versuch“ die „Hamburger Schule“ der 90er Jahre. Und heute beherrschen deutsche Produktionen die Charts, aber ist an Bands wie Silbermond, Juli, Klee, Xavier Naidoo und und und irgendwas speziell deutsches, außer, dass eben meist in dieser Sprache gesungen wird?

Frank APunkt Schneider beschreibt diese Entwicklung in seiner typischen Mischung aus erzählendem, informativen Text und wissenschaftlicher Aufarbeitung mit vielen Fremdwörtern. Das ist manchmal etwas trocken zu lesen, aber ein unterhaltsamer Reader über die deutsche Nachkriegs-Popgeschichte sollte das wohl auch nicht werden. Im Gegenteil, Schneider setzt ein gewisses Musikwissen voraus und führt als Beispiele Bands auf, ohne näher auf ihre Musik einzugehen. Als Einstieg für Laien ist „Deutschpop Halt´s Maul“ daher kaum geeignet.

Natürlich wird nur die Meinung des Autors wiedergegeben, zwar unterstützt von zahlreichen Zitaten, aber man kann oft ganz anderer Meinung sein. Klar hat Kraftwerk die elektronische Musik nicht erfunden, aber schon ein einflussreiches eigenes Ding darauf gemacht, das nachfolgende Bands beeinflusst hat. Schneider ordnet sie als nicht besonders wichtig ein. Musik wie die von Deutsch Amerikanische Freundschaft hatte natürlich Vorläufer, aber die kommerzielle Verwertbarkeit haben eben die Düsseldorfer ausgearbeitet. Aus internationaler Sicht ist Rammstein wohl im Moment die „typisch deutsche“ Band – kommt aber in dem Buch kaum vor. Überhaupt: wenn man sich in der Welt nach deutscher Musik umhört, werden garantiert eben Kraftwerk, Deutsch Amerikanische Freundschaft, Einstürzende Neubauten und Rammstein genannt Und dann noch die Scorpions – natürlich indiskutabel als deutsche Popkultur – und vermutlich Nena und Trio. International sind Bands wie Fehlfarben, Blumfeld, Kolossale Jugend, Tocotronic oder Mia im besten Falle Randnotizen, aber nicht typisch deutsch. Diese Sichtweise fehlt mir ein bisschen, denn was exemplarisch für ein Land ist, entscheiden mehr oder weniger die Menschen aus anderen Ländern, wobei die Grenze zum Klischee natürlich unscharf ist.

Der Ansatz von Schneider ist stark politisch geprägt, aber ist Popmusik heute noch politisch? Wenn man davon ausgeht, dass sie die Massen einlullen und ruhig halten soll, dann auf jeden Fall, nur eben unterschwelliger als in den 70er Jahren mit der direkten Konfrontation durch Ton Steine Scherben. Schneider arbeitet heraus, dass deutsche Popmusik weitgehend einen „wir sind wieder wer“-Aspekt rüberbringen möchte, ein gewisses Gefühl von Stolz. Ich bin aber der Ansicht, dass das weniger gewollt ist, sondern die jungen Musiker sich einfach nicht mehr so sehr mit der speziellen deutschen Vergangenheit beschäftigen und sagen „lasst mich mit dem alten Kram in Ruhe.“ Das mag daran liegen, dass heutigen Jugendlichen der Kontakt zur „Erlebnisgeneration“ fehlt. Wer in den 70er und 80er Jahren aufgewachsen ist, hat vermutlich noch Großeltern und Lehrer gehabt, die aus erster Hand berichtet haben, das war Zeitgeschichte. Heute ist es nur noch Geschichte, die man aus Büchern und Filmen vermittelt bekommt. Jugendliche fragen sich „was hat das mit mir zu tun?“ Das macht den „neuen Stolz“ auf Deutschland nicht besser, aber zumindest nachvollziehbarer.

Ansätze von eigener deutscher Popkultur bestreitet auch Frank Apunkt Schneider nicht, so wird die Münchener Band Freiwillige Selbstkontrolle mehrfach erwähnt und auch Ton Steine Scherben-Sänger Rio Reiser wird Charisma zugesprochen (das aber in seiner Solokarriere zugunsten angepasster Musik angeblich wieder verlorenging). Aus meiner Sicht werden hier aber die Einstürzenden Neubauten viel zu wenig berücksichtigt. Und der Versuch einiger Dark Wave-Bands wie Das Ich oder Goethes Erben Anfang der 90er, deutschsprachige Texte in ungewöhnlicher Form zu vertonen hätte zumindest eine Erwähnung verdient gehabt, auch, wenn es im klassischem Sinne keine Popmusik war und vieles sich schnell in Peinlichkeit auflöste.

Wenn mich heute jemand nach typisch deutscher Musik fragte, würde ich ganz sicher Rammstein nennen, nicht, weil ich sie mögen würde, sondern, weil die Gruppe eben international so gesehen und gehört wird. Ich bin der festen Überzeugung, dass Rammstein derzeit der einzige Act wäre, der eine Chance für Deutschland beim Eurovision Song Contest hätte, nicht wegen der Show, sondern weil sie als spezifisch deutsch angesehen werden. Auch, wenn sie sich mit ihrem Auftritt gemeinsam mit Heino beim Wacken Open Air mehr als unglaubwürdig gemacht haben. Ansonsten empfehle ich „Stand Rotes Madrid“ von Cpt. Kirk &. als aufregendes Hördokument für unvergleichbare deutsche Musik.

Insgesamt ist „Deutschpop Halt´s Maul“ ein interessanter Reader für fortgeschrittene Musikinteressierte für relativ kleines Geld. Man muss dem Inhalt nicht bedingungslos zustimmen, aber als Diskussionsgrundlage ist er sehr lesenswert. (A.P.)

Webadresse der Band: www.ventil-verlag.de

LYDIA LUNCH RETROVIRUS - Urge To Kill


Erstveröffentlichung: CD 2015 / Rustblade Records / Brocken Silence / RBL049CD

Nachdem LYDIA LUNCH vor gar nicht so langer Zeit ein beachtenswertes Wüsten-Blues-Album mit Cypress Grove rausgebracht hat, besinnt sie sich jetzt unter dem bezeichnenden Namen LYDIA LUNCH RETROVIRUS auf ihre Vergangenheit. „Urge To Kill“ ist eine Rückschau auf die musikalische Karriere der Dame in den 80er Jahren in Form von kraftvollen Neuaufnahmen von neun Songs. Bei der Menge an Veröffentlichungen, die LUNCH vorweisen kann, ist die Begrenzung auf neun Lieder natürlich extrem eingeschränkt und subjektiv. Eine Best Of-Kopplung ist im Grunde sowieso nicht möglich und so darf man sich als Fan einfach darüber freuen, dass die Dame zumindest zu ihrer alten Musik steht. Für „Urge To Kill“ hat sie sich illustre Musiker zusammengerufen, die vorher bereits mit ihr selbst und Größen wie Sonic Youth oder Pussy Galore gespielt haben.

Mit „Snakepit Breakdown“, im Original auf dem beinahe schon legendären „13.13“-Album von 1982, geht im Grunde als lupenreiner amerikanischer Deathrock durch und macht sich gut in einer Reihe mit den Klassikern des Genres. Schräger und vielleicht typischer für LUNCH ist die neue Version von „Some Boys“, die an die guten alten The Birthday Party erinnert, mit denen sie ja Anfang der 80er auch zusammengearbeitet hat. „Lock Your Door“ zeigt woher Bands wie die Super Heroines, Hole und L7 und im Grunde auch Shadow Project einige ihrer Einflüsse bezogen haben. In eine doomigere Richtung geht die Neuaufnahme des 1987er Songs „Dead Me You Beside“, sehr schwerer Stoff, ebenso wie das ebenfalls von 1987 stammende Stück „Still Burning“, das sich aber alleine durch seine Länge von über sieben Minuten noch hypnotischer ins Hirn gräbt. „Frankie Teardrop“ ist ein Cover des bekannten Suicide-Stückes – wer könnte diese wegweisende Band besser interpretieren als LYDIA LUNCH?

Etwas leichter zu konsumieren, weil straighter, ist „Fields Of Fire“ vom 1987er Album „Honeymoon In Red“. Ältestes Stück auf dem Album – abgesehen vom Suicide-Cover – ist „Tied And Twist“ von 1980, das sich aber lückenlos in die Neuaufnahmen späterer Veröffentlichungen einreiht und hier den frühen No Wave genial repräsentiert, düster, monoton, disharmonisch, aber sicher Vorbild für viele Musiker wie Foetus, Swans und andere. Enden tut „Urge To Kill“ schließlich mit dem nervenzerfetzenden Noise-Rock von „Three Kings“, ein Song, den The Birthday Party zusammen mit den Swans wohl auch gerne geschrieben hätten.

Man weiß nicht, was LYDIA LUNCH zu dieser nostalgischen – aber gar nicht altbackenen – Rückschau veranlasst hat. Auf jeden Fall ist es schön, dass die Songs auch heute noch funktionieren und Energie und Atmosphäre haben und die Stimme immer noch so intensiv und genial ist, wie vor 30 und mehr Jahren. Eine wahre Künstlerin, die unglaublich einflussreich war und ist, auch, wenn ihr Name heute wohl fast nur noch alten Säcken wie mir ein Begriff ist. Wirklich ein Album, das überrascht und durchaus Akzente setzt im weiten Feld zwischen düsterem Alternative-Rock und Gothic-Rock in der ursprünglichen Bedeutung. (A.P.)

CLASSIC OPEN AIR - Eine französische Sommernacht


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2015 / Media on Line

Classic Open Air 2015 – Eine französische Sommernacht Sonntag 05.Juli 2015 Gendarmenmarkt Berlin


Mit dem Begriff französischer Musik assoziiert sich automatisch das Chanson. Natürlich denkt man an Edith Piaf, an Jacques Brel aber auch an Juliette Greco oder Gilbert Becaud. Die Chansons, welche um die Welt gingen, erzählen von Liebe, Leidenschaft und auch von Weltschmerz und Politik. Doch die Palette an französischer Musik ist weitreichender, denn Komponisten wie Offenbach, Berlioz, Ravel oder Bizet haben diese maßgeblich geprägt.

Deshalb wurde der heutige Abend auch zweigeteilt, damit zuerst die Glanzlichter der Opern- und Ballettmusik den Raum haben konnten, ehe der zweite Teil dann dem Stargast Ute Lemper und damit dem Chanson gehören durfte.

Den Auftakt bildete Charles Gounod mit dem Fauststoff. Die Nürnberger Symphoniker, welche erstmals auf dem Gendarmenmarkt auftraten, bewiesen ihrem Ruf gerecht zu werden mit „Valse de Faust“. Nach dem orchestralen Auftakt folgten Arien aus der gleichen Oper wie etwa „Ah! Je ris de me voir si belle en ce miroir“ auch bekannt als Juwelenarie, dargeboten von der Sopranistin Lisa Tjalve. Das französische Flair schwappte sehr schnell über, so dass Remus Alazaroae diesen Aufbau nur ausbauen brauchte. Der junge Tenor sang „Quel trouble inconnu“ und schlüpfte mühelos in die Rolle des Dr. Faustus. Den musikalischen Übergang zum nächsten Komponisten schafften die Nürnberger Symphoniker durch die „Suite El Cid 7. Navarraise“ von J.Massenet. Remus Alazaroae bietet im Anschluss eine der bekanntesten Arien von J.Massenet dar aus der Oper Werther, nämlich „Pourquoi me réveiller“. Das Publikum war begeistert und verzückt in einem Atemzug. Ein Violinzwischenspiel erklang zum Abschluss des J.Massenet Blocks „Meditation“ dargeboten von der ersten Konzertmeisterin der Nürnberger Symphoniker Anna Reszniak. Am Klavier wusste wiederum Dirigent Heinz Walter Florin den Gendarmenmarkt in Erstaunen zu versetzen, da er virtuos den großen Claude Debussy spielte, in Form des Stückes „L Isle Joyeuse“. Lisa Tjalve nahm uns anschließend erneut mit Charles Gounod gefangen, wenngleich es sich in diesem Fall um die Oper „Roméo et Juliette“ handelte. Der nächste Block gehörte George Bizet und der berühmten Oper „Carmen“. Nach dem „Vorspiel 1.Akt“ ging Lisa Tjalve in die Vollen und brillierte als Carmen mit „L amour est un oiseau rebelle“. Remus Alazaroae setzte nach und begeisterte mit „La fleur que tu m avais jetèe“ auch aus „Carmen“. Überhaupt war das Wechselspiel zwischen Sopran und Tenor ein klangliches Erlebnis in diesem ersten Teil des Abends. Der krönende Abschluss wurde von den Nürnberger Symphonikern gestaltet, welche Jacques „Orphée aux Enfers“ benutzen und zum „Can Can“ Tanz einluden. Mit brandendem Beifall wurden die Beteiligten des ersten Teils gefeiert und mit Blumen von der Bühne verabschiedet, ehe es in die Pause ging.

Der zweite Teil des Abend gehörte ganz und gar dem Stargast des Abends, der Wahl-New-Yorkerin „Ute Lemper“. Geboren in Münster vervollständigte sie ihr Studium an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln sowie am Max Reinhardt Seminar in Wien. Ihre Karriere ist unheimlich vielseitig geprägt, sowohl auf der Bühne, in Filmen und natürlich in Konzerten. Sie wird weltweit gelobt und gerühmt mit ihren Aufnahmen von Berliner Cabaret-Liedern, den Werken von Kurt Weill und den Hits der französischen Chansonbücher. Den Auftakt bildeten auch im zweiten Teil die Nürnberger Symphoniker mit dem Medley „Paris – mon amour“. Gleich danach betrat der Star die Bühne und wurde frenetisch begrüßt, ehe sie mit „Milord“ von Monnot den Abend für sich eröffnete. Im Laufe des Abends begeisterte Ute Lemper mit Chansons von Brel, Weill und der Grand Dame Edith Piaf u.a. Die Besucher des Abends hingen an ihren Lippen, saugten jeden Ton in sich auf, denn hier war ein Weltstar in Top-Form zu erleben. Ich für meinen Teil war emotional geflasht und zutiefst bewegt, in Anbetracht eines solchen Talents! Hochachtung! (Maximilian Nitzschke)

Webadresse der Band: www.classicopenair.de

CLASSIC OPEN AIR - Roger Cicero sings Sinatra


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2015 / Media on Line

Anläßlich des bevorstehenden 100. Geburtstag von Frank Sinatra widmete sich der Abschlußabend in diesem Jahr dem großen Entertainer. Frank Sinatra war ein Künstler der Superlative schuf und gilt als einer der größten Entertainer im amerikanischen und internationalen Showbusiness. In seiner 60 Jahre umfassenden Karriere sprengte er mit über 1.800 Songaufnahmen, 60 Filmrollen, neun Grammys und einem Oscar sämtliche Rekorde. Egal ob als Big Band Leadsänger, Solokünstler oder Mitglied der „Rat Pack“, etliche Welthits erhielten seinen persönlichen Stempel.

Klassiker wie „New York, New York“, „Strangers in the Night“, oder „My Way“ kennt heutzutage jeder, und auch in der Weihnachtszeit erklingt mit „White Christmas“ ein Song von ihm.

Am 12. Dezember 2015 wäre er 100 Jahre alt geworden, ein würdiger Anlass also einen ganzen Abend ihm zu widmen. Den Veranstaltern Mario Hempel und Gerhard Kämpfe war sofort klar, dass kein Geringerer als der deutsche Ausnahmemusiker Roger Cicero diesen Abend gestalten konnte. Cicero erfüllte sich damit einen Herzenswunsch. Seit seinem Studium ist Cicero ein großer Bewunderer Sinatras und freute sich im Vorfeld des Konzertabends sehr auf die Herausforderung.

Gemeinsam mit seiner 13-köpfigen Big Band hatte er ein Programm zusammengestellt, aus ausgewählten Stücken des Meisters und diese in teils gewohnter, teils ungewohnter Weise arrangiert. Es fiel auf, dass sich Cicero am Original orientiert, aber doch losgelöst vom Vorbild einen ganz persönlichen Stil der Annäherung gefunden hat. Er eröffnet, nach dem Auftritt auf der großen Showtreppe, den Abend mit „Come Fly with Me“ und zauberte durch seine charmante Art und den offenherzigen Umgang mit dem Publikum schnell Swingathmosphäre auf den Platz. Das dürfte Andrej Hermlin und Sohn, welche ich zufällig im Publikum entdeckte, durchaus gefallen haben z.b. Roger plauderte, dass er heute Geburtstag feiert und eigentlich nicht wieder an seinem Geburtstag ein Konzert geben wollte. Gerhard Kämpfe fragte ihn, er war begeistert und realisierte erst dann, dass es sein Geburtstag ist. Nun ja, es gibt schlimmeres als an seinem Geburtstag den Geburtstag von Frank Sinatra mit einem vollen Gendarmenmarkt zu feiern. Gerade wenn dieser ihm auch noch ein Ständchen bringt und gratuliert.

Roger Cicero ist sichtlich gerührt gewesen, und gibt dem Publikum mit Elan und Feuer Songs wie „For Once in My Life“ zurück. Mit „Cheek to Cheek“ begrüßte er den ersten Stargast des Abends nämlich Sarah Connor. Die gebürtige Hamburgerin feierte 2001 mit der Single „Lets get back to bed, boy“ den großen Durchbruch und wurde mit 19 Jahren über Nacht zum Star. Nach zehn Jahren Musikkarriere, über 7 Millionen verkauften Platten und ausgezeichnet mit allen deutschen Musikpreisen zog sie sich bewusst zurück und nahm sich Zeit für sich selbst. Nach fünf Jahren intensiver persönlicher Arbeit fand sie dann mit Peter Plate, Ulf Sommer und David Faust die richtigen Partner. Somit entstand ihr neues Album „Muttersprache“ komplett mit deutschen Texten diesmal.

Nach einer wohlverdienten Pause ging es fetzig weiter mit „Let us Face The Music and Dance“, ehe der zweite Stargast des Abends zum Duett die Bühne betrat. Für „Schiess mich doch zum Mond/Fly Me“ hatte sich Roger Cicero den Sänger Sasha geladen. Sasha ist im Musikgeschäft groß geworden und heute mit 42 Jahren das lebende Beispiel dafür, dass das Erwachsenwerden im Pop eine ernsthafte Karriere und Lebensoption darstellen kann. Er lebt ganz getreu dem Motto seines Idols Prince „a pop life“. Über die Hälfte seiner Alben erlangten Gold- und Platin Status, mit seiner Single „If you Believe“ erntete er 1998 aus dem Stand heraus Platin. Im Dezember 2014 erschien sein sechstes Studioalbum „The One“. Mit „The Summerwind“ erklang dann wieder nur Roger allein mit seiner Big Band ehe Sasha für ein weiteres Duett hinzustieß (Luck Be A Lady).

In diesem zweiten Showblock swingte es noch heißer, noch peppiger als schon im zweiten Teil, und so ist es fast klar, dass den Abschluss ein ganz bestimmter Hit von Sinatra nicht fehlen durfte: „Finale Theme From New York“. Mit dem Zugabenblock löste Roger Cicero die Barriere zwischen Publikum und Bühnenbeginn auf und holte sich sein Publikum dicht an die Bühne heran. Zu „Leroy Brown“ kamen dann seine beiden Gäste zusammen auf die Bühne Sarah Connor und Sasha und lieferten sich ein Stimmgewitter vom Feinsten, denn schließlich macht ein jeder von den drei Künstlern Musik im Motto von Frank Sinatra, nämlich „My Way“. Mit diesem Klassiker endete dann auch dieser bewegende Abend, und traurigerweise auch das diesjährige 24. Classic Open Air 2015!

Ich habe aber bereits gehört, dass es im nächsten Jahr im 25. Jubiläumsjahr mit vielen Überraschungen zu rechnen ist. Das versüßt einem die Vorfreude auf 2016 dann doch recht ordentlich! (Maximilian Nitzschke)

Webadresse der Band: www.classicopenair.de

YUNA - Eigentlich


Erstveröffentlichung: CD 2015 / FinestNoiseReleases / Radar

YUNA – Eigentlich
(VÖ: 31.Juli 2015 Label FinestNoise Vertrieb Radar)


Die junge Band YUNA aus Hamburg hat sich 2009 gegründet, und besticht seither durch poppige deutsche Singer-Songwriter Nummern. Damals hatte Sänger Felix Köster bei „Bandnet“ inseriert und eigentlich nur einen Gitarristen gesucht, um Singer-Songwriter Sachen auf die Bühne zu bringen. Fiedler – aka Matthias- ihr heutiger Gitarrist, hat auf diese Anzeige geantwortet. Ein Drummer und ein Bassist war auch schon an der Hand, woraus dann die erste Formation entstand. Der Name YUNA entstand kurz vor dem ersten Gig im Hamburger Club „Logo“. Felix Kösters Tochter Juna war die Namensgeberin der Band, wenngleich in anderer Schreibweise.
Die Jungs schrieben in der Folge relativ schnell viele Songs, so dass es bald los ging mit diversen Gigs in und um Hamburg. Im Jahr 2010 ging es für das Debütalbum „YUNA“ in eines der renommiertesten Studios von Hamburg, in das H.O.M:E. Studio von Franz Plaza.
Allerdings folgten dem beachteten Debütalbum schwierige Zeiten, der damalige Bassmann stieg aus, ging nach Berlin, Nico kam in die Band. Dann ging auch noch Tim, ihr Aushilfsdrummer, aus beruflichen Gründen. So kam letztlich Andy zur Band dazu.
So entstand die heutige Formation, welche seit nunmehr zwei Jahren unterwegs ist. Es folgten Gigs auf Festivals, Straßenfesten und in diversen Clubbs in und um Hamburg.
Nachdem man 2013 mit ca. 30 Gigs als „Live Jahr“ bezeichnen kann, war die Band bis Ende 2014 wieder im Studio um ihre zweite Platte „Eigentlich“ aufzunehmen.
Entstanden sind 7 Songs die ins Ohr gehen, eingängig sind und richtig Spaß machen beim zuhören,
was nicht zuletzt auch an einer überzeugenden Stimme von Felix Köster liegt. Etwa „Der Tag“ ist eingängig, fetzig und voller Energie. Treibende Kraft ist Bass und Schlagzeug, welche das Fundament liefern für den Gesang von Felix Köster. Dies zieht sich stringent durch die anderen sechs Songs durch, welche für gute Unterhaltung sorgen! Ein Reinhören kann ich damit empfehlen!

(Maximilian Nitzschke)

CLAUDIUS - Get Out


Erstveröffentlichung: CD 2015 / FinestNoiseReleases / Radar

CLAUDIUS - „Get Out“
(VÖ: 31.Juli 2015 Label: FinestNoise Vertrieb: Radar)

Claudius Rieth wurde in Lima (Perú) geboren, hat seine Jugend aber in der Nähe von Hamburg verbracht, ehe er letztlich nach Chile ausgewandert ist. Der Plan war ursprünglich, nur dort zu studieren, aber seit zehn Jahren ist er nun Studio-Besitzer in Santiago de Chile.
Die meiste Zeit verbringt er deshalb damit, lokale Bands zu produzieren und diese live zu mischen. Da geht es inhaltlich um Pop, Rock, bis in die Folklore Richtung.
Im Jahr 2004 kam dann die erste Solo-Platte von Claudius unter dem Titel „Angel For us“.
Heute, nachdem er sein Studio in Santiago auf solide Beine gestellt hat, kommt die Zweite „Get Out“. Seinem Stil als Singer/ Songwriter bleibt er treu, mischt hier gerade nicht die verschiedenartigen Stile, sondern hält sich an eher klassischen Elementen, um seine elf Lieder zu gestalten. Dadurch entstanden sehr gefühlvolle Stücke, welche zum entspannen und Alltag vergessen einladen. Man spürt deutlich, dass sich Claudius irgendwo zwischen Rock, Pop und Americana am wohlsten fühlt und dies hier hingebungsvoll auslebt. (Maximilian Nitzschke)



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