DAVID BOWIE - Major Tom to Ground Control- Over and Out!


Erstveröffentlichung: Nachruf 2016

Major Tom to Ground Control -“Over and Out!“ Der große Inszenierungskünstler und Provokateur des Pop David Bowie verstarb unerwartet

Der Schmerz über den Verlust dieses außergewöhnlichen Popstars sitzt tief, der Major Tom hat am 10.Januar 2016 ganz unerwartet ein letztes Mal Bodenkontakt gehabt, ehe er sich von der Erde verabschiedete. Zwei Tage nach der Veröffentlichung von „Blackstar“ am 08.Januar 2016 verstarb David Bowie: Plötzlich, unerwartet und zu früh! Ich werde wohl noch in ein paar Jahren genau wissen, wo ich vom Tod einer meiner Rockikonen erfuhr. Auf einem U-Bahn Fernseher nämlich auf dem Heimweg von der Arbeit. Unwirklich stand dort „David Bowie verstarb mit 69 an Krebs“. Ich musste mich unweigerlich setzen und wurde todtraurig. Ich wurde zwar erst in den 90er Jahren an seine Musik herangeführt, hörte „Rebel, Rebel“, „Changes“ oder „Life on Mars?“ auf einer „Very Best of David Bowie“ Edition, ehe ich mir dann „Diamond Dogs“, „Earthling“, „Hours“, „Heathen“ und „A Reality Tour“ kaufte. Dennoch war seine Musik immer die Begleitmusik der Pubertät und der Beginn sich für alternativere Musikstile zu interessieren. Er hat mich in der Hauptphase meiner Pubertät begleitet, und war nicht zuletzt mein persönlicher „Hero“. Er war musikalisches Genie, Stilikone und Trendsetter, - Vorbild für eine ganze Generation von Musikern und Musikliebhabern!

Er wusste wie kaum ein anderer Künstler sich jedes Mal neu zu erfinden und Popmusik niemals langweilig werden zu lassen. Sein Album „Station To Station“ erschien 1976, weit vor meiner Geburt, aber es bildete bereits die siebente Neuerfindung von David Bowie. Begonnen hatte er als langhaariger Liedermacher im „Swinging London“ mit mittelmäßigen Erfolgen, ehe er seine Kunstfiguren am Fließband erfand. Er war der Major Tom aus „Space Oddity“, der Popkünstler von „Hunky Dory“, der androgyne Ziggy Stardust und Aladdin Sane, der Nihilist der Diamond Dogs bis hin zum Rebell der Young Americans. Die Kunstfiguren „Aladdin Sane“ und „Diamond Dogs“ fand ich immer in ihrer brachialen Sexualität anziehend, zumal gerade auch wenn man selbst beginnt die eigenen Grenzerfahrungen zu machen. Als ich „Diamond Dogs“ das erste Mal hörte war ich 14 Jahre alt, also voll am Entdecken der eigenen Sexualität. David Bowie war durch die androgyne Inszenierung seiner Bühnenfigur eine schwule Identifikationsfigur geworden, zeigte mir auf, dass es in Ordnung ist wenn Sexualität abseits der heterosexuellen Norm stattfindet. Nicht zuletzt streute ja auch Bowie selbst das Gerücht der Homosexualität, später Bisexualität und verlieh unwillkürlich dem Mythos Bowie eine immense Anziehungskraft. David Bowie wusste seine Attraktivität stets einzusetzen, und erfand sich mit dem „Thin White Duke“ ganz neu. Nach den sexualisierten Aufbrüchen der vergangenen Jahre präsentierte er sich als dürrer weißer Herzog. Bowie zerstörte mit einem Schlag die Inszenierungen früherer Musiker und warf veraltete Rollenbilder über Bord. Dieser Herzog scherte sich einfach um nichts mehr. Ich denk die Anfangszeilen der Platte nahm Bowie sehr wörtlich: „The return of the thin white duke, throwing darts in lovers eyes“. 1976 kam nicht nur „Station To Station“ in die Plattenläden, sondern Bowie selbst auch aus Amerika nach Europa zurück. Es gibt etliche Anekdoten aus jener Zeit, etwa sein Auftritt auf dem Bahnsteig 8 des Londoner Bahnhofs Victoria Station.

Mit „Young Americans“ und der Single „Fame“ hatte sich David Bowie in Amerika ganz nach oben katapultiert. In Los Angeles hatte er sich dann in das Haus des Deep Purple Bassisten Glenn Hughes einquartiert und während der Arbeit am Album in den Wahnsinn gekokst. Er blieb wochenlang wach, hatte Kokain-Psychosen und fand sein Ich buchstäblich in Scherben vor. Seine Rückkehr nach Europa sollte die Rettung sein für ihn. Erst kaufte er sich eine Villa am Genfer See, ging dann aber schließlich nach Berlin. Dort fand er in der Hauptstraße155 in Berlin-Schöneberg zu sich und in Brian Eno einen musikalischen Partner, der verstand, wohin Bowie musikalisch wollte. Bowies Plattenfirma, viele Kritiker und Fans mochten die nächsten Alben, die als Berliner Trilogie in die Rockgeschichte eingingen, nicht besonders. Die Alben waren eine Menge Experimente und halbe Anläufe, ehe man dann zu den wenigen Singles wie „Sound and Vision“, „Heroes“ und „Boy Keep Swinging“ kam. Der Song „Heroes“ wurde zur Hymne einer älteren Jugend, die zum Ende der Siebzigerjahre auch mit den Abgründen ihrer Zeit zu kämpfen hatte. Ein Wunder erscheint es, dass er bei aller Selbstfindung, noch Zeit fand Iggy Pop zu retten. Er hatte den Protopunk aus Detroit schon in Los Angeles unter seine Fittiche genommen. Pop war noch kaputter als Bowie es war! Iggy Pops Markenzeichen war es, sich bei Auftritten den nackten Oberkörper mit Glasscherben aufzuritzen. Bowie rettete Pop, verhalf ihm zu neuen Songs und baute ihn auf. Es gibt unzählige Geschichten über Bowies Zeit in Berlin, von Fahrradtouren zu den Hansa Studios an der Mauer, von Clubbesuchen im „Dschungel“ und „Chez Romy Haag“ im Schöneberger Kiez rund um den Nollendorfplatz. Seine damalige Wohnung ist heute eine Zahnarztpraxis, das Haus dieser Tage zur Pilgerstätte für Fans aus aller Welt geworden. Es ist ein Ort der Trauer und der Verneigung vor ihm, einem kurzzeitigen Kind der Stadt. Auch in den einstigen Hansastudios am Potsdamer Platz fand am 15.01.2016 eine Trauerfeier statt, bei der die Berliner Abschied nehmen konnten von David Bowie. Aus den Jahren nach Berlin gibt es dann mehr Hits als Geschichten: „Ashes To Ashes“, „Fashion“, „Spaceboy“ sind dabei nur einige. Die Alben schaffen es weiterhin in die Charts, die Singles zumeist nicht mehr. Bowie nahm dies sehr gelassen.

Um ihn wurde es streckenweise etwas ruhiger, erst im Sommer 2003 las man in der Kunstzeitschrift „DU“ von ihm als Gastredakteur über sich selbst. Er lebte damals bereits im New Yorker Viertel Soho zusammen mit seiner Ehefrau Iman Abdulmajiid – einem somalischen Supermodel. Man hörte Bowie nach den Anschlägen vom 11.September bei einem Gedächtniskonzert von Simon & Garfunkel mit dem Song „America“ - bei dessen Auftritt ein ganzer Madison Square Garden in Tränen ausbrach. Danach wurde es für ganze zehn Jahre völlig ruhig um David Bowie, denn er tourte nicht mehr, nahm selten auf und erschien auch nicht zur Eröffnung der großen Ausstellung über ihn im Victoria & Albert Museum. Auch als diese wunderbare Ausstellung dann in Berlin im Martin Gropius Bau zu sehen war, mit über 200 persönlichen Erinnerungsstücken von ihm selbst, hatte er sich auch nicht in der einstigen Wahlheimat gezeigt. David Bowie war buchstäblich von der Bildfläche verschwunden- leider! Das war leider nicht eine seiner Strategien, keine neue Kunstfigur vom Phantom David Bowie. Nein, die Wahrheit ist viel bitterer gewesen! Der große Popkünstler war zu diesem Zeitpunkt bereits krank. Ein paar wenige Auftritte wagte er 2006 noch, etwa für seinen Freund David Gilmour kam er zu einem Gastauftritt in die Londoner Royal Albert Hall. In New York sang er auf einem Benefizkonzert. Die Gier nach Neuem aber blieb bis zum Schluss. Deswegen glaube ich geht vom Album „Blackstar“ auch eine besondere Faszination aus. Es finden sich teilweise radikale Richtungswechsel darauf, die eckigen Rhythmen entdeckt man erst nach vielen Takten diesmal. Erneut hat Bowie es geschafft, Popmusik einen neuen intellektuellen Impuls gegeben zu haben. Der Großmeister hatte sich ein letztes mal gezeigt, ein letztes mal seine Größe bewiesen, ehe er mit nur 69 Jahren besiegt wurde. Erst war es das Herz, dann kam der Krebs. Das letzte Funksignal: Over and Out! Er starb viel älter als er sich jemals gefühlt hatte, aber für uns alle viel zu jung! (Max Nitzschke-Stockmann)



[ ZURUECK ]