THE KELLY FAMILY - We Got Love


Erstveröffentlichung: CD 2017 / Airforce1

The Kelly Family – We Got Love
(VÖ: 24.03.2017 Airforce1)


Kaum eine musikalische Familie hat in den 1990er Jahren für mehr Furore gesorgt, als die Kelly Family. Entweder man hasste Sie oder aber man liebte sie, so etwas dazwischen gab es einfach nicht. Ich muss gestehen, dass ich die Kellys mit ihrem englischen Doppeldeckerbus bis zu Ihrem Durchbruch mit „Over The Hump“ 1994 sehr suspekt fand und ihre Musik zu schmalzig. Hin und wieder stand der Bus in der Fußgängerzone und entlud eine etwas an Hippies erinnernde Musikerschaft. Ungeachtet des Aussehens, erahnte man bereits während der Gratiskonzerte, dass hier jeder Kelly eine gewaltige Stimmfarbe besitzt und Potenzial hat. Die „Bravo“ entdeckte damals journalistisch das Potenzial der Kelly Family und machte Sie und ihre Musik bekannt.
Man kam an Angelo oder Paddy Kelly gar nicht mehr vorbei, lange lockige Haare wurden in, jeder Teenie wollte entweder im Doppeldecker, auf einem Hausboot oder in einem Schloss wohnen – eben wie die Kellys. Kometenhaft der Aufstieg, 1994 erreichte das Album „Over The Hump“ ganze 2,5 Millionen Verkäufe, das bedeutete 4 Mal Platin in diesem Zuge. Die Single „An Angel“ hielt sich wochenlang in den Charts, ein Preis überholte den anderen und Stadien waren brechend voll. Bis 2006 wurde die Kelly Family mit 48 Gold- und Platin Schallplatten ausgezeichnet und hat über 20 Millionen Tonträger verkauft.
Nachdem 2002 der Familienvater stirbt, tritt die Band nicht mehr in der ursprünglichen Besetzung auf, sondern widmen sich Angelo Kelly, Maite Kelly und John Kelly mit seiner Frau Maite Itoiz verstärkt eigenen Projekten.

Maite Kelly etwa gewann die RTL Tanzshow „Lets Dance“ und singt inzwischen deutschen Schlager, Paddy Kelly singt inzwischen auch alleine, und Joey Kelly ist bei jedem sportlichen Wettkampf dabei, nicht zuletzt als Stefan Raab noch in der TV Landschaft verankert war.

Um so mehr überraschte mich die Nachricht eines Comebacks, einer Reunion, die nicht nur das Album „We Got Love“ zum Ergebnis hat, sondern auch drei große Konzerte in Dortmund im Mai umfasste und für 2018 eine Tour ankündigt. Maite und Paddy sind bei der Wiederzusammenfindung leider nicht dabei bisher, dafür aber Joey Kelly und natürlich Angelo Kelly. Der kleine Junge mit den Engelslocken ist heute mit 35 fünffacher Vater. Den Song „An Angel“ singt er zusammen mit seiner Tochter Emma Kelly, welche die hohen Töne mühelos hinbekommt. Der Papa erreicht die hohen Töne nach seinem Stimmbruch leider nicht mehr, dafür hat er eine erwachsene kraftvolle Stimme erhalten.
Die wichtigsten Songs Ihrer Bandgeschichte wie „I cant Help Myself“ oder „Fell in Love with an Alien“ wurden neu aufgenommen und schaffen eine wohlige Vertrautheit. Man erinnert sich unweigerlich, oder genießt die Emotionalität. Ja, in der Tat, heute mit dem Abstand von etlichen Jahren klingen die Songs erwachsener für mich und kraftvoller. Ich schätze das liegt sehr daran, dass alle Stimmen gereift sind und eine musikalische Weiterentwicklung stattgefunden hat.Vielleicht liegt es aber auch ein Stück weit daran, dass sich die Band anders präsentieren muss, denn der musikalische Zeitgeist hat sich verändert und sich nur auf dem großen Namen auszuruhen in der Hoffnung an die alten Erfolge anknüpfen zu können, wäre vermessen. Angelo Kelly singt nicht mehr wie mit 12 Jahren, hat die Lockenpracht und den Kindheitsbonus verloren, also gilt es stimmlich zu punkten. Das spürt der Hörer nicht zuletzt in fünf neuen Liedern wie dem Titelsong „We got Love“. Der unverkennbare Kelly Sound aus Folk und Pop ist da, aber temporeicher und moderner.

Den Kellys ist mit „We got Love“ auch in der Tat gelungen stimmlich zu punkten. Ein Wohlfühlalbum wurde geschaffen mit einer ausgewogenen Mischung aus Folk-Nostalgie und Moderne. Alte Fans werden überrascht sein und Menschen die bisher mit der Kelly Family nichts anfangen konnten, sollten mal reinhören. Es lohnt sich schlichtweg! (Maximilian Nitzschke)



[ ZURUECK ]