FROM NURSERY TO MISERY - Pixies In The Woods


Erstveröffentlichung: LP 2017 / Dark Entries / DE-153

Der Name FROM NURSERY TO MISERY ist mir in den letzten rund 30 Jahren ab und zu über den Weg gelaufen, hauptsächlich auf irgendwelchen Tapesamplern oder in alten Fanzine-Erwähnungen. Die englische Gruppe ist aber musikalisch ansonsten ziemlich an mir vorbeigegangen, wobei ich aber dachte, dass die schon Platten veröffentlicht hätten. Wie man sich täuschen kann...anscheinend gibt es nur ein paar Tapes und eben Tapesamplerbeiträge. Und wie es der Zufall so wollte, bin ich in einigen Mailordern über das wirklich außergewöhnliche Covermotiv gestolpert, das nun die posthume Vinyl-Compilation der Mädels auf Dark Entries aus den USA ziert. Zwei sehr junge Mädchen mit Schlafzimmerblick, die man eher in einer schlechten Scripted Reality-Sendung auf RTL2 vermuten würde, als in einer New Wave-Band. Irgendwie geht von dem Cover aber eine seltsame Faszination aus und da Dark Entries ja eigentlich durchweg für interessante Veröffentlichungen steht, habe ich einfach mal einen Blindkauf - oder eher Taubkauf, es handelt sich ja um Musik - gewagt und bin richtig begeistert.

Komischerweise habe ich mit dem Bandnamen immer einen Bezug zur Neo-Folk-Szene und dem ganzen Current 93/Death In June-Umfeld vermutet, was aber so nicht stimmt. Abgesehen davon, dass die Zwillinge Gina und Tina Fear mal auf einem Psychic TV-Cover abgebildet waren. Die Musik des Trios - Lee Stevens war hauptsächlich für die Musik zuständig - ist aber viel mehr elektronischen Ursprungs und zwar mit einfachsten billigen Keyboards und überschaubarer musikalischer Erfahrung produziert. Hier ist der alte Punkgeist und die Experimetierfreude der Früh-80er-Tapeszene spürbar...einfach mal machen und hören, was so dabei rauskommt. Entstanden ist eine ganz eigene Idee von elektronischer Popmusik, zwischen schrägem Synth-Pop, Klangcollagen und minimalistischer Elektronik, die oft einen wavigen Geist versprüht und irgendwie eigenwillig und verschroben, aber doch fesselnd klingt. Ganz nebenbei bemerkt, stammt FROM NURSERY TO MISERY aus Basildon, ebenfalls Heimat von Depeche Mode, was aber in der Musik nicht zu hören ist, obwohl zumindest ein Songtitel mit „Dreaming Of You“ nahe an der ersten Single der Stars ist.

Vergleiche fallen schwer. Entfernt klingen einige Stücke durch ihren elektronischen Ursprung und die manchmal eher gesprochenen als gesungenen Texte wie eine Lo-Fi-Version von Anne Clark - definitiv im positiven Sinne. Das Ganze hat oftmals eine etwas weltentrückte Atmosphäre. Die Musik ist zwar nicht im eigentlichen Sinne düster, aber hier und da doch etwas „unheimlich“, was verbundenen mit den leicht naiven Stimmen etwas ganz eigenes ergibt. Tatsächlich leben die Schwestern wohl auch heute noch zusammen, wie eine neuere kurze Filmdokumentation (einfach mal from-nursery-to-misery-documentary googeln) zeigt. Und immer noch haben sie wohl eine sehr enge Beziehung, wie nur Zwillinge sie haben können und haben sich abseits der „normalen“ Welt esoterisch angehaucht eingerichtet. Der Plattentitel „Pixies In The Woods“ spiegelt anscheinend den Charakter den Damen wieder.

Für mich ist diese Zusammenstellung alter Tapetitel von FROM NURSERY TO MISERY jedenfalls bisher die Platte des Jahres 2017, weil sie etwas ganz ungewöhnliches und überraschendes bietet. Die LP kommt mit einem schönen Din A 2-Einleger, der Bilder, Texte, Credits und ein paar Liner Notes enthält. Musik, die eigenartig im besten Wortsinn ist und absolut hörenswert erscheint. (A.P.)



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