HANS CHRISTIAN REUMSCHüSSEL - Hans Christian Reumschüssel (Christian Death) Interview Juli 2012




Der Name HANS CHRISTIAN REUMSCHÜSSEL - kurz HANS CHRISTIAN - dürfte dem „durchschnittlichen“ BACK AGAIN-Leser auf den ersten Blick kaum bekannt sein. Dass hier trotzdem was über diesen spannenden, vielseitigen und umtriebigen Musiker etwas zu finden ist, liegt an meiner Obsession für die band Christian Death. Vor vielen Jahren hatte ich mal die Idee, ein BACK AGAIN-Sonderheft über die band zu machen, mit Interviews mit möglichst vielen Musikern, die mit der Band in allen ihren Inkarnationen etwas zu tun hatten. Daraus ist damals nichts geworden, aber das interesse an dem Umfeld der wegweisenden Band blieb und dank des Internets war es ab der Jahrtausendwende möglich geworden, auch Kontakt zu längst „vergessenen“ Musikern aufzunehmen. Der Name HANS REUMSCHÜSSEL tauchte nur ein einziges Mal im Zusammenhang mit Christian Death auf, genau genommen als Mitkomponist des großen bandklassikers „Lament“ auf dem Album „Ashes“ von 1985, dem letzten Werk, an dem noch Rozz Williams und Valor gemeinsam mitwirkten. Das Stück, einem deutschen Volkslied nachempfunden, wird auf deutsch von der wundervollen Gitane Demone gesungen, dann von Valor auf Englisch weitergeführt und wieder auf Deutsch von Gitane bschlossen. Auf früheren Konzerten war das Stück immer für großen Jubel gut.

Ich wollte also wissen, wer dieser HANS REUMSCHÜSSEL ist und wie seine Verbindung zu Christian Death und Rozz Williams im Speziellen war. Im Internet stieß ich dann auf einen Musiker mit klassischer Ausbildung und ohne jegliche Scheuklappen, was musikalische Stile angeht. Von prog-Rock über Electronic und Klassik bis hin zu indischer (Ritual-) Musik hat er sich keinerlei grnezen gesetzt und zahlreiche Platten und CDs seit den 80er jahren veröffentlicht und auch immer live gespielt. Weitere Berührungspunkte mit Goth-Rock und verwandter Musik gab es wohl nicht mehr. Trotzdem habe ich HANS CHRISTIAN kontaktiert und er war so freundlich, mir im Juli 2012 ein paar Fragen per E-Mail zu beantworten. Dass das Interview leider erst jetzt erscheint lag an einer damals kaputten Festplatte, von der erst vor Kurzem einige Daten gerettet werden konnten. Da die fragen ja vor allem die vergangenheit betrafen, wollte ich das Interview nicht ungenutzt lassen und denke, für die ganz harten Christian Death-Fans ist es dennoch interessant...


BACK AGAIN (BA) Erzähl ein bisschen über Dich, aus welchem sozialen Umfeld stammst Du?

HANS CHRISTIAN Ich komme aus einer Pastorenfamilie aus Hannover, und meine Mutter war Sozialarbeiterin. Ich habe zwei ältere Schwestern, die beide sehr kreativ tätig sind. Eine ist Architektin in Hamburg und die andere arbeitet im Filmbereich und in der Museumsleitung in Berlin. Ich bin Kriegsdienstverweigerer (im Jahr 1979) und habe in Köln und Hamburg Musikwissenschaften und andere Sachen studiert, aber nie abgeschlossen.


BA Wann und wie hast Du angefangen, Dich für Musik zu interessieren und selber Musik zu machen? Gab es bestimmte Bands/Musiker, die Dich beeinflust haben? Oder warst Du anfangs komplett auf klassische Musik konzentriert?

HANS CHRISTIAN Ich hatte meine erste Cello-Unterrichtsstunde am 20. Januar 1970 mit Ulrich Hausdörfer, bei dem ich circa zehn Jahre studiert habe. Danach gab es noch ein oder zwei andere Lehrer, aber Herr Hausdörfer war mein wesentlicher Lehrer. Musik hatte mich schon seit frühen Jahren bewegt. Klassische Musik kam zuerst, aber 1974 ging ich für einige Wochen nach England und dort entdeckte ich die Bassgitarre. Meine Schwestern hatten einen Rieseneinfluss auf meinen Musikgeschmack als ich ungefähr 9 Jahre alt war - Jimi Hendrix, Janis Joplin, Stones, Beatles, Doors - diese Bands haben mich sehr inspiriert. Gleichzeitig Bach und klassische Musik.


BA Welche Musik hast Du am Anfang selber gemacht? War Dein Ziel, irgendwann von der Musik zu leben? Wie beginnt ein klassisch ausgebildeter Musiker, sich auch für Pop/Rock-Musik zu interessieren?

HANS CHRISTIAN Ich habe von Anfang an improvisiert auf dem Cello, gegen die Empfehlung meines Lehrers. Also irgendwie hatte ich das im Blut. Ich bin musikalisch einfach mehrgleisig gestimmt und habe mich schon immer für viele verschiedene Stile interessiert.


BA Wann und warum bist Du nach Amerika gegangen? Warum hat es Dich gerade an die amerikanische Westküste verschlagen?

HANS CHRISTIAN 1982 zog ich nach Los Angeles, um im “Musicians Institute” zu studieren. Dies war ein Riesentraum und es war so bestimmt. Los Angeles war wie ein Magnet für mich und ich habe mit sehr vielen Bands und Künstlern gearbeitet, viel gelernt im Studio und auf der Bühne. Amerika repräsentierte den Traum von Freiheit für mich.


BA Du hast 1985 an dem Song "Lament" auf dem Christian Death-Album "Ashes" mitgearbeitet, wie bist Du in Kontakt mit der Gruppe gekommen und lief das über Rozz Williams oder Valor?

HANS CHRISTIAN Das lief über Eric Westfall, der damals viel mit Christian Death als Produzent und Tontechniker gearbeitet hat. Ich wohnte bei Eric und traf Christian Death dort mehrmals.


BA Wie lief die Zusammenarbeit ab? Hattest Du direkt mit den Aufnahmen zu tun? Du wirst ja "nur" als Mitautor genannt...

HANS CHRISTIAN Irgendwie brauchten die Hilfe mit dem Song, und auf einer Party in Erics Haus haben wir uns besser kennengelernt und diese Kollaboration beschlossen. Ich habe den Song seit ewigen Zeiten nicht mehr gehoert und kann mich kaum an Einzelheiten erinnern. “Mitautor” ist korrekt - irgendiwe haben wir das zusammen gemacht. Ich glaube, ich war bei den Aufnahmen dabei. Schick den Song doch mal rüber, dann kann ich mich besser erinnern.

BA Wie hast Du Rozz Williams erlebt?

HANS CHRISTIAN Rozz war sehr schüchtern und hatte gleichzeitig einen Riesen-Iro, viel Make-Up, lackierte Fingernägel und so weiter. Also, irgendwie scheu aber er hat immer viel Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Viele Drogen natürlich. Sehr, sehr sensibel, also man wurde richtig vorsichtig um ihn herum ,so dass er bloß nicht anfing zu weinen…Insgesamt total von sich selbst eingenommen. Rozz war zu mir sehr freundlich und ziemlich offen, aber es gab so eine tiefe Wunde in ihm, die ihn völlig beherrscht hat. Valor war genau das Gegenteil, hart, energisch, ganz andere Energie.


BA Gibt es aus der Zusammenarbeit noch irgendwelche Demoaufnahmen, unveröffentlichte oder Liveaufnahmen? Oder Bildmaterial gemeinsam mit der Band oder einzelnen Bandmitgliedern?

HANS CHRISTIAN Ich habe nichts.


BA Hattest Du vorher oder nachher noch einmal etwas mit Christian Death zu tun? Bei manchen Deiner Aufnahmen hätte ich mir eine Zusammenarbeit mit Rozz Williams gut vorstellen können, nachdem ich auf Deiner Website in einige Sachen reingehört habe.

HANS CHRISTIAN Nein, die Band ging nach Europa und Eric hat sich irgendwann von denen getrennt. Das war´s.


BA War Dir bewusst, dass Christian Death später auch ohne Rozz Williams "Lament" bis in die 90er Jahre hinein live gespielt haben und Gitane Demone dem Song stets eine ganz besondere Zauberhaftigkeit gab? Hattest Du mit Gitane Demone auch Kontakt, vielleicht später noch?

HANS CHRISTIAN Nein, ich hatte keinen weiteren Kontakt.


BA Hast Du den Song "Lament" jemals auf Deinen eigenen Konzerten live gespielt?

HANS CHRISTIAN Nein. Ich kann mich gar nicht mehr musikalisch daran erinnern. Werde ihn mal über iTunes runterladen.


BA Du hast in den 80er Jahren auch mit anderen Underground-Bands gearbeitet...welche Bands waren das und wie bist Du in Kontakt mit dieser Szene gekommen? Gibt es Veröffentlichungen, auf denen Du zu hören bist oder fallen Dir besondere Anekdoten aus der Zeit ein?

HANS CHRISTIAN Ich könnte stundenlang Anekdoten erzählen. Zwischen 1982 und 1988, als ich Los Angeles verließ, spielte ich mit vielen Bands, von denen mehrere sehr berühmt wurden. Red Hot Chili Peppers zum Beispiel. Ich spielte mit What Is This (eine der Vorgängerbands) und nahm Fleas Platz ein kurz bevor die Chili Peppers geboren wurden. Hillel Slovak war einer der Gitarristen. Anthony Kiedis (Sänger der Red Hot Chili Peppers) war unserer Roadie. Bei Billy Idol und John Waite und anderen war ich bei TV-Auftritten oder Videodrehs dabei. Mit den Sparks spielte ich Riesenkonzerte in Los Angeles. Robbie Robertson lud mich 1987 ein, auf seiner Solo CD mitzuspielen. Mit Victoria Williams spielte ich jahrelang und traf viele bedeutende Musiker. Daniel Lanois, T-Bone Burnett, Mitchell Froom, Anton Fier und andere Produzenten waren Freunde für einige Zeit. Dazu kamen viele unbekannte Bands, und Musiker, die später irgendwie bekannt wurden. Eine lange Liste.


BA Was für Musik hast Du damals selber gemacht und wie war die Entwicklung zu Deiner heutigen Arbeit, fast 30 Jahre später?

HANS CHRISTIAN Ich fing an, meine eigene Musik auf Cello und Solo-Bass zu entwickeln, so um 1984. Dunkel, spannungsreich, selbst-therapeutische Musik. Lichtprojektionen, Theater, Tanz, und athmosphärische Klänge kamen dazu. Alles war sehr kreativ und schwer zu kategorisieren. Ich entdeckte mein eigenes archetypisches Fundament und drückte das in meiner Musik aus. Eine tiefe Heilung kam damit in Gang, tiefe innere Prozesse, die mehr und mehr ins Licht kamen und per Musik ausgedrückt wurden. 30 Jahre sind eine lange Zeit, Musik zu machen. Ich habe eine tiefe Sensibilität beibehalten, aber eine innere Stärke entwickelt, die ich damals nicht hatte. Also echt aus dem Nichts geschöpft. Dadurch kann ich auch gut mit anderen Künstlern als Produzent arbeiten weil ich weiss, wie tief der kreative Prozess wirklich geht. Meine eigene Musik ist nach wie vor eine heilende Musik, weil sie wie ein Gebet auftaucht. Und ich habe jetzt ein weltweites Publikum, das mit dieser Energie Resonanz hat.


BA Wie veröffentlichst Du Deine Musik heutzutage? Machst Du alles selbst oder bist Du bei einer oder mehreren Plattenfirmen unter Vertrag? Welche Rolle spielt das Internet für Dich und Deine Arbeit?

HANS CHRISTIAN Meine Gruppe RASA ist bei zwei Firmen unter Vertrag. Ansonsten mach ich alles selber. Meine Firma heisst Allemande Music und ich habe einen Verlag unter dem selben Namen. Das Internet macht vieles möglich. Zum Glück bin ich schon so lange dabei, dass mein Name bekannt ist und ich somit gewisse Verbindungen habe, die helfen, meine Musik zu veröffentichen.Aber eigentlich ist das Model des “Plattenvertrages” total vorbei. Es geht darum, ein Publikum zu erspielen, und das macht man am besten mit Live-Konzerten.


BA Du bist viel auf Tour...was erwartet den Zuschauer bei Deinen Auftritten und welche Art von Publikum kommt zu den Auftritten?

HANS CHRISTIAN Meine Solo Konzerte sind sehr berührend, ich nehme das Publikum auf eine Reise in unsere Herzen, aber nicht ohne Intensität. Das Cello ist ein wunderbares Instrument dafür - man kann also richtig emotional draufdrücken. Ich benutze Live-Loops in meinen Konzerten um einen symphonischen Klang zu erzeugen, und ich ergänze alles mit einer indischen Sarangi, Sitara, und einer schwedischen Nyckelharpa. Wie gesagt, meine Auftritte sind eine musikalische Reise, und die Zuhörer sind oft zutiefst berührt. Es ist mystisch, klassisch, melodisch, mit viel Feuer und hoffentlich atemberaubend. Alles ist instrumental. Ich spiele in Kirchen, Theatern, Yogastudios, und manchmal in großen privaten Häusern. Ich spiele ausserdem in der Guru Ganesha Band und erreiche dadurch ein breites Publikum in ganz Nordamerika und demnäechst auch Europa und Südamerika.


BA Vielen Dank für die Beantwortung der fragen. Und sorry noch einmal, dass die Veröffentlichung so lange gedauert hat. (A.P.)

Webadresse der Band: www.hanschristianmusic.com


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