RELIGIOUS OVERDOSE - Glass Hymnbook (1980-1982)


Erstveröffentlichung: CD 2017 / Glass Redux / REDUXCD008

Post Punk ist wieder richtig angesagt. Zahllose neue und alte Bands touren durch die Gegend und sind damit (relativ) erfolgreich. Selbst im Mainstream und auf großen Festivals tummeln sich so einige Gruppen...vermutlich, weil bei den Plattenfirmen jetzt die Leute an den Schalthebeln sitzen, die damals diese Musik mochten und sich an ihre Jugend erinnern. Ende der 70er entstand diese Musik mit dem schwer greifbaren Namen, nachdem Punk entweder implodiert war und zurück in den Underground verschwand oder von den großen Plattenfirmen kommerzialisiert wurde. Zahlreiche Punkmusiker entwickelten sich aber weiter und machten Musik, die zwar noch die Aggressivität des Punk in sich hatte, klanglich aber eher die düsteren Aussichten der beginnenden 80er und in England vor allem der Thatcher-Ära thematisierten. Ganz vorne dabei war John Lydon, der nach dem Zusammenbruch der Sex Pistols Public Image Ltd. gründete. Wire entwickelten Punk weiter und Labels wie Factory mit Joy Division, Durutti Column, Section 25 und A Certain Ratio, sowie 4AD mit In Camera, diversen Wire-Nebenprojekten und vor allem Rema Rema definierten den neuen Sound. Parallel entstand der Gothic Rock mit Gruppen wie Bauhaus, UK Decay und Siouxsie And The Banshees, die vor allem Einflüsse von Bands wie Velvet Underground und David Bowie mit Punk verbanden.

Nun also ein Post Punk Revival im 3. Jahrtausend. Da ist es nur legitim, dass auch die originalen Musiker ein Stückchen vom Kuchen abbekommen und ihren musikalischen Ur-Enkeln - die sie vermutlich nicht einmal kennen - zeigen, wie es vor 35 Jahren so war.

Alex Novak ist schon so lange musikalisch aktiv und war mit Bands wie The Tempest (deren einziges Album wurde auch bereits wiederveröffentlicht), Attrition und vor allem The Venus Fly Trap immer dabei. Nebenprojekte wie Nova State Conspiracy gar nicht mal mitgezählt. Auch heute ist der aus Northampton stammende Musiker in vielen Bereichen am werkeln. Angefangen hat es aber Anfang der 80er Jahre mit der Gruppe RELIGIOUS OVERDOSE, die 1981/82 zwei Singles und eine 12“ veröffentlichte, später auch noch ein paar Tapes. Die Musik war damals so typisch für die Zeit, dass kaum vorhersagbar war, welche Bands sich durchsetzten und welche nicht, da spielte sicher auch viel Zufall eine Rolle. Richtig bekannt wurde RELIGIOUS OVERDOSE nicht und wie es so war, wendeten die Musiker sich anderen Projekten zu...es brodelte ständig im Underground. Bandmitglied Ciaran Harte veröffentlichte eine heute sehr gesuchte Single auf Glass Records - einem der originalen Post Punk-Labels, auf dem auch die RELIGIOUS OVERDOSE-Platten erschienen - und Richard Forby spielte bei The Jazz Butcher und hat als Musiker und Produzent mit unzähligen weiteren Bands zusammen gearbeitet. Alex Novak...siehe weiter oben.

Glass Redux ist nun das Nachfolgelabel von Glass Records und hat die Philosophie, Musik von damals für die heutigen „Kids“ wieder zugänglich zu machen und neue Musik für die „Erwachsenen“ zu veröffentlichen. „Glass Hymnbook (1980-1982)“ von RELIGIOUS OVERDOSE gehört in die erste Kategorie und vereint alle drei Platten der Gruppe auf CD, angereichert mit einigen unveröffentlichten Live- und Demo-Stücken von damals. Stücke wie „In This Century“, „Alien To You“ und „The Girl With The Disappearing Head“ spiegeln die Trostlosigkeit der frühen 80er wieder und spielen in einer Liga mit Gruppen wie In Camera, Mass oder den frühen The Wolfgang Press, alle aus dem 4AD-Stall. „Control Addicts“ passt in die Schublade Public Image Ltd., während „Concentrate“ sich auch auf der Rema Rema-12“ gut angehört hätte und „I Said Go“ und „25 Minutes“ an den verspielten New Wave des ersten The Cure-Albums erinnert. Klar, das erscheint heutzutage kaum innovativ, war es damals aber schon. RELIGIOUS OVERDOSE hat die genannten Bands nicht kopiert, sondern stand in einer Reihe mit ihnen und war dabei, einen neuen Musikstil zu erfinden. Dass andere Gruppen erfolgreicher damit wurden ist sicher Zufall und vermutlich der Umtriebigkeit der Musiker geschuldet, neue Wege zu gehen und immer Neues auszuprobieren.

Würde mich jemand fragem was für mich Post Punk ist, würde ich ihm diese CD vorspielen, denn sie führt all das zusammen, was die anderen Bands immer nur in Teilen geboten haben. Im Booklet und auf dem Klappcover gibt es jede Menge Infos und Bildmaterial und so wird „Glass Hymnbook (1980-1982)“ zur vielleicht besten und wichtigsten Post Punk-Wiederveröffentlichung neben „Era“ von In Camera. All die neuen Bands sind sicher nicht schlecht, einige sogar richtig gut, aber RELIGIOUS OVERDOSE sind das Original. (A.P.)



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