ORCHESTRAL MANOUEVRES IN THE DARK - Hamburg, Große Freiheit 36 - 26. November 2017


Erstveröffentlichung: Konzert/Veranstaltung 2017

Als im Frühjahr 2017 zunächst ein neues Album mit dem Titel „The Punishment Of Luxury“ angekündigt wurde und bald darauf eine Tour im November des Jahres, war in der extrem treuen Fanszene der legendären Electro-Pop-Band ORCHESTRAL MANOUEVRES IN THE DARK die Hölle los. Nach den fantastischen „Architecture & Morality/Dazzle Ships“-Konzerten 2016 hatten wohl die wenigsten Fans so bald mit Neuigkeiten gerechnet, zumal ja 2018 das 40jährige Bandjubiläum ansteht und man wohl erst dazu was Besonderes erwartet hatte. „The Punishemnt Of Luxury“ erschien im September und konnte sich in einigen Charts zumindest kurzzeitig platzieren. Musikalisch gab es die gewohnte - und deswegen gute - Mischung aus experimentelleren Tracks und ultraeingängigem Electro-Pop mit den bandtypischen Ohrwurmmelodien zu hören und kaum ein Fan war nicht absolut zufrieden.

Der Vorverkauf für die Konzerte lief gut und einige Konzerte - so auch Hamburg - waren schon lange im Voraus ausverkauft. Die vorangegangene England-Tour lief gut und so war auch schon die vermutliche Setlist weitgehend bekannt. Wie nicht anders zu erwarten eine Mischung aus Liedern von „The Punishment Of Luxury“ und natürlich zahlreichen großen Hits der Gruppe, die einst dem Durchschnittsradiohörer durch „Joan Of Arc (Maid Of Orleans)“ und „Sailing On The Seven Seas“ bekannt geworden waren. Ein paar weitere Lieder kennt man sicher auch noch, wenn man in den 80er Jahren aufgewachsen ist, aber die meisten Leute dürften überrascht sein, dass die Band in ihrer Karriere nunmehr recht kontinuierlich 13 Studioalben veröffentlicht hat - nicht schlecht für eine Gruppe, die mal für ein einziges Konzert als Vorgruppe von Joy Division gegründet wurde und sich deshalb um den sperrigen Namen keine großen Gedanken gemacht hat - so erzählt es jedenfalls die Legende, beziehungsweise die Band selbst.

Am Sonntag, den 26. November sollte nun der europäische Part der „Punishment Of Luxury“-Tour in der Großen Freiheit 36 in Hamburg starten. Ausverkauftes Haus. Gute Voraussetzungen also für ein unterhaltsames Konzert, da die Gruppe als sehr spielfreudig bekannt ist. Mir persönlich fehlten nach Sichtung der England-Gigs ein paar experimentellere Stücke, es war schon ein sehr Greatest Hits-lastiges Programm. Aber gut, die Popsongs der Gruppe sind ja auch grandios und die mehr an wavigen Klängen interessierten Fans waren im Vorjahr ja schon mit den „Dazzle Ships“-Konzerten verwöhnt worden.

Schon vor 18 Uhr sammelten sich die Hardcore-Fans, die unbedingt in die erste Reihe wollten, vor der Halle bei regnerischem Wetter. Um 18:30 Uhr hatte sich auf der Straße bereits eine größere Menschenmenge formiert, so dass Autos nicht mehr durchkamen und die Ordner mit deutlichen Worten die Leute aufforderten, eine vernünftige Schlange auf dem Fußweg zu bilden. Da viele Fans von auswärts angereist sind, waren sie mit dem etwas raueren Hamburger Ton wohl nicht so vertraut und murrten und beschwerten sich hinterher über die „schlimmen Ordner“. Ich beaobachtete die Szene von Außen, begrüßte alte Bekannte und musste etwas schmunzeln - da hatte ich wirklich schon schlimmere Securitys erlebt. Der nordische Charme kommt wohl nicht bei jedem an. Pünktlich um 19 Uhr begann dann der Einlass, was dann doch ziemlich gesittet ablief. Irgendwann nutzte ich eine kleine Lücke und schlüpfte unbedrängt in die Halle, wo ich problemlos bis an den Fotograben vor der Bühne durchkam. Diesen Platz gab ich bis Ende des Konzertes nicht mehr her, obwohl der Standort DIREKT vor dem Boxenturm mich einige Male zweifeln ließ, ob der Platz wirklich so gut war, weniger wegen der Lautstärke, als wegen der extrem fetten Bässe, die mir die Eingeweide ordentlich durchpusteten.

Die Halle füllte sich und um 20 Uhr betrat die Vorgruppe HOLYGRAM aus Köln die Bühne. Ich kannte sie bereits und freute mich sehr, denn sie spielt einen wunderbaren Wave-Sound, irgendwo zwischen Post-Punk und Shoegaze mit leichten Krautrock-Anklängen. Cure. Joy Division und Slowdive sind ein paar Anhaltspunkte. In einer guten halben Stunde spielten sie 5 lange Tracks, und lieferten einen amtlichen Wall Of Sound ab. Das Publikum nahm HOLYGRAM sehr freundlich auf, auch wenn einige nach dem krachigen letzten Stück wohl etwas erleichtert waren, dass es vorbei war - schließlich war man ja doch hauptsächlich wegen OMD gekommen. Dennoch dürften HOLYGRAM mit dieser Tour eine Menge neue Fans hinzugewinnen.

Um fast Schlag 20 Uhr verdunkelte die Halle sich und die ersten Klänge des Intros „Art Eats Art/La Mitrailleuse“ erklangen...als die Gruppe dann die Bühne betrat, brach geradezu ein Jubelorkan los, der bis zum Ende des Konzertes nach jedem Song anhielt. Schon nach den weiteren Stücken „Ghost Star“ und „Isotype“ vom aktuellen Album war klar, dass die Band hier gnadenlos abgefeiert werden würde, was sie auch mit sichtbar überraschter Freude erkannte. Sänger Andy McCluskey machte gutgelaunte Ansagen, kommunizierte mit dem Publikum und sowohl auf, als auch vor der Bühne herrschte große Begeisterung und Spaß. Für mich war der erste richtige Höhepunkt „Tesla Girls“ - für mich ein echter Hit der poppigen Seite von OMD, für manche Fans wohl eher ein Nerv-Lied - was live einmal mehr extrem kraftvoll rüberkam, ebenso wie das noch nicht ganz so alte „History Of Modern Pt.1“. Passenderweise kommentierte McCluskey ironisch den Enthusiasmus der Fans mit dem Hinweis, dass hier gerade zu einem Lied über den Weltuntergang getanzt wurde. Mit „One More Time“ folgte ein weiterer neuer Titel, bevor der Sieger des Fanvotings - vor jedem Konzert dürfen die Fans über Twitter einen von drei Tracks wählen, der dann beim Konzert gespielt wird - kam. Leider hatten es weder das großartige „The New Stone Age“ noch das legendäre „Genetic Engineering“ geschafft, sondern das sicher schöne, aber doch eher unspektakuläre „She´s Leaving“. Danach kam der erste Gesangsblock von Paul Humphreys mit „(Forever) Live And Die“ und „Souvenir“, was die Begeisterung noch einmal ungeahnt ansteigen ließ und dann mit „Joan Of Arc“ und „Joan Of Arc (Maid Of Orleans)“ auf den absoluten Höhepunkt brachte.

Mehr geht nicht, dachte man und so folgte zur Abkühlung „Time Zones“ und „Of All The Things We´ve Made“, endlich mal etwas experimentellere Klänge. War schon beeindruckend, wie alle vier Musiker aufgereiht vorne auf der Bühne das Stück spielten. Anschließend durfte Paul Humphreys den neuen Titel „What Have We Done“ singen, was vor allem von einigen Fans in der ersten Reihe abgefeiert wurde und McCluskey zu dem neidischen Kommentar veranlasste, dass sein Kollege wohl seinen eigenen Fanclub dabei hätte. Doch auch McCluskey wurde gefeiert, als er anschließend „So In Love“ spielte und dabei eine mir wohlbekannte junge Dame aus der Düsseldorfer Gegend anschmachtete. Es war wohl gut, dass es in der Halle dunkel genug war, um ihr sicher errötendes Gesicht zu verbergen.

Mit „Locomotion“ folgte ein Lied, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann und mich immer wieder wundere, dass es so konsequent in Europa gespielt wird. In den USA, verstehe ich das noch eher, war es doch dort ein solider Hit, aber in Europa gab es sicher einige weitaus erfolgreichere Songs, die nicht gespielt wurden wie „Secret“ oder das von mir heiß und innig geliebte „If You Leave“ - Erinnerungen an den wundervollen Film „Pretty In Pink“ kommen auf. Mit dem Titelsong des aktuellen Albums wurde dann der letzte Teil des Abends eingeläutet, der den regulären Showblock mit dem unvermeidlichen „Sailing On The Seven Seas“ und der Hymne „Enola Gay“ beendete. Beides nicht unbedingt meine Lieblingslieder von OMD, aber live immer Garanten für eine brodelnde Stimmung.

So ließ die Gruppe sich auch nicht lange zum Zugabenblock bitten, der mit „Walking On The Milky Way“ und „Pandora´s Box“ zwei solide (Stimmungs-) Hits aus den 90ern enthielt und dann mit der ersten Single „Electricity“ wie gewohnt beendet wurde. Ein OMD-Konzert ohne „Enola Gay“, „Joan Of Arc (Maid Of Orleans)“ und „Electricity“ ist wohl kaum vorstellbar. Selten habe ich in Hamburg ein Publikum so enthusiastisch erlebt und die Band ließ sich am Ende noch ausgiebig und sichtlich gerührt auf der Bühne feiern, bevor sie endgültig verschwand.

Gut 100 Minuten Hit auf Hit mit einer - ich kann es nur immer wiederholen - unfassbar guten Stimmung bei Publikum und Band waren vorbei und wie es in der Großen Freiheit 36 leider üblich ist, wurde man als Zuscahuer sofort „rausgefegt“, ohne die Eindrücke noch einen Moment im Gespräch mit anderen Fans verarbeiten zu können. Das konnte den gelungenen Abend aber auch nicht stören, ebenso wie ein kleiner Zwischenfall, als durch die extremen Bässe ein Holzteil von der Galerie abfiel und wohl eine Zuschauerin (zum Glück ohne größere Folgen) getroffen hat. Sie dürfte sich aber über ein von Andy McCluskey vorher benutztes Handtuch und die Setlist von der Bühne sehr gefreut haben. Von den OMD-Konzerten, die ich bisher erlebt habe, war es von der Songauswahl zwar nicht das beste - das war 2016 -, aber mit Abstand das mit der fantastischsten Stimmung, wie viele Leute anschließend auch in den deutschen und englischen Facebook-Gruppen bestätigt haben. Und für das 40jährige Bandjubiläum 2018 gibt es schon Andeutungen auf ein paar besondere Feierlichkeiten und Überraschungen. Man darf gespannt sein. (A.P.) (A.P.)



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