PSYCHE - Brave New Waves


Erstveröffentlichung: LP 2018 / Artoffact / Storming The Base / AOF304

Ich kenne PSYCHE seit den 80er Jahren, mochte die Musik immer ganz gerne, verlor aber irgendwie in den 90er Jahren den Bezug dazu - wobei Klassiker wie „Brain Collapses“ oder „Unveiling The Secret“ und „Angel Lies Sleeping“ natürlich immer im Gedächtnis blieben. Irgendwie habe ich der Band wohl die eigentlich gut gelungene Coverversion von „Goodbye Horses“ übelgenommen, die für die Gruppe selbst zu einem Hit und Liveklassiker wurde. Für mich schien das damals als rein kommerzielle Entscheidung. Vielleicht war auch der Ausstieg von Stephen Huss bei PSYCHE aus gesundheitlichen Gründen Anfang der 90er ein Bruch. Leider ist der Bruder von Darrin Huss, der seitdem PSYCHE mit wechselnden Musiker alleine fortführt, vor einigen Jahren verstorben, nachdem er in den 2000er Jahren noch ein paar Soloalben im kleinen Rahmen veröffentlicht hat. Darrin Huss hat in den 90ern und bis heute kontinuierlich Musik veröffentlicht und spielt regelmäßig live. Seltsamerweise habe ich PSYCHE wohl nur dreimal live gesehen, einmal in den 90ern in der Darmstadt, einmal in der Markthalle in Hamburg in den 2000ern und jetzt 2018 im Hafenklang in Hamburg zusammen mit No More. Eigentlich war ich wegen No More auf das Konzert gegangen und war deswegen umso mehr überrascht, dass PSYCHE einen amtlichen Auftritt im gut gefüllten Laden hingelegt hat.

Darrin Huss hat alles richtig gemacht...einen einfachen Auftritt ohne Schnickschnack, nur begleitet von seinem Keyboarder. Huss kommt auf der Bühne absolut szenenah und sympathisch rüber und scheint Spaß an der Sache zu haben, was vermutlich bei einem begeisterten Publikum nicht schwer fällt. Vor allem ist Darrin Huss klar, dass die Leute natürlich vor allem die alten Hits hören wollen und zwar in den klassischen Versionen. So liefert PSYCHE auf der Bühne genau das ab...all die tanzbaren Klassiker zwischen EBM und Synth-Pop, nur vorsichtig hier und da etwas soundmäßig modernisiert und von ein paar neueren Tracks ergänzt, die sich gut in das Programm einfügen. Dazu eine sehr lockere Interaktion mit dem Publikum, kurz gesagt: alle hatten Spaß. Und da Huss keinerlei Starallüren zu haben scheint, stürmt er nach dem Auftritt direkt persönlich zum Merchandising-Stand und verkauft selber seine Platten und CDs (und tatsächlich auch Teddybären mit PSYCHE-Shirt!), statt sich in den Backstageraum zurückzuziehen. Ich hätte es nicht gedacht, dass ich noch mal so begeistert von PSYCHE sein könnte.

Da passte es gut, dass aktuell bei Artoffact Records in Kanada eine „neue“ LP von PSYCHE erschienen ist, die bisher unveröffentlichte Aufnahmen aus einer Radio-Session von 1988 zugänglich macht. Neben der bereits 2017 erschienenen CD-Version, die einen Bonustrack und das Radiointerview enthält, sind sieben Tracks 2018 auch als Schallplatte erschienen, 300x auf schwarzem und 200 x auf klarem gelbem Vinyl. Dazu ein Beiblatt, das ein paar unbekannte Fotos enthält, und ein Downloadcode für das Album.

Die Aufnahmen sind in der Umbruchphase der Gruppe kurz nach dem (Live-) Ausstieg von Stephen Huss erschienen und wurden von Darrin Huss und Eric Klaver (und bei einigen Stücken Kevin Komoda) eingespielt. Es sind neue Stücke, alternative Versionen und sogar alternative Texte auf der Platte zu finden, wobei die damalige stilistische Unsicherheit ein wenig herauszuhören ist. „Love Unkind“ ist ein eher ruhiges, waviges Stück mit einer gewissen „creepy“ Atmosphäre, das bisher unveröffentlich geblieben ist. Es könnte in ähnlicher Form auch von Marc Almond stammen. „You Won´t Find Me“ ist ebenfalls bisher unveröffentlich, und verbindet die Tanzbarkeit der frühen PSYCHE mit einer gewissermaßen „rockigen“ Atmosphäre, vor allem beim Gesang. Etwas schräger hätte das auch ein Stück von Alien Sex Fiend sein können. Allseits bekannt ist natürlich „Unveilig The Secret“, hier aber in einer alternativen von Eric Klaver eingespielten Version, die etwas poppiger und glatter ist und schon den neuen Weg der Band in den folgenden Jahren aufzeigt.

Die B-Seite der Scheibe fällt dann - für PSYCHE-Verhältnisse - weitaus experimenteller aus. Los geht es mit der Klavier-Ballade „Remember Her Name“, die hier ebenfalls erstmals veröffentlicht ist und die Gedanken an Marc Almond noch mal deutlicher fokussiert. Sehr schön, weil für die Gruppe ungewöhnlich. Danach „Suspicion“ in einer frühen Version mit anderem Text, später als Single-Beilage vom legendären Schweizer New Life-Magazin veröffentlicht und meine erste PSYCHE-Platte. Sehr interessant, wie sich dieses Stück weiterentwickelt hat und für Fans eine Perle. Richtig interessant und weit weg vom „typischen“ PSYCHE-Sound sind die beiden letzten Stücke „The Nutshell“ und „On Your Trail“, die überraschenderweise ein wenig an The Tear Garden erinnern. Was gar nicht so weit hergeholt ist, wenn man bedenkt, dass dort Dwayne Goettel immer wieder mitgearbeitet hat, der in der Frühzeit der Gruppe auch bei PSYCHE dabei war und ansonsten von Skinny Puppy bekannt ist...Verbindungen und Kontakte dürften auch 1988 noch bestanden haben.

Insgesamt eine wirklich spannende Platte für PSYCHE-Fans, die sich allerdings nicht unbedingt als Start für Neueinsteiger eignet. Es wäre wirklich schade gewesen, wenn diese in der Bandgeschichte ungewöhnlichen Aufnahmen unveröffentlicht geblieben wären. (A.P.)



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