DRANGSAL - Zores (Special Edition)


Erstveröffentlichung: LP 2018 / Caroline International / Universal Music / 00602567352440

Lieber Max Gruber,
als ich vor einiger Zeit das erste Mal den Bandnamen DRANGSAL gelesen habe, vermutlich irgendwo auf Facebook, dachte ich, bei dem Namen kommt irgendwie so eine Art Goth-Schlager wie bei den unsäglichen Unheilig oder angepasster Pseudo-Shanty-Rock wie bei Santiano raus. Als ich dann doch mal das Video zu „Allan Align“ ansah, hattest Du mein Herz gewonnen. So schöner 80er Jahre Pop und ein wirklich gelungenes Video dazu. Ich bestellte gleich mal direkt „bei Dir“ das Album „Harieschaim“ als CD und natürlich LP und freute mich über die von Dir persönlich umgestalteten Cover. Das Album war ebenfalls super und gehörte in der Folgezeit zu den am meisten von mir gehörten. Als ich dann las, dass Du im März 2017 zusammen mit den wunderbaren Die Selektion im Knust in Hamburg auftreten würdest, habe ich für mich und eine Arbeitskollegin sofort Karten besorgt. Sie hatte an dem Abend sogar das erste mal ihre neuen goldfarbenen High Heels an und freute sich, dass mehrere Leute sie darauf angesprochen haben. Das Konzert war ein Knaller, eines der besten von über 25 im Jahr 2017, auf denen ich war. Gute Stimmung - ja, wir Hamburger sind gar nicht so muffelig, wie uns immer nachgesagt wird - und ein ausgesprochen sympathischer und unterhaltsamer Auftritt inklusive kongenial überbrückter Computerpanne, der mich mir selbst schwören ließ, nächstes Mal wieder dabei zu sein. Du hattest Dich als fantastischer Entertainer gezeigt. Zwei, drei kleine Wermutstropfen gab es aber dann doch schon: die neuen Songs, die gepielt wurden. Allesamt auf Deutsch, wenn ich mich recht erinnere. Schon da dachte ich mir „Hui, die sind aber seicht! Möchte Max jetzt wie Die Ärzte klingen?“ Und ein paar Leute, mit denen ich später über das Konzert gesprochen habe, sahen es ähnlich. Das Konzert war trotzdem großartig, sogar das Metallica-Cover als Zugabe konnte ich verzeihen, dem Großteil des Publikums hat es gefallen und wenn ich Metallica doof finde, ist das ja mein eigenes Problem.

Als man dann im Februar 2018 die Special-Edition des neuen Albums „Zores“ vorbestellen konnte, habe ich das getan, doch das Fiebern auf den Erscheinungstermin im April hielt sich in Grenzen, da die Erinnerung an die weniger überzeugenden neuen Stücke auf dem Konzert wieder hochkam. Tja, und dann die erste Hörprobe aus dem Album „Turmbau Zu Babel“...mal abgesehen davon, dass diese Nichtnutzern von zeitgemäßen Streamingportalen nicht zugänglich war, bis sie dann auch bei You Tube erschien, ist dieser Song...nun ja: fast schon reiner Schlager. Klar, ein paar „freche“ Textzeilen sind dabei, aber es gipfelt im Refrain in „ich lieb dich so, ich lieb dich so.“ Liebeslieder sind natürlich was schönes, aber ein bisschen mehr als Reim-dich-oder-ich-beiß-dich-Verse wie „Gib mir bitte einen Kuss, denn die Lippe wünscht Zusammenschluss“ hatte ich schon erwartet.

Als das Album, exklusiv und aufwändig gestaltet, dann irgendwann bei mir ankam, ließ ich es fast zwei Monate ungehört liegen, weil ich geradezu Angst hatte vor einer großen Enttäuschung. Gut, dafür, dass man sich für das Einlösen des beigelegten Downloadcodes bei Universal Music anmelden muss, kannst Du nix, so ist das heute wohl einfach in der kommerziellen Musikwelt, ich bin halt ein alter Sack, der in den 80er Jahren Teenager war und sich schwer tut mit dem mordernen Krams. Egal, hat Universal jetzt halt meine Daten bis in alle Ewigkeit und kann damit Schindluder treiben, oder auch nicht. Irgendwann habe ich die Platte dann natürlich doch mal aufgelegt und mehrere Male nacheinander durchgehört und beschlossen, Dir, lieber Max Gruber, diesen „Brief“ zu schreiben.

„Zores“ ist sicher kein schlechtes Album, Pop halt und eingängig und zeitgemäß überwiegend mit deutschsprachigen Texten. Vielleicht waren meine Erwartungen/Hoffnungen nach Harieschaim auch einfach zu hoch, denn das Album hatte mich total mitgerissen. Aber „Zores“ ist leider nicht mehr und nicht weniger als viel zu schlapper Deutsch-Pop. Sowas von glatt produziert, dass ich nicht anders kann, als Dir vorzuwerfen, dass Du damit voll auf die Charts abzielst und endlich den ganz großen Durchbruch erzwingen willst. Keine Ecken und Kanten, keine schrägen Momente und selbst, wenn in einem der besten Songs“ACME“ mal interessante Gitarren auftauchen, sind diese viel zu unauffällig abgemischt und tun kein bisschen weh. Musik sollte aber hier und da auch mal wehtun, sonst wird sie nämlich zu allseits gefälligem Schlager. Ja, konsequent in Richtung Schlager zu gehen wäre für das Album wahrscheinlich noch besser gewesen, weil dann vielleicht noch eine ironische Note drin gewesen wäre. So ist es aber einfach nur formatradiotauglicher Deutsch-Pop, den ich - und jetzt wird es richtig böse - eigentlich von Bands wie Sportfreunde Stiller und Konsorten erwarten würde. In den besten Momenten geht es ein bisschen in Richtung der von mir seit dreieinhalb Jahrzehnten hochverehrten Die Ärzte, ohne diese zu erreichen, weil auf „Zores“ die Selbstironie fehlt. Nicht falsch verstehen, die Songs sind teilweise ganz gut, aber die Produktion...die Produktion...die Produktion...wer hat Dich davon überzeugt, dass das alles so seicht und glatt sein muss?

Ein nettes Experiment wäre, von dem Album einen deutlich raueren Mix anzufertigen, ich könnte mir vorstellen, dass ich und viele Leute, die ähnliches über „Zores“ denken (und davon kenne ich einige), wie ich, damit wieder eingefangen werden könnten. Ein richtig schön „kaputter“ Mix von dem langen Endteil von „ACME“ oder von meinem Favoriten „Arche Gruber“, der das alte 80s-Gefühl am besten einfängt - bezeichnenderweise beides Song mit englischem Text.

Muss ich jetzt davon ausgehen, dass DRANGSAL in Zukunft (für mich) belanglos ist und regelmäßig im ZDF-Morgenmagazin auftritt und Du Dich nur in Nebenprojekten wie Die Mausis oder als Gast, wie bei Caspar oder Die Selektion, richtig auslebst und spannend bist?

Ich hadere mit mir selbst, ob ich das Konzert im Herbst 2018 im Uebel & Gefaehrlich in Hamburg besuchen soll. Wird bestimmt trotzdem gut, weil Du auf der Bühne unberechenbar bist, aber ich befürchte, dass ich mit einem vermutlich verändertem Publikum nicht mehr so viel anfangen kann und weiß nicht, ob ich dafür Geld ausgeben möchte. Gib mir einen Grund, trotzdem zu kommen.

Lieber Max Gruber, das hier ist nicht böse gemeint und schon gar nicht ironisch. Ich muss einfach meine Enttäuschung ausdrücken, vielleicht kriegst Du das ja sogar mal zu Gesicht. Vielleicht sollte ich für unsere Website sogar mal ein Interview machen, aber ich befürchte fast, mir könnte so einiges nicht gefallen, was Du zu sagen hast. Ich will „Zores“ mögen, ganz ehrlich, nur: es gelingt mir nur ein ganz kleines bisschen. Vielleicht, weil sich „Harieschaim“ so tief bei mir eingebrannt hat. Klar, Du wolltest nicht einfach „Harieschaim Teil 2“ machen, das will kein ernstzunehmender Musiker, aber für mich ist der eingeschlagene Weg von DRANGSAL nicht der richtige. Nichts für ungut. (A.P.)



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