SWIRLPOOL - Camomile


Erstveröffentlichung: Mini-CD 2018 / Reptile Music / Altone Music / RM003

Es ist schon etwas merkwürdig, dass es in den 10er Jahren des „neuen“ Jahrtausends plötzlich kleine Revivals eigentlich längst nur noch im Untergrund existierender Musikstile gibt, bei denen Bands und viele Fans zur ersten Blütezeit noch lange nicht geboren waren. Post Punk ist ein großes Thema mit vielen neuen und guten Bands, das aber inzwischen schon wieder verwässert wird. Noch überraschender ist das kleine, aber feine Shoegaze/Dream Pop-Revival, das weniger in den Medien gefeiert wird, aber ebenfalls viele wirklich gute Gruppen hervorbringt und zwar weltweit. Eigentlich ist es sogar schon die dritte Welle dieses Stils, wobei es den Begriff Shoegaze bei den Vorreitern Cocteau Twins und The Jesus And Mary Chain Mitte der 80er jahre noch gar nicht gab. Vor allem das 4AD-Label hat dann Ende der 80er/Anfang der 90er zahlreiche Bands nach oben gespült (Lush, Throwing Muses, Breeders, His Name Is Alive, Pale Saints...), und auch das amerikanische Projekt-Label mit Bands wie Lycia, Black Tape For A Blue Girl und weiteren, bevor mit My Bloody Valentine und vor allem Slowdive die beiden einflussreichsten Bands durchstarteten und bis heute die Blaupause für fast jede neuere Shoegaze-Band wurden. An den beiden Gruppen muss sich (leider) jede junge Band messen lassen, so groß ist der Vorbildcharakter. Inzwischen schwimmen sich einige Gruppen etwas frei und entwickeln ihren eigenen Charakter, so die Hamburger Dream Punk-Band (Eigenbeschreibung) Seasurfer und die schwer angesagten Texaner Ringo Deathstarr.

In diese neue Bewegung gehört schließlich auch die regensburger Gruppe SWIRLPOOL, ein Name, wie er typischer für eine Shoegaze-Band kaum sein könnte. Nicht zuletzt dank des Internets können neue Bands sich heutzutage relativ schnell einen Namen machen, hier mit zwei digitalen Vorab-Tracks - heutzutage „Single“ genannt - Videoclips und einigen Liveauftritten. Nun liegt das erste Mini-Album (6 Tracks in gut 32 Minuten) „Camomile“ vor, das bei Shoegaze-Liebhabern, die eben nicht nur die alten Bands abfeiern, sondern offen für neue Einflüsse sind, Eindruck schinden dürfte.

Klar, die bekannten Vorbilder kann mn, wenn man will natürlich auch heraushören. Dazu sind die Musiker aber selbstbewusst genug und - wie es für junge Leute heute normal zu sein scheint - nicht durch Genre-Schranken im Kopf eingeschränkt, um ihre Shoegaze/Dream Pop/Indie-Pop-Mischung mit allerlei weiteren Zutaten anzureichern. Der Titeltrack „Camomile“ ist ziemlich eingängig und gar nicht besonders ätherisch und verkopft. Stattdessen hört man vielleicht leichte Anklänge an die alten Creation Records-Helden wie The House Of Love oder 4ADs Ultra Vivid Scene. Bei „Tired Eyes“ wird es noch poppiger und sicher haben die Bandmitglieder auch die eine oder andere The Cure- und New Order-Platte im Regal. Wobei diese beiden vorab digital veröffentlichten Tracks am Anfang stehen und die Leute, die diese schon kennen, einfangen. „Innerspace“ hat einen rockigeren Rhythmus und dringt bodenständig aus den Boxen. „Humble“ schlussendlich kommt dem „klassischen“ Shoegaze-Sound mit verhallten Gitarrenwänden und träumerischer Atmosphäre noch am nächsten und dürfte vor allem live beeindruckend sein.

Schließlich gibt es noch zwei Remixe von „Innerspace“ und „Camomile“, die sehr elektronisch ausgefallen sind und deutlich machen, dass hier eben Musiker aus dem hier und heute am Werk sind, die auch mit elektronischer Dance Music aufgewachsen sind und sich diesen Einflüssen nicht verschließen. „Innerspace“ ist dabei noch recht „dreamy“, während bei „Camomile“ deutliche Trance- und Dream Dance-Anklänge vorherrschen. Ich persönlich kann damit nicht so viel anfangen, aber ich bin ja auch ein alter Sack. Jungen Hörern wird es gefallen und für so manchen Radioeinsatz und die Erweiterung der Hörerschaft könnte es schon sorgen.

Erschienen ist „Camomile“ natürlich als Download und als CD. Dazu gibt es auch noch eine kleine Tape-Auflage. Fehlen tut aber auf jeden Fall noch eine 4-Track-Vinyl-EP (ohne die Remixe), die sich dann sicher zu einem ordentlichen Sammlerstück entwickeln würde. Merkwürdigerweise scheint Vinyl im Neo-Shoegaze-Bereich nicht so eine große Rolle zu spielen, wie beim Post Punk. Das lässt darauf schließen, dass die Hörerschaft doch etwas jünger ist und eben mit den digitalen Medien aufgewachsen ist, so dass das Streamen oder der Download von Veröffentlichungen viel selbstverständlicher ist, als einen physischen Tonträger in den Händen zu halten. Auch, wenn ich das nicht nachvollziehen kann, ist das wohl einfach der Lauf der Dinge. Musik wird heute eben anders gehört.

Sieht man mal von den beiden Remixen ab, die man als Bonus verstehen sollte, liefern SWIRLPOOL mit ihrem Debüt ein angenehm geerdetes Werk ab, das zwar noch etwas mehr Eigenständigigkeit vertragen könnte, aber so gar nicht weltentrückt wie viele Vorbilder daher kommt. Der Weg ist richtig und ich könnte mir vorstellen, dass schon bei den nächsten Aufnahmen etwas mehr Mut zu unkonventionellen Schritten dabei sein wird. (A.P.)



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