DEZOLAT - Fassade


Erstveröffentlichung: CD 2018 / Ragged Glory Records / Soulfood

Ich habe es schon mehrfach in Rezensionen geschrieben: Post Punk ist (wieder) in. Schon irgendwie merkwürdig, dass sich junge Bands seit einigen Jahren wieder am Sound der ganz frühen 80er Jahre orientieren, der damals Post Punk genannt wurde, weil nach der Punk-Explosion neue Bands wieder mehr als nur Aggressivität in ihrer Musik zuließen und verschiedene andere musikalische Einflüsse verarbeiteten. Die Vorzeige-Post-Punk-Band war wohl Public Image Ltd von Johnny Rotten, der früh merkte, dass die reine Provokation der Sex Pistols nicht für eine dauerhafte Karriere taugte und sich neuen Einflüssen zuwendete. Bands wie Wire, die Wipers, Rema Rema und Labels wie Factory Records und 4 AD zeigten den weiteren Weg in die 80er Jahre auf, bis dann ab Mitte des Jahrzehnts die Musikszene immer weitere in winzige Untergenres zersplitterte. Im neuen Jahrtausend tauchten Bands wie Interpol und Bloc Party auf, die kommerziell erfolgreich den alten Sound mit aktueller Hörbarkeit massentauglich umsetzten und zahllose junge Leute offenbar inspirierten, selbt Musik zu machen. Vor allem aus der Darkwave-Szene kamen jede Menge neue Bands, nicht vorrangig aus den „klassischen“ Pop/Rock-Ländern England, USA und Deutschland, sondern auch aus Frankreich, Italien, Griechenlad, Belgien, Island, Spanien und eigentlich aus der ganzen Welt. Und auch viele Punkbands besannen sich auf den alten Sound.

Mit DEZOLAT aus München taucht nun eine weitere Gruppe auf, genaugenommen ein Duo. Überhaupt zeigen viele der neuen Gruppen einen Hang zum Minimalismus, was sicher auch an den heutigen technischen Möglichkeiten liegt. DEZOLAT gehören eher der rockigen/punkigen Fraktion an und haben als Zielgruppe nicht so sehr die Szene der Schwarzgekleideten, obwohl die Grenzen heutzutage fließend sind. Das ist nebenbei bemerkt übrigens ein deutlicher Fortschritt gegenüber den 80er Jahren. Die Jugendlichen von heute haben nicht mehr so sehr Szenecodes oder Kleidungsvorschriften im Kopf und lassen viel mehr verschiedene Dinge zu, was Musik und Kleidung angeht.

Das Album „Fassade“ wurde weitgehend live und direkt aufgenommen, natürlich mit ein bisschen Nachbearbeitung und einigen Overdubs. Das sorgt dafür, dass ein schön ruppiger,teilweise positiv scheppriger Sound dabei herauskommt, der irgendwo zwischen Indie Rock, Garagen Rock und Punk einzuordnen ist. Die deutschsprachigen Texte haben die Band von der internationalen Masse ab und man kommt nicht umhin, deswegen auch die unvermeidlichen Fehlfarben zu nennen, wobei deren textliche Klasse unerreicht bleibt. Gesungen wird über persönliches, gesellschaftliches, politisches, ohne aber platt oder parolenhaft zu werden.

Ansonsten fallen einem Bands wie 205, Isolation Berlin und Love A auf der einen Seite und Turbostaat oder Schrottgrenze auf der anderen ein. Dabei sind DEZOLAT aber deutlich rockiger als alle diese Gruppen und ein bisschen scheint es so, als wenn die Entwicklung des eigenen Stils noch nicht ganz abgeschlossen ist. Im Moment passt „Fassade“ vielleicht ein bisschen zu perfekt in den Trend, zeigt aber eine menge Potenzial. Das nächste Album dürfte also besonders spannend werden, weil man dann einen Eindruck hat, in welche Richtung es bei DEZOLAT geht. Bis dahin sollten sie sich den Arsch abspielen und so eine Fanschar aufbauen. (A.P.)



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