STAHLR - One


Erstveröffentlichung: CD-EP 2017 / No Emb Blanc / Genetic Music / NEB023

Manchmal ist es seltsam, wie Bands und Musikprojekte plötzlich „wie aus dem nichts“ auftauchen und eine Veröffentlichung vorlegen, die klingt, als wenn sie das Ergebnis einer langen Entwicklung ist. STAHLR ist so ein Ein-Frau-Projekt, von dem es vor der CD-EP „One“ anscheinend keinerlei Veröffentlichungen oder Compilation-Beiträge gab. Fast scheint es so, als wenn STAHLR immer nur im Heimstudio rumgewerkelt hat, dann ein paar Tracks an Genetic Music/No Emb Blanc geschickt hat und da vom Fleck weg unter Vertrag genommen wurde. Zumindest ein paar Liveauftritte gab es dann wohl. Klingt wie ein Märchen? Dann sind wir ja gleich beim passenden Begriff für die Musik: märchenhaft, teilweise fast wie aus einer anderen Welt, aber nicht ätherisch-weltentrückt.

STAHLR macht eine recht eigenwillige, aber gerade dadurch spannende, Mischung aus Electro-Wave, in einigen Stücken Future-Pop (ja, das böse Wort!) und leicht ambienten Shoegaze-Sound (ohne Gitarren).

„Into The Black“ ist als Opener ein kleiner Ohrwurm, der auch ein paar der besseren Tanzflächen in den Clubs füllen könnte. Wäre Beta Evers oder ihr Sideproject Black Spider Clan deutlich poppiger, könnte das in etwa so klingen. „Two Sides“ hat ein bisschen was von Siouxsie And The Banshees zur „Superstition“-Zeit, ist aber BESSER. Bei der Produktion lässt STAHLR aber auch modernere Einflüsse zu. Das hätte auch gut aufs 4AD-Label der frühen und mittleren 90er Jahre gepasst, würde sich aber auch heute auf dem Label gut machen. Weiter in die 80er zurück geht es bei „Wretched“ - man hat fast das Gefühl, ein unveröffentlichtes spätes This Mortal Coil-Stück zu hören.

Dass man damit nicht ganz falsch liegt, was die Einflüsse von STAHLR angeht, beweist die (Eigen-?) Beschreibung „sounds like Cocteau Twins performing a musical version of Mary Shelley’s Frankenstein in a concrete parking garage“. Das trifft den Nagel ziemlich auf den Kopf, denn trotz aller „Lieblichkeit“ und Eingängigkeit lässt die Produktion auch etwas krachigere Momente zu. Ähnlich, nur deutlich minimalistischer und ganz auf den Gesang konzentriert, geht es bei „Crying“ weiter. Wie ein vergessenes Stück aus dem originalen „Twin Peaks“-Soundtrack, auch, wenn die Stimme doch anders ist, als die von Julee Cruise. Anfang der 90er Jahre wäre das Stück sicher auf einer der „Heavenly Voices“-Compilations gelandet. Am Ende steht mit „Treasure“ noch einmal ein etwas rhythmischerer Track, der ein bisschen trancig daherkommt.

Auch beim Artwork hält man sich an die oft wenig greifbare Optik von Labels wie 4 AD, Projekt Records oder sogar Creation Records und Sarah Records. Wenig Infos, etwas ätherisch und einfach schön. Sicher ist diese CD-EP von STAHLR nicht laut und knallig und zieht nicht sofort jegliche Aufmerksamkeit auf sich, aber sie hat das, was ein zeitloses Album ausmacht: sie wächst mit jedem Hören und landet sicher auch nach vielen Jahren nicht auf dem „aussortiert“-Stapel. Electro-Gaze-Wave - oder so ähnlich. (A.P.)



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