HERBERT GRöNEMEYER - Tumult


Erstveröffentlichung: CD 2018 / Vertigo / Universal

Die Zeiten in denen wir gerade leben sind unruhig und machen nervös. Schlagworte wie Klimawandel, Rechtsruck, Fake News oder Werteverfall kursieren als Begriffe und wirkliche Hoffnungsschimmer gibt es leider nur sehr wenige. Herbert Grönemeyers Album „Tumult“ bildet für mich solch einen Schimmer der Hoffnung, nämlich darauf, das der Mund aufgemacht wird und die Zeichen der Zeit benannt werden. Zugleich aber auch Stellung bezogen wird.

Das Album soll Musik im Zeichen der Zeit sein, ein hoch politisches Werk, welches die Lage beschreibt in der wir leben. Wer wenn nicht Herbert Grönemeyer könnte die Stimmung in Deutschland besser vertonen? Schließlich gelang ihm das mit seinen Vorgängeralben auch schon sehr gekonnt. Mit dem ihm typischen Pathos formuliert Grönemeyer Zeilen wie etwa „Keinen Millimeter nach rechts / Verständnis ist nie schlecht / Aber kein Millimeter nach rechts / Es ist ein Geistesgefecht“ in „Fall der Fälle“. Und weiter: „Es wird laut gedacht / Alles ist erlaubt / Es lallt und hallt von überall“. In „Taufrisch“ wiederum heißt es „Wir laufen uns hinterher / Denken nicht mehr quer. / Wer drückt den Pausenknopf?“. Es sind Haltungen und Reaktionen auf Hate Speeches und auf die Facebook „Daumen rauf, Daumen runter“ Mentalität und das gesellschaftliche Antwortsyndrom. An anderer Stelle schwört Grönemeyer die Gemeinschaft ein: „Bist du da, wenn zuviel Gestern droht / Wenn wir verrohen, weil alte Geister kreisen“ (in „Bist du da“).

Musikalisch zeigt Herbie Mut zur großen Geste. Es werden Chöre eingesetzt, Orchester ist nach langer Pause wieder zu hören und in den Musikstilen springt er munter umher. Der Opener des Albums „Sekundenglück“ startet sehr ruhig und ist moderner Popsound. Die Botschaft positiv, der Sound groovt und man singt unweigerlich den Refrain mit. Der zweite Song „Taufrisch“ besitzt dann einen karibischen Rhythmus und geht ins Blut. Melancholische Töne verströmt „Mein Lebensstrahlen“ und ist eine gefühlvolle Ballade typisch im Grönemeyerstil. Als Hymne für Toleranz ist der Song „Doppelherz/ Iki Gönlüm“ zu verstehen, welcher Elemente türkischer Musik integriert. Herbie singt unter anderem in türkischer Sprache und appelliert an die Toleranz zweier Kulturen.

Das Stück „Warum“ ist im Anschluss warmherziger Gospelsound, wohingegen mit „Leichtsinn und Liebe“ R and B Sound aus den Boxen dröhnt. Der Song „Held“ ist moderner Mambo, während der Song „Wartezimmer der Welt“ die obligatorische Piano-Ballade ist. Herbert Grönemeyer und seine Band wechseln scheinbar mühelos mit jedem Song ihre Erscheinung. Das ist kurzweilig und hält die Spannung hoch. Inhaltlich bezieht Herbie Stellung gegen rechts, gegen Intoleranz, gegen Fake-News, gegen die Angst in den Köpfen und die gefühlte Ohnmacht. Das schöne dabei ist, Grönemeyer ist kein Musiker der dies in einer Hau-Drauf Holzhammer Art tut, sondern mit Feingeist und zum Teil steckt der Fingerzeig an den Hörer zwischen den Zeilen. Grönemeyer regt zum Nachdenken an, zur Reflexion und zu Mut sich dem Zeitgeist zu widersetzen.

„Tumult“ bildet eine Mischung ab aus mobilisierendem Politik-Pop, und intimen Liebesliedern. Ja, es ist eben ein typisches Grönemeyer-Album geworden, aber der Hörer spürt eine deutliche Leistungssteigerung etwa gegenüber „Schiffsverkehr“ oder auch „Dauernd Jetzt“.

Die Stücke sind sehr fein auskomponiert, geschmackvoll produziert und gut eingespielt. Vielleicht hätte etwas mehr Wut noch gut getan, aber im Grunde ist das nur eine Anmerkung zu einem gelungenen Album. Für mich nämlich hat Grönemeyer ordentlich „Tumult“ gemacht und es mal wieder gut geschafft, den Zeitgeist musikalisch eingefangen.

Vielleicht waren seine Worte der Warnung und des Protestes nie wichtiger als jetzt! mni



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