BOX AND THE TWINS - Zerfall

Wiederveröffentlichung: LP 2019 / Synth Religion
Erstveröffentlichung: CD 2019 / Synth Religion

Erstmals gehört habe ich von dem Kölner Duo BOX AND THE TWINS im Dezember 2017, als sie im Hamburger Hafenklang als Support für Klez.e angekündigt waren. Ein kurzes Reinhören ließ mich neugierig auf das Konzert werden. Was dann passierte, war für mich schier unglaublich. Die Band haute mich förmlich um und ließ den - durchaus auch guten - Auftritt von Klez.e fast nebensächlich erscheinen. Sängerin Box, Bassist Mike und (damals noch) Keyboarderin Carolin verbreiteten auf der Bühne einen musikalischen Zauber, der irgendwo zwischen Darkwave, Shoegaze und Dreampop einzuordnen war, aber irgendwie wie aus einer anderen Welt erschien. Ich war in minutenschnelle zum Fan geworden - was mir nicht oft passiert - und kaufte natürlich sofort die am Merchandisingstand angebotenen CDs, wo ich auch kurz mit Mike Twin sprechen konnte, dem spontan mein zufällig getragenes Cocteau Twins-Shirt gefiel. Diese Band war musikalisch sicher ein großer Einfluss, nicht grundlos nannte sich die Band zuvor schon kurzzeitig Cocktail Twins. In der Folge hielten wir lockeren Kontakt und ich konnte BOX AND THE TWINS inzwischen einige weitere Male live erleben. Ihr 2016 veröffentlichtes Debütalbum „Everywhere I Go Is Silence“ gehört zu meinen meistgehörten der letzten zwei Jahre und Ende Oktober 2019 erscheint nun endlich der Nachfolger „Zerfall“, der im Herbst/Winter mit einigen Konzerten gefeiert wird.

Wiederum auf dem französischen Label Synth Religion veröffentlicht, liefert das Paar eine konsequente Fortführung ihrer Vision von atmosphärischer Musik ab. Obwohl sich hier und da ein bisschen was verändert hat, braucht niemand, der das Debüt mochte befürchten, hier nicht glücklich zu werden. Einige neue Songs wurden schon auf vergangenen Konzerten vorgestellt und fügten sich nahtlos in die Setlist ein. Erstmals gab es auch einen deutschen Text zu hören, was spannend war, da die deutsche Sprache ja rhythmisch anders als Englisch ist und allgemein „härter“ klingt. Lässt der Albumtitel „Zerfall“ noch vermuten, dass es sich um ein komplett deutsches Werk handeln könnte, ist dies nicht so. Am Ende ist es mit „Dein Herz Schlägt Noch“ - leider - nur ein deutscher Song geworden, der dafür aber ausgesprochen gelungen ist. Der zweite deutsche Titel „Zerfall“ hat am Ende dann doch einen englischen Text (bis auf ein kurzes Textfragment).

Insgesamt ist der Sound etwas darkwaviger, elektronischer geworden. Und „greifbarer“, die Shoegaze-Elemente wurden etwas zurückgeschraubt. Doch natürlich gibt es auch noch die typischen, verhallten Gitarren und E-Drums und den wummernden Bass zu hören, verknüpft mit atmosphärischen Flächen-Synths und dem verträumten Gesang. Ja, tatsächlich ist „träumerisch“ wohl die passende Umschreibung für das ganze Album, das wie aus einem Guss klingt. Und tatsächlich deutet der Titel „Zerfall“ schon an, dass es hier ein (lockeres) Konzept gibt - wobei ich die Songtexte noch nicht im Detail kenne und nicht weiß, ob sie inhaltlich zusammenhängen. Es ist keine Sammlung einzelner Lieder, sondern ein großes Ganzes. Der Untertitel „10 Songs Of Pain And Boredom“, der auf einem Zitat von Schopenhauer basiert, konkretisiert das.

„Langweilig“ ist „Zerfall“ aber keinesfalls, vielmehr intensiv, durchaus eingängig, aber nie oberflächlich. Mit einem Splittern - ein Tribut an The Cures Song „Disintegration“? - beginnt das Album mit dem Song „Shadows“, der sehr introvertiert startet, sich dann aber zu einer kleinen Hymne entwickelt, ähnlich wie „This Place Called Nowhere“ vom Debüt. Der Text „Hand in hand, we are like shadows, drifting blind into the night“ zeigt den Weg auf, den „Zerfall“ geht. Deutlich straighter, rhythmischer und tanzbar geht es bei der ersten (Digital-) Single „The First Dream“ weiter, zu der auch ein schönes Video produziert wurde, das viel mit optischen Effekten/Verfremdungen arbeitet. Ungewöhnlich ist, dass der längste Song als „Auskopplung“ ausgewählt wurde. „Dein Herz Schlägt Noch“ ist dann der bereits erwähnte deutschsprachige Song. Wird sicher bei den Konzerten und in einigen Club sehr gut ankommen, da er auch zu den etwas schnelleren gehört. Bei Wave (im weitesten Sinne) mit deutschen Texten und einer Sängerin denkt man, zumindest wenn man die 80er Jahre noch miterlebt hat, unwillkürlich an Malaria! und X-Mal Deutschland. Musikalisch geht es natürlich in eine andere Richtung, aber aufgrund des reduzierten Textes und der Art des Gesangs - eher eine Art Rezitieren - ist der Vergleich nicht ganz so weit hergeholt.

„Love Song For A Ghost“ ist dann gar nicht so ätherisch, wie man aufgrund des Titels denken könnte, sondern eigentlich fast schon der gradlinigste Song, der sich am ehesten an klassische Songstrukturen anlehnt und eine leicht postpunkige Gitarre hat, sicher auch einer der kommenden Live-Favoriten. Ähnlich, mit sehr prägnanter Basslinie, geht es bei „Ashes“ weiter. An diesen Songs erkennt man gut, die Weiterentwicklung seit dem ersten Album. Fast scheint es so, dass hier schon mit Blick auf die Livepräsentation produziert wurde. Ganz allgemein ist vor allem der Mittelteil von „Zerfall“ eingängiger und weniger weltentrückt, als das erste Album, was aber keinesfalls negativ ist. Das zeigt auch „Frozen In Time“, der vielleicht „poppigste“ Song hier, was aber trotzdem natürlich nichts mit Radio-Mainstream zu tun hat. Gerade hier könnte ich mir einen schönen Remix mit Shoegaze-Wall-Of-Sound vorstellen. Einige Remixe werden vermutlich sowieso noch kommen, dies wäre ein Kandidat dafür, dem man noch ein paar andere Seiten abgewinnen könnte.

Ganz anders geht es dann mit „No Hope“ weiter. Der Titel verspricht schon eine weitaus düsterere Stimmung und so geht es mit dumpfem, elektronischem Brummen und einer Stimme wie aus einem weitverzweigten Kellergewölbe los, ergänzt durch eine zweite, eher erzählende, als singende Stimme. Das ist schon ganz schön finster, fast wie ein vertonter Horrorfilm...“who will sing me into my sleep?“. „Love Song For A Boy“ erinnert dann wieder ein bisschen an die Wurzeln von BOX AND THE TWINS bei den Cocteau Twins, natürlich mit ganz anderem Gesang, der sowieso nicht kopierbar ist. Ein wunderbar melancholisches Liebeslied, das nach ein paar mal Hören seinen ganzen Zauber entfaltet. Mit dem Titelsong „Zerfall“ bewegt sich die Platte dann auf ihr Ende zu. Wie der Titel schon verspricht, handelt es sich um ein mächtiges Stück Musik, dessen Name sicher nicht zufällig eine Übersetzung von „Disintegration“ ist und seine Inspiration bestimmt aus dem 1989er Meisterwerk einer nicht unbekannten Band aus Crawley/England bezieht. Mit ziemlicher Sicherheit, wird dieser Song das Liveset beendet und auf der Bühne noch weitaus monumentaler klingen. Unbedingt laut anhören! Wäre es nicht wunderbar, von diesem Song einen Remix von Robert Smith anfertigen zu lassen? Wahrscheinlich ein unerfüllbarer Traum, aber warum nicht mal anfragen? Als endgültiger Ausklang wird es bei „Salt“ noch einmal träumerisch. Das Stück entfaltet eine Atmosphäre, wie das erste Album von This Mortal Coil, was ich durchaus als Ritterschlag für BOX AND THE TWINS verstanden wissen will.

Ich gebe zu, dass ich etwas nervös vor dem ersten Anhören von „Zerfall“ war, weil mich „Everywhere I Go Is Silence“ so tief beeindruckt und bewegt hat. Aber diese Zweifel waren absolut unbegründet. „Zerfall“ ist ein starkes zweites Album, das eine hörbare Weiterentwicklung ist und insgesamt vielseitiger und weniger introvertiert als das Debüt ausfällt, aber trotzdem in sich geschlossen ist. Ich bin sicher, dass es BOX AND THE TWINS einen großen Bekanntheitsschub geben wird...die Konzerte sollte man sowieso nicht verpassen, wenn man eines besuchen kann. (A.P.)



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