ROSI - Sad Dance Songs


Erstveröffentlichung: CD/LP 2020 / Disentertainment / in a bad mood / Broken Silence

Vorab-Besprechung - Erscheinungsdatum 27.11.2020


2020 ist ein merkwürdiges Jahr für die Musikszene...viele Bands hatten neue Veröffentlichungen geplant, die dann durch eifriges Touren beworben werden sollten...doch dann kam das Virus und was Konzerte anging, war plötzlich nichts mehr möglich.

Auch das Duo ROSI aus Bielefeld hatte vor, im ersten Halbjahr noch einige Konzerte zu spielen, um dann anzufangen, das dritte Album „Sad Dance Songs“ einzuspielen. Dank vieler ausgefallener Auftritte begannen Sven und Mirco die Arbeit am Album schließlich früher als geplant und unterbrachen diese nur für einige Online-Aktionen. Nach der ersten Single Anfang November erscheint nun im Spätherbst 2020 „Sad Dance Songs“ bei dem neuen Labelpartner Disentertainment als CD und in Eigenregie als schicke Vinyl-Veröffentlichung.

Beim Artwork und Mastering holte man sich Hilfe bei Leuten von den Actors aus Kanada und das gibt schon ein bisschen die Richtung vor...eine gemeinsame Tour wäre auf jeden Fall ein mehr als sinnvolles Package...wenn das dann irgendwann wieder möglich ist.

Was hat sich nun getan nach den beiden sehr tief im Postpunk verwurzelten Alben „Grey City Life“ und „Hope“? Die bisherigen Fans brauchen sich nicht sorgen...Postpunk ist weiterhin ein festes Standbein von ROSI. Stilistisch haben sich die beiden Herren aber deutlich breiter aufgestellt und dürften insgesamt ein vielseitigeres Indie-Publikum ansprechen. Der Schritt vom letzten Album „Hope“ zu „Sad Dance Songs“ ist vielleicht vergleichbar mit dem von Joy Divisions „Closer“ zu New Orders „Movement. Nicht, dass die eine oder andere Band eins zu eins kopiert worden wäre, aber die Weiterentwicklung lässt sich an diesem Vergleich gut erkennen. Vor allem stärkere elektronische Klänge in Stücken wie „Lippen“ - ein definitiver Remix-Kandidat für die Tanzflächen der Clubs - oder „Complaints“ zeigen das deutlich.

Mit „Forgotten World“ hat man als erste Single dann auch passgenau einen richtigen Ohrwurm mit einem fast schon hooky-esquem Bass ausgewählt, der sich umgehend in den Top 10 der Deutschen Alternative Charts platzieren konnte. Als weiterer Singlekandidat dürfte das wavige “Walls“ fast schon feststehen. Hier zeigen Rosi - trotz aller Tanbarkeit bei einigen neuen Songs - auch weiterhin ihre atmosphärische Seite...einer meiner Favoriten auf „Sad Dance Songs“.

„Door“ ist wohl am ehesten das, was man ursprünglich um 1980 herum als Postpunk bezeichnete, prägnanter Bass, durchaus tanzbar, schneidende Gitarre, dunkle Atmosphäre und ein paar elektronische Spielereien. Wäre das damals als Single erschienen, hätte man heute wohl ein gesuchtes Sammlerstück in den Händen. An Stelle von ROSI würde ich einen Remix des Songs für entsprechende Compilations anbieten.

Bei „Fine Wine“ geht es musikalisch, nicht jedoch gesanglich, ein bisschen zurück in die Zeiten von Cure-Alben wie „The Top“ und „Kiss Me Kiss Me Kiss Me“ und im Grunde gilt das für das ganze Album. Von der bisherigen dunklen Introvertiertheit hat man den Schritt zu einem verspielteren Sound gewagt, was sehr stark an der „luftig-leichten“ Produktion liegt. Der gruftige Keller wurde verlassen, ohne, dass ROSI aber die alten Fans vor den Kopf stoßen. Nicht mehr Darkwave, noch nicht reiner Indie...vielleicht Dark-Indie oder Indie-Wave? Wer braucht schon Schubladen...zumal alles bisher geschriebene mit dem fast schon ambienten „Fences“ wieder über den Haufen geworfen wird.

Eingerahmt werden die acht Songs von einem atmosphärischen Intro und ebenso stimmungsvollem Outro, bei dem Andy Schwarz von No More ein Mini-Cameo hat. So kommt „Sad Dance Songs“ auf ganz klassische LP-Länge, was mir persönlich gut gefällt, weil ein Spannungsbogen entsteht, der nicht von Füllmaterial unterbrochen wird.

Mit „Sad Dance Songs“ machen ROSI einen großen Schritt voran, sowohl musikalisch als auch produktionstechnisch. So offen und eingängig hat das Duo sich noch nie präsentiert, ohne dabei die eigenen Wurzeln abzustreifen. Spannend dürfte es werden, wenn Sven und Mirco das neue Material endlich auch auf der Bühne vorstellen können. Für mich eines der Postpunk-Alben - ich kann mich halt doch nicht ganz von dem Begriff lösen - des Jahres,nicht, weil ich den Entstehungsprozess hier und da mitverfolgen durfte und mit den Menschen hinter der Musik befreundet bin, sondern weil ich trotzdem in der Lage bin, gute Musik unvoreingenommen zu erkennen. (A.P.)



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