WHISPERS IN THE SHADOW - Yesterday Is Forever


Erstveröffentlichung: CD 2020 / Solar Lodge / Al!ve / SL059

Die österreichische Band WHISPERS IN THE SHADOW wurde bereits Mitte der 90er Jahre gegründet, ganz am Anfang noch stark von The Cure inspiriert. Schnell wandelte das Soloprojekt von Ashley Dayour sich aber in eine „richtige“ Band. Nach einigen Tapes erschien 1997 das erste Album „Laudanum“ und längst hat sich mit kontinuierlichen Veröffentlichungen - es gab nur eine längere Pause in den frühen Nuller-Jahren - ein ganz eigener Stil zwischen Gothrock und Darkwave entwickelt, der immer auch zahlreiche andere Einflüsse verarbeitet. Die Eigenbeschreibung „Dark-Trip-Wave“ bringt es ganz gut auf den Punkt. Durch große Fan-Nähe und intensive Liveauftritte haben sich WHISPERS IN THE SHADOW seit langer Zeit eine breite, treue Fanbase erspielt.

Im November 2020 erschien mit „Yesterday Is Forever“ nun das zehnte reguläre Album wiederum beim Label Solar Lodge, das in mehrerlei Hinsicht speziell ist. Nachdem seit Mitte der 2000er Jahre eine Reihe von vier zusammenhängenden Alben erschienen ist, hat die Band Seit dem letzten Album „The Urgency Of Now“ und eben jetzt „Yesterday is Forever“ einige neue Einflüsse aufgenommen, ohne, dass der typische WHISPERS IN THE SHADOW-Stil verschwunden ist. Unterstützt durch die fette Produktion wirkt der Sound offener und breiter. Zudem entstand das Album im Jahr 2020 unter den allseits bekannten Bedingungen der Covid 19-Pandemie, was bei den Aufnahmen berücksichtigt werden musste. Eine weitere Schwierigkeit dürfte gewesen sein, dass die neuen Songs nicht live ausprobiert werden konnten. Dass dabei trotzdem ein sehr homogenes und starkes Album herausgekommen ist, liegt an der großen Spielfreude und natürlich der langen Erfahrung von WHISPERS IN THE SHADOW.

Dass man „Yesterday Is Forever“ sofort als WHISPERS IN THE SHADOW-Album erkennt, liegt zum einen natürlich am prägnanten Gesang von Ashley Dayor, aber auch daran, dass man trotz aller neuer Einflüsse (12-String Gitarre, etwas straighterer Rock, ein wenig 70s-Psychedelic) die DNA der Musik nicht verändert hat. Allzu ferne musikalische Vorlieben werden in eigenen Bands/Projekten umgesetzt (The Devil & The Universe, Near Earth Orbit), Fans müssen sich also keine Sorgen machen, dass etwas völlig anderes als bisher abgeliefert würde.

Die Kontinuität beginnt bereits beim Albumtitel „Yesterday Is Forever“, der wie viele Alben vorher mit dem Thema Zeit und Vergänglichkeit spielt, offenbar ein Thema, dass Ashley Dayour umtreibt. So gab es Begriffe wie November, Decay, Permanent, Eternal, Passage, Time und Now in den Albumtiteln zu entdecken, nun ergänzt durch Yesterday und Forever. Das scheint schon fast eine Geschichte zu erzählen und ich mag da nicht an einen Zufall glauben.

Eröffnet wird das Album von der Vorab-Single „Forever 1985“ - schon wieder ein „Zeit“-Verweis -, die die neue Richtung direkt vorgibt. Nicht der Sound, aber der Aufbau des Songs erinnerte mich damals spontan an „Full Metal Jackoff“ von Jello Biafra feat. D.O.A., was Ashley zunächst überraschte, er dann aber durchaus nachvollziehen konnte. Die Steigerung innerhalb des Songs und eine solide Eingängigkeit machen das Lied schnell zu einem Ohrwurm und einem starken Album-Opener, der sicher bei zukünftigen Konzerten auf der Bühne noch mal zusätzliche Energie entwickeln wird. Näher am guten alten Gothrock-Sound ist „Adrift“, das sicher (wenn wieder möglich nach „Corona“) einige Oldschool-Goth-Partys bereichern wird. „Walk In The Mirror“ beginnt wie die musikalische Umsetzung eines Spukhaus-Films, entwickelt sich mit einigen akustischen Gitarren und elektronischen Streichern und Glocken aber dann doch in eine weniger düstere Richtung. Für mich klingt der Song mit seinen vielen unterschiedlichen Elementen irgendwie „nicht ganz fertig“ und ich würde ihn als Kandidaten für einen Remix bezeichnen.

„Passion Project“ hingegen klingt musikalisch wie ein The Cure-Song, Ashleys Gesang ist aber natürlich ganz anders. Die bewusst retro-angelegte Musik wird durch einen ironischen Text konterkariert, der den Humor der Band deutlich widerspiegelt. Im Kontrast dazu steht das deutlich rohere „The Horror“. Schwer und bedrohlich geht es hier in Richtung Alternative-Rock, unterschwellig sogar mit einigen 70s Anklängen. Vielleicht der Song auf dem Album, der sich am weitesten vom „üblichen“ WHISPERS-Sound abhebt. „The Futurist“ ist da wieder eingängiger und spiegelt Ashleys großes Interesse am Medium Film wieder. Obwohl die Musik nicht soundtrackartig ist, sehe ich vor meinem geistigen Auge Bilder aus dystopischen Science Fiction-Filmen wie „Gattaca“ und ähnlichen. Ein etwas ruhigerer Song, der danach direkt wieder durch das treibende und rockigere „Toxic Express“ abgelöst wird. Hier kommen auch wieder die Gothrock-Fans auf ihre Kosten, der Gitarrenpart nach dem Refrain ist ein Traum...ich komme nicht drauf, an was mich der Sound erinnert. Dürfte auch ein Live-Hit werden, da bin ich ganz sicher...gerne auch noch mal ne Spur kraftvoller als in der Studioversion.

„A War That Never Was“ ist dem Titel angepasst von Military-Drums geprägt und erzeugt sofort auch filmische Bilder im Kopf. Schwer dramatisch und bestimmt unter alteingesessenen Fans schnell ein Lieblingslied. Zum Ende hin wird es mit „Straight & Narrow“ dann wieder „einfacher“, erinnert mich musikalisch ein bisschen an New Model Army...und das ist ja nun eine Band, die einen ganz eigenen Status hat...ich meine es als Kompliment, wenn ich sie hier nenne. „The I In Void“ schließlich beendet das Album noch einmal dramatisch und wieder etwas darkwaviger. Sehr atmosphärisch und bei Konzerten als vorletzter Song des Haupt-Sets vor einem Abschluss-Knaller gut geeignet.

„Yesterday Is Forever“ ist ein „etwas anderes“ WHISPERS IN THE SHADOW-Album, das alten Fans jedoch keinesfalls vor den Kopf stoßen wird. Es ist genug vom alten Sound drin, aber die Band orientiert sich ganz klar in die Zukunft, interessanterweise gar nicht mal so selten mit Elementen der Musik der 70er Jahre, die aber auf neue Art verarbeitet werden. Mir scheint es, als wenn bei den Texten und auch bei vielen Liedern Filme mehr oder weniger stark eine inspirierende Rolle gespielt haben. So würde ich „Yesterday is Forever“ als „visuelles Album“ beschreiben, auch, wenn ich nicht sicher bin, ob ich das mit dieser Besprechung rüberbringen konnte. Einfach selber anhören und ein „Bild“ davon machen. Hervorzuheben ist vor allem auch die Produktion und das Mastering. Es wurde erfolgreich ein modern klingendes Gothrock/Darkwave-Album zu schaffen, das sehr breit aufgestellt ist und nicht altbacken klingt. Ich bin sehr auf eine zukünftige Live-Präsentation gespannt.

Neben dem Standard-Album gab es für Unterstützer der Crowdfunding-Kampagne zum Album und ich glaube Vorbesteller eine zusätzliche CD mit Outtakes und Remixen und vor allem der David Bowie-Coverversion - nicht die erste, die die Band aufgenommen hat - „I'm Afraid Of Americans“. Sicher ein deutliches Statement zu der Regierungszeit des orangegesichtigen Irren in den USA, die glücklicherweise überstanden ist (und hoffentlich weniger „verbrannte Erde“ hinterlassen hat, als zu befürchten war). Vor allem live war das Stück auch ein echter „Brecher“. (A.P.)



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