SCHILLER - Summer In Berlin

2021 / Sony Music

Christopher von Deylen ist ein Mensch, der in seiner Art bescheiden und fast schüchtern wirkt. Würde man ihn so treffen, erahnt man kaum, dass er seit zwei Dekaden bereits die elektronische Popmusik unter dem Namen SCHILLER neu interpretiert hat und massgeblich beeinflusste. Unter dem Dach des Projektnamens bringt er Musiker aus allen Kulturkreisen zusammen und kultiviert dabei Gegensätze, ästhetische Brüche und elegante Widersprüche.

In einer von Hektik geprägten Zeit, in der die Informationen und Schreckensmeldungen nur so auf die Menschen einprasseln, veröffentlicht Christopher ein opulentes, über acht Stunden Spielzeit umfassendes Boxset. Er zelebriert die Langsamkeit, lässt der Kunst den nötigen Raum und lässt Opulenz zu,. Dabei verbindet er stimmungsvolle Kammer-Elektronik mit Ambient-Sounds, treibenden Clubtracks und ausufernden Klangkaskaden. Der Hörer wird mitgenommen auf einen epischen XXL-Roadtrip hinein in eine pulsierende Metropole- zumindest war sie das noch vor dem Ausbruch der Pandemie.

Diese neue Welt von SCHILLER ist nicht nur ein neues Album, sondern versteht sich darüberhinaus als Live-Werkschau und als Preview auf das, was man in Zukunft noch von Christopher erwarten darf. Mit seinen bisher zehn veröffentlichen und vielfach mit Edel-Metall gekürten Longplayern prägte er die deutsche Popmusik ohnehin bereits. Seine Liste an Gastmusikern liest sich wie ein Who is Who der renommierten Stars, die von Peter Heppner, Unheilig, Midge Ure bis hin zu Nena reicht. Alleine die letzten vier Alben konnten in Folge den 1.Platz der deutschen Charts entern, und nur kurze Zeit nach Veröffentlichung reiht sich bereits Summer in Berlin hier ein!

Christopher von Deylen scheint rastlos, in der Erschaffung neuer Sounds seine innere Ruhe findend. Bereits im Oktober 2020 veröffentlichte er unter eigenem Namen “Colors” und auch dieses Album landete auf Platz 1 binnen kurzer Zeit. Nur zehn Wochen später nun ein noch epischeres Werk, vollgepackt mit dem Studioalbum, vier bisher unveröffentlichten Live-Konzerten auf insgesamt zwei CDs und zwei Blu-Rays, sowie Dokumentationen, Videoclips und aufwändigem Foto-Artbook.

Der Hörer wird eingeladen, nicht nur in die neue Welt von Schiller, sondern vielmehr in ein Kopfkino mit Überlänge. Alleine der Album-Opener “Der Klang der Stadt” besitzt eine Länge von 20 Minuten und ist in sich ein Gesamtkunstwerk. Angefangen bei der Philharmonie mit klassizistisch-orchestralen Klängen, weiter in die orientalischen Cross-Culture Kieze bis tief hinein ins nächtliche Clubleben und schließlich den frühmorgendlichen Chill-Out mit Afterhour.
Der Titelsong “Summer in Berlin” zusammen mit Alphaville schwelgt in Melancholie und schafft einen meditativem Rückzugsmoment nach der durchfeierten Nacht. Songs wie “Miracle” mit Tricia McTeague oder “der goldene Engel” sind Songs die Kieze einfangen, arrangiert mit pulsierenden Basslinien und wie geschaffen für Chill-Out, Entspannung und zum Träumen. Auf Entdeckungstour geht es weiter, etwa mit dem Heavenly Voices Popsong “Better now” zusammen mit Janet Devlin, oder dem technoiden “Metropolis”. So epochal das Album begann, so endet es auch, den “dem Himmel so nah” ist mit 20 Minuten Länge ein Blick auf das Chaos der Stadt, das Gewusel und Gewimmel, bevor sich die Restenergie der Samples in ein frühmorgendliches Sommergewitter entlädt. Das Nachtleben geht schlafen, erschöpft aber glücklich, um in nur wenigen Stunden neu zu erwachen. Die Flucht aus der Realität ist geglückt, die kleinen Filme im Kopf zeigen jeweils den Abspann und all die Sounds klingen im Kopf nach. Es bleibt das Gefühl und die Sehnsucht nach Freiheit und einer Leichtigkeit, nach Club- und Nachtleben, nach einer Lebendigkeit fern von Lockdown und Pandemie.

Im Zentrum der Live-Retrospektive steht hingegen das Abschlusskonzert der Arena Tour “Es werde Licht” in der ausverkauften Mercedes Benz Arena. Es scheint fast unwirklich, angesichts des Stillstandes von kulturellen Veranstaltungen 2020 und bisher 2021. Ein eindrucksvolles Konzertdokument, sowie ein Stück Hoffnung auf die besseren Zeiten und auf weitere Gesamterlebnisse in Spitzenqualität. Christopher von Deylen entfachte zusammen mit seiner hochkarätigen Band um den Pink Floyd Tourschlagzeuger Gary Wallis und Basslegende Doug Wimbish ein audiovisuelles Feuerwerk. Laser sind Teil der Musik, binden das Publikum ein und lösen die Barrieren zwischen Bühne und Zuschauerraum ins Nichts auf. Ich vermute, dass sich in diesen starken Einbindungen bereits die mögliche Zukunft von Schiller Live-Performances befindet.
Laserperformances zur Erweiterung der Klangfacetten sowie immersives Dolby Atmosphäre, ein Surround-Sound, den man bisher nur aus dem Kino kannte. Es bleibt also spannend um SCHILLER und alleine der prompte Platz 1 der Charts beweist einmal mehr, wie sehr sich die Menschen nach einem unbeschwertem Sommer und Konzerten sehnen! (MN)



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