COMBO COLOSSALE - Interview 2002




Eine Erfolgs- und Untergangsgeschichte...

Wer heute so um die 30 Jahre ist, hat als Jugendlicher voll die Zeit mitbekommen, in der unter dem „Namen“ Neue Deutsche Welle die Charts von deutschsprachiger Musik beherrscht wurden. Bis heute kennt jeder Hits wie Nena´s „99 Luftballons“, Trio´s „Da Da Da Ich Lieb Dich Nicht Du Liebst Mich Nicht Aha Aha Aha“, „Ich Will Spaß“ von Markus und „Sternenhimmel“ von Hubert Kah. Alle diese Songs sind unsterbliche Ohrwürmer und genau in diese Kategorie gehört auch „Puppen Weinen Nicht“ von COMBO COLOSSALE. Leider ist die Band selber ziemlich vergessen, hatten sie doch nie wieder einen derartigen Hit, so dass die Gruppe nach einigen Singles und einem guten Album von der Bildfläche verschwand. „Puppen Weinen Nicht“ hat aber bis heute nichts von seinem Hitcharakter verloren.

Als ich letztens mal wieder die LP hörte und nichts besseres zu tun hatte, suchte ich im Internet mal nach COMBO COLOSSALE und stieß auf die bandeigene Website und war überrascht, dass die Gruppe sich zum 20 Jährigen Jubiläum wieder zusammen getan hat, und noch mal ein wenig der guten alten Zeit frönen will. Allerdings hat man sich vorgenommen, auch Neues zu machen und nicht nur auf NDW Revival Partys oder Stadtfesten die alten Hits aufzuwärmen. Grund genug, gleich mal ein paar Fragen an den Sänger Michael Flexig zu senden, die dieser gerne beantwortet hat. Hier nun also Altes und Neues direkt von der Band, also zurücklehnen, die LP angeschmissen und etwas nostalgisch werden...

Die wichtigsten Fragen zuerst: warum gibt es Euch wieder und wie komplett ist die Originalbesetzung?

Combo Colossale war in den beginnenden, jungen 80igern schon mein Baby... wir waren wild und hungrig! Diese Wildheit und diesen Hunger habe ich mir bis heute bewahrt. Mein „Baby“ Combo Colossale war ein wichtiger Grundstein meiner musikalischen und persönlichen Entwicklung – ist es erwachsen geworden? Ich glaube nicht. Und das ist das Reizvolle. Ich knüpfe heute da an, wo wir damals unterbrochen haben. Es geht heute um gar nichts – außer und ausschließlich den Spaß an der Sache ... Hunger, mit Combo Colossale wieder live zu spielen!!! Neue Songs zu machen !!!!

Wie komplett die Originalbesetzung ist? Ich arbeite mit vielen guten Leuten zusammen und nichts reizt mich mehr, als in unterschiedlichsten Konstellationen die Talente einzelner Persönlichkeiten in einem kreativen Tiegel zu schillernden Legierungen einzuschmelzen.

Am 7. und 8. September 2002 – also fast taggenau 20 Jahre nach unserem TV-Start beim ZDF-Showexpress (12.09.82) – werde ich mit Combo Colossale zum ersten Mal wieder in vollständiger, kompletter Originalbesetzung in Hannover (unserer Heimatstadt) auf die Bühne gehen; also mit Detlev Jachzek (git), Mike Schröder (dr), Rainer Przywara (keys) und Thomas Schwarze (b). Und Du glaubst nicht, wie ich mich darauf freue!

Wie hat damals, Ende der 70er/Anfang der 80er alles begonnen und was waren am Anfang Eure Ziele?

Anders, als es heute oftmals bei Newcomern der Fall ist, war bei uns eine recht lange Bandentwicklung vorausgegangen. Wir kamen musikalisch vom amerikanischen Mainstream-Rock und beschäftigten uns bereits seit 1975 mit deutschen Texten ... die Neue Deutsche Welle war für uns nur der Türöffner, nicht aber ein kommerziell und künstlich angelegtes Produkt ... wie gesagt, wir waren jung, hungrig, kreativ und heiß, aber bereits lange Band-, Llive- und Bühnen erfahren – und hatten plötzlich die Möglichkeit, unsere Musik einem sehr breiten Millionenpublikum zu präsentieren....

Hat Euch der Erfolg Eurer ersten Single „Puppen weinen nicht“ überrascht und wie seid Ihr mit der plötzlichen Popularität umgegangen?

Ja, er hat uns in gewisser Weise überrascht ... kamen wir doch aus der beschützenden Übungsraumidylle, der Clubszene im lokalen und regionalen Einzugskreis Hannovers ... und plötzlich war alles professionell und groß... ein Traum war wahr geworden, aber wie das manchmal so ist mit Träumen, die wahr werden: es gab natürlich auch die Schattenseiten ... die plötzliche Popularität haben wir genossen in vollen Zügen.... aber verändert hat sie uns nicht. Wir blieben einfach die fröhlichen Jungs. Kohle haben wir nicht verdient, aber darum ging es uns auch nicht. Wir waren ziemlich glücklich!

Wie erfolgte die Auswahl der folgenden Single „Julia“, ausschließlich aufgrund kommerzieller Aspekte? Habt Ihr Druck gespürt, einen Nachfolgehit zu „Puppen weinen nicht“ zu veröffentlichen?

Julia hieß ursprünglich „Schule aus!“ und hatte einen völlig anderen Text ... auf Anraten der Plattenfirma schrieben wir ihn um und es ist ein toller Song geblieben. Ich mag ihn bis heute besonders gern. Ich hätte allerdings lieber einen anderen Song als Nachfolger von „Puppen Weinen Nicht“ gesehen: nämlich „Wolfgang Amadeus“. Hätte für mich als Song eigentlich mehr Identität gehabt, als „Julia“. Die Entscheidung über die Auskoppelung von „Julia“ erfolgte aber durch die Plattenfirma... „Wolfgang Amadeus“ erhielt dann bei den Sendern allerdings mehr Airplay als „Julia“ – hab noch einige alte Auswertungslisten ...

Nein, Druck haben wir überhaupt nicht gespürt. Aufgrund der vorangegangenen, gewachsenen Bandhistorie hatten wir so viel Material, dass das Album innerhalb von 4 Wochen fertig war.

Neben den „üblichen“ NDW-Texten findet man auf Eurem einzigen Album auch Titel wie „Herbei“, die zumindest politisch angehaucht waren, wie haben Eure damaligen Fans das aufgenommen? Wollten die nicht nur Partylieder wie „Puppen weinen nicht“ hören?

„Herbei“ ist doch auch ein Partysong! Das zwar politische Thema wurde von uns über einen fröhlich-spielerischen Umgang mit der eigenen Wehrpflicht gebrochen ... und in diesen Song gegossen. Auf unseren Gigs war er jedenfalls ein Partykracher, weil es ganz vielen Leuten, die zu uns kamen, genauso ging, wie uns: wir mussten alle zum Bund oder zum Ersatzdienst ... gewollt haben wir das bestimmt alle nicht damals...

Warum ist mein Lieblingssong „Wolfgang Amadeus“ nie als Single ausgekoppelt worden? Das wäre doch mit Sicherheit ein ebenso großer Knaller wie „Puppen weinen nicht“ geworden, oder?

Wie schon gesagt, mir wäre das lieber gewesen... aber er wurde dann ja auf Single ausgekoppelt (leider zu spät...) als B-Seite zu „Drinnen tanzen sie Samba“, einem übrigens hochpolitisch motivierten, sehr sarkastischen Song, inspiriert durch den Falkland-Krieg.

Wie darf man sich Eure Liveauftritte damals vorstellen?

Kurz und knapp: jeder einzelne Gig war einfach nur die volle Party !!! Und zwar auf und vor der Bühne!

Wie kam es zur Trennung der Band trotz des großen Erfolges?

Im Zuge des Niederganges der NDW verloren wir die Plattform, so empfanden wir es jedenfalls damals. Die Plattenverkäufe brachen ein, wir wurden nicht mehr gebucht ... Und wie das dann so ist, wenn man –wie wir- naiv geglaubt hat, der Erfolg geht nie zu Ende und immer so weiter, wurden „Schuldige“ gesucht – und zwar bandintern... eine perfide Entwicklung, die man leider erst hinterher –zu spät- realisiert... zunächst haben wir uns schon während der Produktion von „Drinnen tanzen sie Samba“ von Mike Schröder getrennt... für ihn kam Franky Tolle. Doch davon schrieben wir nach „Samba“ auch keine besseren Songs ... die Kreativität war gelähmt. Wohin musikalisch? „Zurück“ zum Rock woher wir kamen? Hin zum Schlager? Wir hatten keinen inneren Kompass mehr und die Luft war eigentlich schon raus... Franky Tolle stieg wieder aus. Wir machten mit unserem neuen Drummer Saban Yavuz die deutsche Version des Slade-Klassikers „My Oh My“ – „Eis und Feuer“. Das war toll und wurde unsere letzte Hitsingle ... Live machten wir allerdings kaum noch etwas, worunter die Band sehr litt. In dieser Phase hatte ich bereits die Chance, international mit meiner späteren Rock-Band ZENO (witzig: der Kontakt kam über Franky Tolle zustande ...) zu arbeiten. Und, to cut a long story short, ich nahm sie wahr, stieg bei Combo Colossale aus, zog nach England und spielte das erste ZENO-Album ein. Lernte Uli Roth kennen, spielte mit ihm „Beyond the Astral Skies“ ein. Mit meinem Ausstieg wollte dann auch Detlev Jachzek nicht mehr und verließ die Band.

Thomas, Rainer und Saban taten sich mit meinem Freund Hanz Marathon zusammen und produzierten die letzte Combo Colossale – Single „König für eine Nacht“, eine süßsaure Auseinandersetzung mit unserer Erfolgs- und „Untergangs“-Geschichte... und die floppte auch noch gänzlich. Gerade mal 500 verkaufte Singles ... Und das war’s.

Wie ging es dann weiter, was habt Ihr so in den letzten knapp 20 Jahren gemacht? Die Plattenverkäufe dürften trotz allem kaum ausgereicht haben, um sich zur Ruhe zu setzen, oder?

Ich selbst war und bin wie schon gesagt mit meiner Band ZENO recht erfolgreich. Aber das würde den Rahmen hier wirklich sprengen ... Wer mag, kann sich einmal auf meiner Homepage umschauen: www.flexig.com. Dort sind auch Links zu vielen tollen Weggefährten.

Auch die anderen colossalen Originale waren natürlich nicht untätig in den letzten 20 Jahren. Allerdings haben sich bei jedem einzelnen die Schwerpunkte verschoben. Wie Du richtig sagst: die Plattenverkäufe von Combo Colossale haben nicht ausgereicht, sich zur Ruhe zu setzen... Das läge auch nicht in unserem Naturell! Aber alle sind tolle Musiker geblieben und es macht einen Höllenspaß, mit diesen Leuten auch wieder mal zusammen zu spielen!

Habt Ihr Euch Anfang der 80er Jahre selber als „NDW“-Band gesehen und wie steht Ihr heute zu diesem Begriff?

Nein, wir haben uns nicht als NDW-Band gesehen. Der Trend, dem wir in gewisser Weise entsprachen, hat uns zu einem NDW–Act auf natürliche Weise werden lassen. Aber mit Kategorisierungen habe ich schon immer meine Probleme gehabt ...

Was hat es mit der neuen Single „Schröder oder Stoiber“ auf sich? Sie ist ja nicht unter dem Namen Combo Colossale erschienen...

Ich hatte bereits frühzeitig vor, Combo Colossale zu „reaktivieren“ ... als ich das Demo mit dem Song bekam, dachte ich sofort: das ist CC 2002!!! ... doch das textliche Thema, das momentan zwar 80 Millionen Menschen in unserem Land angeht, ist tagesaktuell und zu kurzlebig, um es mit einem Comeback für Combo Colossale zu verknüpfen. Ich habe mich daher dafür entschieden, die Single unter „Pseudonym“ zu machen. Trotzdem ist es ein CC – Song... er erhebt keinen Anspruch außer, gute Laune und Party zu machen! Das tut er und ist deshalb auch Bestandteil der Combo Colossale Live-Sets... „Schröder oder Stoiber“ wird, wie damals schon der „Zeppelin (in Ostberlin)“ ein Zeitdokument werden....

Was dürfen die Leute von Euren kommenden Auftritten erwarten? Sicher die alten Hits, aber auch neues Material?

Auch hier kurz und knapp: Party und gute Laune pur – mit den alten Hits und sicher auch der einen oder anderen Überraschung!

Um am Ende noch mal ein, für Euch wahrscheinlich leidiges, Thema anzusprechen: wie ist es für Euch, wenn man eigentlich immer auf einen Song reduziert wird? Ist das nicht frustrierend, wenn man selber weiß, dass man eine ganze Reihe genauso guter oder sogar besserer Songs im Gepäck hat?

Ich habe nicht unbedingt das Gefühl, dass wir reduziert werden auf „Puppen weinen nicht“. Aber wenn denn doch, so macht mir das gar nichts aus. Du hast eingangs gefragt, ob uns der Erfolg überrascht habe damals ... eine wirkliche Überraschung - und ich sehe das mit wirklich großer Freude - ist, dass „Puppen weinen nicht“ über die Distanz von 20 Jahren einer der großen Feten-Hits geblieben ist... fast schon Kult... das macht erst mal ziemlich glücklich und auch ein bisschen stolz...

Das ist völlig okay, wenn man einen so schönen, zeitlosen Song wie „Puppen weinen nicht“ gemacht hat, darf man ruhig ein bisschen stolz sein. Aber man sollte dabei nicht vergessen, dass die Gruppe Anfang der 80er Jahre auch einige andere gute Songs gehabt hat. Umso schöner ist es, dass man sie jetzt vielleicht wieder häufiger live erleben darf, also haltet Ausschau nach Konzerten von COMBO COLOSSALE und besucht mal ihre Website unter www.combo-colossale.de

Vielen Dank an Michael Flexig für die Beantwortung der Fragen!

Das Interview wurde im August 2002 geführt. (A.P.)

Webadresse der Band: www.combo-colossale.de


[ ZURUECK ]